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Ein Tomahawk erwischte ihn am Arm und hinterließ eine tiefe Schramme. Der Schock traf ihn, sodass er den Schmerz nicht fühlte. Benommen kniff Wambli-luta die Augen zusammen, um sich wieder zu fangen. Gleich hatten sie ihn! Schweiß tropfte von seiner Stirn, als er herumwirbelte und sich den nächsten Angreifer vom Leibe hielt. Er hatte den Vorteil, dass die Krieger sich gegenseitig behinderten, als sie gegen ihn vorgingen. Jeder wollte den ersten Coup gegen ihn anbringen oder den wertvollen Skalp erbeuten. Vielleicht wollten sie den Sieg auch nur auskosten, denn sie stachen auf ihn ein, als wäre er ein wildes Tier, das man reizen konnte. Eine Lanze traf ihn seitlich gegen die Rippen und rutschte etwas ab, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Feinde lachten höhnisch, als er sich den Schweiß aus den Augen wischte. Wambli-luta hoffte, dass es schnell gehen würde. Keinesfalls wollte er ihnen lebend in die Hände fallen! Ohne Vorwarnung ging er mit seiner Keule auf einen der Männer los, der nicht schnell genug zurückweichen konnte, weil ein Krieger hinter ihm stand. Wambli-luta hieb ihm die Keule auf den Schädel und beobachtete zufrieden, wie der Mann röchelnd in die Knie ging. Die anderen schrien ihren Zorn heraus und hieben nun ihrerseits auf den Feind ein. Wambli-luta wirbelte mit der Keule herum, sodass die Krieger nicht nahe genug an ihn herankamen. Einer hob seinen Speer, während zwei andere Pfeile auflegten. Einer hatte sogar ein Gewehr dabei, mit dem er nun auf den Feind zielte.
„Es ist vorbei!“, dachte Wambli-luta ohne Bedauern. Er war Tokala! Er würde tapfer im Kampf sterben, wie es seine Pflicht war. Er wunderte sich nur, warum der Krieger mit dem Gewehr nicht schoss. Stattdessen traf ihn ein Speerstoß gegen die Schulter. Der Schmerz explodierte so heftig, dass ihm kurz schwindelig wurde. Er taumelte rückwärts, was von einem höhnischen Lachen begleitet wurde. Blindlings ließ er die Keule kreisen, was jedoch keinen Schaden mehr anrichtete. Blut tropfte aus den Wunden und trieb die Schwäche in seine Glieder. Er kämpfte dagegen an, in die Knie zu gehen, obwohl seine Beine ihm nicht mehr gehorchen wollten. In seinen Ohren rauschte es, als würde der Regen gegen das Tipi prasseln, und die Gesichter der Feinde verschwammen vor seinen Augen. Wieder erhob er die Stimme, um sein Todeslied zu singen, doch außer einem heiseren Krächzen brachte er nichts mehr hinaus. Dann brach der Ring der Angreifer auf, als einige Krieger der Hunkpapa rücksichtslos in die Schar der Feinde ritten. Die Angreifer flogen auseinander und ließen verdutzt von Wambli-luta ab. Es waren nur vier Hunkpapa, aber schon wurde der Kampf ausgeglichener. Außerdem erschienen in der Ferne weitere Reiter.
Die Arikara, von den Lakota verächtlich nur Ree genannt, erkannten, dass die Situation sich zu ihren Ungunsten veränderte. Dieses Dorf würde sich in ein Hornissennest verwandeln! Sie stutzten kurz, doch dieses Zögern reichte einem der Hunkpapa, um nach Wambli-luta zu greifen und ihn auf ein Pferd zu ziehen. Vor den Augen der Feinde stießen die Krieger ihre Kriegsschreie aus, drohten mit ihren Waffen und galoppierten mit dem Verwundeten davon. Die Arikara antworteten ebenfalls mit Kriegsrufen, sprangen dann aber auf ihre Ponys und suchten das Weite. Eine größere Schar wütender Krieger hängte sich an ihre Fersen, während die vier Männer mit Wambli-luta ins Dorf zurückkehrten.
