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Am gleichen Abend ist auch Roland Kunz’ Mutter Verena zu Besuch im Spital. Kunz erinnert sich: «Der Arzt bat sie hinaus auf den Gang und warf ihr an den Kopf, es sehe nicht gut aus für meinen Vater.» Mit dem Patienten selbst spricht der Chirurg nicht. Es ist die Mutter, die dem Vater und später auch dem Sohn erzählt, was der Arzt zu ihr gesagt hat. Kunz nimmt dieses Verhalten des Chefarztes als ausgesprochen schlechtes Beispiel einer Arzt-Patienten-Kommunikation wahr, was ihn sehr verärgert. Er schreibt dem Chirurgen einen Brief an dessen Privatadresse und teilt ihm mit, er fühle sich nicht ernst genommen. Er teilt ihm mit, es wäre in seinen Augen besser gewesen, die Sache gemeinsam mit allen Betroffenen zu besprechen. Nach einiger Zeit bekommt er eine Antwort: Die Frau des Chirurgen schreibt ihm zurück und nimmt ihren Mann in Schutz.
«Mein Vater war der Typ ‹stiller Dulder›. Er nahm den Schicksalsschlag der Krankheit hin und versuchte, das Beste daraus zu machen und trotzdem irgendwie ins Leben zurückzufinden», erzählt Kunz. «Er kehrte nach dem Eingriff an seinen Arbeitsplatz an der ETH zurück, sobald es ihm möglich war. Doch seine Kräfte schwanden, und er verlor immer mehr an Gewicht. Man sah ihm an, dass es mit der Operation nicht getan war und die Krankheit fortschritt.»
Der Krebs dehnt sich aus, es bilden sich Metastasen. Heinrich Kunz hat einen harten, aufgetriebenen Bauch und leidet zunehmend unter Schmerzen. Die ganze Familie realisiert, dass es abwärts geht und die gemeinsame Zeit beschränkt ist. «Wir sprachen alle zusammen offen darüber», erklärt Kunz. «Das baldige Ableben meines Vaters integrierten wir ganz natürlich in unsere Gespräche.»
Auf der anderen Seite nimmt bei Roland Kunz die Enttäuschung und Empörung zu. Sein Unverständnis über das Verhalten des Hausarztes, bei dem der Vater in Behandlung ist, wird grösser. Der Arzt will offenbar nicht wahrnehmen, wie krank sein Patient ist; er fragt nie nach, was diesen beschäftige. «Er behandelte meinen Vater, als ob dieser noch eine Lebenserwartung von dreissig Jahren gehabt hätte», erzählt Roland Kunz. «Entsprechend nahm er auch die Schmerzen, die meinen Vater immer mehr quälten, nicht ernst.» Als der Hausarzt Heinrich Kunz bei einer Konsultation ein leichtes, nicht rezeptpflichtiges Schmerzmittel und einen Verdauungstee verschreibt, ist das Mass voll. Für Roland Kunz ist das der Beweis, dass der Arzt mit der Situation überfordert ist. Er wendet sich mit der Unterstützung eines befreundeten Ärzte-Ehepaars an einen Magen-Darm-Spezialisten. Es ist der richtige Entscheid. Der Spezialist geht professionell mit der Situation um, anerkennt den Ernst und bespricht ehrlich mit der ganzen Familie, was auf sie zukommen wird. Roland Kunz steht seinen Eltern während dieser Zeit bei medizinischen Fragen stets zur Verfügung. Als Arzt fühlt er sich zu unerfahren, um die Behandlung seines Vaters allein zu übernehmen.
Knapp zwei Jahre nach der Diagnose stirbt der Vater daheim in Tagelswangen, umgeben von seiner Familie. Nur in den letzten Tagen schafft er es nicht mehr, die Treppe vom Schlaf- hinunter ins Wohnzimmer zu bewältigen. Er zieht sich immer mehr zurück. Der Tod des Vaters ist für Roland Kunz ein Schlüsselerlebnis: Er erlebt hautnah, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt ist und sich langsam verabschiedet. Die eigene Betroffenheit ist eine grosse Motivation für ihn, sich in den folgenden Jahren in der Palliative Care zu engagieren.
