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Sie klang verwundert, als sie abhob. Hast du kurz Zeit, fragte ich.
Aus irgendeinem Grund verschlug es mir plötzlich die Stimme: einerseits wortwörtlich, denn ich musste mich plötzlich räuspern, andererseits im übertragenen Sinn. Kaum hatte sie gesagt, dass sie Zeit zum Reden hätte, wusste ich, dass ich ihr noch nicht berichten konnte, was mich seit gestern beschäftigte. Ich entschied mich blitzartig für höfliches Plaudern. Mir erschien alles noch zu diffus, zu unklar. Ich wollte erst mehr Informationen haben. Mehr über den Vater erfahren, mehr über den Bruder. Mit so einer Bombenmeldung wollte ich Ulrike nicht am Telefon kommen. Ich wollte sie nicht belasten. Ich würde ihr erst von der Geschichte erzählen, wenn ich mir selbst ein Bild über den Bruder gemacht hatte.
Wie geht’s dir, sagte ich.
Geht so, sagte sie. Das Schuljahr läuft. Sie haben mir wieder mehr Musikstunden draufgedrückt, sagte sie. Bring du mal Dreizehnjährige zum Singen. Sie lümmeln herum, starren dich an oder bearbeiten ihr Handy. Aber als Sozialarbeiterin werde ich nicht bezahlt, sagte sie.
Und Kurt, fragte ich. Kurt war Beamter im Rathaus. Dort war er in der Verrechnung tätig. Irgendwie hatten wir es über die Jahre nicht geschafft, miteinander in Kontakt zu kommen. Wenn wir einander trafen, redete ich ihn auf das letzte Hochwasser an (ein letztes Hochwasser hatte sich in Passau immer ereignet), er wiederum stichelte in Sachen Fußball. Er als Bayernfan tat sich leicht, für ihn gehörte ich zu den Ösis, die seit ewig nicht mehr gegen die Deutschen gewonnen hatten. Und unser städtischer Fußball lag seit Jahren darnieder. Die Mannschaft war sogar in die dritte Liga abgestiegen und hatte gerade erst wieder den Aufstieg in die zweite Liga geschafft.
Ulrike rapportierte kurz, dass Kurt am Knie operiert worden wäre, aber sich schon wieder aufs Rad geschwungen hätte, und schwenkte dann auf ihre Kinder um. Ich hatte die zwei, beide etwas älter als Hanna, völlig aus den Augen verloren. Der Sohn studierte offenbar in Berlin und die Tochter war dabei, trotz Baby ihr Soziologiestudium abzuschließen.
Ulrike erzählte und lachte ein bisschen, ihrem dunklen Alt hörte ich gern zu. Jedes Mal fiel mir auf, wie sich ihr Akzent dem Bairischen mehr und mehr annäherte, obwohl auch sie, die so lange schon in Passau lebte, dort noch immer als die Österreicherin wahrgenommen wurde. An ihrer Schule galt sie als Expertin für österreichische Literatur. Gemeinsam mit einem Kollegen führte sie auch den Theaterkurs. Einmal hatte sie sogar Nestroys Die schlimmen Buben in der Schule aufgeführt: Die Bayern packen’s halt nicht ganz, das Wienerische, hatte ihr Kommentar damals gelautet.
Und was ist mit dir, fragte Ulrike dann.
Das Semester beginnt, du kennst das ja, sagte ich ausweichend.
Dann kam auch schon ihre peinigende Frage: Und wie geht’s dir mit den Frauen? Das schien Ulrike immer am meisten zu interessieren. Eine Frage, die mir umso unangenehmer wurde, je länger die Scheidung zurücklag.
