Morgensonnenschein

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Während ich in Gedanken gewesen war, war mir gar nicht aufgefallen, dass das allgemeine Geplauder aufgehört hatte und durch gespanntes Schweigen ersetzt worden war. Nun waren alle Augen nach vorne gerichtet, auf die Tribüne, so dachte ich zuerst. Bei genauerem Hinschauen erkannte ich, dass alle die unscheinbare Holztür rechts von dieser betrachteten. Sie musste zum Besprechungszimmer der Preisrichter führen. Von dem mit silbernen Beschlägen und mit einem silbernen Knauf bewehrten dunklen beweglichen Wandelement war ein grüner Teppich bis zur Tribüne ausgerollt worden. Ich war so in Gedanken gewesen, dass mir dieser überhaupt nicht aufgefallen war. Ohne Vorwarnung öffnete sich plötzlich die Tür und wie auf Kommando erhob sich der ganze Saal. Fanfaren ertönten von einem Balkon zu meiner Rechten, schon schritten in wallenden grünen Gewändern die Preisrichter in die steinerne Halle. Unter ihnen waren sowohl Frauen als auch Männer, alle im mittleren Alter oder älter. Sie nahmen auf den 20 Plätzen auf der leicht gebogenen, in zwei Reihen aufgeteilten Tribüne, die deshalb so konzipiert war, damit auch die Äußersten einen guten Blick auf die Flagge von Stones auf dem Boden hatten, Platz, wobei mir auffiel, dass die Älteren die vorderen Sitze für sich beanspruchten. In der Mitte saß ein Mann mit grauen Haaren und grünen, stechenden Augen, der oberste Preisrichter. Er unterschied sich von den Anderen darin, dass er eine schwere silberne Kette trug, in deren einzelnen ovalen Gliedern jeweils ein grüner Stein, wahrscheinlich ein Smaragd, funkelte, sodass ich diesen sogar über mehrere Bankreihen hinweg bestens erkennen konnte, und die so gut zum samtenen Umhang mit den silbernen Nähten passte. Mit einem Ring, der ebenfalls silbern mit grünem Stein war, klopfte der ältere Mann auf das dunkle Holz der Tribüne und die Leute im Saal ließen sich augenblicklich wieder auf den Bänken nieder. Dann sprach er: „Wir haben uns heute hier versammelt, um die Preise der hier anwesenden Kinder zu bestimmen.“
Seine Stimme war kalt und Eissplitter schienen die Luft vor unseren Augen wie seine Worte das Schweigen im Raum zu durchschneiden, er legte so viel Autorität in das Gesprochenen, dass nicht einmal mehr ein Kinderweinen zu hören war. Als er fortfuhr merkte ich, wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildete. „Wir werden nun die Namen der Kinder vorlesen und dann deren Preise bestimmen.“
Ein Schauder ging durch die Menge wie ein kühler Windhauch. Ich betrachtete die anderen Preisrichter und bemerkte in ihren Augen die gleiche Kälte, die ich auch in den Augen und der Stimme des Wortführers gefühlt hatte. Eine Frau, die links von diesem saß, holte eine lange Pergamentrolle hervor und der eigentliche Teil der Zeremonie begann. Die Preisrichterin verlas die Namen der einzelnen Kinder, ein Elternteil trat zusammen mit dem Baby vor die Tribüne und die Preisrichter bestimmten seinen Preis. Bei den ersten Kindern, die vor allem von Familien aus Coalman stammten, passierte nichts Außergewöhnliches. Sie alle hatten einen Preis, der sie in die Schicht ihrer Eltern einstufte, also einen zwischen null und 150, nur das Baby des Ehepaars, welches neben uns saß, hatte einen Preis von 459, der es in die 2. Schicht einstufte, was wiederum einigen Wirbel vor allem seitens der Eltern auslöste. Als die Mutter wieder Platz genommen hatte, schaute ich kurz in ihr tränenüberströmtes Gesicht. Es war hart das erste Kind an eine andere Schicht zu verlieren, aber wenigstens war es die zweite Schicht und nicht die vierte. Dann waren wir an der Reihe.
„Turris“, ließ die emotionslose Stimme der Frau verlauten.
