Bravourös in die Suppe gespuckt

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Bei der Arbeit war Großvater wortkarg und sehr gebieterisch. Aber wenn ich neben ihm auf dem klapprigen Pferdewagen saß und wir gemächlich auf den Acker zuckelten, erzählte er mir Geschichten von früher und unserer Familie. Oma war nicht begeistert von seinen Darbietungen, weil sie der Meinung war, ich sei zu jung und Opa zu alt für diese Art Konversation. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte. Aber das war einerlei, ich liebte diese kurzweilige Unterhaltung, denn mein Großvater konnte wunderbar erzählen. Bevor er anfing zu fabulieren, rückte er sich jedes Mal die abgelebte dunkelblaue Filzmütze zurecht, trieb den launenhaften Theo mit der Lederleine an und schaute aufrecht sitzend konzentriert geradeaus, so als sehe er in der Ferne die Figuren seiner Erzählung auferstehen. Die folgenden Geschichten hat er mir oft erzählt, stets klangen sie ein bisschen anders. Noch heute höre ich seine Stimme deutlich, wenn er mit den stets gleichen Worten seine Geschichten begann: „Junge, du musst wissen: In unserem Dorf lebte Seefahrer-Paule, das war ein Original und mein Onkel. Bis zu seiner Entlassung bei der Marine war er stramm zur See gefahren und hatte sich auf seine alten Tage als Landratte in seiner Heimat niedergelassen. Zu der Zeit war ich ein halbwüchsiger Rotzlöffel, so wie du jetzt. Onkel Paule wohnte in einem winzigen Häuschen, schien gänzlich sorgenfrei und mit sich sowie der Welt im Reinen. Mit Würde trug er noch seine verschlissene Seemannsuniform, ungeachtet dessen, ob Montag, Weihnachten oder Geburtstag war. Paule war ein Sonderling und er mochte Kinder. Die nahm er ernst und unterhielt sich mit ihnen wie mit Erwachsenen. Das heißt, meist monologisierte er gedankenversunken und vergaß dabei die Welt um sich herum und das Alter seiner Gesprächspartei. Das Beste an Seefahrer-Paule jedoch war sein Lebensgefährte. Von seinen Fernreisen als Matrose hatte er sich ein Totenkopfäffchen mitgebracht. Der war die Sensation des ganzen Ortes, insbesondere für mich. Was hätte ich darum gegeben, wenn ich den hätte besitzen dürfen. Der aber ließ sich von niemandem anfassen. Er hatte ständig Ausgang in Hof und Garten und fabrizierte dort den lieben langen Tag Unsinn nach Menschenart. Es schien Seefahrer-Paule nicht zu stören, wenn sein Äffchen mit einem Stock die Blumen im Garten köpfte, alle Marmeladentöpfe leerte, um eine winzigkleine Kleinigkeit davon zu naschen. Oder, wenn das Mus mit Schwung an die weiß getünchten Stubenwände flog, weil der Affe der darin versenkten Walnüsse habhaft werden wollte. Einfach famos!
Nun war es im Orte alte Tradition, zu allen großen Festtagen noch größere Kuchen zu backen. Die wurden auf Riesenblechen zum Dorfbäcker geschleppt, der sie in den heißen Holzbrandofen schob und dort herrlich garen ließ. Es war Ostern an der Reihe und auf der Dorfstraße marschierte eine Karawane strammer Frauen, die auf ihren Köpfen bleischwere Kuchenlandschaften zur Backstube balancierten. Denkbar, dass jener Anblick das Äffchen vom Seefahrer-Paule ein bisschen an sein warmes Vaterland erinnerte, denn es kletterte auf die nahe Birke im Vorgarten, ließ den ersten Pflaumenkuchentransporter passieren, um dann von oben mit einen gewagten Satz mitten auf das zweite Kuchenblech zu prallen. Durch die punktgenaue Affenlandung explodiert der fette Schmandbelag. Die Matrone darunter glaubte wahrscheinlich an himmlische Heimsuchungen, schrie auf und warf vor Schreck und Grauen das Blech direkt in Seefahrer-Paules Blumengarten. Klatschend landete der Rest vom süßen Brei auf den Osterglocken. Das war aber nicht weiter schlimm, denn die hatten längst keine Blüten mehr, allesamt geköpft vom pfiffigen Äffchen.“
