- -
- 100%
- +
Als die Boote schließlich ablegten, klangen Abschiedsrufe und gute Wünsche über das Wasser. „Macht es gut, ihr Halunken!“, schrie Colter mit überschnappender Stimme zum Ufer zurück.
„Pass auf dich auf, du Tausendsassa! Und grüße irgendwann mal deine heißen Quellen von uns!“
„Bla, bla!“, kam es zurück. „Irgendwann zeige ich sie dir! Und dann baden wir gemeinsam – damit du nicht mehr so stinkst, mon ami! Im Winter nehme ich dich dorthin mit!“
Menard stand am Ufer und lachte nur. Herausfordernd schwenkte er seine Mütze. „Kein Wunder, dass dich die Blackfeet nicht gefunden haben. Wahrscheinlich hast du genauso gestunken wie diese Biber, in deren Bau du dich verkrochen hast!“
„Genau!“
Die Stimmen am Ufer wurden leiser, als die Boote an Fahrt zulegten. Pierre wandte den Blick nach vorne und atmete tief ein. Hier auf dem Boot fühlte er sich halbwegs sicher. Die zwanzig Mann Besatzung waren eine gute Lebensversicherung. Er wusste noch nicht, ob er je hierher zurückkehrte. Der Angriff der Blackfeet steckte ihm noch in den Knochen. Irgendwie bewunderte er Colter, der nach all diesen überstandenen Gefahren immer noch den Mut hatte, im Winter wieder in die Wildnis zu gehen und dort seine Fallen aufzustellen. Ob er wohl vorhatte, an den Fluss zurückzukehren, in dem seine Biberfallen lagen? Colter hatte zwar neue Fallen erhalten, aber Pierre wusste, dass es den Trapper in der Ehre kränkte, sie den Blackfeet überlassen zu haben. „Wenn du im Winter wieder nach Westen ziehst, holst du dann vorher deine Fallen?“, fragte er.
Colter zuckte mit den Schultern. „Ich habe es schon vor … weiß aber nicht, ob es durchführbar ist. Ich heuere erst einmal im Auftrag der Company neue Männer an, und dann ziehe ich den Yellowstone wieder hinauf. Ich will reich werden, aber nicht unbedingt mein Leben verlieren. Kalkuliertes Risiko!“
Pierre schmunzelte. „Kalkuliertes Risiko?“
„Ja … die Blackfeet sind im Winter eher faul. Wenn wir es bis zu den Three Forks schaffen, können wir dort erst einmal in Ruhe jagen. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, hole ich mir meine Fallen … wenn nicht … dann halt nicht. Fallen kann man ersetzen … das Leben hat man nur einmal.“
Pierre konnte dem nur zustimmen. Fürs Erste kümmerte er sich um den Proviant für das neue Fort. Dann würde er weitersehen.
Pierre war immer noch ein Engagé von Manuel Lisa. Er überlegte sich, ob er in Zukunft mit der neuen Company arbeiten würde. Wenn sie ihn für den Yellowstone anheuern wollten, dann würde er es sich überlegen. Jetzt freute er sich erst einmal auf eine friedliche Passage. Manuel Lisa hatte ihn zum „Kapitän“ eines der Kielboote ernannt, eine reichlich hochtrabende Bezeichnung, und Pierre dankte es ihm mit Zuverlässigkeit und Treue. Er hatte schon auf der Herfahrt ein Boot befehligt und ohne Zwischenfälle den Missouri und Yellowstone stromaufwärts manövriert. Seine Männer legten sich in die Riemen, wenn er es verlangte, stakten das Boot mit langen Stangen vorwärts oder hissten das Segel, wenn der Wind günstig stand. Es ging flussabwärts, sodass sie gut vorankamen, obwohl sie bei jeder Biegung das Ufer wechseln mussten, um eine optimale Linie zu fahren. Die Männer gingen zu beiden Seiten des Aufbaus den schmalen Laufgang entlang und stießen das Boot mit den Stangen voran oder zogen es an Seilen vorwärts, indem sie am Ufer oder manchmal sogar im Fluss vorausgingen. Sie wurden für die harte Arbeit schlecht bezahlt: 100 Dollar im Jahr, eine Decke, zwei Hemden, ein Paar Stiefel und freies Essen. Pierre war besser gestellt, denn als Guide erhielt er fast das Dreifache.