Ich stand auf, um meine Mutter vorbei- und damit aus der Reihe treten zu lassen, als sich mein Blick mit dem des obersten Preisrichters kreuzte. Ich hörte in diesem Augenblick die Luft schier vor Spannung knistern und noch viel später, als ich längst wieder saß, fragte ich mich, ob er in dieser Sekunde mein Geheimnis erraten haben könnte. Während ich sekundenlang mit Schwindel und der Angst, die mir wie ein Stein im Magen lag und das Atmen erschwerte, kämpfte, durchquerte meine Mutter mit dem kleinen Leo den Raum und stand nun vor den Preisrichtern, auf dem Wappen von Stones. Sie hielt Leo etwas von sich weg, seine Füßchen hingen in der Luft, sein Gesicht musste bei der Zeremonie gut sichtbar sein. Der oberste Preisrichter lehnte sich langsam nach vorne. Er runzelte die Stirn und ein Glühen trat in seine grünen Augen. Ich stellte mir ängstlich vor, wie er damit die rehbraunen Augen meines Bruders wie mit Messern durchstach. Mehrere Sekunden verharrte der Würdenträger in dieser Position, dann lehnte er sich zurück. „Der Sohn der Turris hat einen Preis von 276.“
Die anderen Preisrichter nickten zustimmend. Mein Herz hüpfte vor Freude auf und ab und als meine Mutter sich zu uns umdrehte, sah ich den gelösten Blick in ihren Augen zusammen mit einem freudigen Funkeln, das ich schon allzu lang nicht mehr gesehen hatte und das mich noch breiter grinsen ließ. Als meine Mutter wieder auf ihrem Platz war, umarmte sie zuerst meine Schwester und dann mich, um dann dem Rest der Zeremonie, von der ich durch den Schleier des Glücks fast nichts mitbekam, mit einem Lachen auf den Lippen beizuwohnen. Nachdem der letzte Preis bestimmt worden war, erhob der mittlere Preisrichter abermals die Stimme. „Und nun, nachdem die Preise bestimmt worden sind, singen wir zum Abschluss die Hymne unseres Stones!!“
So erhoben wir uns alle, meine Schwester mit einem Stöhnen auf den Lippen, und sangen ein getragenes Lied in Moll, in dem es vor allem um die Preisrichter ging, die die Ordnung in der Welt bewahrten und deshalb höchste Ehren verdienten. Nach der Hälfte des Liedes bewegte ich nur noch die Lippen und da viele andere meinem Beispiel folgten, sang am Ende nur noch ein kläglicher Teil der Anwesenden. Ein stiller Protest war es, ein Aufbäumen gegen das System. Als die letzten Töne verklungen waren, löste der oberste Preisrichter, dem unser Widerstand nicht entgangen war, die Versammlung auf, stieg von der Tribüne hinab und verschwand, die anderen Preisrichter im Schlepptau, durch die unscheinbaren Tür, die sich hinter dem letzten von ihnen schloss. Sofort erhob sich der Lärm vieler aufstehender Menschen, die alle versuchten, als erste den Saal zu verlassen. Zwischen dem allgemeinen Gerede war immer wieder das Geschrei der Babys und das Schluchzen der Eltern zu hören, die ihr Kind verlieren würden.
