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Ich hatte kaum eine Ahnung, wer in unserem Haus wohnte. Man kannte sich vom Sehen, vom raschen Grüßen, vielleicht von einer der seltenen Hausversammlungen. Ich wusste nichts von den anderen, ich war ahnungslos. Wir ließen einander in Ruhe und stiegen uns im Lift nicht auf die Zehen oder gingen im Stiegenhaus in angemessenem Abstand aneinander vorbei.
In der Wohnung schaltete ich den Fernseher ein und sah in den Spätnachrichten die gewohnten Bilder von den Pressekonferenzen und kleineren Katastrophen des Tages. Ich war schon erleichtert darüber, keine Nachrichten von größeren Unglücken aufschnappen zu müssen: Der Tag war vergangen ohne weitere Zwischenfälle. Irgendwo demonstrierten in unserer Stadt Menschen, weil ein Park einer Wohnanlage zum Opfer fallen sollte. Das war der Aufreger des Tages. In meinem Kopf aber pochte der Satz, den die fremde Frau heute Abend zu mir gesagt hatte. Ich wusste, dass ich keinen Schlaf würde finden können.
Vorher wurde ich ohnehin von eine Gelse belästigt, die in der Küche um den Lampenschirm kreiste. Ich schloss sofort alle Fenster und machte mich auf die Jagd. Ich bezeichne mich als analogen Gelsenjäger, was bedeutete, dass ich bei der Gelsenjagd weder chemische Waffen noch andere elektronisch-technischen Hilfsmittel verwendete. Seit einiger Zeit benutzte ich eine Adalbert-Stifter-Ausgabe mit dessen Erzählungen, die ich auf einem Flohmarkt günstig erworben hatte. Das Buch war vom Format her nicht zu klein, lag aber dennoch gut in der Hand und wog so viel, dass ausreichend Anpressdruck erzeugt werden konnte. In mehreren leidgeprüften Nächten hatte ich die Wirkung der Adalbert-Stifter-Werkausgabe als Anti-Gelsen-Waffe und Wurfgeschoss vor allem an die Decke erfolgreich und zufriedenstellend ausprobieren können. Der psychologische Effekt, das Ergebnis des Anwurfes, der eigentlich ja ein Aufwurf, besser noch ein Hinaufwurf war, unmittelbar feststellen zu können, war enorm und motivierend. Ein Fehlwurf konnte durch einen erneuten Wurf korrigiert werden, ein Treffer zeitigte sofort einen dunklen, matschigen Fleck an der Decke oder aber, wenn es sich um eine Gelse handelte, die sich bereits an mir vergriffen hatte, einen hellroten Blutfleck. Den Aufpralllärm, der durch den Stifter-Band erzeugt wurde, verrechnete ich als Lärmausgleichskompensation an das Ehepaar Hüsch für vergangene Polterereignisse, die Lärmbilanz zwischen den Apartments schien mir danach ausgeglichen, selbst wenn ich nachts am Keyboard übte, verwendete ich Kopfhörer.
Dieses Jahr konnte als ausgesprochen hartnäckiges Gelsenjahr bezeichnet werden, keine Ahnung, woher mitten in der Stadt diese Horden an Stechmücken kamen, die ihre Existenz ja stehenden Gewässern oder Tümpeln und Regentonnen verdankten. Mit einem gezielten Wurf an die Decke formte sich ein neuer, dunkler Fleck aus Chitin, der die ursprüngliche Körperstruktur der Gelse noch ungefähr erahnen ließ. Ein wenig erinnerte mich der insektide (existierte dieses Wort?) Abdruck an der Decke an die gepressten Pflanzen in meinem Herbarium, das ich vor Jahrzehnten als Schüler der Unterstufe erstellt hatte. Ich lobte mich innerlich für den gelungenen Buchwurf und machte sofort einen kurzen Kontrollgang ins Schlafzimmer, um Ausschau nach weiteren Gelsen zu halten. Als ich das gekippte Fenster schloss, warf ich einen Blick über den Innenhof in die Wohnung schräg gegenüber, in der ich seit einiger Zeit regelmäßig die Bewegungen einer jungen Frau beobachtete, die keine Gardinen zuzog, weil sie das Anbringen von Vorhängen wohl uncool und überflüssig für eine Wohnung ihres Geschmacks fand: Von schräg unten sah ich in die kleine Wohnküche, in der zwar Licht brannte, sich aber im