Der Anfang vom Rest des Lebens

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»Na, dann wollen wir mal. Gut festhalten!«
Isabell streckte Nick die Arme entgegen, die sie allerdings gar nicht brauchte zum Festhalten. Mit einem großen Ruck lag Isabell über der rechten Schulter von Nick. Die Beine vor seiner Brust, fest mit seinen Armen umklammert, hing Isabell kopfüber an Nicks Rücken.
»AHHHHHH. NICK. WAS MACHST DU?«, schrie Isabell einfach nur aus sich heraus.
»Du hast doch gesagt, dass ich dich über die Schwelle tragen soll, aber nicht wie!« Dabei klopfte er Isabell noch zweimal liebevoll auf den Hintern und lachte. Dann setzte er Isabell im Hausflur ab und gab ihr einen dicken Kuss auf den Mund, um sie wieder zu besänftigen. Das funktionierte in der Regel immer ganz gut, wenn sie einen kleinen Tobsuchtsanfall hatte.
Isabell schaute sich in Ruhe um. Am Ende des Hausflures führte eine Treppe in die erste Etage. Vor der Treppe links war ein großer Raum, in dem auf der einen Seite eine große, weiße Landhausküche mit Gasherd eingebaut war und auf der anderen Seite ein langer Esszimmertisch mit Bänken auf beiden Seiten stand. An dem Tisch fanden bestimmt zehn Personen Platz. Gegenüber der Küche lag das Wohnzimmer. Der Raum war nicht wie die Küche bereits eingerichtet, sondern leer. Aber es musste das Wohnzimmer sein. In der linken Ecke befand sich ein kleiner Kamin mit ein paar Holzscheiten darunter. In der Raummitte konnte man einen klaren dunklen Abdruck an der Wand sehen. Hier musste der Fernseher oder ein großes Bild gehangen haben. Vom Wohnzimmer aus konnte man durch die bodentiefen Fenster eine kleine Terrasse erblicken. Die Räume im oberen Geschoss hatten alle die perfekte Größe. Ein Schlafzimmer mit einem kleinen Ankleideraum und angeschlossenem Bad mit schöner Badewanne und Dusche, ein Büroraum und ein weiteres Zimmer für den geplanten Nachwuchs. Isabell war begeistert. Das Haus war von innen genauso traumhaft wie von außen. Es hätte besser nicht sein können. Nur als Nick die Lage des Hauses verriet, und zwar Fleetwood, war Isabell leicht geschockt. Aber das Haus war so perfekt, dass der Schock schnell überwunden war. Sie wusste, dass sie etwas Schöneres so schnell nicht wieder finden würden.
Nick schaute Isabell an und fragte: »Und? Ist es unser Haus oder habe ich uns ins Unglück gestürzt?«
»Vielleicht tust du das noch, aber nicht mit dem Haus! Ja, es ist unser Haus! Ich liebe dich.«
Es war bereits dunkel, als Isabell zu Hause ankam, aber am und im Haus war kein Licht angeschaltet. Isabell schloss die Tür auf und rief nach Nick.
»Nick, ich bin wieder da. Wo bist du? Nick?«
Isabell überlegte, ob sie irgendeinen Termin vergessen hatte, den Nick ihr gesagt hatte. Aber auch nach längerem Überlegen fiel ihr nichts ein.
»Wahrscheinlich wieder ein Termin im Geschäft«, tröstete sich Isabell. Das Wochenende war früher für beide immer heilig. Aber in den letzten Wochen hatten sich bei Nick viele Überstunden gerade auch an den Wochenenden angesammelt. Isabell war hieran nicht ganz unschuldig. Durch die letzte persönlich von Isabell durchgeführte Marketingmaßnahme war der Umsatz der Sportswear der Firma in die Höhe geschnellt. Auf Grund der erhöhten Nachfrage hatte Nick in Nordengland in den letzten zwei Jahren ganze fünf neue Verkaufsläden mit aufgebaut. Als zuständiger Vertriebsleiter für die gesamte Region England trug Nick eine große Verantwortung. Gerade bei neuen Filialen konnte immer sehr viel schiefgehen. Aus dem Grund kontrollierte Nick alles lieber selber und war bei wichtigen Entscheidungen persönlich vor Ort.