Kapitel 5
Mit hastigen Schritten liefen wir den langen Gang zurück zur Eingangshalle. Nachdem wir einige Zeit gewartet hatten, waren wir mit ein paar anderen Nachzüglern in Richtung des neuen Diamond Towers aufgebrochen. Neu wurde dieser Teil des Hauptquartiers der Preisrichter genannt, weil er im Vergleich zum schon nahezu antiken alten Hauptquartier, dessen Zentrum der Zeremoniensaal, aus dem wir gerade kamen, bildete, noch recht neu wirkte. Im eigentlichen Diamond Tower mussten wir noch Leos Papiere holen, bevor wir wieder nach Hause zurückkehren konnten. Als wir schließlich den Eingangsbereich erreichten, wandten wir uns nicht nach rechts, zur Eingangstür, sondern bogen in einen schmalen Raum hinter der weißen Wand mit dem Wappen der Preisrichter ein, in dem sich an der linken Seite zwei bronzene Aufzugstüren befanden. Die Verwaltung der Preisrichter, also Finanzen, Registrierung von Preisen und die große Kanzlei des Preisrichterrates, war im zweiten Stockwerk des Towers angesiedelt. Die Arbeitsplätze dort, die vom einfachen Schreiberling, über Sekretäre bzw. Sekretärinnen, bis zum Berater gingen, wurde von Menschen aus Pebble und einigen glücklichen Ardesianern bekleidet, wobei es als große Ehre galt, für die Preisrichter zu arbeiten. Meine Mutter hatte wohl schon auf den blank polierten Knopf, der mich etwas an eine edle Hausklingel erinnerte, gedrückt, denn als ich meine Gedanken wieder auf die Gegenwart richtete, öffnete sich gerade die Aufzugstür und meine Mutter mit dem schlafenden Leo im Arm, meine Schwester und ich betraten diesen. Der Lift war wie alles andere natürlich wunderschön und von erlesenem Material, mit einem nun karamellfarbenen Boden und verspiegelten Seitenwänden, in denen ich mich als mittelgroßes Mädchen mit einem hoch sitzenden Zopf, dessen hellbraune Haarspitzen sich leicht lockig an mein Kinn legten, einem länglichen Gesicht mit breiten Augenbrauen und einem ausgewaschen grauen Kurzarmhemd über einem blauen Rock aus einem festen Stoff sah. Ein Duft nach eben derselben klebrigen Süßigkeit, die ich nur vom Sehen und Riechen her kannte, aber noch nie probiert hatte, lag in der Luft. Meine Schuluniform an meinem Körper leicht kritisch betrachtend spürte ich den Ruck, der sich bis in meinen Bauch auszuwirken schien und mir sagte, dass die Kabine wohl vom Boden gehoben worden war. Wir erreichten den zweiten Stock, die Türen öffneten sich und nicht zum ersten Mal an diesem Tag stockte mir der Atem auf Grund der immer wiederkehrenden Schönheit der oberen Viertel und ihrer Bauten, die trotz ihrer Beständigkeit und Vorhersehbarkeit für mich nichts an ihrem Scharm und ihrer Faszination verloren hatte. Unter dem Verwaltungsabteil hatte ich mir eine graue, mit dreckigen Teppichen ausgelegte, von Spanholzschreibtischen gefüllte und nur von vereinzelten staubbedeckten Zimmerpflanzen erhellte Bürolandschaft vorgestellt, also etwa wie das Verwaltungszimmer der Nähfabrik, in der meine Mutter arbeitete, nur eben in groß. Zu diesem Bild in meinem Kopf passten eindeutig nicht der glänzende hölzerne Boden, ein weiterer Empfangstresen zu meiner linken, das große bunte mit Ölfarben gemalte Unterwasserbild darüber, die samtigen, grün überzogenen Wartestühle auf der rechten Seite, deren zierliche Beine die gleiche Farbe wie der Boden hatten und die Frau, die ein smaragdgrünes Etuikleid trug, das gut zu ihren grünen Augen und dem langen rotbraunen Haar passte. Sie wartete bereits hinter dem brusthohen Tisch, da vor uns schon einige Familien dagewesen waren. Ihr junges und makelloses Gesicht sah gelangweilt aus und ich fragte mich, ob sie ihre Schönheit an dieser Stelle nicht verschwenden würde, doch dann fiel mein Blick auf ihren Preis und ich verstand. Einem Mädchen von solcher Schönheit standen in den gehobeneren Schichten doch einige Türen offen und für eins aus Ardesia, aus einer einfachen Familie, musste sich mit diesem Job eine ganz neue Zukunft eröffnen. Hinter ihrer Langeweile konnte ich ein Feuer der Hoffnung sehen, das durch eine Beförderung nur so mit Funken sprühen würde. Diese Erkenntnis, die mich mal wieder daran erinnerte, dass für die Preisrichter oft nur das Äußere zählte und dass die Menschen meiner Welt allgemein sehr oberflächlich waren, schließlich wurden man nur nach einem erblichen Preis beurteilt, war in weniger als zwei Sekunden zu mir durchgesickert und als ich sie mit einem Schauder über den Rücken abschüttelte, trat meine Mutter an den Empfangstisch heran. Sie hatte nichts von alldem mitbekommen und war darum bemüht, die Sache so gut es ging zu beschleunigen. „Hallo, mein Name ist Margo Turris. Ich war mit meinem Sohn bei der Zeremonie und möchte seine Papiere abholen.“
„Wenn sie mir bitte folgen mögen“, sagte die Frau mit gleichgültiger Stimme und zeigte mit einer Hand in einen Gang zu ihrer Linken, an dem mehrere Räume lagen und der, wie man erkennen konnte, in einiger Entfernung in ein großes Zimmer mündete.
