Bravourös in die Suppe gespuckt

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Alljährlich aufs Neue gab es in unserer bescheidenen Bauernwirtschaft eine stolze Herde Gänse, die mein Vater als Gössel aus dem Nachbarort beschaffte. An warmen Sommertagen hatte ich mein Vergnügen, sie mit langer Gerte an den See zu treiben. Wenn sie genug im Wasser getobt und geplätschert hatten, kamen sie artig aus der Badeanstalt zurück und wir watschelten gemeinsam im Gänsemarsch nach Hause. Hinauf auf den Berg neben der Kirche. Die schneeweißen Vögel vornweg, ich hinterher. Mannis Familie hatte auch Gänse. Die hatten, genau wie Blacky, der Hund, ein hartes Los bei ihren herzlosen Besitzern und mit denen wahre Nieten gezogen. Eng eingepfercht und verdreckt fristeten sie ein erbärmliches Dasein, sehnten sich bei sengender Sommerhitze nach einem kühlen Bade. Das erkannte ich längst. Nach dem Bravourstück mit dem entflohenen Hund bedurfte es einiger Überredungskunst, Manni davon zu überzeugen, wie schön es wäre, würden wir unser Geflügel künftig vereint zum Badesee treiben. Probieren könnten wir das doch! Und über diese sinnvolle Freizeitgestaltung würden sich gewiss auch seine Eltern freuen! Ich hatte es geschafft! Gehorsam wackelten unsere zwei Riegen mit lang gereckten Hälsen durchs Dörflein, den Hang hinunter, um zielsicher der weiten Wasserfläche des Sees zuzustreben. Emsig und routiniert nahm meine gefiederte Kompanie ihre Badegeschäfte auf. Mannis Schnatterbrigade hingegen stand noch immer mit schmutzigem Gefieder am trockenen Ufer und rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. Diese Ölgötzen schienen ihr Glück nicht zu begreifen. Das dauerte mir zu lange. Mit meiner Gerte gab es eine kleine Ermunterung – und schwups, saßen die verunsicherten Schwimmschüler wie graue Niveabälle auf dem Wasser. Aber was war das? Die schwammen einfach weg!? Wie von einer magischen Macht angezogen, steuerten sie auf des Sees Mitte zu. Mit bemerkenswertem Tempo, merkwürdig steif, unbeirrt und ohne Halt. Manni stand am Ufer und brüllte unentwegt wie am Spieß sein Hiele, Hiele, den Lockruf aller professionellen Gänsehirten. Und als von seinen Flüchtlingen nur noch winzige Punkte am fernen Horizont zu sehen waren, setzte er sich nieder, senkte sein Haupt und begann fürchterlich zu heulen. Herzerweichend bis markerschütternd. Mir war ein bisschen zum Lachen zu Mute, gleichwohl bei der zu erwartenden Reaktionen seines schrecklichen Polizisten-Vaters verging mir das als Initiator und somit Schuldigem ziemlich rasch. Ich brachte meine Schar nach Hause, Manni brachte seinem Vater die Verlustmeldung bei. Schäumend vor Wut und mit Riesenschritten steuerte der sofort in Richtung Ruderkahnverleih. Wir hinterher. Kaum hatten wir den klobigen Holzkasten bestiegen, da ging die Gänsejagd schon los. Der Schutzmann legte sich so energisch in die Riemen, dass man befürchten musste, die enorme Bugwelle würde am Ufer womöglich verheerende Schäden anrichten. Und so dauerte es gar nicht lange und wir hatten das flüchtige Federvieh eingeholt. Unser Kommandant, mit hochrotem Kopf, schweißtriefender Stirn und aufgerissenen Augen, gab strategische