Die Mutter, Verena Kunz, verlässt einige Jahre nach dem Tod des Vaters das Haus in Tagelswangen, und Roland Kunz zieht mit seiner eigenen Familie dort ein. Die Mutter bezieht eine Wohnung in Wallisellen, bis sie selbst schwer erkrankt. 2002 erhält sie die Diagnose Gebärmutterkrebs. Als es ihr zunehmend schlechter geht, kehrt sie nach Tagelswangen zurück. Drei Generationen leben nun unter einem Dach. Diesmal übernimmt der Sohn eine andere Rolle als während der Krankheit des Vaters: Er trägt die Verantwortung für die Behandlung und gerät in eine nicht einfache Doppelrolle als Sohn und als Arzt.
Die folgende Zeit ist herausfordernd, denn Kunz reflektiert bewusst bei jedem anstehenden medizinischen Entscheid, aus welcher Perspektive er diesen fällt. Er möchte den Bedürfnissen der Mutter möglichst gerecht werden. «Sich dieser Doppelrolle und der Komplexität bewusst zu werden, brauchte viel Disziplin», sagt er heute. Ging es etwa darum, die Dosis der Opiate zu erhöhen, um die Schmerzen zu stillen, fragte er sich, welchen Blickwinkel er bei der Anpassung der Dosierung einnehmen sollte: den des Sohnes, der das Leiden der Mutter nicht mehr mitansehen kann, oder den des Mediziners, der den Tod nicht beschleunigen möchte?
Verena Kunz, die zur Zeit der Diagnosestellung 79 Jahre alt ist, geht mit ihrer Erkrankung ganz anders um als ihr Mann. Sehr bald zieht sie sich vom gesellschaftlichen Leben weitgehend zurück. Eine gewisse Reserviertheit, die ihr schon vorher eigen war, scheint sich zu verstärken. Sie möchte Menschen, die nicht zur Familie gehören, nicht mit ihrer Krankengeschichte belasten und scheut sich, ihre körperliche Schwäche und Hinfälligkeit gegen aussen zu zeigen. Mit der eigenen Familie aber pflegt sie auch in dieser schwierigen Zeit einen offenen Austausch. Sie stellt ihrem Sohn viele medizinische Fragen und verlangt von ihm ehrliche Antworten. Der Sohn und die Schwiegertochter pflegen sie Tag und Nacht. Einen grossen Teil der Arbeit übernimmt Angie Kunz. «Wir konnten sie nicht lange im Haus allein lassen», erinnern sich die beiden. «Gleichzeitig mussten wir aufpassen, dass unser eigenes Familienleben nicht zu kurz kam. Wir waren uns bewusst, dass die Gefahr der Erschöpfung gross ist.» Verena Kunz stirbt schliesslich 2004, im Alter von 81 Jahren.
Die Erlebnisse mit den eigenen Eltern bestärken Roland Kunz auf seinem weiteren Weg. Für ihn bestätigt sich, dass es eine grosse Lücke gibt in der Versorgung schwer kranker Menschen, die viel mehr als nur ärztliche Tätigkeiten umfasst. Heute sagt er, dass es selbst 2004, als seine Mutter im Sterben lag, noch praktisch keine Hausärzte mit Palliative-Care-Kompetenzen gab. Er selbst hat sich zu dieser Zeit bereits ein grosses Wissen in der Pflege und Betreuung schwer kranker und sterbender Menschen angeeignet und engagiert sich in entsprechenden Fachkommissionen.
«Die eigene Erfahrung half mir, zu verstehen, wie gross die Belastung durch eine schwere Krankheit für eine betroffene Familie sein kann», hält er rückblickend fest. «Auch darum rate ich pflegenden Angehörigen immer, rechtzeitig Unterstützung zu holen, um nicht auszubrennen.» Die eigene Betroffenheit hat ihm noch etwas anderes vor Augen geführt: «Seit diesen Tagen weiss ich, wie wichtig es ist, dass Angehörige auch im Spital genug Zeit bekommen, um von einem verstorbenen Familienmitglied Abschied zu nehmen. Mein Vater blieb 24 Stunden aufgebahrt bei uns zu Hause, nachdem er gestorben war. Mir half das, seinen Tod zu realisieren und einzuordnen. Auch im Spital sollen sich Angehörige ohne Zeitdruck von ihren verstorbenen Liebsten verabschieden können.»
