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Pierre ignorierte seinen Blick. „Vasquez und Lisa halten ja auch nicht an … weil sie genau wissen, dass es eine Falle ist.“
Arnel nickte unglücklich. „Diese dreckigen Injuns!“ Aus seinem Mund klang das irgendwie seltsam, und Pierre sah ihn verblüfft an.
„Wirklich!“, rechtfertigte sich Arnel. „Meine Mutter war eine Yankton … die sind friedlich!“
„Behauptest du!“, brummte Pierre.
Dann horchte er auf, als sich plötzlich am Ufer ein völlig nackter Mann aufrichtete, der mit Winken auf sich aufmerksam machte. Auch auf den anderen Booten sichtete man den Mann und forderte ihn mit Rufen auf, zu ihnen zu schwimmen. Der Mann zögerte kurz, sah sich um und watete dann ins Wasser. Mit einem Satz tauchte er unter und verschwand kurz aus dem Blickfeld der anderen. Keine Sekunde zu früh, denn am Ufer tauchten wie aus dem Nichts Blackfeet auf, die mit Pfeilen auf die Stelle schossen, an der der Mann zuletzt gestanden hatte.
Sofort wurden sie von den Männern an Bord unter Beschuss genommen, sodass sie sich unter Geschrei zurückziehen mussten. Kurz tauchte der Kopf des Mannes auf, dann tauchte er wieder unter. Wieder fielen Pfeile ins Wasser, und die Männer erkannten, dass die Indianer sich einen Spaß daraus machten, den Weißen vor sich her zu hetzen.
„Hierher!“, schrien sie, als der Kopf wieder aus den Fluten auftauchte. Mit letzter Kraft erreichte der Mann ein Boot und klammerte sich an der Bordwand fest. Ihm fehlte jedoch die Kraft, sich hochzuziehen. Wieder flogen Pfeile, und einer traf den Mann am Arm.
„Helft mir!“, brüllte dieser verzweifelt. Eine Salve nahm die Indianer am Ufer unter Beschuss, die sich lieber in Deckung begaben. Sie lachten höhnisch und machten Drohgebärden. Sie sprangen auf ihre Pferde und galoppierten am Ufer entlang. Von dort schossen sie weiter mit Pfeilen auf die Boote. „Helft mir doch!“, rief der Mann. „Ich rutsche ab!“
Zwei Mann nahmen sich schließlich ein Herz: Sie verließen die Deckung, beugten sich über die Bordwand und zogen den Mann mit einem Ruck ins Boot.
Dann ließen sie sich platt auf den Boden fallen, als weitere Pfeile in ihre Richtung flogen. Einer der Männer hielt eine Plane hoch und lenkte so einen Pfeil ab, der ihn sonst getroffen hätte.
Pierre schnaufte durch, als er erkannte, dass der Mann es geschafft hatte. Wie er die kalte Nacht überlebt hatte, wäre eine spannende Geschichte! Ein Mann mehr, der gerettet werden konnte. Dann wurde sein Gesicht grau vor Entsetzen, als sie an einem weiteren Mann vorbeitrieben, der auf entsetzliche Weise entstellt und an einem Baum gefesselt zur Schau gestellt wurde. Fehlten noch drei! Er betete, dass es ihnen nicht ähnlich ergangen war. Immer wieder schaute er zu den Ufern auf beiden Seiten und hoffte, dass dort jemand auftauchte und durch Winken zu verstehen gab, dass es ihm gutging.
An diesem Tag geschah weder das eine noch das andere. Die Indianer blieben unsichtbar, und von den drei Vermissten gab es kein Lebenszeichen. Entweder waren sie ertrunken, oder die Indianer hatten sie erwischt. „Merde!“, fluchte Pierre zwischen den Zähnen hindurch.