»Na ja, er wird schon wiederauftauchen«, murmelte Isabell vor sich hin. »So habe ich wenigstens noch genug Zeit, um meine gekauften Schätze einzuräumen, ohne dass Nick etwas davon bemerkt und mein Konsumverhalten mal wieder kritisiert.«
Isabell zog sich schnell die Schuhe aus, hing ihren Mantel auf, schnappte sich die Einkaufstaschen und ging schnellen Schrittes die Treppe hoch in die Ankleide. Die Ankleide war elf Quadratmeter groß. Ein eigenes kleines Zimmer nur für Anziehsachen. Ein Traum jeder Frau! Auf der rechten Seite des Raumes waren vier große Kleiderstangen an der Wand angebracht, an denen alle Anzüge und Hemden von Nick hingen und alle Blusen, Kleider und Kostüme von Isabell. Die linke Seite bestand aus mehreren Regalen, in denen Pullover, T-Shirts und Hosen untergebracht waren und ein riesiges Regal, das bis zur Decke ging, voll mit Schuhen. Highheels, Turnschuhe, Stiefel, Stiefeletten, Pumps und, und, und …
Geradedurch am Ende des Raumes stand unter dem Fenster eine weiße Kommode. Auf der Kommode stand nur ein einziger Gegenstand. Ein silberner, mit Rosen verzierter, doppelter Bilderrahmen. In der linken Seite des Rahmens war das Hochzeitsfoto von Isabell und Nick zu sehen. Es zeigte, wie sie beide vor der Kirche standen, beide Hände in den Händen des anderen vergraben, sich tief in die Augen schauend. Isabell in ihrem enganliegenden Kleid aus feinster Spitze mit dem doch sehr gewagten freien Rücken, der nur durch den leichten, bis zum Boden fallenden Schleier verdeckt wurde. Nick hatte einen alten, aber dennoch unglaublich schicken Anzug von seinem Großvater an, der mit seinen goldenen Knöpfen und den schwarzen Stickereien auf dem blauen Stoff schon fast adelig aussah. In der anderen Seite des Bilderrahmes befanden sich beide Eheversprechen, die Nick und Isabell sich nicht wie üblich in der Kirche, sondern später auf ihrer Feier gaben. Für die Feier hatten sich Nick und Isabell den Golf Club Fairhaven, eine halbe Stunde westlich von Preston und direkt an der Küste gelegen, ausgesucht. Hier verließen sie kurz nach der Buffeteröffnung ihre Hochzeitsgesellschaft und liefen bis ganz vorne an das Kliff, wo sie sich ganz alleine ihre Versprechen gegenseitig vortrugen.
Mein Nick:
Ich liebe dich
Du bist mein Leben
Mit dir fühle ich mich ausgefüllt
Mit dir fühle ich mich geliebt
Mit dir fühle ich mich lebendig
Mit dir fühle ich mich frei
Du bist mein Leben
Ich liebe dich
Meine Issi:
Du bist alles für mich
Dein Herz gehört mir
Mein Herz gehört dir
Gemeinsam sind wir nie wieder allein
Gemeinsam werden wir zusammen sein
Ich liebe dich
Du liebst mich
Wir sind eins
Zwei Herzen für immer vereint
Wie so oft hielt Isabell inne, nahm den Bilderrahmen in die Hand und betrachtete das Foto von sich und Nick. Sie versuchte sich dann immer an den Tag und diesen Moment zu erinnern und die Gefühle von damals abzurufen. Danach las Isabell die Eheversprechen immer laut für sich vor. Irgendwie hatte sich beides zu einem festen Ritual entwickelt für Isabell.
