LUME - Wo das Licht den Schnee berührt

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„Haben Sie alles mitbekommen, was ich gerade eben gesagt habe?“
Ich zögere.
„Der Pausenverkauf hat heute erst in der zweiten Pause geöffnet. Es gab ein Problem mit der Logistik. Es tut uns leid.“
Als Antwort auf ihre Aussage knurrt der Magen von Markus so laut, dass sogar ich, am anderen Ende des Klassenzimmers, ihn noch hören kann.
Ich habe schon den Türgriff in der Hand, bereit ihn zu betätigen. „Ich wollte sowieso nur auf die Toilette gehen.“ Ich öffne die Tür und lasse Frau Hauser und meine Klasse hinter mir zurück.
Melissa „Oh man, ich habe so Hunger! Warum hat uns niemand gesagt, dass der Verkauf noch geschlossen hat?“
Ich zucke als Antwort auf Eva Marias Frage nur mit den Schultern.
„Gut, dass ich nie etwas mitnehme“, bemerkt sie ironisch.
„Ich kann dir was von meiner Breze abgeben“, schlage ich ihr vor.
„Gerne! Also, wenn das keine Umstände macht und du dann auch noch was zum Essen hast ...“
„Nein, das macht gar nichts“, beruhige ich sie.
Wir trotten wieder den breiten Gang entlang. Ehe ich registriere, was vor sich geht, ertönt der Gong und alle Klassenzimmertüren werden aufgerissen und lassen ihre Schülerinnen und Schüler auf den Gang stürmen. Bis auf eine Tür, weiter vorne.
Wir bewegen uns zügig vorwärts und kommen dieser Tür immer näher. Als wir direkt vor ihr stehen, wird sie aufgerissen.
Lukas Als ich nach draußen auf den Gang schaue, glaube ich zu träumen! Sie steht direkt vor mir! Das neue Mädchen, das mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf geht. Einfach so!
Ich bleibe mitten vor der geöffneten Tür stehen und kann gar nicht anders, als sie einfach nur anzusehen. Ihre Augen strahlen mir schüchtern entgegen. Ihr Blick ist dennoch selbstsicher auf mich gerichtet, als würde sie mich genauso mustern, wie ich sie.
Melissa Mir stockt der Atem: Es ist der fremde Junge, der seit gestern durch meinen Kopf geistert. Und jetzt steht er schlicht und einfach vor mir. Er sieht mich direkt an, funkelt mir mit seinen wundervollen blauen Augen entgegen, aber er sagt kein Wort. Er ist genauso sprachlos wie ich.
In diesem Moment weiß ich ...
Lukas ... dass es mich sowas von erwischt hat!
Ihrer Begleitung scheinen unsere Blicke aufgefallen zu sein. Schließlich ist das fremde Mädchen kurz stehen geblieben, um mich anzusehen. Um mir direkt in die Augen zu sehen!
Es waren nur ein paar wenige Sekunden, in denen wir uns gegenüberstanden, doch tief in meinem Inneren, hat sie noch etwas anderes angestellt. Ich weiß nur noch nicht, was genau.
Jetzt gehen sie weiter, bis zum Ende des Gangs und dann die Treppe hinunter. Kurz bevor sie aus meinem Sichtfeld verschwindet, dreht sie sich nochmal nach mir um.
Melissa Jetzt ist es amtlich: Ich mag diese Schule! Obwohl der Pausenverkauf ausfiel, der mich sowieso nur zu 50 Prozent kümmert. Schließlich habe ich Eva Maria die Hälfte meiner Breze geschenkt.
Sie nagt gerade vergnügt am Mittelstück und fragt mich über den fremden Jungen aus. „Seit wann kennst du ihn?“
„Gar nicht. Wir sind uns nur gestern auch schon kurz auf dem Gang begegnet.“
„Bei ihm hat‘s ja sowas von gefunkt! Er hat richtig gestrahlt, als er dich gesehen hat!“
Ich schaue sie an. „Ja, findest du?“
„Ja, der steht total auf dich!“, Eva Maria ist völlig aus dem Häuschen und lässt dabei ihre rotblonden Locken aufgeregt auf ihrem Kopf tanzen.
