Die Rache des Inquisitors

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»Genug«, unterbrach Thomas. »Die Anschuldigungen sind ausreichend. Ihr dürft Euch zurückziehen.«
Vater Liborius nickte untertänig und verließ den Versammlungssaal. Seine Augen waren starr auf den Ausgang gerichtet, sein Gesicht wie eingefroren. Er ging, als wäre er in kurzer Zeit um Jahre gealtert.
Es war still geworden. Das Weinen war verstummt. In den Augen der Zuschauer stand die Angst, und keiner sah die Inquisitoren an. Nur Klara konnte den Blick nicht abwenden.
Der Priester namens Thomas war noch jung, nicht viel älter als sie. Seine Gesichtszüge waren weich, und er hatte kaum Bartwuchs. Einzig seine Augen, die sich bei der Befragung ab und an verengten und dann vor Zorn glitzerten, machten aus ihm einen hassenswerten Mann. Er und der blinde Priester besprachen sich leise. Der junge Mann nickte immer wieder, als er den Worten des Älteren lauschte. Dann setzte er sich, während sich Baselius von seinem Stuhl erhob.
»Die Anschuldigungen gegen Agnes Barand sind schwerwiegend und zahlreich. Wir werden uns zurückziehen und um den Beistand Gottes bitten. Das Urteil gegen die Beschuldigte wird morgen früh verkündet.«
Baselius drehte sich um und verließ den Versammlungssaal. Thomas fasste ihn an seinem Arm und führte ihn sicher zur Tür hinaus. Zwei Soldaten aus ihrer Garde folgten ihnen.
Klara sah Agnes an, die noch immer zusammengekrümmt dastand. Dann hob die alte Frau den Kopf und erwiderte ihren Blick. Sie lächelte ihre Schülerin an. In ihre Augen waren der Glanz und die Stärke zurückgekehrt, die Klara an ihr immer so geschätzt hatte. Dann wandte Agnes ihren Blick zu Markus. Für einen Moment schienen sie und ihr Onkel eine Art stumme Übereinkunft zu treffen. Markus nickte leicht, nahm Klara am Arm und zog sie aus dem Versammlungssaal.
Klara wehrte sich nicht und ging mit ihrem Onkel hinaus. Das Letzte, was sie von Agnes sah, waren die Soldaten, die ihr die Augen verbanden und sie durch den Hinterausgang nach draußen führten.
Agnes lag auf dem Boden der Zelle. Ihr Kopf war in das schmutzige Stroh gebettet. Sie versuchte, die Schmerzen ihrer Brandwunden und ihrer gebrochenen Knochen zu ignorieren. Ihre Kehle war trocken, und sie sehnte sich nach einem Schluck Wasser. Sie roch den Wind, der durch das vergitterte Fenster wehte und den Geruch der Bäume mit sich brachte. Der Wald war immer ihr Zuhause gewesen. Wann immer sie Sorgen gehabt hatte, war sie durch seine verborgenen Wege gewandert, hatte den lehmigen Boden unter ihren Füßen gespürt und dem Rauschen der Blätter im Wind gelauscht. An warmen Sommertagen hatte sie sich an einen großen Stamm gelehnt, ihre Augen geschlossen und sich in die Geborgenheit der Bäume hinabgleiten lassen.
Es war kein Leben, wie sie es sich als Kind vorgestellt hatte, und doch war sie zufrieden. Wenn sie auch in vielen dunklen Tagen der Verzweiflung nahe gewesen war, so hatten die glücklichen Tage überwogen. Sie hätte sich gewünscht, noch einmal ihr Heim zu sehen, die Wärme des Kamins an ihren Füßen zu spüren und ihrer Hütte Lebewohl zu sagen, doch Agnes wusste, dass dies niemals geschehen würde.
Sie versuchte, ihre gefesselten Hände zu falten, aber mit den gebrochenen Fingern war das nicht möglich. Eine Binde war über ihre Augen gezogen, und doch schloss sie die Augen, wie immer, wenn sie zu Gott betete. An diesem Tag waren die Worte in ihrem Geist andere. Heute dankte sie ihm nicht für einen weiteren Sonnenaufgang und bat nicht um Verzeihung für Verfehlungen, heute beschwor sie Gott um Kraft. Sie flehte um die Stärke, dem Tod mit Würde entgegentreten zu können. In ihren Worten war kein Hass, kein Zorn auf die Menschen, die ihr das angetan hatten, oder auf die Henker, die ihr Leben rauben würden. Das Urteil war noch nicht gesprochen, doch sie war sich ihres Endes sicher. Sie wollte ihre letzten Gedanken nur mit Liebe erfüllen.