Wambli-luta krallte sich haltsuchend an den Schultern des Mannes fest, der ihn zu sich auf das Pferd gezogen hatte. Ihm schwindelte, und er brauchte all seine Kraft, um nicht wieder vom Pferd zu rutschen. Hoh! Erst langsam wurde ihm bewusst, dass seine Freunde im letzten Augenblick gekommen waren. Er erkannte seinen Freund Thimahel-okile, der die Gruppe angeführt hatte. Als sie das Dorf erreichten, war er es, der ihm vorsichtig vom Pferd half. Wambli-luta musste sich auf ihn stützen, sonst wäre er zu Boden gestürzt. Menschen liefen zusammen, und er erkannte auch seine Großmutter. Die Erleichterung ließ ihn erneut wanken. Die beiden hatten es also geschafft! „Takoza!“, rief die Großmutter bestürzt, als sie die schlimmen Wunden sah. Enkelsohn!
Wambli-luta machte eine beruhigende Handbewegung. „Es ist nichts!“
Die umstehenden Männer fanden ihren Humor wieder. „Woh, seht diesen jungen Krieger! Er hat sich gegen zwanzig Feinde gestellt! Seht seinen Mut!“ Die Frauen trällerten ihr hohes Lililil und einige Jungen drängten näher heran, um den tapferen Krieger zu sehen.
Wambli-luta dagegen kämpfte mit seiner Schwäche, aber auch seiner Erleichterung. „Hoh, gut, dass ihr rechtzeitig gekommen seid!“, meinte er dankbar.
Thimahel-okile winkte großzügig ab. „Deine Großmutter meinte, dass du Ärger hast und vielleicht unsere Hilfe brauchst.“ Seine tiefliegenden Augen schmunzelten vergnügt.
„Ärger?“ Wambli-lutas Stimme wurde hoch vor Empörung. Nach Ärger hatte das nicht ausgesehen!
Thimahel-okile grinste amüsiert. „Anders kann man die Ree kaum bezeichnen!“
Oh, da hatte er natürlich recht. Wambli-luta nickte bestätigend und ließ sich dann von seinem Freund in sein Zelt führen. Erst als er aus den Augen der anderen war, zeigte er seine Erschöpfung und ließ sich auf sein Lager plumpsen. „Hohch!“, stöhnte er unterdrückt. Sofort beugte sich die Großmutter über ihn und begutachtete die Wunden. „Hunhunhe!“, äußerte sie besorgt. „Das sieht schlecht aus! Wir holen besser den Pezuta-Wakan.“
Wambli-luta schloss die Augen und überließ sich den fürsorglichen Händen der Großmutter. Er sah nicht, wie auch sein Vater sich neben ihn setzte und die Mutter erschrocken die Hand vor den Mund hielt. „Wo ist meine Schwester?“, flüsterte er matt.
Die Schwester näherte sich aus dem Hintergrund des Tipis und strich ihrem Bruder ganz kurz über die Wange. „Ich bin hier!“, flüsterte sie leise.
Wambli-luta lächelte, ohne die Augen zu öffnen. „Das ist gut!“ Dann verließen ihn die Sinne. Seine Träume waren wirr und manchmal auch schweißtreibend. Immer wieder tauchten der Fuchs und der Adler aus seiner Vision auf, die um das Kaninchen stritten. Dann schreckte er auf, als wilde Krieger mit seltsamen Zeichnungen im Gesicht auf ihn einstürmten und ihn mit ihren Messern verletzten. Am wildesten waren jedoch die Träume, die ein Mädchen der Miwatani ihm schickte: Sie starrte ihn aus schwarzen Augen an, hob dann abwehrend die Hand und schleuderte ihm plötzlich einen Blitz entgegen.
Wambli-luta schlief fast zwei Tage, ehe er wieder orientierungslos die Augen öffnete. Das Einzige, woran er sich erinnerte, war ein greller Blitz, der seine Augen geblendet hatte, aber er hatte nichts mit dem tatsächlichen Geschehen zu tun. Seine Wunden waren gut versorgt, ohne dass er wusste, wer sich darum gekümmert hatte. Der Speerstich pulsierte unangenehm, obwohl die anderen Wunden gut zu heilen schienen. Die Mutter saß bei ihm und sah ihn mit großen Augen an. „Bist du wieder bei uns?“
Wambli-lutas Stimme krächzte etwas, als er antwortete. „Ich bin bei euch.“
„Das ist gut. Wir dachten schon, dass die Geister dich holen würden. Du hast mit ihnen gesprochen.“ Ihre Stimme klang hell und ängstlich.