„Wartet hier“, befahl uns meine Mutter mit einem Kopfnicken auf die grünen Polsterstühle gegenüber den Lifttüren und folgte der Frau, nachdem sie mir den weiterhin schlafenden Leo überreicht hatte.
Meine Schwester hatte nach wenigen Minuten aufgegeben still auf dem Stuhl zu sitzen und sich nun zu meinen Füßen niedergelassen, wobei sie versuchte, mit den dreckigen Schnürsenkeln meiner ziemlich maroden erdbraunen Stiefeletten neue Schleifen auszuprobieren. Dora war einfach noch zu sehr Kind für diese harte und rücksichtslose Welt. Sanft wiegte ich Leo hin und her und strich ihm eine dunkelbraune Strähne seines Haars aus den geschlossenen Augenlidern. Im Schlaf wirkten die Züge seines Gesichts noch weicher und unschuldiger als im wachen Zustand, wenn er einen durch seine warmen braunen Augen anstrahlte, ein Lachen auf den Lippen. Wahllos bewegte er seine kleinen Fingerchen, die schließlich meinen Finger fanden und sich an diesen klammerten. Ich war sehr froh, dass der kleine Leo bei uns bleiben durfte, auch wenn er nur mein Halbbruder war und Essen ein wertvolles Gut geworden war. Beim genaueren Hinsehen sah der kleine Junge seinem Vater, der auch der von Dora war, in seinen Gesichtszügen sehr ähnlich mit der kleinen Stupsnase, den eng zusammenstehenden dunklen Augenbrauen und den Grübchen in den Mundwinkeln. Doch Kamlet, so hieß der Plantagenarbeiter und Vater meiner zwei Geschwister nämlich, lächelte nie, zumindest hatte ich ihn nie lächeln sehen. Er wirkte auf mich niemals glücklich, sondern eher verkniffen mit den dunklen Augen und den dunkelbraunen glatten Haaren, die so geschnitten waren, als hätte ihm jemand einen Topf aufgesetzt und an dessen Rändern die Haare abgetrennt. Ich hatte nie verstanden, was meine Mutter an diesem fast ungesund braun gebrannten Mann gefunden hatte, der das ganze Jahr über vor den Toren der Stadt Obst und Gemüse pflanzte, goss und erntete, hatte ihn nie in mein Herz geschlossen, auch, weil er sich nie für Dora interessiert hatte. Vielleicht überforderten Kamlet Kinder, jedenfalls hatte er sich seit Leos Geburt bei uns nicht mehr blicken lassen und anders als meine Mutter rechnete ich auch nicht mehr mit seiner Wiederkehr. Trauer durchzuckte mich, dass auch Leo keinen richtigen Vater haben würde. Andererseits war seine Zukunft in Limestone nicht gerade rosig, also warum sollte er da grundlos verhätschelt werden. Jedenfalls war in diesem Augenblick das Alles egal. In diesem Moment zählte nur, dass wir über den Abgrund gesprungen waren, auch wenn noch viel zu viele Hürden vor uns lagen. In der Stille hörte ich plötzlich ein Geräusch, ganz leise und gleichmäßig war es, wie Regentropfen in einen großen Teich. Doch dann drängte es sich weiter in den Vordergrund und ich hob den Kopf, das stechende Blatt einer Palme, von deren Art es hier mehr gab, im Nacken spürend. Die Schritte, die das Geräusch verursachten, kamen immer näher. Flüsternd forderte ich meine Schwester auf, sich wieder auf dem Stuhl niederzulassen. Das hallende Geräusch ebbte ab, als die kleine Gruppe den Gang erreichte, wodurch ich jetzt auch eine tiefe Männerstimme ausmachen konnte. Der Sprecher trat als Erster in den Vorraum, gefolgt von zwei weiteren jüngeren Männern. Die beiden Äußeren