Instruktionen wie zum Morgenappell in seinem Wachrevier. Es nutzte nichts, er ruderte zu ungeschickt. Wieder und wieder wichen die großen Vögel wild paddelnd aus. Mal nach links, mal nach rechts, dann geradeaus und wieder links. Indes, die Flotte der Tierfänger auf hoher See gab nicht auf und nach drei Stunden hatte ich alle Gänschen, eine nach der anderen, am Hals gepackt und Manni vollzählig in den Kahn gereicht. Einen Strauß weißer Schnatterhälse hielt der nun vor seiner Brust. Nun gibt es nicht nur einen Pelikan-, sondern auch einen Gänsekahn, dachte ich belustigt. Vor Erleichterung wegen des erfolgreichen Beutezugs lächelte Manni doof-selig und lockerte den festen Griff seiner Gänsehalsumklammerung. Das hätte er lieber lassen sollen, denn gerade gab es einen Ruck, weil der Schiffskapitän mit erstaunlich voller Kraft gen Heimat ruderte. Manni konnte sein Gleichgewicht auf dem schmalen Sitzbrett nicht mehr halten, kippte nach hinten weg und es geschah das Unfassbare: Er entließ alle Gefangenen zurück in die Freiheit, ins nasse Element. Aufgeregt schnatternd formierte sich dort die Armada neu. Manni schnellte empor, fasste hierhin, griff dahin, haschte, schnappte, beugte sich weit über und grapschte doch immer nur ins Leere. Noch einmal hastete er hüpfend nach vorn, um die Flattertiere zurückzuhalten, bekam das Übergewicht und ging bäuchlings platschend über Bord, wie ein Frosch, der nach einer Fliege springt. Nun war auch er im nassen Element gelandet. Am liebsten hätte ihn sein Vater im trüben See gelassen, aber das wäre für einen Polizisten bestimmt nicht Dienst nach Vorschrift gewesen. Ich wäre vor Schreck und Fassungslosigkeit beinahe auch im Wasser gelandet. Stattdessen zerrten wir den einfältigen Manni wieder in den Kahn. Der glücklose Gänsehirte, nun wieder ohne Aufgabe und Federvieh, hockte triefend im Kahn, als hätte sein Leben nie einen Sinn gehabt. Zum Glück schien die Sommersonne warm. Das allerdings war das einzig Wärmende. Furzdonnerwetter, der Ordnungshüter und Vater tobte, brüllte, schimpfte und beleidigte ohne Punkt und Komma: „Du Vollidiot, du bist doch ein so dämlicher Zirkusclown, du Jammergestalt, dir hat`s doch in die Murmel gehagelt, hohle Rübe, so einen blinden Blindgänger wie dich gibt es nicht noch mal, ein Brechmittel diese Lusche, wenn ich dich schon sehe, du geistige Null und dämliche Tasse…“ So sprach der einfühlsame Polizist ganz vernehmlich zu seinem Sohn. Diesen reichen Wortschatz hatte ich dem gar nicht zugetraut. Hut ab! Bei Abendrot hatten wir alle Gänse müde gerudert, an Bord und am Ende in ihren Stall verbracht. Baden durften die Armen bis Weihnachten nicht mehr.
Dass der Vater von Manni strunz-dumm und eine gemeine Drecksau war, zeigte sich bald. Als ich zufällig bei einem unserer Pirschgänge in den Bergen ein Elsternnest im Gestrüpp wilder Rosen entdeckte, rakelte ich in die Vogelkinderstube und hob mit zerkratztem Arm ein Junges aus dem Reisigkobel. Schon lange war es mein Wunsch, ein solches Tier selbst großzuziehen. Mit feinsten Zutaten versorgte ich den Vogelwinzling und baute ihm ein wunderbares Areal mit Baumbestand, Wasserläufen und Badestrand mit feinem Sand.