Moment nichts bewegte. Meine beiläufigen Beobachtungen hatten mittlerweile ergeben, dass die junge Frau allein wohnte und keine regelmäßigen Besuche empfing. Wieder zurück in der Küche, beschloss ich, mir noch eine Tasse entkoffeinierten Kaffees zuzubereiten. Für solche Bedürfnisse hatte ich eine Packung Instantpulver gekauft, das nur mit heißem Wasser aufzugießen war. Ansonsten bevorzugte ich Filterkaffee. Im Kühlschrank entdeckte ich, dass keine Milch mehr da war. Für den Fall hatte ich eine Plastikdose mit Kondensmilch parat. Das Öffnen der Dose hatte mir immer schon Schwierigkeiten bereitet, obwohl an ihr der Vermerk kräftig drücken, dann Lasche anheben angebracht war. Außerdem stand in Versalien das Wort PRESS auf der Lasche. Trotzdem war ich schon mehrmals beim Öffnen gescheitert und hatte dann ein spitzes Messer gebraucht, um an die Kondensmilch heranzukommen. Bei dieser nicht ganz ungefährlichen Operation fiel mir mein Kollege Holger Wuttke ein, der mir im Pausenraum unseres Instituts ein YouTube-Video aus den siebziger Jahren gezeigt hatte, in dem ein Direktor einer Kondensmilchdosen-Fabrik kurz nach Einführung des Tetrapak im Fernsehen vor laufender Kamera daran gescheitert war, den Verschluss zu öffnen, und sich mit Milch vollgekleckert hatte.
Die Dose mit der Kondensmilch hatte auf dem Küchentisch einen weißen Ring aus Milch gebildet, den ich ausführlich betrachtete. Ein Insekt, das Milchprodukten nicht abgeneigt war, würde an dieser feingezeichneten Null aus Milch wohl eine abgerundete Abendmahlzeit vorfinden. Eben aber hatte ich das einzige im Raum befindliche Insekt mittels Buchanwurf erledigt.
Spätnachts saß ich vor dem Computer. Ich störte niemanden. Ich ging zu Bett, wenn mir danach war, ich stand auf, ohne den Betrieb der Welt zu stören.
Ich hatte nichts weiter in der Hand als einen Namen, den ich niemals vorher gehört hatte. Weil wir den gleichen Vater haben; wenn dieser Satz stimmte, dann hatte ich soeben erfahren, dass mein Vater noch ein Kind gezeugt hatte, außer uns, seinen ehelichen Kindern. Zuerst dachte ich: noch ein Kind. Dann dachte ich: mindestens noch ein Kind und musste lachen. Die Vorstellung war so absurd wie überwältigend.
Der Satz kreiste weiter in meinem Kopf. Der Historiker, der Rationalist in mir versuchte, die Oberhand über meine Ratlosigkeit zu gewinnen. In meinem Kopf überschnitten sich Vorstellungen von Sätzen, die ausgesprochen eine jähe Stimmungsveränderung hervorriefen: Sie haben Krebs. Sie bekommen die Stelle. Sie haben gewonnen. Sie werden entlassen. Sie sind gefeuert. Ich möchte dich heiraten. Ihr Kind ist tot. Morgen verlasse ich dich. Sätze wie Kreuzungen. Sätze, die ausgesprochen wurden und vom Moment des Aussprechens an das Leben in eine bestimmte Richtung lenkten. Nach links. Nach rechts. Hinauf. Hinunter. Sätze, die, kurz nachdem sie ausgesprochen waren, dem Leben eine Wende gaben. Ich spürte mein Herz pochen und bemerkte, dass mir der Schweiß ausbrach.
Wie immer versuchte ich mich durch eine Denkübung aus dem Gefühlswirbel zu ziehen. Da gab es die Liste meiner eigenen Lebenssätze, die mir durch den Kopf schwirrten, eine Liste lapidar kurzer Sätze, die mein Leben gelenkt hatten:
Max ist tot (mein kleiner Bruder, der als Säugling gestorben war). Mama ist tot. Du kommst ins Internat. Leirich, das Historische könnte Sie interessieren (ein Lehrer). Wir bedauern, Sie nicht aufnehmen zu können (am Aushang der Musikhochschule). Da kann ich leider nichts für Sie machen (ein Professor nach Abschluss meiner Dissertation, als ich einen Job suchte). Wir sollten heiraten, meinst du nicht? (Ariane) Es ist ein Mädchen (bei der Geburt unserer Tochter). Papa ist tot. Ich gehe (Ariane). Und dann: Weil wir den gleichen Vater haben.