Er machte mit der Hand ein Zeichen, dass er Durst hatte, und sie führte eine Schale mit Wasser an seine Lippen. Sogleich führte er sich besser und versuchte sich aufzurichten. Die Mutter stoppte diesen Versuch mit einer energischen Handbewegung. „Bleib liegen. Die Wunden sind schwer!“
„Hohch!“ Er stöhnte unwillig. Er war doch kein Baby, das man in der Trage festband. „Ich will sitzen!“, murrte er uneinsichtig.
„Dann roll dich auf die Seite und richte dich etwas auf. Du darfst die Rippen nicht anstrengen!“, sagte die Mutter streng. „Sonst geht die Wunder wieder auf. Der Pezuta-Wakan musste sie nähen.“
„Hohch! Ich bin doch kein Fell, das man zunähen kann.“
Zum ersten Mal kicherte die Mutter erleichtert. Wenn ihr Sohn dermaßen meckern konnte, dann musste es ihm besser gehen. „Doch!“, widersprach sie forsch. „Du hast so eine lange Narbe!“ Mit ihren Händen zeigte sie die Länge der Verwundung. Dann holte sie sein Backrest, damit er sich dagegenlehnen konnte. Stöhnend fiel der Körper des Sohnes dagegen und er schloss die Augen, um das Schwindelgefühl zu vertreiben. „Huh!“, meinte er kurzatmig.
Die Mutter wartete einen Augenblick, dann reichte sie ihm eine Schüssel mit Essen. Hungrig löffelte der junge Mann das Essen in sich hinein, und die beiden schwiegen. Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, erkundigte er sich nach den feindlichen Kriegern. „Habt ihr diese Hunde erwischt?“
Die Mutter senkte traurig den Blick. „Es waren viele! Sie hatten sich in mehrere Gruppen aufgeteilt“, erzählte sie. „Unsere Krieger haben sie verfolgt, dabei wurden Schneller-Dachs und Hohes-Pferd getötet. Die Ree hatten es auf unsere Pferde abgesehen. Sie haben viele Pferde geraubt und dabei zwei Jungen getötet.“
„Hunhunhe!“ Wambli-luta senkte traurig den Blick. „Wen haben sie getötet?“
„Graue-Wolke und Rennt-immer. Springender Büffelstier konnte gerade noch entkommen. Sein Vater Thimahel-okile hat die beiden getöteten Jungen gefunden. Die Familien sind in großer Trauer!“
Wambli-luta schluckte schwer. Springender-Büffelstier war keine neun Winter alt! Seine Freunde waren etwas älter, aber viel zu jung, um von Feinden getötet zu werden. Sie hatten noch nie eine Bisonjagd oder einen Kriegszug begleiten dürfen. Er fühlte Hass in sich aufsteigen, als er an die Kinder dachte. „Wir werden sie rächen!“, schwor er mit bitterem Herzen.
„Thimahel-okile will einen großen Kriegszug gegen die Ree anführen“, erzählte Hübsche-Nase. „Sie wollen sich die Pferde zurückholen und die Gefallenen rächen.“
Wambli-luta nickte. „Wir werden sie finden!“, meinte er kaltblütig. „Wir wissen, wo ihre Dörfer sind, und unsere Pfeile werden in ihren Körpern stecken.“
„Erst musst du genesen!“, warnte die Mutter. „Und die Ältesten sagen, dass wir zuerst die Bisons jagen sollten. Dann sei Zeit für den Kampf.“
Wambli-luta schloss die Augen. Bisons! Im Moment würde er diese Aufgabe wohl dem Vater überlassen müssen. Er konnte weder den Bogen spannen noch sein Pony mit den Schenkeln lenken.
Es dauerte einige Tage, ehe er in der Lage war, wieder an den Versammlungen der Tokala teilzunehmen. Seine Freunde hatten ihn regelmäßig besucht und sich nach seinem Befinden erkundigt. Sein Mut hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, und die Tokala waren stolz, einen solchen Krieger unter sich zu wissen. Er hatte ohne zu zögern sein Leben gegeben, um seine Großmutter und Schwester zu retten, und alle wussten, dass er diesen Einsatz auch bei allen anderen gezeigt hätte. Als er wieder laufen konnte, wurde ihm zu Ehren ein Festessen gegeben, und der Herold verkündete seine Heldentaten. Wambli-luta nahm die Ehrung gelassen hin, denn er hatte tatsächlich ohne groß zu überlegen gehandelt. Seine Dankbarkeit galt den Tokala und Thimahel-okile, die ihn ebenso wagemutig gerettet hatten.