Mein Freund Alexander bezeichnete die luxuriöse Behausung anerkennend als wahrhaftes Paradies und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Meine Elster hörte auf ihren Namen und kam auf Zuruf angesegelt. Ich ließ sie frei fliegen und als sie draußen vor unserem Haus fidel auf meinen Arm geflattert kam, schoss Mannis Vater, versteckt als hinterhältiger Heckenschütze, mit einem Luftgewehr mir den zahmen Vogel direkt von der Hand. Diese Missgeburt von einem Polizistenwitz hat dafür schwer bezahlt. Einige Tage danach beobachtete ich, wie er im Schweinestall mit kräftigem Strahl spritzend in die Jaucherinne pinkelte. Aus irgendeinem Grund nahm der Gesetzeshüter vorher seinen Pistolengurt ab und hängte den über einen Eisenhaken neben jenem Schweinekoben – und vergaß ihn dort! Nach einer geraumen Weile schlich ich mich an und beobachtete durchs Fenster, wie der Elsternmörder in seinem Küchensessel grunzte, genau wie seine Schweine. Zu denen rannte ich eilig zurück, riss die Revolvertasche auf, steckte pfeilschnell die Knarre in meine Hosentasche und rannte mit schlackernden Knien davon. Erst am See im Schilf kam ich zum Stehen und keuchte atemlos wie ein gehetztes Tier. Ganz behutsam zog ich die schwere Pistole aus der Gesäßtasche meiner kurzen Manchesterhose. Wie im echten Krimi. Das kalte Metall lag schwer in meiner Hand und gab ein unbehagliches Gefühl. Wenn ich jetzt abdrücken würde, das gebe einen irren Knall. Aber davor hatte ich zu viel Schiss. Im hohen Bogen und mit voller Kraft warf ich den Colt von Mannis Vater auf Nimmerwiedersehen weit hinaus, übergab sie meinem Komplizen, dem See. Den einstigen Waffenträger hatte man tagelang in die Mangel genommen und anschließend degradiert. Ich war der Überzeugung, das hatte sich dieser Schädling redlich verdient.
Onkelchens Jähzorn war bemerkenswert für einen heimlich Schwulen
Jener brave Polizist teilte sich die Wohnbaracke nebenan mit zwei weiteren Familien. Mit der einen waren wir verwandt, was uns nicht mit Stolz erfüllte. Die passten mit der Polizisten-Sippschaft gut zusammen. Schon als Kind hatte mein Vater deren Schäbigkeiten zu spüren bekommen. Die waren mal größer, mal kleiner, je nach Gemütslage der üblen Charaktere. Spielten wir Kinder Fußball und sprang der aus Versehen über die Mauer und landete im nachbarlichen Hof, konnte es passieren, dass wir von der alten Tante unseren Ball wie einen explodierten Luftballon mit dem Kommentar zurückbekamen: „Den hat der Hund zerbissen!“ Verwunderlich dabei war, dass das schlaffe Ding drei weit entfernte Einstiche in Reihe aufwies. Mistgabelverdächtig. Die Alte hatten wir längst durchschaut. Der schlesische Hausherr, der nichts zu melden hatte, war so klug wie eine Pellkartoffel. Für einen heimlich Schwulen wie ihn war sein Jähzorn bemerkenswert. Der konnte kreuzgefährlich werden. Machten wir auf der Hofschlippe zu arg Krawall, warf er wütend und mit voller Wucht einen halben Pflasterstein nach der in Deckung springenden Kindermeute. Diesem unberechenbaren Mann war zu allem Kümmernis der Hofhund namens Max beigeordnet. Beide mussten als Gespann aufs Feld, wobei das Zugtier seine Arbeit am Hundewagen freudiger tat als der Mensch neben ihm. Die ständig heimtückische Behandlung von diesem merkwürdig Unglückseligen quittierte sein weißer Schäferhund eines Tages wie aus Notwehr mit einem derben Biss in die ewig strafende Bauernpranke. Und als in Folge der Attacke dicke rote Blutstropfen auf das löchrige Backsteinpflaster im Hofe fielen, gab es bürgerkriegsähnlichen Tumult und das Todesurteil für den armen Max. Mit Buhei wurde eilig Mannis Vater gerufen und beauftragt, den Schuldiggesprochenen sofort zu erschießen. Mutig streckte der aus sicherer Deckung das geschundene Tier mit seiner Dienstpistole nieder. Der Hund wurde im Garten hinterm Haus verscharrt und bei der Beerdigung noch mit ein paar Gehässigkeiten bedacht.
