LUME - Wo das Licht den Schnee berührt

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„Hey Melli, ist das nicht dein Bus?“, reißt mich Helena plötzlich aus meinen Gedanken.
Ich stehe vor Schreck auf und sehe nur noch, wie meine Mitfahrgelegenheit in voller Geschwindigkeit an mir vorbeifährt, ohne die Absicht noch anzuhalten.
Mist! Und jetzt?
Der Stadtbus ist kurz vor ihm abgefahren. Mit Lukas und seinem Kumpel an Bord.
„Der nächste Stadtbus geht in 10 Minuten“, sagt Eva Maria.
„Und der nächste Linienbus nach Eisenthal in zwei Stunden“, ergänze ich und seufze.
„Wir begleiten dich in die Stadt und gehen ein Eis essen. Da fährt dein Bus doch auch vorbei, oder?“, schlägt Helena vor.
Ich nicke.
Gesagt, getan. 10 Minuten später sind wir, mit Rädern unter den Füßen, auf dem Weg zur Eisdiele.
Dort angekommen, bestelle ich mir erstmal ein großes Eis mit drei Kugeln: meine Lieblingssorten Schokolade, Vanille und Haselnuss. Meiner Mutter habe ich telefonisch Bescheid gegeben, dass ich mich nach der Schule noch mit meinen Freundinnen treffe. Ich habe schwören müssen, dass ich den nächsten Bus nach Eisenthal nehme. Das hätte ich so oder so gemacht. Natürlich habe ich verschwiegen, dass ich wegen meines Schwarms den Bus verpasst habe.
„Also wenn ihr mich fragt, steht Lukas definitiv auf dich, Melli“, Helena schleckt an ihrer Eiskugel, nachdem sie ihre Meinung kundgetan hat.
Eva Maria nickt. „Das sehe ich ganz genauso. Ihr beide wirkt jedes Mal wie hypnotisiert, wenn ihr auch nur ansatzweise in der Nähe des anderen seid.“
„Ja, kann schon sein“, antworte ich nur. „Aber hey, wie ist das denn eigentlich bei euch? Seid ihr auch verliebt?“, ich versuche unauffällig, das Thema zu wechseln.
Helena grinst mich an. „Also doch! Du gibst es also zu!“
„Was?“
„Na, dass du verliebt bist!“, sagt Helena lachend.
„Ja, bis über beide Ohren“, antworte ich und lache.
Helena und Eva Maria lachen mit. Es ist ein ehrliches und liebevolles Lachen. Ich kann es immer noch kaum glauben, endlich Freundinnen gefunden zu haben.
„Ich hatte mal einen Freund, aber es ist aus zwischen uns“, sagt Helena plötzlich.
„Echt? Wen? Und warum?“, fragt Eva Maria neugierig nach.
„Na ja, nicht so wichtig. Er ist mir fremdgegangen und er ist es nicht wert, auch nur noch ein Wort über ihn zu wechseln.“
Helena war deutlich.
Eva Maria erzählt uns, dass sie einen Freund habe. Er heißt Fabian, studiert bereits und er sei ihre große Liebe. Mehr bekommen wir zunächst nicht aus ihr heraus. Insgeheim bin ich ein wenig eifersüchtig, aber ich freue mich natürlich für sie. Ich kann es kaum erwarten, selber einen Freund zu haben.
„Anderes Thema, seid ihr schon gespannt auf eure Praktikumsstelle?“, sagt Eva Maria plötzlich, nachdem sie uns ein Pärchenfoto gezeigt hat.
Kaum das Thema „Liebe“ abgehakt, ist sie wieder voll und ganz im Leben eines Strebers versunken. Helena und ich haben schon bemerkt, dass Eva Maria unglaublich gerne lernt und fleißig ist. Davon könnten wir uns definitiv eine Scheibe abschneiden. Aber ihr Freund ist wirklich niedlich und sie sehen auf dem Bild sehr glücklich zusammen aus.