Opa kratzte sich am Kopf, kramte unterm Kutschbock eine Pulle hervor und nahm einen kräftigen Hieb warmen Milchkaffe. Nie vergaß Oma, ihm seinen Trunk in die alte Bierflasche mit Porzellanverschluss zu gießen, und reichte sie ihm, bevor er den Hof verließ. Nach dieser Stärkung fühlte sich Opa gewappnet, um weiter zu erzählen:
„Ja, früher, da war manches anders. Zum Beispiel trank man nur Bier oder guten Bohnenkaffee, wenn es etwas zu feiern gab. Meine Eltern, also deine Urgroßeltern, feierten gern. Vor allem meine Mutter. Mein Vater war ein herzensguter Mensch und zur Arbeit fuhr er mit dem Rad über Land. Das war durchaus erforderlich, weil er als Messer- und Scherenschleifer sein Geld verdiente. Meine Mutter hingegen war ein arges Frauenzimmer. Als mein älterer Bruder, den kennst du nicht mehr, an einem frostklaren Wintertag leichtsinnig das dünne Eis des Sees betrat, krachte es unter seinen Holländerschlittschuhen und er versank im kalten Wasser. Wie durch ein Wunder wurde er mit langen Hakenstangen unter der Eisdecke hervorgezogen. Mehr tot als lebendig lag er eine Woche fiebernd in seinem durchschwitzten Bett. Der taprige Dorfdoktor machte ein sorgenvolles Gesicht und wenig Hoffnung. Aber mein Bruder überstand den Prankenschlag des Todes und die Folgen seiner Eskapade. Fortan hieß der im Dorf bis zu seinem seligen Ende nur noch der „Wassernix“. Als er sich von seinem Krankenlager erhoben hatte, bereits wieder an Unsinn dachte und meiner Mutter partout nicht gehorchen wollte, schrie die mit geifernder Stimme gellend übern Hof, dass es das halbe Dorf vernehmen konnte: ‚Wärst du verdammtes Raaaabenaaaaaas doch bloß im kalten See geblieben.‘ Ja, so konnte meine Mutter sein. Aber zu jungen Männern war sie nett. Manchmal musste mein lieber Vater wegen einer Angelegenheit auswärts übernachten, nicht selten hörte ich dann meine Mutter auf dem Stubensofa … Um Himmelswillen, Junge, das gehört jetzt nicht hierher, … wo war ich stehen geblieben …Ja, obgleich mein Vater nie von ihren schändlichen Sachen erfuhr, war er dennoch rasend eifersüchtig. Das war sein einziger Fehler. Aber eigentlich war es kein Fehler, denn er hätte ja allen Grund zur Eifersucht. Dabei war meine Mutter gar nicht hübsch. Und beide liebten jene Schunkele-Vergnügen, die das Blasorchester im Vereinshaus unseres Ortes bot. Posaunen, Tuba und Trompeten schmetterten ihre Melodien schräg und laut, aber dennoch schmissig. Die Stimmung im überfüllten Tanzsaal war überaus fidel. Meine bereits ergraute Mutter fegte mit einem flotten Galan über die gebohnerten Dielen, dass alle nur so staunten. Mein Vater hingegen knirschte wütend mit den Zähnen. Als es seine Frau vor aller Augen doch zu ruchlos trieb, platzte meinem sonst so sanften Papa endgültig der steif gestärkte Kragen. Solch einen Vatermörder trug sein Rivale auch. Daran packte ihn mein Vater und brachte so das walzernde Paar abrupt zum Stehen. Rachsüchtig brüllte er seine Frau entrüstet an: ‚Komm du mir bloß nach Hause, dann dresche ich dich windelweich.‘ Darauf antwortete meine Mutter ganz knapp und ungerührt: ‚Na und! Jetzt, mein Liebster, sind wir noch auf dem Saale…!‘ Zog ihren Verehrer dicht an sich heran und tanzte selig den falsch gespielten Walzer bis zu Ende … Tja, viel Gutes kann ich von meiner Mutter nicht berichten. Aber jenen Satz, den sie damals meinem aufgebrachten Vater schnoddrig entgegnete, den habe ich zu meinem Lebensmotto gemacht: Noch sind wir auf dem Saale.
