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Mitleid mit allen Betrübten?
Freund, wer hätte so viel Gefühl.
Also sei es unser Ziel:
Mitleid mit den Geliebten.
Das kann ich noch heute, einige Jahrzehnte später, so ziemlich unterschreiben.
Ich habe zu erwähnen vergessen, daß die eigentliche Grundlage meiner freien Existenz ein paar Lektionen waren, die mir Professor Willomitzer verschafft hatte. Obwohl ich aus der Realschule davongerannt war und obwohl ich ihm in einem Ermahnungsgespräch, das er zu führen sich bemüßigt fühlte, meinen scheinbar müßiggängerischen Tag erzählt hatte, hat er mir nicht nur Stunden, die ich seinen Schülern gab, gelassen, sondern mir noch eine besondere deutsche Grammatikstunde verschafft. Ich verdiente gerade so viel, um mittags das Essen in der Volksküche, abends einen bescheidenen Imbiß in der Nähe des Arbeiterbildungsvereins zu bezahlen. Aber die schlechte Ernährung, die Schlaflosigkeit, diese verfluchten Seelenromane in meiner Nähe, all das zehrte an mir. So konnte ich nicht weiterleben. In dieser Situation geschah es, daß einer der Arbeiter, die ich in den Morgenstunden im mütterlichen Geschäft kennengelernt, der Monteur Matthias Huber, nach Paris ging. Er lud mich ein, mit ihm zu kommen. Huber war ein kleiner, stiller, sanfter, etwa vierzigjähriger Mensch, der Freude am Denken hatte. Die echten Revolutionäre, die ich in meinem Leben traf, haben immer unansehnlich ausgesehen und so leise sich bewegt wie Zolas gut gesehener Souvarine. Mir fehlte das Geld zur Reise. In meiner Phantasie spielte es eine große Rolle, daß ich gehört hatte, es ginge allwöchentlich ein ungarischer Schweinezug nach Paris, der nur bis Wien von ungarischen Wärtern begleitet werde. In Wien wurden neue Leute engagiert, die im Notfall mit dem Bahnhofspersonal auch einige französische Worte sprechen konnten. Der Schweinezug dauerte fünf Tage. Ich könnte nun erzählen, daß ich auf einem solchen Zuge nach Paris gefahren bin. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, muß ich gestehen, daß ich es nicht mit voller Bestimmtheit behaupten kann. Ich habe so intensiv an diesen Zug gedacht, ich habe diese Waggons mit grunzenden Schweinen in so vielen Nächten vor mir gesehen, ich kenne den engen Sitz des Wärters, der nur durch eine schmale Holztür abgeriegelt ist, ich habe die endlose Dauer dieses langsam hinkriechenden Zuges – mindestens in meiner Phantasie – so oft und so lebendig empfunden, daß ich heute nicht mehr mit voller Bestimmtheit zu sagen vermag: bin ich in diesem Schweinezug gefahren, oder habe ich es nur geträumt oder gefürchtet? Habe ich es erzählt, weil es so gewesen ist, oder habe ich es erzählt, weil es so hätte gewesen sein können? Es hat in meinem Leben eine Menge Situationen gegeben, die, wenn ich sie oft geschildert habe, ihre wirklichen Konturen und Farben allmählich geändert haben. Wenn ich frei und ungezwungen erzählen soll, wie ich nach Paris gekommen bin, so würde ich die Reise im Schweinezug zum besten geben. Wenn ich aber vor mir selber einen Eid auf die Richtigkeit meiner Erzählung ablegen müßte, so würde ich zu stottern beginnen. Sei es wie es sei, an einem Herbsttage in der ersten Hälfte der neunziger Jahre kam ich in Paris an.
Düsteres Paris
In meinem ganzen Leben bin ich dem Tode nicht so nahe gewesen wie mit achtzehn Jahren, damals in Paris. Nie ist mein Himmel schwärzer, sonnenloser gewesen als um diese Zeit. Überblicke ich meine Lebensreise, so ist es, als werde der Himmel über mir von Jahr zu Jahr heller und blauer. Haben diese inneren und äußeren Kämpfe einen Sinn gehabt, so kann es nur einer gewesen sein: Ich habe mir meine Heiterkeit erkämpfen müssen, und erst als ich halbwegs erwachsen war, so um das fünfzigste Lebensjahr herum, war dieser Kampf um die Heiterkeit entschieden. Damals, zwischen dem achtzehnten und neunzehnten Jahr, war mein Himmel ganz schwarz verhängt.