Noch einmal atmete sie den Duft des Waldes ein und beendete ihr Gebet. Sie fühlte eine schwere Müdigkeit, die sich ihres Körpers bemächtigte. Bevor sie in den gnädigen Schlaf hinabsank, wandten sich ihre Gedanken Klara zu, der jungen Frau, die so stark sein wollte, aber noch so wenig über die Welt außerhalb Reheims und deren dunkle Abgründe wusste. Vielleicht hatte sie wenigstens diesen unschuldigen Geist bewahren können.
Klara erwachte zum dritten Mal in dieser Nacht. Nachdem sie von der Versammlung zurückgekehrt waren, hatte sie bis zum Abend geweint. Ihr Onkel hatte ihr einen Tee aufgebrüht, von dem sie schnell müde geworden war. Doch die Schrecknisse des Tages ließen ihr keine Ruhe und suchten sie in ihren Träumen heim. Immer wieder sah sie Agnes, wie sie gefoltert und nackt vor der Versammlung stand. Dann wachte sie zitternd auf und hoffte, dass dies alles nur ein schlechter Traum gewesen war. Doch dann kamen die Erinnerungen an den Prozess, die Inquisitoren und die Befragung.
Nachdem sie ein drittes Mal hochgeschreckt war, sah sie aus dem Fenster in die dunkle Nacht. Sie war noch immer müde, aber sie fürchtete sich davor, einzuschlafen und den Prozess in ihren Träumen wieder und wieder erleben zu müssen. Schläfrig stand sie auf, zog eine Decke um ihre Schultern und begab sich zum Fenster. Ihr Blick wurde von einer Bewegung angehalten. Zwei Personen standen vor dem Haus. Eine davon war ihr Onkel. Seine große, massige Gestalt und seine etwas gebeugte Haltung machten ihn unverkennbar.
Der Mann neben ihm war kleiner und schmaler. Er trug einen weiten Mantel, und ein breiter Hut verdeckte sein Gesicht. Der Silhouette nach hatte er wohl einen buschigen Bart, aber es war zu dunkel, um mehr zu erkennen. Ihr Onkel schien mit seinem Besucher etwas zu besprechen. Kaum einer von ihnen machte eine Geste, aber ihre Köpfe waren dicht beieinander, als wären die Worte für niemand anderen bestimmt.
Klara drehte sich kurz vom Fenster weg und zog einen Schemel zu sich, um besser an die Schließe des Fensters zu kommen. Sie stellte sich auf den Tritt und griff nach dem Riegel, doch als sie wieder aus dem Fenster blickte, waren ihr Onkel und die fremde Gestalt verschwunden. Sie lauschte, ob die Tür aufging oder eine Diele knarrte, aber alles blieb ruhig.
Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Wahrscheinlich hatte sie sich das nur eingebildet. Erst jetzt schien ihr die Kälte der Nacht bewusst zu werden. Sie zog die Decke enger um ihre Schultern und ging zu Bett. Noch während sie über diese seltsame Begegnung nachdachte, schlief sie ein.
»Warum seid ihr so ungeduldig?«, fragte Baselius, zu Thomas gewandt.