Das ist so lange her. Erzählt hat mir das mein Onkel, der Seefahrer-Paule“, sinnierte Opa. Den Rest des Weges schwieg er eisern. Lächelt vor sich hin und war vollkommen in seiner Gedankenwelt versunken. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und war berührt von seinen Geschichten, die ich nicht verstand.
Opa war bis ins hohe Alter scharf wie Pfefferchili. Zum Schluss war da wohl nur noch der Wunsch der Vater der wollüstigen Gedanken. Und gab es Familienfeiern, ging Opa mit seinen immer noch schönen Händen gern auf intime Tuchfühlung bei seinen Tischdamen zur Linken oder zur Rechten. Die waren meist im knackigen Alter jenseits der achtzig. Und dann kam es schon mal vor, dass jene Mädels entsetzt aufsprangen, dabei scheppernd die gefüllte Sammeltasse mit sich rissen, deren brauner Inhalt nun gierig von weißem Linnen, statt von den Tanten aufgesogen wurde. Laut zu schimpfen oder anders wie zu räsonieren, wäre peinlich aufgefallen. Also begnügte man sich mit gedämpft wütendem Gebrabbel und wechselte verschämt das Thema sowie den Platz. Großvater störte das nicht weiter. Nur die ewigen Misserfolge bei seinen Eskapaden, die störten ihn sehr. Einen schönen Eklat gab es an seinem fünfundneunzigsten Geburtstag. Menschenmengen drängten sich in den engen Zimmern, vor allem alte Tanten. Alle verfügbaren Räume waren von auswärtigen Schlafgästen in Beschlag genommen. Der Belegungsplan der Betten wurde notgedrungen umdisponiert. Jeder ruhte irgendwo, aber in jedem Falle an anderer Stelle als gewohnt. Als alles schlummerte, schlich Opa hochmotiviert aus seiner Kammer, die er nun so viele Jahre allein bewohnte. Er hatte eine fesche Mittachtzigerin ins Visier genommen, kuschelte sich neben sie – und bekam die Hand seines nicht sonderlich geschätzten Schwiegersohns zu fassen… Meine Tante dachte ernstlich über eine stählerne Strafexpedition nach. Aber da hatte mein Opa letztlich nichts zu befürchten, denn seine beiden Töchter haben beide ein Herz aus Gold.
Schule war schön, schön doof
Mein Schulpensum erledigte ich mit links, bei mittlerem Fleiß. Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es eben muss! Ich lernte schnell und vergaß noch schneller. In meinen Lieblingsfächern hingegen konnte ich richtig engagiert loslegen und begeisterungsfähig zu Höchstleistungen auflaufen. In allen möglichen Arbeitskreisen, Clubs und sogar in der Blaskapelle mischte ich als untalentierter Posaunist mit. Das machte mir meistens Spaß und eine gehörige Portion Geltungsdrang spielte wieder eine Rolle. Die Posaunisten-Karriere hätte ich aber gern wieder an den Nagel gehängt, weil die mit Umständen verbunden war. Bis zur unerquicklichen Probe musste ich zwei geschlagene Stunden mutterseelenallein im Schulgebäude warten. Mein Blasmusiklehrer hatte es wohl gut gemeint und mir Mittagessen bei der Hausmeistergattin vermittelt. Bei ihr herrschte Hemdsärmelkultur und es war so schmuddelig, dass es mir die Graupensuppe nicht nur verhagelte, sondern sie mir auch noch im Halse stecken blieb. Saß eins von der Horde ihrer Kinder auf dem Topf, um sein großes Geschäft angestrengt zu verrichten, nahm die stramme Frau den angeschissenen Balg nach Erledigung schwungvoll von der mobilen Toilette und pflanzte den nackten Kinderarsch ohne Reinigungsritual direkt neben meinen Teller auf die glatte Wachstuchdecke. Das verursachte jeweils einen unreinen Ton, und erinnerte mich an mein Posaunenspiel. Nun wunderte ich mich nicht mehr über das komische Dekor auf dem Tischtuch unter meiner Suppenschale. Mahlzeit!