Die Organisation unseres Alltags, das Gefühl, dass keiner mehr zu dem kam, was ihn ausmachte, hatte die Beziehung zu Ariane zermürbt. In diesem Gezerre um Zeit hatte ich, so sah ich es, den Kürzeren gegen meine taffe Frau gezogen. Jahrelang konnte ich veröffentlichten Studien entnehmen, dass Frauen weniger als ihre Männer verdienten, sich mehr um ihre Familien kümmerten, dass die Gesellschaft männlich dominiert war und so weiter. Statistisch gesehen hatte ich gegen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nichts vorzubringen. Mich ärgerte nur, dass ich laut diesen Statistiken so gut wie nicht existierte. Ökonomisch war bei uns nämlich das Gegenteil der Fall. Ariane hatte immer eine volle Anstellung gehabt, ich hatte mit meinen paar Stunden Lehrauftrag gerade einmal die Grundlage für meine Sozialversicherung geschafft gehabt, mich ansonsten aber auf jahrelanges Jobben auf Werkvertragsbasis eingelassen: eine Sackgasse, wie ich leider zu spät bemerkte. Ich werkte da an einem Beitrag für einen Ausstellungskatalog, arbeitete dort an einer Recherche für eine Ausstellung oder zeitlich begrenzt an einem Forschungsprojekt eines zeitgeschichtlichen Institutes. Gemeinsam war diesen Tätigkeiten, dass sie alle schlecht bezahlt waren. Am Ende dieser Einbahn winkte die Mindestrente.
Aber ich wollte schon lange nicht mehr auf diese Phase meines Lebens angesprochen werden. Und auch nicht auf meinen anhaltenden Status als Single.
Ich merkte, dass ich Ulrike gar nicht mehr richtig zuhörte. Vielleicht sollte ich auch etwas sagen. Wie wäre es, wenn wir uns wieder einmal treffen, vielleicht auch außerhalb der Feiertage, fragte ich. Was meinst du dazu? Ulrike schien erstaunt, aber nicht abgeneigt.
Judith, unsere jüngere Schwester, würde ich benachrichtigen. Vielleicht konnten wir uns an einem der nächsten Wochenenden zu einer Wanderung irgendwo im Donautal verabreden.
Das fällt dir jetzt einfach so ein, fragte Ulrike verwundert.
Eigentlich schon, sagte ich ausweichend.
Oder hat es doch was mit einer Frau zu tun, bohrte sie nach. Sie konnte es nicht lassen. Wir vereinbarten, dass wir uns per Mail verständigen würden. Kurz darauf legte ich auf.
Ich ging unruhig in der Wohnung herum. Draußen war es stockdunkel geworden. Für heute schien es mir zu spät, ich hatte keine Lust mehr, jetzt noch Judith anzurufen, die abends selten zu Hause war. Sie lebte als Single mit einem starken Bedürfnis nach Menschen. Ihr Verschleiß an Bezugspersonen und unglücklichen Männerbekanntschaften war groß.
Ich schaltete den Fernseher ein und zappte/tappte in eine Sendung, in der in einer abgelegenen, dünn besiedelten Gegend in Deutschland besorgte Bürger vor ihren Einfamilienhäusern mit Doppelgaragen standen und freimütig vor der Kamera bekannten, dass sie sich vor Überfremdung fürchteten. Viele Bewohner von Vorpommern, glaubte ich zu wissen, hatten sich noch während und nach dem Krieg als Flüchtlinge aus Polen, Schlesien und Ostpommern im Osten Deutschlands angesiedelt. Ich wunderte mich, warum mir in diesem Moment der selten gewordene Ausdruck freimütig eingefallen war, und schaltete den Fernseher aus. Jetzt streifte mich die Vorstellung, ich kuratierte eine Ausstellung mit aus der Mode gekommenen Ausdrücken, zu denen unter anderem die Worte gnadenlos, ungnädig und freimütig gehörten. In einer eigenen Vitrine sollten Worte präsentiert werden, die Ausdruck eines freudigen Erstaunens waren, also Stimmungsaufheller. Darunter sollten ebenfalls Worte sein, die früher auf dem Land verwendet worden waren: Höllteufel! Kreuzteufel! Sapperlot! Sie waren längst von wow, cool, krass, abgefahren oder heftig abgelöst worden. In einem speziellen Giftraum sollten die Worte ausgestellt werden, die angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise durch die Medien kursierten, Vokabel des neuen Volksbewusstseins: Flüchtlingsstrom, Flut, Gutmensch, Asyl-Industrie, Welcome-Klatscher, Kulturbereicherer, Human-Neurotiker und- soweiter.
