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Wambli-luta nickte. Es waren Selbstverständlichkeiten, die von ihm gefordert wurden. Einzig die Tatsache, dass er fortan an erster Stelle in den Kampf reiten sollte und als Letzter den Kampfplatz verlassen durfte, war hart. Dafür würden sie Lieder über ihn singen! Das allein war wichtig. Das Leben war kurz, und er wollte es in Ehren verbringen. Voller Stolz sang er zum ersten Mal das Lied, das ihn nun bis an sein Lebensende begleiten würde:
„Ich bin ein Fuchs.
Es ist meine Bestimmung zu sterben.
Wenn es irgendetwas gibt, das schwierig ist,
wenn es irgendetwas gibt, das gefährlich ist,
liegt es an mir, es zu tun.“
Die Trommel setzte ein, und die Männer sangen weitere Lieder, die nur den Tokala vorbehalten waren. Dahinter saßen zwei Männer, die einen fast kahlgeschorenen Kopf hatten, mit ihren Rasseln. Auch diese Männer waren mit gelber Farbe bemalt. Sie hatten sich diesen „Tokala-Haarschnitt“ als Gelübde rasieren lassen, sodass nur am Scheitel ein Büschel Haare stehen blieb. Manche ließen sich die Haare auch auszupfen, sodass die Kopfhaut ganz wund war. Hinter den Männern fielen die vier Frauen mit ihren hohen Stimmen in den Gesang ein. Wambli-luta war so stolz, dass er tief einatmen musste, um die Emotionen zu kontrollieren, die über ihn hereinstürzten. Dann kamen die beiden Peitschenträger und trieben ihn mit Schlägen an, seinen Tanz zu zeigen. Wambli-luta machte es ihnen nicht so leicht, sodass die beiden ziemlich fest zuschlagen mussten, um ihn zum Tanzen zu bringen. Wambli-luta bewegte sich mit kräftigen, wohlgesetzten Schritten, die zeigen sollten, dass er auch im Kampf seine volle Kraft einsetzen würde. Schwer atmend durfte er sich anschließend wieder zu den anderen stellen. Die zwei Männer, die die Ehre hatten, das Essen zu verteilen, brachten den beiden Anführern zwei Löffel der Suppe, die herangeschleppt wurde. Die Tokala hatten nicht selbst gekocht, sondern zwei Mitglieder waren durch das Dorf gegangen und hatten einfach einen kleinen Stock an die Tipis von wohlhabenden Familien gesteckt. „Die Tokala sind hungrig! Bringt uns Essen!“, hatten sie gerufen. Es wurde als Ehre angesehen, für die Kriegergesellschaften kochen zu dürfen. Das Essen wurde verteilt und auch an die Zuschauer, die vor dem Zelt standen, ausgegeben. Gerade ärmere Familien freuten sich, dass sie sich endlich einmal sattessen konnten. Die Familie von Wambli-luta verteilte großzügige Geschenke an die Umstehenden, um die Aufnahme ihres Sohnes in den Kriegerbund zu feiern. Kleider, Mokassins, Felle und Vorräte wurden an Bedürftige verteilt, während ihr Sohn immer noch bei den anderen Mitgliedern stand und mit ihnen die Lieder sang. Seine Stimme stach unter den anderen hervor, als er mit Inbrunst die Lieder sang, die er schon so oft gehört hatte. Nun durfte auch er sie endlich singen! Nun gehörte er dazu. Dankbar musterte er die beiden Anführer, ließ dann seinen Blick über die anderen schweifen: ein Pfeifenbewahrer, der die heilige Pfeife der Tokala hütete; vier Lanzenträger, zwei Peitschenträger, ein Herold, zwei Essensverteiler, vier Trommler und vier Frauen, die als Schwestern gesehen wurden; den Hüter der Trommel und zwei Männer, die den seltsamen Haarschnitt der Tokala trugen, und ungefähr zwanzig weitere Mitglieder, darunter auch drei Knaben von vierzehn Wintern, die als Wasserträger und Pferdehirten fungierten. Das war jetzt seine Gemeinschaft! Hier gehörte er dazu! Die Männer begannen zu tanzen, und die beiden Peitschenträger stießen auch die Letzten an, damit niemand faul auf den Fellen sitzen blieb.