»Nie wieder allein …, wir sind eins …, ich liebe dich«, sprach Isabell laut aus. Im gleichen Moment war sie über sich selber verwundert. Normalerweise war sie glücklich, wenn sie diese Worte las. Aber dieses Mal rollte ihr eine Träne über die rechte Wange.
»Wieso weine ich? Wieso bin ich so traurig?«, dachte Isabell verwundert.
Isabell wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte und Nick rief: »Ich bin zu Hause.«
Rasch wischte sich Isabell die Träne von der Wange und nahm die noch nicht ausgepackten Tüten und versuchte, sie hinter ihren Kleidern auf dem Boden zu deponieren, ohne dass man sie sehen konnte. Dann ging sie die Treppe runter und sah Nick in der Küche, wie er sich gerade ein Glas Weißwein einschenkte.
»Möchtest du auch?«, fragte Nick.
»Ja gerne«, antwortete Isabell mit einem Blick auf die Uhr, die bereits 19:31 Uhr anzeigte.
»Wo warst du, Nick? Ich wusste nicht, dass du noch irgendwohin wolltest. Und warum kommst du erst jetzt wieder?«
Nick drückte Isabell das Glas in die Hand und antwortete ungehalten: »Muss ich dir irgendeine Rechenschaft ablegen? Ich kann doch nach Hause kommen, wann ich will, oder? Wir haben gerade mal halb acht und nicht drei Uhr in der Früh. Außerdem bist du doch diejenige von uns beiden, die den ganzen Tag mit Eve unterwegs war, oder?«
»Sorry, Nick. War nicht so gemeint. Es sieht dir sonst nur nicht ähnlich, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen, wegzufahren.«
»Wenn es dich interessiert, ich war noch in Blackpool, um mir noch einmal das neue Ladenlokal für die nächste Filiale anzuschauen und dann habe ich noch was in der Stadt erledigt. Es hat ja schließlich noch jemand Geburtstag in zwei Tagen!«
»Entschuldige bitte, Nick. Sei nicht eingeschnappt«, versuchte Isabell die Situation zu retten und ging auf Nick zu, um ihm einen Kuss zu geben und somit zu signalisieren, dass es ihr leidtat.
Nick nahm den Kuss nur halbherzig an und drehte sich kurz danach weg mit den Worten: »Ich gehe jetzt duschen. War auch für mich ein langer Tag.«
Isabell schaute Nick hinterher. Dann nahm sie die offene Flasche Wein und ihr Glas und setzte sich auf die Couch im Wohnzimmer, deckte sich mit ihrer kuschligen Wolldecke zu und schaltete den Fernseher an.
Kapitel 4
Isabell wurde von einem leisen Klicken wach und öffnete langsam die Augen. Es war Morgen. Sie hatte die ganze Nacht auf der Couch verbracht. Sie musste wie ein Stein geschlafen haben, da sie sich nicht erinnern konnte, aufgewacht zu sein. Dann hörte sie Motorengeräusche und schaute aus dem Fenster. Sie sah Nick, wie er wegfuhr.
»Wo fährt Nick denn jetzt hin? Und warum hat er mich nicht geweckt?«, fragte sich Isabell laut und etwas verärgert.
Isabell beschloss, unter die Dusche zu gehen und dann nochmal genau zu überlegen, was mit Nick los sein könnte. Denn irgendwie war er in den letzten Tagen und Wochen doch etwas seltsam.
Als sie mit einem Handtuch auf dem Kopf und einem weiteren Handtuch fest um ihren Körper gewickelt aus dem Bad ins Schlafzimmer kam, sah Isabell ihr Handy aufleuchten. Sie nahm es in die Hand und schaute nach. Sie hatte eine neue Nachricht, nein, zwei Nachrichten!
Die erste Nachricht war von Eve:
10:02
»Wie hat Nick der Inhalt der kleinen Tüte gefallen?

