Der Anfang vom Rest des Lebens

- -
- 100%
- +
Jedoch ertappte Isabell ihr Herz dabei, wie es in den letzten Monaten des Öfteren immer wieder dieselben Fragen stellte.
»Warum fühle ich eine Leere, wo keine sein dürfte? Warum fühle ich mich so schwer? War das alles? Muss da nicht noch mehr kommen?«
Isabell wurde durch ein paar Sonnenstrahlen geweckt, die durchs Fenster fielen. Langsam öffnete sie ihre Augen. Irgendwas stimmte nicht und Isabell suchte den Grund für ihre Annahme. Sie überlegte und runzelte die Stirn dabei.
»Seit wann ist es so früh morgens schon so hell?«
Mit einem Ruck saß sie senkrecht im Bett …
»Scheiße!!! Verschlafen«, fluchte sie laut und weckte damit natürlich auch sofort Nick, der gehofft hatte, endlich mal ausschlafen zu können.
Es war zwar Samstag, aber Isabell war mit ihrer besten Freundin Eve zum Shoppen in Preston verabredet. Sie wollten sich um elf Uhr zum späten Frühstück treffen, bevor es in die Stadt ging. Isabell schaute auf ihren Wecker auf dem Nachttisch.
»Scheiße, schon kurz nach zehn!!«, fluchte sie wieder.
»Jetzt aber schnell, Eve wird mich umbringen!«
»Oh Mann, Issi. Geht das auch leise? Ich kann endlich mal ausschlafen!«
Nick drehte sich sichtlich verärgert auf die andere Seite und stülpte sich das Kopfkissen über seinen Kopf. Schnell verschwand Isabell im Badezimmer. Sie legte den Turbo ein. Sie war selber überrascht, dass sie innerhalb von fünfundzwanzig Minuten fertig gewaschen, geschminkt, frisiert und angezogen unten im Hausflur stand.
Zum Erstaunen von Isabell fehlte noch jede Spur von Eve, als sie beim verabredeten Treffpunkt an der Ecke der Boutique A Rosa eintraf. Isabell schaute auf ihr Handy. Eve hatte bereits eine Nachricht geschrieben.
10:56
»Sorry Liebes, heute musst du warten. Ich steh im Stau. Und das an einem Samstag!!!

Isabell antworte sofort.
11:01
»

11:03
»5 Minuten!!«
11:03
»Ok. Ich warte.

11.04
»Sehr gütig von dir!!!!«
Isabell schaute etwas ungeduldig auf die Uhr und bemerkte dabei, dass sie leicht fror. Für Ende September war es wirklich schon sehr frisch, stellte Isabell fest. Im Auto hatte sie das gar nicht richtig wahrgenommen. Zum Glück hatte sich Isabell in der morgendlichen Hektik für ihren dickeren grauen Mantel und einen passenden Schal entschieden.
Auf Eve warten zu müssen, war für Isabell eine ungewöhnliche Situation. Isabell musste auf einmal daran denken, wie sie Eve kennengelernt hat.
Es war Peters dreißigster Geburtstag und somit ein guter Anlass für eine ausgelassene Geburtstagsparty. Das war vor sechs Jahren. Isabell war zu dem Zeitpunkt frisch mit Nick verlobt und todunglücklich, dass er an diesem Abend keine Zeit hatte, mitzukommen. Aber das Geschäft ging leider manchmal vor. Isabell hasste es, irgendwohin alleine gehen zu müssen. Normalerweise sagte sie eine Einladung dann lieber ab. Aber da sie es Peter versprochen hatte, blieb ihr keine Wahl.
Eve, eine Galeristin aus Preston, war eine enge Freundin von Clarissa, Peters damaliger Frau. Sie kam auch alleine. Aber nicht, weil ihr Mann verhindert war, sondern weil sie sich auf der Suche nach einer kleinen Eroberung befand. Zu dieser Zeit war Eve bereits ein überzeugter Single, der nichts anbrennen ließ. Zu ihrem Glück war auch Alex der Einladung gefolgt. So hatten sich schnell zwei gefunden, die lediglich ein wenig Spaß haben wollten und sich die Zeit zusammen vertrieben.
