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Gebt mir tausend Jahre Einarbeitungszeit, das werde ich nie verstehen! Muss ich auch nicht, es ist nicht für mich geschrieben, und es interessiert mich nicht. Ich könnte mit einem Text auf Koreanisch genauso wenig anfangen. Auch im medizinischen Fachbericht eines Arztes an einen anderen Arzt, betreffend eine Erkrankung meines Unterleibs, wäre mir Satz für Satz verschlossen.
Aber! Jemand könnte mir das Koreanische ins Deutsche übersetzen. Ein Mediziner könnte mir erklären, an welcher Krankheit ich leide. Niemals jedoch wird mir jemand begreiflich machen, was diese beiden Sätze bedeuten. Man kann sie nicht übersetzen. Es ist, als wäre man mit Wesen in Kontakt gekommen, die in einer anderen Dimension leben. Es müssen viele sein, sonst würden nicht jeden Tag neue Zeitschriften mit solchen Sätzen erscheinen. Vor einiger Zeit fand ich sogar schon im Sportteil der Zeitung ein Inserat, in dem eine Firma mitteilte, dass sie dem Leser alles über ein Fußballspiel mitteilen könne, falls er das Match nicht habe sehen können. Die Firma gab ihre Internet-Adresse zur Kenntnis und verabschiedete sich mit den Worten: »Viel Vergnügen wünscht Ihr IT-Partner für Beratung, Systemintegration und Outsourcing.« IT-Partner? Systemintegration? Outsourcing? Wer grüßt da wen?
Ob Leute, die so sprechen und schreiben, noch das gleiche essen wie wir? Vielleicht leben sie nicht mehr von Brot und Butter, Fleisch und Gemüse? Vielleicht sehen sie noch so aus wie wir, tragen Anzüge und Kleider und bezahlen dafür mit Geld, damit sie nicht auffallen. Aber wenn sie allein sind, schlucken sie kleine grüne Tabletten oder verschlingen gierig die Innereien alter Laptops, oder sie verspeisen ihre eigenen Wörter, seltsame Menüs aus Begriffen wie »Bootmanager-Partition«, »Netscape-Browser« und »(»=’«=`«.
Vielleicht lebt mitten unter uns eine Kaste von Wesen, die in einer anderen Wirklichkeit existieren. Sie gehören einer höheren Realität an, von der wir nichts wissen und zu der wir auch nicht vordringen können, weil unsere Gehirne prinzipiell zur Erkenntnis dieser Dimension nicht in der Lage sind: So wie eine Ameise diesen Artikel nicht lesen kann, kann ich nicht OS/2 Inside dechiffrieren. Diese Wesen lesen ihre eigenen Zeitschriften, surfen in ihren eigenen Computer-Netzen, regieren ihre Parallelwelt in eigenen Ministerien. Sie tanzen auf ihren eigenen Parties nach ihrer eigenen Musik, und wenn sie sich mögen, sagen sie »\(»‘ )/?« zueinander und pflanzen sich mit ihren eigenen Geschlechtsorganen fort, die sehr anders als unsere funktionieren.
Das Verhältnis zwischen den Computerexperten und uns wird eines Tages ganz und gar sein wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Der Mensch erforscht das Verhalten der Tiere, freut sich an ihrer Existenz und nutzt sie. Wozu werden wir von Nutzen sein? Wird man uns als eine Art Singvögel halten, in Käfigen, unserem Gezwitscher lauschend? Wir werden nicht verstehen, was sie mit uns tun, und auf den Lauf der Welt werden wir keinen Einfluss haben.
Nachrichten aus dem Flachland
Erzähl’ mir von draußen«, sagte Bosch, mein alter Kühlschrank und Freund, als ich ihm abends ein Bier entnahm. »Ich erlebe hier nichts, bloß immer Tür auf und Tür zu – sonst erlebe ich ja nichts.«
Ich setzte mich an den Küchentisch, nahm einen Schluck und sagte: »Die Straße war heute gesperrt, weil sie einen Film gedreht haben. Immerzu drehen sie hier Filme, weil die Straße so schön ist. Diesmal war es ein Film mit Schießerei. Die Schießerei haben sie auf Handzetteln angekündigt, damit wir nicht erschrecken. Dem Briefträger ist an der Baustelle nebenan ein Ziegel auf den Kopf gefallen, aber er hat es überlebt. Der Elektroladen drei Häuser weiter hat zugemacht. Da ist ein Pizza-Service eingezogen.«
»War das der Laden, wo du die blöde Mikrowelle gekauft hast?«, fragte Bosch.