Ein wenig genervt und die Augen rollend, wischte Isabell die Nachricht weg und nahm sich vor, darauf später oder gar nicht zu antworten.
Dann noch eine Nachricht. Diese war von Nick:
10:13
»Kommst du frühstücken? Der Tag ist viel zu schön, um sich zu streiten. Ich habe auch deine Lieblingsbrötchen geholt und Kaffee ist auch schon fertig.«
»Da war er also vorhin hingefahren«, dachte Isabell und konnte sich jetzt ein kleines Lächeln nicht mehr verkneifen. »Also doch alles gut und Nick ist nur ein wenig überarbeitet.«
Nick und Isabell frühstückten ganz in Ruhe. Danach beschlossen sie, dass trockene und sogar leicht sonnige Wetter auszunutzen. Nick ließ die Arbeit Arbeit sein und so machten Nick und Isabell zuerst einen ausgiebigen Spaziergang an der Küste. Nach fast fünf Kilometern an der frischen Luft wollten beide dann nur noch auf die Couch. Dort verbrachten sie den restlichen Nachmittag und schauten gemütlich einen Film bei einer leckeren Tasse Kaffee für Nick, einem heißen Tee für Isabell und ein wenig Gebäck, das Nick ebenfalls morgens vom Bäcker mitgebracht hatte. So ließen sie den Tag langsam ausklingen und gingen nicht all zu spät schlafen.
Es war Montag und Isabell wachte in dem Wissen auf, dass sie wieder ein Jahr älter geworden war. Sechsunddreißig Jahre waren für sie alt. Wo war die Zeit geblieben? Wo waren die letzten sechsunddreißig Jahre nur hin? Sie drehte sich zu Nick um und musste zum Erstaunen feststellen, dass er gar nicht mehr im Bett war. Isabell schaute auf den Wecker. Es war 09:52 Uhr. Nick musste schon lange zur Arbeit aufgebrochen sein. Isabell hatte sich heute extra freigenommen, weil sie keine Lust hatte, sich im Büro feiern zu lassen. Der erste Gedanke, den Isabell hatte, war Kaffee. Also zog sie sich ihren Bademantel an und ging runter in die Küche. Auf der Küchentheke stand ein Strauß mit weißen und rosa Rosen. Darunter lag auf einem Teller ein Cupcake mit der Aufschrift »Alles Gute». Daneben lag eine Karte.
Morgen Geburtstagskind
Ich wollte Dich nicht wecken.
Genieß den Tag voller Ruhe. Ich versuch nicht so spät zu Hause
zu sein. Ich habe für 19 Uhr einen Tisch reserviert.
Happy Birthday!
»Das werde ich«, sagte Isabell.
Sie wollte den Tag für sich haben und ihn in Ruhe ohne Stress verbringen. Schließlich war es nicht nur ihr Geburtstag, sondern auch der Todestag ihrer Mutter. Dadurch, dass sie kurz nach ihrer Geburt verstorben war, war der 23.09. umso bedeutender für Isabell. Dieser Tag schnürte ein enges gedankliches Band zu ihrer Mutter.