Bei meinen Lehrern war ich beliebt und verhasst zugleich. Von meinem Darstellungsdrang und von Kumpel Alex zum ständigen Wettstreit animiert, gaben wir die vorlauten Klassenkasper im ehrgeizigen Duett. Meine Mitschüler freuten sich, die Pauker weniger. Unter heutiger Beurteilung der Lage, hätte ich bestimmt eine Belobigung für vorbildliches Betragen erhalten, denn eigentlich waren wir nicht wirklich arg. Und irgendwie hatte ich durch meine lebenslustig-offene Art letztlich bei meinen Lehrern einen Stein im Brett. Waren Schulfeste, Wettbewerbe oder sonstige Öffentlichkeitsarbeiten angesagt, wurde ich von ihnen gern zum Spitzenkandidaten nominiert, erfüllte dann zuverlässig Auftrag und Mission. Dennoch blieb das Klagelied bei meinen Eltern über mein fürwitziges Verhalten nie aus, genauso wenig wie die darauffolgende Gardinenpredigt meines Vaters. Als Papa meine gesammelten Missetaten mit meiner Mutter in Wiederholung durcharbeitete, hörte ich sie einmal sagen: „Herrgott, wär‘s dir denn lieber, er wär nur artig, aber dämlich?“
Frau Tritsche und ihr Ehemann waren herausragende Persönlichkeiten, vor allem in Höhe und Breite, und beide meine Lehrer. Frau Tritsche hätte das lieber lassen sollen, denn von ihrem Lehrfach Mathematik und von Kindererziehung verstand sie nicht mehr als ihre Schüler. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, aber bei alldem kompensierte sie ihre enorme Unsicherheit auf unsere Kosten. Sie war gemein und das verzeihen Kinder nicht. Frau Tritsche verpasste uns dümmliche Spitznamen, versuchte es mit Ironie, was stets misslang. Obendrein war sie ganz schrecklich naiv und provozierte Lachgeschosse aus den Bänken. Frau Tritsche verteilte ungerechte Noten und konnte selbst nicht gut rechnen. Ihr Mann, der einflussreiche Funktionär, hatte sie protegiert. In den Pausen zermalmte sie dick belegte Doppelstullen, klemmte dabei tief gebeugt überm Lehrertisch. Also, summa summarum: alles ein bisschen zu viel des Guten. Wir hassten sie nicht, aber ihre Art, uns zu begegnen, wohl.
Tritsches wohnten auch in unserem Dorf und waren ausgerechnet mit meinen Eltern und Verwandten so was wie freundschaftlich bekannt. Letzten Endes nur deshalb, weil das Lehrerehepaar, die allgemeinhin keine Freunde hatten, sich zu Festlichkeiten gern selbst einlud. Das taten sie auch zum fünfundvierzigsten Geburtstag meiner Tante Erika, einer Frau, wie meine Mama, angefüllt mit Herzenswärme. Als alle an der reich gedeckten Tafel Platz genommen hatten und bestens gelaunt mit vollem Munde kauten, holte Frau Tritsche tief Luft zu einer höchst erbaulichen Tafelrede. Ich stutzte sofort! Was würde jetzt wohl kommen? Dann ging‘s los: Vor der versammelten Gästeschar erläuterte sie voller Empörung meine jüngsten Verfehlungen und gab das letzte Wortgefecht, das ich auf dem Pausenhof mit ihr hatte, detailgetreu zum Besten. Zu meiner Verwunderung verwendete sie wörtliche Redeteile erstaunlich präzise, zitierte mich und meine frechen Antworten akkurat. Nur an einer Stelle war sie nicht ganz exakt mit den Zitaten, ich verzichtete auf Einwände und Korrektur. Mir blieb der Bissen quer im Halse stecken, denn so viel taktlose Blödheit, hätte ich selbst ihr nicht zugetraut. Die Miene ihres Mannes verfinsterte sich missbilligend, die meines Vaters moralinsauer! Augenblicklich litt der unter einer doppelseitigen Gesichtslähmung. Enttäuscht von mir, schaute auch mein Bruder, kopfschüttelnd und mit ernstem Gesicht an der Nase runter. Für alle eine Qual, außer für Frau Tritsche. Grabesstille am Tisch! Und dahinein stellte die Pädagogin nun noch die abschließend intelligente Grundsatzfrage ihrer Aufmunterungsrede, mit dem Bezwecke der rückversichernden Bestätigung durch die betreten lauschende Corona: „Was sagt ihr dazu, war das von Thomas nicht wieder furchtbar frech?!“ Noch immer Totenstille!. Bis schließlich mein erwachsener Cousin Michael die unerquickliche Situation rettete und sichtlich amüsiert schallend loslachte. Ich war ihm so dankbar. Für mich hingegen gestaltete sich der weitere Festakt so lustig wie die Beulenpest und ward vorfristig beendet, weil mich Papa zuerst in die Wüste und dann nach Hause schickte.