Die persönlichen Erfahrungen haben ihn noch etwas anderes gelehrt, das seinen Alltag prägt: Pläne nicht aufzuschieben. «Ich nahm meinen Vater, bevor er starb, als älteren Mann wahr, der vor der Pensionierung steht. Als er starb, dachte ich, es sei doch viel zu früh dafür», sagt Roland Kunz. «Mein Vater hatte Träume und Projekte stets vor sich hergeschoben und auf die Zeit nach dem Ruhestand vertagt. Nach seinem Tod sagte ich mir: Das soll mir selbst nicht passieren.»
Kunz versucht seither, seinem inneren Antrieb zu folgen und Pläne, die ihm wichtig sind, rechtzeitig in die Tat umzusetzen. Ohne die Endlichkeit aus den Augen zu verlieren.
Auf der Palliativstation: Tag 2
Seit dem ersten Tag auf der Palliativstation sind 48 Stunden vergangen. Es ist Donnerstagmorgen. Zwei Patientinnen auf der Station sind gestorben. Frau Schlegel, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs und an Demenz litt, starb noch am Dienstagabend. Ihr Mann, der an diesem Tag ihre Tasche abgeholt hatte und bei seinem Besuch seltsam überfordert, unbeteiligt und kühl wirkte, war noch einmal bei ihr. «Er erzählte uns, sie sei nicht die erste Frau, die er verliere», sagt Roland Kunz. Für den Arzt wird damit das auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbare, distanzierte Verhalten des Mannes ein Stück weit erklärbar.
In seiner langjährigen Tätigkeit als Palliativmediziner hat Kunz gelernt, den unterschiedlichen Umgang von Menschen mit dem Tod nahestehender Personen oder mit dem bevorstehenden eigenen Sterben zu akzeptieren. Diese Toleranz ist wichtig: Auf der Palliativstation braucht es kein Personal, das urteilt oder versucht, seine eigenen Massstäbe und Haltungen auf die Patienten und die Angehörigen zu übertragen. Wichtig ist vor allem ein Gespür dafür, wann ein Wort zu viel ist und wann es Zuspruch oder einen Ratschlag braucht. Kunz spricht von einer gewissen Anspannung, die er jeweils empfindet, wenn er morgens im Palliative-Care-Zentrum einen seiner Chefarztdienste antritt. Nie weiss er, was sich über Nacht ereignet hat, welche Patientinnen und Patienten er noch antreffen und wie ihr Zustand sein wird. Und stets rechnet er mit dem Tod. «Man wird auch als Arzt immer wieder überrascht», hält er fest. «Das zeigt, wie schwierig es ist, Prognosen zu stellen.»
Auch Frau Ahmadi, die Frau mit dem metastasierenden Brustkrebs, lebt an diesem Donnerstag nicht mehr. Die Fünfzigjährige ist am Mittwoch im Beisein ihres Mannes und ihrer drei Töchter gestorben. Mahnoor Anwar, die junge Assistenzärztin, war im Dienst, als Frau Ahmadi starb. Am Morgen danach ist sie immer noch aufgewühlt und erzählt Kunz, was sich zugetragen hat: «Die Pflegefachfrau war gerade mit der Körperpflege von Frau Ahmadi beschäftigt, als die Patientin zu atmen aufhörte. Der Mann realisierte es zuerst gar nicht, sagte dann aber zur Pflegefachfrau, sie solle sofort eine Ärztin holen. Als ich ins Zimmer kam, starrten mich Herr Ahmadi und die drei Töchter erwartungsvoll an. Das war für mich sehr schlimm, ich konnte nichts mehr tun. Der Mann begann laut zu weinen, er konnte nicht glauben, was passiert war. Die Situation war sehr emotional. Erst nach ein paar Stunden beruhigte er sich etwas und konnte den Tod seiner Frau annehmen. Die Familie hatte die Frage nach einer allfälligen Reanimation am Mittwoch noch gemeinsam besprochen und sich dagegen entschieden. Als es dann so weit war, schienen sie mich mit ihren Blicken trotzdem zu fragen, warum ich nichts unternehme. Das war nicht leicht. Für mich ist es einfacher, wenn ältere Patientinnen oder Patienten sterben.» Roland Kunz hat der Assistenzärztin aufmerksam zugehört und sagt dann, er verstehe, dass sie das Erlebnis durcheinandergebracht habe. «Der Tod ist ein Geschehen, das man nicht auf der rationalen Ebene abhandeln kann.» Die Familie durfte so lange bei Frau Ahmadi im Zimmer bleiben, bis alle Angehörigen von ihr Abschied genommen hatten. Die Töchter kündigten an, den Leichnam der Mutter in ihr Heimatland überführen zu lassen, wo bald schon die Beerdigung im Kreis der ganzen Familie stattfinden werde.