Ich wohnte in dem Proletarierviertel Belleville, in demselben kleinen Hotel wie mein Wiener Freund, der Monteur Huber. Das sagt sich so leicht: Proletarierviertel Belleville. Aber ich kam aus dem Wiener Bürgertum, wenn auch aus einem verarmten, war gewohnt an helle Wohnräume und vor allem an eine selbstverständliche Sauberkeit und Ordnung. Die Pariser Vorstädte mit ihren alten, steilen, finsteren, viel zu engen Gassen bedeuteten auch für Freund Huber eine Hölle. Täglich ärgerte mich das Rinnsal in den holprig gepflasterten Straßen, in das die Frauen Kübel von Schmutz, Wasser und sonstige Unsauberkeiten mit einer Ungeniertheit ohnegleichen gossen. Unsagbar die tapetenzerrissenen bräunlichen Stuben des Proletarierhotels, in dem ich für fünf Franken wöchentlich hauste. Ein Schrank, ein Tisch, ein Sessel, ein Bett. Statt des Fensters eine Glastür, die bis zum Boden reichte und durch die im Herbst ein scharfer Wind hereinpfiff. Der Korridor so eng, daß zwei Personen, wenn sie einander begegneten, sich dünn machen und an die Wand lehnen mußten, um passieren zu können. Schauerlich die Klosetteinrichtungen. Die wichtigsten Verrichtungen mußte man stehend vornehmen, es fehlte damals – übrigens auch heute noch vielfach – an Sitzaborten. So wird der philosophischsten Beschäftigung jede Behaglichkeit geraubt. Aus diesem Elendshotel floh ich am Morgen, nur nachts war ich in meinem Stübchen. Kein Mensch besuchte mich. Ich glaube, in diesem Pariser Jahre habe ich keine drei Briefe empfangen. Es war ein Jahr mönchischen Lebens. Vormittags lief ich in die Bibliotheken und studierte Proudhon, den philiströsen Erzvater der Anarchisten, nachmittags suchte ich Material zu einer eigenen Arbeit zusammen. Was beschäftigte mich?
In dem Kopf eines jungen Menschen hat nicht eine Philosophie Platz, sondern dreißig Philosophien liegen mehr oder minder ungeordnet neben- oder übereinander. Mein letzter starker Eindruck in Wien war der Philosoph Philipp Mainländer; er hat sich einen Schüler Schopenhauers genannt, weil er sich vom Pessimismus des großen Frankfurters ergriffen fühlte. Aber es lag ein Wertherelement in Mainländers wehleidiger Philosophie der Erlösung. Er selbst hat durch Freitod geendet, und der Gedanke an den Selbstmord ist mir damals Nacht für Nacht durch den Kopf gegangen, nur war ihm die Waagschale gehalten durch einen unwillkürlich sozialen Gedanken. Sterben? Ja, gern, aber das Leben auf irgendeinem Altar niederlegen, es nicht einfach wie Spülwasser in das Pariser Rinnsal schütten, sondern mit seinem Tode einer Idee dienen. Damals hatte ich auch die ersten Schriften von Nietzsche gelesen. Der Begriff des Heroischen hatte sich in meinem Schädel eingenistet.