Ein hechelnder Durchlauf durch meine Biografie, der die skurrilen, tragischen Wendungen meines Lebens beschrieb. Jeder Satz eine Weichenstellung, eine Festlegung, jeder Satz, der mich ein Stückchen weiterschob im Dickicht meines Lebens, ein Labyrinth hindurch, in dem es nur eine Richtung gab, nämlich vorwärts, seit Jahren ruckelnd vorwärts, gefühlt abwärts, und wo irgendwo (unten? seitlich?) ein Ausgang lauerte, Exit, und ein Satz: Er ist tot. (Der sollte dann mir gelten.)
Oder es wartete ein anderer Imperativ, wie ich ihn als Ministrant in meinem Heimatdorf besonders dramatisch in Erinnerung hatte: Auf! Es war das Kommando des Bestatters Willi Dorfner für die Träger, zwei Hölzer, auf denen der Sarg über der offenen Grube lag, wegzunehmen und den Sarg dann vorsichtig ins Grab zu senken. Das Kommando Auf! setzte die letzte kurze endgültige Bewegung eines Toten in Gang, hinunter ins Grab. Mich wunderte, dass mir plötzlich dieser schräge Bestatter einfiel, der mich wegen seiner Schirmmütze immer an einen Seemann oder einen Kapitän erinnert hatte. Ein Kapitän beaufsichtigte (für mich als Kind) in unserem Dorf die letzte schaukelnde Ausfahrt eines Toten (der Sarg wurde damals noch auf den Friedhof getragen; selbst dieser Vorgang findet heute fast ausschließlich mit motorisierten Wägelchen statt) und gab seltsam klingende Bibelverse wie Ich weiß, bei dir wohnt Milde und dein Gesetz gibt mir Vertrauen von sich. Mir fiel ein, dass dieser Bestatter auch als Ausrichter des jährlichen Sporthöhepunkts von S., einem internationalen Motocross WM-Lauf, aufgetreten war. Beim ersten von ihm organisierten Straßenrennen war es gleich zu zwei tödlichen Stürzen gekommen. So war, wie sich die Leute später erzählten, der skurrile Fall eingetreten, dass Dorfner zuerst als Veranstalter des Todesrennens (unvermutet, absichtslos) und später als Bestatter der zu Tode gekommenen Fahrer (folgerichtig) fungierte und damit doppelt profitiert hatte. Diese Koinzidenzbehauptung war aber unbestätigt und historisch nicht mehr nachweisbar.
Dann tippte ich den Namen in den Computer, der so gar nichts mit mir zu tun zu haben schien: Johann Preinfalk. Die Suche ergab sofort einen Treffer und lieferte ein Ergebnis, das mir bereits bekannt war: die Telefonnummer und die Adresse. Er lebte in der Nähe der Pfarre, wo ich meinen Vortrag gehalten hatte. Nur einen längeren Fußmarsch entfernt davon. Er hatte von dem Termin gewusst. Er war aber nicht zu meinem Vortrag erschienen.
Dann entdeckte ich eine Ergebnisliste mit dem Namen Johann Preinfalk auf der Homepage eines Sportvereins. Er führte zahlreiche Sektionen, von Fußball über Judo bis Tischtennis. Ich klickte die Sparten durch, rief zuletzt die Stockschützen auf.
