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Irgendwie mischte sich der herrliche Kaffee- und Kakaoduft mit einem süßlich, säuerlichen Geruch. Die ersten Kippfenster wurden schon laut knackend geöffnet. Keiner der anderen Fahrgäste, saßen sie jetzt auch etwas im Durchzug, beschwerte sich oder verschloss das Kippfenster wieder. Jetzt zog es mir aber allmählich an meinem Sitzplatz, Ich hatte mich auf die hinterste Sitzbank gesetzt und bekam somit die Zugluft aus dem ganzen Waggon um die Ohren. Ich stand auf und setzte mich eine Sitzreihe weiter nach vorn neben einem Fahrgast, der seine Morgenzeitung weit ausgebreitet hatte und in aller Ruhe darin las. Als ich neben ihm Platz nahm, faltete er rasch die Zeitung zusammen und knickte sie auch noch nach unten um, bestimmt mit Rücksicht auf mich und damit ich auf gar keinen Fall bei ihm mitlesen konnte. Dann kippte er seine Lesefläche mehr nach rechts um noch besser lesen zu können und ich nicht mal eine Schlagzeile mehr entziffern konnte, so angestrengt ich mich auch bemühte.
„Na ja, haste heute Morgen aber wirklich mit deiner Bildung auf fremde Kosten Pech! Solltest dir doch wirklich selber eine Zeitung kaufen. Bei deinem Gehalt kannst du dir das ohne Schwierigkeiten erlauben und machst deiner Kollegen am Arbeitsplatz noch eine riesengroße Freude, jeden Morgen die neuste Tageszeitung zum Nulltarif für die netten Kollegen. Die werden dich dann bestimmt schon himmelhoch loben und nur gutes von dir denken und sprechen, der mit der täglichen Morgenzeitung, ein toller und sehr netter Kollege. So einen wünscht sich doch jeder an seinem Arbeitsplatz. Zumal die morgendliche Geldausgabe, das, mal Arbeitstage auf ein Jahr umgerechnet, da kam schon ein kleiner Urlaub zusammen. Wie günstig für die netten Kollegen in der Firma. Bestimmt wäre auch der Chef sehr dankbar für die nette morgendliche Geste von mir. Eine Zeitung, für ihn zum Lesen, ganz umsonst und dann noch das nie gelöste Kreuzworträtsel auf der letzten Seite, das war stets eine Herausforderung für ihn, den Chef, so konnte er seinen Untergebenen jeden Tag beweisen, was über ein enormes Fachwissen er verfügte. Es war schon richtig so, das, alle ihn als ihren Chef und Vorgesetzten akzeptierten und es kein Neid um sein fast doppelt so hohe Gehalt wie das ihre., gab. So ging dann alles gerecht und anständig in meiner Firma zu.“ schlug mir mein Ich überzeugend vor.
Sollte ich jetzt noch einmal meinen Sitzplatz verlassen und mir einen Geeigneteren suchen? Einen Platz neben einer Frau, die vielleicht etwas Mitleid mit mir hatte und mir meine heimliche morgendliche Bildung neidlos gönnte und sogar Verständnis mit mir hatte? Zu dumm, ein geeignetes weibliches Wesen mit einer Zeitung konnte ich nicht entdecken.
„Pech gehabt Noch einmal meinen Sitzplatz wechseln, das wollte ich dann nun auch nicht. Das fiel doch auf, wenn ich immer von einem Zeitungsleser zum anderen wanderte. Da vermutet doch jeder Zeitungsleser sofort, der will nur schwarz mitlesen, das ist einer aus der geizigen Riege, ein kleiner Nassauer,"stellte ich überrascht fest und lehnte mich auf meinem Sitz zufríeden an die Rückenlehne.