„Ich weiß nicht ...“
„Ach, Melissa! Das haben alle in drei Kilometer Entfernung genau gesehen!“, sie schluckt das Stück Breze runter. „Wie sieht‘s denn mit deinen Gefühlen aus, hm?“
Ich zögere, bevor ich antworte. „Er ist schon ganz süß ...“
„Schon ganz süß? Wenn du ihn nicht nimmst, schnappe ich ihn mir!“
Sofort unterbreche ich das Kauen und schaue sie entsetzt an.
„Ha! Erwischt! Du stehst auf ihn!“
Lukas Klar denken ist gerade unmöglich. Selbst während der zweiten Mathestunde bei Frau Hauser. Ich sollte mich endlich auf andere Dinge konzentrieren, sonst komme ich gleich von Anfang an mit dem Unterrichtsstoff nicht mehr mit.
„Die Kleine steht auf dich“, zischt Markus neben mir.
Mein Puls beschleunigt sich. Wie hat er das mitbekommen? Ich ignoriere aber seine Worte. Ich will mir keinen weiteren Ärger mit unserer Mathelehrerin einhandeln.
Ich werde diese Schule hier erfolgreich abschließen, mir das fremde Mädchen schnappen, studieren, dem Mädchen meine Welt zeigen, einen Job ergattern, sie heiraten, Kinder bekommen, glücklich und alt mit ihr werden! Aber um das zu schaffen, muss ich einen Schritt nach dem nächsten gehen: Gute Noten schreiben und sie ansprechen.
Gute Noten klappen nur während des Unterrichts, Ansprechen innerhalb der Pausen. Heute ist Mittwoch, vielleicht hat sie heute auch Nachmittagsunterricht? Ich werde Ausschau nach ihr halten.
Melissa Heute haben wir Sport am Nachmittag. Das ist die erste Schule, an der wir nachmittags Sport haben!
Voller Aufregung ziehe ich mich um. Schulsport war noch nie mein Ding. Ballsportarten schon, Leichtathletik geht auch noch einigermaßen, aber Geräteturnen? Nein, danke!
Als unsere Sportlehrerin verkündet, dass wir heute, an diesem warmen Tag des Spätsommers, raus auf den Hartplatz gehen und Ballspiele machen, bin ich total erleichtert.
„Was ist denn mit dir los?“, fragt mich Eva Maria vergnügt, während sie ihre Haare zu einem dicken Zopf zusammenbindet.
„Ach, ich bin froh, dass kein Geräteturnen stattfindet“, antworte ich.
Eva Maria kichert. „Noch nicht!“
Lukas
Meine Laune ist im Keller, allerdings nicht wegen BWR, sondern, weil ich sie in der Pause vor dem Nachmittagsunterricht, die ja meistens etwas länger angesetzt ist, nirgends gesehen habe. Eine Kantine haben wir nicht, nur einen Supermarkt in der Nähe. Wir waren wohl einfach nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort.
„Wenn ihr letztes Jahr in BWR gut aufgepasst habt, wird dieses Jahr ein Kinderspiel“, beruhigt uns Herr Hofer, unser Lehrer im Fach der Betriebswirtschaftslehre. Ich hatte ihn auch letztes Jahr schon und bin sehr gut mit ihm zurechtgekommen.
„Lukas, welcher Bereich bei BWR hat dich letztes Jahr am meisten beschäftigt?“
Ich grinse, als er mir plötzlich diese Frage stellt. Er weiß die Antwort doch selbst schon ganz genau. Schließlich hatte er alle meine offenen Fragen beantwortet und meine Prüfung als Zweitkorrektor geprüft. Es waren damals elf Punkte, die ich in der Abschlussprüfung ergattert hatte, entspricht also der Note Zwei.
„Die Abschreibungen waren sehr kompliziert“, antworte ich schließlich auf seine Frage.