Herr Titsche nebst Gattin schreckten auch nicht davor zurück, sich im gesamten Dorf der Lächerlichkeit preiszugeben. Bei klirrend-eisigem Winterfrost fror der See zu und wir hatten nun ein beliebtes Tummelfeld für blutrünstige Eishockeyturniere. Tritsches in ihrer immensen Leibesfülle waren beide des Schlittschuhlaufens nicht mächtig, sie aber ignorierten das. Auf wackeligen Holländerkufen, die an klobigen Skischuhen festgekurbelt waren, schob der Gatte seine Holde über die Eisesglätte. Die bebte unsicher. Wir konnten uns vor Lachen kaum auf den Eisen halten, als Herr Tritsche unerwartet bei unserem Wettkampf mitwirken wollte. Na gut, warum nicht? Nachdem er seine liebe Frau an Land geschoben hatte, wurde unser dicker Lehrer augenblicklich zum Eishockey-Tormann befördert. Diesen gefährlichen Knochenjob wollte eh niemand gern machen. Keinesfalls erpicht auf blutende Sportverletzungen, spielte ich zurückhaltend in der Verteidigung. Spielregeln gab es nicht, dafür umso mehr kämpferischen Einsatz und Verletzte auf allen Seiten durch die äußerst primitiven Sportgeräte. Ich verfügte über eine knochige Krücke, die mein Vater mit Eisenblechen stabil zusammengeschraubt hatte. Die lag schwer wie Blei in meinen Händen. Einerlei, wir legten los. Hinter mir der schnittige Torwart seinem Einsatz entgegenfiebernd und unruhig auf den nächsten Angriff der jugendlichen Gegenpartei wartend. Die Attacke nahte, ich wollte abwehren, stolperte los und kam ins Straucheln. Dabei drehte ich mich mehrfach ungestüm um meine eigene Achse und haute im finalen Sturz dem Pädagogen und Aushilfstorwart meine Eishockeykeule mit Schmackes vor den Schädel. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, sah ich erschrocken, dass unser bester Mann wie ein geschossenes Walross längelang im Tore lag und sich nicht mehr rührte. In Rückenlage hatte der dicke Lehrer alle Viere weit von sich gestreckt. Seine graue Schiffchenmütze, russisches Prêt-à-porter, hatte ich mit weggeschossen. Die lag zehn Meter weit hinterm Tor. Wir näherten uns dem Niedergemähten, so bange, als hätten wir eine schwere Fliegerbombe aus dem Krieg entdeckt. Und siehe da, er atmete noch.
Obwohl wir überhaupt kein gottesfürchtiges Haus waren, schickte mich meine Mutter aus althergebrachter Verbundenheit in den Konfirmandenunterricht zum Herrn Pfarrer Röbling. Der hockte tagein, tagaus in seinen verqualmten Amtsgemächern und war so schrullig-weltfremd wie der alte Diogenes in seiner Tonne. Herr Röbling hoffte ständig aufs Neue, der albernen, vorpubertierenden Landjugend Ehrfurcht vorm Allmächtigen einflößen zu können. Das ging von Generation zu Generation voll in die Hose, die beim Herrn Pfarrer übrigens meistens offenstand. Solche Einblicke waren nicht gerade förderlich für jene angestrebte Würde in der Bibelstunde und ließen Gefühle gottgefälliger Demut schnell ersterben. Schon ein verstohlenes Schmunzeln oder versehentliches Anecken mit den Füßen reichte unserem Herrn Röbling, um uns der gotteslästerlichen Albernheit und Provokation frommer Obrigkeiten zu bezichtigen. Wir fühlten uns als Opfer religiösen Wahns sowie dessen Willkür und begegneten dem Phänomen mit ständig grinsenden Visagen. Und als der arme Achim, der eigentlich Legastheniker war, die für uns völlig abstrusen Bibelverse vortragen und auch noch den übersinnlichen Inhalt erklären sollte, war die Zirkusnummer vollauf perfekt. Die junge Gemeinde halbwüchsiger Rotzgören kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. Freilich, wer hätte bei einer solchen Darbietung ernst bleiben können?! Aber Pastor Röbling vermutete erneut Provokation unterm Kruzifix, kaute im Leerlauf knirschend auf seinen dritten Zähnen, so wütend wie ein aufgeregter Wallach, und prophezeite unseren jungen Seelen Höllenqualen, wenn wir nur so weitermachten.
