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2. Geschlossene Münder werden nicht gefüttert
Ich sitze vor meinem Resonanzraum, der fast nichts ist, nur mein Laptop, kurz davor, Angebote von Agenten abzulehnen, die meinen Resonanzraum vergrößern wollen. Ich habe nie gesagt, dass es mir um die maßstabsgetreue Wiedergabe von Tatsächlichkeiten geht. Fake wäre ich, wenn ich meine Ziele aufgeben und mein Schreiben einer Zielgruppenoptimierung unterziehen würde, wie es die Agenten von mir fordern. Aber solange ich echt bleibe, also verbunden mit mir selbst, wird es in der Fiktion keinen Fake geben, nur Feigheit. Beim Schreiben dient die Selbststilisierung dem Thrill, indem sie Tatsächlichkeiten transzendiert. In diesem Sinn ist Selbststilisierung keine Vorgeblichkeit, sondern eine Möglichkeit, literarisch zu einer anderen Wahrheit vorzustoßen; zu einer tieferen Wahrheit, die nicht mehr nach autobiografischen Ursprüngen oder den Unterschieden zwischen Fakt und Fiktion fragt und nur noch nach der Echtheit des Erzählten. Nur weil ich meinen Mund öffne, muss ich mir keinen bondagemäßigen Ballknebel umbinden lassen.
Wir leben in einer zunehmend vorproduzierten Gegenwart; wir sind dabei, massenweise zu verklonen – auch aus Angst davor, uns wirklich zu bekennen und wieder einzeln und echt zu werden. Welche Realness kann der Mob haben, wenn er gleichzeitig charakterlos, pseudo-tolerant und fremdgesteuert ist, angehalten von der Normativität einer neidlosen Nettigkeit? Wenn eine solche Eingeschlossenheit vorherrscht, wie soll dann die Kunst, die entsteht, radikal und unabhängig und weltenöffnend sein? Das Problem an Ballknebeln ist, dass auch die nicht mehr ihre Münder schließen können, die eigentlich gar nichts zu sagen haben.
Am Beispiel von Maverick können wir allerdings erahnen, dass der Resonanzraum, was Kunst angeht, nicht entscheidend ist, sondern radikale Subjektivität. Der Mob hat sich von Resonanzräumen abhängig gemacht, während Maverick konsequent seinen Hustle verfolgte. Das heißt, er hielt zwar seinen Mund nicht geschlossen, aber er hat auch auf die Ballknebel verzichtet. Ich frage mich, wie es mit ihm weitergeht; ob der Fame ihn zerstören wird, oder ob es ihn zerstören wird, wenn der Fame wieder verschwindet. Vielleicht hat er aber auch wirklich Ziele und will nur genug Geld für zwei neue Nieren bekommen. Ich wünsche es ihm. Vielleicht sind die zwei Nieren der Vorteil, den Maverick gegenüber dem Monarchen hat. Wahrscheinlich sind nur Ziele echt und alles andere Eitelkeiten. Zwei neue Nieren sind eine echte Ambition: Wenn auf dem Subnanolevel des Hustles keine Sehnsucht existiert, führt Subjektivität nirgendwohin. Radikale Subjektivität ist immer existenziell und nackt vor der Welt, egal, wie sie sich letztendlich äußert.
3. Reiseberichte aus der Hood
Ein Beispiel für radikale Subjektivität ist das Werk von Karl May. Obwohl er seine Romane immerzu als Reiseberichte ausgab, besuchte er Amerika erst im Alter von sechsundsechzig Jahren, kurz vor seinem Tod. Wer Karl May deshalb als fake bezeichnet, kann sich ficken. Im Schreiben verschwimmen Tatsächlichkeiten und Eitelkeiten, aus Sehnsüchten werden manchmal tiefere Wahrheiten, aus Selbststilisierung wird manchmal Weltliteratur. Als ich die Bücher von Karl May zum ersten Mal gelesen habe, gab es nichts, was mich weniger interessiert hätte als seine Biografie. Die Echtheit von Maverick ist anders als die Echtheit von Karl May; weil es bei Maverick um die Echtheit von Maverick geht, und bei Karl May geht es um die Echtheit der Sehnsüchte, die das Schreiben für ihn zu einer inneren Notwendigkeit machten. Der Hustle von Maverick ist verankert in einem sozialen Realismus, und es ist egal, ob er wirklich im Ghetto lebt oder in einer endlosen Siedlung aus Mehrfamilienhäusern. Maverick will Reichtum, Reichweite und zwei neue Nieren. Der Hustle von Karl May war verankert in seiner Fantasie, im Fernweh; sein Bekenntnis ging so weit, dass er das Beschriebene für das Erlebte ausgab, die Selbststilisierung für Tatsächlichkeit; und irgendwie hatte er die Abenteuer auch erlebt, weil wir alle sie nacherleben können. Niemand hat gesagt, dass die Fantasie weniger echt ist als die Tatsächlichkeiten, niemand hat gesagt, dass die Fantasie keine Tatsächlichkeit ist. Niemand hat gesagt, dass ein Tipico-Wettschein mehr zählt als die Liebe zu Nscho-tschi, oder dass sich die Einsamkeit in Neukölln unterscheidet von der Einsamkeit in einem Wilden Westen, der so nie existierte.