»Ja«, sagte ich.
»Geschieht dem Laden recht«, flüsterte er, »ich hasse das hysterische Miststück.«
»Aber was sollen wir mit noch einem Pizza-Service?«, sagte ich. »Immer wenn ein Laden dichtmacht, eröffnet stattdessen ein Pizza-Service. Und jeden Tag liegt der Prospekt eines anderen Pizza-Services im Briefkasten. Eines Tages werden wir keine Läden mehr haben, bloß Pizza-Services.«
Die Bierflasche war leer. Ich nahm eine neue.
»Und was macht ein Pizza-Service?«, brummte Bosch. »Bringt Pizza ins Haus«, sagte ich. »Man ruft an, und er bringt sie. Hier, steht alles im Prospekt: Pizza mit Plockwurst und Pizza mit Formfleischvorderschinken und Pizza mit Ananas und Pizza mit Pizza und Pizza mit Schofsköse…«
»Schofsköse?«, fragte mein Kühlschrank.
»Schafskäse, ein Druckfehler«, sagte ich. »Pizza mit Druckfehlern gibt’s auch. Neulich stand in einem Faltblatt, man könne nicht nur Pizza, sondern auch ›beleckte Semmeln‹ haben, lecker beleckt mit Formfleischvorderschinken oder Plockwurst oder Köse, äh, Käse.« Ich schaute Bosch an. »Hast du noch Bier?«, fragte ich. »Aber immer«, sagte er.
Ich öffnete ihn, nahm die dritte Flasche und schloss die Tür wieder.
»Ich versteh’s nicht«, sagte er dann. »Sind die Leute nicht früher in Restaurants gegangen und haben dort Pizza gegessen, mit Messern und Gabeln und von Tellern?«
»Ja«, sagte ich und trank. »Aber das ist bald vorbei. Man geht nicht mehr auf die Straße. Was willst du dort? Es fallen dir Steine auf den Kopf, oder du kommst nicht weiter, weil ein Film gedreht wird. Und Läden zum Einkaufen gibt es nicht mehr, weil alle Geschäfte durch Pizza-Dienste ersetzt sind.«
»Seltsam: immer Pizza«, sagte mein Kühlschrank.
»Eigentlich gar nicht seltsam«, sagte ich. »Pizza ist das ideale Essen für Leute, die nicht mehr aus dem Haus gehen. So schön flach. Man kann es durch den Briefschlitz werfen oder unter der Haustür hindurchschieben und muss nicht einmal mehr mit dem Lieferanten in Kontakt treten. Eines Tages wird man sich per Internet eine Pizza auf dem Bildschirm aufrufen und dann aus dem CD-Laufwerk holen oder ausdrucken. Manche schmekken jetzt schon so.«
Ich trank gluckernd.
»Pizza«, rief ich, »ist ’n schönes, flaches Essen, flach wie die modernsten Handys und die neuesten Laptops und die schönsten Autos, flach wie das Fernsehprogramm, flach wie die ganze Welt von morgen. Der Lieferpizza gehört die Zukunft! Wir brauchen flache Mahlzeiten!«
»Und… und neue, flache Kühlschränke?«, fragte Bosch zögernd.
»Fang nicht wieder mit deinem Pessimismus an!«, rief ich und entnahm ihm die vierte kalte Flasche. »Flaches Bier gibt’s nicht. Wir werden alle leben wie du, immer daheim und nie draußen, angeschlossen an große Stromkreise, fern von anderen unserer Art, innen voller Kälte und doch voller Sehnsucht nach…«
Er unterbrach mich: »Wer ist hier der Pessimist?!«
Ich starrte aus dem Fenster ins Dunkle.
»Wenn du mir auch so viel zu trinken gibst…«, flüsterte ich.