„Ja, ich bin schon sehr gespannt“, antworte ich auf die Frage zum Praktikum. Meinen Freundinnen ergeht es nicht anders.
Nach einer Stunde und 30 Minuten Quatschen, machen sich beide auf den Heimweg und lassen mich an der Haltestelle neben der Eisdiele zurück.

8. Kapitel
Lukas Ich verlasse den Buchladen, beflügelt von der Überzeugung, meinen Traumjob definitiv gefunden zu haben. Das Einzige, was mich gedanklich noch an diese Schule bindet, ist sie.
Kaum bin ich um die Ecke gebogen, sehe ich einige Passanten mit einem Eis an mir vorbeilaufen. Ich lasse meinen Blick zur Quelle der „Eisesser“ wandern. Ein Eis wäre wirklich mal wieder schön. Ich könnte sie doch mal auf ein Eis einladen. Jedoch fällt mir schlagartig Leon wieder ein. Nein. Ich kann sie jetzt nicht danach fragen. Ich muss sie beschützen. Und das geht momentan nur durch Ignorieren.
Plötzlich spüre ich ein Augenpaar auf mir ruhen, ein ganz bestimmtes Augenpaar. Ich sehe auf und entdecke jemanden an der Haltestelle unmittelbar neben der Eisdiele.
Es ist sie. Verfolgt sie mich etwa?
Ich muss direkt an ihr vorbei gehen, um nach Hause zu kommen. Es gäbe auch einen Umweg, aber um diesen einzuschlagen, bewege ich mich bereits zu schnell vorwärts. Also steuere ich schnurstracks auf sie zu und setze meine Sonnenbrille auf.
Melissa Ich halte die Luft an. Es ist Lukas! Er kommt direkt auf mich zu! Doch je näher er kommt, desto mehr beschleunigt er sein Tempo. Er muss sich direkt an mir auf dem Bürgersteig vorbeidrücken, wenn er nicht auf die Straße treten will.
Er trägt seinen blauen Rucksack auf dem Rücken, die Hände in die Taschen seiner Lederjacke gesteckt. Als er direkt an mir vorbei geht, dreht er seinen Kopf von mir weg und schaut auf die Straße. Vielleicht sieht er mich durch seine Sonnenbrille nicht?
Mein Herz flattert vor Aufregung. Ich wollte ihn schon begrüßen, doch etwas hindert mich daran.
Als wir in unmittelbarer Nähe zueinander sind, fühlt es sich an, als könne ich seinen Herzschlag spüren. Und auf mich wirkt es als würde es ihm genauso gehen. Doch er schleicht nur an mir vorbei, als wäre ich nichts anderes als eine Fremde, die an einer Bushaltestelle steht.
Lukas Ich sitze an meinem Schlagzeug. Ich muss über meine Gefühle sprechen, aber nicht mit Worten, nur mit Noten. Ich benutze die Becken, die Trommeln, dann alles zusammen und gleichzeitig. Erst nach Lust und Laune, dann nach einer durch Noten vorgegebenen Melodie.
Ich denke an sie und an ihre wunderschönen blauen Augen.
Ich denke an ihren Blick, als ich an ihr vorbei gegangen bin.
Ich spüre den Atem von Leon in meinem Nacken.
Ich spiele weiter, singe heute sogar dazu. Dabei ist es mir vollkommen egal, ob ich den Ton treffe oder nicht. Ich singe einfach das, was gerade aus mir herauskommt. Mit voller Leidenschaft. Als wäre ich auf einer Bühne mit einer jubelnden Menge. Ich lasse alles raus: Meine Wut, meinen Hass, meine Liebe. Ich spiele so lange, bis meine Arme schmerzen.

9. Kapitel
Melissa Am nächsten Tag sind wir alle aufgeregt. Ich habe meinen Freundinnen gestern Abend noch während des Busfahrens über im Chat erzählt, was passiert ist. Natürlich haben sie mich sofort getröstet. Ich bin so froh, dass ich sie habe. Heute sind wir allerdings nicht deswegen aufgeregt, sondern, weil unsere Lehrer verkünden wollen, wohin wir den Wandertag unternehmen werden. Auf diesen habe ich nur Lust, weil ich meine Freundinnen habe. Alleine wäre es langweilig. Und insgeheim wegen ihm. Trotz des Schmerzes, den er gestern bei mir ausgelöst hat.