Kaltlächelnd trennte die schicke Frau den Kopf vom Rumpf
Dieses Kapitel war beendet. Das dachten alle. Bis zu dem Tag, als es nebenan klingelte und eine hochelegante Lady mit enggeschnürter Taille, Sonnenbrille und rotem, hochhackigem Lackleder sich nach Max, dem weißen Schäferhund, erkundigte. Die Anwesenden waren verdutzt und wiesen stumm auf die letzte Ruhestätte. Die junge Tierärztin, als die sich die attraktive Besucherin herausstellte, war beauftragt, den Hingerichteten post mortem auf Tollwut zu untersuchen. Ich glaube, bei uns standen noch immer die Münder offen und die Haare zu Berge, als das Topmodel der Veterinärinnung längst ihre Pumps mit schwarzen Männergummistiefel getauscht und forsch mit der Exhumierung begonnen hatte. Nachdem der stark nach Verwesung riechende Max ans Tageslicht befördert war, bugsierte Madam die sterblichen Überreste ohne Handschuhe auf die Ladefläche ihres Autos, trennte mit dem Fuchsschwanz kaltlächelnd den Kopf vom Rumpf und verpackte den moderigen Klumpen in einem Sack. Bevor sie gruß- und wortlos entschwand, wischte sie sich noch rasch Haarsträhnen aus dem Gesicht, was Spuren hinterließ.
Wenn der schlesische Onkel seinen versteckten Amouren nachging, fuhr er beschwingt mit dem Rad über Land. Mit der Begründung, frisches Brot zu holen, da das vom hiesigen Bäcker ja praktisch ungenießbar wäre. Das klang schlüssig. Der Grund für seine Reiselust war aber keineswegs der leckere Brotlaib, sondern der vom muskulösen Bäcker im Nachbarort. Von dem nämlich ließ er sich einmal die Woche kräftig durchficken und kam dann stets sehr entspannt und heiter aufgeräumt zurück, um der erwartungsfrohen Nachbarschaft die noch warmen Brotspezialitäten gönnerhaft zu überreichen. Wenn er sich anschickte, erneut loszuradeln, um die nächste Bäckergabe gierig in Empfang zu nehmen, gab er sich adrett. Zunächst schob er beide Hosenbeine etwas nach oben und presste die schlabbrige Klamotte eng zusammen, damit sie von zwei silbernen Spangen straff gehalten wurde. Seine halbhohen, frisch geputzten Arbeitsschuhe kamen dabei hübsch zur Geltung. Die Kleidung war sauber und übersät mit bunten Flicken. Mit etwas Pomade hatte er seine Haare schmuck gekämmt. Der Onkel war hässlich. Er hatte Glatze, eine blaurote Nase und ständig Flecken im Gesicht. Das wurmte ihn, denn er besaß trotz allem eine Eitelkeit, die sicher mit seiner Neigung für die Bäckerzunft zu tun hatte. In der miefigen Küche bei ihm zu Hause stand eine graue Waschschüssel aus Emaille für alles. Das Wasser wurde nur einmal am Tag gewechselt. Verirrte ich mich als Kind besuchsweise zu ihnen, machte ich um diese schwarze Brühe, auf der gern kleine Schaumbläschen schwammen, einen großen Bogen. Auf dem Donnerbalken hing in spärlichen Fetzen Zeitungspapier. Das war glatt und ich, von Phantasien angefeuert, stellte mir vor, wie die beiden alten Männer in der Backstube abwechselnd ihre Hintereingänge benutzten. In seiner Geilheit hatte der Onkel nie bemerkt, dass seine Klamotten oft genug über und über mit Mehl, Teig und Puderzucker eingesaut waren. Einschließlich Unterhose, die ihn schließlich verriet. Als man einst dem Onkel gefolgt war und die beiden in der Backstube erwischte, knetete der stämmige Bäcker alles andere als Brotteig. Damit flog das schwule Schattenleben des Onkels auf. Damals, und noch dazu auf dem Dorfe, ein Skandal. Er hat sich erhängt, wurde aber rechtzeitig gefunden, abgeschnitten und reanimiert. Nach kurzer Ruhezeit zur Kräftigung und Neubelebung nahm er seine Aktivitäten und Radpartien über Land wieder auf. Nur die Begründung für seine Ausflüge klang jetzt etwas sperriger. Als mir meine Mutter unter dem Siegel der Verschwiegenheit genierlich davon erzählte, war ich längst ein erwachsener Mann.