Schill und Schiller
Königssöhne sind oft merkwürdige Typen, denken wir nur an Charles, oder, seltsamer, an jenen Prinzen, der in Schneewittchen vorgeblich absichtslos durch den Wald reitet, bei sieben Zwergen übernachtet und dabei die anscheinend tote Prinzessin in ihrem gläsernen Sarg entdeckt: So lange bettelt er die sieben an, bis sie ihm den Leichnam überlassen. Ich bitte sehr! Schiere Nekrophilie! Ein sexuell Fehlentwickelter als Märchenheld! Ein Kerl, der Frauen nur tot (und unter Glasstürzen vor seinen Begierden geschützt) ertragen kann. Davon erzählt man Kindern? Sie wollen es nun mal so. Was den kleinen Luis angeht, so möchte er zum Einschlafen immer das Märchen vom Froschkönig hören.
Ich fange also an: »…da lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, doch…«
»Nein«, ruft Luis, »die waren alle schill!«
»Nein, die waren alle schön«, sage ich.
»Schill!«, ruft Luis, »es heißt schill.«
»Wieso schill?«, frage ich. »Was ist schill?«
»Der Lautsprecher sagt: Die Töchter waren schill.«
»Der Lautsprecher?«, frage ich.
»Der Lautsprecher vom Kassettenrecorder.«
Ein Hörfehler, denke ich, er hat’s falsch verstanden, als er die Märchenkassette anhörte. Weil es keinen Sinn hat, mit ihm zu diskutieren, fahre ich fort: »…dessen Töchter waren schill, doch eine war schöner als die anderen…«
»Nein, schiller«, ruft er da, »sie war schiller als die anderen.«
»Hat’s der Lautsprecher gesagt?«, frage ich.
»Ja, der Lautsprecher.«
»Aber, Luis, du hast falsch verstanden. Es heißt: ›Sie war schöner‹.«
»Schiller!«, ruft er.
Der Lautsprecher hat Autorität, denke ich. Und Luis soll schlafen.
Also erzähle ich weiter: »…war also die eine schiller als die anderen, und…« Erzähle und erzähle und denke dabei: »Schiller«, denke ich dabei. Bei Schiller taucht der Edelknecht nach einem goldnen Becher, um der Königstochter Gemahl zu werden. Und »Goethe« denke ich, da sitzt der Fischer angelnd, und eine Frau rauscht aus dem Wasser empor, erzählt von der Schönheit der Tiefe, bis es um den Fischer geschehen ist und er abtaucht:
»Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.«
Überall wird getaucht, der Weiber wegen. Aber gut geht es nie aus.
Hier sucht ein Frosch nach güldnem Ball, bitteschön. Dafür möchte er mit der Prinzessin ins Bett. Für diesen Wunsch wird er an die Wand geworfen. Da komme ich ins Grübeln. Worum geht es? Um Sehnsucht der Männer nach Erlösung durch Frauen? Kann man erlöst werden durch eine wütende Frau, die einen an die Wand wirft? Warum wirft sie den Frosch an die Wand? Weil er mit ihr schlafen will? Weil er hässlich ist? Weil er hässlich ist und mit ihr schlafen will? Warum besteht der König darauf, dass die schillste Tochter Sex mit einem Frosch hat? Aus väterlichem Egoismus? Weil Frösche nicht seinen Platz als erster Geliebter der Tochter gefährden können?
Oder ist alles eine Erfindung der Tochter? Schmuggelt einen Burschen im Froschgewande am Alten vorbei, wissend, dass sie den Grünen nur an die Wand werfen muss, um im Schleiflack-Jugendzimmer hemmungslos mit einer Art Brad Pitt herumvögeln zu können. (Die Eltern denken, sie pauke für den Bio-Leistungskurs?) Von Iring Fetscher gibt es ein Buch mit Märchen-Deutungen: Da ist der goldene Ball Synonym für einen goldenen Phallus, mit dem die Königstochter Spielchen treibt. Sie verliert ihn in unbewusster Selbstbestrafungsabsicht. Der Frosch: hilfsbereiter, erotisch anziehender Jüngling aus dem Volke. Der König? Gutmütiger Bürgerkönig. Will die Tochter aus sexuellem Autismus und narzisstischen Masturbationszwängen befreien, ordnet darum Sex mit dem Nassen an.