„Also, da der Wetterbericht eher schlechtes Wetter vorausgesagt hat, werden wir ins Kino gehen“, sagt unsere Lehrerin Frau Wolf und ich kann meinen Ohren nicht trauen! „Der Wandertag ins Kino findet nächste Woche am Donnerstag statt. Am Freitag drauf bekommt ihr eure Praktikumsstellen zugewiesen.“
Als jemand aus der Klasse fragt, ob nur unsere Klasse ins Kino gehe, antwortet unsere Lehrerin, dass sie nicht wisse, wer noch mitkomme. Sie habe im Lehrerzimmer nur etwas von einer 13. Klasse aufgeschnappt. Insgeheim hoffe ich, dass es sich bei der 13 um die Klasse mit Lukas handelt.
Dann stimmen die Schüler noch über einen Film ab. Doch dieser ist mir vollkommen egal, solange eine kleine Chance besteht, dass ich ihn mir gemeinsam mit ihm ansehen kann.
Lukas Ein freudiges Raunen fährt durch die Klasse, als Herr Hofer bekannt gibt, dass wir dieses Jahr am Wandertag ins Kino gehen werden.
Ich schmunzle. Wäre schon irgendwie cool, wenn unsere Klasse gemeinsam mit der Klasse des Mädchens ins Kino gehen würde. Ich könnte mich unauffällig neben sie setzen und auch Leon würde davon nichts mitbekommen, falls wir einen spannenden Streifen anschauen. Aber sie wird mit Sicherheit von ihren Freundinnen umschwärmt sein. Es wird mir kaum möglich sein, während des Films, ein paar Reihen davor oder dahinter, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eigentlich könnte mir Leon egal sein. Ich könnte sein billiges Getue ignorieren, aber dazu habe ich zu viel Respekt vor ihm. Beziehungsweise, vor seinem Vater. Herr Krause ist der beliebteste Polizist der Gegend und arbeitet direkt beim Hauptquartier von Flussberg. Dadurch genießt sein Sohn in etwa eine Art Diplomatenstatus. Mit seinem Vater will sich niemand anlegen und wenn er der Meinung ist, dass sein Sohn unschuldig ist, dann ist das auch so. Da gab es in der Vergangenheit schon genug Vorfälle, die dies beweisen. Wenn er also meiner Angebeteten etwas antun würde und ich Beweise dafür hätte, könnte man ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Aber ich würde sie niemals dafür opfern oder irgendwen anderen.
Melissa Während des Matheunterrichts bin ich offenbar die Einzige, die sich ausnahmsweise mal auf das Geschehen an der Tafel konzentriert. Alle anderen Mädchen, besonders Celina und Clarissa, sind wild am Tuscheln. Das hat schon angefangen, seit Frau Wolf vor ein paar Stunden die Ankündigung mit dem Kino ausgesprochen hat. Eigenartig. Nachdem ich ein paar Gesprächsschnipsel auffangen konnte, bin ich der festen Überzeugung, dass es um Jungs geht.
„Sie reden über die Jungs der 13er“, flüstert Eva Maria.
„Über die Jungs, die immer am Fenster stehen?“, wispert Helena.
„Ich glaube schon“, antwortet Eva Maria leise.
Insgeheim hoffe ich, dass sie recht haben. Wenn sich die Zicken unserer Klasse für andere Jungs als meinen Lukas interessieren, ist mir ihr Gesprächsthema egal.
Das Handy auf dem Lehrerpult vibriert und Frau Huber sieht sofort auf das Display. „Ich bin gleich zurück. Wir haben eine kurze Besprechung im Lehrerzimmer“, bevor sie sich auf den Weg begibt, blättert sie durch unser Mathebuch. „Schlagt mal bitte das Buch auf Seite 15 auf und macht bitte die Aufgaben 2a und 3b. Ich bin gleich zurück.“ Und schon ist sie verschwunden.