Drei Tage später mussten die Männer eine unerwartete Pause einlegen. Der Yellowstone floss hier zwischen gelben Sandbänken und Felsen hindurch und hatte eine ziemliche Strömung. Nach der Schneeschmelze hatte der Fluss ohnehin Hochwasser, und immer wieder mussten die Männer mit langen Stangen verhindern, dass sich Treibholz an den Booten verkeilte. „Baum voraus!“, hieß es dann. Dieses Mal kam die Unbill der Natur in Form eines heftigen Eissturms. „Amselsturm“ wurde das Phänomen genannt, wenn es im späten Frühjahr noch einmal einen Kälteeinbruch gab. Schnee und Hagel prasselten auf die Männer nieder, sodass das Rudern oder Segeln der Kielboote nicht mehr möglich war. Innerhalb kürzester Zeit waren die Planken völlig vereist, sodass die Anführer Befehl gaben, den Schutz des Ufers zu suchen. Das war nicht leicht, denn die Strömung verhinderte, dass die Männer an Land gehen konnten. „Wo denn?“, schrie Pierre in den Sturm. Seine Finger brannten von der Kälte, und er hatte Angst, dass seine Hände am Ruder festfroren. „Merde!“, gebrauchte er sein Lieblingswort. Das Ufer trieb an ihm vorbei, und er konnte keinen Platz zum Landen entdecken. Arnel stand an seiner Seite und suchte ebenfalls das Ufer nach einer Stelle zum Anlegen ab. Er hatte sich ein Tuch um das Gesicht gebunden, sodass nur noch seine braunen Augen hervorschauten. Er schien nicht aufgeregt zu sein, sondern reagierte ruhig auf die Gefahr des Sturms. „Wir müssen an Land!“, sagte er ernst.
„Versuche ich doch, du Idiot!“, schrie Pierre in den Sturm.
Den anderen Booten erging es ebenso. Der Eisregen klatschte den Männern ins Gesicht und durchweichte ihre Kleidung. Pierres Wangen brannten, und er wünschte sich an ein warmes Feuer. Dunkle Wolken hatten das schlechte Wetter angekündigt, aber ein Regenschauer war noch lange kein Grund, die Fahrt zu unterbrechen. Dass daraus ein Hagelsturm wurde, hatte niemand geahnt. Die Ladung war sicher untergebracht, aber die Männer waren dem Sturm schutzlos ausgeliefert. Ihre Wangen gefroren, und das Eis setzte sich an den Augenlidern und Augenbrauen fest, sodass sie fast nichts mehr sehen konnten. Sie mussten hier raus!
Pierre übergab das Ruder an Arnel, lief rutschend an den Bug des Bootes und beobachtete erschrocken, wie eines der Boote plötzlich quer zur Strömung trieb. „Aufpassen!“, schrie er aus Leibeskräften.
Die Männer versuchten, mit langen Stangen die kleinere Barkasse wieder in die Strömung zu bekommen, doch es war schon zu spät. Mehrere Baumstämme trieben gegen die Wand, wurden aus den Fluten gerissen und kippten mit ihrer Kraft das Boot um. Schreiend fielen die Männer in die Fluten und ruderten mit ihren Armen.
