Bravourös in die Suppe gespuckt

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Mein so kluger Alexander war ein ausgemachter Pechvogel. Beim Blödsinnmachen wurde allemal nur er erwischt und war der Prügelknabe. Das war so ungerecht, denn Alex war der Vorsichtigste von uns allen und öfter mit Bedenken unterwegs. Von unserer Clique der unterstimulierten Hirne war er auf alle Fälle das kleinste Idiotenlicht. Einmal standen wir nach der Schule im voll besetzten Linienbus, so eng gedrängt wie Salzheringe in der Büchse. Miefstickige Luft. Unsere sauerstoffunterversorgten Hirne arbeiteten träge und noch dämlicher als sonst. Aus Langeweile ließ jeder aus unserer Halbwüchsigenmeute mehrmals eine dicke Kaugummiblase lautstark millimeternah an alten Hälsen platzen. Paff! Endlich, ein bisschen Gaudi. Wir grinsten amüsiert und dämlich. Die alten Tanten schauten empört nach hinten, aber es war ja nichts zu sehen. Alexanders klebrige Kaumasse konnte nicht effektvoll detonieren, sondern klebte schlagartig an seinem Gesicht und der Pranke einer stattlichen Matrone. Denn die hatte unerwartet blitzschnell gewendet und dem glücklosen Blasenmacher so kräftig eine in die Visage gedonnert, dass der arme Alex vor Schreck und Sauerstoffmangel zu Boden sank. Dahingewelkt wie ein Moosröschen in frostkalter Herbstnacht.
Bei der folgenden Kulturschande erwischte es Alexander wieder arg. Auf unserem Boden ruhte ein Schatz: die Schallplattensammlung von Mama. In ihrer Jugend hatte sie einen wahren Fundus alter und neuer Schelllackplatten zusammengetragen, da sie ihre kratzigen Klänge und die Sangeskünstler über alle Maßen liebte. Nun interessierte sie sich nicht mehr dafür. Das antike Grammophon hatte längst ausgedient, war entzwei und unbrauchbar, wir Kinder missbrauchten den goldenen Trichter als Trompete zum Erschrecken. Die Platten lagerten seit gut zwei Jahrzehnten auf dem Boden in einer Ecke, verstaubt, gestapelt und seelenruhig. Bis zu jenem Tag, als Alex und ich den Entschluss fassten, damit etwas Unterhaltsames anzustellen. Warum sollte man nicht probieren, die ollen Grammofonplatten vom nahen Hügel über das Dorf segeln zu lassen. Gesagt, getan. Wir verstauten einen gehörigen Stapel in Opas verschlissenem Armeetornister und zogen los. Unterwegs trafen wir zwei Schulkameraden, die schlossen sich uns begeistert an. Auf nach Larremy! Nun rotierten Rudi Schuricke, Rosita Serrano und Co. nicht auf dem Plattenteller, sondern in luftigen Höhen und wurden zum lebensbedrohenden Schelllack-Ufo-Kampfgeschwader. Unglaublich schnell und unglaublich weit flogen die schweren, knochenharten Wurfgeschosse! Alex traute sich nicht zu werfen, war unschlüssig, meldete Bedenken an und druckste rum. Ich ermunterte ihn und verwies auf den imposanten Flugverlauf. Er fasste sich ein Herz, griff nach einer gerillten Antiquität und schickte sie auf ihre desaströse Reise. Weil Alex sich so dermaßen mit Wind und Richtung verkalkulierte, driftete die schwarze Scheibe ab und erwischte im tiefen Segelflug die alte Minna in ihrem Hof am Kopf. Wir sahen von weitem, wie sie zusammensackte und leblos liegen blieb. Alle standen wie versteinert und uns war klar, nun würden wir hingerichtet. Vier Mal die Todesstrafe für ruchlose Rotzlöffel. Wir stellten uns. Mein Freund wurde als verantwortlicher Kommandeur jener Torheit drakonisch bestraft. Aber auch ich bekam gewaltig mein Fett weg. Die bedauernswerte Alte lag zehn Tage im Krankenhaus und war davon zwei ohne Bewusstsein. Gott sei Dank trug die alte Frau sommers wie winters ein dickes, braunes Wollkopftuch. Wer weiß, was ohne ihren Helm geschehen wäre. Alex war auch hierbei der Unschuldigste von uns Idioten, der nur einmal zur Wurfscheibe griff, die einst kläglich schallernd auf dem Plattenteller tönte. Der Arme. Beim Strafeabbrummen konnte ich ihm nicht helfen, aber wir haben zusammen die alte Minna im Krankenhaus besucht, ihr einen Sommer lang den Gemüsegarten in Schuss gehalten und uns sehr geschämt.