Um diese Zeit ereigneten sich in Frankreich eine Reihe von anarchistischen Attentaten. Ein wilder Südfranzose, Ravachol, der Münzverfälschung und der Bombenwerferei angeklagt, hatte Frankreich belustigt, indem er auf die Frage des vorsitzenden Richters, woher er denn das Recht hernähme, Zwanzigfrankstücke zu fälschen, erwiderte: »Fälschen? Meine Zwanzigfrankstücke hatten mehr Goldgehalt als die der Bank von Frankreich.« De facto waren die Kupferlegierungen Ravachols goldreicher als die des französischen Staates, und dabei konnte er noch immer ein gutes Geschäft machen. Aber Ravachols Kopf war ohne eigentlichen Märtyrerglanz. Der strahlte um das Haupt eines anderen Attentäters, mit dem ich mich irgendwie seelenverwandt fühlte: der einundzwanzigjährige Emile Henri hatte in ein Café eine Bombe geworfen und einige Menschen schwer verletzt. Befragt, warum er auf diese Leute, die er nicht kannte und die ihm nichts angetan, die Bombe geschleudert, erwiderte er mit leiser Stimme: »Sie saßen so selbstzufrieden hinter den Glasscheiben des Cafés.« In der Verantwortung Henris tauchte immer wieder der Gedanke auf: die Gleichgültigen sind die Schuldigen! Es gilt, die stumpfen Seelen aufzuschrekken; man muß sein Leben opfern, um die Herzen aufzurütteln. Neutral zu sein, ist eine Schuld! … Emile Henri wurde zum Tode verurteilt. Sein Schicksal ging mir nahe wie der Tod eines Freundes. Ich selbst war in ihm angeklagt, ich selbst war in ihm verurteilt. Ich verschaffte mir das Bild Henris. Eine edle Trauer malte sich in dem Gesicht dieses, wie ich heute erkenne, nervenkranken Jünglings. Es gelang mir, Tagebücher Emile Henris aufzustöbern, ich las sie mit brüderlichem Herzklopfen. Gleich der erste Satz in den Tagebüchern war mir aus der Seele geschrieben: »Früher konnte der Mensch, den das Leben anekelte, ins Kloster gehen, heute bleibt ihm nichts übrig als das Spital und das Gefängnis.« Damals trug ich mich mit dem Gedanken, das Leben Emile Henris zu beschreiben; er ist heute vollkommen in Vergessenheit geraten. Das Opfer seines hingeworfenen Lebens ist nutzlos vertan. Kaum für acht Tage hatte er die Bürger erschreckt. Die Selbstzufriedenheit der Phantasielosen ist nicht zu durchdringen. Das Tagebuch Emile Henris ist später veröffentlicht worden in der Zeitung des Kommunisten Jean Grave, eines heute auch vergessenen Revolutionärs, dessen Bedeutung vor allem darin bestand, daß er die Arbeiterschaft von der Teilnahme am parlamentarischen System abzuhalten suchte. Sein berühmtes Flugblatt »Greve des electeurs« – Streik der Wähler – habe ich damals ins Deutsche übersetzt und an Gustav Landauer nach Berlin geschickt. So begann eine Freundschaft, die fünfundzwanzig Jahre gebraucht hat, um wieder abzusterben.
Es machte mir nichts aus, daß ich ein Leben der bittersten Entbehrungen lebte, eigentlich nährte ich mich nur von dem köstlichen Pariser Weißbrot und von gedörrten Pflaumen. Niemals habe ich in diesem Pariser Jünglingsjahr das Paris der Boulevards, das Paris der großen Vergnügungsstraßen, das Paris der entzückenden Umgebungen, geschweige denn das Paris der eleganten Leute auch nur mit einem Blick gesehen. Ein einziges Mal habe ich Montmartre gestreift. In Wien hatte ich einen jungen Sozialisten kennengelernt, der wie ich eine heroisch betonte Bewegung wünschte. Er wohnte bei seinen reichen Eltern in der Praterstraße und ist später der erste Dramaturg der Reinhardt-Bühnen geworden. Dieser junge Mensch war für einige Zeit nach Paris gekommen, um es zu genießen. Er wohnte in einem Hotel der großen Boulevards. Von dort schickte er mir einen Rohrpostbrief, ich möge ihn morgen Abend um neun Uhr mit unserem gemeinsamen Freunde Huber am Eingang des Moulin Rouge erwarten. Er gehörte nicht zu unserem törichten Mönchsorden und wollte uns offenbar etwas von den Reizen der Vergnügungsstadt zeigen. Wir fanden das freundschaftlich. Ich kann nicht leugnen, daß ich mich auf den Abend vorbereitete. Schließlich gab es auch in dieser schwärzesten Zeit meines Lebens noch immer eine Karl-Theater-Erinnerung in meinem Kopf. Wenn ich über den Place de la République