Papa sah aus wie ein UFA-Star
Meine Eltern waren in jungen Jahren schöne Menschen. Speziell die alten Fotos meines Vaters sind eindrucksvoll. Er hätte damit auf der Titelseite sepiafarbener Kinoprogrammhefte mit den UFA-Filmstars seiner Zeit leicht konkurrieren können. Die Damenwelt war hingerissen, meine Mutter angemessen fasziniert. Fassade. Wenn Eltern streiten, leiden Kinderseelen. Bei uns war das anders, hier stritt immer nur Papachen. Vom Charakter ein Egomane erster Güte, dessen bescheidener Kosmos sich nur um die eigene Achse zu drehen schien, stellte er sich unaufhörlich die bange Frage, schadet oder nützt mir das. Deshalb hatte in seinem Wortschatz „Ich“ höchste Anwenderpriorität. Er war stets ganz seiner Meinung und ließ selbstgerecht fremdes Denken nur widerwillig zu. Seine Intoleranz ging bis zur Schmerzgrenze und die Bürokraten-Gesinnung zurück in ferne Jahrhunderte. Besonders ausgeprägt brillierte er mit alldem im trauten Kreise der Familie. Versprach es Vorteil, konnte er nach außen im Nu holdselig, spaßhaft und gegenüber Autoritäten devot sein Bestes geben. Phantomfröhlichkeit. Und mit heuchlerischem Altmänner-Charme gab er in Vollendung fortwährend ein und dasselbe Stück. Das hieß: „Ich würde ja meine Fehler zugeben, wenn ich welche hätte!“ Er war ein Meister, trivialste Arbeiten zu enormer Bedeutsamkeit zu stilisieren, und bedauerte sich selbst, wie fürchterlich er sich im Leben habe schinden müssen. Das hat er zweifellos getan, aber war doch selbst verantwortlich dafür, wenn er nach Büroschluss verbissen in Haus und auf dem Acker knuffte. Seine Arbeitswut war glatter Selbstbetrug, so konnte er vor sich selbst am besten fliehen, weil er mit sich selbst nicht glücklich war.