Ich scrollte die Seite hinunter zu der Fotoserie einer Vereinsmeisterschaft. Kleinformatige Aufnahmen eines Asphaltplatzes waren das, zum Teil aus großer Entfernung aufgenommen, unter ihnen ein Stillleben mit vier Asphaltstöcken. Am Schluss dieser Serie dann ein paar Aufnahmen, offensichtlich aus einem Vereinslokal. Gutgelaunte Männer saßen an einem Tisch, einer der Männer hatte wie zum Scherz eine Kieferbinde um den Kopf gebunden. Das nächste Foto zeigte ein Porträt dreier älterer Herren, alle drei lachend, der Mann in der Mitte hatte seinem Sitznachbarn freundschaftlich die Arme um die Schultern gelegt. Dieser Mann sah aus wie mein Vater, ich sah meinen Vater, so wie er mit vielleicht sechzig Jahren ausgesehen hatte: sein Gesicht, sein Lachen, die Form seiner großen Ohren, eine Hakennase, seine nach hinten verlaufende fliehende Stirn. Aber die Aufnahmen stammten aus dem Jahr 2012. Damals war mein Vater bereits sechzehn Jahre tot gewesen. Ich spürte, wie sich etwas in mir gegen dieses Erkennen sträubte. Wie ich mir wünschte, einem Irrtum aufzusitzen. Aber da gab es keinen Irrtum.
Nebenbei lief im Radio das Nachtkonzert, die Schwärmerei, die mich in Bezug auf Musik oft befiel (unglaublich, in welch verschwenderischer Vielfalt die Historie Komponisten hervorgebracht hatte: Ries, Bertali, Reinecke, Braunfels, Weinberg, Herschel, Mealli, Namen, die ich noch nie gehört hatte und die doch alle Könner ihres Fachs gewesen waren!), stellte sich heute nicht ein.
Zuerst einmal wollte ich bei den Fakten bleiben. Eine unbekannte Frau hatte mir eine Telefonnummer und den Namen eines Mannes in die Hand gedrückt. Ich hatte noch nie von dem Mann gehört. Er wusste offenbar, wer ich war. Er wusste, wer sein Vater war. Hatte er behauptet. Ich hatte eben sein Foto im Internet gesehen. Auf jeden Fall sah er meinem Vater ähnlicher als ich ihm. Der Mann war sichtbar älter als ich. Warum hatte er so lange geschwiegen? Der Vater war doch lange schon tot. Welche Absicht verband sich mit der Nachricht an die Frau? Wollte er, dass diese mich informierte? Wenn ja, warum jetzt? Warum überhaupt? Konnte ich die Nachricht einfach abtun? Mich so verhalten, als ob die Frau mir den Zettel nicht in die Hand gedrückt hätte? Hatte sie mir damit etwas an den Hals geschafft, womit ich mich beschäftigen musste? Sie sind Historiker, hatte sie gesagt. Was bedeutete das? Sollte ich einen Informationskongress einberufen? Das Faktum spektakulär enthüllen? Sollte ich der Sache nachgehen, in einer Angelegenheit wühlen, die offenbar nicht meine, sondern die meines Vaters gewesen war? Hatte es etwas in seinem Leben gegeben, wovon ich vielleicht gar nichts wissen wollte? Welche Anstrengungen lauerten, wenn ich mich mit dieser Sache zu beschäftigen begann? Musste ich Zahlungen leisten? Bedeutete das womöglich, für eine Sünde des Vaters zu büßen? Oder sollte ich die Nachricht als wundersame Botschaft auffassen? Wo sollte ich anfangen? Sollte ich den Typen einfach anrufen? Sollte ich jemanden aus meinem Umfeld informieren? Meine Schwestern? Meine Ex? Meine Tochter? Margit, die Halbverflossene? Meine Kollegin Gabriele, die jüngst Ersehnte? Meinen Freund Konrad, den Psychotherapeuten? Sollte ich nach der Frau suchen, die mir den Zettel in die Hand gedrückt hatte?
Der pedantische Anteil in mir gewann allmählich die Oberhand über die schreckbesetzten Bezirke in meinem Kopf. Pedanterie – Erschrecken 1:0. Ich schrieb eine Liste.
Instinktiv schloss ich aus, als erstes Johann Preinfalk anzurufen. Dazu wusste ich zu wenig über ihn. Ich würde mich auf ihn vorbereiten müssen. Mich vielleicht mit einer Person meines Vertrauens beraten. Auf einen Zettel schrieb ich eine Reihe von Namen, spontan und ungeordnet. Margit. Gabriele. Ariane. Hanna. Ulrike. Judith. Konrad. Ich begann die Liste durchzudenken.