Die Ladung rutschte ins Wasser, und die Barkasse begann sich im Kreis zu drehen. Es wurde nun für alle anderen Boote zur Gefahr. Pierre wollte den Männern zu Hilfe kommen, doch er hatte alle Hände voll zu tun, sein eigenes Boot in der Strömung zu halten. „Ausweichen!“, brüllte er, als er sah, dass sie auf das gekenterte Boot zutrieben. „Pass doch auf, Arnel!“
Mit einer langen Stange drückte er sich von dem Wrack weg und hielt dann die Luft an, als sie an dem Boot entlangglitten. Es knirschte und knarzte, als Holz an Holz vorbeischrammte. Seine Männer zogen rechtzeitig die Ruder ein und drückten damit das andere Boot von ihrer Wand weg. Dann waren sie vorbei und kämpften erneut gegen den Hagel und die reißende Strömung. „Aufpassen, Jungs … mehr nach links halten!“
Dann umrundeten sie eine Biegung, und Pierre entdeckte eine kleine Abzweigung, die wahrscheinlich ruhigeres Wasser führte. „Haltet darauf zu!“, brüllte er aus Leibeskräften. Er rannte nach hinten, schob Arnel zur Seite und steuerte nun selbst mit dem Ruder auf die Abzweigung zu. „Treibt das Schiff darauf zu!“, befahl er seinen Männern. „Staken! Schiebt diese Mistfähre da rüber!“
Dann winkte er dem Boot, das kurz hinter ihm war, ebenfalls zu. „Hierher! Hierher! Hier ist eine Abzweigung!“
Mit letzter Kraft schafften es seine Männer, das Boot in das ruhigere Wasser des Seitenarms zu staken. Schwer atmend sah Pierre sich um und registrierte, dass auch andere Boote seinem Ruf folgten. Nur das gekenterte Boot trieb weiter in der Strömung und verschwand aus seinem Sichtfeld. „Merde!“, murmelte er vor sich hin. Die Ladung war verloren! Hoffentlich hatten sich die Männer retten können!
Er ließ das Schiff am Ufer auflaufen und beobachtete, wie zwei Männer mit Tauen an Land sprangen und das Boot an zwei Bäumen sicherten. Es war eine Notlösung, denn es würde dauern, das Boot wieder freizubekommen. Inzwischen war er völlig durchnässt, und seine Zähne klapperten vor Kälte. Sie brauchten einen Unterstand und trockene Kleidung! Zwei Männer, die sich von dem gekenterten Boot hatten retten können, stiegen aus dem Wasser. Auch sie mussten sich dringend aufwärmen.
Erbarmungslos peitschte der Sturm auf die Männer ein, während ein Boot nach dem anderen in das seichtere Wasser fuhr und nach einem Anlegeplatz suchte. Kommandos wurden gebrüllt, nach Vermissten gesucht – und hier und da erklang der Ruf, dass ein Schiffbrüchiger gerettet worden sei. Aber wie sollte man über hundert Leute trocken bekommen? Der Laderaum war voll, und am Ufer standen keine Unterkünfte bereit. Die Bewegungen wurden bei dieser Kälte langsam und unkontrolliert.
„Ladet die Kisten ab!“, befahl Pierre mit ruhiger Stimme. „Macht ein bisschen Platz, und dann setzt euch in den Laderaum. Zieht die nassen Sachen aus und nehmt euch Wolldecken zum Aufwärmen.“ Pierre ging davon aus, dass die Mannschaften der anderen Boote es genauso machen würden. „Danke, Kapitän!“, murmelte einer der Männer. Auch er schlotterte vor Kälte. „Was Heißes zum Trinken wäre jetzt gut.“
„Wir warten, bis sich der Sturm gelegt hat. Dann machen wir Feuer!“, versprach Pierre. „Erst einmal müssen wir aus unseren nassen Klamotten raus.“
„Aye, Sir!“
Eilig luden die Männer ein paar Kisten aus und setzten sie auf den sandigen Strand. So entstand zumindest für die Besatzung genug Unterschlupf vor der Nässe. Kurz darauf saßen die Männer frierend im Laderaum und wickelten sich in die warmen Decken. Draußen tobte der Wind, und der Hagel verwandelte sich langsam in einen Regenschauer. Dicke Tropfen prasselten auf das Holz der Planken und auf das Dach des Laderaums. „Hört bald auf!“, brummte einer der Männer.