ging und Straßensänger, von einem Geiger begleitet, ihre sentimentalen Chansons sangen, konnte ich auch damals nicht anders: Ich mußte stehenbleiben, und bei der zweiten Strophe mußte ich den Refrain schon mitsummen. Die Franzosen haben fast bis zum Kriege noch so etwas wie ein Volkslied gehabt. Die Chansonniers von Montmartre knüpften an die entzückende Tradition Berangers an. Noch um die Jahrhundertwende wurden in Paris Pierrot-Lieder gedichtet. Der Gassenhauer, der wirklich rüde Gassenhauer, der ein internationales Fabrikat darstellt, ist erst nach dem Kriege nach Paris importiert worden. Diese kleinen sentimentalen Straßenliedchen, von einer schmelzenden Geige begleitet, sind in diesem bittersten Jahr meines Lebens meine einzige musikalische Nahrung gewesen. Was das Moulin-Rouge-Erlebnis anlangt, mein Freund Huber hatte sich tagsüber sämtliche Flecken aus einem alten schwarzen Anzug herauszusäubern versucht, und ich wollte mit einem schwarzen Jackett protzen, das anzulegen ich noch keine Gelegenheit hatte. Wir standen um dreiviertel neun vor dem Moulin Rouge, die Flügel des großen roten Rades waren mit Lichtern besetzt, gelbe, rote, weiße Lichter schienen durch die Dunkelheit zu knallen. Wir Finsternis gewohnten Gäste aus Belleville standen da und warteten. Kutschen hielten, aus denen hellgekleidete Frauen stiegen, Pärchen schritten Arm in Arm an uns vorbei, und mancher Blick einer neugierigen Tänzerin glitt über uns wartende arme Teufel schnell hinweg. Es wurde neun, und es wurde halb zehn, allmählich begann es uns kalt zu werden. Huber guckte mich mit einem freundschaftlich spöttelnden Lächeln an, und ich sah ihn an, als ob ich sagen wollte: So ist die Bourgeoisie, nicht einen Abend soll man sich mit ihr einlassen … Als es zehn Uhr geworden war, drehten wir dem Moulin Rouge den Rücken und marschierten in unser schwarzes Gäßchen. Nicht einen Augenblick ist uns der Gedanke gekommen, auf eigene Faust das Moulin Rouge für uns zu erobern. In Gottes Namen, mit dem Wiener Führer wollten wir uns in den Strudel stürzen, aber wir zwei Melancholiker allein? Wir dachten nicht einmal daran.
In den ersten Tagen meines Pariser Aufenthalts ging ich die Seine entlang durchs Quartier Latin, um bei den Antiquaren, die hier ihre Holzgerüste aufgeschlagen haben, ein bißchen zu schnüffeln. Bücherwurm, der ich seit meinen Schülerjahren gewesen, vermutete ich hier allerlei Entdeckungen. Während ich bei einem Antiquar die Bücherhaufen durcheinanderbrachte, hörte ich plötzlich meinen Vornamen rufen: »Stefan«. Ich kann nicht sagen, was für eine jähe Freude mich durchfuhr, als ich plötzlich meinen Namen hörte. Ich drehte mich um, ein kleiner, hagerer, sehr fidel aussehender Mensch kam auf mich zu und sagte deutsch: »Ich habe Ihren Zunamen vergessen, ich weiß nur, daß Sie Stefan heißen.« Dabei schüttelte er mir die Hand, wie einem alten Freunde, und etwas Ähnliches ist er von diesem Tage an für mich geworden. Es war ein Buchhandlungsgehilfe aus Wien, der in der Buchhandlung gedient hatte, in der ich meine Reclambändchen zu kaufen pflegte. Er hieß Julius Bard und ist später ein großer deutscher Verleger geworden. Damals war er ein armer Teufel wie ich, aber er war nicht ideenverrannt, sondern froh und praktisch. »Wovon lebst du?« fragte er mich.
»Wenn ich das wüßte.« Ich hatte noch zehn Franken von Wien her in der Tasche. »Machen wir doch ein Antiquariat auf«, sagte Bard. »Du verstehst doch auch etwas von Büchern. Trachten wir hier, aus Bücherbergen Erstausgaben und dergleichen herauszufischen, und senden wir sie nach Wien an meine Buchhandlung, die antiquarische Bücher zu anständigen Preisen kauft.« Wir opferten jeder zehn Franken für das Geschäft und kauften für zwanzig Franken einen Stoß gut ausgesuchter hierher verirrter Erstausgaben. Nach einer Woche erhielten wir den doppelten Betrag aus Wien zugeschickt. Von diesen Entdeckungen bei den Bücherbudikern haben Bard und ich ein Jahr lang in Paris gelebt. Wir haben in jeder Woche zwei Forschungsreisen unternommen und so viel dabei gefunden, wie wir zu unserem bedürfnislosen Leben brauchten.