Als ich das Fenster öffnete, hörte ich das Folgetonhorn eines Rettungswagens. Mit der kühlen Abendluft kamen leider auch einige Stechmücken ins Zimmer. Ich schloss das Fenster, setzte mich ans Klavier und spielte ein paar Takte von Both Sides Now von Joni Mitchell. Vor ein paar Tagen hatte ich eine Aufnahme dieser Nummer des Pianisten Fred Hersch im Netz gefunden, der aus diesem Hit der Folksongwriter-Ära eine gefinkelt harmonisierte Jazzballade im Dreivierteltakt gemacht hatte.
Später ging ich in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich stellte es auf die Anrichte und suchte nach dem Öffner. Ich sah meinen Vater vor mir, der sein Abendessen gern an der Kredenz stehend eingenommen hatte. Ich sah mich auf der Eckbank in der Wohnküche unseres Hauses sitzen, wie ich den Vater betrachtete, der jausnend an der Anrichte stand. Mit dem Alter war er langsam und bedächtig geworden, er war schnell gealtert, nicht vergleichbar mit den fitten und aktiven Senioren von heute.
Ich erinnerte mich daran, wie ich mich um ihn bemüht hatte, als ich etwa zwanzig Jahre alt gewesen war. Vater hatte sich in sich verkrochen, war einsilbig geworden. Judith gegenüber hatte er einmal angedeutet, dass er sich einsam fühlte. Wahrscheinlich hätte heute ein Arzt eine Depression diagnostiziert und ihm Stimmungsaufheller verschrieben. Ich studierte in Wien und war selten zu Hause, mein Freundeskreis bestand ausschließlich aus Studenten, daheim fehlte mir der Anschluss an Gleichaltrige. Judith lebte bei Vater daheim, sie war bereits befreundet mit einem Mann, mit dem sie später ein paar Jahre zusammenwohnte. Sie verbrachte ihre Zeit oben in ihrem Zimmer, Vater hauste in der Küche. Dennoch war sie aber am meisten von uns in unsägliche Kämpfe mit ihm verwickelt, seinen Launen, seinen gelegentlichen jähen Ausbrüchen ausgeliefert.
Wenn ich nach Hause kam, versuchte ich, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich spürte, dass den Vater am Ende seines Lebens etwas bedrückte. Etwas, das man wohl die Summe seines Schicksals nennen konnte. Natürlich brachte ich seine Niedergeschlagenheit oft mit dem frühen Tod seiner Frauen in Zusammenhang. Der junge Mann, der ich war, wollte seinem Vater nahekommen. Beim Kartenspielen war er manchmal aus der Reserve zu locken. Während wir spielten, begann ich Fragen zu stellen. Über seine Jugend, über seine Erfahrungen im Krieg. Gelegentlich legte ich meinem Vater, der immer auch geschichtlich interessiert gewesen war, obwohl er keine höhere Schulbildung erhalten hatte, ein Buch auf den Tisch. So hatte er etwa die Erinnerungen von Simon Wiesenthal gelesen, ich hatte ihm, der im Krieg als Sanitäter gedient hatte, Die Prüfung von Willi Bredel, Anna Seghers’ Das siebte Kreuz und Feuchtwangers Die Geschwister Oppermann zu lesen gegeben.