»Ich bewundere Eure Sorgfalt«, antwortete Thomas zögerlich, »aber ich verstehe nicht, warum wir nicht schon jetzt das Urteil sprechen. Eine Dorfbewohnerin und der Priester von Reheim haben sie schwer belastet. Die Angeklagte hat nicht abgeschworen, und das kann nur den Tod auf dem Scheiterhaufen bedeuten.«
»Ein müder Geist kann kein Recht sprechen«, versuchte Baselius zu erklären. »Ich möchte, bevor ich ein Urteil fälle, noch einmal den Rat und die Hilfe Gottes erbitten. Ich danke Euch für Eure Unterstützung, aber ich bitte Euch, mich jetzt allein zu lassen. Wir werden morgen früh weitersprechen und dann eine Entscheidung treffen.«
Thomas stand auf. »Sehr wohl, Prior. Gute Nacht.«
Baselius wartete, bis die Tür sich geschlossen hatte. Er rieb sich müde übers Gesicht und atmete ruhig aus. Dann ließ er sich auf die Knie nieder und bekreuzigte sich. Er verstand den Einwand des jungen Mannes. Sie hatten die der Ketzerei verdächtigte Agnes Barand zu den Vorwürfen verhört, eine Zeugin vernommen und sogar den Priester von Reheim befragt. Was auch immer die alte Frau in der Vergangenheit für die Bürger dieses Dorfes getan hatte, die Anschuldigungen waren schwerwiegend. Sie hatte sich selbst unter der peinlichen Befragung geweigert, ihre Schuld einzugestehen, was sie in seinen Augen noch verdächtiger machte. Nur ein vom Teufel besessener Körper konnte solche Schmerzen ertragen. Es schien nur folgerichtig, sogleich den Tod auf dem Scheiterhaufen anzuordnen, aber er würde dieses Urteil nicht ohne Gottes Rat treffen.
Baselius faltete die Hände und suchte die Einkehr im Gebet. Vielleicht hatte er etwas übersehen, daher hoffte er, dass die Ruhe des Gebets ihm helfen würde, seine Urteilskraft zu stärken.
Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen in das Zimmer. Klara öffnete müde die Augen. Als sie sah, wie hell es in ihrer Stube war, zog sie ihre Decke weg und sprang aus dem Bett. Sie lief nach unten und machte sich auf die Suche nach ihrem Onkel. Unten angekommen, sah sie Markus mit einem Stapel Holz zur Tür hereinkommen. Als er Klara erblickte, lächelte er. Polternd legte er das Holz neben den Kamin und fachte das Feuer an.
»Wie hast du geschlafen?«, fragte er, während er ein Holzscheit auf die Glut legte.
Klara schüttelte nur den Kopf und ging zu einem Eimer in der Ecke des Raumes. Sie nahm eine Holzkelle zur Hand und trank einen Schluck Wasser.
»Ich bin gleich so weit«, sagte sie müde. »Ich ziehe mich schnell an, und dann können wir zur Versammlung.«
»Wenigstens da habe ich eine gute Nachricht«, sagte Markus lächelnd und wandte sich wieder dem Kamin zu. »Die Urteilsverkündung wurde verschoben. Ein Freund von mir ist heute Morgen zu mir gekommen und hat mir die Neuigkeit mitgeteilt. Anscheinend haben sich die Inquisitoren noch nicht entschieden, ob sie den Zeugenaussagen glauben sollen.«
Für einen Moment fasste Klara wieder Mut. Sie hatte geglaubt, dass das Todesurteil über Agnes schon gesprochen war.
»Glaubst du, es gibt noch Hoffnung für Agnes?«, fragte sie hoffnungsvoll.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Markus und stand vom Kamin auf. Dann nahm er Klara in seine kräftigen Arme und drückte sie fest an sich.
»Lass uns das Vieh versorgen«, sagte er und ließ Klara los. Er nahm einen großen Weidenkorb. Klara griff nach dem Eimer mit Hühnerfutter und folgte nur einen Schritt dahinter. Ein Lächeln war in ihr Gesicht zurückgekehrt, und sie machte sich an die Arbeit.
Agnes’ Zelle war dunkel und zugig. Nur am frühen Morgen gab es eine kurze Zeit, in der das Licht seinen Weg hineinfand. Ihre Augen waren noch immer verbunden, aber selbst durch das Tuch konnte sie die veränderte Helligkeit wahrnehmen, als sie aufwachte.
Sie war froh, dass diese Nacht endlich vorbei war. Was immer die Inquisitoren mit ihr vorhatten, es konnte kaum schlimmer sein, als gefesselt mit gebrochenen Knochen in einer kalten Zelle zu liegen. Sie versuchte, sich ein wenig aufzurichten, aber ein scharfer Schmerz fuhr in ihre Schulter, daher begab sie sich in ihre alte Position zurück.