trugen schwarze wallende Gewänder, während der Mittlere eine ausgewaschene Jeans und einen braunen Pulli anhatte. Dies musste die Preisrichtergarde sein, die aus bereitwilligen Preisrichtern aber auch vertrauenswürdigen Pebblern oder Ardesianern bestand und im Namen der Preisrichter für Recht und Ordnung sorgte. Zweifellos waren die zwei in schwarz gekleideten jungen Männer Preisrichter, wenn sie sich in diesem Teil des Diamond Towers ohne weiteren Geleitschutz durch andere als Preisrichter erkennbare Personen befanden. Noch nie hatte ich so junge Preisrichter wie diese gesehen, denn im Preisrichterrat, der sich für die Limestoner am sichtbarsten in der Öffentlichkeit bewegte, waren nur erfahrene Preisrichter, also ältere, die auch bei Überraschungen keine Miene verzogen und ihr Urteil auch bei höheren Schichten ohne Vorurteile fällten. Dass letzteres nicht unbedingt immer gewährleistet war, war nicht zu bestreiten. Schon oft genug waren Vorwürfe der Korruption zwischen ranghohen Personen und den Preisrichtern laut geworden, doch solche Misstöne oder zumindest ihre Verursacher waren meist schnell weg vom Fenster. So hatte ich lediglich einen Teil des Unterrichtsstoffs wiederholt. Dass meine Meinung über die Preisrichter und deren Weltansichten in eine ganz andere Richtung als die der Schulleitung und des Bildungsministers gingen, war schon allein durch meine Mutter und deren Sicht der Dinge gewährleistet.
Ich spürte einen leichten Druck auf meinem Schuh, als mich meine Schwester aus meinen Gedanken zurückholte. Beschämt senkte ich den Blick, als ich merkte, dass ich die drei Männer immer noch anstarrte. Diese waren mittlerweile vor einer der beiden Aufzugtüren, während sie dem grün blinkenden Rand des Knopfes nach zu schließen auf den Lift warteten. Keiner der beiden in schwarz gekleideten hatte meinen Ausrutscher bemerkt. Nur der andere Junge betrachtete mich interessiert. Ich hob den Blick, um seinen zu erwidern, als mir ein Keuchen entfuhr. Seine Stirn über den dunkelblauen Augen war leer, dort, wo eigentlich sein Preis hätte stehen müssen, war ein schwarzes Nichts, das mein letztes Stück Selbstbeherrschung verschlungen hatte. Weil der Junge wohl das Entsetzten in meinem Gesicht gesehen hatte, verdunkelten sich seine Augen und er drehte sich in die Richtung, in die die anderen schauten. Langsam machte dem anfänglichen Schreck einer Panik Platz, die nichts mit dem fehlenden Preis des Jungen zu tun hatte. Er hatte meinen Blick gesehen, er wusste, was ich gesehen hatte und somit war es für ihn nicht schwer zu erraten, welche Fähigkeiten in mir schlummerten. Mein Bauch zog sich ob dieser Erkenntnis zusammen, auf meiner Haut bildete sich Schweiß. Das Ticken der Uhr, die über meinem Platz hing, kam mir unheimlich und viel zu laut vor, als ob sie wüsste, dass mein Geheimnis kurz vor der Offenbarung stand. Eins, zwei, drei, vier. Ticktack, ticktack. Die Sekunden verstrichen und nichts passierte. Ein Geräusch ließ mich zusammenzucken, als sich die Aufzugtüren öffneten, dann das leise Rumpeln, während sie sich wieder schlossen. Ich atmete einmal, zweimal. Dann richtete ich meine Augen auf die Stelle, wo vor kurzem noch der Mensch gestanden war, der jetzt mein Schicksaal in der Hand hatte.