Es war mitten in der Nacht, als ein müder und erschöpfter Mann zu seinen Eltern zurückkehrte. Die Schwester schlief bereits, doch die Eltern saßen am glimmenden Feuer und sahen ihm voller Stolz entgegen. „Mein Sohn“, murmelte der Vater.
„Vater!“, antwortete Wambli-luta und setzte sich vor ihm hin. Er hielt still, als der Vater ihm die Hand auf die Schulter legte.
„Lebe deine Vision!“, mahnte der Vater eindringlich.
Wambli-luta nickte voller Ernst. Vor einigen Wintern hatte sein Vater ihn in die Einsamkeit mitgenommen, damit die Geister ihm eine Vision schicken würden, die ihn vor kommenden Gefahren schützte. Als junger Krieger, der sich bewähren wollte, brauchte er diesen Schutz umso mehr. Damals hatten die Geister ihm einen merkwürdigen Traum geschickt: Ein Fuchs hatte einen Hasen gerissen, doch dann war ein Adler hinabgestiegen und hatte ebenfalls den Hasen gepackt. Der Fuchs wollte nicht aufgeben und biss sich weiter in dem Hasen fest. Dabei wurde er immer höher in die Lüfte gehoben, bis er im Horst des Adlers landete, in dem zwei Junge saßen. Die Adlermutter gab ihnen den Hasen und erblickte dann den Fuchs. „Was machst du hier?“, fragte sie verblüfft.
„Wenn du mein Fressen stiehlst, fresse ich eben deine Jungen!“, antwortete der Fuchs.
Das Adlerweibchen plusterte sich auf und starrte den Fuchs mit zornigen Augen an. „Wie kannst du es wagen! Ich werde auch dich gleich packen!“
Der Fuchs hüpfte schnell davon und versteckte sich in einem Felsenloch. „Und ich warte hier, bist du wieder zur Jagd aufbrichst!“, drohte er.
Der Adler kam näher, aber das Loch war zu klein, und so konnte sie den Fuchs nicht herausziehen. „Du wirst verhungern, wenn du dich hier versteckst!“
Der Fuchs lachte nur. „Nicht so schnell wie deine Jungen, wenn du sie nicht fütterst. Ich halte es hier eine ganze Weile aus.“
Der Adler legte den Kopf schief. „Und was schlägst du nun vor?“
Der Fuchs überlegte eine Weile. „Du fängst mir einen weiteren Hasen und legst ihn mir dort unten an die Felsen. Wenn du ihn gefangen hast, klettere ich hinunter und du hast deinen Frieden.“ „Nein!“, sagte das Weibchen. „In dieser Zeit könntest du meine Brut fressen.“
„Hohch, ich lege mich doch nicht mit einem Adler an!“
Der Adler überlegte eine Weile und stimmte dann zu. „Gut, ich hole dir deinen Hasen.“ Mit tüchtigen Schlägen erhob sich das Weibchen in die Lüfte und machte sich auf die Suche nach Beute.
Schnell kam der Fuchs heraus und fraß das Kaninchen. Dann blickte er auf die Brut. „Eure Mutter sollte besser lernen, dass der Fuchs klüger ist!“
„Frisst du uns jetzt?“, fragten die zwei Adlerjungen.
„Aber nein!“, versicherte der Fuchs großmütig. „Zwei Hasen an einem Tag reichen mir. Aber ihr passt besser auf, dass ihr nicht eines Tages einem Fuchs das Essen stehlt!“
Der Fuchs blickte in den Himmel und sah, wie das Adlerweibchen gerade den Hasen auf die Felsen legte. Hurtig sprang er die Felsen hinunter und freute sich über die leckere Beute. Oben am Himmel aber schwebte das Adlerweibchen. Und immer, wenn der Fuchs Hunger hatte, brachte sie auch ihm von der Beute. Der Fuchs lachte, denn seine Großzügigkeit wurde gut belohnt!
