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Kunz betrachtet die Werte und folgert daraus: «Sie wird wohl nicht die Nächste sein, die stirbt.» Frau Rutschmann habe zwar Metastasen in den Knochen, «aber nichts, das unmittelbar ans Lebendige geht.» Genau das versucht er während der Visite auch mit der Patientin zu besprechen. Frau Rutschmann liegt angezogen und perfekt frisiert auf dem Bett, als wollte sie das Spital gleich verlassen. «Was bringt das noch?», fragt sie Kunz mit leiser Stimme, und er fragt zurück: «Mögen Sie nicht mehr?» Die Patientin erzählt, Verwandte in ihrer Heimat, die ebenfalls sterbenskrank gewesen seien, hätten von den Ärzten «eine Überdosis» bekommen. Sie fragt, warum ihr der Arzt «nicht einfach eine Spritze geben» könne, damit sie sterben könne.
«Jede Krebserkrankung ist anders», erklärt Kunz. «Bei Ihnen sitzt der Tumor vor allem in den Knochen. Ich kann verstehen, dass es für Sie schwer ist. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange es dauert, bis Sie sterben können. Wenn Sie die Kraft nicht mehr haben, zu warten, ist eine Sterbehilfeorganisation der einzige Ausweg.» Der Pflegefachfrau hat Frau Rutschmann erzählt, sie sei Exit-Mitglied, müsse aber «zu lange» warten, da sie erst seit Kurzem Mitglied sei und eine Frist abwarten müsse.
Kunz beugt sich näher zum Bett und zur Patientin. «Wir können Ihnen grosszügig Schmerzmittel verabreichen, aber wir können Ihnen keine Spritze geben, um Ihr Leben zu beenden», sagt er. Frau Rutschmann greift nach einem Papiertaschentuch auf dem Nachttisch, schnäuzt sich die Nase und entschuldigt sich sogleich dafür. «Seit wann geht es Ihnen so schlecht, dass Sie das Gefühl haben, es nicht mehr auszuhalten?», will der Arzt schliesslich wissen. «Ungefähr eine Woche», flüstert Frau Rutschmann, und Kunz verspricht ihr, bald wieder vorbeizukommen. Die Patientin soll der Pflege in der Zwischenzeit ihre Exit-Anmeldung aushändigen und den Namen ihrer Kontaktperson bei der Sterbehilfeorganisation angeben. Er will sich darum kümmern.
Auf dem Gang diskutieren die zwei Ärztinnen und der Arzt die Möglichkeit, Frau Rutschmann von einem Psychiater begutachten zu lassen, beziehungsweise ihr ein Antidepressivum zu geben. Währenddessen ist eine junge Pflegefachfrau auf dem Korridor damit beschäftigt, einen Toilettenstuhl mit einer Vertiefung für den Nachttopf zu reinigen und zu desinfizieren. Kunz vermutet im Fall von Frau Rutschmann, dass die Aussicht, nicht mehr selbstständig nach Hause zurückkehren zu können, bei der Patientin den Sterbewunsch ausgelöst hat. Er erwähnt in der Diskussion mit den Kolleginnen allerdings die Möglichkeit, dass ein Psychiater, der die Situation nicht genau kennt, Frau Rutschmann als suizidal einstufen könnte, was Kunz anders einschätzt und was zur Folge haben könnte, dass für die Frau eine fürsorgerische Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik angeordnet würde: eine Massnahme, die in den Augen des Chefarztes die Lebensqualität der schwer kranken Patientin massiv einschränken würde.
Die Lösung des Problems wird vertagt; ohnehin braucht es noch die Abklärungen bei Exit. Als Nächstes widmen sich Roland Kunz und seine zwei Kolleginnen den momentan einzigen zwei männlichen Patienten auf der Station. Der Erste, Herr Knobel, ist ein besonderer Fall, denn er ist nicht nur schwer krebskrank, sondern leidet auch an einer kognitiven Beeinträchtigung. Was genau die Ursache für diese geistige Einschränkung ist – ob er sie bereits seit der Geburt hat, sie einem Unfall oder einem Suizidversuch in jüngeren Jahren geschuldet ist –, bleibt unklar und geht aus der Patientenakte nicht hervor. Herr Knobel lebt normalerweise in einer Wohneinrichtung mit Betreuung.