Am Abend legten sie an einer der vielen Inseln an, die dadurch entstanden waren, dass der Fluss Nebenarme bildete. Sie waren vollständig vom Wasser umschlossen und konnten so gut verteidigt werden, weil Angreifer erst den Fluss überwinden mussten, und sich nicht im Schutz von Büschen und Bäumen anschleichen konnten. Die Männer verzichteten darauf, Lodges aufzubauen, da der Himmel klar war. Es blies immer noch ein kalter Wind, sodass die Männer sich gern um die Feuer setzten und aufwärmten. Kaffee wurde ausgeschenkt und dann die warme Suppe verteilt. Jeder hatte seine Tasse und seine Schüssel dabei und sorgte selbst dafür, dass sie gesäubert wurde. Dann wurden die Läufe der Waffen mit dem Ladestock sorgfältig gereinigt. Das Überleben hing davon ab, dass die Vorderlader reibungslos funktionierten, und so nahmen sich die Männer hierfür Zeit. Auch die Pistolen hatten Steinschlösser, die regelmäßig geputzt werden mussten. Nach dem Kampf mit den Indianern waren die Läufe verrußt, und auch die Mechanik des Hahns musste überprüft werden. Leises Gemurmel erhob sich über dem Wasser, als die Männer über die letzten Tage sprachen. Ihre Gedanken galten den Freunden, die nicht heimkehren würden.
Pierre saß mit Arnel und Shorty zusammen, die nachdenklich ins Feuer starrten. Sie hielten ihre Waffen in den Händen, obwohl sie mit der Reinigung schon fertig waren. Wie oft hatten sie mit den anderen gesungen und Karten gespielt? Sie dachten an Huey, der so gerne beim Kartenspielen geschummelt hatte, oder an Louis, der zuhause eine Frau und zwei Kinder hinterließ. Manuel Lisa wollte die Familien benachrichtigen und ihnen den Lohn auszahlen. Sie beneideten den Mann nicht, denn traurige Nachrichten zu überbringen, war niemals leicht. „Scheiß Injuns!“, meinte Shorty ernüchtert.
Arnel zuckte etwas zusammen. „Pass auf, was du sagst!“
„Ich meine ja nicht dich!“, entschuldigte sich Shorty. „Du bist ein guter Indianer!“
Arnel presste traurig die Lippen zusammen. „Na ja … nur zur Hälfte. Aber es stimmt schon … es gibt halt solche und solche.“
Pierre schüttete den Kopf. „Es gibt solche und Blackfeet!“, betonte er.
Die beiden nickten wortlos. Kurz breitete sich Schweigen aus, dann schenkte Pierre erneut Kaffee aus. Shorty tat mindestens drei Löffel Zucker hinein und leckte sich die Lippen. „Gutes Zeug!“, lobte er gedankenverloren. „Der weckt Tote auf.“
„Nicht Louis und Huey oder die anderen armen Teufel.“
„Non!“, stimmte Pierre ihm zu. „Hoffen wir auf bessere Beziehungen zu den Mandan und Arikara.“
„Hmh!“, grunzten Arnel und Shorty.
Nach weiteren zwei Wochen, die ohne Zwischenfälle verliefen, erreichten die Boote schließlich die Mündung des Yellowstone in den Missouri. Der Yellowstone hatte unendlich viele Biegungen, sodass sie immer wieder hatten kreuzen müssen, um die optimale Linie zu fahren. Das hatte Zeit gekostet. In der Vogelfluglinie waren es nur 250 Meilen, doch mit den vielen Windungen verdoppelte sich die Entfernung. Sie waren ohne weitere Probleme vorangekommen und blickten nun auf den beeindruckenden Zusammenfluss, der sich vor ihnen öffnete. Auch hier wäre ein geeigneter Ort für einen Handelsposten gewesen, aber nach dem Geschmack der Teilhaber war er noch zu nah an den kriegerischen Blackfeet oder Assiniboine. Also trieben sie weiter den Strom flussabwärts. Hier wurde die Fahrt leichter, denn der Missouri hatte etwas mehr Tiefgang und weniger Windungen. Die Umgebung war hügelig, teilweise mit Gras, teilweise mit Fichten bewachsen. An den Ufern lagen oft Treibholz und angeschwemmte Kadaver. Hin und wieder sahen sie in der Ferne Jagdgruppen von vorbeiziehenden Indianern, die jedoch nicht näher kamen. Am Ufer standen oft Gabelbockantilopen, und einmal sahen sie sogar einen Elch. Die Ufer des Flusses und seiner Nebenarme war inzwischen wieder von Enten, Gänsen und Reihern bevölkert, die dort ihre Nester bauten. Die Männer suchten abends nach den Eiern und erlegten die eine oder andere Ente.