Bei den meisten anderen Patientinnen und Patienten hat sich seit Dienstag nicht viel verändert. Die neunzigjährige Frau Wunderlin mit dem metastasierenden Eileiterkarzinom hat akzeptiert, dass sie vermutlich auch mit umfassender Spitex-Betreuung nicht mehr in ihre Wohnung wird zurückkehren können. Sie findet sich mit dem Gedanken ab, in ein Pflegeheim umzuziehen. Roland Kunz hört während der Visite nochmals die Darmgeräusche bei der alten Frau ab; offensichtlich handelt es sich nicht um einen kompletten Darmverschluss. In Frau Wunderlins Zimmer riecht es unangenehm, da die Pflegefachfrau kurz vorher das Stoma gereinigt hat. Kunz bespricht das weitere Vorgehen mit der Patientin. Nachdem ihre Bauchschmerzen mit Medikamenten gelindert werden konnten, müssen nun die Formalitäten für den Übertritt ins Pflegeheim erledigt werden.
Ihre Zimmernachbarin, Frau Rutschmann, weigert sich noch immer, zu essen, trinkt aber weiterhin. Bei der Visite klagt sie erneut über starke Schmerzen und äussert wieder ihren Wunsch, zu sterben. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Frau Rutschmann zwar wie von ihr erwähnt Exit-Mitglied ist, sie selbst aber noch keinerlei Anstrengung unternommen hat, um mit Unterstützung der Sterbehilfeorganisation zu sterben. Sie besitzt eine Patientenverfügung von Exit, hat aber bisher keine konkrete Anfrage für einen assistierten Suizid und eine entsprechende Beratung gestellt. Offensichtlich versucht sie, die Verantwortung an den Arzt und die Pflegenden abzuschieben, indem sie wieder und wieder nach einer «erlösenden Spritze» fragt. Roland Kunz sagt erneut zu ihr: «Wir können Ihnen ausreichend Schmerzmittel geben, damit Sie keine Schmerzen verspüren, aber wir können Ihnen keine Spritze verabreichen, um Sie zu erlösen.»
Der Arzt weist die Patientin ganz sachlich darauf hin, dass sie zwar langsam schwächer werde, wenn sie nichts esse, dass das Trinken aber entscheidender sei, wenn es ums Sterben gehe. «Wenn Sie möchten, dass es schneller geht, dann müssten Sie aufs Trinken verzichten.» Frau Rutschmann antwortet mit leiser Stimme: «Das ist schwierig», und der Arzt sagt: «Genau. Dann hat man einen trockenen Mund, und das ist unangenehm.» Das sogenannte Sterbefasten – der bewusste Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – erfordert viel Selbstdisziplin. Tatsächlich lässt sich aber dadurch der Sterbeprozess einleiten oder beschleunigen.
Kunz verspricht der Patientin, nicht mit Medikamenten wie Antibiotika einzugreifen, sollte bei ihr nun eine körperliche Komplikation wie eine Entzündung auftreten. «Aber Sie lassen mich nicht leiden?», fragt Frau Rutschmann, worauf er versichert: «Nein, das verspreche ich Ihnen.» Kunz einigt sich mit der Patientin darauf, den Austritt in ein Pflegezentrum vorzubereiten, wo sie länger wird bleiben können als im Akutspital.
Die an Lungenkrebs erkrankte und an akuten Atemnotattacken leidende Frau Graber ist noch nicht wie geplant aus dem Spital ausgetreten. Es dauert länger als angenommen, sie und ihren Mann zu instruieren, wie sie im Fall einer akuten Krise zu Hause das Beruhigungsmittel injizieren müssen. Die Assistenzärztin erzählt, Frau Graber habe am Vortag suizidale Äusserungen gemacht: Sie habe mit einem Messer eine Frucht zerteilt und sich dabei in die Hand geschnitten. «Anschliessend sagte sie, sie würde lieber verbluten als ersticken.» Da Frau Graber Mitglied einer Sterbehilfeorganisation ist, steht die Möglichkeit eines assistierten Suizids im Raum. Die Patientin sagt jedoch, die Familie tue sich sehr schwer damit. Sie selbst fürchtet sich am meisten vor dem Erstickungstod. Der Aufenthalt im Spital, wo sich ständig jemand um sie kümmern kann, vermittelt ihr Sicherheit. Die Aussicht, heimzukehren, macht ihr Angst.