Der Medizinmann hatte Wambli-luta sein Ohr zugewandt, als er dessen Erzählung lauschte, dann hatte er die Augen zusammengekniffen und über die Bedeutung des Traumes nachgedacht. Nach einer Weile hatte er eine Eingebung gehabt. „Ich denke, dass der Fuchs dein Schutzgeist ist. Er ist schlau und mutig! Aber du musst so sein wie er! Du musst großzügig sein, dann wird dich der Fuchs beschützen!“
„Und der Adler?“
Der Medizinmann wackelte mit dem Kopf hin und her. „Ich glaube, dass die Jungen in diesem Traum wichtiger sind. Kinder sind ‚wakan‘ … etwas Heiliges. Das gilt vielleicht auch für Tiere. Du solltest keine jungen Tiere töten.“
„Auch keine Bisonkälber?“, wunderte sich Wambli-luta. Bisonkälber waren eine Delikatesse.
„Nein!“ Die Stimme des Medizinmannes wurde ungewohnt scharf.
Wambli-luta hatte sich diese Worte gemerkt und sich seither an die Warnung gehalten. So einige Hirschkälber und Bisonkälber waren auf diese Weise schon seinen Pfeilen entgangen. Auch eine Schwarzbärenmutter mit ihren Jungen hatte er ziehen lassen. Es gab anderes Wild, das er jagen konnte. Irgendwie passte es zu seinem Traum, dass die Tokala ihn in ihren Bund aufgenommen hatten. Sie kannten seine Vision! Er trug das Fuchsfell, und als Visionstier schützte ihn der Geist des Fuchses. Das war starke Medizin!
Yellowstone
Frühjahr 1809 am Yellowstone-Fluss
Pierre DuMont schob gerade Wache, als gegen Mittag ein Reiter mit zwei Packpferden im Schlepptau auftauchte. Er gab ein Signal, um die anderen zu informieren, und öffnete das Tor, als er den Reiter erkannte: John Colter, dieser lebensmüde Entdecker, kehrte endlich zurück! Auch er war als erfahrener „Guide“ angeworben worden und hatte den Auftrag erhalten, die hiesigen Stämme aufzusuchen und zum Handeln einzuladen.
„Allors!“, grüßte Pierre überschwänglich. „Wo hast du denn gesteckt?“
Colter ließ die Zügel fallen, mit denen er die Packpferde gezogen hatte, und ließ sich aus dem Sattel plumpsen. „Puh! Lange Geschichte! Lass mich erst einmal absatteln!“
Er grinste schief, als die anderen Männer hinzutraten und ihn begrüßten. „Na, Jungs! Alles klar?“
Menard schlug Colter mit seiner Pranke auf die Schulter, sodass der Trapper fast in die Knie ging. „Willkommen, du Halunke. Hier ist gar nichts klar. Hatten andauernd Ärger mit den Blackfeet. Zwei von uns wurden von denen abgemurkst, als sie nach ihren Fallen sehen wollten.“
„Scheiße! Das tut mir leid!“ Colter verging das Grinsen. „Wer?“
„Huey und Jordan. Sie haben es nicht geschafft. Haben sich gewehrt, so gut es ging. Aber wir fanden nur noch ihre Leichen … übel zugerichtet.“
Colter kniff die Lippen zusammen. Er nahm seine Mütze ab und senkte traurig den Blick. Dann raffte er sich zusammen. „Helft ihr mir beim Abladen?“
„Mais oui!“, grunzte Pierre. „Was hast du mitgebracht?“
Colter machte eine vage Handbewegung. „Ach, ein paar Felle. Ich habe mit den Stämmen in den Bergen getauscht. Der Schnee schmilzt, und ich wollte her, ehe es zu sumpfig wird. In den nächsten Tagen werden wohl die Apsalooke, also diese Crow-Indianer, zum Handeln kommen.“
„Wir hatten hier schon viele Apsalooke. Sie sind gute Geschäftspartner und nicht so blutrünstig wie die Pekuni.“
„Ich habe ihre Dörfer in den Bergen gefunden. Ihr Häuptling hat gesagt, dass sie zum Handeln kommen würden.“
Menard nickte zufrieden. „Dann wird es doch noch ein gutes Geschäft!“
Die Männer packten mit an und brachten die Bündel in einer Hütte unter. Kurze Zeit später saßen sie im großen Handelsraum und lauschten den Erzählungen des Trappers. Colter war für seine Lügengeschichten bekannt – er hatte vor zwei Wintern eine monatelange Exkursion in die Berge gemacht und kam mit den tollsten Geschichten zurück. Er hatte sogar Geysire und warme Quellen entdeckt und sprach von einem Gebiet mit Vulkanen. Die Männer wollten ihm das einfach nicht glauben und nannten es „Colters Hölle“. Der Trapper war bereits bei der Expedition von Lewis und Clark als Soldat dabeigewesen und hatte anschließend um seinen Abschied gebeten, um als Fallensteller an den Yellowstone zurückzukehren. Seine Kenntnisse waren überaus wertvoll für alle weiteren Expeditionen. Er kannte die besten Jagdgründe und die geeigneten Orte für mögliche Handelsposten. Auch Manuel Lisa setzte auf ihn und hatte ihn mit dem Aufsuchen der Stämme beauftragt, was manchmal nicht so friedlich verlief.