Wir spielten Karten und ich stellte Fragen und versuchte, etwas aus dem Vater herauszubekommen. Ohne zu wissen, wie das ging, bemühte ich mich, seine Stimmung aufzuhellen. Einmal während der Weihnachtsferien – an der Universität war ich gerade mit der Methode der Oral History vertraut gemacht worden – schlug ich ihm vor, ihn über seine Lebensgeschichte zu befragen. Ich stellte einen Kassettenrekorder auf und bat den Vater zu einem Interview. Das erste Interview hatte vielleicht eine Dreiviertelstunde gedauert. Dann hatte es eine Unterbrechung gegeben. Wir hatten eine Fortsetzung vereinbart, zu der es nie gekommen war.
Aus nicht geklärten Gründen hatte sich die Kassette dann zu denen gesellt, mit denen ich Musik aus dem Radio, Jazzsendungen des Bayerischen Rundfunks und des ORF, aufnahm. Unglücklicherweise und unbedacht hatte ich später ausgerechnet das Interview mit dem Vater fast zur Gänze gelöscht. Geblieben waren bloß die letzten Minuten vor der Unterbrechung. An dieses verbliebene Aufnahmefragment mit meinem Vater musste ich denken, als ich durch die Wohnung ging. Irgendwo in einer Kiste, irgendwo in einem Regal, musste diese Kassette liegen, eine der wenigen Tonaufnahmen, auf der die Stimme des Vaters gespeichert war. Heute war auf den Festplatten der Welt alles aus dem Leben einer Familie tausendfach festgehalten, von der Wiege bis zur Bahre. Aus dem Leben des Vaters existierten ein paar wenige Fotos aus einem Kriegslazarett, aber keine einzige Aufnahme aus der Kindheit, und nur ein paar wenige Fotos aus der Zeit mit seinen Frauen.
Ich zog ein paar Schubläden aus den Schränken und begann plötzlich, diese Aufnahme zu suchen. Mir war damals wahrscheinlich nicht ganz klar gewesen, warum ich den Vater befragen wollte. Vielleicht wollte ich nur ein Tondokument sichern. Vielleicht trug ich eine Ahnung eines Familiengeheimnisses in mir, vielleicht hoffte ich, der Vater, der in seinen letzten Jahren traurig wirkte und sich mit Rotwein abdämpfte, würde sich mir öffnen oder ich könnte durch meine Befragung für ihn eine Tür zu dem Raum aufstoßen, in dem er sich lebendig fühlte. Ich als Sohn hatte die wahnwitzige Vorstellung gehabt, meinem Vater helfen zu können. Die Kassette fand sich nicht, in einer Lade fiel mir aber ein zusammengefalteter Packen Papier in die Hand, den ich jahrzehntelang nicht beachtet hatte.
Anlässlich seiner Pensionierung hatte der Vater sich von den Bewohnern der Gemeinde, in der er als Sekretär und also rechte Hand von zwei Bürgermeistern fast dreißig Jahre lang tätig gewesen war, mit einer persönlichen Lebensskizze verabschiedet, die er an jeden Haushalt verschickt hatte. Ich war damals gerade frisch an die Universität gekommen und hatte die Pensionierung meines Vaters nur nebenbei miterlebt und auch nicht begriffen, welche Rolle dieser Einschnitt in seinem Leben gespielt hatte. Seinen Lebenslauf hatte ich damals eher beiläufig gelesen, aber wenigstens nicht weggeworfen, sondern in irgendeine Lade gesteckt. Diese Biografie war bis zum heutigen Tag eines der wenigen Dokumente, die mich direkt an ihn erinnerten.
Nach vielen Jahren nahm ich nun Vaters Lebenserinnerungen wieder in die Hand und begann zu lesen. Seine sechzehnseitige Broschüre war gestaltet wie das Informationsblatt, das damals in der Zeit vor Computerprogrammen und Druckern regelmäßig an die Bewohner der Gemeinde ausgesandt wurde. Die Blätter waren auf Matritzen abgezogen worden. Die Abzugmaschine dazu stand in einer Ecke des Amtsraumes. Auf dem Fensterbrett im Amtsraum, mit Blick in den Garten hinter dem Gemeindeamt, war ich als Kind oft gesessen und hatte dort in Büchern geschmökert. Der Platz hinter der Abzugmaschine war für mich der ideale Ort für Lesenachmittage. Dort verschlang ich meine ersten Karl-May-Romane. Nebenbei verrichteten die Kollegen meines Vaters ihre Arbeit. Ich saß also in einem öffentlichen Amtsraum.