Ihre Kehle war ausgetrocknet und ihre Zunge angeschwollen. Ihr Bauch schmerzte vor Hunger, und ihr Körper zitterte. Für einen Moment drohte sie sich der Verzweiflung über ihre Lage hinzugeben. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie begann zu weinen. Doch mehr als vor Schmerzen und vor dem Tod fürchtete sie sich vor der Angst, der lähmenden Furcht, die einem den Verstand raubt. Sie atmete tief durch und versuchte, an die schönen Momente in ihrem Leben zu denken.
Als ihre Zelle geöffnet wurde, war Agnes im Herzen längst weit, weit weg. Sie zogen sie auf die Beine und führten sie vor das Gefängnis. Der Wind streichelte sanft ihre Wange, als wollte er ihr Mut zusprechen und die Leiden der vergangenen Tage mildern. Er brachte den erdigen Geruch des Waldes mit sich, von dem Ort, der so lange ihre Heimat gewesen war.
Es war Mittag, als Klara von ihrer Arbeit ins Haus zurückkehrte. Sie war noch immer wie betäubt. Klara hatte gehofft, bei der Arbeit das Erlebte zumindest für kurze Zeit vergessen zu können, aber das Bild der gefolterten Agnes wich nicht mehr aus ihrem Kopf. Warum hatte man sie nur so gequält? Welcher unvorstellbaren Taten hatte man sie verdächtigt, dass man sie so behandelte?
Klara hängte ihren Umhang an einen Haken und stellte den Korb mit Futter auf den Boden. Früher hatte sie sich gerne um die Tiere gekümmert, aber auch ihre Nähe hatte ihr heute keinen Trost schenken können. Die Angst vor der kommenden Verhandlung ließ sie keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Sie öffnete die Tür zur Kammer, um etwas Brot herauszuholen, aber als sie den sanften Duft der Kamille roch, die sie dort zum Trocknen aufgehängt hatte, suchten sie die Erinnerungen an die unbeschwerte Zeit in Agnes’ Hütte heim. Klara schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, ihre Tränen zu bändigen. Sie weinte um ihre Mentorin, die gefoltert und allein in einer kalten Zelle lag und einem grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen entgegensah.
Ein Poltern am Eingang ließ sie aufschrecken. Markus war von der Arbeit gekommen. Er stellte eine große Schaufel an die Wand und rieb sich vergnügt die Hände, als freute er sich auf das Essen. Klara griff nach einem Brot und einem Käse und beeilte sich, an den Tisch zu kommen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, als sie sich setzten. Markus schnitt zwei Stück Käse und zwei große Brotscheiben ab. Ohne ein weiteres Wort begannen sie zu essen. Klara biss nur wenig von ihrem Käse ab und schaute dann ihrem Onkel beim Essen zu. Wie immer vergaß er alles um sich herum und schlang das Brot hungrig hinunter.
Klara lächelte, aber die Angst um Agnes war noch immer da. Am liebsten wäre sie sofort losgelaufen, um sie in ihrer Zelle aufzusuchen, doch sie wusste, dass die Gefangene keinen Besuch empfangen durfte. Auch fürchtete sie sich davor, Agnes ein weiteres Mal in solch einem furchtbaren Zustand wie gestern sehen zu müssen. Sie war so sehr in dunkle Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie ihr Onkel aufhörte zu essen.
»Was ist mit dir, Klara?«, fragte er.
Klara erwachte wie aus einer Trance und sah Markus überrascht an. Sie schüttelte den Kopf.
»Ich glaube nicht, dass die Versammlung ein gutes Ende nimmt.« Sie sah ihm in die Augen. »Du kennst die Inquisition doch. Gibt es nichts, was wir für Agnes tun können?«
Markus stand auf und drehte sich zum Fenster. Dort hinter dem kleinen Hügel, ein Stück durch den Wald, war Reheim. Klara hatte das Gefühl, er suchte die richtigen Worte.