Zufrieden über meine Antwort nickt Herr Hofer und wendet sich an den Rest der kleinen Klasse.
Wir bestehen hauptsächlich aus Jungs. Zehn Jungs, drei Mädchen. Für mehr Wirtschaftsbegeisterte, die ihr volles Abitur nachholen wollen, hat es nicht mehr gereicht. Schon Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass wir letztes Jahr über 30 Schüler waren.
Der Unterricht läuft schon seit gut einer halben Stunde, als es draußen plötzlich lauter wird. Mein Blick wandert aus dem Fenster, neben dem ich sitze. Als ich auf dem Hartplatz des Sportgeländes viele Mädchen laufen sehe, spüre ich, wie sich mein Puls beschleunigt.
Markus rammt mir erneut seinen Ellenbogen in die Rippen. „Sieh mal, da sind ja die heißen Schnittchen aus der Elften“, flüstert er mir zu. Kein Wunder, dass er wieder Single ist, wenn er so über junge Damen redet.
Mein Herz macht einen Satz, als ich das Mädchen meiner Träume ausmache. Dieses Mal, nachdem ich sie nochmal aus der Nähe gesehen hatte, erkenne ich sie sofort und ohne Verwechslungen. Ihre langen braunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sie trägt eine schwarz-weiße Sportkleidung.
Offenbar spielen sie jetzt Völkerball. Es haben sich zwei Teams auf dem Platz gebildet und die hintere Reihe wird jeweils von einem anderen Mädchen bewacht. Die junge Frau meiner Träume steht mit dem Rücken zu mir und starrt wie gebannt auf das Mädchen vor ihr, das bereits erfolgreich den Ball ergattert hat.
Melissa „Ich krieg ihn, ich krieg ihn!“, Celina, das blonde Mädchen vor mir, ist gerade damit beschäftigt, eifrig nach dem Ball zu springen und hätte mich deswegen beinahe umgerannt. Gut, dass sie in meinem Team ist, dann habe ich vor ihr wenigstens nichts zu befürchten. Außer eben, dass sie mich umläuft.
Zack!
Cool! Ich habe, ohne es zu bemerken, den Ball gefangen! Na warte, jetzt hole ich uns eine der Feindinnen in den Seitenkasten!
Gedacht, getan. Ich habe ein Mädchen, das gerade unaufmerksam war, abgeschossen. Ihr Blick war die ganze Zeit auf die großen Fenster hinter uns gerichtet. Als sie meinen Schlag spürte, protestierte sie zum Glück auch nicht, sondern ging gleich in ihren neuen Bereich auf dem Spielfeld. Ich rechne fest damit, dass sie sich dafür bei mir rächen wird. Also muss ich jetzt besondere Vorsicht walten lassen.
Lukas Ein Handy klingelt. Die Melodie ist die wohl größte Hymne von Queen. Da mein Smartphone eher Phil Collinsspielt, bin ich schon beruhigt, dass es nicht meins ist. Es ist sogar das von Herrn Hofer. Sein Musikgeschmack gefällt mir.
„Entschuldigt mich bitte“, er nimmt den Anruf an und verlässt augenblicklich das Klassenzimmer.
Das war das Stichwort für die Jungs unserer Klasse. Oder besser gesagt, all jene, die so denken wie Markus. Also alle, bis auf mich.
Sie beenden vorzeitig das Abschreiben von der Tafel, reißen die Fenster auf und setzen sich im angeberischen Stil auf das Fensterbrett. Sie beobachten die Mädels draußen und pfeifen den Mädchen nach, als ihnen eine davon den Hintern entgegenstreckt und mit ihm wackelt, als würde sie ihre tolle Figur zur Schau stellen wollen.
Ich verdrehe die Augen und linse unsicher hinter Markus‘ Rücken hervor, ob ich sie sehen kann.
Und tatsächlich: Ich erkenne sie, aber sie sieht mich nicht. Zum Glück! Schließlich will ich nicht, dass sie mich auch als Vollidioten abstempelt, so wie die Hampelmänner da neben mir.