„Hoffentlich! Ich möchte wissen, welcher Schaden entstanden ist. Hoffentlich sind nicht noch mehr Boote gekentert.“ Pierre stieß ein Seufzen aus.
„Ich hoffe, dass keine Blackfeet in der Nähe sind. Wir liegen hier auf der Seite wie lahme Enten. Da wären wir leichte Beute!“ Es war Colter, der sofort ihre Verwundbarkeit festgestellt hatte.
Pierres Lippen wurden zu einem Strich. Da hatte der Mann nur allzu recht! „Rede das Unheil nicht herbei!“, schimpfte er leise.
Es wurde still, denn alle waren abergläubisch, und so bedachten sie Colter, der die unbedachte Äußerung gemacht hatte, mit bösen Blicken. „Ich will nur überleben!“, verteidigte sich der.
Am Abend ließ der Sturm endlich nach, und die Männer verließen die Boote und bauten ein provisorisches Lager auf. Sie fällten einige Stämme und bauten aus Leinenplanen einfache Lodges. Der Boden war nass, und so legten sie ihn mit Fichtenzweigen aus. Darauf kamen dann Felle und Decken. Feuer wurden entzündet und die feuchte Kleidung zum Trocknen aufgehängt. Lisa ließ die einzelnen Boote überprüfen und schickte einige Männer, die nach Überlebenden des gekenterten Bootes suchen sollten. Fünf Männer hatten sich auf verschiedene Boote retten können, doch zwölf Männer wurden noch vermisst. Wenn überhaupt, hatten sie sich am Hauptarm des Yellowstone ans Ufer retten können. Also machte es Sinn, dort mit der Suche anzufangen. Mit Decken bewaffnet machten sich einige Trapper auf den Weg, allerdings ohne große Hoffnung. Das Wasser war eisig kalt, und bereits nach wenigen Minuten wäre das Schwimmen unmöglich geworden.
Pierre blieb am warmen Feuer und sorgte dafür, dass seine Männer eine warme Suppe aus Mais, Fleisch und Zwiebeln erhielten. Dann setzte er sich zu den Anführern der Expedition, die mit ernsten Mienen über ihre Situation berieten. Lisa sah auf, als Pierre hinzutrat. „Gut, dass Sie den Seitenarm gesehen haben! Sonst hätten wir vielleicht noch mehr Menschen und Ladung verloren.“
Pierre nickte nur und wartete dann ab, was Lisa und die anderen entscheiden würden. Vazquez wedelte ungeduldig mit der Hand. „Die Feuer sind gut zu sehen! Wir müssen unbedingt Wachen aufstellen! Außerdem sollte jede Mannschaft in der Nähe ihres Bootes bleiben – für den Fall, dass wir angegriffen werden. Im Moment wären wir leichte Beute.“
„Die Feuer brauchen wir aber, um uns aufzuwärmen!“, wandte Manuel Lisa ein. „Ich gehe rum und sag den Jungs Bescheid, dass sie aufpassen sollen! Bei dem Scheißwetter werden sich auch die Indianer hier nicht herumtreiben. Die sind ja nicht lebensmüde.“
Vasquez nickte. „Und morgen sehen wir nach, ob wir stromabwärts etwas von der verlorengegangenen Ladung bergen können. Hoffentlich findet der Suchtrupp noch Überlebende.“ Seine Augen blickten sorgenvoll in die Runde.
„So ein Sauwetter!“, brachte es Pierre auf den Punkt.