Der sechzigjährige Mann leidet an Prostatakrebs, der Ableger in den Knochen gebildet hat, und zudem ist seine Nierenfunktion stark eingeschränkt. Er hat massive Ödeme, also Wassereinlagerungen an den Beinen, sowie vergrösserte Lymphknoten. Die Entzündungswerte – das zeigt die Laborauswertung der Blutproben – sind erhöht. Ihm wurde ein Dauerkatheter eingelegt, denn Herr Knobel kann im Bett nicht Wasser lösen. «Es ist schwierig, wichtige Dinge mit ihm zu besprechen», sagt die Assistenzärztin im Gespräch vor der Visite. «Er ist sehr dankbar für alles, klagt aber über starke Schmerzen im Intimbereich und am Rücken.»
Zur Visite kommt eine Tumorspezialistin dazu. Herr Knobel liegt auf dem Rücken, er berichtet über Schmerzen am Penis und am Rücken. Der Katheter sei unangenehm, sagt er. Dann fragt er, ob er ein Red Bull bekommen könne. Die Oberärztin verspricht ihm, sich darum zu kümmern. Roland Kunz verlässt kurz das Zimmer, um zu telefonieren. Die Tumorspezialistin erklärt Herrn Knobel, dass der Krebs weiterhin Probleme mache. Sie fragt: «Haben wir Sie richtig verstanden, dass Sie möchten, dass wir die Schmerzen lindern, Sie sonst aber keine weitere Behandlung wie beispielsweise eine Chemotherapie wünschen?» Es ist nicht klar, ob Herr Knobel die Frage richtig verstanden hat. «Man darf nichts erwarten», sagt er mehrmals, und fügt dann an: «Vielleicht könnte man das Leben noch etwas verschönern?» Seine Antwort – in Form einer Frage formuliert – könnte unter anderen Umständen in Anbetracht der reinen Frauenrunde, die jetzt am Bett des Patienten sitzt, anzüglich klingen. Die Oberärztin fragt ihn, wie er das meine, worauf Herr Knobel erneut eher fragend antwortet, eventuell könnte er sich einmal in den Rollstuhl setzen. «Haben Sie die Kraft dazu?», fragt die Tumorspezialistin. – «Ich habe kaum noch Kraft. Ich bin müde.»
Die Visite ist noch nicht zu Ende, aber es ist bereits Mittag. Nach einem schnellen Mittagessen, das sie in der Kantine des Spitals einnehmen, kehren Chefarzt Roland Kunz, die Oberärztin und die Assistenzärztin zurück auf die Abteilung. Sie stehen vor einer weiteren Türe zu einem der Patientenzimmer. Kunz, der das Trio anführt, klopft an. Es ist das Zimmer von Herrn Zindel, einem knapp sechzigjährigen Patienten, dem ein Krebsgeschwür am Übergang der Speiseröhre in den Magen herausoperiert wurde. Der Eingriff liegt fünf Jahre zurück. Seither war Herr Zindel sehr zurückhaltend, was weitere Therapien angeht, und es haben sich Metastasen in verschiedenen weiteren Organen gebildet. Aus den Krankenakten geht hervor, dass man den Patienten bei sich zu Hause, «eingenässt und eingestuhlt», am Boden aufgefunden hatte, bevor man ihn ins Spital brachte.
Zunächst ist unklar, ob er einen epileptischen Anfall oder einen Schlaganfall erlitten hatte. Roland Kunz vermutet, es könnten sich auch cerebrale Metastasen, also Krebsableger im Gehirn, gebildet haben. Der Patient selbst wünscht gemäss den Akten keine Behandlung. Die Pflegefachfrau hat in der Vorbesprechung berichtet, Herr Zindel verhalte sich abweisend, er höre Stimmen, leide unter Halluzinationen und nehme im Zimmer plötzlich nicht nachvollziehbare Bewegungen wahr. In der Krankengeschichte steht, der Patient habe früher viel Alkohol, Nikotin und Cannabis konsumiert.