Melissa „Schwing die Hüften, Süße!“, brüllt einer der Jungs von oben und meint damit die große Blondine Clarissa, die ihren Körper aufreizend zur Schau stellt. Was für eine Tussi!
Ich habe einen richtigen Schrecken bekommen, als plötzlich die Fenster aufgerissen worden sind. Warum machen die das? Sollten sie nicht lieber im Unterricht aufpassen?
Insgeheim suche ich die neugierigen Jungs nach ihm ab, aber ich kann ihn nirgends entdecken. Was mich natürlich etwas enttäuscht.
Zack!
Mist! Ich spüre den Ball an mir abprallen und ich bin nicht mehr in der Lage, ihn zu fangen, bevor er den Boden erreicht. Ich war Vorletzte. Jetzt muss ich wohl zum Freigeist wechseln. Ich wollte lieber die Letzte sein, die übrig bleibt, aber insgeheim bin ich froh, jetzt auf der anderen Seite zu stehen. Schließlich muss ich nun keine Angst mehr haben, abgeschmissen zu werden, und ich kann die Jungs uns gegenüber beobachten. Sie gieren gerade so nach unseren weiblichen Körpern. Wie ekelhaft! Tief in meinem Inneren bin ich allerdings froh, ihn doch nicht unter den wahnsinnigen Spannern zu entdecken.
„Das sind übrigens die Jungs aus der W13!“, klärt mich Eva Maria auf, die neben mir steht und auch Mitglied meines Teams ist. Jetzt bin ich noch erleichterter, dass ich ihn nicht sehe.
Lukas „Ach wie süß! Du versteckst dich ja voll!“, sagt Markus entzückt, als er mein Spähen hinter seinem Rücken bemerkt.
„Ja, aber bitte sag nichts!“, flehe ich ihn an.
„Hey Lukas, wir sind doch Freunde. Das würde ich nie tun.“
„Danke.“
„Nicht dafür.“ Er holt Luft. „Deine Kleine wurde aber gerade abgeschmissen und gehört jetzt zum Freigeistteam.“
Ich spähe erneut hinter seinem Rücken hervor. Er hat recht. Unsere Jungs am Fenster haben sie bestimmt erfolgreich abgelenkt.
Ich traue mich näher an die Fensterscheibe heran, um sie mir aus der Ferne genauer ansehen zu können. Sie hat eine normale Figur und wirkt auf mich sehr athletisch, obwohl sie nicht zu den dünnen Püppchen gehört. Ihr Zopf ist lang, fast bis zur Hüfte. Ihr Lächeln ist unverkennbar und sehr bezaubernd. Zumindest habe ich es so in Erinnerung. Sie könnte es wirklich sein, meine Auserwählte. Die optischen Kriterien passen auf jeden Fall. Jetzt muss ich nur noch ihre inneren Werte kennenlernen.

3. Kapitel
Melissa Zu Hause angekommen, lasse ich meine Schultasche in die Ecke meines Zimmers plumpsen. Ich bin müde und möchte am liebsten schlafen oder ein Buch lesen, aber trotz des Nachmittagsunterrichts haben wir den ersten Hausaufgabenberg bekommen.
Ich bin aufgeregt wegen morgen. Die Lehrer wollen uns in den komplexen Bereich der Praktika einweihen. Ich bin ja schon sehr gespannt, wie das alles ablaufen wird und vor allem, wo es mich hin verschlägt.
Lukas Schultasche in die Ecke, ein kurzes „Hallo“ an meine einsame Drei-Zimmer-Wohnung, und schon bin ich im Keller an meinem Schlagzeug.
Mein Onkel, der gleichzeitig auch mein Vermieter ist, hat mir sein Instrument geliehen. Es steht im Keller, damit ich den Nachbarn mit meinem lauten scheppernden Krach nicht auf die Nerven gehe.