„Hattest du sonst noch Begegnungen mit Indianern?“, erkundigte sich Menard mit einem Stirnrunzeln.
„Jede Menge! Ich war mit den Apsalooke, aber auch mit den Flathead unterwegs, die uns sehr gewogen sind. Sie erhoffen sich natürlich, dass wir mit ihnen auch Waffen tauschen. Die Blackfeet setzen denen ganz schön zu!“
Menard grunzte. „Uns auch!“
„Habe ich schon gehört!“ Colter zuckte traurig mit den Schultern. „Ich war dabei, als Hunderte von Blackfeet gegen Apsalooke und Flathead gezogen sind. Und ich mittendrin. Jetzt glauben sie natürlich, dass wir mit den Apsalooke und Flathead verbündet sind … das ist Mist! Aber ich konnte es nicht ändern.“
„Deswegen haben sie vermutlich unser Fort angegriffen!“, vermutete Menard unglücklich. „Den Handel mit den Pekuni-Blackfeet können wir vergessen.“
Colter nickte. „Wobei sie grundsätzlich nicht wollen, dass wir in ihren Jagdgründen jagen! Habe ich am eigenen Leib erfahren!“ Er verstummte, als er sich an den Herbst erinnerte, in dem sein Freund Potts umgekommen war und er selbst nur knapp diesen Indianern entkommen war. Halbnackt, nur mit einer Decke bekleidet, hatte er sich 500 Kilometer durch feindliches Gebiet geschleppt, eher er wieder hier im Fort eingetroffen war. Die Blackfeet hatten ihn erwischt und um sein Leben rennen lassen. Sein Freund hatte nicht so viel Glück gehabt. Er hatte sich geweigert, das Kanu an Land zu setzen, und stattdessen einen Blackfoot getötet. Daraufhin hatten sie ihn an Land gezerrt und zerstückelt. Colter hatte es nur geschafft, weil er sich in der Nacht in einen Biberbau versteckt hatte und am nächsten Tag in die Berge geflohen war. Niemand glaubte ihm die Geschichte, denn sie klang genauso abenteuerlich wie die Beschreibungen von Geysiren und Vulkanen.
„Hast du deine Fallen wiedergefunden?“, fragte Pierre neugierig. Colter hatte sie im Herbst einfach versenkt, als die Blackfeet ihn angegriffen hatten.
Colter schüttelte den Kopf. „Nein! Sie haben mich fast erwischt, als ich sie bergen wollte. Bin denen wieder nur mit knapper Not entkommen!“
„Aha, war wieder der ganze Stamm hinter dir her?“ In Pierres Stimme lag ein Hauch von Unglauben.
„Sozusagen!“ Colter zuckte mit den Schultern. Jedermann konnte glauben, was ihm beliebte. „Im Winter sollten wir den Yellowstone entlang in die Berge. Dort liegt das wahre Geld! Biber, so viele, dass ihr euch das gar nicht vorstellen könnt!“
Einige Männer murmelten zustimmend. Selbst, wenn sie einige Geschichten nicht ganz glauben konnten, wussten sie, dass Colter ein guter Trapper war. Der Koch legte sein runzliges Gesicht in noch mehr Runzeln, als er Colter ein wenig neckte. „Na, hast du wieder in deinen warmen Quellen gebadet?“
Colter grinste breit und nahm erst einmal einen Schluck Tee. Whiskey wäre ihm lieber gewesen, aber der war leider aus. Es wurde Zeit, dass der Nachschub eintraf. „Klar!“, bestätigte er.