Als dann endlich der Bisontanz getanzt wurde, um die großen Verwandten zu rufen, ging es ihm bereits wieder so gut, dass er reiten konnte. Kundschafter wurden in alle Richtungen ausgesandt, um die Ankunft der Bisons zu melden und damit den Beginn der Jagd zu verkünden. Die Zeremonien hatten etwas warten müssen, weil die Familien vier Tage um die Getöteten trauern mussten. Die herzerweichenden Schreie der Verwandten drangen durch das Dorf und erinnerten die Lebenden daran, wie schnell der Tod einen ereilen konnte. Die Leichen wurden aufgebahrt, und nach vier Tagen fanden sie ihre letzte Ruhestätte in den Hügeln und wurden mit Steinen bedeckt.
Schließlich versammelten sich die Männer, um die Wana-sapa, die traditionelle Bisonjagd, durchzuführen. Eine riesige Herde war gesichtet worden und die Akicitas verhinderten mit eiserner Disziplin, dass jemand das Dorf vorzeitig verließ. Der gesamte Jagderfolg wurde gefährdet, wenn jemand gegen diese Regeln verstieß, und so waren die Akicitas nicht zimperlich. Besonders einige Knaben, die trotz aller Warnungen ihren Mut beweisen wollten, wurden von ihren Peitschen getroffen und in die Zelte der Eltern zurückgeführt. Obwohl die Jungen noch um ihre Freunde trauerten, schien der Angriff der Arikara schon vergessen zu sein.
Wambli-luta versuchte indessen, seinen Bogen zu spannen, und musste einsehen, dass ihm dazu noch die Kraft fehlte. Also blieb es dem Vater überlassen, genügend Bisons für seine Familie zu schießen. Gebrochene-Lanze war zwar Wakincun, aber immer noch jung genug, die Waffe zu heben. Er hatte ein Gewehr, zog es jedoch vor, mit dem Bogen zur Bisonjagd zu gehen. Er setzte sich zu seinem Sohn, der bedrückt zu sein schien, weil er nicht teilnehmen konnte. „Du bist Tokala! Deine Aufgabe ist es, das Volk zu beschützen. Du bist der Erste im Kampf und der Letzte, der sich zurückzieht. Deshalb wurdest du verwundet! Das ist eine Ehre! Sorge dafür, dass du bald wieder kämpfen kannst, und ich sorge dafür, dass wir im Winter alle satt werden.“
Wambli-luta nickte einsichtig. „Ich schütze das Volk!“ Er sah seinem Vater nach, der – nur mit einem Lendenschurz bekleidet – das Tipi verließ. Trotzdem wurmte es Wambli-luta, bei den Frauen, Kindern und alten Leuten bleiben zu müssen. Er massierte den verletzten Muskel am Arm und hoffte, dass er bald seine Stärke wiederfinden würde.
Die nächsten Tage verbrachte er damit, zumindest über die Frauen und Mädchen zu wachen, die überall in der Nähe des Flusses an den Fellen arbeiteten, die sie am Boden festgepflockt hatten. Der Sommer war heiß, obwohl stets eine leichte Brise wehte. Die Jagd war gut gewesen, und überall standen Gerüste, an denen das Fleisch trocknete. Darunter brannten schwelende Feuer, um die Fliegen zu vertreiben. Der ewige Wind fegte über das Land und trocknete Fleisch und Beeren in kurzer Zeit. Auch der Vater hatte zwei junge Bisonkühe, einen Stier und ein Kälbchen geschossen, sodass die Familie gut versorgt war.
Die Mutter wollte die Häute nutzen, um später das Tipi auszubessern und einige Rohhauttaschen herzustellen, die sie mit bunter Farbe bemalen würde.