Der Vater richtete sich mit seiner Lebensskizze an alle Gemeindebewohnerinnen, nannte zuerst die Frauen, dann die Männer und sprach ausdrücklich auch die Jugend und die Kinder an. Die ersten Sätze dieser Skizze lauteten: Wie allgemein bereits bekannt ist, werde ich mit 1. Juli 1980 in den dauernden Ruhestand gehen. Aus diesem Anlass erlaube ich mir, Euch allen eine kleine Biografie von mir zu widmen.
Der Vater hatte seine Aufzeichnung in mehrere kleine Unterkapitel unterteilt, von denen das erste mit Die Kinderzeit! überschrieben war. Manche Details seines Lebens waren auch mir neu, oder ich hatte sie vergessen oder nicht beachtet, weil sie mir unbedeutend erschienen waren.
Mein Vater war als neuntes Kind einer armen Kleinhäuslerfamilie, so wörtlich, am 5. Jänner 1920 geboren worden. Augenblicklich begann ich mich meiner Onkel und Tanten väterlicherseits zu erinnern, ich kam einschließlich meines Vaters auf sieben Kinder, die ich gekannt hatte und von denen heute niemand mehr am Leben war. Zwei Geschwister meines Vaters mussten also als Kleinkinder oder als Kinder sehr früh gestorben sein, der Vater erwähnte sie in seiner Skizze nicht einmal. Auf nicht mehr als einer halben Textseite beschrieb er seine ersten Lebensjahre, deutete die politische Situation der Nachkriegsjahre an – die Monarchie war aufgelöst, 1920 trat eine totale Geldentwertung ein, die Gemeinden zwang, Notgeld zu drucken. Der Vater summierte: In dieser schweren und harten Zeit wuchs ich auf und kannte nichts als ein hartes, karges Leben.
Ein einziges seiner Geschwister erwähnte der Vater in diesem ersten Kapitel nach einem Hinweis, dass es damals noch keine gesunde Kinderernährung gab und viele Kinder früh an Krankheiten starben. Es war der Satz, an dem ich hängen blieb: Es ergab sich, dass ich und mein älterer Bruder diese Zeit überdauerten.
Und dann, ein paar Zeilen später die Anmerkung: Uns beiden Brüdern wurde das Los zuteil, dass wir schon vor der Schulpflicht zu Bauern in der Nachbarschaft Viehhüten und Ochsenweisen gehen mussten.
Formulierungen waren das, die völlig aus der Zeit gefallen anmuteten. Der Historiker in mir versuchte, den Text analytisch zu verstehen. In einer Zeit, in der die Autonomie des Subjekts und die Wahlfreiheit des Individuums betont wurde, in der wir selbstverständlich von der freien Wahl von Partnern, Beruf, Wohnort ausgingen, in der einem jungen Menschen von heute mindestens der ganze Schengenraum offen stand, in einer Zeit, in der viel von Ich-AGs die Rede und eine ständige Selbstoptimierung in den Medien angesagt war, hörten sich die Sätze des Vaters, vor gut fünfunddreißig Jahren geschrieben, seltsam an. Da resümierte ein Mensch, der vor beinahe hundert Jahren geboren worden war, die Tatsache seiner Geburt und Existenz mit einer lapidaren Wortwahl, die mich an die biblische Weihnachtsgeschichte denken ließ: Es ergab sich, dass ich und mein älterer Bruder diese Zeit überdauerten. Nicht erlebten. Nicht überlebten. Überdauerten. Wie bewusst hatte der Vater damals diese Formulierung gewählt und was verbarg sich für ihn dahinter? (Zeitlebens hatte der Vater Texte verfasst, berufsbedingt, Amtsschreiben, Protokolle, Niederschriften, aber auch aus Neigung, Gedichte, literarische Gebrauchstexte, Sketche, und über Jahrzehnte auch Berichte über das lokale Geschehen für mehrere regionale Zeitungen.) Wie überdauerte man eine Zeit, die die Kindheit war?