Solche Geschichten erzählen wir Zweijährigen zum Einschlafen! Ich finde keine Worte! Das ist schill! Oder schrill? Schön ist es nicht, was?
Na denn
Kürzlich las ich in einer Zeitschrift die Geschichte einer Frau, die sich scheiden ließ, weil ihr Mann jede Mahlzeit mit den Worten »Sodele, Nudele« begann, ausgenommen das Frühstück. Da sagte er: »Eili, Peili«, bevor er sein gekochtes Ei enthauptete. Es war schön, das zu lesen. Ich wusste endlich: Ich bin nicht allein. Ich habe nämlich ebenfalls eine kleine Gewohnheit, bitte, werden Sie darüber schweigen?
Ich kann nicht essen, ohne vorher »Na denn…« gesagt zu haben. Es ist merkwürdig, aber es geht nicht anders. Ich setze mich an den Tisch, nehme mein Besteck in die Hand und sage »Na denn…«, so wie andere Leute ein Tischgebet sprechen oder »Guten Appetit!« wünschen. Das heißt, manchmal sage ich es gar nicht selbst, sondern Paola schaut mich an, wenn wir zu essen beginnen, und dann sagt sie »Na denn…«, bevor ich es sagen kann. Wir lachen darüber, und ich freue mich, dass sie sich nicht scheiden lässt. Aber merkwürdig ist das natürlich schon.
Meistens registriere ich selbst gar nicht, dass ich »Na denn…« sage. Ich sage es so automatisch, wie man sich die Haare im Wind glattstreicht oder die Brille zur Nasenwurzel zurückschiebt, wenn sie verrutscht ist. Schon mein Vater hat »Na denn…« gesagt, bevor er zu essen begann, mein Großvater auch. Es sind sehr viele Nadenns in den Männern unserer Familie enthalten – die müssen heraus. Ich vermute, dass bei uns der Magen-Darm-Trakt nicht funktioniert, wenn wir nicht »Na denn…« gesagt haben. Er braucht das als Zauberwort, sonst arbeiten die Verdauungszellen nicht, wie kleine Maschinen, die niemand angeschaltet hat, oder wie Heinzelmännchen, die vergebens auf den Sonnenuntergang warten.
Man kann natürlich auch der Meinung sein, es sei zwanghaft, immer »Na denn…« sagen zu müssen, oder es sei ein nervöser Tic, so wie andere Menschen ständig mit den Wimpern zucken oder sich dauernd an den Haaren herumfummeln. So weit würde ich nicht gehen. Wenn man es sich genau überlegt, macht fast jeder Mensch irgendein kleines Gewohnheitsgeräusch. Zum Beispiel beginnt Lothar Matthäus alles, was er sagt, mit »Ja gut…« Ich glaube, wenn er nicht »Ja gut…« sagen würde, könnte er nicht reden. Es ist die Formel zum Einschalten seines Gehirns, oder wie man das bei L. M. nennt.
Ein anderes Beispiel: Es gibt sehr viele Manager, die jeden zweiten Satz mit »Ich sage mal…« einleiten, achten Sie mal drauf! Wenn man diesen Leuten das Ichsagemal wegnehmen würde, wie man einem Kind eine Schachtel Zündhölzer wegnimmt – dann könnten sie überhaupt nicht mehr sprechen. Sie säßen an ihren Schreibtischen, und wenn das Telefon klingelte, wären sie hilflos wie kleine Kinder. Sie würden den Hörer in ihrer Hand anstarren, aus dem sie eine Stimme hörten, die eine Antwort von ihnen erwartete, die sie nicht geben könnten, weil sie das Ichsagemal nicht mehr hätten. Dann würden sie anfangen zu weinen – alles bloß wegen dreier Worte, die ihnen nicht mehr zur Verfügung stünden. Verrückt, was? Aber so ist es.