Ich beruhigte mich erst wieder, als nach zwei weiteren Minuten meine Mutter ins Zimmer trat und mit freudiger Miene verkündete, sie habe die Papiere für Leo. Der Weg zur Tür über den Aufzug und die Empfangshalle war kurz und wir alle waren froh, als wir dem Diamond Tower den Rücken zukehren konnten. Als wir vor diesem standen, die Sonne, die bereits den Zenit überschritten hatte, im Gesicht, konnte meine Schwester das freudige Jauchzen, das über ihre Lippen kam, nicht unterdrücken. Endlich war die schwer lastende Sorge weg, endlich hatten die Wolken in unserem Leben der Sonne Platz gemacht. Für einen Moment vergaß ich all die anderen Sorgen und zusammen mit meiner Schwester drehte ich mich um unsere Mutter, das Gesicht zum Himmel gestreckt. So tanzten wir am Fuße des Diamond Towers.
Kapitel 6
Bald schon hatten wir Strecke zwischen das Hauptquartier der Preisrichter und uns gebracht. Die Sonne stand bereits tief und schien uns ins Gesicht, als wir endlich den Pfad erreichten, dem wir dann bis zum Südtor folgen mussten. Bei Anbruch der Dunkelheit kamen wir schließlich dort an und nahmen die nächste Straßenbahn nach Limestone. Irgendwo zwischen Marpel und Ardesia war meine vom Tag erschöpfte Schwester eingeschlafen, ihr Kopf lag schwer auf meiner Schulter. Auch ich verspürte große Müdigkeit, allerdings war der Drang, den Schlaf meiner Schwester zu bewachen größer. Ihr langes glattes kastanienbraunes Haar erzitterte bei jedem ihrer gleichmäßigen Atemzüge. Auch meine Mutter hatte ihren Blick auf Dora gerichtet. Sie sah ebenfalls müde aus, ihre tiefen Augenschatten ließen keinen Zweifel daran, und doch war da das lebhafte Funkeln in ihren blauen Augen, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Doch da nun die alles überlagernde Sorge weg war, hatte ich in meinem Kopf viel zu viel Platz für meine anderen Probleme. Was war mit dem Jungen von heute Mittag? Hatte er mich doch noch verraten? Würden morgen die Preisrichter kommen, um mich zu holen? Und wenn er mich doch nicht verraten hatte? Aber warum sollte er das tun? Viel zu viele Fragen gingen mir durch den Kopf und als wir schließlich Limestone erreichten und ich meine Schwester aufweckte, schwirrte mir dieser vom vielen Denken. Den Weg nach Hause durch die dunklen Gassen hasteten wir nur so dahin. Wir alle waren froh, wieder zu Hause zu sein. Aber mir war bewusst, dass ich auch daheim keinen Schutz vor meiner selbst finden würde. Ich spürte, dass mein Geheimnis kurz vor der Enthüllung stand.
Trotz allem fiel auch von mir die Anspannung ab, als wir schließlich vor unserer Haustür standen. Meine Mutter schloss auf und schnell schlüpften wir in den schmuddeligen Flur, in dem wir heute früh noch gestanden hatten, nichtsahnend, was uns die Zukunft bringen würde. Nach einer weiteren Tür befanden wir uns in unserer Wohnung, die mir nach dem großen Zeremoniensaal noch kleiner vorkam. Sie bestand nur aus zwei Räumen, der Küche und dem gemeinsamen Schlafzimmer, die beide nicht nennenswert voneinander abgetrennt waren. Nur ein Tuch hing da, wo die Tür hätte sein müssen. Es diente dazu Essensgerüche, von denen es bei uns eher nicht so viele gab, aus dem Schlafraum zu halten und Gästen den jämmerlichen Anblick unserer „Betten“, zweier Matratzen und einem Gitterbett für Leo, zu ersparen. Ansonsten befand sich im Schlafzimmer nur noch ein alter Teppich und eine Kleiderstange, die unsere spärliche Auswahl an Kleidungsstücken zeigte. Ein Fenster gab es dort nicht. Die Küche, die unseren Wohnraum darstellte, war etwa doppelt so groß wie das Schlafzimmer, was aber nicht viel bedeutete, weil dieses mit den wenigen Sachen, die sich darin befanden, so voll gestopft war, dass man sich darin fast nicht mehr bewegen konnte, ohne auf einer Matratze zu stehen, und war gefüllt mit einer schmalen Küchenleiste und einem Tisch mit drei Stühlen. Dieser