„War so nicht vorhersehbar“, meinte Vasquez auf seine ruhige Art. Er lebte lange genug in der Wildnis, um solche Zeichen zu deuten, aber manchmal wurde auch er von den Wetterkapriolen überrascht. „Kam wohl von den Bergen runter. Dabei hätten mich meine Narben eigentlich vor dem kalten Wetter warnen müssen. Sie jucken sonst immer, wenn Schnee kommt.“
Lisa lächelte kurz und wurde dann wieder ernst. Er hatte lange genug Expeditionen geleitet, um sich durch einen späten Wintereinbruch aus dem Konzept bringen zu lassen. „Wir warten ab, wie es morgen wird und setzen dann unsere Fahrt fort!“, sagte er leidenschaftslos. „Ich will den Missouri erreichen und die Blackfeet hinter uns lassen.“
Pierre legte leicht den Kopf schief. „… glaube nicht, dass wir da in Sicherheit sind. Da müssen wir schon noch ein paar Meilen mehr zurücklegen.“
Manuel Lisa gab ihm grinsend recht. „Das meine ich auch! Ich dachte an die Mandan! Dort haben wir schon mehrfach Rast gemacht. Sie mögen unsere Handelswaren und sind treue Freunde. Wahrscheinlich wäre es gut, dort einen Handelsposten zu eröffnen.“
Vasquez nickte beipflichtend. „Ich dachte eigentlich an eine Stelle, wo der Yellowstone in den Missouri mündet. Dort wäre es günstig, ein Fort zu bauen. Aber wahrscheinlich hast du recht, dass dies noch zu nahe bei den Blackfeet ist. Weiter stromabwärts gibt es viele Möglichkeiten. Die Hidatsa, Mandan, selbst die Arikara und Pawnee, wollen den friedlichen Handel mit uns. Versuchen wir es erst einmal dort!“
„Sheheke shote, ein Häuptling der Mandan, ist sogar bis nach Washington gereist, um den Präsidenten zu treffen. Er hilft uns bestimmt.“
„Ach, wahrscheinlich sind die anderen Häuptlinge eher eifersüchtig auf ihn. Darauf würde ich mich nicht verlassen“, wandte Vasquez ein.
Lisa zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen, wie viel Macht er tatsächlich hat, wenn er zurückkehrt.“
Pierre ging zu seinem Lagerplatz zurück und blickte auf die Männer, die auf einigen Kisten saßen. Sie hatten die Ladung einfach um das Feuer gestellt und freuten sich über die trockenen Sitzplätze. Grinsend setzte sich Pierre ebenfalls auf eine Kiste und ließ sich eine Schüssel von der Suppe geben. „Habt ihr auch Kaffee?“, fragte er mit einem Seufzen. Nichts half besser gegen Kälte und Gliederschmerzen als eine heiße Tasse Kaffee. „Mais oui!“, meinte einer der Voyageure und reichte ihm einen Zinnbecher mit der dampfenden Flüssigkeit. Pierre nahm einen tiefen Schluck und sah dann prüfend in den Himmel, an dem erste Sterne zu sehen waren. Es klarte also auf! Als wäre nichts gewesen, hatten sich die Wolken verzogen.
Es verging eine Weile, in der alle mit Essen beschäftigt waren oder sich um ihre Ausrüstung kümmerten. Dann brach Unruhe aus, als einige der Trapper mit Überlebenden zurückkehrten. Die Männer liefen zusammen und versammelten sich um die Geretteten. Insgesamt sechs Männer konnten sich ans Ufer retten und waren nun froh, sich an den warmen Feuern aufwärmen zu können. Hilfsbereite Hände reichten ihnen Schüsseln mit Suppe, die gierig gegessen wurde. Die Männer waren froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, und gedachten derer, die nicht so viel Glück gehabt hatten. „Vielleicht finden wir morgen noch Überlebende?“, hoffte Lisa. Jeder Verlust schwächte die Expedition.