Ich blieb neben meinem unfreundlichen Zeitungsleser, war er eigentlich wirklich unfreundlich? Vielleicht wollte er mir nur mehr Platz machen und mich nicht mit seiner Zeitung stören. Er war eigentlich doch sehr rücksichtsvoll zu seinen Mitmenschen. Eigentlich sollte ich doch wirklich sehr froh sein, einen so netten Sitzpartner gefunden zu haben, der mir nicht mit seiner Zeitung vor der Nase herumwirbelte und mir jedes Mal beim ausfalten einer neuen Zeitungsseite einen Knuff in die Seite verpasste. War doch wirklich ein netter Frühaufsteher, sehr rücksichtsvoll und hochanständig.
Da ich am Mittelgang nun saß, konnte ich mich mit den vorderen Sitzbänken beschäftigen, auf denen merkwürdiger Weise keiner der ständig zusteigenden Fahrgäste sitzen wollte. Schwankte der U-Bahnwaggon in einer Kurve etwas, hörte ich ganz deutlich das rollende Geräusch einiger leerer Getränkedosen, mit einem Klick stießen sie an ein Hindernis und begannen in einer anderen Richtung wieder weiterzukullern. Da bog eine leere Bierdose um eine Sitzbankreihe und machte sich auf den langen Weg durch den Mittelgang meines Bahnwagens. An mir vorbei ging die lange Kullertour, bis in die letzte Reihe in meinem Zug. Bremste der gesamte Zug in einer Haltestelle langsam ab, begann die leere Dose, übrigens war sie von der Holsten Brauerei ,wie ich im vorbeikullern deutlich lesen konnte, begann die leere Bierdose, an mir vorbei, wieder dorthin zu rollen, wo sie vor einigen Minuten gestartet war, in den Bereich der säuerlichen Gerüche, ein Klick und es tauchen beim erneuten anfahren der Bahn jetzt zwei Dosen auf, die in rasender Wettfahrt durch den gesamten U-Bahnwaggon rollten. Da stellte sich ein gestrecktes Bein mit einem Männerschuh, sich ihnen in den Weg. Durch den überraschenden Einsatz und die Attacke dieses Schuhes gab es eine Karambolasche mit wilden Drehungen und Restbierspritzern auf den staubigen Fußboden, ein langsames knacken deute unverkennbar an, die eine Dose wurde aus dem rollenden Verkehr gezogen und mit einem Männerschuh rolluntauglich und platt gemacht. Die zweite Bierdose ergriff in rasender Fahrt die Flucht, allerdinge knallte sie mit einem lauten Geräusch gegen das Untergestell einer Sitzbank, drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse, kam durch einen glücklichen Zufall wieder in die richtige Rollrichtung und ergriff ihr Heil in der Flucht durch den Mittelgang in den stinkenden Teil unseres Wagens, wurde aber im Mittelgang gegen einer weiteren Sportschuh geschleudert und gestoppt, unter der Schuhsohle langsam platt gedrückt und unter die Sitzbank geschoben. Aus und vorbei war das lustige übermütige Wettrennen, es gab eben zwei Männer unter den Frühaufstehern, die sehr viel gegen so ein rollendes Wettrennen in unserem U-Bahnwaggon hatten, die sich genervt und belästigt fühlten und ganz bestimmt und fast unhörbar für ein sofortiges Ende dieser illegalen Wetttour sorgten.
„Gut so, das war wirklich mehr als nervig, das ewige hin und her. Mit einer Bierdose hatte es angefangen, dann zwei und wer weiß wie viele noch startbereit im vorderen Teil des Bahnwaggons lagen, das wäre dann aber wirklich zum verrückt werden und das auch noch an einem frühen Morgen in der sonst so herrlich ruhigen Bahn.