Nach dem Kaffee wollte Isabell als erstes ihre Mutter besuchen fahren. Brian, Isabells Vater, hatte sich damals für eine Verbrennung entschieden und so den Wunsch seiner Frau akzeptiert. Sie wollte, anders als Brian, nicht in einem Grab verrotten, sondern lieber Eins werden mit dem Meer. Da es kein Grab gab, an dem Isabell ihre Mutter hätte besuchen können, folgte sie an dem Tag immer einer alten Tradition, die sie früher zusammen mit ihrem Vater und später alleine durchführte. Isabell kaufte die Lieblingsblumen ihrer Mutter, weiße Chrysanthemen, und fuhr damit zur Küste. Genau an die Stelle, an der die Asche ihrer Mutter verstreut wurde. Isabell hatte immer ein Foto dabei, auf dem ihr Vater und ihre schwangere Mutter abgebildet waren. Sie hielt das Foto fest in der Hand, gedachte ihrer und gleichzeitig ihrem Vater und warf die Blumen ins Meer. Dann atmete Isabell die Küstenluft noch einmal ganz intensiv ein und verabschiedete sich mit den Worten: »Ich denke an euch. Ich liebe euch. Ich trage euch in meinem Herzen.«
Wieder zu Hause angekommen, machte sich Isabell einen schönen Tag. Sie ging erst einmal gemütlich in die Badewanne und verwöhnte anschließend ihren Körper mit einer neuen Lotion, machte sich danach die Fuß- und Fingernägel und ihre Haare bekamen auch endlich mal wieder so viel Aufmerksamkeit, wie sie schon lange dringend nötig hatten. Im Anschluss an die Körperpflege folgte ein ausgedehntes Frühstück, wobei der Cupcake nur eine Nebenrolle einnahm. Ein kleiner Prosecco durfte auch nicht fehlen. Ans Telefon ging Isabell nur bei Eve und Peter. Alle anderen waren ihr an diesem Tag egal. Sie würde sich einfach am nächsten Tag zurückmelden und sich entschuldigen, dass sie das Handy nicht gehört hat.
Pünktlich um 18:30 Uhr saß Isabell mit einem Glas Weißwein auf einem der Barhocker in der Küche. Sie hatte sich ihr Haar locker hochgesteckt und sich ein langes, enges schwarzes Kleid angezogen. Für darunter hatte sich Isabell für die aufreizende Wäsche von Victoria’s Secret entschieden. Sie schaute langsam ungeduldig auf ihre goldene Armbanduhr. Es war bereits zehn vor sieben. Isabell versuchte, cool zu bleiben und trank noch einen Schluck Wein. Endlich konnte Isabell Scheinwerferlichter in der Einfahrt erkennen und hörte Nicks Wagen vorfahren. Dann knallte eine Autotür und hastig drehte sich der Schlüssel in der Eingangstür.
»ISSI?«, rief Nick, als er noch nicht ganz im Haus war.
»Ja Nick?«, antwortete Isabell fragend.
Nick schaute etwas verdutzt, als er seine Frau fertig angezogen und wartend in der Küche erblickte.
»Oh, du bist schon fertig?«
Isabell zeigte mit dem Kopf auf die große Wanduhr in der Küche und erwiderte nur: »Wir haben kurz vor sieben, Nick. Hattest du nicht einen Tisch für 19 Uhr reserviert?«
»Ja, das habe ich auch, Isabell. Ich habe bei Toni schon angerufen, dass wir ein paar Minuten später kommen. Es tut mir leid, dass ich so knapp dran bin.«
Nick ging auf Isabell zu, küsste sie auf den Mund und nahm sie in den Arm.
»Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag, Issi. Happy Birthday, meine Liebe.«
Isabell konnte Nick nicht mehr böse sein und genoss einfach nur die Umarmung ihres Mannes.
»Toll siehst du aus«, sagte Nick, als er seine Frau betrachtete. »Jetzt ist es mir etwas unangenehm, dass ich dich nur zu Toni ausführen will. Bis Preston reinzufahren, hätte ich heute einfach zeitlich nicht geschafft.«
»Ich dachte, ich hätte mich gerade verhört, Nick, als du sagtest, dass du bei Toni angerufen hast.«
Isabells Blick drückte Enttäuschung aus und sie schaute zu Boden.
»Ich mach es nächstes Jahr wieder gut, Issi. Nächstes Jahr werde ich dich wieder ganz schick ausführen. Ich verspreche es!«
»Na, dann bin ich ja mal gespannt. Das muss aber dann ein ganz schicker Laden sein. Ich erwarte großes für nächstes Jahr!«
Nach einem einfachen, aber leckeren Essen bei dem besten und einzigen Italiener in Fleetwood kamen Isabell und Nick am späten Abend wieder nach Hause.