Margit also. Sie arbeitete als Helferin beim praktischen Arzt im vierten Stock unseres Hauses. Ich hatte sie zufällig in der Mittagspause unten im Park kennengelernt, als sie sich für eine kurze Rast auf eine Bank setzte und einen Bulgursalat aus der Plastikdose löffelte. Über ein paar Banalitäten waren wir ins Gespräch gekommen, erst als wir gemeinsam ins Haus traten, stellte sich heraus, dass sie ein Stockwerk über mir ihren Dienst versah. Die Formulierung so ergab eins das andere war in Bezug auf Margit tatsächlich zutreffend. Irgendwann einmal traf ich sie im Treppenhaus, beim Abholen eines Rezepts tauschten wir etwas verstohlen die Telefonnummern aus, wenige Tage später gingen wir miteinander essen, wo mir Margit die Geschichte ihrer Misere darlegte (sie befand sich in der Trennungsphase von ihrem Mann, einem Immobilienmakler), irgendwann einmal saßen wir spätabends in der Ecke eines Gastgartens, wo es zu ersten einvernehmlichen Annäherungen kam. Kurz darauf besuchte mich Margit dann ein paarmal in meiner Wohnung, wo die Einvernehmlichkeit an Heftigkeit zunahm. In der intensivsten Phase erreichten mich während des Tages mehrere Margitsche SMS, die ich unverzüglich beantwortete. Zum Konflikt mit ihrem Mann kamen Auseinandersetzungen mit ihren Kolleginnen (es ging um Arbeitszeiten, um Eifersucht und Konkurrenz, sie fühlte sich vor allem ungerecht behandelt). Tatsächlich war es nicht einfach, sie zu treffen. Margit achtete penibel darauf, dass nicht ruchbar wurde, dass sie einen Mann kennengelernt hatte, der ausgerechnet in dem Haus wohnte, in dem sie arbeitete. Meine naive Fantasie, dass Margit in der Mittagspause nur ein Stockwerk herabzusteigen brauchte, um mich in meiner Wohnung zu besuchen, verblasste rasch, weil sie während der Dienstzeiten (und also auch in der Mittagspause) keine Lust auf eine rasche Entspannung hatte und noch weniger darauf, beim Verlassen der Wohnung von wem auch immer gesehen zu werden. In den letzten Wochen hatte die Frequenz der SMS von Margit auf dramatische Weise nachgelassen, was ich mir nicht erklären konnte. Über Monate hatte ich ihren Scheidungsprozess wohlwollend und freundschaftlich zuhörend begleitet, nun aber, da die Trennung abgeschlossen war und Margit sich freier fühlte, wie sie sagte, war meine Zuhörhilfe offenbar nicht mehr so dringend erwünscht. Kürzlich hatte sie vage angedeutet, dass sie nun ein paar Tage nicht erreichbar sei. Ich hatte es nicht gewagt, nachzufragen. Dem Impuls, einen Kontrollgang in die Praxis zu machen, um zu sehen, ob sie arbeitete oder zu eruieren, ob sie auf Urlaub gegangen war, hatte ich nicht nachgegeben.
Wenn ich ehrlich war, musste ich mir eingestehen, dass die Margitepisode möglicherweise bereits an ihr Ende gekommen war, darüber brauchte ich mir keine Illusionen zu machen. Dennoch überlegte ich kurz, sie jetzt spätnachts in ihrer neuen Singlewohnung anzurufen und ihr von einem möglichen Familienzuwachs zu erzählen. Ich verwarf den Gedanken, ich hatte sie zuletzt kontaktiert, jetzt war sie dran. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich laufe ihr nach oder sei von ihr abhängig. Vor Kurzem noch hatte ich ihr gestanden, dass ich oft an sie dachte und sie begehrte. Du solltest wissen, dass das Verb begehren für mich zu den Vokabeln der höchsten Kategorie gehört und von mir nur ganz selten ausgesprochen wird, hatte ich zu Margit gesagt. Sie hatte darauf mit dem kleinen, gurrenden Lachen reagiert, das mich von Anfang an für sie eingenommen hatte. Jetzt aber Margit wegen dieses Preinfalk anrufen? Nein. Definitiv nicht.