Das erste Aufeinandertreffen von Eve und Isabell war doch sehr ungewöhnlich und so wie es anfing, war das Ende für alle sehr überraschend. Beide sahen sich auf der Party das erste Mal und sie konnten sich auf Anhieb nicht riechen. Eve dachte, dass Isabell nur eine blöde Nuss wäre, die hinter dem Mann ihrer Freundin her war und Isabell dachte von Eve noch was viel Schlimmeres. Arrogantes Großstadtflittchen waren an dem Abend ihre genauen Worte, als Eve Isabell anrempelte, als sie aus einem Zimmer in den Flur stolperte, indem sie augenscheinlich gerade noch mit Alex zugange gewesen war. Ihre mittellangen, nicht ganz bis zu den Schultern reichenden schwarzen Haare waren total zerzaust und Eve war gerade damit beschäftigt, ihre Bluse und den Rock wieder in Ordnung zu bringen, als sie direkt in Isabell lief. Nachdem Eve sie für diesen Kommentar mit ihrem eigenem Glas Weißwein übergoss, schauten die beiden sich einen Moment lang an. Alle anderen Partygäste waren wie erstarrt. Keiner traute sich etwas zu sagen oder dazwischenzugehen. Alle warteten auf Isabells Reaktion. Doch zum großen Erstaunen aller hielten beide inne und fingen plötzlich so laut und herzhaft an zu lachen, dass alle die Welt nicht mehr verstanden. Aber am wenigsten Eve und Isabell. Nach ein paar Gläsern Wein und einem ausgewogenen, etwas betrunkenen Kennenlerngespräch merkten beide, dass sie sich sehr ähnlich waren. Natürlich abgesehen von ihrer gewählten Lebenssituation!
Seit diesem Abend waren beide unzertrennlich. Mindestens alle zwei Woche trafen die beiden sich zum Frühstück mit anschließender Shoppingtour. Die einzigen drei Monate, in denen diese gemeinsame Leidenschaft nicht ausgelebt wurde, waren die Monate nach der Geburt von Eves Tochter Cathleen. Der ganze Stolz der überzeugten Single-Frau. Cathleen war jetzt drei Jahre alt und wirklich eines der süßesten kleinen Mädchen, die Isabell kannte. Sie war so stolz, als Eve sie als Patentante aussuchte, dass sie vor Glück die ganze Welt umarmen hätte können. Isabell war zwar schon ein paar Jahre zuvor die Patentante von Sophie geworden, aber zu Cathleen hatte sie von Beginn an ein viel engeres und stärkeres Band. Cathleen war wie ihre eigene Tochter. Eve hatte es nicht geplant. Sie wurde im Urlaub bei einem One-Night-Stand schwanger. Zu dem Vater von Cathleen hatte Eve nie versucht, Kontakt aufzunehmen. Und auch wenn ein Kind nicht in Eves Lebensplanung gehörte, musste sie nicht einen Moment über einen Abbruch nachdenken. Als sie von der Schwangerschaft erfuhr, war sie dennoch zutiefst geschockt. Tagelang meldete sie sich nicht. Doch als sie endlich nach ein paar Wochen zusammen mit Isabell beim Frauenarzt war und auf dem Monitor das kleine Herzchen schlagen sah, war es um Eve geschehen. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Beide hatten sich so sehr gewünscht, dass Isabell zur gleichen Zeit schwanger wird, damit sie ihre Kinder zusammen aufziehen können. Leider blieb der Wunsch der Freundinnen unerfüllt.