Lukas Kaum hat unser Lehrer das Zimmer verlassen, beherrscht wieder eine bestimmte Lautstärke das Klassenzimmer. Markus zeigt mir ständig süße Katzenbabys auf seinem Handy. Als er mir das Bild mit einer kleinen Katze auf dem Rücken eines Hundes zeigt, bebt sein Brustkorb aufgeregt. Er kann sich so über dieses Bild amüsieren, dass ich mich an seinem Verhalten erheitere und meine Sorgen für den Moment einfach mal vergesse. Ehe ich ihn fragen kann, woher er ständig diese Fotos bekommt, wird die Tür aufgerissen und alle verstummen augenblicklich.
„Entschuldigt bitte, dass ich so schnell weg war. Wir hatten eine Besprechung bezüglich des Wandertags ins Kino“, Herr Hofer setzt sich auf den Lehrerstuhl und sieht erwartungsvoll in die Klasse. Wir sehen ihn nur fragend an, gespannt auf die Informationen, die er uns gleich liefern wird.
„Es ist so, dass wir Lehrer aus den letzten Jahren lernen wollen. Es gab, trotz unseres hohen Bildungsstandes, viele Feindseligkeiten zwischen den vereinzelten Klassen. Ganz egal, welcher Jahrgangsstufe. Ihr habt das bestimmt mitbekommen.“
Ich erinnere mich düster daran. Der letzte Dreizehner-Jahrgang war sogar so unmöglich, dass sie Elftklässler auf den Toiletten eingesperrt hatten, die Lehrer beschimpft und Hetzgruppen in Social Media Netzwerken eröffnet haben. Unsere Lehrer waren fast machtlos. Ich bin froh, dass sich unser Lehrerkollegium jetzt Gedanken über so etwas macht und es nicht einfach unter den Teppich kehrt, um vor bestimmten Regierungsleuten in einem besseren Licht zu stehen.
„Deswegen sind wir uns einig, grundlegend etwas verändern zu wollen. Wir möchten nicht mehr nur in Jahrgangsstufen denken, sondern als eine gemeinsame Schule. Deswegen planen wir, dass die Elft-, Zwölft- und die Dreizehntklässler gemeinsam ins Kino gehen. Jeweils die Sozialklassen, die Wirtschaftsklassen, also wir, und die Technikerklassen sollen je einen Kinosaal besetzen und gemeinsam einen Film ansehen. Aus Übungszwecken sogar auf Englisch. Das ist alles schon mit dem Kino in Flussberg vereinbart. Vielleicht können wir auf diese Art den Zusammenhalt stärken, zumindest innerhalb der Zweige. Vielleicht trauen sich dann die schwächeren Schüler der elften Klasse auch mal jemanden, zum Beispiel, aus eurer Klasse bezüglich Nachhilfe anzureden. Das würde auch uns eine Menge Arbeit ersparen“, Herr Hofer lächelt zufrieden, als er den Vorschlag der Lehrer preisgibt.
Und ich lächle mit ihm, weil ich weiß, was das bedeutet. Schließlich hat Markus zufällig aus sicherer Quelle erfahren, dass sie auch eine Schülerin im Wirtschaftszweig ist.
Melissa „Melissa, du weißt, was das heißt, oder?“, fragt Eva Maria aufgeregt, nachdem uns Frau Huber die Neuigkeit bezüglich des Kinos verkündet hat.
„Ich glaube, sie weiß es nicht“, bemerkt Helena belustigt, als sie meine Unsicherheit bemerkt.
Eva Maria rempelt mich an und lacht. „Na Lukas! Er geht auch in die Wirtschaftsklasse“, klärt sie mich auf.