Meine Eltern lieben mich zwar, haben aber beschlossen, dass ich – wie sie – selbstständig heranwachsen soll. Also wohne ich in einer Wohnung meines Onkels, zu einer ziemlich günstigen Monatsmiete, seit etwa zwei Jahren. Damals hieß es: „Lukas, ab deinem 18. Geburtstag wirst du dein eigenes Leben leben, denn da haben wir auch angefangen, uns zu einem erwachsenen Menschen zu entwickeln.“
Ich weiß nur leider nicht, ob es tatsächlich an der Lebenseinstellung meiner Eltern liegt oder mein Vater insgeheim immer noch sauer ist, dass ich seine Firma nicht übernehmen will. Und das auch noch als einziger Sohn! Aber Finanzberatung ist einfach nicht die Leiter, die ich in meiner Karrierelaufbahn erklimmen will. Das habe ich damals gespürt, als ich meine Ausbildung bei ihm begonnen habe. Dieser Berufsweg ist einfach nicht meine Welt. Es hat mich einiges an Kraft und Zeit gekostet, es meinem Vater so einfach wie möglich beizubringen, dass ich einen anderen Weg einschlagen möchte. Er hat es inzwischen ganz gut verkraftet, aber unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr so wie vorher. Zudem ist er trotzdem noch etwas eingeschnappt, dass er mit mir nicht mehr vor anderen als sein „Sohn und Nachfolger seines selbst aufgebauten Imperiums“ prahlen kann.
Voller Vorfreude betrete ich meinen Musikraum im gemütlichen Keller des Hochhauses. Es ist so entspannend, nach der Schule ein paar gute Songs zu spielen, um wieder runter zu kommen, und sich den angestauten Stress des Alltages von der Seele zu spielen.
Ich habe vor, an „In The Air Tonight“ von Phil Collins weiter zu üben. Das Lied habe ich auch als Klingelton auf meinem Handy. Es gibt für mich keinen besseren Song.
Ich überlasse meinen Drums das Reden und spiele zum Aufwärmen frei aus dem Herzen heraus. Ich verliere mich ganz in der Musik. Mit jedem Schlag, den ich auf dem Instrument ausübe, spüre ich die Kraft durch meine Adern fließen. Es fühlt sich an, als wäre ich eins mit den Klängen, die ich erzeuge. Das ist die ideale Ablenkung für mein Bewerbungsgespräch morgen.
Melissa Der Donnerstag vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Wir erfahren alles über unser Praktikum: Auf was sollen wir achten? Was sind unsere Aufgaben? Wir bekommen sogar schon das Berichtsheft, in dem wir unsere Tätigkeiten im Unternehmen protokollieren und jede Woche, als Nachweis für unsere erbrachten Leistungen, unseren Chef oder Chefin unterschreiben lassen müssen. In drei Wochen wird uns ein Betrieb zugeteilt. Um die richtige Wahl treffen zu können, müssen wir einen Fragebogen für die Lehrer ausfüllen. Es betrifft den gewünschten Ort des Praktikums sowie die persönlichen Interessen.
Bei „Wo“ schreibe ich: Flussberg, Eisenthal und Umgebung. In Flussberg steht unsere Schule, in Eisenthal wohne ich.
Bei „Interessen“ schreibe ich: Tiere, Bücher, Musik, Kunst und Betriebswirtschaft.
Ich bin gespannt, welches Praktikum für mich ausgewählt wird. Ich bin da völlig offen für Neues und lasse mich überraschen. Bei dem Gedanken daran, für insgesamt neun Wochen pro Halbjahr nicht hier zu sein, zieht sich bei mir der Magen zusammen. Das bedeutet, dass ich den niedlichen fremden Jungen für insgesamt 18 Wochen nicht sehen werde.
Lukas Jetzt ist es soweit: Es ist Freitagnachmittag und die Schule für diese Woche ist abgeschlossen. Leider habe ich das neue Mädchen heute nicht gesehen. Weder in der Früh, noch in den Pausen oder bei der Bushaltestelle.
Dafür stehe ich jetzt vor unserer örtlichen Buchhandlung. Es ist 15:00 Uhr und mein Vorstellungsgespräch startet jeden Moment. Bin ich aufgeregt? Nein. Okay, vielleicht ein wenig.