Die Fiktion muss nicht von einer allen zugänglichen Wirklichkeit ausgehen, sie muss nur mithelfen, uns zu ihr zurückzuführen und die Welt wieder ein bisschen gültiger zu machen. Wir haben das nötig, weil wir unsere Köpfe in Treibhäusern ziehen. Wir ziehen unsere Köpfe in Filterblasen. Ich mag Treibhäuser, solange sie nicht zu Hirnschranken mutieren. Es ist mittlerweile schon der 28. August 2017. Ich habe noch keine Angebote abgelehnt, ich habe noch nicht mal gefrühstückt. Ich verstehe, dass Fake News ein Problem sind: fingierte und manipulierte Wirklichkeiten, die darauf abzielen, uns voneinander zu distanzieren, uns allmählich abdriften zu lassen. Aber ich werde deshalb die Fiktion nicht mit einem Realismuszwang verfluchen, das wäre die eigentliche Feigheit angesichts meiner inneren Notwendigkeiten. Entweder echt oder gar nicht. Mag sein, dass die Zeiten gerade hart sind. Aber guess what I’mma do?
Mama told me not to sell work / Aufzeichnungen vom 12. September 2017
Ich habe seit Tagen keine Liegestütze gemacht, keine Yogaübungen für meinen abgefuckten Rücken; aber ich stehe im sechsten Stock auf dem Balkon und betrachte die Bahngleise, die sonnenverbrannten Dächer, die terrakottafarbenen Hauswände, die Altstadt auf dem Berg, die Alpen dahinter. Ich könnte sagen, dass ich mich selbst loope, aber ich flexe stattdessen, auch wenn ich zeitweise unsicher bin. Nichts, was in mir passiert, kann vermieden werden. Ich höre die endlosen Halleffekte auf Kelly Price (Migos und Travis Scott); und auf meiner Hirnrinde spiegelt sich die Lavalampe. Über dem, was nicht vermieden werden kann, ist eine Anhäufung von Fremdeinflüssen, denen ich mich hingebe, weil ich das Fremde meistens für wichtiger erachte als mich selbst. Ich verpflichte mich zu nichts, was pasteurisiert ist. Ich weiß, dass Philippe Gerlach in seinem Berliner Studio sitzt und Bones hört: dessen lange, hauchdünne Haare und die kategorische Ausgelassenheit beim Todestanz; Gothic Trap, der aus blechernen Laptoplautsprechern kommt: Fuck a closed casket, bitch, put me with the trees / let me rot, throw some seeds, water me and give me leaves / all I’ve ever wanted was to be / breathing the way the ocean be. Wir telefonieren selten, Philippe und ich, aber ich denke zurzeit oft an ihn. Währenddessen sind Chris und ich immer wieder zum Bahnhof in Bergamo gelaufen. Männer stehen in kleinen Gruppen zusammen; sie halten Softdrinks in den Händen und kontrollieren die Blocks mit sanften oder eiternden Blicken; sie rollen auf alten Fahrrädern durchs Viertel, urinieren immer wieder an denselben Baum. Manche von ihnen sind Alkoholiker, das ist ersichtlich. Ich versuche ihnen telepathisch zu übermitteln, dass ich ihre Anwesenheit schätze, unsere gleichzeitige Anwesenheit. Ich gehe an ihnen vorbei. Und ich kaufe nichts, obwohl ich will. Sie fragen codiert, was wir brauchen, und machen uns sexuelle Avancen. Es regnet seit Tagen. Ich habe das Gefühl, unwiederbringlich älter zu sein, weil in mir die Gewissheit entsteht, dass manches, was ich erlebt habe, tatsächlich abgeschlossen ist. Nie waren Erlebnisse abgeschlossen für mich, immer überlappten sie bis in die massive Gegenwehr meines Bewusstseins hinein. Mich erleichtert das einerseits, und es macht mich schwermütig, weil ich mich frage, ob es nicht besser wäre, wenn alles immerzu durchlässig bliebe. Aber ich bin zuständig für das, was verschüttet wurde; und für das, was bedroht ist, verschüttet zu werden. Dass manches abgeschlossen ist, bringt mich dazu, so lange weiterzuschreiben, bis sich das Unkalkulierbare wieder einstellt.