Aus dem vorderen Bereich unserer U-Bahn kroch jetzt beim Anfahren des Zuges, wie eine Schlange, ein Rinnsal mit einer Flüssigkeit über den staubigen, grauen Wagenboden. Mal rann der kleine Strom mehr nach rechts, dann wieder mehr nach links, stets abhängig davon, auf welche Seite der Bahnwagen gerade etwas mehr sich neigte oder schwankte. Die dunkele und nasse Spur, von einer mir unerklärlichen Flüssigkeit, war deutlich zu erkennen und wurde ständig länger und länger. Mal stoppte das Rinnsal vor einer Sitzbank, als wenn einer zu ihr sagte, halt bis hier und nicht weiter, dann fühlte sich der kleine flüssige Strom zu einem See auf und begann erneut in eine nicht vorhersehbare Richtung über den grauen Fußboden weiterzulaufen. Erschreckt und angewidert werden zwei schwarze, hochglänzende Damenschuhe je hochgerissen und einen halben Meter weiter rechts wieder auf den Fußboden gestellt.
In diesem Moment blicke ich wieder mal, wie durch einen Zufall, in den vorderen Teil unserer U-Bahn, da wo keiner heute sitzen möchte und sehe einen alten, ungepflegten und abgetragenen Schuh auf der Sitzbank liegend um die Ecke genau zu mir schauend. Der Schuh steckte auf einem in einer nicht mehr ganz so weißen Socke, die einen menschlichen Fuß umgab. Der Fuß gehörte bestimmt zu einem Bein und das wiederum zu einem Menschen, der dort liegen müsste, denn sitzen konnte ich da vorne niemand erkennen.. Wie mochte es wohl in dem Schuh da vorne aussehen? Gehörte der Fuß mit dem Schuh zu einem älteren oder einem jungen Menschen?
„Hauptsache der Schuh da vorne fiel jetzt nicht auch noch von diesem Fuß, freiwillig oder wurde abgestreift, dann steige an der nächsten Haltestelle aus und suche mir einen anderen U-Bahnwaggon mit ordentlichen Menschen und Frühaufstehern,“ das murmelte ich verärgert vor mich hin.
„Hab nur keine Angst, so schlimm wird es nun bestimmt nicht werden. Deine feine, etwas zu groß geratene Nase soll heute Morgen nicht beleidigt werden,“ beruhigte mich mein Ich.
Wäre es wirklich doch noch so gekommen, wie von mir vermutet und befürchtet, so hätte sich unser Waggon an der nächsten und übernächsten Haltestelle vollends geleert, dieser Duft wäre bestimmt viel schlimmer, als das gesamte menschliche Wesen, das da vorne auf der Sitzbank lag und ich hoffte nur inständig, nur friedlich schlief und nicht noch schlimmere Macken hatte, das man dann als einen Notfall bezeichnete. Ich weiß nicht und wahrscheinlich der stolze Schuhbesitzer saß vorne ganz in unserer Nähe, wusste es selber nicht mehr, wann dieser Schuh, natürlich der andere, der Zweite, am anderen Fuß, das letzte Mal das Tageslicht erblickt, gewaschen und ausgiebig getrocknet und gelüftet worden war. Ich tippte ,nach dem Aussehen, auf bestimmt vier Wochen wenn nicht noch länger. Die Socke konnte man bestimmt beim Auslüften schon senkrecht hinstellen, so steif und fest war das edle Gewebe schon, nach dem Einwirken der vielen Sekrete aus Schweiß, Wasser, Hautresten und so weiter. Die Socken wären so einmalig präpariert und über viele hundert Jahre haltbar und unzerstörbar.