„Klar! Ich habe mir die Knochen gewärmt. Ich sage euch: Nichts ist besser als ein heißes Bad!“
Die Männer grölten vor Unglauben und forderten ihn auf, noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. „Hast du auch Zwerge und Drachen gesehen?“
Colter drohte ihnen mit erhobenem Zeigefinger. „Lacht ihr nur! Ich habe tatsächlich Spuren eines Wilden Mannes gesehen! Eines übergroßen Menschen! Die Indianer erzählen, dass er völlig behaart ist, aber ansonsten wie ein riesiger Mensch aussieht.“ Er zeigte mit den Händen an, wie groß die Spuren waren, die er angeblich gesehen hatte. „So groß waren die Fußabdrücke!“
Die Männer schüttelten die Köpfe über so viel Unsinn. Doch Colter verteidigte seine Behauptung. „Doch! Ich habe sie wirklich gesehen! Sie kamen aus dem Wald, und ich verfolgte die Spur eine Weile, bis ich sie an einer Steilwand wieder verloren habe. Es waren riesige Abdrücke eines Fußes.“
„So ein Blödsinn! Das war sicherlich ein Grizzly!“, wandte Pierre ein.
Colter maß ihn mit einem festen Blick. „Ich kann ganz sicher eine Grizzlyspur von einer anderen Spur unterscheiden, mon ami! Es war eher ein Abdruck eines großen breiten Fußes.“
„Ein Affe?“, überlegte Menard. „Aber ich habe noch nie gehört, dass es hier Affen gibt.“
Die wenigsten hatten je einen Affen gesehen, und so zuckten sie verständnislos mit den Schultern.
Colter riss verblüfft die Augen auf. „Könnte sein. Sah tatsächlich so aus wie ein großer Fuß.“ Er wirkte todernst, fiel dann aber in das Gelächter der anderen ein. „Wirklich! Die Indianer in den Bergen erzählen viele solcher Legenden!“, gab er schließlich zu. „Ich habe Gegenden gesehen, die könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen. Und ich habe Täler voller Biber und anderem Wild gefunden. Da gibt es viel mehr zu holen als hier.“
Das glaubten die Trapper sofort. Trotzdem wackelten sie nachdenklich mit ihren Köpfen.
Einige Tage später wurden endlich die langersehnten Kielboote und einige Barkassen von Manuel Lisa gesichtet. Insgesamt erschienen nacheinander sieben Boote mit Besatzung. Grüßend und jubelnd liefen die Männer ans Ufer des Bighorn und schwenkten ihre Mützen. Schnell wurden Planken gelegt, an denen die Ankömmlinge trockenen Fußes an Land gehen konnten. Zu ihrer Überraschung war nicht nur Manuel Lisa selbst mit seiner Mannschaft an Bord, sondern weitere bekannte Persönlichkeiten, die sich zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen hatten: Benito Vazquez, Manuel Lisa und andere hatten die Missouri-Fur-Company gegründet. In Abwesenheit war auch „Colonel Menard“ als Teilhaber eingetragen worden. Sie hatten die Lizenz zum Handel mit den Indianern erhalten und sollten am Oberen Missouri Handelsposten, sogenannte Factories, errichten. Die Strategie war neu: Indem man Handelsposten errichtete, sollten die Indianer gezwungen werden, nur dort Handel zu treiben – und dies zu festgesetzten Preisen. Der Plan sah vor, die Wilden zu zivilisieren, an feste Wohnorte zu binden und so das Land freizubekommen für die Besiedelung. Das war anders als unter spanischer oder französischer Herrschaft, die die Eingeborenen als souveräne Nationen ansahen und lediglich Handel mit ihnen treiben wollten. Zudem waren in dieser Gegend schon seit hundert Jahren französische, spanische und britische Trapper und Händler unterwegs, die nicht einsahen, dass es nun illegal war, auf eigene Faust Fallen aufzustellen oder zu handeln. Wichtigster Teilhaber war wahrscheinlich William Clark, der von St. Louis aus die Geschäfte organisieren sollte. Nach der berühmten „Lewis & Clark“ Expedition galt es nun, das neu gewonnene Land zu erkunden und zu besiedeln.