Die Zeit von Eves Schwangerschaft war für Isabell oft schmerzhaft. Auch wenn sich Isabell gemeinsam mit Eve freute, war sie des Öfteren neidisch und manchmal kamen ihr schlechte Gedanken in den Sinn. Warum wurde Eve mit einem Kind beschenkt, obwohl sie doch nie einen Mann oder Kinder gewollt hat? Warum bekam sie nicht den Wunsch erfüllt, ein neues Leben auf diese Welt zu bringen? Es war ihr größter Wunsch und einfach nicht fair. Isabell versuchte, diese Gedanken vor Eve zu verbergen und zog sich in solchen Phasen einfach ein wenig zurück und schob die Arbeit vor. Aber als Cathleen auf die Welt kam, ändert sich alles. Die schlechten Gedanken und die Missgunst waren verschwunden und Isabell war unendlich glücklich über diesen kleinen neuen Menschen, der auch in ihr Leben getreten war. Sie war bei der Geburt die ganze Zeit an Eves Seite und irgendwie hatten die beiden es zusammen durchgestanden. Als Eve Isabell dann noch fragte, ob Isabell die Ehre der Patenschaft für Cathleen übernimmt, war das Glück für alle vollkommen.
Isabell schaute wieder auf die Uhr.
Aus weiter Entfernung hörte sie eine Frauenstimme rufen. Isabell blickte in die Richtung, aus der sie die Stimme wahrgenommen hatte. Eve lief sichtlich abgehetzt auf Isabell zu.
»Sorry, mein Liebe. Ich habe Cathleen noch bei meinen Eltern abgesetzt und auf dem Weg in die Stadt war ein großer Unfall und ein wahnsinniger Stau.«
Isabell wartete noch einen Moment, bis Eve näher bei ihr war, bevor sie antwortete.
»Ach Eve. Ist schon gut. Ich glaube, die letzten zwanzig Male bin ich zu spät gekommen und du musstest auf mich warten.«
»Da könntest du allerdings Recht haben. Aber ich warte natürlich immer gerne auf dich.«
Herzlich begrüßten sich die beiden Freundinnen und Isabell schlug vor, schnell ins Café Little Cake hineinzugehen.
»Einen Tisch am Kamin?«, fragte Isabell.
»Auf jeden Fall. Das Frühstück wie immer?«
»Auf jeden Fall.«
Beide waren ein eingespieltes Team. Isabell ergatterte den letzten freien Tisch am Kamin und Eve bestellte direkt beim Reingehen an der Theke für beide das kleine Frühstück mit krossem Toast, Rührei, gebratenem Speck und einem Buttercroissant mit Zitrusmarmelade, dazu einen Cappuccino und ein Glas Orangensaft.
Das Café Little Cake hatte den Charme einer alten, urigen Kneipe. Eine lange Holztheke erstreckte sich durch den ganzen Raum. Alle Tische, Bänke und Stühle waren ebenfalls in einem dunklen Holzton gehalten. Der Parkettfußboden und der riesige Kamin am Ende des Raumes rundeten das komplette Zusammenspiel ab. Die Plätze vor dem Kamin waren sehr begehrt, da man hier auf der einen Seite die Wärme und Gemütlichkeit des Kamins genießen konnte und auf der anderen Seite bot sich einem eine tolle Aussicht auf die Einkaufsstraße durch die großen bodentiefen Fenster.
Eve nippte an ihrer heißen Tasse Kaffee und lächelte verschmitzt Isabell an. Isabell kannte diesen Blick. Der Blick sagte: »Ich platze gleich, wenn ich dir nicht sofort etwas erzählen kann.«
Isabell machte sich einen Spaß daraus und ließ Eve noch ein wenig zappeln. Aber lange hielt sie es selber nicht aus.
»Ja, Eve. Möchtest du mir irgendwas erzählen oder warum grinst du mich so von der Seite an?«
»Du wirst nie glauben, was mir vorgestern passiert ist!«
Isabell schaute Eve mit einer hochgerissenen Augenbraue an und erwiderte: »Lass mich raten. Du hast einen total heißen Typen kennengelernt. Eure Blicke trafen sich und es war sofort klar, dass da noch etwas geht. Dann seid ihr irgendwo hin verschwunden. Wahrscheinlich eher zu ihm, da du ja nicht so gerne Fremde bei dir zu Hause in die Wohnung lässt. Dann habt ihr euch ein, zwei Stunden richtig vergnügt. Nicht zu vergessen, dass der Typ einfach nur HAMMER aussah und auch richtig was im Bett zu bieten hatte, sondern er auch noch echt witzig war. Kommt das in etwa hin, meine Liebe?«
Eve guckte Isabell mit großen Augen und einem Schmollmund an, der versuchte, Traurigkeit und Entsetzen gleichzeitig darzustellen.