»Für eine junge Frau wie dich ist es schwierig, das alles zu verstehen. Ich werde mir aber Mühe geben, es zu erklären.« Markus ging zum Tisch zurück und setzte sich. Er faltete die Hände und mied ihren Blick. »Die Inquisition fühlt sich von Gott berufen, ihre Arbeit zu vollziehen. Aus diesem Grund können sich Inquisitoren also nicht irren. Ihrer Meinung nach wenigstens. Wohin sie auch immer kommen, sie werden eine arme Seele finden, der sie Ketzerei vorwerfen können, auch wenn sie unschuldig ist. Hierbei geht es nicht allein um Glauben und Unglauben, es ist eine Frage der Macht.
Menschen lieben es, Macht auszuüben. Es verleiht ihnen ein Gefühl der Stärke und der Bedeutung. Und was könnte größer sein als die Macht über das Leben? Jeder Mensch, der einmal von diesem Trank gekostet hat, wird ihn nie wieder hergeben. Keine Frau kann dir mehr Wonne bereiten, und kein Bier wird dich je in einen größeren Rausch fallen lassen.«
Markus seufzte. »Als die Inquisitoren nach Reheim kamen, war das Urteil über Agnes im Grunde schon gesprochen. Eine allein lebende Frau wie sie, erfahren mit dem Behandeln von Krankheiten und dem Lindern von Schmerzen, ist das perfekte Opfer für die Inquisitoren. Wenn es nicht Agnes gewesen wäre, so hätten sie sich jemanden anderen aus dem Dorf genommen. Sie wären niemals weitergezogen, ohne einen von uns der Ketzerei zu überführen.
Agnes fühlte genauso. Sie ist alt, hat ihr Leben gelebt und muss keine Kinder versorgen. Auch sie ist nicht unsterblich, und so findet sie Trost in dem Gedanken, dass nicht du oder ein anderer Mensch, der ihr am Herzen liegt, sterben muss.«
Markus blickte auf und sah in das tränenüberströmte Gesicht von Klara. »Sie opfert sich für uns, Klara, und das Einzige, was sie in diesen dunklen Stunden mit Zufriedenheit erfüllt, ist das Wissen, dass sie dich und andere vor den Schrecken der Inquisition bewahrt hat.«
Klara stand auf. Plötzlich verstand sie. Sie wusste, was Agnes und ihr Onkel in stiller Eintracht vereinbart haben mussten. Sie konnte die Worte fast hören. Jetzt begriff sie auch Vater Liborius’ Verzweiflung und warum er Agnes der Hexerei bezichtigt hatte.
Hastig rannte sie hinaus. Ihr Onkel schien ihr noch etwas nachzurufen, doch sie hörte seine Worte nicht. Sie lief in den Wald und betrat den Weg nach Reheim. Es schien ihr wie eine Ewigkeit vorzukommen, bis sie das erste Haus des Dorfes erreicht hatte.
Als sie den Rauch roch, wollte die Verzweiflung sie überwältigen. Sie bog um eine letzte Ecke und erreichte den Marktplatz. Die Bürger standen dicht gedrängt um ein großes Feuer. Die Flammen stiegen meterhoch in den Himmel. In der Mitte, noch immer an einen Pfahl gebunden, hing ein verkohlter Leichnam. Der Mund war wie von stummem Schreien verzerrt gen Himmel gerichtet.
Klara sank auf die Knie. Sie barg ihr Gesicht in den Händen und krümmte sich wie unter Schmerzen auf dem Boden. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle. Es war zu spät.
Baselius stand am Rand des Marktplatzes und hatte seine blinden Augen geschlossen. Er spürte den heißen Schein des Feuers und genoss die Wärme. Sie beruhigte ihn. Er hatte seine Arbeit getan und wieder eine Sünderin dem Herrn zugeführt. Das reinigende Feuer hatte alles Verderbte aus dem Körper herausgewaschen, sodass die Seele in das Himmelsreich aufsteigen konnte.