Klauten wir Chemikalien aus dem Vorbereitungsraum unseres Lehrers, Herrn Tritsche, um explosives Material zu mixen, erwischte der natürlich meinen Alex und verpasste ihm eine widerrechtliche Ohrfeige und einen rechtmäßigen Verweis. Als wir alle fünfzehn Kaninchendamen seines Großvaters mit einem Mal vom Bock haben bespringen lassen und die infolgedessen allesamt simultan Mutterfreuden mit großen Hasenaugen entgegenblickten, machte sein Opa nach vier Wochen noch größere Augen. An einem eintönig, trüben Nachmittag nämlich, als es uns sterbenslangweilig war, lungerten wir bei Alex‘ Großeltern herum. Seine Oma, von uns genervt, jagte die zwei besten Freunde hinaus auf den Hof. Planlos krochen wir in den warmen Stall, wo Federvieh, Pferd und Schweine friedlich hausten. Und die Kaninchen natürlich auch! Ha, endlich hatten wir einen famosen Einfall und jegliche Monotonie ein Ende. Fröhlich machten wir uns ans Werk und reichten den schwarzgescheckten Spitzenrammler von einem Abteil zum nächsten, wo er seinem Ruf alle Ehre machte. Ein einziges Sodom und Gomorra in den Boxen, eine Karnickelorgie, die allen Beteiligten Freude schenkte. Juhu! Aber Opa Krause sah das anders. Der ist beinahe aus seinen löchrigen Latschen gekippt, als auf einen Schlag geschätzte hundertzwanzig muntere Häschen zu versorgen waren. Plus die Alten. Alexanders Cousin hatte uns verpfiffen. Opa Krause wies seinen Enkel wütend an, täglich für reichlich frisches Grün und keinen weiteren Blödsinn zu sorgen. Dabei konnte ich meinem Gefährten helfen, schließlich hatten wir diesen wundervollen Streich gemeinsam ausgeheckt. Die Beschaffung von Grünem indes erwies sich als recht beschwerlich, denn es war noch Winter!
Wenn Rummel war, schossen wir an der Schießbude manchmal mit Absicht nicht auf die Röhrchen aus weißem Porzellan, sondern auf die darunter hängenden Figuren, auch aus Porzellan oder – noch lustiger – ein bisschen auf die lebenden Schießbudenfiguren. Als sich Alex tatsächlich nach ewig langem, ängstlichem Zaudern und Zögern traute, einem Schaubudenfritzen mit dem Durchlader eins auf die dicken Hinterbacken zu brennen, standen hinter ihm bereits die Vollstrecker. Zuerst der Schrei des Getroffenen, der seinen breiten Lederhosen-Hintern rieb, dann der Zugriff durchs Kommando der Schießbudenvereinigung. Die hatten uns ehedem eine ganze Weile observiert, packten meinen armen Freund am Schlafittchen und hielten ihn über grausige Abgründe. Alles ging ganz schnell. Danach mussten wir zum Verarzten notgedrungen nach Hause fahren.