Als es Wambli-luta besser ging, schoss auch er noch zwei Weißwedelhirsche, sodass die Mutter aus den Häuten ein schönes Kleid für Anpao-win nähen konnte. Das Hirschfleisch war ein besonderer Genuss nach all dem Bisonfleisch, und so kamen oft Freunde, um an dem Essen teilzunehmen. Hübsche-Nase kochte es mit wilden Zwiebeln, Prärierüben und Beeren, die sie tagsüber sammelten und trockneten. Die Natur zeigte sich großzügig gegenüber den Menschen. Überall reiften Kirschen, Beeren, wilde Zwiebeln, selbst Kürbisse und Bohnen, die von den Frauen gesammelt wurden. Nur Maisfelder legten die Tituwan keine an. Vor einigen Jahren, als die Zeit der Hungerwinter gekommen war, hatten sie es versucht, doch dann wieder aufgegeben. Sie folgten lieber den Herden der Bisons.
Fort Lisa
Am Missouri-Fluss im Frühjahr und Sommer 1809
Am Morgen nach dem verheerenden Eissturm der Amsel im späten Frühjahr näherte sich die nächste Katastrophe: Kriegerisch bemalte Gestalten schlichen sich an die Gestrandeten heran, die in den Booten oder am Ufer des Yellowstone Unterschlupf gesucht hatten, und wenn die Anführer nicht in weiser Voraussicht Wachen aufgestellt hätten, wäre es schlimm um die Expedition bestellt gewesen. Der Warnruf riss auch den letzten Abenteurer aus dem Schlaf, und im Nu hatten die Männer hinter Kisten und Bäumen Deckung gesucht. Keine Sekunde zu früh, denn ein Pfeilhagel prasselte auf die Männer nieder. „Nur schießen, wenn ihr ein Ziel vor Augen habt!“, schrie Vazquez. Nach dem ersten Pfeilhagel hechteten einige Männer auf die Boote und gingen hinter dem Aufbau in Deckung. So wollten sie verhindern, dass die Indianer die Boote enterten. Sie hatten es mit Sicherheit auf die Ladung abgesehen. Wieder schlugen Pfeile in das Holz der Kisten und Boote ein und die Männer duckten sich tiefer. Dann erklang ohrenbetäubendes Kriegsgeschrei. „Was für Indianer sind das?“, fragte Pierre, der ebenfalls auf sein Boot geklettert war.
„Scheißegal!“, knurrte ein Trapper. „Ich habe die Schnauze voll von denen!“
Einige Krieger lösten sich aus der Deckung von Büschen und Bäumen und kamen auf Pierres Boot zugerannt. „Achtung, Leute! Sie kommen!“ Er sah, wie einige Männer ihre Gewehre hochrissen, auf das Dach des Laderaumes legten und die Angreifer ins Visier nahmen. „Wartet, bis sie nahe genug sind“, warnte Pierre die Männer.
„Wie nahe denn?“, zischte ein Voyageur. „Die haben uns ja gleich.“
Pierre wartete, bis die Krieger die Planken erreicht hatten, und gab den Befehl zum Schießen. „Feuer!“ Auch von den anderen Booten stieg der Rauch der Salven auf. Gleichzeitig feuerten die Männer, die an Land geblieben waren. Stöhnen und Schmerzensschreie waren zu hören, als mehrere Indianer sich am Boden wälzten. Offensichtlich hatten sie nicht mit einer derartigen Kampfkraft gerechnet. Krieger, die noch laufen konnten, traten den Rückzug an, doch einige blieben am Ufer liegen oder fielen ins Wasser. Pierre fackelte nicht lange. Mit seiner Pistole kletterte er an Land und gab einem Feind mit einem gezielten Schuss den Rest. „Nachladen!“, befahl er gleichzeitig mit überschnappender Stimme. Mit einem Sprung hechtete er in die Deckung einer Kiste am Ufer – gerade noch rechtzeitig, ehe die nächsten Pfeile neben ihm einschlugen.