war so an die der Küchenzeile gegenüberliegende Wand geschoben worden, dass es noch Platz gab, um dazwischen hindurchzugehen. Das Ganze war durch eine einzige Glühbirne an der Decke in schummriges Licht getaucht. Anscheinend hatten wir heute Glück gehabt, denn es war nicht selbstverständlich, dass wir Licht hatten. Die Stromversorgung in Limestone konnte nicht gerade als zuverlässig bezeichnet werden. Und wie auf ein Kommando standen wir plötzlich wieder im Dunkeln. Meine Mutter stöhnte auf und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie die Augen verdrehte, bevor sie sich zu unserem einzigen Schrank vortastete, aus dem sie im untersten Fach auch einige Kerzenstummel herausholte. Der Strom kehrte den restlichen Abend nicht zurück und so nahmen wir unser karges Mahl aus trockenem Brot und kalter Brühe im Kerzenschein ein. Wir lachten viel und so machte es uns nichts aus, als wir mit immer noch knurrendem Magen ins Bett stiegen, denn an andere Aktivitäten, wie das Lesen eines Buches, war bei dieser Lichtqualität nicht zu denken. Nachdem meine Mutter dem kleinen Leo ein Gutenachtlied gesungen hatte, bei dem auch Dora die Augen zugefallen waren, löschte sie das Licht und war nach kurzer Zeit ebenfalls eingeschlafen. Allein ich lag noch lange in der Dunkelheit wach und grübelte über meine Zukunft nach. Als ich merkte, dass meine Gedanken immer öfter abschweiften, überließ ich mich schließlich der warmen Leere des Schlafes.
Ich stand in einer Menge an Leuten. Mein Blick schweifte hin und her. Ich suchte nach meiner Familie. Plötzlich traf ich den Blick eines anderen Augenpaars. Seine blauen Augen bohrten sich in meine, blau auf blau, Eis auf Meer. Plötzlich drehten sich die anderen zu mir um, als der Junge auf mich zeigte. Und die Stimme des obersten Preisrichters dröhnte in meinen Ohren: Zelda Turris, rief er, Zelda Turris!
Kapitel 7
Bei den ersten Sonnenstrahlen wachte ich auf. Das Licht, das durch die Ritzen des Lakens, welches den Durchgang verhing, fiel und dieses vom Rest des Raumes abhob, malte die dunklen Umrisse meiner Geschwister und ließ in seinen Strahlen Staub tanzen. Meine Mutter rumorte irgendwo in unserem Wohnraum und mein Magen erinnerte sich nur noch schemenhaft an die letzte richtige Mahlzeit. Vorsichtig, um Dora nicht zu wecken, verließ ich auf Zehenspitzen das Zimmer. In der Kochecke stand meine Mutter bereits in einem Topf rührend am Herd. Sie war wohl schon früh aufgestanden, noch bevor die Sonne überhaupt zu erahnen gewesen war, um das bisschen Milch, das sie jetzt mit Haferflocken vermengte, zu kaufen. In den letzten drei Monaten seit der Zeremonie meines Bruders hatte sich die Knappheit an Lebensmitteln verschärft, jetzt, wo es den Leuten finanziell einigermaßen gutging, war nicht mehr viel da, was sich kaufen ließ. Die Preisrichter, so sagte man, hatten mal wieder die Rohstoffzufuhr unterbunden. Die Preise für Kleider und Lebensmittel, wenn den welche da waren, schossen in die Höhe. Die, denen es vorher schlecht gegangen war, ging es jetzt noch schlechter, denn Folge des Rohstoffmangels war vor allem eine steigende Arbeitslosigkeit. Auch meine Mutter war davon betroffen. Sie hatte sich vor einigen Jahren als Näherin selbstständig gemacht, doch jetzt, da Stoffe und Garne so enorm teuer waren, lag es nicht fern, dass sie wieder in die Fabrik gehen musste, wo sie die Hälfte verdiente und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeitete, um uns drei, Leo, Dora und mich, einigermaßen ernähren zu können. Wegen diesem Sachverhalt war es mir auch wirklich lästig in die Schule zu gehen. Lieber wollte ich arbeiten, um wirklich etwas beitragen zu können, aber meine Mutter stritt vehement ab, dass ich derartiges machte, da wollte sie schon lieber verhungern, als dass ich meine Zukunft opferte. Vielleicht würde das auch bald geschehen…