Einer der Männer schüttelte den Kopf. „Wir haben nach ihnen gerufen, aber keine Antwort bekommen.“
„Vielleicht sind sie weiter stromabwärts an Land gegangen?“
„Dann sind sie tot. Es war viel zu kalt. Ich konnte fast nicht an Land schwimmen, so langsam wurden meine Bewegungen. Ich hätte keine Minute länger durchgehalten.“
Es wurde still nach dieser Bemerkung. Alle wussten, dass die Einschätzung wohl richtig war. „Und das Boot?“, erkundigte sich Pierre.
Einer der Männer zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Der Fluss ist ja nicht tief. Das Wrack wird schon irgendwo liegen.“
„Dann können wir vielleicht noch einen Teil der Ladung bergen!“, hoffte Lisa.
Der Mann zuckte mit den Schultern, und sein Ton wurde aggressiv. „Mich kriegst du jedenfalls nicht mehr ins Wasser!“ Leises Gelächter antwortete ihm, und niemand nahm ihm die Äußerung übel. Gebadet hatte dieser Mann jedenfalls genug.
Ree
Frühjahr und Sommer am Cannonball- und Grand-Fluss
Wambli-luta blickte auf das riesige Dorf, das sich vor ihm ausbreitete. Er kam gerade von einem Erkundungsritt zurück, und er freute sich auf seine Freunde. Hunkpapa, Sihasapa und Itazipco hatten sich für die große Sommerjagd zusammengefunden und ihre Dörfer in einigen großen Kreisen aufgeschlagen, die lose miteinander verbunden waren. In der Mitte standen die Zelte der Kriegergesellschaften, und fast jeden Abend gab es Tänze und Festessen. Ansonsten hatten die Krieger der einzelnen Gesellschaften ihre Tipis in den vier Himmelsrichtungen am Rand der Dörfer aufgestellt, um bei einem Angriff schnellstmöglich die Verteidigung zu gewährleisten. Als Akicitas waren wieder vier Krieger der Canté-tinza, der Strong-Heart Gesellschaft, gerufen worden, die nun über die Ordnung im Dorf der Hunkpapa wachten und weitere Männer ihrer Society als Helfer erwählten. Sie hatten alle Hände voll zu tun, denn einige Jungen machten in ihrem Eifer die Männergesellschaften nach und wollten nun ebenfalls die Bisons jagen. Sie hatten sich Ponys geholt, waren einer kleinen Herde gefolgt und hatten zwei Kälber isoliert, um sie mit ihren Kinderbögen zu erlegen. Die Mutterkühe fanden das wohl nicht so lustig und gingen mit gesenkten Häuptern auf die Jungen los. Die Kinder hieben den Ponys die Fersen in den Bauch, doch eine aufgebrachte Bisonkuh war mindestens so schnell wie ein Pferd, und so gerieten die Kinder in Lebensgefahr. In ihrer Angst waren sie ins Dorf zurückgeprescht – leider mit den wütenden Bisons, die ihnen folgten. Nur durch das beherzte Eingreifen einiger dieser Männer konnte das Schlimmste verhindert werden. Die Kühe wurden verjagt, doch bei ihrer Flucht warfen sie Kochgestelle und Ausrüstung um.
Ein kleines Mädchen konnte nur im letzten Augenblick vor den donnernden Hufen in Sicherheit gebracht werden. Natürlich hatten die Menschen im Dorf mit so einer Gefahr gerechnet, denn Späher überwachten die weitere Umgebung, doch dass eine wütende Bisonkuh bis ins Dorf stürmte, war eine ziemliche Überraschung. Die Eltern der Knaben gaben großzügige Geschenke an die Familien der Geschädigten. Es wäre nicht nötig gewesen, da Knaben schon früh mit der Jagd vertraut gemacht wurden. Dass es dabei zu Unfällen kommen konnte, gehörte zum Leben. Die Familien aber freuten sich über die Großzügigkeit, und so war der Vorfall schnell vergessen.