Weil ich manchmal die große Glocke läuten musste, hatte ich Schlüsselgewalt und Zugang zu unserer ehrwürdigen romanischen Dorfkirche. Wenn mir danach war, begab ich mich dorthin und wütete mit drei Akkorden, die ich zufällig konnte, auf der Kirchenorgel herum. Durchgängig alle Register gezogen, brüllte die malträtierte Königin der Instrumente auf der Empore. Ich war entzückt von meiner entfesselten Improvisationswut. Zu Alex‘ fünfzehntem Geburtstag nahm ich ihn dorthin mit und forderte zum musikalischen Wettstreit auf. Das war mein Geschenk. Ich guckte mich derweil auf dem Kirchenboden um und Alex konnte inzwischen vorab ein wenig musizieren. Der hatte vom Instrument sowie künstlerischer Interpretation keinen Schimmer, sah das Pfeifeninstrument so nah das erste Mal. Dennoch riss er für seine Verhältnisse sehr beherzt den Hauptstromschalter nach oben und wollte mit seiner Darbietung beginnen. Doch die sakrale Stille am gottgeweihten Ort wurde nicht unterbrochen. Nach einer langen Ruhe, worüber ich mich bereits wunderte, kam der Musikant nach oben, um mir zu vermelden, die Orgel spiele nicht mit. Als wir der Ursache auf den Grund gingen, stellten wir mit Entsetzen fest, dass keine Himmelsmacht das Konzert blockierte, sondern ein satanischer Gestank den gesegneten Ort erfüllte. Der Motor, der sonst in einem separaten Raum für gehörigen Pfeifendampf sorgte, tat keine einzige Umdrehung. Dafür brannte er lichterloh. Technische Blockade, auch in unseren Köpfen. Alexander in Schreck und Panik nutzte die Wetterlage und kippte hastig mehrere Eimer Neuschnee, der sich neben der Kirchentür als Wehe auftürmte, über den brennenden Motor seiner Heiligkeit. Worauf es so höllisch zischte und donnerte, als wäre im Gotteshaus eine Dampflok der Baureihe 01 explodiert. Der Brand wurde effektiv gelöscht, der Motor war effektiv ruiniert. Ein Jahr lang brummte die christliche Gemeinschaft zahnloser alter Weiber ihre Gesänge ohne die tonangebende Unterstützung des Orgelinstruments. Das war ein klägliches Gewimmer. Herausgekommen ist die ganze Geschichte nie und wurde letztlich als unerklärliches Mysterium gedeutet. Wenigstens ging Alex diesmal straffrei aus. Die alte Kirchenorgel besaß genug Pfeifen. Mit uns beiden hatte sie noch zwei dazubekommen. Halleluja!
An der Zellentür klappert es, dann wird sie aufgeschoben. Es ist früh am Morgen. Für mich zumindest. Anweisungsgemäß stehe ich neben der Pritsche und zeige, dass ich am Leben bin. Das Frühstück ist karg. „Mit wem reden Sie eigentlich die ganze Nacht?“, fragt der Uniformierte. Ohne meine Antwort abzuwarten, verriegelt er die schwere Tür. Ich halte inne. Sinniere, ob es überhaupt das ist, was mein Auftraggeber hören will. Vielleicht ist alles durchweg zu lang, zu breit, zu unbedeutend. Rasch findet man Selbsterlebtes wichtig und erzählt beschwingt. Nun denn, Strelow, der Drehbuchautor, wird mir bald kundtun, was er davon hält. Ich bin gespannt, wann er mir erscheint.
Bitterlich weinend neben dem gefallenen Pferderiesen
Wenn es draußen wärmer wurde; hieß das auch für uns Jungen: Die Acker- und Feldarbeit ging von neuem los. Bei Rudolf, meinem älteren Bruder, und mir hielt sich die Begeisterung in engen Grenzen, zumal bei uns zu Hause mit verbissenem Ernst gerackert werden musste. Unser landwirtschaftliches Gerät und Know-how stammte aus der Zeit der Bauernkriege. So zogen wir los mit Hacke, Karst und Sichel und in meinen frühen Kindertagen noch mit dem Handwagen und dem Hund davor als unterstützende Zugmaschine. Im Herbst war die Kartoffelernte zentraler Höhepunkt jeder Minilandwirtschaft. Basisnahrung für Mensch und Tier. Auch bei uns. Zum Abtransport der mit Erdäpfeln prallgefüllten Jutesäcke wurden meist zwei elefantenschwere Kaltblutpferde des nahen Landgutes mit Fuhrwagen gechartert. Für mich, den zehnjährigen Jungen, war das eine willkommene Abwechslung. Jeder unbedarfte Trottel durfte sich diese Pferde leihen und mit ihnen machen, was er wollte. Weil die Hobbybauern höllisch schnell massig viel fertig haben wollten, wurden die ausgeborgten