Alles wäre gut gegangen, wenn Huber mich nicht eines Tages von hohem Fieber geschüttelt, zu matt, um aufzustehen, in meinem Bett gefunden hätte. Es fiel mir nicht ein, einen Arzt holen zu lassen. Das Fieber entsprach meinem inneren Zustand, ich wollte gar nicht genesen.
Aber mein guter Huber saß allabendlich an meinem Bett. Am Morgen legte er in der fürsorglichsten Weise ein paar Nahrungsmittel auf denTisch, weißen leichten Käse, Obst, Schinken und eine große Flasche des langweiligsten Mineralwassers der Welt, Evian. Nach drei Wochen verließ ich das Bett. Als ich aufstand, war ich noch weißer im Gesicht als sonst und noch hagerer als vorher. Meine einzige Unterhaltung waren ein paar Zeitungen, die mir Huber regelmäßig brachte. Paris war damals mitten in den wildesten Aufregungen der Dreyfuskampagne. Kaum war ich halbwegs auf den Beinen, ich zitterte noch in den Knien, wenn ich die Treppe hinunterging, da beschloß ich, in die Kammer zu gehen, um Jaurès zu hören. Zweimal war ich vergebens dort, alle Eintrittskarten waren längst ausgegeben. Da vertraute ich diesen Wunsch meinem Freunde Bard an. Er lächelte verschmitzt und sagte: »Ach, du bist ja ungeschickt, auf normalem Wege können wir nie in die Kammer kommen. Ich hole dich morgen früh ab.« Am nächsten Tage fuhren wir auf dem Omnibusdach zur Kammer. Es war etwa eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung. Bard ging resolut auf die Pressetribüne los, er ließ durch einen Diener einen deutschen Zeitungskorrespondenten herausbitten und sagte ihm: »Wir können beide stenographieren, dürfen wir Ihnen nicht irgendwie heute nützlich sein?« Das Angebot wurde angenommen, wir wurden auf die überfüllte Tribüne geboxt, und ich hörte Jaurès zum erstenmal sprechen. Ich habe in meinem Leben viele berühmte Redner gehört. Ich habe Bebels hitzige Prophezeiungen vernommen, ich hatte das Glück, Viktor Adlers beißende Reden zu hören, ich habe Friedrich Naumanns Gedankenpathos genossen und Stresemanns wohldurchdachte Arien. Aber kein rethorischer Eindruck ist auch nur einen Augenblick mit der Urgewalt der Jaurèsschen Reden zu vergleichen. Der bärtige kleine Mann legte sich über das Rednerpult, und in seinen ausgebreiteten Armen schien er ein Meer zu tragen. Er war kein Redner, er war – ein tönendes Stück Natur. Die Wellen seiner pathetischen Empörung donnerten langsam heran und steigerten sich zu immer höheren Bergen. Und dann hatte er ein ganz leises Pianissimo. Seine Rede atmete, er stürmte vorwärts, und er sah sich um – die Stille zwischen den Gewittern war bezwingend. Jaurès, von Beruf Philosophiedozent, hat als Redner nie durch Bildung zu wirken gesucht. Er war ein Ethiker, ohne es zu wissen, und er wirkte ethisch, ohne es zu wollen. Sein französischer bon sens gab ihm eine instinktive Gliederung der Rede. Im Grunde genommen bestand seine rethorische Technik darin, daß er imstande war, seinHerz zu öffnen.
Ich ging von dieser ersten Jaurèsrede vollkommen bezwungen nach Hause, und was das Schönste war, der Bann des mönchischen Lebens schien gebrochen. Ich wollte nun jede Phase des Dreyfusdramas miterleben, Aktivismus, das bedeutete also nicht nur Attentate, direkten oder indirekten Selbstmord, Aktivismus, das konnte also auch ein schrittweises Erobern und geistiges Durchdringen der Welt bedeuten! Der Tag, an dem ich Jaurès gehört hatte, hat den zölibatären Bann des isolierten Jünglings gebrochen. Einige Tage später gab ich das düstere Asyl in der Avenue Parmentier auf und übersiedelte mit meinem Freunde Bard ins Quartier Latin; so waren wir den Antiquaren und der Kammer näher. Übrigens empfing ich von den deutschen Korrespondenten, denen wir uns bei den Dreyfusdebatten zur Verfügung gestellt hatten, nur Freundlichkeiten. Ich muß damals furchtbar elend ausgesehen haben. Zwei Jahrzehnte später hat ein Röntgenologe, der mich untersucht hat, aus dem Narbenbilde meiner Lunge auf eine schwere Jugendtuberkulose geschlossen. Sicher bin ich damals in Paris nicht nur geistig, sondern auch physisch dem Tode ganz nahe gewesen. Eine Menschenscheu, die ich später kaum mehr begriffen habe, distanzierte mich auch von den Menschen, die mir wohlwollten. Zum Beispiel hätten die Zeitungsleute, denen wir in den langen und anstrengenden Dreyfussitzungen gute Dienste geleistet, sehr gern mehr für uns tun mögen, als uns für unsere Zeit zu entschädigen. An meiner steifen Zugeknöpftheit prallte jeder freundliche Hilfsversuch ab.