Ich starre sie an. „Woher weißt du das?“
„Erinnerst du dich an die Tür, wo ihr beide euch gegenseitig angesabbert habt? Im Schulgang? Auf dem Schild neben der Tür stand ‚W13‘.“
Mein Herz bebt vor Aufregung, als ich begreife, was das bedeutet: Wir werden im gleichen Kinosaal sitzen!

10. Kapitel
Lukas Seit der Ankündigung gibt es keine ruhige Minute mehr in unserer Klasse. Selbst im Unterricht wird diskutiert, wer neben wem sitzt. Die Schulsprecher, die wir bereits am Montag gewählt haben, waren sogar so von der Idee beeindruckt, dass sie uns von dem Plan überzeugt haben, dass sich jeder einen Sitzpartner aus der anderen Klasse suchen soll. Vollkommen egal, ob Junge oder Mädchen. Es bringt uns zwar nichts, wenn wir während des Films still nebeneinandersitzen und dem Film in englischer Sprache lauschen, aber wir sollen danach eine Pärchenarbeit bilden und einen Fragebogen zum Film ausfüllen. Darauf gibt es Noten in Englisch. Alle sind begeistert von dieser Idee und ich sollte es auch sein. Jedoch gibt es in meinen Augen zwei Probleme:
1. Wie soll ich das Mädchen fragen, ob sie mit mir den Film ansehen will, wenn ich nicht mal ihren Namen kenne?
2. Was mache ich, wenn Leon mitbekommt, wen ich anspreche?
Ich beziehe Markus in mein Problem mit ein. Er sitzt nur still neben mir und saugt jedes meiner Worte in sich auf, wie ein nasser Schwamm.
„Und was jetzt?“, frage ich ihn in der Pause.
„Gute Frage, aber ich würde mich von Leon nicht einschüchtern lassen. Ja, er ist der Mädchenschwarm und der Sohn eines angesehenen Polizisten, aber deswegen kann er sich auch nicht alles erlauben. Außerdem, was sollte er ihr denn antun?“
Ich höre den Worten meines besten Freundes zu. Er hat recht. Was soll er ihr schon anhaben? Warum habe ich so Angst vor ihm? Ich sehe Markus an. „Danke, du bist echt der Beste.“
„Dank mir doch nicht dafür“, er grinst. „Danke mir erst, wenn sie neben dir im Kino sitzt. Händchenhaltend.“
Ein Lächeln huscht über meine Lippen.
Melissa „Wie sind die nur an den Jahresbericht vom letzten Jahr gekommen?“, zischt Eva Maria wütend, während sie Celina und Clarissa beobachtet.
Die beiden sind gerade dabei, die Klassenfotos vom letzten Schuljahr zu betrachten und blättern sich von Klasse zu Klasse durch die Broschüre.
„Eigentlich sind doch nur die Jungs aus der elften und zwölften Klasse relevant, oder? Die aus der Dreizehn sind doch gar nicht mehr an der Schule“, bemerkt Celina.
„Och, Mensch. Dabei sieht einer von denen richtig schnuckelig aus“, bemerkt Clarissa.
Ich verdrehe die Augen.
„Da stehen doch bestimmt auch die Namen dabei, oder?“, flüstert Helena mir zu.
Ich zucke mit den Schultern.
„Das ist deine Chance, seinen Nachnamen zu ermitteln, Melli!“, erklärt Eva Maria mir ganz aufgeregt.
Mit einem Schlag wird mir klar, dass sie recht hat. Vorsichtig stehe ich auf und schleiche mich hinter die beiden blonden Mädchen, die sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen. Sie sind wieder auf dem Bild der damaligen W11b. Es wird ganz genau gemustert, als würden sie sich auf diesem Weg ihren zukünftigen Bräutigam aussuchen. Wie lächerlich.
Dann blättern sie weiter. Die W11c wird fast überflogen, da sie nur wenige Jungs enthielt und diese wohl in ihren Augen kein bisschen attraktiv wirken.