Als der Chefarzt mit der Oberärztin und der Assistenzärztin das Zimmer betritt, sitzt Herr Zindel am Tischchen beim Fenster. Er ist ein kleiner Mann, mager geworden und mit strubbeligen Haaren, einem wilden Bart. «Wie geht es Ihnen heute?», will Roland Kunz wissen. «Ich kann es nicht beurteilen», gibt der Patient zur Antwort. «Entweder geht es schlechter oder besser.» Er sagt, er merke, dass er nicht für voll genommen werde. «Ich höre es die ganze Zeit. Man geht davon aus, ich hätte Halluzinationen.» Kunz hört Herrn Zindel zu und fragt ihn dann, was seine Motivation sei, am Leben zu bleiben. Der Patient erwähnt etwas von seinen Kindern sowie von seinem Vater, der sich das Leben genommen habe. Die Antwort auf die Frage des Arztes erschliesst sich jedoch nicht aus dem, was er sagt.
Frau Ahmadi, einer weiteren Patientin, geht es sehr schlecht an diesem sonnigen Dienstag. Das Leben der Mutter von drei erwachsenen Töchtern hängt an einem seidenen Faden. Frau Ahmadi ist Muslimin und stammt wie ihr Mann ursprünglich aus einem Land im Nahen Osten; die Familie lebt aber schon lange in der Schweiz. Die Fünfzigjährige leidet unter einem metastasierenden Mammakarzinom; Brustkrebs, der Metastasen im Gehirn und in der Lunge gebildet hat. «Die Patientin möchte noch sehr viel und hängt am Leben», berichtet die Oberärztin Hannah Schlau während der Vorbesprechung der Visite. Schlaus Aufgabe wird es sein, am Nachmittag das Gespräch mit der Familie am Runden Tisch zu leiten. «Die Familie weiss über die neusten diagnostischen Befunde bereits Bescheid», informiert sie die Kollegen. «Ich habe versucht, sie darauf vorzubereiten, dass es abwärts geht, auch wenn wir alles machen, was wir noch tun können.»
Die verantwortliche Pflegefachfrau erzählt, die Patientin sei heute schläfriger und müder als noch am Vortag. Der Mann und die Töchter, die sich am Bett von Frau Ahmadi abwechseln, hätten auch den Eindruck, sie sei deutlich verwirrter. Weil die Patientin wegen starker Schmerzen mit Morphium behandelt wird, ist allerdings schwierig zu beurteilen, ob die Verwirrtheit auf die Erkrankung oder auf die Medikamente zurückzuführen ist.
Die Pflegefachfrau wirkt besorgt. «Was passiert, wenn sie plötzlich ‹abstellt›?», fragt sie und meint damit, dass Frau Ahmadi einen plötzlichen Herzstillstand erleiden könnte. Die Patientin und ihre Familie haben sich bisher dafür ausgesprochen, in jedem Fall eine Reanimation in Anspruch zu nehmen. «Ich möchte das nochmals ansprechen», nimmt Oberärztin Schlau das Thema in der Vorbesprechung auf. «Eine Reanimation ist kein schöner Anblick und kann für alle traumatisierend sein.» Nicht selten brechen bei der Herzmassage Rippen, und wenn das Gehirn über längere Zeit zu wenig Sauerstoff bekommt, kann es schweren Schaden nehmen. Kunz erwähnt, die Haltung der Familie von Frau Ahmadi sei wohl auch auf deren Religiosität zurückzuführen. «In ihrem Glauben ist das Leben ein Geschenk, das man unter allen Umständen erhalten muss.» Er bestärkt die Oberärztin darin, mit der Familie noch einmal das Gespräch zu suchen.
Bei der Visite liegt Frau Ahmadi mit angewinkelten Beinen im Bett. Ihr Atem geht schwer, sie starrt mit weit geöffneten Augen und grossen Pupillen auf die Ärztinnen und den Arzt, der auf einem Hocker an ihrem Bett Platz nimmt. Ihm gegenüber sitzt Herr Ahmadi auf einem zweiten Bett; er hat die letzten Tage und Nächte bei seiner Frau in der Klinik verbracht. Kunz beginnt mit der Patientin zu sprechen, fragt, wie es geht mit dem Atmen. «Schwierig», sagt sie leise und gepresst. Auch wenn sie ruhig daliege, bereite ihr das Atmen Mühe. Der Mann sagt, seine Frau sei sehr müde, leide unter Verstopfung und habe keinen Appetit. Kunz antwortet: «Ihre Frau ist schwer krank. Darum hat sie keinen Appetit. Die Krankheit sitzt überall im Körper, deshalb ist sie so müde. Der Körper hat immer weniger Kraft, um das zu bewältigen, was er muss. Aber wir versuchen, mit Medikamenten etwas für die Verdauung zu tun. Wir schauen, dass sie keine Schmerzen hat. Aber dagegen, dass der Tumor überall sitzt, können wir nichts mehr tun.»