Nach weiteren zehn Tagen kamen sie an der Mündung des Little Missouri vorbei. Hier hatte Manuel Lisa bereits gute Erfahrungen mit den Stämmen gemacht, und so gab er Befehl, nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau zu halten. Die Gegend war zerklüftet, mit vielen Tälern und kargen Hügeln. Der Fluss war hier breit, manchmal mit Untiefen und dann wieder mit Sandbänken, auf die man auflaufen konnte, wenn man nicht aufpasste. Viele kleine Bäche mündeten in den Fluss, doch wenn eine Barkasse den Bach näher in Augenschein nahm, war es oft nur eine Ausbuchtung des Missouri mit schlammigem Boden. Die Hochwasserlinie an den Felsen und Ufern zeigte, dass das Gebiet weiträumig überschwemmt wurde und es daher nicht ratsam war, ein Fort zu bauen. Sie wollten ihren Stützpunkt aber auch nicht zu weit weg vom Wasser errichten, da sonst alles über eine weite Entfernung geschleppt werden musste.
Sie fanden schließlich eine Stelle, die zumindest einen langen Strand hatte, an dem die Boote anlegen konnten. Im Hinterland gab es viele Bäume und die Umgebung war flach genug, dass es nicht möglich war, von oben unter Beschuss genommen zu werden. Ein Boot nach dem anderen rutschte auf das sandige Ufer, und die Männer sprangen an Land. Einige Springmäuse suchten das Weite, und eine Familie Stinktiere verschwand erhobenen Schwanzes. Sofort brachen einige Trapper auf, um die Umgebung gegen Überfälle zu sichern. Sie besetzten zwei kleinere Hügel in der Ferne und gaben dann mit Winken zu verstehen, dass alles ruhig war. Erst einmal wurde nur die Ausrüstung für ein kleines Nachtlager ausgeladen, weil man prüfen wollte, ob der Standort wirklich geeignet war. Es wurde inzwischen sommerlich warm, sodass die Männer keine Lodges aufbauten, sondern nur ihre Decken am Boden ausbreiteten. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, und so war der Lagerplatz trocken. Schnell wurden Feuer entzündet, Kessel darübergehängt, Wasser vom Fluss geholt und Essen gekocht.
Vazquez und Lisa waren bereits unterwegs, um noch ein wenig die Umgebung zu erkunden. Ihr erster Eindruck war nicht schlecht. Der Boden stieg schnell an, und die Wasserlinie zeigte, dass das höher gelegene Gelände nicht überflutet wurde. In der Umgebung gab es genug Holz, sodass ein Fort samt Häusern und Palisaden errichtet werden konnte. Für den Handel mit den Indianern war das optimal. In der näheren Umgebung fanden die Trapper keine Spuren von Bibern, aber in den vielen Buchten wären bestimmt welche zu finden.
In den nächsten Tagen waren die Männer emsig damit beschäftigt, Holz für das Fort zu schlagen. Die Voyageure entluden die Schiffe und stapelten die Waren unter den Planen, die über einfache Gerüste gezogen wurden. Erste Indianer trafen ein, die sich neugierig dem entstehenden Handelsposten näherten. Lisa verteilte großzügig Geschenke, um die Kunde verbreiten zu lassen, dass hier ein Handelsposten entstand. Sehr zufrieden rückten die Indianer ab und versprachen, mit Pelzen zurückzukehren.
Pierre besuchte bei seinen Erkundungen ein befestigtes Dorf der Hidatsa, die von William Clark seit seiner Expedition „Minnitari des Missouri“ genannt wurden. Sie lebten in Erdhütten wie die Mandan, sprachen aber eine andere Sprache. Die Frauen befanden sich bereits auf den Feldern, um den Mais anzubauen. Kinder rannten herum und beobachteten ihn mit ihren schwarzen Augen. Obwohl es noch recht frisch war, liefen sie fast nackt herum. Einige Männer saßen auf den Erdhütten in der Sonne und unterhielten sich.