Dann endlich sehe ich die ehemalige W12a. Ich gehe die Gesichter der Jungs durch, doch keins davon ähnelt dem von Lukas. Auch in der Namensliste darunter kann ich seinen Vornamen nicht entdecken. Die Mädchen kichern aufgeregt über den Irokesenschnitt eines Schülers.
„Der steht dem ja sowas von gar nicht!“
„Hihi!“
Ich seufze.
Die Damen drehen sich plötzlich zu mir um. „Was gibt es da zu seufzen?“, fragt Clarissa mich eingeschnappt.
„Ach, nichts“, antworte ich nur und hoffe insgeheim, dass sie sich wieder dem Berichtsheftchen widmet und schnell weiterblättert, bevor die Pause zu Ende ist.
Ich sehe aufgeregt zu Helena und Eva Maria, die mir mit ihren Händen Mut zuwinken. Ich lächle sie an.
Dann macht sich das nächste Geräusch des Umblätterns bemerkbar und eines der Mädchen kreischt laut auf.
„OMG! Ist der süüüüüß!“
Ich starre auf das Foto und erkenne ihn auf Anhieb: meinen Lukas. Vor einem Jahr hatte er auch schon diesen etwas kürzeren Haarschnitt, allerdings waren da seine Haare noch ein bisschen länger. Sie kräuseln sich ganz leicht. Ich glaube, wenn er sie noch länger als jetzt haben würde, hätte er richtig schöne Locken auf seinem Kopf. Auf dem Bild lächelt er dem Kameramann verführerisch zu. Es fühlt sich an, als wäre dieses Lächeln nur für mich bestimmt, falls ich mal, so wie jetzt, den Jahresbericht in die Hände bekommen würde.
Mir wird ganz warm ums Herz. Wie schön es nur wäre, mit einem wie ihm zusammen zu sein. Ein ganzes Leben zu leben, voller Liebe. Wie stolz wäre ich nur, ihn meinen Freund nennen zu können ...
Ich wende meinen Blick von ihm ab und sehe mir die Namensliste an. Es gibt zum Glück nur einen Lukas und dessen Familienname lautet „Mayer“.
„Ja? Den findest du süß?“, zischt Celina aufgebracht und zeigt dabei mit ihrem Finger auf meinen Lukas.
Clarissa nickt aufgeregt und bestätigt damit meine größte Angst. Ein heftiger Schauer läuft mir über den Rücken.

11. Kapitel
Lukas Ich weiß nicht, was ich von diesem Schultag halten soll. Er war nichts als ein ständiges Gemurmel, Getratsche und Gequatsche von Jungs und Mädchen. Ich wusste gar nicht, dass junge Männer auch so viel kichern können. Markus und ich stehen an der Bushaltestelle. In wenigen Minuten wird unser rollendes Gefährt eintreffen und dann fahre ich erstmal wieder in den Buchladen, um mir meinen Arbeitsplan für die nächste Woche zu holen. Da ich nicht in Vollzeit angestellt bin und nur einspringe, wenn mal Not am Mann ist, muss ich da relativ spontan sein. Mein Chef nimmt sich aber meinen Stundenplan sehr zu Herzen. Schließlich nehmen sie öfters mal Studenten als Aushilfskräfte, daher sind sie flexible Einteilungen schon gewohnt.
Plötzlich kommt das fremde Mädchen um die Ecke. Sie schlendert direkt auf mich zu und bleibt unmittelbar neben mir stehen.
Melissa Na gut, ich darf jetzt keine weichen Knie bekommen. Ich habe mit Eva Maria und Helena heute so oft unser Gespräch geübt, dass eigentlich nichts schief gehen kann. Sein Kumpel steht zwar gerade neben ihm, aber das ist egal. Ich schaffe es auch so.
Ich lächle ihn an. „Hi Lukas.“ Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich das gerade echt gesagt habe.
Lukas Mein Herz setzt einen Schlag aus. Es pocht in meiner Brust wie ein Boxer beim Aufwärmtraining. Woher kennt sie meinen Namen? Ich entscheide mich kurzer Hand dazu, einfach nachzufragen. „Hi – woher kennst du meinen Namen?“
Melissa Ein breites Lächeln huscht über meine Lippen. Es klappt! Unser Plan geht auf!