Wie viel Unfreiheit steckte in dieser Formulierung, wie viel Gefühl von in die Welt geworfen sein aus Zufall? Glück? Schicksal? Fügung?
Wenige Zeilen später dann der Hinweis, dass ihm das Los zuteil wurde.
Zum Leben wurde man eingeteilt, schon als Kind. Als noch nicht schulpflichtiges Kind zur Arbeit verpflichtet. Keine behütete Kindheit. Keine Wahlfreiheit. Nichts anderes gekannt. Das Leben, ein Los. Dieses Los wurde einem zugeteilt.
Ich mochte nicht an eine zufällige Formulierung glauben. In Sätzen steckt Obrigkeit, heißt es in einem Buch von Handke. Die Obrigkeiten dieses Lebens in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren eine autoritäre Gesellschaft, ein strenger Vater, die Enge einer dörflichen Gemeinschaft und die rigiden Vorschriften der Kirche.
Beim Lesen seiner Zeilen hatte ich das Gefühl, diesem Kind nahe zu kommen, das mein Vater vor fast hundert Jahren gewesen war. Hanna fiel mir ein, die, vielleicht war sie fünf Jahre alt gewesen, einmal um mich herumgestrichen war und mich dann aus ihren blauen Augen groß angeschaut hatte: Papa, es ist eigentlich komisch, dass es uns gibt. Ich war Zeuge eines ersten philosophischen Anfalls geworden, bei dem Hanna, die unter ganz anderen Bedingungen als ihr Großvater aufgewachsen war, über ihr Leben, über die Realität ihrer puren Existenz nachgedacht hatte.
Ihr, die ihren Opa nur vom Hörensagen kannte, hatte ich damals die Geschichte seiner Errettung durch einen Kameraden im Krieg erzählt, die für mich und meine Geschwister immer eine Ursprungsgeschichte unserer Familie gewesen war. Am 22. Juni 1941, gleich am ersten Tag des Russlandfeldzuges, war unser Vater schwer verwundet worden. Ein Unterarzt, der ihn notdürftig erstversorgt hatte, starb wenig später neben ihm im Schützengraben. Nach einer kurzen Bewusstlosigkeit, war der Vater wieder aufgewacht. Er hatte bereits russische Infanteristen über einen Wiesenhang laufen gesehen, sich aber wegen seiner schweren Verwundung nicht bewegen können. Auch der Satz stand in seinem Lebensbericht: Wie durch ein Wunder wurde ich gerettet. Ein Kompaniesanitäter aus Freistadt, den mein Vater von der Sanitätsausbildung her kannte, entdeckte den Verwundeten und organisierte den Abtransport. Der Vater wurde in eine Zeltplane eingepackt, an ein Geschützrohr gehängt und aus dem Gefahrengebiet herausgebracht. Die Episode gehörte für uns Kinder zu den wenigen Kriegserinnerungen, die er uns öfter erzählt hatte. Der Freistädter Gendarm war dabei vom Vater immer als sein Lebensretter tituliert worden. Ich glaube, dass der Vater nach dem Krieg viele Jahre Kontakt zu dem Mann pflegte, der in Freistadt bis zu seiner Pensionierung bei der Gendarmerie beschäftigt gewesen war.
Auch für Hanna erzählte ich die Geschichte mit einer Frage am Ende: Was wäre geschehen, wenn dein Großvater, also mein Vater, damals nicht gerettet worden wäre?
Mein Vater hatte die harten Jahre seiner Kindheit überdauert und den Krieg überlebt. Nur deshalb konnte ich Jahre später vor seiner Skizze sitzen, um sie zu lesen.
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