Am Weihnachtstage erhielt ich in aller Früh einen Rohrpostbrief der österreichischen Botschaft, worin ich dringend gebeten wurde, doch im Laufe des Vormittags dort zu erscheinen. Gewohnt, das Bitterste zu denken, vermutete ich einen drohenden Prozeß, die Ausweisung, irgendeine Verfolgung durch die Behörden meiner Heimat. Ich kam hin, ein junger Diplomat, Herr von Dumba, empfing mich sehr liebenswürdig, er lächelte ununterbrochen, bat mich Platz zu nehmen und erklärte mir, die Herren hätten eine ganz dringende Übersetzung, die heute noch gemacht werden müsse und für die ihnen im Augenblick leider gar keine Kraft zur Verfügung stünde. Ob ich die Arbeit übernehmen wolle? Das Honorar betrage hundertfünfzig Franken. Ich könne sehr wohl, wenn ich fleißig übersetze, noch im Laufe des Vormittags mit der Arbeit fertig werden. Ich weigerte mich nicht, aber ich war auch nicht gewohnt zu danken. Ich wurde in ein kleines Zimmer geführt. Mein Botschaftsrat verschwand durch eine Tapetentür und brachte mir fünf Minuten später einen Aufsatz aus dem Figaro über die ersten Cholerafälle auf dem Balkan. Ich in meinem ahnungslosen Ernst übersetzte ohne aufzublicken, um zwölf Uhr war ich fertig und konnte Herrn von Dumba die Arbeit überreichen. »Sie haben uns einen sehr großen Dienst erwiesen, Herr Großmann.« Der Botschaftsrat lächelte immer wieder, ich hielt das für diplomatische Liebenswürdigkeit, dann überreichte er mir ein Kuvert mit hundertfünfzig Franken. Ich stieg die breite Treppe des Botschaftspalastes hinunter und beschloß, mir ein kleines Festessen zu leisten. Ich wollte – zum erstenmal – bei Duval speisen. – Erst ein paar Jahre später hat mir Dr. Paul Goldmann, der damalige Korrespondent der Frankfurter Zeitung, verraten, wie schwer es gewesen ist, mir hochmütigem und unzugänglichem Kerl hundertfünfzig Franken zum Weihnachtsabend zuzuschanzen. Die ganze Liebenswürdigkeit der österreichischen Diplomatie mußte für diesen Zweck mobilisiert werden.
Mein Aufenthalt in Paris mußte jäh abgebrochen werden. Eines Abends fand ich auf dem Tisch meines Hotelstübchens einen Brief aus Wien vor, in dem ich dringend aufgefordert wurde, an das Krankenbett meines Vaters zurückzukehren. Am anderen Morgen traf ein Telegramm meiner Mutter ein, kein Zweifel, wenn meine Mutter sich Telegrammkosten machte, dann mußte das Leben meines Vaters in höchster Gefahr sein. Ich hatte zum Glück gerade einen größeren Bücherfang gemacht und trug das Geld zur Heimreise in der Tasche. Am Abend saß ich im Zuge. Damals wäre ich in Verlegenheit gewesen, wenn ich irgend jemand hätte erklären sollen, warum ich an meinem Vater hing. Rational sind ja solche Regungen schwer zu analysieren. Soll ich diese unzerstörbare Anhänglichkeit heute erklären, so ist es wohl das stumme Orientalentum meines Vaters, um dessentwillen ich ihn liebte. Dieses von allen geschäftigen Geistern verurteilte und verdammte stundenlange Sitzen und in die Luft schauen, diese Unfähigkeit, geschäftlich zu denken, dieses frei sein von Zweckspekulationen, mit einem Wort, der gelassene Fatalismus seines Wesens erfreut mich noch heute. Viele Jahre später bin ich in der Türkei und in Ägypten Orientalen begegnet, die Verwandte meines Vaters hätten sein können, Leuten, die mit überkreuzten Beinen stundenlang, das Mundstück der Nargileh zwischen den Zähnen, dasitzen und vor sich hinbrüten konnten. Ihre Aktionslust ist für europäische Begriffe empörend gering, aber wer sagt denn, daß die europäisch-amerikanische Aktivität vor der abgründigen Ruhe eines beschaulichen Orientalen bestehen kann. Jedenfalls haben diese gelassenen Philosophen des Nichtstuns eine Würde, die kein eilfertiger Geschäftsmann der Wallstreet oder des Kurfürstendamms je erreichen kann.