Schiss vor dem widerlichen Geruch des Todes
Waren im Dorf Beerdigungen nötig, gab es die alte Tradition des Kreuztragens. Als Führer zur letzten Ruhestätte schritt ich dem Trauerzug voran, bekleidet mit schwarzer Hose und weißem Hemd. Im Sommer beide kurz. Als stämmiger Bursche war ich Pfarrer Röblings bester Mann, so stellte er mich unvermeidlich der traurigen Gemeinde vor. Der war das rotzegal. Vor zwei Sachen hatte ich Schiss: Erstens in der Trauerhalle dem widerlichen Geruch des Todes zu begegnen und zweitens, dass mir wegen des einschläfernden Sermons meines Vorgesetzten das schwere Holzkreuz aus der Hand fallen und laut polternd auf den vor mir ruhenden Sarg mit dem Entschlafenen schlagen könnte.
Verwesungsgeruch hat es gottlob nie gegeben. Das andere kam so:
Im Dorf war die alte Anna gestorben und ich hatte meine Friedhofs-Schicht wieder rechtschaffen zu erledigen. Wie jedes Mal bezog ich mit dem Pastor und meinem massiven sakralen Utensil unseren gewohnten Standort am Kopfende der Totenlade. Alle Nachbarn, Bekannten und Verwandten waren vollzählig in der Kapelle angetreten. In vorderster Trauerfront Sohn Bibi nebst Familie. Wir alle kannten Bibi nur unter Bibi und wussten nicht, wie der mit richtigem Namen hieß. Also, Bibi und sein Clan hatten sich gerade direkt längsseits vorm braunen Vollholzsarg gruppiert, da ging das Gezeter seiner Frau auch schon los. Die entschlafene Anna hatte sich mit dieser Schwiegertochter ein Leben lang befehdet. Alle wohnten unter einem Dach und schrien sich dort ohne Unterbrechung an. Einmal bin ich bei ihnen am Küchenfenster vorbeigeschlendert, als gerade wieder ein Gezanke im vollsten Gange war. Um ein Haar hätte mich dabei ein fliegender Kochtopf mit dampfenden Pellkartoffeln erwischt. Den nämlich feuerte die rabiate Anna geradewegs aus dem Fenster, als ich auf gleicher Höhe ahnungslos passierte. Mit Getöse landete das schwere Kochgeschirr direkt auf der Straße, einen fingerbreit neben mir. Der Topfdeckel rollte davon, die Erdäpfel vor meine Füße. Damit hatte sie nicht nur ihre ständige Gegnerin und Schwiegertochter, sondern auch mich beeindruckt. Die blieben einander bis zuletzt spinnefeind. Jene Schwiegertochter wehklagte und jammerte nun an der Fürimmerkiste der alten Anna derart inbrünstig laut, dass Hochwürden stellenweise mit seinen tröstenden Worten innehalten musste. Das Geheul schwoll derweil so sehr an, dass es die Dorfsirene bei einem Feueralarm gewiss übertönt hätte. Die Trauernden blickten betreten in die Runde und das nicht allein wegen des tragischen Todesfalls. Das hysterische Gekreisch irritierte auch mich. So eine Vorstellung hatte ich während meiner gesamten Kreuzträgerkarriere nie erlebt. Den Fluss der blutigen Tränenbäche bei jener Wehklagenden konnte man nicht verfolgen, denn das trauernde Antlitz war mit einem Schleier zugehängt. Untermalt von gellenden Jaulattacken krümmte sich Bibis Angetraute von neuem gramgebeugt. Bog sich endlos weit nach hinten und dann nach vorn, dass man befürchten musste, als Nächstes würde sie sich verzweifelt auf den Sarg werfen, in dem die tote Anna ruhte. Dazu wäre es bestimmt gekommen, hätte ich nicht so grandios dazwischengefunkt. Kurz vor jener Beerdigung hatte mir Mama eine neue Sonnenbrille geschenkt. Obwohl Sonnenbrilletragen beim letzten Gang nur in Mafiakreisen statthaft ist, nahm seltsamerweise nicht mal Herr Pfarrer Röbling Anstoß an meinem neuen Augenglas. Das bestand aus brauner Plaste, einschließlich der