Die Schiebetür öffnet sich automatisch und ich schreite in das Geschäft. Sofort huscht mir der vertraue Ladenduft in die Nase und die Dame an der Kasse winkt mir erfreut zu. „Herr Mayer?“
Ich bin überrascht, dass sie mich gleich erkannt hat. „Ja?“
„Gehen Sie einfach hoch in den ersten Stock. Sie werden bereits erwartet.“
„Danke“, ich schlucke mehrfach einen Kloß im Hals hinunter. Ich darf das auf gar keinen Fall vermasseln! Buchhändler zu werden, ist schon mein Traumberuf seit Kindheitstagen. Die Tortur mit der 13. Klasse mache ich eigentlich nur, um mir alle Türen offenzuhalten. Schließlich ist diese freiwillig und ich kann sie abbrechen. Und man weiß ja nie, wie das Leben so läuft.
Melissa Ich habe ihn heute nur ganz kurz gesehen. Beim Nachhauseweg. Er ist auch zur Bushaltestelle gegangen. Nur mit dem Unterschied, dass er in den Stadtbus gestiegen ist, nicht in den Linienbus nach Eisenthal.
Vielleicht wohnt er ja in Flussberg oder hatte noch Besorgungen fürs Wochenende zu machen? Ich würde ihn gerne näher kennenlernen, aber ich traue mich nicht. Ich bin viel zu schüchtern. Vor allem, wenn er so gut aussieht. Er hat bestimmt schon längst eine Freundin. Außerdem, was will er schon von mir? Dem kleinen Mädchen mit null Erfahrung?
Ich habe extra meine Kapuze hochgezogen, denn meine braunen Haare sind vereinzelt mit natürlich roten Strähnchen durchzogen und dadurch sehr markant. Er hätte mich so bestimmt schnell wiedererkannt. Das wollte ich nicht. Meine Absicht war, ihn einfach nur heimlich zu beobachten, um mir selbst über meine Gefühle klar zu werden.
Je mehr ich nach meinem Empfinden für ihn forsche, desto sicherer bin ich mir, dass er mehr sein könnte, als nur ein Junge aus der 13. Klasse. Er ist ... Es fühlt sich fast an, als wäre eine Art magisches Band zwischen uns. Ich hatte fast den Eindruck, als würde er nach mir suchen, als er sich beim Warten auf den Bus nach allen Richtungen umgedreht hat. Und wir haben den gleichen Kleidungsstil! Seine Lederjacke ist wundervoll und meiner sehr ähnlich.
Am liebsten möchte ich ihn umarmen und nie wieder loslassen, aber das geht frühestens wieder am Montag, falls ich es schaffe, über meinen eigenen Schatten zu springen, der sich so krampfhaft an mir festhält.
Lukas Das Bewerbungsgespräch verlief gut. Sie haben mir die üblichen Fragen gestellt, mit denen ich schon gerechnet hatte:
Wie stellen Sie sich Ihre Stelle hier vor?
Warum wollen Sie im Buchhandel arbeiten?
Welche Qualifikationen bringen Sie mit?
Wie stellen Sie sich Ihren Berufsalltag vor?
Sie haben mich auch nach meinen Interessen befragt. Von meiner Leidenschaft fürs Schlagzeug waren alle sichtlich beeindruckt. Ich könne doch bei der Betriebsfeier spielen. Natürlich schlage ich so einen Vorschlag bei einem Vorstellungsgespräch nicht aus, aber mir ist schon etwas mulmig beim Gedanken daran, vor einem größeren Publikum zu spielen. Wäre mein Lampenfieber nicht, wäre vielleicht auch eine Karriere als Rockstar gar nicht so schlecht für mich.
Danach gab es noch einen Wissenstest. Das Thema: Geschichte. Offenbar wollten sie sichergehen, dass ich mich auch wirklich für das interessiere, was ich vorgebe.