„Vom Buchladen, weißt du nicht mehr?“, antworte ich.
Lukas senkt seinen Blick. Ich habe das Gefühl, in seinen Augen sehen zu können, wie er sich an unser Treffen im Buchladen erinnert. „Ja, stimmt. Du hast dir die fünf Bücher gekauft und warst meine erste Kundin dort“, antwortet er dann schüchtern.
„Genau“, sage ich.
Lukas Natürlich wusste ich das noch! Was hätte ich sonst anderes sagen sollen? Markus rammt mir wieder seinen Ellenbogen in die Seite und ich weiß genau, was er mir damit sagen will. LOS! SCHNAPP SIE DIR!
Prompt ergreife ich die Gelegenheit. Zumindest fühlt es sich für mich so an. „Wie heißt du eigentlich?“
Melissa Ich laufe rot an. Ich weiß es nicht sicher, weil ich keinen Spiegel habe, aber ich spüre ganz genau, wie das Blut in meine Wangen schießt. „Melissa“, antworte ich kurz und knapp.
„Schöner Name“, antwortet Lukas sofort und lächelt mich an.
„Danke“, erwidere ich und wir sehen uns einfach nur in die Augen bis der Bus kommt und Lukas‘ Kumpel ihn am Arm in den Stadtbus zerrt.
Lukas Ich bin wieder im Keller. Wo auch sonst? Nach unserem Gespräch habe ich mit Markus das Erlebte verarbeitet und während des Gesprächs kam mir spontan der Gedanke, meine Gefühle einfach mit Hilfe eines Songs zu verarbeiten. Eine Hymne an die Liebe. Eine Hymne an Melissa. Sofort bin ich mit Block und Schreibzeug in den Keller gestürmt und versuche gerade seit einer gefühlten Stunde Noten mit Text zu Papier zu bringen. Natürlich zunächst keine direkte Klaviermelodie, aber dafür die sanften und stürmischen Klänge eines Schlagzeugs. Ich werde ihr einen Song widmen, meinen ersten eigenen. Ich bin so besessen von der Idee, dass ich meine Hausaufgaben für Freitag komplett vernachlässige.
Melissa „... Zum Geburtstag liebe Helena, zum Geburtstag viel Glück!“, Eva Maria und ich trällern unserer besten Freundin ein Geburtstagsständchen. Eva Maria hat extra beim Bäcker in der Früh noch einen Muffin gekauft und ich habe eine bunte Wachskerze in die Mitte gesteckt, um ihr eine kleine Freude zu machen.
Helena ist richtig glücklich über unserer Aktion. „Ihr seid so süß!“, quietscht sie erfreut auf.
Wir sitzen im Klassenzimmer. Außer uns ist noch niemand von den anderen da. Eva Maria und ich wussten genau, dass Helena immer eine der ersten im Klassenzimmer ist. Also haben wir uns heute extra beeilt, um noch möglichst viel Zeit mit ihr in der Früh alleine zu verbringen.
Ich habe auch meine Eltern in der Zwischenzeit gefragt, ob ich am Samstag bei ihr übernachten darf. Zu meiner Überraschung haben sie zugestimmt. Einem entspannten Samstag steht also nichts mehr im Wege.
Lukas „Darf ich bei dir abschreiben? Bitteeee!“, Markus fleht mich richtig an, als ich das Klassenzimmer betrete.
„Das gleiche wollte ich dich gerade fragen“, antworte ich.
„WAS? Hast du etwa auch keine Französischhausaufgaben gemacht? Das erste Mal in deinem Leben kommst du hausaufgabenlos in die Schule?“, fragt Markus mich völlig überrascht und aufgebracht.
Ich schüttle belustigt und nervös zugleich mit dem Kopf.
„Wer bist du und wo ist der richtige Lukas geblieben?“, fragt Markus mich entsetzt.