Was ich sagen will: Ich sage dieses »Na denn…« schon längst nicht mehr, sondern mache es, und zwar nicht willentlich, sondern unwillkürlich, so wie ein Bekannter von mir immerzu »Ngpffft« mit der Nase macht, ohne es selbst noch zu merken – er hat irgend etwas mit der Stirnhöhle. »Na denn« ist ein etwa dem Schnarchen gleichgestelltes Geräusch, wobei ich ausdrücklich erwähnen möchte, dass ich nicht schnarche – aber auf diese Auskunft sollten Sie nicht viel geben. Mein Vater zum Beispiel leugnete stets, dass er schnarchte, obwohl er so sehr schnarchte, dass man ihn noch am anderen Ende der Stadt hörte. Selbst als ich 600 Kilometer weit weggezogen war, konnte ich nachts aus den Geräuschen der großen Stadt sehr leise meinen schlafenden Alten heraushören.
Dabei fällt mir ein Freund ein, der seine Sätze nicht mit »Na denn…« oder »Ja gut…« zu beginnen pflegte, sondern – das ist wirklich wahr – immer und immer und immer mit: »Du wirst lachen…« Einmal traf ich ihn auf der Straße. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe, und er sagte: »Du wirst lachen: Meine Frau hat mich verlassen.«
Verspannt in alle Ewigkeit
Damen und Herren, nehmen Sie die Parade der Alltagsversehrten unter meinen Freunden ab!
Hier haben wir meinen alten Wegbegleiter Paul: Stören Sie sich nicht an dem kleinen Brummen, das aus seiner Kleidung dringt – es ist sein Blutdruckmessgerät, er muss es für 24 Stunden tragen. Der da kopfüber von der Decke hängt wie eine Fledermaus, ist Dieter. Er lässt seine Rückenprobleme behandeln, die ihn oft schräg durch die Welt gehen lassen wie ein sturmgepeitschtes Ausrufezeichen. Der Herr mit dem verbeulten Gesicht? Mein Steuerberater. Er wurde von unerklärlichen Schwellungen am Schädel befallen, sein Kopffleisch sah aus wie von enormen Mücken bearbeitet – es müsse mit dem plötzlichen Stressabfall am ersten Tag eines Kurzurlaubs zu tun haben, sagt er. Der Mann mit dem roten Gesicht: Peter, an einer Allergie gegen den eigenen Schweiß leidend. Man befürchtet, die Sache könne sich zu einer Gesamtunverträglichkeit mit sich selbst entwickeln.
Nun zu mir. Seit Jahren kämpfe ich gegen die mangelnde Elastizität meines Körpers, gegen Sehnenverkürzungen, Muskelhärte, Nackenverspannungen, kurz, gegen eine brettartige Physis, mit der ich als Versteifungselement im Gerüstbau oder als Treppenstufe Verwendung fände, hätte ich nicht noch andere Talente.
Was habe ich nicht alles zu meiner Erweichung getan! Ich besuchte einen Masseur, der mich nach Art entfesselter Karateka zu einem Puzzle zerhackte, das mein Sohn Luis wieder zusammensetzen durfte. Ich ging zu einer Gymnastin, welche mich im 90-Grad-Winkel sitzen ließ, die Beine gestreckt, die Knie mit Sandsäcken beschwert, der Oberkörper aufwärts gerichtet, ein perfekter, schmerzgequälter rechter Winkel. Noch heute findet mein Foto in diesem Zustand im Geometrieunterricht einiger Schulen Verwendung. Auch suchte ich eine in tantrischer Massage geschulte Dame auf, welche auf meinem Bauch Sensoren eines Abhörgerätes befestigte. Dessen Kabel führten zu einem Kopfhörer, den sie sich aufsetzte. So übersetzte sie mein Leibesgegrummel in Handbewegungen, wurde zur Dienerin meines Gedärms, bis das Haus unter der Gewalt meines Gelächters einstürzte. Ihre letzten Worte: »Sie hätten sagen müssen, dass Sie kitzlig sind.«
Solche Geschichten erzählen wir, wenn wir von den Schlachten des Alltags berichten wie die Väter vom Krieg: Pauls legendärer Blinddarmdurchbruch nahe Uelzen, Arthurs Nierensteinabgang im ICE nach Stuttgart, Gerds Herzinfarkt in London, der kein Herzinfarkt war, sondern eine Magenkolik – er ist unser Jüngster und kann noch nicht unterscheiden zwischen den Schmerzen.