Sklaven unentwegt im rüden Ton forsch angetrieben. Sie mussten tagein, tagaus schwer schuften und das im Trab, Ruhepausen gab es für die Tiere nicht. In jenem Jahr waren die Erntemengen besonders reichlich ausgefallen, der Wagen brechend voll beladen und mein Großvater deshalb von höchster Zufriedenheit erfüllt. Ich durfte mit einem Neuling des landwirtschaftlichen Großbetriebes oben auf der Tonnage des Erntewagens fahren. Die späte Herbstsonne wärmte nicht mehr, als wir gemächlich vom Feld in Richtung heimatliche Kartoffelkatakombe kutschierten. Die Muskeln der Riesenrösser spannten sich bei jedem Schritt. Vor Anstrengung bogen sie ihre Hälse rund und ihr Maul presste sich gegen die breite Brust. Als wir am Dorfanger angelangt waren und der Jungkutscher sich anschickte, die Wagenlast in Richtung Bergstraße zu manövrieren, blieben die Pferde an der ersten Steigung stehen, breitbeinig wie Sägeböcke, und rührten sich nicht mehr von der Stelle. Ihre Flanken bebten. Alles probierte der unerfahrene Fuhrmann und seine Bangigkeit übertrug sich nur noch mehr auf die massigen Tiere und auf mich. Er schrie, er bettelte, er weinte, er knuffte und er schlug. Trotz aller Manöver stand das schwere Gespann regungslos, wie angenagelt. Die Straßenblockade war errichtet und allen Beteiligten mulmig zumute. Ich sah uns bereits alle Säcke abladen und einzeln nach Hause schleppen. Bis aus der nahen Nachbarschaft ein Ebenfalls-Hobbybauer mit einer Riesenpeitsche, langen Schritten und finsterem Blick erschien. Nach gewissenhafter Begutachtung stellte er sachlich fest, dass Pferde mit frisch beschlagenen Hufen, wie jene hier, freilich nicht im Stande seien, sicheren Fußes schweren Dienst zu tun. Sie laufen die ersten Tage so unsicher wie die Großmutter auf Stöckelschuhen. Und unsere armen Ackergäule wären auch noch falsch besohlt. Sprach`s und drosch so lange auf die dicken Pferdehintern ein, bis sich diese in Bewegung setzen. Wie Dampfhämmer donnerten ihre Riesenhufe auf das abgeschliffene Straßenpflaster, sodass unter den verhängnisvollen Eisen die Funken stoben wie in einer Kesselschmiede. Wir bekamen langsam Fahrt und zu Hause vor der Tür hatte der Wagenlenker Mühe, die Fuhre in der Gasse anzuhalten, so ein Tempo hatten wir erreicht. Den armen alten Rössern gingen die schweißdurchtränkten Flanken wie Blasebälge und die Augen waren noch immer angstvoll aufgerissen. Genauso saßen wir zwei mickrigen Gestalten oben auf dem Kutschbock. Dann folgte eine lange, stumme Verschnaufpause. Mitfühlend bekamen die zwei Herkulesse von mir reichlich frischen Trunk und als Abkühlung eine Dusche mit dem Wasserschlauch. Als ich das Handpferd streichelte, spürte ich, wie ein Zittern, dann ein Beben durch den Körper des massigen Tieres ging. Erschrocken zog ich meine Hand zurück. Das entkräftete Zugpferd senkte seinen Kopf, atmete schwer durch weite Nüstern. Sein nasses Fell vibrierte am Hals, das setzte sich als Welle bis zur Kruppe fort. Dann knickte es mit den Vorderbeinen ein. Die klobigen Hufe rutschten weg wie Schlittenkufen auf glatter Bahn und gaben auf dem Pflaster ein schnurrendes Geräusch. Ein dumpfer Aufschlag folgte, als das verbrauchte Tier zusammenbrach. Nach einem kurzen kehligen Wiehern tat das Kaltblut seinen letzten Atemzug. Sein Maul war leicht geöffnet. Langsam quoll die weiße Zunge zwischen den abgemahlenen Zähnen hervor. Ich starrte in das leblose braune Auge und fand die langen Wimpern wundersam. Sein Arbeitskamerad war entsetzt zur Seite gesprungen. Aufgeregt schnaubend, mit erhobenem Kopf, tänzelte das Tier unablässig auf der Stelle, versuchte der schreckensvollen Szenerie zu entfliehen. Die Wagendeichsel jedoch hielt das Pferd fest mit ihrer Kette. Ich kniete mich neben den gestorbenen Pferderiesen und weinte bitterlich. Auf meine Hand, die auf dem Hals des toten Tieres ruhte, legte sich die meiner Mutter. So weinten wir gemeinsam und hielten Totenwache, bis die Seilwinde den Kadaver auf die Ladefläche des Abdeckerkarrens zerrte. Noch Wochen danach habe ich schlecht geschlafen.