Die Schuhspitze neigte sich nach vorne, fuhr unsere Bahn mal wieder an und richtete sich senkrecht, mit der Schuhspitze steil nach oben, auf, bremste unsere U-Bahn vor einer Haltestelle, einem Bahnsteig wieder ab. Aus diesen ständig wechselnden Bewegungen, konnte ich mit absoluter Sicherheit erkennen, hier lag ein vollkommen entspannter menschlicher Körper. Alle Muskeln waren gelockert und ohne Kontrolle, nichts, keine elektrischen Ströme durch Nerven und Muskeln deuteten sich mit einem Zucken an, absolut nichts, hier ruhte ein total erschöpfter menschlicher Körper, der durch äußere Einflüsse in diesen Zustand versetzt war. Würde dieser Körper durch eine Zwangsbremsung der U-Bahn von der Sitzfläche der Bank rollen und auf den Fußboden fallen, es gäbe keine Reaktion, keinen Schrei oder sonst ein Hinweis, hier war noch Leben in diesem Häufchen Haut, Fleisch und Knochen. Der Körper würde am Fußboden, im Dreck und Staub, weiter liegen bleiben und weiterhin das tun, was er auf der Sitzbank auch schon getan hatte, nämlich liegen, in welcher Lage auch immer. Hier herrschte ein Tiefschlaf oder vielleicht inzwischen schon Tod?
„Na nun komm mal endlich wieder auf den Teppich, das sieht doch ein Blinder, der da, ist stinkbesoffen, hört und sieht nichts mehr und kommt irgendwann von alleine wieder auf die Beine,“ schimpfte mein Ich mit mir. Der U-Bahnzug fuhr in eine scharfe Linkskurve. Da wurde das weißgelb bestrumpfte Bein immer länger und länger. Es kam ein graues Hosenbein zum Vorschein. Von einer Art Bügelfalte, wie es sich für so eine Art Hose, die bestimmt schon einmal viel bessere Zeiten gesehen hatte, jetzt befand sie sich in der Endphase ihres Daseins, wahrscheinlich wurde es irgendein Papierkorb neben eine Parkbank im Sommer, gehörte, konnte ich leider nichts mehr erkennen. Diese Hose war bestimmt jetzt zugleich Ausgehhose und Schlafsack für das Häufchen Elend, das zur Zeit in ihr steckte. Woher sollte da noch eine Bügelfalte kommen, ein Bügelbrett, ein Bügeleisen, dafür reichte es inzwischen nicht mehr, viel wichtiger war eine Blechdose oder eine Flasche mit etwas drinnen.
In der nächsten Haltestelle wurde der Zug sehr abrupt aus mir nicht erkennbaren Gründen plötzlich abgebremst. Hatte jemand die Notbremse gezogen? Einige Aktenkoffer, Rucksäcke und Taschen, sorgfältig neben den
Kapitelüberschrift 6
Fahrgästen auf den Sitzen abgestellt, kippten um oder fielen sogar auf den Fußboden.
Eine Frau, die gerade auf dem Weg zur vorderen Ausgangstür war, bekam plötzlich so einen Schwung, konnte sich nicht mehr an den Sitzreihen rechts und links rechtzeitig festhalten und torkelte nach vorne, in den von allen Fahrgästen gemiedenen Teil unseres Waggons, prallte mit beiden gestreckten Händen gegen die Heckscheibe des Bahnwagens, die, Gott sei Dank, dem weiblichen Schwung und Ansturm, standhielt, verlor dann das Gleichgewicht und stürzte auf das dort auf der Sitzbank liegende und nach allen weniger angenehmen Düften riechende menschliche Lebewesen, blieb auf ihm halb sitzend mehr liegend einen Moment fast ohnmächtig vor Gestank und Schreck, so verharrte sie eine Weile an diesem unmöglichen Ort. Dann raffte sie all ihren Mut zusammen und erhob sich an der Rückenlehne der Sitzbank abstützend wieder. Stürzte entsetzt und angeekelt durch die inzwischen geöffnete U-Bahnwaggontür mehr stolpernd als laufend auf den Bahnsteig und rannte schweratmend, ihre Kleidung zurechtrückend in die Mitte des Bahnsteiges. Dort blieb sie, fertig mit den Nerven, über das eben erlebte und durchgemachte Ereignis stehen. Die Wagentüren knallten wieder hinter ihr zu, der Zug setzte sich in Bewegung und nahm Kurs auf die nächste Station.