Pierre hatte ein besonderes Anliegen, konnte sich aber in dieser Sprache nur mit Gesten verständlich machen. Er rauchte mit einigen Männern eine Pfeife und tauschte harmlose Neuigkeiten aus, ehe er mit seinem wahren Anliegen herausrückte. „Ich möchte eine Frau eintauschen!“, zeigte er in Zeichensprache, was die Männer aber kaum beeindruckte. Entweder gab es hier keine Mädchen im heiratsfähigen Alter, oder dieses Volk sah es nicht so gerne, wenn ihre Frauen weiße Trapper heirateten. Pierre war enttäuscht, denn für den Winter wünschte er sich eine Squaw an seiner Seite. Sie waren fleißig und wärmten einem im Winter das Bett. Er hatte nicht vor, sie eines Tages in die Zivilisation mitzunehmen, sondern wollte sie ihrem Volk zurückgeben, wenn er erst genug verdient hatte. Er hatte das schon bei anderen Trappern erlebt und empfand es als eine gute Sache. Ein Handel auf Zeit.
Unverrichteter Dinge kehrte er zum Fort zurück, bei dem immerhin schon die Palisaden standen. Manuel Lisa nannte es stolz „Fort Lisa“. Inzwischen waren die Männer dabei, das Haupthaus mit dem Handelsraum zu bauen. Es hatte zwei Stockwerke: unten den Handelsraum und oben mehrere Kammern, in denen die Anführer und einige der Trapper schliefen. Gleichzeitig entstanden weitere Hütten, in denen die anderen Männer untergebracht wurden. Das Schlagen der Äxte hallte durch das Tal und kehrte als Echo von den umliegenden Hügeln zurück.
Die Wochen vergingen schnell, und Pierre bekam den Auftrag, mit einigen Trappern zur Jagd zu gehen und die Vorräte aufzufüllen. Er nahm Shorty und Arnel, deren Gesellschaft er sehr schätzte. Der jungen Männer redeten nicht viel und taten, was man ihnen sagte. Schweigend machte sich der Trupp am frühen Morgen auf, um die Umgebung nach Wild zu erkunden. Als sie bis zum Mittag immer noch nichts gefunden hatten, runzelte Pierre sorgenvoll die Stirn. Keine Spuren von Hirschen oder Bisons. Selbst Weißwedelhirsche und Gabelbockantilopen ließen sich nicht sehen. Es war nicht gut, wenn sie einzig und allein auf die Lieferungen von Indianern angewiesen waren. „Wir sollten ein paar Pferde eintauschen!“, stellte er fest.
„Vielleicht haben die Injuns hier alles weggejagt?“, überlegte Arnel.
Pierre nickte gedankenverloren. „Kann sein. Hier sind ja einige ihrer Dörfer. Aber ich wundere mich, dass hier keine Bisons sind.“
„Die kommen vielleicht später!“
Shorty spuckte einen Priem Kautabak auf den Boden. Er hatte eigentlich immer etwas im Mund. Wenn er keinen Priem in der Backe hatte, dann kaute er Jerky oder knabberte an einem Grashalm.
Pierre ließ seinen Blick über das Land schweifen und stützte sich auf seine Rifle. „Zum Fallenstellen müssen wir wohl ein ganzes Stück stromaufwärts und dort die kleinen Nebenflüsse absuchen.“
„Yep!“
„Lass uns zum Missouri zurückkehren, da erwischen wir wenigstens ein paar Enten.” Pierre raufte sich müde die Haare.
„Davon werden wir aber nicht satt! Wenn wir nicht auf ein paar Bisons stoßen, müssen wir Fleisch von den Indianern tauschen.” Für den schweigsamen Shorty war dies eine ziemlich lange Äußerung.
„Mit Pferden wird es besser!”, versprach Pierre. „Solange müssen wir halt angeln.” Es sollte wie ein Scherz klingen, aber in seiner Stimme lag eine gewisse Anspannung. Er wusste, dass die dreihundert Mann bald alle mitgebrachten Vorräte aufgebraucht hätten. Das war schlecht, denn die Expedition sah vor, dass sie sich selbst versorgten und Mehl und Mais erst im Winter erhielten. Hin und wieder schoss ein Trapper einen Hirsch, aber das reichte nicht für all die hungrigen Mäuler.