Wambli-luta überließ sein Pferd einem Knaben, der vor Stolz platzte, als er das Pferd zur Herde reiten durfte. Hungrig und müde schlüpfte der Mann in das Tipi, das in der Gruppe der Tinazipe-Sica an der dritten Stelle des Kreises stand. Es war nicht weit vom Fluss entfernt. Für die Mutter war das praktisch, denn so hatte sie es nicht weit, um Wasser zu holen. Er ließ sich auf sein Lager plumpsen und wartete höflich ab, bis die Mutter ihm etwas zum Essen reichte. Der Vater saß vermutlich wieder im Zelt der Wakincun und beriet sich mit den anderen Ältesten. Wambli-luta sah auf, als die Mutter ihn fragte, ob er Bisons gesehen hätte.
„Hiya“, verneinte er mit ruhiger Stimme. Er machte sich noch keine Sorgen, denn die Bisons würden schon kommen.
Die Mutter dagegen konnte sich noch an Zeiten erinnern, als die Jagd schlecht gewesen war und sie sogar Mais bei den Ree oder Miwatani eintauschen mussten. „Ich hoffe, sie kommen bald?“
„Wir werden sie rufen!“, erklärte Wambli-luta zuversichtlich. Er wandte sich dem Essen zu und hing seinen Gedanken nach. Seine Mutter arbeitete still vor sich hin, und er wunderte sich, wo seine Schwester steckte. „Wo ist Anpao-win?“
Er lächelte leicht, denn er vermutete, dass sie im Zelt ihrer Freundin steckte. Trotzdem kam sie langsam in das Alter, in dem junge Männer ein Auge auf sie warfen und es besser war, wenn die Mutter oder Großmutter sie stets begleitete. Als älterer Bruder wurde von ihm erwartet, dass er auf die Tugendhaftigkeit der jüngeren Schwester achtete.
„Sie ist bei Unci und hilft ihr beim Beerensammeln“, erzählte die Mutter. „Ich habe mir den Fuß verstaucht und bleibe lieber im Tipi. In ein paar Tagen wird es besser sein. Dann kann ich sie wieder begleiten.“
„Es ist gut, dass sie Großmutter hilft. Die Beeren sind reif und schmecken bestimmt lecker zum Bisonfleisch.“ Er warf einen Blick auf ihr Bein. „Was ist passiert?“
„Ach, nichts!“, wehrte sie ab. „Ich bin am Ufer ausgerutscht und habe mir am Knöchel wehgetan.“
„Er ist nicht gebrochen?“
„Nein, nein … nur ein wenig geschwollen. Ich habe einen Stock, um das Bein etwas zu entlasten. Aber am besten ist es, wenn ich still halte. Ich habe eine Salbe aus Bärenfett, mit der ich den Knöchel einreibe.“
„Das ist gut!“
Wambli-luta verließ das Tipi und schlenderte zum Versammlungszelt der Tokala-Gesellschaft. Einige Männer waren mit Vorbereitungen für den Abend beschäftigt, und er half ihnen dabei, die Regalia herzurichten. Die Tage waren bereits lang, und viele Menschen waren noch unterwegs, um Beeren zu sammeln, zu jagen oder Holz zu holen. Er horchte auf, als weitere Reiter ins Dorf zurückkehrten und sich schnell die Kunde verbreitete, dass Ree in der Nähe waren. Mato-ska-cikala berichtete, dass er einen großen Trupp gesehen hätte, der wohl ebenfalls Bisons jagen wollte. Die Häuptlinge ließen sofort durch einen Herold das Dorf warnen, und einige Männer brachen auf, um die Frauen zurückzuholen, die noch in der Umgebung unterwegs waren. Auch Wambliluta holte seine Waffen und ritt los, um nach seiner Großmutter und Schwester zu suchen. Dabei stieß er auf weitere Frauen, die bereits von der Gefahr gehört hatten und zum Dorf zurückhasteten. „Habt ihr meine Schwester und Großmutter gesehen?“, fragte er besorgt.