Einige Fahrgäste um mich herum saßen noch immer da, mit weit geöffnetem Mund über das, was sie soeben erlebt und gesehen hatten.
Was war da geschehen? Wie konnte so etwas passieren? Warum hatte der U-Bahnfahrer so plötzlich bremsen müssen? Warum fuhr er jetzt in aller Seelenruhe wieder weiter, als wäre nichts geschehen bei ihm da vorne und bei uns in unserem Waggon?
„Nun spinn mal nicht so herum! Dafür gibt es alles eine ganz einfache Erklärung. Der Bahnfahrer hatte ein sich mit einem Signal vertan und somit, bei seinem Dämmerlicht, das er als Fahrlicht an seinem Führerwagen hatte, den Beginn des nächsten Bahnsteiges nicht so recht erkannt, oder, er war kurz selber, zu so früher Morgenzeit, selber eingenickt und aufgeschreckt rechtzeitig wieder wach geworden und reagiert. Allerdings hätte sich die arme Frau bei dir im Wagen leicht etwas brechen können. Das wäre dann natürlich sehr übel und unsere Fahrt zur Arbeit wäre erst einmal beendet, denn es hätte einen Notarzteinsatz gegeben. Auf alle Fälle wäre es eine Verspätung geworden, für uns und alle nachfolgenden Züge.,“ belehrte mich mein Ich.
„Du hast Recht! Die Frau hatte wirklich einen Schutzengel, bis auf den Sturz auf das Wesen da hinten, der den halben U-Bahnwaggon für sich hatte und niemand von uns in seiner Nähe haben wollte. Er wollte lieber ganz alleine da vorne hausen. In der Tat, erbrauchte dort vorne sehr viel frische Luft, bei seinem Duft, der ihn umgab.
Da tauchte über der Sitzreihe, im besagten vorderen Teil unseres Wagens, über der Sitzlehne, eine rote Pudelmütze auf. Von der Pudelmütze fast vollkommen verdeckt, blickte ein ungesundes rotes männliches Gesicht zu uns in den hinteren Teil des U-Bahnwaggons. Viel war von dem Gesicht nicht mehr zu erkennen. Die untere Gesichtshälfte war von einem wild und munter wuchernden Vollbart verdeckt. Zwei glasige blaue Augen blickten neugierig zu uns hinüber. Bestimmt war er sehr erstaunt, warum wir alle da hinten, hinter ihm saßen und nicht um ihn herum, wie es sich seiner Meinung nach gehörte. Er war doch kein Aussätziger oder von einer Seuche befallener Mensch. Er war doch genau so, wie du und ich, oder?
Besoffen waren bestimmt schon alle einmal oder auch schon öfters. Also bitte, warum stellen die sich alle so komisch an? Der Kopf mit der Pudelmütze schüttelte sich erstaunt ein paar Mal und versank langsam und dann immer schneller werdend wieder hinter der Sitzbank da vorne und verfiel sofort wieder in diesen so wohltuenden und erholsamen Tiefschlaf wie zuvor.
Alle Fahrgäste hatten ihre Zeitungen auf den Schoß gelegt, um zu der roten Pudelmütze zu blicken, die da so plötzlich und unverhofft für großes Interesse und Neugierde sorgte. Die Mütze war wieder verschwunden und alles ging der morgendlichen und wichtigen Beschäftigung nach, nämlich weiter und wieder Zeitunglesen.. Erschreckt fuhren alle Nasen aus den weit ausgebreiteten Tageszeitungen auf, ein sehr lautes und blubberndes Schnarchen hallte aus dem vorderen Teil des Waggons zu uns herüber.
„Immerhin, er lebte noch und immer weiter. Das war doch sehr beruhigend,“ stellte ich halblaut mit einem Schmunzeln im Gesicht fest.