Während Nick bereits im Bett lag, war Isabell noch einmal im Bad verschwunden, um nachzusehen, ob die neue Wäsche überall am richtigen Platz saß. Die Wäsche sah echt gut aus, allerdings war sie nicht unbedingt bequem. Nach einem letzten Blick in den Spiegel und einem kontrollierten Ein- und Ausatmen fasste sich Issi ein Herz und machte die Badezimmertür auf. Sie trug einen BH aus schwarzer Spitze und den dazu passenden String. Beides war verbunden mit mehreren dünnen Bändern aus roter Spitze. Dazu trug Isabell Nicks Geburtstagsgeschenk. Im Restaurant überreichte Nick Isabell eine kleine, längliche, schwarze Schachtel. In der Schachtel lag eine wunderschöne, silberne Kette. An der Kette hing ein Blütenanhänger, besetzt mit ein paar funkelnden Steinen.
»Du bist wunderschön, Issi«, flüsterte Nick fast, als Issi aus dem Badezimmer ins Schlafzimmer eintrat.
Endlich, nach so langer Zeit, liebten Nick und Isabell sich wieder, als wenn es die letzten Wochen der Unstimmigkeiten nie gegeben hätte.
Nick lag auf dem Rücken, so dass Isabell in seinen Armen liegen konnte, mit dem Kopf auf seinem Oberkörper.
»Ich liebe dich, Nick.«
Nick drückte Isabell fest an sich und sagte: »Ich habe dich immer geliebt, Issi, und ich werde dich immer lieben. Egal, wie unsere Geschichte ausgeht. Ich hoffe, du wirst das nie vergessen!«
Etwas verwundert über die Art der Wortwahl, gab Isabell Nick noch einen Gutenachtkuss und drehte sich dann auf die rechte Seite, um in den Schlaf zu finden.
Isabell und Nick schliefen sofort ein.
Kapitel 5
Isabells Geburtstag lag inzwischen einige Wochen zurück und es war bereits Anfang November. Der Winter war mit voller Wucht über England hereingebrochen und schwere Stürme fegten die letzten zwei Wochen immer wieder über die kleinen Städte an der Küste. Isabell hatte ihren langen, flauschigen, beigen Strickpullover mit den dazu farblich abgestimmten warmen Wollsocken an. Die Beine nackt und ihr Haar lediglich kurz durchgekämmt und zu einem Dutt hochgebunden. Mit einer Tasse Kaffee in ihren Händen hatte sie es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Heute war zwar Samstag, aber Eve musste die Shoppingtour zu Isabells Bedauern absagen, da sie seit ein paar Tagen mit Grippe im Bett lag. Da Nick ebenfalls keine Zeit für Isabell aufbringen konnte, weil er mal wieder trotz Wochenende arbeiten war, obwohl er Isabell versprochen hatte, es ruhiger angehen zu lassen, hatte Isabell beschlossen, heute nichts, wirklich gar nichts zu machen außer zu faulenzen. Seit ihrem Geburtstag hatte sich nicht wirklich etwas geändert. Nick kam abends oft später als Isabell nach Hause oder war für ein paar Tage geschäftlich weg und gar nicht in England. Oft blieb nur der Sonntag übrig für gemeinsame Zeit. Allerdings war Nick meistens von der Woche so fertig, dass er viel schlief und sich vor dem Fernseher entspannte. Isabell bekam ihn dann nur sehr selten aus dem Haus bewegt.
Mittlerweile war es schon Nachmittag und sie kam ins Grübeln.
»Soll ich heute Abend mal was kochen? Aber was? Fisch, Fleisch oder einfach eine leckere Pasta? Oder doch besser etwas Essen gehen?«
Isabell nahm das Handy in die Hand und schrieb Nick.
15:36
»Hi Nick. Soll ich uns heute Abend mal was kochen, oder sollen wir bei Toni eine Pizza essen gehen?«
Isabell wartete ein paar Minuten auf eine Reaktion von Nick, aber es kam keine. Isabell entschied sich, unter die Dusche zu gehen. Denn ob Essen zu Hause oder außerhalb, frisch geduscht sollte sie auf jeden Fall sein.