Dieses Mal waren die Indianer vorsichtiger. Sie nutzten die Deckung und versuchten es mit Ablenkungsmanövern. Ein Indianer zeigte sich kurz und hechtete dann sofort wieder in Deckung, während einige andere versuchten, den Bug des Bootes zu erreichen. Sie wateten durch das Wasser und schossen auf die Männer, die hinter den Aufbauten saßen. „Sie kommen von der Seite!“, schrie Pierre gerade noch rechtzeitig. Mehrere Schüsse dröhnten über das Wasser, und Pierre sah, wie die Indianer wegtauchten. Mit grimmigem Gesicht beobachtete er, wie zwei Männer von einem anderen Boot die Krieger unter Beschuss nahmen. Ihre Köpfe tauchten aus dem Wasser auf, und die Trapper trafen sie mit wohlgezielten Schüssen. Der Rauch des Schwarzpulvers sammelte sich über den Booten, sodass die Männer mit ihren Gewehren kaum noch zu erkennen waren. Auch am Ufer stieg Qualm auf, sodass Menschen, Ausrüstung und Bäume miteinander verschwammen. Jetzt hieß es aufpassen, wenn man nicht die eigenen Leute erwischen wollte. „Alle Mann auf die Boote!“, erschallte nun der Befehl. Pierre kniff die Lippen zusammen, denn damit gaben sie die Ausrüstung preis. Aber wahrscheinlich war es besser, auf ein paar Planen und Kisten zu verzichten, als eigene Leute zu opfern.
„Rückzug auf die Boote!“, gab auch Pierre den Befehl. „Nehmt ein paar Kisten mit!“
Einige Männer, die hinter den Kisten in Deckung gegangen waren, griffen nach den Transportschlaufen und liefen über die Planke auf das Boot zurück. Dann ließen sie die Kisten einfach fallen und hechteten in Deckung. Mehrere Pfeile schlugen ein, und zum ersten Mal pfiffen auch Kugeln über das Wasser. Einige Indianer hatten offensichtlich Gewehre. Eine Salve aus den Gewehren der Trapper antwortete ihnen. Am Mündungsfeuer hatten die Männer erkannt, wo die Indianer sich versteckten, und daraufhin gezielt in diese Richtung geschossen. Niemand konnte sehen, ob sein Schuss irgendwelchen Schaden angerichtet hatte, denn es wurde plötzlich still. Auch bei den anderen Booten kehrte Ruhe ein. „Was ist jetzt los?“, wunderte sich Pierre.
Ein Trapper richtete sich etwas auf und blickte vorsichtig über den Rand des Daches. „Alles still!“, meldete er.
Pierre nickte. „Okay, wir geben Feuerschutz und ihr holt noch ein paar Kisten!“, ordnete er an.
Die Voyageure schüttelten die Köpfe. „No, no … wir sind doch keine Zielscheiben!“
„Jetzt habt euch nicht so. Bisher haben die Pfeile kaum Schaden angerichtet!“
„Ja, weil wir hübsch in Deckung geblieben sind! Wir sind doch nicht lebensmüde! Geh doch selbst, wenn dir das Zeug so wichtig ist.“
Pierre kniff die Augen zusammen und gab zwei weiteren Trappern das Zeichen, ihm zu folgen. „Alors!“, murmelte er. „Wir rennen zu der Ausrüstung dort, gehen in Deckung – und wenn die Luft rein ist, dann treten wir den Rückzug an.“
Die beiden nickten nur und machten sich bereit, ihm zu folgen. „Und passt auf, dass ihr niemanden erwischt, der zu uns gehört.“ Die drei warteten einen Augenblick, doch am Ufer blieb alles ruhig. „Jetzt!“, flüsterte Pierre, richtete sich auf und rannte über die Planke zum Ufer. Schwer atmend ging er hinter einer Kiste in Deckung. Schon hockten die anderen ebenfalls am Ufer. Nichts rührte sich, und so sahen sie sich verwundert an.
„Sind die weg?“
„Scheint so!“
„Okay, nehmt die Ladung und geht zurück. Ich gebe euch Deckung.“
Die beiden Männer schnappten sich die Kiste und trugen sie auf das Boot zurück. Alles blieb ruhig, und so kamen nun mehr Männer an Land und bargen die Ladung. Auch bei den anderen Booten trauten sich die Männer von Bord. Langsam verzogen sich die Rauchschwaden und gaben den Blick auf die Umgebung frei.
„Gibt es Verletzte?“, erschallte der Ruf von den anderen Booten.
„Hier … niemand!“, gab Pierre zurück.
„Bei uns sind zwei verwundet!“, kam es von einem Boot weiter stromabwärts.