Vermutlich hatten alle Fahrgäste ihn, den da vorne auf der Sitzbank liegenden, schon für eine langsam verwesende Leiche gehalten. Nach den unmöglichen Gerüchen, die er verbreitete, konnte wahrscheinlich nur ein Pathologe aus einem Krankenhaus mit Bestimmtheit feststelle, ja, der lebte noch, es bestand kein Zweifel und alle konnten voller Hoffnung sein, irgendwann gibt es auch für den da vorne, auch mal bessere Zeiten. Er hatte gerade seinen Tiefpunkt. Da konnte und ging es doch meist wieder bergauf und mit neuen Kräften voran. So war es doch in unserem Leben! Wer hatte nicht schon mal einen Tiefen? Da half manchmal nur noch eins , volllaufen lassen und mal richtig wegtreten. Nichts hören und sehen und alle können einem am Arsch lecken! Nach so einer Kur ging es einem meist tatsächlich wieder langsam gut, man kam auf die Beine, der Verstand und Geist kehrte auch wieder freudig bei einem ein und Mann konnte endlich wieder reihenweise Bäume ausreißen, so bombig fühlte man sich danach.
„Du sprichst mal wieder aus eigener Erfahrung, stimmts? Diese Tour habe ich mit dir schon öfter erlebt und hatte viel Mühe dich wieder auf die Beine und einen rechten Weg zu bringen. Das kannst du mir ruhig glauben, da spreche ich wirklich aus Erfahrung, speziell mit dir. Ja, ja, es ist nicht immer leicht mit dir! Du bist manchmal ein unmöglicher Spinner. Hätte ich doch nur einen anderen Ichpartner abbekommen und nicht dich. Warum habe ich es mit dir so schwer. Du bist auch manchmal vollkommen bekloppt, bist du mich manchmal verstehst. Oh man, oh man, habe ich es schwer mit so einem Blödkerl, wie mit dir,“ schüttete mir mein Ich seinen Kummer und sein Herz aus.
„Ja, ja, du tust mir wirklich sehr leid. Aber was wäre ich ohne ein Ich, nämlich so eines wie du? Du könnte ich mir doch gleich eine Kugel durch den Kopf schießen und du und ich, wir beide hätten endlich unsere wohlverdiente Ruhe. Ich kann doch nichts dafür, das du bei mir oder für mich zuständig bist,“ jammerte ich dem Ich vor. Schweißperlen hatten sich inzwischen schon auf meiner Stirn gebildet, von den anstrengenden Zwiegesprächen zwischen uns beiden. Dabei war unser Wagen nicht überheizt und sommerlich warm, war es heute Morgen auch noch nicht. Also vorsichtig mit dem Handrücken so unauffällig wie möglich langsam und vorsichtig über meine Stirne gewischt, damit es ja keiner von den Fahrgästen bemerkte.
„Ist ihnen heute Morgen nicht gut? Kann ich ihnen etwas helfen? Ich hätte da eine gute Tablette, die mir auch bei solchen Hitzeattacken vortrefflich halfen. Wollen sie eine haben?“ fragte die zeitungslesende Dame mittleren Alters neben mir.
„Nein, nein, vielen Dank! Machen sie sich nur keine Mühe. Mir geht es schon wieder ganz gut,“ erwiderte ich dem netten Angebot. Und ließ meine Hand verschämt in der Jackentasche verschwinden.
„Puh, hat mich doch jemand beobachtet. So ein Mist! Wie peinlich! Ein Mann mit unerklärlichen Schweißperlen, so ganz unverhofft und plötzlich auf der Stirn. Das war doch merkwürdig,“ murmelte ich so leise es ging vor mich hin. Es musste raus, es musste gesagt werden, sonst fühlte ich mich ziemlich dämlich.