Eine Frau wedelte mit der Hand in die Richtung weiter stromabwärts. „Dort vorne.“
„Hohch!“ Wambli-luta holte sicherheitshalber seinen Bogen aus dem Köcher, nahm einen Pfeil in den Mund, einen zweiten in die Bogenhand und trieb sein Pony zum Galopp an. Zwischen einigen Büschen entdeckte er schließlich die beiden und brachte sein Pony mit rutschenden Hufen zum Stehen. Erschrocken blickten die beiden Frauen auf und ließen die Zweige zurückschnellen, von denen sie gerade die Beeren zupften. „Toka he?“, fragte die Großmutter. Was ist los?
„Lauft schnell ins Dorf. Späher haben Ree in der Nähe entdeckt …“ Er brach ab, als erkannte, dass es zu spät war. Durch das Tal kam bereits eine größere Gruppe der Feinde. Vielleicht hatten sie hier nicht mit einem Dorf der Tituwan gerechnet, aber drei Feinde außerhalb des Schutzes eines Dorfes vorzufinden, war immer eine gute Gelegenheit. Unvermittelt gingen die Ree zum Angriff über.
Wambli-luta zögerte keinen Augenblick. Er rutschte vom Pferderücken und befahl mit harscher Stimme, dass die beiden Frauen aufsitzen sollten. Er hob die Schwester einfach auf den Pferderücken und hielt dann die verschränkten Hände hin, damit die Großmutter hinter dem Mädchen aufsitzen konnte. Er gab dem Pferd einen Klaps und sah kurz zu, wie es in Richtung des Dorfes jagte. Entschlossen steckte er ein paar Pfeile in den Boden und wartete auf das Unausweichliche. Er wusste, dass er gegen die gut zwanzig Männer keine Chance haben würde. Aber es war sein Schicksal. Er hoffte nur, dass er die Feinde lange genug aufhalten konnte, damit seine Familie es ins Dorf zurück schaffte. Er sah, wie zwei dieser Feinde sich von der Gruppe absetzten und dem Pferd mit den beiden Frauen hinterhergaloppierten. Sie stießen Kriegsrufe aus und hatten ihre Speere erhoben, um die Frauen vom Pferd zu stoßen. Wambli-luta überblickte die Situation, legte einen Pfeil auf und schickte ihn dem ersten Mann hinterher. Der Pfeil war gut geschossen, denn er traf dem Mann in die Schulter. Durch die Wucht des Aufpralls stürzte er kopfüber vom Pferd. Er rappelte sich wieder auf, war aber kampfunfähig. Der andere stutzte kurz und wandte sich dann mit einem Wutschrei gegen den Krieger. Wambli-luta wurde nun von zwei Seiten angegriffen. Wieder schnellte ein Pfeil von der Sehne, und er traf den Krieger, der ihn fast erreicht hatte. Mit einem Gurgeln stürzte dieser ins Gras, doch Wambli-luta wusste, dass er noch höchstens ein- oder zweimal schießen konnte, ehe die anderen ihn erreicht hätten. Er sprang kurz zur Seite, wich zwei Pfeilen aus, die ihn fast getroffen hätten, und zielte erneut. Ehe er schießen konnte, hatte der Trupp ihn erreicht. Schreiend drangen sie mit Keulen, Tomahawks und Lanzen auf ihn ein. Wambli-luta riss einen Mann vom Pferd, wich einem Lanzenstoß aus und konnte endlich seine Steinkeule ergreifen, die im Gürtel steckte. Er hatte sein Todeslied auf den Lippen und verhöhnte die Feinde, die in solcher Überzahl auf ihn einhieben. „Ihr feigen Aasfresser. Kämpft ihr nur gegen kleine Mädchen und alte Frauen? Kommt nur her! Ich habe keine Angst. Seht, wie ein Tokala kämpfen kann.“