Etwas später sind neben dem Mann von Frau Ahmadi auch zwei ihrer drei Töchter zu Besuch. Für 16 Uhr ist das Gespräch geplant, an dem neben Oberärztin Hannah Schlau und Assistenzärztin Mahnoor Anwar auch die verantwortliche Pflegefachfrau und eine Mitarbeiterin der spezialisierten Palliative-Care-Spitex teilnehmen. Sie alle setzen sich um das Bett von Frau Ahmadi. Es geht darum, die unmittelbar nächsten Schritte zu besprechen.
Die Familie möchte wissen, wie lange es noch so weitergeht. Eine der Töchter sagt: «In diesem Zustand kann sie ja nicht nach Hause.» Schlau erklärt, ob eine Rückkehr nach Hause realistisch sei, hänge vielmehr davon ab, was die Familie tragen könne. Sie spricht Klartext, wählt ihre Worte aber mit Bedacht: «Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass es schlechter wird.» Die Mitarbeiterin der Palliative-Care-Spitex führt aus, dass die spezialisierte Pflege zu Hause fast rund um die Uhr gewährleistet werden könnte. Sie erwähnt jedoch auch, dass dies mit einem erheblichen Aufwand verbunden wäre.
Die Familie scheint den Ernst der Lage nun langsam zu realisieren. Es gibt aber noch viele Fragen, die sie beschäftigen, und auch die Entscheidung über eine allfällige Reanimation im Fall eines plötzlichen Herzstillstands ist noch nicht gefallen. «Ich sehe, dass das wenig sinnvoll wäre», sagt eine der Töchter. «Aber wir möchten das in Ruhe mit unserem Vater besprechen.» Dann fragt die zweite Tochter, ob es möglich wäre, Frau Ahmadi mit dem Flugzeug zu ihren Eltern ins Ausland transportieren zu lassen, damit die Familie von ihr Abschied nehmen könnte. Das Spital würde Hand dazu bieten und auch die entsprechenden ärztlichen Atteste ausstellen, antwortet die Oberärztin. Doch die Organisation müsste die Familie übernehmen. Auch die umgekehrte Möglichkeit wird nun noch kurz diskutiert: die Variante, die betagten Eltern von Frau Ahmadi in die Schweiz einzufliegen.
Schliesslich fragt die jüngere Tochter, ob es nicht möglich wäre, das Leiden ihrer Mutter «mit einer Spritze» zu verkürzen. Die Oberärztin erklärt, diese Option stehe nicht zur Verfügung. Grundsätzlich wäre ein assistierter Suizid mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz möglich, jedoch nicht im Spital. Vorsichtig formuliert Schlau, dass die Lebenszeit von Frau Ahmadi ohnehin limitiert sei. Auf eine Reanimation, sagt sie, würde sie an der Stelle der Familie verzichten. «Wir sollten versuchen, Ihrer Mutter ein sanftes Sterben zu ermöglichen. Sie ist bei uns in guten Händen.» Herr Ahmadi und seine Töchter scheinen zu verstehen, was die Ärztin sagt. Ob sie die Tragweite in diesem Moment erfassen, ist nicht ganz klar.
Persönliche Erfahrungen mit Krankheit und Tod
«Das Bild des Sarges, der aus dem Haus getragen wird, werde ich nie vergessen. Im Sarg lag mein Vater, und das Haus, in dem er bis zu seinem letzten Atemzug blieb, hatte er selbst gebaut.» Der Palliativmediziner Roland Kunz ist geprägt von eigenen Erfahrungen mit Krankheit und Tod. Die Wahl, sich als Arzt auf die Disziplinen Geriatrie und Palliative Care zu spezialisieren, fiel nicht zufällig: Sein Vater starb 1984 nach einer längeren Krebserkrankung. Er wurde 62 Jahre alt. Dieses Erlebnis hat Kunz tief beeindruckt und seinen Werdegang beeinflusst.