„Na, sie haben mir nicht die Wahrheit gesagt! Jetzt murmeln sie schon vor sich hin, was sind das für Anzeichen? Sie sollten doch wirklich besser einen Arzt aufsuchen, sonst kippen sie noch neben mir Hier, nehmen sie meine Visitenkarte! Rufen sie mich an und wir machen einen Termin aus. Ich bin Ärztin und habe meine Praxis in der Innenstadt von Hamburg. Ich fahre immer morgens mit der U-Bahn in meine Praxis, das ist für mich sehr Erholsam und fast stresslos. Ich kenne mich aus, mit den Schweißperlen bei euch Männern. Davon habe ich jeden Tag etliche in meiner Praxis und helfe ihnen mit der besagten Tablette. Sie sollten wirklich eine annehmen. Das bekommt ihnen garantiert,“ belehrte mich die Ärztin neben mir in der U-Bahn. Ich lächelte ihr höflich zu, nahm dankend ihre Visitenkarte und die empfohlene Tablette, warf sie mir mit einem Schwung in den offenen Mund und fast in den untersten Rachen, schluckte ein paar Mal und nickte zustimmend und erneut höflich.
„Danke, vielen Dank! Ich werde ihr Angebot wahrmachen und bei Ihnen in der Praxis anrufen, um einen Termin auszumachen. Eine Untersuchung kann doch nichts schaden. Ich war eigentlich schon lange nicht bei einem Arzt“, erklärte ich der Ärztin.
„Du hast es heute Morgen aber wirklich! Verabredest dich mit fremden Frauen, lässt dich von ihnen verwöhnen und medizinisch versorgen. Mach nur weiter so! Du wirst schon sehen, was daraus wird. Fängst du erst einmal damit an, so geht es immer weiter und jeden Morgen, auf der Fahrt zur Arbeit, sitzt du im Kreise von hübschen und interessanten Frauen in der Bahn und lässt dich mit allem Möglichen verwöhnen! Lass das nur nicht deine Frau erfahren! Die wird dir schon die Lewiten ziehen,“ schimpfte mein Ich mit mir.
„Komm, komm, nun übertreib mal nicht so! Es ist doch, wenn sich jemand, außer meiner eigenen Frau zu Hause, sich ein wenig Gedanken über mich macht, nur von Vorteil für mich. Stell dir einmal vor, alle Menschen sind nur auf sich fixiert, haben Gedanken nur über sich selber und interessieren sich überhaupt nicht für ihr Umfeld und die anderen lieben netten Menschen um sich herum, wäre das deiner Meinung nach gut und richtig? Das glaubst du doch selber nicht. Gerade du, der immer so vernünftig und objektiv alles beurteilt. Neh, neh, jetzt spinnst du aber gewaltig,"“konterte ich etwas erbost und wütend über so viel Dummheit. "Bleib du nur schön alleine und sauber! Nur wegen der Meinung deiner Frau, das kann doch wohl nicht wahr sein! So wie ich meine liebe Frau einschätze, würde sie sich freuen über das Angebot der Ärztin. Sie kämpft schon seit geraumer Zeit mit meinem Dickkopf und drängt mich, doch endlich mal wieder zu einem Arzt zu gehen und mich gründlich durchschecken zu lassen. Sie macht sich meinetwegen große Sorgen,“ setzte ich meine Kritik über die Äußerungen meines Ich`s weiter.
An der nächsten Haltestelle stand die Ärztin neben mir von ihrem Sitz auf, glättete mit der linken Hand die Vorderseite die Jacke ihres Kostüms und drängte sich an meinen, inzwischen von mir höflich angewinkelten, Beinen vorbei in den Mittelgang. Dort drehte sie sich noch einmal kurz zu mir um.
„Also, nicht vergessen möglichst rasch bei mir in der Praxis anrufen! Nichts auf die lange Bank schieben. Je eher je besser. Man kann ja nie vorher wissen. Eine gewissenhafte Kontrolle ist immer besser und beruhigt das Gewissen auch ihrer Frau. Dann Tschüss!“ Sagte sie und entschwand durch die inzwischen geöffnete U-Bahntür schnellen Schrittes über den Bahnsteig in Richtung Treppe. Ein tiefer Seufzer drang aus meinem Inneren, dem Inneren da ganz tief und weit an wichtigen Stellen in mir.