„Wir haben einen Toten!“
Nach und nach kamen die Meldungen, und es schien, als wären sie mit einem blauen Auge davongekommen. Die Indianer hatten einige Kisten gestohlen, mehrere Männer verletzt und einen getötet. Doch dann hatten sie den Angriff abgebrochen. Vielleicht hatten sie zu viele Verluste erlitten oder wollten warten, bis Verstärkung eingetroffen war.
„Wer waren diese Rothäute?“, fragte ein Voyageur, der wohl zum ersten Mal auf so einer Expedition dabei war.
„Pekuni-Blackfeet!“ antwortete Pierre tonlos. Er hatte es langsam satt, gegen diesen Stamm zu kämpfen. „Ausgeburten des Teufels.“
„Nicht schon wieder!“, schimpfte der junge Mann, der von den anderen nur „Shorty“ genannt wurde. Er war eigentlich ziemlich groß und hager, sodass keiner wirklich wusste, woher er diesen Spitznamen hatte. Vielleicht lag es an dem Gewehr, das kürzer war als die Rifles, die die anderen Trapper besaßen.
„Die sind schlimmer als Grizzlys!“, fluchte Pierre. „… Wird Zeit, dass wir in friedlichere Gewässer gelangen.“
Sie bereiteten dem Toten ein würdiges Begräbnis und standen traurig um das kleine Holzkreuz, das ein Voyageur gebastelt hatte. Immerhin konnten sie diesen Mann beerdigen, während andere ihre letzte Ruhe vermutlich bei den Fischen gefunden hatten. Manuel Lisa sprach ein Gebet, und alle murmelten „Amen“.
Dann ließen Lisa und Vasquez die Ladung wieder verladen und gaben den Befehl zum Aufbruch. Mit Stangen stießen sie die Boote in die tiefere Rinne des Flussarms und nahmen ihre Fahrt wieder auf. Nach zwei Meilen vereinigte sich der Arm wieder mit dem Yellowstone, und die Männer manövrierten die Boote in die Mitte des Flusses. Wachsam behielten sie die Ufer im Auge. Sie waren immer noch in Schussweite. Pierre ließ die Kisten im Laderaum verstauen und gab dann Befehl, dass die Trapper mit geladenen Waffen Ausschau nach Indianern halten sollten, während die Voyageure wieder an den Stangen standen und das Boot vorwärts bewegten. Die Barkassen hatten keinen Aufbau und wurden von den Männern gerudert.
Gegen Mittag trieben sie an dem gekenterten Boot vorbei. Es war auf eine Sandbank aufgelaufen, und die Männer konnten sehen, dass es leer war. Entweder hatte es die Ladung verloren, oder die Indianer hatten es geplündert. Vorsichtig manövrierten sie ihre Boote um die Sandbank herum und blickten schweigend auf das gekenterte Boot. Immer noch fehlten sechs Mann der Besatzung. Dann wurde das Schweigen zum Entsetzen, als sie sahen, dass am Aufbau einer ihrer Trapper festgenagelt worden war. Er hing dort nackt, mit ausgestreckten Armen, und teilweise war ihm die Haut abgezogen worden. Sein Kopfhaar fehlte, und Pfeile ragten aus dem Körper hervor. Es war eine Warnung: Kommt nicht mehr zurück, oder euch passiert das Gleiche!
„Armer Teufel!“, flüsterte Shorty. „Ob sie die anderen auch erwischt haben?“
„Hoffentlich nicht. Gott sei ihren armen Seelen gnädig!“
„Wollen wir ihn nicht begraben?“ Unsicher blickten einige Männer ihren Kapitän an. Dieser schüttelte nur stumm den Kopf, wandte den Blick von dem Misshandelten ab und konzentrierte sich wieder auf den Fluss. Das war wahrscheinlich nur ein Trick, um die Männer näher ans Ufer zu locken. Der arme Teufel war tot. Es hatte keinen Sinn, das Leben der anderen zu gefährden. Auch die anderen Boote setzten die Fahrt fort, ohne sich in die Falle locken zu lassen. Am Ufer blieb es still. Entweder waren die Indianer schlau genug, sich zu verstecken, oder sie waren wirklich verschwunden. Pierre hoffte, dass ihnen niemand mehr in die Hände gefallen war. Aber wenn die Blackfeet die anderen erwischt hatten, würden sie es die Weißen garantiert wissen lassen. Arnel stellte sich neben ihn und sah ihn vorwurfsvoll an. „Findest du das richtig?“