Die Ankömmlinge grüßten Menard und gaben dann Befehl, die Boote zu vertäuen und Wachen aufzustellen. Im Nu schwärmten über 300 Männer in Richtung des Forts aus, und der sonst so ruhige Ort verwandelte sich in einen Bienenschwarm. Hütten wurden bezogen, Feuerholz herangeschleppt, Bündel von den Booten geholt – und überall erschallte Gelächter, wenn alte Freunde sich begrüßten.
Am Abend saßen Vazquez und Lisa im Handelsraum und ließen sich von Menard und Colter einen Überblick geben. Sie wurden nachdenklich, als ihnen klar wurde, dass die Lage des Forts vielleicht nicht die günstigste war.
„Glaubt ihr, dass die Blackfeet wieder angreifen werden?“, erkundigte sich Lisa. Er war ein Diplomat und Forscher, der stets versuchte, gute Beziehungen zu den Stämmen zu unterhalten. Er war an die vierzig Jahre alt und wirkte auch hier in der Wildnis sehr gepflegt. Er trug einen warmen Gehrock mit elegantem Schal, knappe Hosen und elegante hohe Stiefel. Seine braunen Augen waren warm und strahlten Intelligenz aus. Er war spanischer Herkunft und hatte damit eine dunklere Gesichtsfärbung.
„Nur eine Frage der Zeit!“, bestätigte Colter. „Und die sind nicht zimperlich!“
Lisa kniff besorgt die Lippen zusammen. Seine hohe Stirn legte sich in Falten, und er musterte Colter mit einem tiefen Blick. „Du sprichst ja aus reiflicher Erfahrung!“
Colter zuckte mit den Schultern. „Ich hatte mehrere Zwischenfälle mit diesen Teufeln. Potts wurde von denen zerstückelt! … Habe es mit eigenen Augen gesehen!“
„Ja, weil er geschossen hat!“ Ein leichter Vorwurf war in der Stimme von Lisa zu hören. Wie sollte man friedlichen Handel etablieren, wenn es zu solch dummen Zwischenfällen kam?
Colter hatte das Bedürfnis, seinen Freund zu verteidigen. „Potts wollte sich halt nicht ergeben. Er hat denen einfach nicht vertraut. Sir, die wollen einfach nicht, dass wir in ihrem Gebiet jagen. So ist das!“
„Hmh!“ Lisa runzelte immer noch die Stirn. „Wie dem auch sei. Damit ist die ganze Operation hier gefährdet.“
Colter stemmte die Hände in die Hüften, und seine Stimme wurde bissig. „Das war sie schon, als die Apsalooke sich mit den Blackfeet geprügelt hatten. Da konnten wir auch nichts dafür. Wir wurden hier einfach in die Kriegshandlungen zwischen zwei Stämmen hineingezogen.“
Manuel Lisa wechselte einen Blick mit Vasquez und sah dann auf die umstehenden Trapper. „Und was meint ihr?“
Es war Pierre, der sich zu Wort meldete. „Ich hatte auch eine reichlich gefährliche Begegnung mit diesen Injuns. Mein Skalp juckt immer noch! Ich habe keine Lust, mich hier abmurksen zu lassen. Dieses Fort ist im nächsten Winter nicht zu halten, wenn wir nicht wenigstens hundert Männer haben. Colter sagt ja, dass über 100 Blackfeet gegen die Apsalooke gezogen sind. Stellt euch mal vor, die tauchen hier auf! Dann sind wir Fischfutter.“
Colonel Menard brachte es auf den Punkt: „Warum handeln wir nicht mit Stämmen, die uns gewogen sind? Die Hidatsa und Mandan sind doch sehr freundlich.“
„Auf der Herfahrt haben wir dort mehrere Tage Rast gemacht“, erzählte Vazquez in seinem lustigen Gemisch aus Englisch und Spanisch. Er war bestimmt dreißig Jahre älter als Lisa, trotzdem hatte ihn das Leben als Abenteurer und Trapper gestählt. „Der ganze Handel wird mal über den Oberen Missouri laufen. Da macht es Sinn, dort eine feste Handelsstation aufzubauen.“
Auch Manuel Lisa stimmte dem zu. „Für das Territorium ist es von Vorteil, wenn wir an den Hauptströmen unsere Forts haben. Was nützt uns der Yellowstone, wenn noch nicht einmal der Missouri gesichert ist. Ein Schritt nach dem anderen. Ich meine … wir sollten den Posten mit entsprechender Besatzung ausstatten und uns gleichzeitig nach anderen Möglichkeiten umsehen. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass der Gewinn erst in St. Louis erzielt wird.“
„Und Gewinn nützt niemandem etwas, wenn der Skalp am Gürtel eines Indianers hängt“, fügte Menard grimmig hinzu.