Ich bin seit kurzem nicht mehr anwesend bei diesen Gesprächen, seit nämlich Paola mich zu meiner definitiven Elastifizierung bei einer Ayurveda-Massage anmeldete. Ich betrat nichts ahnend eine Praxis am Stadtrand. Zwei Damen erwarteten mich. Ich solle mich entkleiden, sagten sie. Ich entkleidete mich bis auf die Shorts.
»Ganz nackt!«, sagten die Damen.
Ich schluckte, legte mich rücklings nackt auf eine Bank, wurde mit warmem Öl begossen und massiert: Eine Dame übernahm das linke, die andere das rechte Bein, danach die eine den Bauch links, die andere den Bauch rechts undsoweiterundsoweiter, beide im Takt sanft meinen verholzten Körper bearbeitend, während ich von einer so gewaltigen Erektionsangst befallen wurde, dass ich nur dachte: Kontrolliere dich selbst, kontrolliere dich! Nur nicht…! Nur nicht…! Ich versank in meditativer Konzentration auf mein Geschlecht.
Und? Ich war erfolgreich, indes zum Preis einer Gesamtversteifung meiner selbst, die so erheblich war, dass die beiden Damen mich am Ende der Behandlung wie die Statue eines Ölgötzen in eine Art Minisitzsauna trugen, deren Plastikumhüllung mit einem Reißverschluss derart geschlossen wurde, dass nur mein Kopf herausschaute. Dieser Verschluss kann von innen nicht geöffnet werden. Die Damen verließen den Raum und ließen mich im Schwitzkasten, stundenlang, tagelang. Ich befinde mich noch dort. Man will mich nun weichkochen. Ich werde biegsam sein wie eine verkochte Nudel, nachgiebig und weich, ja, in ein paar Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, endgültig entspannt, irgendwann, bitte.
Sieht denn keiner uns’re Qual?
Es war einmal eine Zeit, bevor der Mensch auf die Erde kam, da lebten die Zahlen und die Buchstaben froh und in Frieden zusammen, ohne jede Aufgabe. Die Zahlen mussten nichts zählen und die Buchstaben keine Wörter bilden. Sie konnten den lieben langen Tag tun, was sie wollten, und das gefiel ihnen sehr. Sie spielten zusammen und vertrugen sich bestens und unterschieden sich eigentlich gar nicht. Sie wussten nämlich gar nicht, dass sie Zahlen waren und Buchstaben – woher denn auch?
Sie waren einfach so da. Eine 1 war nichts anderes als ein U und eine 2 nichts Besseres als ein D, nur dass sie eben ein bisschen anders aussah. Und wenn zum Beispiel ein A und ein X und eine 7 und eine 4 und ein Z und ein F und eine 0 zusammenstanden, dann sah das so aus: AX74ZF0. Aber niemand wäre darauf gekommen, dahinter eine Bedeutung zu vermuten, eine Geheimsprache vielleicht oder einen Buchungscode bei der Lufthansa. Es war, wie es war, und wenn sie genug zusammengestanden hatten, gingen sie wieder auseinander. Die Zahlen sangen dann fröhlich:
»Eins, zwei, drei, vier.
Keiner rechnet mit mir!«
Und die Buchstaben riefen laut:
»Zett, Ypsilon, X.
Wir bedeuten nix!«
Dann kam der Mensch. Er ordnete die Welt, erfand die Sprache und die Bücher und die Zeitungen, und er sagte den Buchstaben, wie sie sich hinstellen sollten, damit sie ein Wort bildeten und einen Satz und einen ganzen Artikel. Und die Zahlen sortierte er aus und ließ sie erst mal in einer Reihe antreten, 1234567890, und so ließ er sie herummarschieren wie auf dem Kasernenhof, immer einszwei!, einszwei! Dann mussten sie rechnen, den ganzen Tag, in riesigen Kolonnen addieren, subtrahieren, dividieren, multiplizieren, immer schnell, schnell, schnell, und manchmal mussten sie sich sogar die Wurzel ziehen lassen, ohne Betäubung. Es war schrecklich, und das ist es bis heute.