Durchguckscheiben. Die waren verbogen und lieferten interessante Zerrbilder von den betrachteten Objekten. Im Moment war es besonders unterhaltsam, die Tragödin durch meinen Verzerrer zu studieren, dadurch wirkte ihr Auftritt noch grotesker. Mal hielt ich den Kopf nach links, mal nach rechts, bewegte ihn leicht hin und her und staunte, welche Bewegungen die vom Schmerz Geschüttelte zu vollführen schien. So fasziniert war ich von meinem Kaleidoskop, dass ich mich auf meine Aufgabe als Kreuzhalter nicht mehr konzentrierte. Und da geschah das Unglaubliche: Das mächtige Kreuz entglitt meinen Händen, kippte nach vorn und knallte kopfüber, der gusseiserne Heiland vorweg, auf den Sargdeckel, Eiche hell. Nach diesem dröhnenden Donnerschlag herrschte totale Ruhe in der Kapelle. Totenstille, sozusagen. Alle Klagegesänge waren verstummt. Ich stürzte nach vorn, verfehlte wegen meiner Trugbilder beinahe das Ziel und griff dann doch das schwere Eichenrundholz, um den schwarzen Mast eiligst in Position zu hieven. Bloß gut, dass ich die Brille trug, denn ich wusste vor Schreck nicht, wohin mit meinen Blicken. Fast war ich dankbar, als erneut Geheul die Trauerhalle erfüllte. Vielleicht war es ja ein Freudenschrei, weil Anna von jenem derben Schlag, der Tote hätte erwecken können, nicht wieder aufgewacht war. Das liebe Jesulein an meinem Kreuz hatte die schändliche Behandlung vollkommen unbeschadet überstanden. Am Erdmöbel gab es eine minimale Schramme. Mir wurde vom Herrn Pfarrer mein Zwei-Mark-Honorar radikal gestrichen, das war die Strafe des Herrn.
Bei der darauffolgenden Trauerfeier war der Diener Gottes höchstselbst der Superdödel. Der ständig zerstreute Pastor hatte seine Manuskripte zu Hause liegen lassen. Ohne die konnte er niemals seine herzbewegenden Reden halten. Wie von der Tarantel gestochen, ruckartig und wortlos wendete er mitten in der Trauerkolonne, um mit wehendem Talar kommentarlos zu entschwinden. Der Seewind blies zum Sturm und haute der davoneilenden Heiligkeit das Barett vom Haupte. Es rollte mit Karacho entlang die Straße in den nächsten Graben. Dort hinein entschwand auch die Eminenz, um sein Mützchen einzufangen. Entgeistert sahen wir dem Flüchtenden hinterher. Mein Gott! Verbindungslos und total verdutzt stand ich in der Schar der seelenwunden Hinterbliebenen und musste die irgendwie bei Laune halten. Verlegen scherzte ich ein bisschen über das stürmische Wetter, wir plauderten über Masterfolge bei der Kaninchenzucht und tauschten gegenseitig wertvolle Erfahrungen aus. Ein älterer Mann zeigte seine dick angeschwollenen Arthrose-Knie. Dazu musste er seine schwarze Anzughose herunterlassen, was wiederum seiner Frau missfiel. Nun fingen sie an zu streiten. Von der Streiterei ganz ungerührt und womöglich durch die gefallene Hose inspiriert, schilderte ein anderer Nachbar seine Prostataprobleme. Erklärte, wie sauer ihm das Pinkeln wird. Das alte Ehepaar hatte seinen Streit wegen des runtergelassenen Beinkleides aufgegeben, weil sich nun ihr Interesse auf die Beschwerden beim Wasserlassen konzentrierte. Ich versuchte mein Bestes beim Moderieren, allein hätte ich das jedoch nie geschafft. Dem Allmächtigen sei Dank, Frau Röbling kam in Windeseile angefegt und stand mir bei. Sie war klein, stets lustig, dabei resolut und flink, also das exakte Gegenstück von Hochwürden. Die mochten alle. Es wurde beständig fröhlicher. Wir lachten, scherzten und hatten eine vergnügliche Beerdigungs-Ouvertüre. So ein Jux!