Jetzt sitze ich im Hause meiner Eltern am Esstisch und unterhalte mich mit ihnen über den Schulstart und mein eben erlebtes Bewerbungsgespräch. Das neue Mädchen lasse ich weg. Ich rede mit ihnen ungern über Liebesthemen. Meine Mutter steigert sich sonst wieder in etwas rein, was noch überhaupt nicht sicher ist.
Melissa Ich sitze in meinem Zimmer. Mein Handy liegt neben mir, in den Händen halte ich ein Buch: eine Liebesgeschichte. Irgendwie ist mir momentan total nach Lovestorys zu Mute. Vielleicht, weil sich gerade selbst eine Liebesgeschichte bei mir abzuspielen scheint. Wer weiß das schon?
Auf jeden Fall weiß ich, dass mir mein Lesestoff langsam ausgeht. Ich habe schon fast alle Bücher gelesen, die sich im Laufe der Zeit in meinem Bücherregal so angesammelt haben. Ich sortiere sie je nach Lust und Laune neu. Aktuell sind sie nicht nach Autor, sondern nach Farben eingeordnet. Die Farbtöne des Regenbogens lassen mein Zimmer so freundlicher und heller erstrahlen, aber ich glaube dennoch, dass ich sie bald wieder neu sortieren werde. Mit neuem Lesestoff! Ich muss unbedingt in den Buchladen in Flussberg und mir neue Bücher kaufen.
Meine Mutter ruft mich. Zeit zum Abendessen!
Ich sprinte nach unten ins Esszimmer und rieche bereits den Duft meines Lieblingsessens. „Schnitzel mit Pommes?“, frage ich aufgeregt in die Runde.
„Richtig!“, ruft meine Mutter als Antwort.
Voller Freude setze ich mich an den Tisch und genieße mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester Clara das Abendessen. Es ist Sonntag. Folglich bin ich ziemlich aufgeregt wegen morgen.
„Melissa, warum zappelst du denn so?“, fragt mein Vater.
„Zapple ich?“
Clara nickt aufmerksam. „Ganz doll!“, ruft sie.
Ich schaue hilfesuchend zu meiner Mutter. „Alles in Ordnung, Schatz?“
Ich nicke. „Ja, ich bin nur aufgeregt.“
Meine Mutter lächelt. Ich glaube, sie ahnt warum. „Willst du uns davon erzählen?“, fragt sie mich neugierig.
Ich schüttle mit dem Kopf. „Noch nicht. Erst, wenn es was zu erzählen gibt“, antworte ich und beiße von einem Pommes ab.

4. Kapitel
Lukas Montag. Klassenzimmer. Aufregung. Zum einen, weil ich heute schon sicher eine Info von der Buchhandlung bekomme, bezüglich meiner Bewerbung, zum anderen, weil mir das neue Mädchen mal wieder im Kopf umher spukt. Ich möchte so gern ihren Namen erfahren! Vielleicht klappt es ja heute in der Pause?
Melissa „Lass uns nach draußen auf den Platz gehen!“, schlägt Eva Maria vor, nachdem wir erfolgreich beim Pausenverkauf eingekauft haben.
„Okay, gern“, antworte ich und wir bahnen uns einen Weg nach draußen, an den Elft- und Zwölftklässlern vorbei. Auf einer freien Bank genießen wir schließlich die Sicht auf den Pausenhof.
„Ich bin schon so gespannt auf unser Praktikum!“, sagt Eva Maria aufgeregt.
„Ja, mir geht’s auch so“, während ich das sage, scheint mein Blick unbewusst über den Platz zu schweben, immer auf der Suche nach ihm.
„Du denkst an ihn, stimmt’s?“
„Ehrlich gesagt, ja. Er hat es mir irgendwie angetan“, sage ich ertappt.
Eva Maria kichert. „Das war kaum zu übersehen, aber ich fresse meine Hefte auf, wenn er nicht auch so über dich denkt. Das war ja ein wahnsinniger Moment, als ihr euch vor seinem Klassenzimmer in die Augen gesehen habt! Da kann man ja richtig neidisch werden.“