Sie kehrten tatsächlich ohne Jagdbeute zurück und berichteten über ihre Erfahrungen. „Wir sollten Pferde eintauschen, dann decken wir eine größere Umgebung ab.”
Lisa machte sich keine Sorgen. „Ach, bald kommen die Bisons, dann haben wir Fleisch genug! Ich schicke morgen einige Männer los, die Fleisch und Pferde von den Indianern eintauschen. Weiter südlich befindet sich ein Dorf der Minnitari des Südens – es wäre gut, wenn du sie begleitest!”
Pierre wackelte mit dem Kopf hin und her. „Warum tauschen wir nicht mit den Mandan? Wir könnten mit einer Barkasse dorthin fahren. Die waren uns doch bei der Herfahrt wohlgesonnen.”
Lisa lächelte. „Gute Idee. Ihr fahrt dort mit einer Barkasse hin, tauscht Fleisch und Vorräte und kommt dann wieder zurück.”
„Und die Pferde?”
„Ich verhandle mit dem Häuptling der Minnitari des Missouri. Wir werden schon ein paar Pferde bekommen.” Er machte eine beruhigende Handbewegung. „Alles klar?”, erkundigte er sich.
Pierre grinste. „Alles klar!”, antwortete er enthusiastisch. Er freute sich über den Auftrag, denn er kam seinen Wünschen entgegen: Er wollte noch etwas ganz anderes eintauschen! Er hoffte darauf, dass die Mandan seinen Wünschen eher entgegenkamen. „Vielleicht kommen ja auch bis dahin die Bisons“, meinte er, um von seinen wahren Gedanken abzulenken.
Lisa nickte. „Das wäre gut!
Sheheke shote
Spätsommer 1809 im Dorf der Mandan
Mato-wea erntete zusammen mit der Tante den Mais ihres kleinen Feldes. Auch auf den anderen Feldern waren Frauen zu sehen. Sie hatten den Maistanz getanzt und der Frau, die niemals stirbt und für alles Wachstum verantwortlich ist, für eine gute Ernte gedankt. Es war ein guter Sommer gewesen. Die erste Bisonjagd im Frühsommer hatte gutes Fleisch gebracht, und die Vorratsgruben waren schon gefüllt mit Bohnen und Kürbis; auch Beeren, wilde Zwiebeln und Prärierüben hatten die Frauen schon gesammelt. Der Mais würde ebenfalls helfen, den langen Winter gut zu überstehen. Mato-wea trug einen Korb aus Weiden am Rücken, in den sie die Kolben warf, die sie von den Stängeln brach. Ihre Cousine Sisohe-wea hütete im Dorf die Kinder. Es war zu gefährlich, die Kinder auf die Felder mitzunehmen. Zu leicht wären sie Opfer der vielen Überfälle der Feinde geworden. Zweimal waren sie schon angegriffen worden, sodass nun stets einige Krieger in der Nähe der Frauen blieben. Mato-wea schmerzte der Rücken, und sie streckte sich mit einem Seufzen.
Sie wollte gerade den nächsten Kolben brechen, als ein Wächter einen lauten Warnruf ausstieß. Sofort ließen die Frauen die Körbe vom Rücken rutschen und rannten zum Dorf zurück. Auch andere Frauen verließen fluchtartig die Felder. Dann blieben sie erstaunt stehen, als die Männer den Schutz der Palisaden verließen und in Richtung des Flusses schritten. Einige hatten ihre Waffen dabei, die anderen holten ihre Pferde und galoppierten sogar zum Wasser. Sie stießen laute Rufe aus und schienen jemanden begrüßen zu wollen.
Mato-wea folgte der Tante, die nun ebenfalls neugierig zum Ufer des Missouri ging. Dann blieb sie blinzelnd stehen, als die Sonne vom Wasser reflektiert wurde. Was sie dort sah, erstaunte sie zutiefst. Mehrere große Boote der weißen Händler näherten sich dem Ufer, und auf dem ersten stand aufrecht und in voller Pracht ihr Anführer, der vor drei Wintern mit den Weißen gegangen war, um den Großen Weißen Vater weit im Osten des Landes zu treffen. Sheheke shote, Weißer Kojote, war endlich zurückgekehrt! Er hatte immer noch seine langen Haare, aber ansonsten trug er den Anzug eines weißen Mannes. Stolz stand er da, hob grüßend sein Gewehr und genoss augenscheinlich die Aufregung, die seine Ankunft auslöste. Im Hintergrund des Häuptlings standen dessen Frau Gelber-Mais und sein Sohn, die beide ebenso die Kleidung der Weißen trugen.