Gestern habe ich halluziniert: Ich habe bewaffnete Polizisten gesehen, die auf uns warten, am Münchner Hauptbahnhof, mit Taschenlampen in der zähen Dunkelheit, mit Maschinengewehren, scharfe Schäferhunde mit Maulkörben, der Grenzschutz des Unaussprechlichen, und ich konnte nicht davon ablassen, über allem Helikopter zu hören. Kurz war ich mir sicher, dass ich nie wieder davon würde ablassen können, und ich habe geahnt, in der Halluzination, dass ich einmal unverdächtig war, solange ich in Feigheit lebte, aber jetzt werde ich verdächtig sein, bis ich mich zum Polizeistaat bekenne. Als ich nicht mehr halluzinierte, wusste ich, dass die meisten Sehnsüchte in der Simulation befriedigt werden können, in einer Vorgeblichkeit, die unvollständig und gleichzeitig immersiv ist. Weil ich innerlich nach Widerspruchslosigkeit suche, vervollständige ich die brüchigen Immersionen oft automatisch zu einem Hallraum, der mich schützend umgibt, und ich kompromittiere meine Sehnsüchte, was sich verkrustet anfühlt und genmanipuliert. Ich schreibe weiter, damit die Vorgeblichkeit nicht die Wirklichkeit ersetzen kann.
Vorhin sind Chris und ich an einem kleinen Supermarkt vorbeigekommen, in der Via Giovanni Battista Moroni, in dem es eigentlich nichts gab außer Fertigprodukte und einen Kühlschrank voll Bacardi Breezer: rot, grün, orange, gelb. Wir haben ein paar Flaschen gekauft und sind durch den Regen zurück zu unserem Apartment gelaufen. Kurz sind wir sogar gerannt, um unter der Bahnschranke durchschlüpfen zu können, bevor der Zug kam. Die orangen Straßenlampen haben uns beobachtet, aber sie vergessen schnell und sammeln keine Informationen. Im Treppenhaus habe ich mir Wasser aus den Haaren gedrückt. Und nachdem wir unsere durchnässten Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft hatten, setzten wir uns barfuß vor den Laptop, Chris aufs Sofa, ich auf den Boden: Wir haben eine Doku über Basquiat geschaut und Bacardi Breezer getrunken. Ich war bald benebelt vom Alkohol und high von den E-Stoffen; aufgebrochen, unabgeschlossen, durchlässig. Welche echten Sehnsüchte sind mir geblieben, seit damals vor fünfzehn Jahren, als es normal für mich war, Bacardi Breezer zu trinken? Ich war schon immer verwickelt in romantisches Verlangen und Neugierde, in die Durchdringung der Vorgeblichkeit, alles spielt sich ab zwischen Stripclubs, Hinterhöfen, Animes und Berghängen unterhalb der Waldgrenze. Der Journalist fragt: »Is there any anger in you?« Basquiat antwortet: »Yes, of course there is.« »What are you angry about?« »I don’t remember, you know.« Aber ich weiß, dass ich mich wieder erinnern werde, an meine Wut, an meinen Zorn. Ich sage nicht, dass es gefährlich werden wird, aber unkalkulierbar, vielleicht sogar rücksichtslos. Nicht mehr zu loopen, sondern offen und unvermeidbar. So saß ich da, auf den kalten Kacheln, die Fenster nach Norden, die leeren Flaschen vor mir, die Nacht durchdrungen von Mücken und Süßungsmitteln. Kann sein, dass ich mich am Bein kratzte. Was soll das sein, die echten Sehnsüchte? Nichts anderes als zunehmende Entgrenzung, zurückgeworfen auf mich selbst, ohne Abgleich mit der manipulierten Matrix. Die Rückgewinnung der Realität.
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