Bereits als Kind besaß ich einen instinktsicheren Geschäftssinn und erkannte die merkantilen Zusammenhänge hiesiger Mangelwirtschaft. Mit zehn Jahren widmete ich mich der manufakturmäßigen Produktion erlesener Kunstwerke aus buntem Alupapier, Glas und Nitrolack. Und wenig später hatte ich es zu beachtlichem Wohlstand gebracht, denn letzten Endes vertickte ich diese Raritäten für zehn Mark das Stück. Meine Material-Pimpeleien waren in Serie immerfort dieselben und verliefen routinemäßig eingespielt. Zuerst pinselte ich eine Glasscheibe mit schwarzem Nitrolack ein, allein die bildnerischen Motive wurden mittels Schablone ausgespart und mit Hilfe einer von mir erfundenen Spezialmine mit grafischen Finessen versehen. Dabei musste ich die Farbe wie mit einem Trinkröhrchen ansaugen und schluckte jedes Mal einen Hieb vom giftigen Nitrolack. Am Ende einer solchen Schaffensphase war mir regelmäßig schlecht und infolgedessen stieg das Mittagessen zur besorgten Verwunderung meiner Mama oft genug mit Schwung wieder aus. Den einzigartigen Effekt meiner Bastelei brachte die zum Abschluss hinterlegte Folie aus Metall. Zuerst knüllen, dann leicht glätten, der so erzielte bunte Knitter-Flimmer steigerte die Wirkung bis zur barocken Prächtigkeit. Ich hatte meiner Kundschaft zwei künstlerische Hauptmotive anzubieten: „Frei schwebende Rosen“ und „Sandmann unterwegs“. Aber es gab ständige Engpässe in der heimischen Produktion durch den Mangel an buntem Stanniolpapier. Und obwohl ich Schokolade oder sonstiges Süßzeug sowieso in Unmengen nur zu gern vertilgte, konnte deren Verpackung auf Dauer nicht die einzige Bezugsquelle bleiben. Das unternehmerische Glück war auf meiner Seite, als Herr Schröter sich bei meinen Eltern nicht nur als ihr neuer Obstkunde, sondern auch als Chef der Hallorenkugelmacher vorstellte. Fortan wurde der „sozialistische Jungunternehmer“ rollenweise mit herrlichster Glitzerfolie versorgt. Und ich erinnere mich, dass Frau Streflansky einst bei mir vier Kunstwerke auf einen Ruck bestellte. Da fühlte ich mich wie Rockefeller jr. auf seiner Jacht vor den Bahamas. Wer weiß, eventuell hat der ja sein Hauptvermögen genau wie ich mit Fließband-Plunder gemacht.