Besonders mich und meine pubertären Hornochsigkeiten betrachtete er mit Unverständnis. War ich doch nur der nichtsnutzige Tagträumer mit zu großer Klappe, den unwichtige Dinge lockten. Ständig musste ich mir Zeigefingerplattitüden anhören, die so tiefgründig waren wie ein Teller Erbsensuppe. In Endlosmonologen wurden banalste Banalitäten als wertvolle Lebenshilfe gepriesen und in mich hineingebläut. Dabei hörte er sich liebend gerne zu, fand sich und sein sorgsam gewähltes Vokabular einfach fabelhaft, das ging so: „Ich muss dir Nachfolgendes noch einmal sehr ausführlich und anschaulich erläutern. Wegen dir nehme ich mir dafür wiederholt extra Zeit. Was ich da hören musste, das war für mich wieder eine Peinlichkeit sondergleichen. Und das in meiner Stellung, wo mich alle kennen, durch mein Amt als Bahnhofsvorsteher. Begreifst du eigentlich, wie wertvoll meine Hinweise sind, die ich dir gebe. Ich wünschte, mein Vater hätte sich so um mich gekümmert. Deine eigene Meinung, die kannst du für dich behalten. Hast du meine bedeutungsvollen Worte endlich begriffen? Und hast du das verstanden, was ich so mühevoll ausführte und erläuterte??? Antworte!“ Ja, das hatte ich… Solche Tiraden musste ich noch über mich ergehen lassen, da war ich bereits siebzehn Jahre alt. Bei jenen Ansprachen war Papachens Markenzeichen die inszenierte Amtsvisage, mit einer hochgezogenen Augenbraue, die den Tadel pädagogisch unterstreichen sollte. Widerspruch wäre undenkbar bis tödlich gewesen und niemals hätte ich mir den erlaubt. Ich hatte schlichtweg Schiss vor meinem Papa und schwieg. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, meinem Vater zu beichten, was mich beschäftigt, umtreibt oder quält. Aber wahrscheinlich war das in jener Zeit an jenem Ort bei allen so. Manchmal tat er mir leid, doch meistens verachtete ich seinen unberechenbaren Charakter. Vor allem, wenn er meine Mutter wegen nichts terrorisierte. Das traf mich im Innersten weit mehr, als wenn Papachen mich zur Eule machte. Und so verging kaum ein Tag, wo wegen kleinster Kleinigkeiten nicht kritisiert, drakonisch kommandiert oder wenigstens ein bisschen herumgenörgelt wurde. Und dabei schrie er oft so laut, dass die Ureinwohner auch noch davon profitierten. Noch heute erschrecke ich mitunter und verabscheue es, wenn es irgendwo Gebrülltes gibt.
Mama ist der liebste Mensch, den man sich vorstellen kann. Noch immer besitzt sie eine Grundfröhlichkeit und Lebenszuversicht, über die nur wenige Menschen verfügen. Unaufhörlich ist sie ausschließlich für die anderen da, nie für sich. Ich habe das nie als ihre starke Seite empfunden und mir so oft kämpferische Offensive herbeigewünscht, denn, ist man nur altruistisch wie eine Opferanode, verbraucht man sich. Es immer nur gut zu meinen, ist nicht immer nur das Beste. Mein Vater als Ausbeuter dieses Seelenlebens hätte einen ersten Sonderpreis verdient. Heute, wo er so viel vergisst und vergessen hat, ist er der umgänglichste, rücksichtsvollste Mensch geworden, den man sich denken kann. Mama erzählt noch immer interessant, wenngleich sich die Dinge manchmal wiederholen. Um dem Gesagten Ausdruck zu verleihen, tut sie das lautstark. Komisch, wenn ausgerechnet Papachen sich heute über das laute Organ meiner Mama beschwert, piano und Kurzfassung befiehlt. Ich glaube, er ist missgünstig, weil er nie mehr der Endlosredenschwinger von damals sein kann. Das muss man erst Mal hinkriegen, ein Leben lang mit Bravour gekonnt aneinander vorbeizuleben. Und trotz allem bin ich der festen Überzeugung, dass mein Vater nichts mehr liebte, ihm nichts wichtiger ist auf der Welt, als seine Familie. Wer soll das verstehen?
Nun bin ich die dritte Nacht schon kaum zu Schlaf gekommen, weil ich nicht aufhören kann, mir mein Leben in Erinnerung zu rufen. Kinderkram! Ja, natürlich, weil ich auftragsgemäß zeitlich geordnet denken und erzählen soll. Damals war noch alles in schönster Ordnung.