Jeweils am Donnerstag findet auf der Palliative-Care-Abteilung im Stadtspital Zürich Waid der interdisziplinäre Rapport statt. Im Aufenthaltsraum nehmen an diesem Vormittag neben Chefarzt Roland Kunz ein Dutzend Frauen Platz. Durch das offene Fenster ist der Rasenmäher des Gärtners zu hören; während der Sitzung wird das Fenster deshalb geschlossen. Die Teilnehmerinnen am Rapport sind Pflegefachfrauen, die Musiktherapeutin, eine Psychologin, die Ergo- und die Physiotherapeutin, eine katholische und eine reformierte Seelsorgerin, die Ernährungsberaterin mit einer Praktikantin, eine Logopädin und eine Vertreterin des spitalinternen Sozialdienstes. Einige haben ihren Laptop vor sich, andere hantieren mit Papier und Stiften. Auf der Palliativstation duzen sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über alle Hierarchiestufen hinweg.
Die einzelnen Situationen der Patienten auf der Abteilung werden während des Rapports besprochen. Zuerst geht es um Herrn Zindel; das ist der Patient, der unter einem Magenkarzinom leidet, verwirrt ist und Stimmen hört. Die Physiotherapeutin berichtet, er sehe noch immer nicht reale Dinge. Es besteht weiterhin der Verdacht, dass seine Psychose onkologisch bedingt ist, durch mögliche Metastasen in seinem Gehirn. Darum haben die Ärzte eine Computertomografie angeordnet. Die Bilder sollen schon bald vorliegen.
«Wir mussten ihm sein Feuerzeug wegnehmen», erklärt die Pflegfachfrau am Rapport. Anscheinend befürchtet sie, der Patient könnte auf die Idee kommen, im Zimmer Zigaretten oder Cannabis zu rauchen. Bisher habe er sich von den erwachsenen Kindern, die regelmässig zu Besuch kämen, mit dem Rollstuhl zum Rauchen ins Freie bringen lassen, ergänzt die Pflegefachfrau.
Für jeden Patienten, jede Patientin wird am interdisziplinären Rapport ein vorläufiges Behandlungsziel festgelegt. Für Herrn Zindel lautet dieses: eine Anschlusslösung finden beziehungsweise seine Rückkehr nach Hause vorbereiten, sobald die Diagnostik abgeschlossen ist. Ideal wäre in seinem Fall, wenn eine allfällige neue Therapie bis auf Weiteres ambulant fortgesetzt werden könnte.
Während des Rapports kommen die Lebensgeschichten der Patientinnen und Patienten teilweise sehr detailliert zur Sprache. Allerdings ist nicht Neugier oder Geschwätzigkeit der Antrieb der Anwesenden, wenn sie sich über die Vergangenheit, den Charakter und den aktuellen Gesundheitszustand der Patienten austauschen. Vielmehr versuchen sie, sich in die individuellen Bedürfnisse hineinzudenken und die Wünsche dieser Menschen, die sehr konkret mit ihrer begrenzten Lebenszeit konfrontiert sind, so gut wie möglich zu erfüllen. Das Bild der Patienten rundet sich durch diesen Austausch ab und hilft den involvierten Fachpersonen dabei, die Therapie in deren Sinne anzupassen oder fortzusetzen.
Wenn die Heilung einer Krankheit nicht mehr das oberste Ziel ist, geht es für alle Beteiligten darum, die Qualität des Daseins täglich neu zu beurteilen und alles dafür zu tun, um die Lebensqualität bis am Schluss zu erhalten. Roland Kunz sagt: «Im Umfeld eines Spitals braucht es dazu eine neue Philosophie, die die Mitarbeitenden zuerst verstehen müssen. Die Palliative-Care-Abteilung ist eine andere Welt, denn die Therapieziele unterscheiden sich fundamental von denen auf den übrigen Abteilungen.» Am Anfang, beim Aufbau der Station, sei dies eine der Herausforderungen gewesen. «Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen begreifen, dass es ein Gewinn ist, der Lebensqualität der Patientinnen und Patienten Zeit und Raum zu geben. Geht man mit dieser Haltung auf sie zu, erzielt man Behandlungserfolge, auch wenn keine Heilung mehr möglich ist.» Zur Lebensqualität gehört zum Beispiel auch, dass die Patienten auf der Station ihre eigenen Kleider tragen dürfen. Kunz sagt: «Wir fordern sie ausdrücklich auf, ihr Pyjama, ihr Kopfkissen oder ihre Bettdecke von daheim mitzubringen. Bis zuletzt stehen hier die Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen im Mittelpunkt. Das alles zählt zu einer guten, individuellen palliativen Behandlung.»