Fast zu Tode stranguliert
Das kleine Bauerngehöft meiner Großeltern war so manches Mal mein Zufluchtsort. Ich liebte es. Und ich wurde bedingungslos zurückgeliebt. In der Welt der Tiere gab es bunte Vielfalt, ersprießlicher als bei uns daheim. Immerhin, Opa hatte ein Trakehner-Pferd, das auf den Namen Theo hörte, aber nur, wenn es gute Laune hatte. Meist hatte es schlechte Laune und passte damit so wiederum zum Charakterbild meines strengen Großpapas. Der warnte mich häufig vor Unvorsichtigkeiten mit dem Tier. Im Juni mussten Mann und Maus bei der Bergung der Kirschernte helfen. Unzählige Bäume, hoch wie hundertjährige Tannen, mussten dann auf wackeligen Leitern erklommen werden. Von so einem Riesen ist Opa mit 76 Jahren aus einer Baumspitze abgestürzt, brach sich den Oberschenkelhals und wurde dennoch hundert und ein halbes Jahr alt. Das ewige Kirschenpflücken hing uns Jungens wie die eigene Zunge zum Halse raus. Da hatte ich eine glänzende Idee. Es war höchste Zeit, für Abwechslung zu sorgen und auszuprobieren, wie bravourös ich Theo, das unberechenbare Pferd, im offenen Gelände reitermäßig beherrschen würde. Vorsichthalber sagte ich wegen möglicher Einwände niemandem Bescheid, band den misstrauisch äugenden Fuchs von seinem schattigen Ruheplatz und schlich mich mit ihm unbemerkt davon. Wir beide konnten überhaupt nicht reiten! Aber darum ging es ja. Irgendwie erklomm ich den blanken Pferderücken, wickelte mir hurtig die lange Wagenleine um Körper und Hals. Und los ging`s auf unbefestigten Feldwegen. Theo war erstaunlich einsichtig und machte anständig mit beim Experiment Ross und Reiter. Bis sich von hinten ein bedrohlich knatterndes Automobil langsam näherte. Das misstrauische Tier stellte die Lauscher in Richtung Automobil und rollte mit den Augen wie Fury in der Deckstation. Mir wurde mulmig. Endgültig sah sich das Pferd nun von dem heranwackelnden Fahrzeug bedroht, legte die Ohren flach an den Kopf und sprang aus dem gemütlichen Schritt ohne Überleitung in einen furiosen Mords-Galopp. Nach einigen Metern bekam ich es wie Theo mit der Angst zu tun und ließ mich krachend zu Boden fallen. Trotz meiner beachtlichen Pfunde, die nun am Pferdemaul hingen, dachte der Rasende überhaupt nicht daran, sein Tempo zu drosseln, geschweige denn, stehenzubleiben. Er war durchgegangen und ich notgedrungen mit ihm. Anerkennung, dem alten Kameraden und Ackergaul! Ich hing wie beim Kielholen an der Leine und raspelte bäuchlings über den staubig-steinigen Feldweg wie ein nasser Sack. Lange würde ich mich so mit meinen feuchten Händen nicht mehr halten können und die Lederleine spannte bereits spürbar an meinem Hals. In meiner Not versuchte ich nachzufassen, das ging schief, die Schlinge zog sich zu. Ich spürte ein Hämmern in meinem Kopf, dann wurde es dunkel. Beinahe hätte dieser Zwischenfall das frühe Ende meiner Reiterlaufbahn und meines jungen Lebens bedeutet. Doch es wurde wieder hell. Weil der vernunftbegabte Autofahrer angehalten hatte, tat das gottlob mein Theo auch. Als ich blinzelnd die Augen wieder öffnete, stand mein Pferdchen. Ich lag hinter ihm. Beide keuchten wir. Wie mir schien, verharrten wir ewig so. „Bei fleißiger Ackerarbeit zu Tode geschleift“, das hätte bestimmt auf meinem Grabstein gestanden, ging es mir durch den Kopf. Mühsam erhob ich mich. Und langsam wie ein rheumageplagtes Bettelweib humpelte ich zum Pferd. Das ließ abgekämpft den Kopf nach unten hängen und, wie zum Nickerchen bereit, hielt das Reittier die Augen halb geschlossen. Dem bleichen Autofahrer gab ich weitere Lebenszeichen, worauf der unschuldige Mann so eilig verschwand, als drohe ihm die Todesstrafe. Wahrscheinlich hatte durch den harten Aufprall und den vorübergehenden Sauerstoffmangel mein Verstand endgültig gelitten, denn ich hievte mich nach alledem abermals aufs Pferd. Doch Theo war erledigt wie sein Reiter und so schleppten wir uns ohne weitere Zwischenfälle zurück zum Kirsch-Feldzug. Dort wurden wir nicht wie siegreiche Kavalleristen empfangen.