Mato-wea schlug vor Staunen die Hand vor den Mund. Alle hatten geglaubt, dass Sheheke shote von Feinden getötet worden war. Ihn nun hier unversehrt zu sehen, bewies, dass er mächtige Schutzgeister hatte, die ihn beschützten. Gespannt verfolgte sie, wie die Boote anlegten und die Weißen an Land sprangen. Sie hatte dies schon einmal miterlebt, als vor drei Wintern der Mann, der sich „Clark“ nannte, zu ihnen gekommen war. Damals war sie noch ein Kind gewesen und hatte nur aus weiter Entfernung die Fremden beobachtet. Der Anblick dieser Männer war immer noch ungewohnt. Ihre fremdartige Kleidung, ihre Gesichter, ihr ungepflegtes Äußeres erschienen ihr eher abstoßend. Die Männer und Frauen der Mandan legten großen Wert auf ihr Erscheinungsbild. Die Haare waren gekämmt, und die Krieger schmückten sich ohnehin mit allerlei Zierrat und Federn. Die Weißen dagegen hatten strubbelige Haare, und manche trugen sogar Haare im Gesicht. Ihre Kleidung wirkte alt und zerschlissen, nur die Waffen schienen im guten Zustand zu sein. Was Mato-wea aber am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass diese Männer stets ohne Frauen reisten. Wer flickte ihre Kleidung? Es war ja kein Wunder, wenn sie so zerrupft aussahen, denn wahrscheinlich mussten sie es selber tun. Überhaupt schienen nur die Anführer einen ordentlichen Eindruck zu vermitteln. Sie erkannte einen Mann, der ähnliche Kleidung trug wie damals Clark, der neben Sheheke shote stand. Auch er hatte einen seltsamen Hut auf dem Kopf. Seine Füße steckten in hohen Mokassins, und er hatte knappe Leggins an. Sie wusste inzwischen, dass die Weißen so etwas „Hosen“ nannten. Sie kicherte leicht, denn sie fand das Kleidungsstück sehr unpraktisch. Wie sollte denn der Mann sein Geschäft verrichten? Dazu musste er die Hose ja jedes Mal ausziehen.
„Warum lachst du?“, wunderte sich die Tante.
„Sieh mal, diese seltsamen Beinkleider … er muss sich ja immer entblößen, wenn sein Bauch ihn drückt.“
„Hasch!“, schimpfte die Tante. „Sei still. Was weißt du schon, was für diese Männer Sinn macht? Sie haben bestimmt ganz andere Sitten, und keiner weiß, welche Medizin sie schützt.“
Mato-wea verstummte und beobachtete, was weiter geschah. Einige Krieger waren an Bord der Boote geklettert und sahen sich dort neugierig um. Niemand hinderte sie daran, und die Krieger hoben stolz ihre Waffen, als hätten sie die großen Boote erobert. Ihre braunen Körper glänzten in der Sonne, und sie vermittelten einen kampfbereiten Eindruck. Die Voyageure waren an Bord geblieben und bemühten sich um ein ruhiges Auftreten, ebenso die mitgereisten Trapper. Nur der Anführer mit seinen Soldaten hatte sich von Bord begeben. Währenddessen erreichte die Prozession das Dorf und wurde dort von Kleine-Krähe, dem Kriegshäuptling, begrüßt. Er freute sich sichtlich, einen so angesehen Krieger wiederzusehen. Alle verschwanden in der großen Behausung des Anführers, die von dessen jüngerem Bruder gehütet worden war. Auch der lächelte, obwohl ihm anzusehen war, dass er nicht ganz daran geglaubt hatte, seinen Bruder je wiederzusehen. Mit natürlicher Autorität forderte Sheke shote seine Rolle als Führer und angesehener Sprecher des Dorfes zurück. Der Anführer der Weißen trat mit einigen Männern hinein, während die anderen Männer draußen warteten. Es gefiel Mato-wea nicht, wie diese die Frauen und Kinder mit unverschämten Blicken musterten. Hatten sie denn nicht gelernt, den Blick höflich zu senken?