»Ich hätte es nicht besser erzählen können, Isabell. Woher wusstest du das so genau? Warst du dabei oder hast du neuerdings telepathische Fähigkeiten, von denen du mir noch berichten wolltest?«
Beide guckten sich an und fingen laut an zu lachen.
»Definitiv telepathische Fähigkeiten!!! Eve, ich kenn dich einfach erschreckend gut.«
»Das stimmt wohl. Aber dir erzähl ich besser gar nichts mehr. Und nur zu deiner Info … Das Ganze ging lediglich eine halbe Stunde und er sah, nachdem er seine Klamotten ausgezogen hatte, nicht mehr so gut aus wie ursprünglich angenommen. Diese Aktion hätte ich mir sparen können.«
»Ach, jetzt sei nicht beleidigt. Ich liebe deine Bettgeschichten. So höre ich wenigstens mal etwas darüber«, entgegnete Isabell und schaute in ihre eigentlich schon längst leere Kaffeetasse.
»Oh je. Ist es immer noch nicht besser geworden zwischen dir und Nick?«
»Mal so, mal so. An einigen Tagen geht es und ich denke, dass alles wieder auf einem guten Weg ist und an anderen Tagen wirkt er so weit weg. Als wenn wir beide kilometerweit voneinander getrennt sind, obwohl wir im gleichen Haus, im gleichen Raum oder im gleichen Auto sitzen und das gleiche Bett teilen.«
Eve sah ihre Freundin an und erkannte den Kummer in der Tiefe ihres Herzens. Aber sie wusste auch, dass sie jetzt nur versuchen konnte, ihre Freundin abzulenken und ihr keine guten Ratschläge geben sollte. Schließlich war sie ja nicht unbedingt die richtige Person, um Beziehungstipps zu geben.
»Kellner, zwei Prosecco bitte.«
»Eve, wir wollten doch nach dem Kaffee los.«
»Ach, einen kleinen Prosecco bekommen wir schon noch zeitlich reingequetscht. Schließlich sind wir ja nicht auf der Flucht. ODER?«
»Manchmal habe ich schon das Gefühl, wenn ich mit dir von einem Schlussverkauf zum Nächsten muss.«
Beide lachten wieder und nahmen sich in den Arm.
Nach ein paar größeren und kleineren Schnäppchen hatte sich bereits der späte Nachmittag eingeschlichen und beide beschlossen, sich auf den Nachhauseweg zu machen. Eve musste noch Cathleen von ihren Eltern abholen und Nick würde bestimmt mit dem Abendessen warten.
»Meine Liebe, ich wünsche dir einen besonders schönen Abend.« Eve grinste und schnappte sich die kleine rosafarbene Tüte, die Isabell mit den anderen Einkäufen kurz auf den Boden abgestellt hatte, um ihren Autoschlüssel aus der Handtasche herauszuholen. Die Tüte hielt Eve mit ihrem Zeigfinger hoch und ließ sie von rechts nach links schwingen. Isabell war das sichtlich unangenehm. Ihre Gesichtsfarbe verwandelte sich schlagartig in einen hellen Rotton.
»Geht es noch, Eve? Vielleicht noch ein bisschen lauter, damit alle hören und sehen, was ich gekauft habe und was ich damit vorhabe.«
»ISSI! Bleib mal locker. Es interessiert sich kein Mensch für deine kleine Tüte hier. Als wenn du die einzige Frau wärst, die aus der Stadt mit einer Victoria’s-Secret-Tüte nach Hause geht.«
»Komm her, du Verrückte«, sagte Isabell, als sie Eve zur Verabschiedung in den Arm nahm.
»Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Gib Cathleen einen dicken Kuss von mir. Es wird Zeit, dass ihr mal wieder zusammen vorbeikommt.«
»Das machen wir! Dir auch ein noch schönes Wochenende und vor allem einen schönen Geburtstag am Montag. Ich bin untröstlich, dass ich geschäftlich nicht da bin und mit dir feiern kann.«
»Da ist echt schade, aber mit sechsunddreißig Jahren gibt es da ja auch nicht wirklich was zu feiern.«
»Man sollte jedes Jahr feiern, meine Liebe. Vor allem, wenn man noch so verdammt heiß aussieht wie wir beide!!«, schrie Eve förmlich hinter Isabell her, die sich bereits einige Meter entfernt hatte.
Isabell schüttelte den Kopf, drehte sich aber nicht erneut um und tat so, als wenn sie mit der schreienden Frau nichts zu tun hätte. Mit zügigen Schritten ging Isabell zu ihrem Wagen.
Kapitel 3
Als Isabell sich auf den Heimweg machte, war es schon halb sechs. Sie entschloss sich aber, trotz der vorangeschrittenen Uhrzeit den etwas längeren Weg an der Küste entlang zu nehmen. Isabell fuhr diesen Weg am liebsten und immer, wenn es die Zeit nur irgendwie zuließ, nahm sie den Umweg von zehn bis fünfzehn Minuten gerne in Kauf. Die Straße führte an Blackpool vorbei und über mehrere kleine Ortschaften nach Fleetwood. Fleetwood war jetzt seit mehr als fünf Jahren ihr und Nicks Zuhause.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Fleetwood als einer der größten Fischereihäfen der Region bekannt. Eine echte Sehenswürdigkeit ist der charakterstarke Hafen der Stadt. Eine kleine Promenade schlängelt sich entlang des Hafens, die zum Spazierengehen einlädt, um sich die zahlreichen kleinen Boote anzuschauen, die im Hafen vor Anker liegen. Aber das besondere Merkmal des Hafens sind seine zwei unterschiedlichen Leuchttürme. Das Beach Lighthouse liegt direkt am Strand und erinnert an einen kleinen roten Eifelturm, wo hingegen das Pharos Lighthouse fast zweihundert Meter von der Küste entfernt aus braunem Stein in einer traditionellen Bauweise errichtet wurde. Wieso gerade in Fleetwood zwei Leuchttürme ihren Platz gefunden haben, kann heute keiner mehr so richtig nachvollziehen. Nur eins ist sicher, dass beide Leuchttürme bereits vielen tausend Schiffen halfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Doch der Hafen und der damit verbundene Warenverkehr verloren an Bedeutung durch den Bau des Manchester Schiffskanals. Warum hier die Ware entladen, wenn man doch viel weiter ins Landesinnere fahren kann? Was nicht an Wert verloren hatte, war die besondere Lage der Stadt. Diese lockte immer noch Touristen an. Fleetwood lag nördlich von Blackpool am Ende der Fyld-Halbinsel an der Mündung des Flusses Wyre in die Morecambe Bay. Auch wenn das Wetter eher stürmisch und nicht wirklich freundlich war an der Westküste Englands, so konnte ein Blick auf diese Bucht unvergesslich schön sein. Bei klarer Sicht konnte man von der Morecambe Bay bis hin zu den Bergen des Lake Districts schauen, die am Ende der Bucht wie aus dem Nichts plötzlich in den Himmel ragten. Wenn sich das Wasser zurückgezogen hatte, bot die Natur dem Beobachter einen Blick auf eine kilometerlange Wattlandschaft. Touristen schauten sich diese wundervolle Aussicht zwar immer noch gerne an, doch leider waren es lange nicht mehr so viele wie noch vor einigen Jahren. Und da, wo keine Touristen sind, bleiben Hotels, Restaurants und Ausflugsboote immer öfter leer. Eine weitere Einnahmequelle der Stadt war seit jeher die Fischerei. Aber die Glanzzeiten der Fischereibetriebe waren auch seit einigen Jahren vorbei. So sanken die Erträge immer weiter und nach und nach mussten die Fischereibetriebe schließen. Viele verloren so ihre festgeglaubten Jobs. Fleetwood war ein schöner Ort zum Leben, aber nicht mehr zum Arbeiten.