Als Nächste stand meine Kollegin Gabriele auf der Liste. Unser Beziehungsstatus war im Augenblick nicht genau geklärt. Gabriele war Zeithistorikerin wie ich, sie hatte seit Jahren eine Dreiviertelanstellung an der Uni, gemeinsam hatten wir bereits mehrere Lehrveranstaltungen abgehalten. Wir trafen uns gelegentlich auf einen Kaffee oder zum Essen. Mit Gabriele fanden sich, auch wenn ich sie länger nicht gesehen hatte, sofort Gesprächsthemen. Sie liebte Jazz wie ich, vor allem vokalen. Und meistens hatte ich mit ihr auch etwas zu lachen.
Sie war schlagfertig, ein wenig frech, wirkte fast immer fröhlich und gehörte zu den Menschen, deren Nähe ich mir heimlich wünschte. Außerdem war sie hübsch, allerdings verheiratet. Sie war einige Jahre jünger als ich. Daher hatte ich nie daran geglaubt, dass aus unserem freundschaftlichen Verhältnis einmal mehr werden würde. Seit einem gemeinsamen Erlebnis, das uns zwei Monate vorher beim Institutsausflug ungeplant und unvermutet nähergebracht hatte, hatte ich Gabriele auf meiner kleinen, ungeschriebenen Zukunftsliste als Hoffnungsprojekt verzeichnet. Der Ausflug hatte in die Wachau inklusive einer Nächtigung in einem Hotel in Spitz an der Donau stattgefunden. Nach dem Abendessen in einem Heurigenlokal war unsere kleine Gruppe zu Fuß ins Hotel zurückgekehrt. Die meisten von uns waren etwas alkoholisiert und suchten sofort das Bett auf. Der Abend war warm, der Himmel klar. Gabriele hatte spontan vorgeschlagen, noch kurz zur Donau hinunterzugehen, ich war ihr gefolgt. Auf einer Bank ließen wir uns nieder, schauten in den Sternenhimmel und wurden uns über die mangelhafte Qualität eines sogenannten Bratlgeigers einig, der uns beim Abendessen mit seinem Spiel zwangsbeglückt hatte. Zuerst streifte ich zufällig Gabrieles Handrücken, später ihren nackten Unterarm. Kurz darauf lehnte sie sich an mich, bald darauf küssten wir uns. Im Nachhinein stellte sich diese Annäherung als stringente und den Ereignissen des Abends folgerichtige dar. Ich war leicht angeduselt, hatte wohl auch für einen Moment einen Zustand der schwebenden Wahrnehmung erlebt und erinnere mich an einen Seufzer des Wohllauts, der aus Gabrieles Körper drang, als wir uns küssten. Beide hatten wir unsere Brillen beim Kussvorgang anbehalten. Die Zartheit des unvermuteten Kusses war dann wohl in einen kurzen Anfall haptiler Gier meinerseits übergegangen, den Gabriele offenbar zu genießen schien. Von diesem Abend an teilten wir also eine kleine erotische Erfahrung, die bisher glücklicherweise weder Klammerversuche noch weitere Begehrlichkeiten ausgelöst hatte: Seit dem nächtlichen Vorfall in dem bekannten Weinort in der Wachau hatten wir uns kein einziges Mal gesehen, im Sommer lediglich ein paarmal miteinander telefoniert. Aber wir teilten nun ein kleines Geheimnis, das den anderen hoffentlich verborgen geblieben war. Möglicherweise waren seit dem Wachau-Ausflug die Chancen gestiegen, dass sich mein Verhältnis zu Gabriele über das Stadium freundlicher Sympathie hinaus entwickeln würde.
Die Sehnsucht, jetzt mit ihr zu telefonieren und ihr von dem Vorkommnis zu erzählen (sie beschäftigte sich mit Biografieforschung, vielleicht interessierte sie mein Erlebnis auch als Wissenschaftlerin), überfiel mich unvermittelt und mit leisem Verlangen.
Ich drückte Gabrieles Nummer, die in meinem Handy eingespeichert war, und war enttäuscht, als ich nur ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter vernahm. Leicht verstimmt legte ich auf, der Wunsch, Gabriele mitten in der Nacht erreichen zu wollen, war verwegen gewesen. Vielleicht war sie irgendwo unterwegs, vielleicht schlief sie schon.