Isabell ließ sich richtig viel Zeit und trödelte etwas vor sich hin. Sie duschte ausgiebig, rasierte sich überall am Körper, cremte sich im Anschluss ordentlich ein und verpasste ihren Haaren eine ordentliche Pflegekur.
Als sie sich ein Handtuch um den Kopf gebunden und ihren Bademantel angezogen hatte, ging sie ins Schlafzimmer und schaute auf ihr Handy.
Nick hatte endlich geantwortet.
15:57
»Hi Issi, es wird heute wahrscheinlich wieder etwas später. Der Geschäftsführer der neuen Filiale in Blackpool will mit mir noch essen gehen. Wir wollen für die Eröffnung in zwei Wochen noch ein paar Details besprechen. Nach der Eröffnung habe ich wieder mehr Zeit. Versprochen! Bis später.«
Isabell las die Nachricht und währenddessen konnte sie quasi spüren, wie ihre Wut in der Magengegend immer größer wurde. Dann drückte sie auf antworten und machte sich beim Schreiben Luft.
16:07
»Nicht Dein Ernst, Nick?! Herzlichen Dank fürs mal wieder alleine lassen. Du bist nur noch am Arbeiten!!! Vor ein paar Wochen hast du mir noch versprochen, dass du es ruhiger angehen lassen willst und zumindest wieder am Wochenende Zeit hast. Tolles Versprechen, Nick! So scheißegal kann ich dir doch nicht sein, oder? Mal sehen, ob ich überhaupt zu Hause bin, wenn du kommst.«
Isabella schmiss das Handy nach Absenden der Nachricht wütend aufs Bett. Kurz darauf folgte ein Signalton. In der Hoffnung, dass die Nachricht Nick zum Denken angeregt hatte, holte sie das Handy wieder und las die Nachricht von Nick.
16:09
»Issi. Jetzt krieg dich mal wieder ein. Ich muss nun mal viel arbeiten im Moment. Kann halt nicht jeder am Wochenende faulenzen, so wie du!!! Ich komme, wann ich komme …«
Isabells Puls war schlagartig auf hundertachtzig!
»So ein Arsch«, platzte es aus Isabell raus. Isabell musste sich zusammenreißen, aber sie entschloss sich, auf diese Nachricht nicht zu antworten und standhaft zu bleiben. Die nächste Nachricht ging nicht an Nick, sondern an Eve.
16:10
»Hallo liebste Freundin. Wie geht es Dir? Mein Mann meint, mich heute Abend wieder einmal alleine zu Hause verkümmern zu lassen.



Keine dreißig Sekunden vergingen und Isabell konnte schon sehen, dass Eve ihr zurückschrieb.
16:13
»Hi meine Liebe. Ich bin leider immer noch total krank und schlafe eigentlich nur die ganze Zeit. Cathleen ist bis morgen früh noch bei meinen Eltern und ich bin froh, wenn ich mich in Ruhe erholen kann. Ich weiß nicht, was Cathleen hier wieder angeschleppt hat. Sie war in der letzten Woche so krank mit starkem Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen. Und jetzt habe ich es voll abbekommen!

16:15
»Ach Menno. So ein Pech aber auch. Hatte gehofft, dass es Dir schon besser geht. Schade! Na, dann gute Besserung und melde Dich, wenn Du wieder fit bist. Kuss an mein Patenkind, die ich übrigens auch schon gefühlt ewig nicht mehr gesehen habe

16:17
»Sorry. War so viel los! Holen wir bald nach! Versprochen«
Das hieß, dass es Eve echt schlecht gehen musste. Normalerweise hätte Isabell sich einen dummen Kommentar hierzu anhören dürfen.
»Und was mach ich jetzt so alleine? Was bestellen oder Dinner for One kochen?«, überlegte Isabell.