Warum Isabell und Nick vor über fünf Jahren nach Fleetwood gezogen waren? Eine sehr gute Frage. Aber leicht zu beantworten. Nick war der Grund! Isabell erinnerte sich immer wieder gerne an den Tag, an dem Nick und sie sich entschieden hatten, ihre kleine Zweieinhalbzimmerwohnung in Preston zu kündigen. Finanziell gesehen hätten Nick und Isabell sich schon lange eine drei Mal so große Wohnung leisten können, aber sie waren auf der Suche nach etwas Besonderem.
Es war ein wirklich schöner Sommertag im Juni. Isabell hatte von Nick die Augen verbunden bekommen und musste sich auf den Beifahrersitz ihres gerade erst gekauften Austin Healeys setzen. Dies passte ihr gar nicht, da sie selber noch nicht viel mit dem Wagen gefahren war. Nick war zwar immer schon ein sehr sicherer Fahrer, aber ein neuer Wagen, vor allem in dieser Preiskategorie, führte doch ein wenig zu Unruhe in Isabells Magengegend.
»Komm Nick, lass mich bitte fahren. Ich habe den Wagen doch gerade erst bekommen. Bitte!«, wimmerte Isabell vor sich hin. Aber Nick blieb eisern.
»Jetzt stell dich nicht so an, Issi. Du kannst mit dem Wagen noch genug selber fahren. Es soll doch eine Überraschung werden. Also lehn dich bitte zurück, genieß die Fahrt und den Wind, der dir gleich um deine Nase wehen wird.«
Isabell musste sich sehr zusammenreißen, aber sie wollte Nick die Überraschung nicht kaputtmachen und einen Streit provozieren. Schließlich waren sie gerade einmal einen Monat verheiratet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt er den Wagen endlich an. Isabell hätte es auch nur noch wenige Minuten ausgehalten, bis sie Nick gezwungen hätte, links ranzufahren. Ihr war so schlecht geworden und sie war kurz davor, sich ihr Frühstück noch einmal ganz genau durch den Kopf gehen zu lassen. Das lag wahrscheinlich an den verbundenen Augen und dem zügigen Fahrstil von Nick.
»Jetzt mach es nicht mehr so spannend, Nick. Darf ich die doofe Augenbinde jetzt bitte endlich abmachen?«, fragte Isabell ungeduldig. Zum Glück überwog langsam die Vorfreunde der noch anhaltenden Übelkeit.
»Ok, ok. Aber du musst mir was versprechen.«
»Und das wäre?«
»Lass es erst einmal auf dich wirken und schau dir alles an … Aber ich weiß, dass es dir gefallen wird.«
Nick stellte sich hinter Isabell und nahm ihr sichtlich nervös die Augenbinde ab. Isabells Augen mussten sich erst einmal wieder an die Helligkeit gewöhnen und sie blinzelte ein paar Mal mit ihren Augenlidern, bis sie nach und nach mehr erkennen konnte.
Isabell und Nick standen vor einem kleinen weißen Gartenzaun aus Holz, der ungefähr so hoch wie Isabells Hüfte war. Hinter dem Gartenzaun war ein kleiner, gepflasterter Innenhof. Die linke Seite des Gartenzauns wurde nach ein paar Metern durch ein Gartentor unterbrochen. Hinter dem Tor erkannte man eine Einfahrt, auf der zwei Autos nebeneinander Platz finden würden. Auf der rechten Seite des Innenhofes war ein kleiner, aber liebevoll angelegter Kräutergarten. Man konnte an dem guten Zustand und der Menge der verschiedenen Kräuter sehen, dass jemand diesen Garten liebte. Am Ende des Innenhofes stand ein wunderschönes Haus. Der Zaun, der Innenhof, der Garten und dieses Haus sahen einfach nur perfekt aus. Es hätte gemalt nicht schöner aussehen können. Das komplette untere Geschoss war aus einem grauweißen Stein erbaut. In der Mitte befand sich eine kleine Eingangstür aus weißem Holz. Auf beiden Seiten neben der Tür waren jeweils zwei bodentiefe Fenster eingelassen, die ebenfalls von weißem Holz umrahmt waren. Zur Zierde waren rechts und links neben den Fenstern große weiße Holzfensterläden angebracht.