Ariane stand als Nächste auf der Liste. Ich wusste aber sofort, dass es illusorisch war, mich an sie zu wenden. Dazu waren wir schon zu lange getrennt. Ihr hatte ich früher immer alles als Erste erzählt und dargelegt. Zu Arianes Stärken gehörte es zweifellos, dass sie sich – im krassen Gegensatz zu mir – sagenhaft gut abgrenzen konnte. Dinge, die sie nicht interessierten oder die sie instinktiv ablehnte, schüttelte sie ab wie ein Hund, der gerade aus dem kalten Wasser kam, und in einer Geschwindigkeit, die manchmal das Ende meiner Erzählung überrundete. Ich begann zu erzählen und sie rollte mit den Augen und ich war informiert und ruhiggestellt oder es kam zum lauten Streit. Ich habe nie jemanden kennengelernt, der so schnell zu einem Urteil über eine Sache oder eine Person gekommen war wie sie. Wenn ich gut gelaunt war und bei Kräften, konnte ich diese Blitzurteile, die leider oft auch negativ (aus meiner Sicht) ausfielen, mit einem Scherz abfedern, indem ich sagte, die Rakete spricht, oder jetzt hast du wieder den Turbo gezündet oder ähnlich Albernes, womit ich auf die europäische Trägerrakete gleichen Namens anspielte, ein Scherz, der meistens das Gespräch sofort vergiftete. Möglicherweise hatte ich das Prinzip, Schlimmes oder Unangenehmes zu antizipieren, im Lauf der Jahre auch auf Arianes Gesprächsverhalten angewendet und mein Mitteilungsbedürfnis nach und nach gedrosselt. Eigenartig, dass sie mir dennoch eingefallen war. Früher hätte sie mir zugehört, aus dem Bauch heraus geurteilt und vielleicht sofort gewusst, wie ich vorzugehen hatte. Wir lebten aber seit sieben Jahren getrennt, waren seit fast fünf Jahren geschieden und telefonierten nur mehr selten miteinander – eine Form der Distanz, die uns nach einer längeren Kontaktlosigkeit als praktikabelste aller Möglichkeiten erschien. Wir waren eine erkleckliche Strecke unseres Lebens parallel marschiert, irgendwann hatten sich unsere Wege getrennt, über Hanna blieben unsere Existenzen bis an unser Ende verbunden. Ariane würde ich also nicht informieren, natürlich nicht.
Mein nächster Gedanke galt Hanna. Sie jetzt anrufen und ihr von diesem Johann Preinfalk erzählen? Der, wenn stimmte, was behauptet wurde, ihr Onkel war? Ich hörte direkt ihr helles Auflachen, das Ungläubigkeit ausdrückte. Chill deine Basis, erklärte sie mir neuerdings, wenn sie mich beruhigen wollte. Vielleicht hätte sie mich für verrückt erklärt.
Jetzt war unsere Tochter siebenundzwanzig, lebte in Wien und führte dort ihr eigenes Leben, angeblich mit zwei Frauen in einer WG. Ich hatte die WG noch nie betreten.
Zu oft verspürte ich das schlechte Gefühl, mich seit Längerem zu wenig um sie zu kümmern. Der Gedanke befiel mich regelmäßig und traf mich immer unvorbereitet. Ich wusste zu wenig von Hanna, wie es ihr erging, wie sie versuchte, ihre manifeste Prokrastination in den Griff zu kriegen (sie schob ihre letzte Masterprüfung seit mehr als einem Jahr vor sich her), ich mäkelte höchstens an der Tatsache herum, dass sie sich von ihren Eltern noch immer teilalimentieren ließ. Das, was sie durch das Kellnern in einem Lokal verdiente, war ihr zum Leben zu wenig und hielt sie erst recht vom Studienabschluss ab. Ab und zu jobbte sie bei einem Trendforschungsinstitut. Gab es Studien darüber, dass sich Prokrastination vererbte? Hatte ich Hanna überhaupt jemals darüber aufgeklärt, dass sie diese Aufschubstendenz möglicherweise von mir, ihrem Vater geerbt hatte? Ich rief sie regelmäßig an, machte offenbar aber irgendetwas falsch, wenn ich sie einlud. Sie schlug meine Einladungen nämlich fast immer aus, außer wenn es um Weihnachten und ein Treffen rund um meinen Geburtstag ging. Dabei wusste ich, dass wir uns sehr mochten. Unsere Zuneigung kam aber eher wortlos daher. Hatte sie mir die Trennung von Ariane jemals verziehen? Wir hatten uns darüber nie unterhalten.