Dass er Arzt werden will, wusste Roland Kunz allerdings schon seit der Zeit im Gymnasium. Er erinnert sich, dass er damals, während der Schulzeit, auf ein Buch über den deutsch-französischen Mediziner Albert Schweitzer (1875 – 1965) stiess. Dieser war als «Urwaldarzt» bekannt geworden und hatte in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun ein Spital gegründet. Die Philosophie Schweitzers, der den Respekt vor den Menschen, den Tieren und der Natur propagierte, faszinierte Kunz. Er las alles, was er über den Arzt finden konnte. Der Pioniergeist und die Idee eines Spitals im Urwaldgebiet, von der Schweitzer beseelt war und die er zielstrebig umsetzte, begeisterten ihn. Der legendäre «Urwalddoktor» wurde zu seinem Vorbild.
«Die Geschichte Schweitzers hat mich in der Auffassung bestärkt, dass man immer Wege findet, um das zu erreichen, was man wirklich will», sagt Roland Kunz. «Albert Schweitzers Grundhaltung sowie die Ehrfurcht vor dem Leben und vor den Patienten imponierten mir. In der Jugendzeit war dies sicher eine meiner wichtigsten Prägungen.» Schweitzer wurde für ihn zu einer Schlüsselfigur. «Nachdem ich ihn entdeckt hatte, war für mich klar, dass ich Medizin studieren wollte.»
Roland Kunz ist mit einem zwei Jahre älteren Bruder in Tagelswangen, einem Dorf zwischen Zürich und Winterthur, aufgewachsen. Das Haus der Familie, gebaut vom Vater, der Architekt war, steht am Waldrand. Heute wohnt Roland Kunz hier mit seiner Frau Angie, einem Hund und «zwei geriatrischen Pferden», wie er sagt. In seiner Freizeit ist er mit dem Velo unterwegs oder einem Motorrad, das er hin und wieder mietet. Er mag es, im Winter Skitouren zu unternehmen und im Sommer in den Bergen zu wandern.
Kunz erinnert sich an eine glückliche, behütete Kindheit. Bis zum Tag, als er die Geschichte Albert Schweitzers hörte, wollte er Brückenbauer werden. Als Kind zeichnete er viel, vor allem Flugzeuge und Brücken, und er träumte davon, komplizierte Bauwerke zu entwerfen. Kunz erzählt, angesprochen auf seine Kindheit, aber auch von Eishockeypartien mit Kollegen auf dem winterlichen, zugefrorenen Waldweiher und von Schulkameraden, deren Eltern bei der Firma Maggi im nahen Kemptthal arbeiteten. Maggi ist die legendäre Lebensmittelfabrik, die für ihre Instantsuppen, Flüssigwürze und Suppenwürfel bekannt wurde. Sie war einst einer der bedeutendsten Arbeitgeber der Region; vom Geschäftsgang der Firma hing das Wohlergehen vieler Familien in der Umgebung ab.
Vater Heinrich Kunz führte ein Architekturbüro in Zürich und später auch in Winterthur. Er unterrichtete als Professor am Technikum in Winterthur, bis er an die ETH Zürich berufen wurde. «Vater arbeitete viel, er war wenig zu Hause», sagt Kunz, «und wenn er da war, bereitete er häufig Vorlesungen vor. Trotzdem gab er uns immer das Gefühl, dass wir ihm wichtig sind und er für uns da ist.» Er hatte nach dem Studium eine Zeit lang in Schweden gelebt und war fasziniert vom Falunrot oder Schwedenrot, der Farbe, die dort häufig an Hausfassaden zu finden ist. Sein eigenes Haus, das er für die Familie in Tagelswangen baute, liess er in diesem charakteristischen Rot streichen.
Roland Kunz beginnt nach dem Gymnasium das Medizinstudium, während sein Bruder Werner Architekt wird und später das Büro des Vaters übernimmt. Heute leitet Roland Kunz’ Sohn Oliver, der ebenfalls Architektur studierte, das Architekturbüro, das einst der Grossvater gegründet und aufgebaut hatte. Oliver Kunz ist mit Jahrgang 1985 das jüngste Kind von Roland Kunz und seiner Frau Angie. Vor ihm kamen 1983 Tochter Cornelia und im Jahr 1980 die älteste Tochter, Nicole, zur Welt. Alle drei haben mittlerweile selbst Kinder; Angie und Roland Kunz sind Grosseltern von sieben Enkeln.