Unmittelbar vor dem Eingangsbereich waren rosaweiße Rosensträucher gepflanzt, deren Blüten so prachtvoll aussahen, als wenn sie selber rufen wollten: »Schaut uns an. Wir sind die schönsten Rosen weit und breit.«
Bei dem Dach handelte es sich um ein ausgebautes Spitzdach aus schwarzem Schiefer. Im gleichen Abstand zu den Fenstern im Untergeschoss befanden sich in der oberen Etage die Fenster, die wie kleine Türme aus dem Dach ragten.
Isabell war sprachlos und starrte bewegungslos auf dieses wundervolle Haus, das sie sich nicht besser hätte erträumen können.
»Nick. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Das Haus … es ist so wunderschön!!«
»Dir gefällt es?«
»Nein, mir gefällt es nicht. Ich liebe dieses Haus. Es ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.«
»Puhhh, na da habe ich ja Glück gehabt«, brach aus Nick erleichtert hervor.
»Wieso?«, fragte Isabell etwas skeptisch.
»Na ja. Es gab so viele Interessenten und bei dem Angebot wäre es wahrscheinlich schnell verkauft gewesen. Also habe ich sofort zugeschlagen«, grinste Nick Isabell an und hob seine rechte Hand in die Höhe, so dass Isabell den Schlüssel sah, der an Nicks Ringfinger baumelte.
»Du hast es gekauft? Nick, bist du verrückt?!«
»Ja. Sonst hätte ich dich doch nicht geheiratet, oder Schatz? Ich musste sofort zuschlagen. Sonst wäre es weg gewesen! Du hast gerade gesagt, dass du es liebst, oder?«
»Ja das habe ich! OH MEIN GOTT!! Das ist unser Haus? Unser eigenes Haus?«
»Ja, das ist es. Wollen wir reingehen, Mrs. Johnson?«
»Unbedingt«, strahlte Isabell Nick an, schnappte sich mit einem Satz den Schlüssel von Nicks Finger und ging schnurstracks zur Haustür.
Doch nach einigen Malen des wilden Hin- und Herdrehens des Schlüssels im Schloss gab Isabell auf.
»Haha, Nick. Der Schlüssel passt gar nicht. Das war jetzt ein echt gemeiner Scherz von dir.«
»Natürlich passt der Schlüssel. Gibt mal her!«, sagte Nick etwas angespannt und nahm Isabell den Schlüssel aus der Hand. Nick drehte den Schlüssel nach links und zog dabei die Tür etwas zu sich und schon machte es klick und die Tür ließ sich öffnen.
»Sieht du, Issi? Es war kein Scherz! Du bist nur wieder zu ungeduldig.«
Nick blieb auf der Schwelle stehen und hob den linken Arm in Richtung Flur.
»Bitteschön, Madame.«
»Nichts da. Ich glaube, du hast was vergessen.«
»Was habe ich denn vergessen?«
»Ja jetzt, wo wir verheiratet sind und wir gerade unser erstes Eigenheim beziehen, muss du mich doch über die Schwelle tragen, oder nicht?«
»Eher oder, nicht!«, sagte Nick und schüttelte den Kopf dabei.
Isabell gab sich aber noch nicht geschlagen. Prompt setzte sie ihren süßesten Schmollmund auf, versteckte beide Arme hinter dem Rücken und schaute Nick mit großen Augen an.
»Oh Mann. Ernsthaft, Issi?«, erwiderte Nick fragend und versuchte dabei, ernst zu bleiben. Dies gelang ihm aber nicht. Es dauerte nicht lange und Nick musste lachen. Er ging in ihre Richtung und schob die Ärmel seines Pullovers an beiden Seiten bis zum Ellenbogen hoch.