„Verdammt, die Frau hat vollkommen Recht! Du bist doch ein dickköpfiger alter Trottel. Der immer mal kräftig getreten werden muss, bis etwas bei ihm geschieht.“ Stellte voller Einsicht endlich mal selber fest. Bisher war das die dringende Ausgabe von meinem sogenannten Ich, meinem besten Freund an meiner Seite.
Jetzt hatte sich im vorderen Bereich unseres Waggons, auf der besagten und von allen Fahrgästen samt einem weiten Umkreis streng gemiedenen vorderen Hälfte des U-Bahnwagens, eine zweite vergilbte Socke mit einem Schuh daran eingefunden. Der eine Schuh versuchte sich mit der Hacke auf die Schuhspitze des anderen zu stellen, was jedoch aber immer nur für einige Sekunden funktionierte, denn bei einem schlingern und ruckeln des Bahnwagens, war es unmöglich für zwei Schuhe so einen Turm zu bauen. Dazu bedurfte es höchster Konzentration und Anspannung, was leider bei dem menschlichen Körper in dem desolaten Zustand unmöglich war. Selbst ich hätte es nicht in die Reihe bekommen. So nach einigen Fehlversuchen, blieb dann der linke Fuß auf dem rechten Fußknöchel liegen. Jetzt schwankten beide Schuhspitzen mal nach rechts mal nach links. So war es viel einfacher und sah auch gar nicht mal so schlecht aus für einen Beobachter, wie mich. Da inzwischen meine zeitungslesende Nachbarin, die soeben ausgestiegene Ärztin, nicht mehr neben mir saß und ich in ihrer Zeitung nichts mehr lesen noch verstehen konnte, hörte ich ab jetzt auf alle merkwürdigen Geräusche und registrierte alle Bewegungen um mich herum.. Neben dem Rollgeräusch der Räder auf den Stahlschienen und dem brummen und heulen der Antriebselektromotoren und dem auf- und zuklappen der vielen U-Bahnwaggontüren, vernahm ich jetzt ein Geräusch, dass aus dem vorderen Teil unseres Wagens zu kommen schien und wie ein Würgen klang. Kurz darauf plätscherte etwas zu Boden, das schließlich in einem Tropfgeräusch endete. Ich dachte fieberhaft nach und versuchte das Geräusch weiter und genauer zu lokalisieren, plätschern und tropfen, es regnete doch nicht irgendwo durch die vielen offenen Fensterklappen? Alle Fahrgäste saßen ruhig und gelassen auf ihren Sitzplätzen, lasen in ihren Zeitungen oder mitgebrachten Büchern oder dösten so einfach mit starrem Blick vor sich hin.“ Jetzt, was war das?“ entwich es halblaut meinem Mund. Ein fürchterlicher Rülpser mit einem weiteren lang anhaltendem Plätschern, konnte ich deutlich wahrnehmen und registrieren. Ich war mir absolut sicher, das Geräusch musste von da vorne kommen, aus der durchdringlichen Stinkzone unseres Wagens in der morgendlichen U-Bahn. Wo unser rotbemütztes Monster sein Unwesen trieb, gewollt oder ungewollt, das blieb jedem Beobachter überlassen, denn die feine Kinderstube war das gerade nicht, da vorne , ganz in unserer sauberen Nähe. Beim erneuten scharfen Anfahren unserer so gemütlichen U-Bahn aus einer Haltestelle, bog eine Art Lavastrom mit merkwürdigen bunten Stücken und Streifen aus festem Material und einer gelblichen bis weißen Brühe in den Mittelgang und schäumte langsam und mal schneller bedrohlich in meine Richtung und die der übrigen Fahrgäste.