Der Prior war müde. Die Befragung der Hexe war mühsam gewesen und hatte ihm nur wenig Schlaf beschert. In Momenten wie diesen wünschte er sich in die Ruhe seines Klosters zurück, einzig mit der Anbetung Gottes beschäftigt, umgeben von seinen Brüdern. Doch er wusste um die immer größer werdende Gefahr der Ketzerei, des Unglaubens und der Hexenkunde. Die Sünden der Menschen hatten zugenommen. In seinen ersten Tagen als Inquisitor hatte er es mit einer kleinen Menge an Fanatikern zu tun gehabt, die offen die Kirche verachteten und Gott verspotteten. Doch Jahr für Jahr wurden die Häresien mehr und die Tarnungen der Ketzer raffinierter. Waren es anfänglich noch Bettler, Diebe und Halsabschneider gewesen, die sich Gottes Wort widersetzt hatten, so überführten sie nun immer mehr Gelehrte, Wohlhabende und Adlige, die sich gegen die Kirche wandten. Die falschen Lehren breiteten sich von den Städten in die Dörfer aus. Er durfte noch nicht ruhen. Das Kloster musste noch warten.
Die Wärme der Flammen wurde weniger. Baselius hob seine Hand und spürte kurz darauf den Arm von Thomas auf seinem liegen. Der junge Mann führte ihn zurück zu seinem Zimmer. Vielleicht konnte er noch etwas Schlaf bekommen, bevor sie abreisten.
Klara nahm nichts mehr wahr. Sie lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Weder der kalte Stein noch die Wärme des Feuers drangen bis zu ihr durch. Sie hörte Stimmen um sie herum. Irgendjemand fasste sie an der Schulter und richtete sie auf. Ein großer Mann sah ihr in die Augen. Sie kannte das Gesicht, konnte ihm aber keinen Namen geben. Klara wollte sich wieder hinlegen, doch der Mann nahm sie in den Arm und führte sie vom Marktplatz weg. Die Wärme wurde weniger, und der Geruch des Feuers ließ nach. Ohne zu denken, setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie liefen durch den Wald, einen Weg entlang bis zu einem Haus. Das Gebäude weckte für einen Augenblick Erinnerungen in ihr, doch wie ein Hauch in der kalten Luft waren sie bald verschwunden.
Klara ließ sich eine Treppe hinaufführen, in ein Zimmer, dessen Geruch sie kannte. Ein Bett stand vor einem kleinen Fenster, in das das Licht des Tages hineinfiel. Sie legte sich gehorsam hinein. Der Mann zog ihr die Schuhe aus und breitete eine Decke über sie.
Er redete mit ihr, schien sie etwas zu fragen, aber die Geräusche ergaben keinen Sinn. Klara blieb regungslos in ihrem Bett liegen und starrte die kahle Decke an. Als die Nacht hereingebrochen war, standen ihre Augen immer noch offen. Nur ab und zu lief eine Träne ihre Wange hinunter, als wäre dies das einzige Lebenszeichen, zu dem sie noch fähig war.
Markus saß neben Klaras Bett und blickte seine Nichte mit sorgenvollen Augen an. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte er versucht, ihr ein Freund zu sein, und über ihr Leben gewacht. Heute fühlte er sich hilflos wie selten zuvor. In Momenten wie diesen hatte er sich immer an Agnes gewandt und sie um Rat gebeten, aber Klaras weise Freundin war tot.
Er blickte in die reglosen Augen der jungen Frau. Er hatte sie nie Tochter genannt, und doch wusste er, dass sie einen Platz in seinem Herzen einnahm, der dem eines leiblichen Kindes gleichkam.
Markus schloss die Augen und versuchte, ruhiger zu werden. Er spürte den Zorn in sich aufwallen und wusste, dass er ihm nicht nachgeben durfte. Unten, zwischen den Holzscheiten, lag sein altes Schwert. Mit dem scharfen Eisen, das hier so unschuldig in ein dunkles Tuch eingeschlagen ruhte, hatte er schon viele Leben beendet. Der Mord an einem Mann der Kirche schreckte ihn nicht. Seine Seele war schon längst verdammt.
Dann öffnete er die Augen und blickte auf die zierliche Gestalt im Bett. Nach dem Tod von Agnes war er der Einzige, der noch für Klara da war. Er öffnete seine geballte Faust und versuchte, seine Wut zu vergessen. Egal, was passierte, er würde sie nicht allein lassen.
Baselius saß am Fenster seines Zimmers und spürte die Kühle der kommenden Nacht. Er hörte, wie die Soldaten die Überreste des Scheiterhaufens und der Toten wegschafften. Sie würden vor die Stadt fahren und sie in einem Loch verscharren. Sie warteten immer bis zur Nacht, damit der verbrannte Ketzer den Tag über noch als Warnung für andere Gotteslästerer stehen bleiben konnte. Der Prior sank auf die Knie und faltete die Hände. Bevor er zu Bett ging, wollte er noch die Ruhe des Gebets suchen.