Pierre konnte dem nur beipflichten. „Ich habe nach der Auseinandersetzung mit den Pekuni die Nase voll. Ich suche mir ein hübsches Indianermädchen, befreunde mich mit einem friedlichen Stamm und stelle dort meine Fallen auf!“
Colter rümpfte etwas die Nase. „Warum kommst du nicht mit mir den Yellowstone aufwärts? Nach zwei Wintern hast du genug, um dich zur Ruhe zu setzen!“
Pierre legte den Kopf schief. „Vielleicht tue ich das. Aber zuerst will ich hören, was die Bosse entscheiden. Schließlich habe ich mit denen einen Vertrag.“
Ein Murmeln antwortete ihm auf diese Feststellung. So ein Unterfangen war immer besser zu realisieren, wenn man aus einer Position der Stärke heraus handelte. Im Winter waren sie geschwächt gewesen. Niemand hatte Lust, noch einmal so einen Winter zu erleben.
Die nächsten Tage blieben friedlich. Eine große Abordnung Apsalooke kam zum Fort, und der Handelsraum war gut besucht. Immer einer der Teilhaber sowie ein Dolmetscher und zwei Wachleute saßen Häuptlingen und Kriegern gegenüber, rauchten die Pfeife und ließen sich die Pelze zeigen, die von den Indianern gebracht wurden. Wolldecken, eiserne Pfannen und Töpfe, Messer, Pfeilspitzen, Stoffe, Spiegel und Perlen wurden im Tausch über den Tresen gereicht. Am interessiertesten waren die Indianer an Waffen, doch Lisa hielt nicht viel davon, die Indianer mit Waffen auszurüsten. Auch den Handel mit Alkohol lehnte er strikt ab. Seine Partner sahen das nicht so streng, hielten sich aber an diese Anweisung. Einmal ließ Lisa einen Mann mit zwanzig Peitschenhieben bestrafen, der eine Flasche Rum gegen ein paar Pelze getauscht hatte. Die Männer standen in seinem Sold, und ein Missachten seiner Anweisungen wurde hart geahndet.
Lisa und Vazquez machten sich die Entscheidung nicht leicht, aber als sie es dann taten, dann mit aller Konsequenz: Ein Großteil der Ausrüstung des Forts, samt Öfen und Inventar, sofern man es zerlegen konnte, wurden auf die Boote verladen. Vor allen Dingen die Felle und Pelze, aber auch persönliches Eigentum wurden in Bündel gepackt und über die Planken auf die Boote transportiert. Zum Schluss blieben nur ein paar Hütten und die Palisaden des Forts stehen. Menard blieb als Kommandant, als „Clerk“, mit gut vierzig Mann zurück, die das Fort über den Winter halten wollten, um weiter mit den Apsalooke zu tauschen. Eine Saison wollten sie es noch versuchen. Sie erhielten Tauschgüter und jede Menge Munition, außerdem einen großen Vorrat an Mehl, Kaffee und Rum. Colter dagegen stieg auf eines der Boote, um dann im Winter mit neuen Trappern zurückzukehren. Er hatte vor, in der Gegend der Three Forks einen Posten zu bauen. Er hoffte, dass ihnen dort die Blackfeet nicht so zusetzen würden.