Auswurf in der Suppe
Im Hause meiner Großeltern war immer etwas los, entweder war die Bude voll von wunderlichen Tanten, die bei der Erntekampagne halfen oder ein Geburtstag wurde großartig gefeiert. Und mein Cousin Heiner hatte bestimmt erneut eine verrückte Nummer abgezogen. Irgendwas Unterhaltsames gab es jederzeit. Meine Cousins waren massige Riesen, phlegmatisch und friedlichen Gemüts. Aber manchmal, wenn sie der Hafer oder sonst was stach, wurden sie zu gefährlichen Kampfmaschinen. Wenn sie sich, vor Kraft und Übermut strotzend, auf der Bodentreppe prügelten, hörte sich das an, als klärten zwei Wasserbüffel die Rangordnung. Einmal war das stabile Eichengeländer einfach durchgebrochen und beide stürzten krachend in den Flur. Die waren derart bullig auf sich und das Kampfgeschehen konzentriert und schienen ihren Absturz gar nicht zu bemerken, weil sie ohne die geringste Unterbrechung am Boden weiterrauften. Das mutige Eingreifen meiner Großmutter mit ihrem Krückstock brachte schließlich Frieden in die Kriegsarena. Auslöser für derartige Ausschreitungen war oft das köstliche Essen meiner Oma. Vor allem, wenn es besonders erstklassig gelungen war. Dann nämlich spuckte Heiner seinem Bruder sprichwörtlich und mit absichtsvoller Arglist in die Suppe. Und schon war wieder die schönste Rauferei im Gange. Am Ende kam der speiende Heini so dennoch zu seiner zweiten Portion, weil sein Bruder nur auswurffreies Essen mochte. Einmal geriet das Mittagsbrot-Scharmützel gänzlich außer Kontrolle: Oma hatte ausnehmend fein gekocht, als Heiner seine Zusatzration beanspruchte. Er spie los und wollte sich gerade die angespuckte Beute widerrechtlich einverleiben, als den Geschädigten die nackte Wut ankam. Pfeilschnell griff er seinen Teller und zerschlug mit geballter Kraft das Steingut auf dem Kopf seines zügellosen Bruders. Das Gericht flog wirbelnd durch die Küche und Heiner schreiend vom Stuhl, neben dem er schweigend liegen bleib. Nur Oma schrie noch. Ich hatte mich in die Ecke neben den abgenutzten Stubenbesen gerettet, dort standen wir beide stocksteif. Vor meine Füße waren zwei unschuldige Pellkartoffeln gerollt und in meinem Gesicht klebte warme Bratensoße. Das war nicht schlimm. Heiner hingegen musste sich wegen seines Bruders und seiner Gefräßigkeit in ärztliche Behandlung begeben. Es wurde genäht, Bettruhe verordnet und ein fürchterliches Donnerwetter losgelassen.
Ihr Vater, also mein Onkel, war überzeugter Kommunist und hasste selbst den Wind, wenn der aus Westen blies. Heiner war nicht nur sein Sohn, sondern auch das Gegenstück seines Denkens und Tuns. Sohnemann hörte, wie wir alle, am liebsten Radio Luxemburg, den erklärten Feindsender des deutschen Ostens. Auf die ständigen Attacken und Nörgeleien meines Onkels reagierte Heini schlagfertig mit gelangweiltem Sarkasmus. Treffsicher und rücksichtlos. Das konnte er glänzend und brachte damit nicht nur seinen sonst gutmütigen Vater aus der Fassung. Wir bogen uns vor Lachen. Einmal, als es die beiden besonders arg trieben, packte meinen Onkel der Rappel und er das Kofferradio meines Cousins. Er warf das unschuldige Gerät wegen des brandaktuellen Beatles-Songs Helter Skelter durch das geschlossene Küchenfenster, das Radio landete direkt auf dem Hof und dessen hartem Pflaster. Es schepperte und splitterte enorm. Der Titel von den Beatles hat überlebt, das Sternradio 111 und die Fensterscheibe nicht.
Opa war eine Respektsperson und bis ins hohe Alter scharf wie Pfefferchili
Der Vater meiner Mutter, Opa Wilhelm, war ein scharfsinniger, belesener Mann und für uns alle eine Respektsperson. Weil er als Einmannbauer den Unterhalt für sich und seine Familie auf eintönige Weise verdiente, war sein Leben ein einziges Understatement. Später habe ich mich oft gefragt, ob er mit seinem harten Leben haderte. Aber das Gegenteil schien zuzutreffen. Nur als seine zweite Tochter und kein Junge als Nachfolger der Kleinbauernwirtschaft geboren wurde, vergoss der Landmann Tränen der Enttäuschung. Als der Säugling nach wenigen Wochen starb, war er geläutert und freute sich gottlob über die nachfolgende Ankunft meiner Mama. Rackern mussten seine Töchter im bäuerlichen Kleinbetrieb dennoch wie Kerle.