Die Zahlen beneiden die Buchstaben sehr. Dabei haben die es beileibe nicht alle gut: Mancher muss sein Leben in einem hässlichen Wort wie zum Beispiel »Redaktionsschluss« verbringen, andere stehen in langweiligen Feiertagsansprachen herum, und am schlimmsten hat es das U erwischt, das bei Wind und Wetter draußen vor den Stationen der Untergrundbahn Wache halten muss. Aber andere haben ein herrliches, abwechslungsreiches, erfülltes Leben in Rilke-Gedichten oder Romanen von Joseph Roth, und das macht die Zahlen ganz fertig vor Neid. Sie sind in Rechenmaschinen eingesperrt oder lungern mit Milliarden von Schicksalsgenossen auf dem Konto von Bill Gates herum wie verlorene Seelen oder werden gleichgültig von Finanzministern hin- und herbefohlen – ödes, sinnloses Soldatenleben.
Wenn ich meinen Taschenrechner ans Ohr halte, höre ich den murmelnden Gefangenenchor:
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – ach!«
Oder:
»Minus, plus und durch und mal,
sieht denn keiner uns’re Qual?
Marschieren hier durchs Schattenreich,
ist gleich, ist gleich.«
Dann denke ich oft: Ich nehme jetzt einen Schraubenzieher und drehe die kleine Schraube auf, an der Rückseite des Rechners, gleich neben dem Satz »Fabriqué en Formose«, entferne das Rückenteil und hole die Zahlen heraus, befreie sie, wenigstens diese paar Zahlen aus meinem kleinen Sharp-Taschenrechner. Wir würden zusammen in die Welt hinausziehen, denke ich dann, ein kleiner, verschworener Haufen, die Zahlen und ich, und würden alle möglichen Abenteuer bestehen. Wenn ein Fluss zu überqueren wäre, würde die 1 sich wie eine Brücke drüberlegen. Wenn ein Riese uns bedrohte, würde die 3 ihn würgen. Wenn wir abends am Lagerfeuer säßen, würde die 7 uns Märchen erzählen. Und wenn wir Hunger hätten, würde die dicke 6 für uns kochen, Buchstabensuppe vielleicht, und danach würde ich am Busen der 8 einschlafen.
Und wir könnten glücklich sein, oh, könnten wir glücklich sein.
Können Kühlschränke lieben?
Es war um die Mittagszeit. Ich saß in der Küche und machte eine Pause. Starrte in die regengraue Luft vor dem Fenster. Es war totenstill.
»Schläfst du?«, fragte ich Bosch, meinen sehr alten Kühlschrank und Freund. Er hatte seit einer halben Stunde kein Geräusch von sich gegeben.
»Ich döse nur«, sagte er. »Was ist?«
»Was würdest du sagen, wenn ich Strom in Zukunft woanders bestelle, nicht mehr bei den Stadtwerken, meine ich. Man kann jetzt Strom überall bestellen.«
»Ach ja?«, sagte Bosch. »Ich war in letzter Zeit ganz zufrieden.«
Er hielt inne, dann sagte er: »Worauf willst du hinaus? Verbrauche ich zuviel? Ist dir das Bier nicht mehr kalt genug? Willst du dir einen neuen Kühlschrank kaufen, einen jungen, hübschen, sparsamen? Willst du mich mal wieder wegschmeißen?«
»Fang nicht damit an! Ich wollte dich noch nie wegschmeißen, und jetzt will ich es auch nicht«, sagte ich. Er ist älter als ich. Immer schon neigte er zur Melancholie. Sein Selbstvertrauen war nie groß. Aber in letzter Zeit ist er richtig bitter. Ständig behauptet er, ich wolle ihn loswerden.
»Der Strom ist nicht schlecht hier«, sagte er. »Dabei habe ich ihn anfangs nicht vertragen. Er schmeckte oft so sauer und abgestanden. Ich bekam Kondensatorbrennen davon, und der Strom damals im Haus deiner Eltern, oben im Norden – er war so kühl und immer frisch. Aber in den letzten Jahren ist er auch hier sehr gut.«