Einige Kinder kletterten auf das Dach der Hütte und versuchten durch den Rauchabzug zu erhaschen, was da vor sich ging. „Sie rauchen die Pfeife!“, signalisierten sie. Dann hieß es: „Sie essen!“
Geduldig warteten die Menschen darauf, dass der Heimkehrer zu ihnen sprechen würde. Es dauerte eine ganze Weile, doch dann trat Sheheke shote aus dem Erdhaus und richtete seine Worte an die Umstehenden. „Ich habe den Großen Weißen Vater im Osten des Landes besucht! Er sieht uns als seine Kinder, die er vor allem Bösen beschützen will. Ich habe viele Dinge gesehen, die so erstaunlich sind, dass ich sie kaum zu beschreiben vermag. Es kommen neue Zeiten auf uns zu, und es ist gut, wenn wir starke Verbündete haben. Ich verlasse mich auf das Wort des Großen Weißen Vaters, der Jefferson heißt. Er hat dafür gesorgt, dass ich wohlbehalten wieder zu meinem Volk zurückkehren konnte. Seht! All diese Krieger wurden geschickt, damit ich den langen Weg durch das Gebiet unserer Feinde machen kann. Einmal mussten wir schon umkehren, und viele ihrer Männer sind gefallen, als sie mich verteidigten. Ich sage euch: Das sind gute Menschen! Sie haben ihr Wort gehalten. Jean Chouteau und Andrew Henry sind nun meine Freunde, denn sie haben die Reise hierher geleitet. Es wird gut sein, in Zukunft mit ihnen Handel zu treiben.“
Beifälliges Gemurmel antwortete ihm. Die Augen der Menschen blitzten erwartungsvoll, denn sie hofften auf interessante Geschichten. Sheheke shote winkte seine Frau heran, die einen seltsamen Behälter herbeischleppte. „Seht, was die Weißen mir gegeben haben!“
Unter den staunenden Augen packte der Häuptling die seltsamsten Dinge aus: eine flache Scheibe, so klar wie das Wasser des Sees, in der man sein Antlitz sehen konnte; ein seltsamer Gegenstand, in dem ein kleiner Pfeil tickend auf Wanderschaft ging; Ketten aus seltsamem Material, die wunderschön glitzerten; eine Dose, aus der eine fremde Melodie erklang, wenn man sie öffnete. Stolz zeigte der Häuptling ihnen Decken, Stoffe, Kleidung, scharfe Messer und Beile; aber auch seltsame Mokassins – und ein Rohr, das immer länger wurde, wenn man daran zog.
Einige Menschen wichen zurück, denn es erschien ihnen wohl wie Zauberei. Der Häuptling schien sich darüber zu amüsieren, denn er schwenkte den Gegenstand vor ihren Augen hin und her. „Das ist keine schlechte Medizin! Die Weißen vermögen Dinge zu vollbringen, die auch uns helfen werden. Sie schmieden Waffen in heißem Feuer, und sie haben Boote, die so groß sind wie ein ganzes Dorf!“
Ungläubiges Gemurmel war zu hören, dann lachten einige Männer und schüttelten die Köpfe. Boote, so groß wie ein Dorf! So etwas konnten sie sich einfach nicht vorstellen. Alle warteten darauf, dass der Häuptling die Geschenke verteilen würde, doch Sheheke shote packte die Dinge wieder ein und ließ sie in die Hütte zurücktragen. Eisige Stille breitete sich aus, denn das war gegen die Tradition. Viele waren entsetzt, wie der Häuptling sich verändert hatte und schlugen einen Umhang vor ihr Gesicht.
„Er wurde von den Weißen vergiftet!“, flüsterte die Tante. „Er weiß nicht mehr, was unsere Vorfahren uns gelehrt haben.“ Sie nickte ihrer Nichte zu, ihr zu folgen, und Mato-wea gehorchte schweigend.