Es war still in Reheim. Mit der einbrechenden Dunkelheit schliefen die meisten Bürger schon, da sie den ganzen Tag auf dem Feld verbracht oder ihr Vieh versorgt hatten. Nur für die Hinrichtung von Agnes hatten sie ihre Arbeit unterbrochen. Doch die Stille in dieser Nacht war anders als sonst. Ein Fremder hätte wohl keinen Unterschied bemerkt, wäre er durch die Gassen des Dorfes gewandert. Aber hinter den geschlossenen Läden wälzten sich die Bürger unruhig in den Betten. Die Idylle war zerstört. Die unbarmherzige Hand der Inquisition hatte sie erreicht und würde Reheim für immer verändert zurücklassen.
Friedrich Birsch lag in seinem Bett und starrte müde an die Decke. Der Tag brach bald an, doch Friedrich wusste, dass ihm die Strahlen der Sonne keine Freude bereiten würden. Das erste Mal in seinem Leben hatte er gespürt, wie schwach und hilflos er gegen die Autorität der Kirche war. Seit vielen Jahrzehnten war er ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft von Reheim. Seine Stimme hatte Gewicht, und sein Rat wurde gehört, aber in den letzten Tagen hatte man vor seinen Augen eine Frau aus dem Dorf verhaftet, gefoltert und für eine Tat verurteilt, die sie nicht begangen hatte. Als Agnes’ Schreie das Flackern der Flammen übertönt hatten, war ihm die Macht der Inquisition bewusst geworden. Von da an hatte er den Schauergeschichten geglaubt, die die fahrenden Händler erzählten. Mit diesem Gefühl der Hilflosigkeit war die Angst gekommen. Die Furcht, ein ähnliches Schicksal zu erleiden, selbst Opfer der Willkür und der Folter zu werden und ein grausames Ende im Feuer zu finden. In diesem Moment hatte Friedrich verstanden, dass all seine Mühen, mit der Inquisition zu reden, vergebens waren. Nichts, was er hätte sagen können, hätte Agnes vor dem Feuertod bewahrt, und trotzdem fühlte er sich schlecht. Er schämte sich für den Gedanken, froh zu sein, dass Agnes dieses Schicksal ereilt hatte und nicht ihn oder jemanden aus seiner Familie. Für einen Moment dankte er dem Herrn, dass er nur Zuschauer gewesen war und dass nicht andere sein Sterben hatten mit ansehen müssen. Es war eine dunkle Nacht, und die Furcht in seiner Seele ließ ihn fast verrückt werden. Verzweifelt drehte sich Friedrich auf die Seite und legte den Arm um seine Frau. Er spürte den Schlag ihres Herzens und lauschte dem leisen Geräusch ihres Atems. Er schloss die Augen und flehte den Herrn um ein Ende dieses Schreckens an.
Normalerweise machte Johanna ihre Arbeit gerne. Sie war für die Sauberkeit der Versammlungshalle zuständig und pflegte die wenigen Blumen am Marktplatz. Sie erhielt dafür nicht viel Geld vom Stadtrat, gab aber keinen Laut der Unzufriedenheit von sich. Jeden Morgen begann sie schon vor Sonnenaufgang mit ihrem Tagewerk. Sie liebte den anbrechenden Morgen, wenn die Gassen des Dorfes noch leer waren und die Sonne zaghaft die ersten Strahlen über den kleinen Hügel schickte. Doch mit der Inquisition hatte Reheim seine stille Unschuld verloren. Jetzt schlich Johanna durch die Straßen, und mit jedem Schritt fürchtete sie sich davor, einem Soldaten zu begegnen. Die Lampe in ihrer Hand war fast vollständig abgedunkelt. Sie beleuchtete nur ein kurzes Stück des Weges. Nach Agnes’ Feuertod hätte sie sich am liebsten zu Hause eingeschlossen. Doch seit ihr Mann gestorben war, brauchte sie das wenige Geld, das sie bei dieser Arbeit verdiente.