Mit zehn Jahren rauchte Alexander konsequent auf Lunge
Nach der Schule verabredete ich mich mit meinem treuesten Kameraden Alexander zu neuen Heldentaten. Er war im Leben mein einzig wahrer Freund. Wir liebten uns wie Brüder. Alexander lebte in einer anderen Welt, weitab vom Dorf, inmitten einer unberührten Wildnis. Das Haus erinnerte an Waldhausromantik alter Heimatfilme mit Willy Bürgel als Oberförster. Das alles gefiel mir ungemein. Näherte ich mich diesem Idyll, wurde die Ruhe allerdings häufig durch das Gebrüll von Alexanders Vater jäh gestört. Der erschien mir wie ein kraftstrotzender Riese aus der Welt der Märchen und Sagen. Und so konnte der sich auch gebärden. Vielfach hörte ich ihn schon von weitem brüllen wie einen kranken Pavian: „Alex, du Rindvieh“, war meilenweit zu hören. Dieser Kosename wurde ihm recht häufig und sehr gern verliehen, vor allem wegen seiner unkonventionellen Bereitschaft, ständig irgendwelchen Mist zu bauen. Auch das gefiel mir ungemein. Sein Papa war zwar ein ungehobelter Klotz und laut, dennoch ging die wirkliche Gefahr von Alexanders Mutter aus. Sie war hübsch und zierlich, hatte dabei aber das Naturell einer unerbittlichen Gefängniswärterin. Wenn es ihr Sprössling zu arg trieb, ließ sie sich zu pädagogischen Maßnahmen hinreißen, die aus unserer Sicht nicht positiv bewertet wurden. Denn in Wut geraten, schreckte sie vor tätlichen Übergriffen nicht zurück, die sich so manches Mal in einer kräftigen Maulschelle äußerten.
Alex war für sein Alter viel zu klein, aber drahtig. Er hatte einen fusseligen Kurzhaarschnitt und seine semmelblonden Haare standen wie bei Michel von Lönneberga in alle Richtungen, kreuz und quer. Mit zehn Jahren rauchte er regelmäßig Zigaretten, konsequent auf Lunge. Das war ein kurioses Bild, wenn dieser Zwerg mit seinem riesigen Schweinslederaffen auf dem Rücken qualmend wie ein Stadtsoldat nach Hause trabte. Bevor er fröhlich daheim ankam, spülte er sich mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit seinen Mund im nahegelegenen Feuerwehrteich. In dem hatte bereits reichlich totes Getier sein feuchtes Grab gefunden. Diese prophylaktische Hygienemaßnahme vergaß er nie, weil der allzeit wachsame Hausdrache nichts von seinem Laster riechen sollte. Im krassen Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild stand seine Stimme. Denn die war tiefer gelegt, als ein Maserati. Jener zwergartige Bursche hätte den Job als Synchronsprecher für whiskytrunkene Westernhelden mit Zigarre im Mundwinkel übernehmen können. Das machte ihn zu einer markanten Persönlichkeit. So mancher Erwachsene schmunzelte, wenn dieser Zwerg im rauen Bass lospolterte. Das wirkte paradox und ich war stolz, sein Freund zu sein.