Angie Kunz ist gelernte Pflegefachfrau, sie hat die Handelsschule absolviert und war in der Leitung einer Spitex tätig. Man könnte nun annehmen, hinter der Ehe verberge sich eine klassische Liebesgeschichte zwischen einem Arzt und einer Krankenschwester. Doch Angie und Roland Kunz lernen sich nicht im Spital kennen, sondern während eines Sprachaufenthalts in Cambridge, England, wo sich die Ostschweizerin und der Zürcher zufällig treffen. Sie begegnen sich zum ersten Mal in einem Pub, und aus dem Zusammentreffen entwickelt sich zunächst nicht mehr als eine nette Bekanntschaft. Ein Paar werden die beiden erst, als sie wieder zurück in der Schweiz sind.
Roland Kunz ist noch mitten im Studium, als seine Freundin 1980 mit der ersten Tochter schwanger wird, und sie beschliessen, zu heiraten. Seine Mutter nimmt die beiden wegen der unverhofften Schwangerschaft hoch und sagt, «als Arzt müsste man es doch eigentlich besser wissen.» Tochter Nicole kommt in Italien zur Welt, in Ligurien, wo Angie und Roland Kunz ein halbes Jahr wohnen, während er dort in einem Spital arbeitet. Dass sie jung Eltern geworden sind, betrachten sie heute als Vorteil. «Wir waren sehr unkompliziert und machten uns nicht so viele Gedanken. Die Kinder nahmen wir überallhin mit.»
Nach ihrer Rückkehr aus Italien lebt die Familie zuerst in Winterthur und dann drei Jahre lang in Rehetobel. In der kleinen Gemeinde in Appenzell Ausserrhoden hat Vater Heinrich Kunz einst ein einfaches, altes Häuschen gekauft, das nur mit einem Kachelofen beheizt wird. Roland Kunz nimmt im Spital Rorschach eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie und später in der Gynäkologie und Geburtshilfe an – mit Arbeitszeiten von bis zu achtzig Stunden pro Woche. Danach wechselt er ans Spital von Heiden, in die Innere Medizin. Sein Ziel ist, Hausarzt zu werden und später eine eigene Praxis zu eröffnen.
«Ich eignete mir bewusst ein breites medizinisches Wissen an», erzählt er. «An der Arbeit in den kleinen Spitälern gefiel mir besonders, dass man als diensthabender Arzt mitunter für die ganze Klink zuständig war: Ich musste Patienten mit Herzinfarkten behandeln, Schrammen nähen und helfen, Kinder zur Welt zu bringen.» Er habe damals den «ganzen Bogen des Lebens» gesehen. «Ich nahm wahr, wie sehr sowohl die Geburt als auch der Tod zum Leben gehören.»
Nach einer Zwischenstation am Spital in Uster arbeitet Kunz einige Zeit am Kantonsspital in Winterthur, wo die Familie damals auch wohnt. Nun wird das Projekt Selbstständigkeit immer konkreter. Er nimmt Gespräche auf über die Miete von Praxisräumlichkeiten in einem Neubau in Effretikon.
Zu seiner damaligen Tätigkeit auf der Abteilung für Innere Medizin im Spital Winterthur gehört, dass er als Assistenzarzt in ein Rotationsprinzip eingebunden ist: Die Assistenzärzte werden auch in der Altersmedizin eingesetzt und behandeln Bewohnerinnen und Bewohner der städtischen Pflegezentren. Kunz erinnert sich, dass ihm diese Begegnungen mit älteren Leuten die Augen geöffnet haben: «In den Pflegezentren entstanden enge Kontakte zu den Patientinnen und Patienten. Sie erzählten mir ihre Lebensgeschichten, ich lernte ihre Angehörigen kennen, und es entwickelten sich Beziehungen. Die Arbeit im Spital empfand ich zunehmend als Kontrast, der mich zum Nachdenken zwang. Es kam mir vor, als würden die alten Menschen im Akutspital mit den vielen Spezialisten in ihre Organe zerlegt. Niemand fühlte sich für das ‹Gesamtkonzept Mensch› verantwortlich. Bei der Arbeit im Pflegezentrum aber standen die Persönlichkeit und die Individualität der Bewohner im Zentrum.»