Während von einigen Patientinnen und Patienten nahezu lückenlose Lebensläufe vorhanden sind, sind von anderen nur Fragmente aus der Vergangenheit bekannt. Was man im Spital über das Leben von Herrn Zindel weiss, ist eine Art Puzzle, bei dem viele Einzelteile fehlen. An der Teamsitzung ist die Rede davon, dass er früher lange in Afrika gelebt und in unterschiedlichsten Berufen gearbeitet habe; in der Hotellerie, als Herrenkonfektionsverkäufer, als Barclubleiter und als Softwareentwickler. Kunz fasst zusammen: «Er war wahrscheinlich schon immer eine spezielle Persönlichkeit.»
An diesem Morgen ist eine neue Patientin auf der Station angekommen, um die es am Rapport ebenfalls geht. Es handelt sich um eine etwas über fünfzigjährige Frau mit einer langen Krankengeschichte. Vor vielen Jahren war sie an Brustkrebs erkrankt. Der Tumor wurde operiert und anschliessend mit einer Hormontherapie behandelt. Mehr als zehn Jahre ging alles gut, bis die Krankheit erneut ausbrach. «Nach zehn Jahren», sagt Kunz, «gelten Krebspatienten in der Regel als geheilt.» Die Frau wünscht jetzt, da ihre Erkrankung weit fortgeschritten ist, keine onkologische Therapie mehr, würde aber gerne wieder nach Hause zurückkehren. Sie hat sich für den Spitaleintritt entschieden, weil sie an Atem- und Schluckproblemen leidet, was ihre Lebensqualität zunehmend beeinträchtigt. Die Ursache soll nun abgeklärt und die Beschwerden wenn möglich gelindert werden.
Die Patientin hat gerade Besuch, als Roland Kunz und die Assistenzärztin nach dem Ende des interdisziplinären Rapports ihre Visite fortsetzen. Frau Schulze liegt in einem T-Shirt und kurzen Hosen auf dem Bett. Die Decke ist zurückgeschlagen, es ist wieder ein warmer Tag. Mit heiserer Stimme erzählt die Patientin, sie leide unter einem kollernden Husten und einem Belag auf den Bronchien, den sie einfach nicht wegbringe. Zudem belaste sie eine totale, zermürbende Appetitlosigkeit. «Ich habe einfach überhaupt keinen Hunger und keine Energie.» Kunz bespricht mit Frau Schulze, für die Essen ein Stück Lebensqualität bedeutet, die Möglichkeiten. «Sie sind in einer Situation, in der wir uns nicht überlegen müssen, was gesund ist», sagt er, und die Patientin erklärt, sie möge alles, was frisch, kalt und fruchtig sei. Sie macht keinen traurigen Eindruck, sondern wirkt sehr gefasst und selbstbewusst. Sie sagt zum Arzt, sie könnte sich zum Beispiel vorstellen, winzig klein geschnittene Essiggurken zu essen. Kunz versichert: «Wir schauen, was die Küche machen kann.» Das Ärzteteam wird zudem besprechen, mit welchen Untersuchungen man die Ursache für die Atem- und Schluckprobleme finden könnte.
Für Roland Kunz ist die Tatsache, dass jeder Fall auf der Palliativstation anders ist, etwas vom Reizvollsten an dieser medizinischen Disziplin. Er sagt: «Es gibt kein Schema, das man auf alle Fälle anwenden könnte – das ist eine spannende und herausfordernde Ausgangslage.» In jedem Fall müssen wieder andere Behandlungs- und Betreuungsstrategien gefunden werden; manchmal solche, die davor noch nie ausprobiert wurden. Die individuelle Betreuung und die interdisziplinäre Teamarbeit auf der Palliative-Care-Abteilung gehören mit zu den Gründen, warum er eine Zeit lang über das ordentliche Pensionsalter hinaus berufstätig bleibt.
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