Die Reise nach Wien paßte irgendwie in meine innere Route. Während meines Pariser Aufenthaltes muß wohl die Melancholie der Pubertätsjahre ihren Höhepunkt erreicht, oder um mit den Vokabeln der heutigen Geheimwissenschaft zu reden, meine innere Sekretion muß sich allmählich geändert haben. Die Periode des mönchischen Daseins näherte sich ihrem Ende. Ich wollte nicht länger abseits von den Kämpfen als ein pathetischer Negierer stehen. Damals ging es in Österreich sehr aufgeregt zu. Der Kampf ums Wahlrecht, der mir anfangs so gleichgültig gewesen war, wurde mit einem Elan geführt, der die Massen mitriß. In einer großen Versammlung im Prater hatte ein Arbeiterführer das Wort »Generalstreik« in das Wiener Volk geworfen. Schon in Paris hatten mein Freund Huber und ich viele Abende mit nach der Heimat gerichteten Gedanken und Gesprächen verbracht. Wenn der Wahlkampf imstande war, die Arbeiterschaft so zu entflammen, daß sie zum Generalstreik schreiten wollte, dann war es Unsinn, dieser Volksbewegung sich zu widersetzen, dann mußte man vielmehr mitten in die Strömung springen. Es ist übrigens niemals zum Generalstreik in Österreich gekommen. Alle wirklich glücklich geführten Generalstreiks haben gesiegt, ehe sie ausgeführt wurden. Das Hinreißende am Generalstreik ist die Drohung, das Schwierige die präzise Durchführung auf ein vereinbartes Kommandowort, und das Allerfatalste der rechtzeitige geordnete Rückzug. Fügt sich der Staat oder die herrschende Klasse dem Generalstreik, dann ist nicht einzusehen, warum er nur wegen des bißchen Wahlrechts gemacht werden sollte. Deshalb bedeutet der Generalstreik eine große Generalprobe. Unsere österreichischen Arbeiterführer, vielleicht die klügsten des Kontinents, wußten wohl, daß der nützlichste Gebrauch der Generalstreikidee nicht ihre Ausführung, sondern ihre Ankündigung sei.
Ich kam am Abend am Wiener Westbahnhof an; auf der Reise hatte ich buchstäblich den letzten Centime verbraucht, ich hatte nicht einmal Geld übrig, um in einer Straßenbahn den weiten Weg vom Westbahnhof zu der Wohnung meiner Eltern zu fahren. Einundeinehalbe Stunde lang schleppte ich mich durch die abendlichen Straßen Wiens, mein kleines Köfferchen in der Hand. Auf diesem etwas schwermütigen Heimweg begegnete ich einem jungen Freunde, den ich damals erst verhältnismäßig flüchtig kannte; es war ein hübscher blonder Mensch, mit einem schmalen, sanften Gesicht, das zeitweilig von einem kleinen Spitzbärtchen umrahmt war. Er hieß Alfred Polgar. Ein paar Häuser von meinem Ziel entfernt, begegnete ich ihm. Mein Arm war müde geworden. Er begrüßte mich mit einem zurückhaltenden Lächeln, das vielleicht ein bißchen Freude andeutete, vielleicht auch ein bißchen Mitleid über den kläglichen Aufzug des Heimkehrenden. Jedenfalls nahm er mir das Köfferchen aus der Hand und trug es mir bis vor das Tor des Elternhauses. Das sind nun schon über drei Jahrzehnte her, aber dieses Lächeln ist ihm geblieben, dieses leichte, freundliche Lächeln, das aus ein bißchen Freude und ein bißchen Mitleid gemischt ist, und meinen kleinen Sorgenkoffer hat er mir noch manchesmal tragen helfen.