Diese Erfahrung bewegt ihn schliesslich dazu, sich ganz der Geriatrie zuzuwenden. Kunz nimmt eine Stelle als Heimarzt im Pflegezentrum Oberi in Winterthur an. Dabei bleibt es aber nicht: In den Jahren von 1988 bis 1999 führt er in den Räumlichkeiten des Heims zusätzlich seine eigene Hausarztpraxis. «Zu mir kamen viele Familien, um die Kinder impfen oder Kinderkrankheiten behandeln zu lassen. Das war ein schöner Ausgleich zur geriatrischen Tätigkeit, bei der man häufig weiss, dass die Leute nie mehr ganz gesund werden.»
Was in der Theorie eine ideale Kombination ist, erweist sich in der Praxis als immer grösserer Spagat. Der Plan, halbtageweise jeweils fürs Krankenheim beziehungsweise für die Praxis tätig zu sein, ist allzu ehrgeizig. Die Arbeit droht ihm über den Kopf zu wachsen. Die Fälle im Pflegezentrum sind komplex, und die Patientinnen und Patienten beanspruchen den Arzt zeitlich sehr stark. Es kommen Notfalldienste und Notfallbehandlungen in der Praxis dazu, die er ebenfalls abdecken muss und die auch sein Familienleben tangieren. «Ich merkte, dass ich mich entscheiden muss, was ich langfristig machen will», erinnert er sich. Die Altersmedizin, die Geriatrie, interessiert ihn, und es ist absehbar, dass diese in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen wird. Die Leute werden älter, sie leiden an unterschiedlichen Krankheiten, viele werden dement. Die Forschung hierzu schreitet voran. Was früher noch als «Vergesslichkeit» im Alter abgetan wurde, gewinnt als Krankheitsbild an Bedeutung. In Fachkreisen werden erste Erkenntnisse über Demenz rege diskutiert. In der breiten Öffentlichkeit hingegen fehlt das Bewusstsein noch, dass Demenzerkrankungen zur grossen Herausforderung der Zukunft werden würden.
Für Kunz geben in erster Linie die erwähnten persönlichen Gründe den Ausschlag, die Praxis und die Anstellung als Heimarzt in Winterthur aufzugeben. Er wechselt ans Spital Limmattal, wo er die ärztliche Leitung des Pflegezentrums übernimmt. Dort baut Roland Kunz schliesslich eine Palliativstation auf – eine der ersten in der Schweiz. Davon wird später noch die Rede sein. Bei seiner Beschäftigung mit Palliative Care profitiert er von seinen Erfahrungen als Arzt in der Geriatrie. Doch auch persönlich hat er in der Zeit davor Einschneidendes erlebt, das ihn dem Thema Sterben näherbringt. In den 1980er-Jahren wird Roland Kunz zum ersten Mal im eigenen, engsten Umfeld mit dem Tod konfrontiert. Er begleitet seinen Vater, der schwer erkrankt ist, bis zum Tod.
Vater Heinrich Kunz wird 1982 mit der Diagnose Darmkrebs konfrontiert. Er ist damals sechzig Jahre alt. Der zu diesem Zeitpunkt 27-jährige Sohn befindet sich im letzten Studienjahr und – als ihn die schlechte Nachricht erreicht – mitten im Staatsexamen. «Ich hatte schon befürchtet, dass es Darmkrebs ist», sagt Roland Kunz rückblickend. Aufgrund der Symptome, die ihm der Vater geschildert habe, sei er von der Diagnose nicht überrascht worden.
Heinrich Kunz ist bei einem Hausarzt in Behandlung. Dieser empfiehlt ihm für die bevorstehende Operation einen Chirurgen, den er persönlich kennt. Nach dem langen, komplizierten Eingriff besucht Roland Kunz seinen Vater im Spital, als gerade der behandelnde Arzt im Zimmer des frisch operierten Patienten vorbeikommt. Roland Kunz fragt den Chirurgen, ob er kurz Zeit habe, um mit ihm zu sprechen. Dieser wimmelt ihn jedoch ab und rät ihm, über das Sekretariat einen Termin zu vereinbaren.