Und dann gab es Arthur. Der war wie die meisten in unserem Dorf semi-professioneller Ackerbauer und Viehzüchter in einer Person. Gelegentlich kutschierte er gemütlich mit seinem Pferdegespann an unserem Abenteuerspielplatz, dem Ascheberg, auf holprigen Feldwegen vorbei. Eines Tages war sein Wagen mit einem übergroßen Güllefass beladen, dessen wertvoller Inhalt dicke Rüben wachsen lassen sollte. Von weitem sahen Alex und ich ihn angeschunkelt kommen. Arthur schlief auf seinem Kutschbock. Von seiner Zigarre war nichts mehr übrig, nur schwarzer Tabaksabber lief ihm aus dem schräg dösenden Mund. Die zuverlässigen Pferde indessen kannten den Weg und ihren Auftrag. Wie Max und Moritz befanden wir, hier müsste man doch etwas tun. Und wäre es nicht ein gelungener Streich, heimlich und durchtrieben die Jaucheschleuse frischweg zu öffnen. Der würzig duftende Flüssigdünger würde so ebenmäßig auf dem Weg verteilt. Unsinnig, aber dafür voll zum Ablächeln, wenn wir dann den ollen Zigarren-Arthur am Reiseziel aus sicherer Deckung mit Vergnügen beobachten würden, wie er verblüfft dumm drein schaut, weil er – ganz unfassbar – eine leere Tonne auf seinen Acker kutschiert hat. Gesagt, getan. Die übermütigen Wegelagerer schlichen sich vorsichtig von hinten an und Alex war bereit, den massigen Schieber an seinem Eisenstab ein Stück nach oben zu bewegen. Arthur hatte wahrscheinlich lange keine Jauche mehr über Land befördert, denn der Verschluss war eingerostet und klemmte wie festgenagelt. Leise feuerte ich Alex an. Der drückte erneut mit voller Kraft. Und dann noch einmal. Nun gab es einen Ruck mit Explosion. Und siehe da, ein enormer Schwall ergoss sich nicht nur auf den Weg, sondern hauptsächlich über den Verursacher dieses Geniestreichs. Vor Schreck riss der den Hebel wieder runter, es runkste und der Wasserfall aus Jauche versiegte abrupt. Weil die Kufe wieder so flink verschlossen war, erlitt Arthur nicht, wie geplant, größere Transportverluste. Jedoch für Alexander war der warme Gülleschwall mehr als ausreichend ausgefallen. Von oben bis unten besudelt, hatte er sich mit einem Schlag in einen infernalisch stinkenden Jauchezombie verwandelt. Die dicke Brühe lief vom Kopf über den ganzen Körper bis in seine Schuhe. Er schniefte zweimal kräftig durch und strich sich der Ordnung halber mit dem Ärmel über das gülletriefende Gesicht. Dabei verschmierte Alex ein bisschen Schweinekacke. Unser Entsetzen war groß, die Furcht vor Alexanders zur Gewalt neigenden Mutter allerdings war größer. Gottlob, wir hatten den rettenden Einfall. An der nahegelegenen Quelle, die im Sommer wie im Winter munter sprudelte, entkleidete sich Alex gänzlich und wir begannen zu waschen wie Zolas Germinal an der Seine. Allein, wir hatten nicht bedacht, dass beim Waschen die Kleidung patschnass wurde. Aber auch dafür hatten wir die Lösung sofort parat. Ich hatte als anständiger Feuerwerker verlässlich eine Schachtel Riesaer Sicherheitszündhölzer dabei. Damit entfachten wir ein Lagerfeuer und schleppten haufenweise Brennholz herbei. Der mittlerweile frisch Angekleidete musste nun pausenlos mit seinen triefenden Klamotten durchs flammende Inferno springen, weil man so am besten Wäsche trocknet. Der Albdruck vor dem heiligen Zorn seiner Mutter ließ den nassen Knaben wie einen türkischen Derwisch durch die Flammen hetzen. Hin und her sprang mein Kumpan, bis er vor Erschöpfung dampfend niedersank. Und siehe da, der Trocknungsprozess war gar nicht schlecht vorangegangen. Es wäre ein Teilerfolg gewesen, wenn bloß die Klamotten ein wenig weniger gestunken und mein Freund bei seinem feurigen Höllenritt nicht sämtliche Gesichts- und Kopfhaare verloren hätte. Alexander sah aus wie das Ding aus dem Sumpf. Wir waren bei ihm zu Hause gerade hineingeschlichen, da hatte die energische Mama nicht nur den Braten, sondern auch die unaussprechliche Aura ihres angesengten Goldjungen gerochen. Ihr Aufschrei liegt noch heute in der Luft. Ich bekam für Wochen Zutrittsverbot zum lauschigen Idyll.



