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Und da sind wir auch schon bei der Studie, die du erwähnt hast. Dass junge Frauen alte reiche Männer mögen und umgekehrt. Diese Studie ist mir auch begegnet, und ich habe mich sehr darüber geärgert. Weil die Ergebnisse verkürzt dargestellt werden und weil wieder einmal mehr die Evolutionstheorie genötigt wird, um sexistische Strukturen zu verargumentieren. Dabei ist die Evolution hier das völlig falsche Gerät.
Vielmehr müsste man die Ergebnisse der Studie in Kontext setzen. Eine wichtige Information in diesem Zusammenhang wäre etwa, dass es weltweit einfach viel mehr reiche Männer als Frauen gibt. Männer sind durchschnittlich sogar doppelt so reich wie Frauen, das belegen unzählige Studien. Nicht nur haben die Männer mehr Geld, sondern auch mehr Macht. Von 193 Staaten sind nur bei gerade mal 15 Frauen an der Spitze. Weiter werden Frauen von klein auf nach Äußerlichkeiten beurteilt, erotisches Kapital wird ihnen als Ressource zugeschrieben. Die junge schöne Frau als Statussymbol.
Frauen haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer, werden schon ganz anders sozialisiert. Und hier liegt doch der Hase im Pfeffer! Vor diesem Hintergrund müssten wir solche Studien anschauen. Aber das wäre halt auch ungemütlich. Denn es hieße, dass wir anerkennen, dass wir in einer strukturell ungleichen Gesellschaft leben. Und es hieße auch, dass vor allem die Männer über ihre Privilegien nachdenken und sich ihrer bewusst werden müssten.
Hm, lieber nicht. Lieber mal wieder mit der Evolutionstheorie anschwirren. Mammut, Höhle, Beeren, war halt schon immer so, kann man nichts machen.
So, fertig Studienpamphlet. Zum Schluss will ich dir noch in zwei Punkten recht geben. Erstens stimme ich völlig zu, dass wir Jungen in Beziehungsformen freier sind, als ihr es wart. Und darüber bin ich sehr froh.
Und mit noch was hast du völlig recht: Ob ein Prinz in Aussicht ist, das ist tatsächlich eine unverschämte Frage. Darum gebe ich sie zurück und frage: Wieso Prinz? Wieso nicht Prinzessin? Ist die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind das Einzige, was ihr Alten euch vorstellen könnt? Hättest du diese Frage auch einem Mann gestellt?
Samantha
Sind denn nicht wir Alten die Eheveredler?
#7 Liebe Samantha
Meine Frage, ob bei dir ein Prinz in Sicht sei, kommt bei dir mäßig lustig an. Sie war ironisch gestellt, dennoch hast du recht, sie verrät auch, wie der Absender tickt. Wieso nicht Prinzessin?, gibst du zurück und hältst mich in Sachen Ehe und Partnerschaft wohl für vernagelt, fixiert auf Hetero. Jedenfalls schiebst du die Frage nach, ob die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind das Einzige sei, was wir Alten uns vorstellen können.
Also vorstellen konnten wir uns immer allerlei. Schon meine Mutter stellte sich ihr Leben ganz anders vor. Sie träumte vom eigenen Schneider-Atelier. Stattdessen kriegte sie sechs Kinder, einen Haushalt ohne Heizung, Waschmaschine, Warmwasser. Eine Ausbildung hatten ihre Eltern verwehrt. Was blieb? Mann und Kinder. Anders war real nicht zu existieren, es kam mit der Zeit sogar recht gut heraus – wenngleich komplett gegen ihre Vorstellung.
So ging es vielen auch meiner Generation. Das Leben war kein Wunschkonzert. Selbstverwirklichung stand weit unten im Programm, wir hatten genug zu tun, im Leben Fuß zu fassen, ökonomisch zu bestehen. Institutionen wie die Ehe dienten als Stützen, sie schützten vor unstetem Wandel, Ruin, Elend. Scheidungen leisteten sich vielleicht Reiche. Alleinerziehen lag ökonomisch nicht drin. Die Kirche gab den Segen, Regie führte die Ökonomie.
Und doch – was haben wir seither die Ehe entschlackt! Eigentlich müssten alle, denen die traditionelle Kernfamilie Erstickungsgefühle auslöst, uns Alten um den Hals fallen. Wir zogen ihr die Zwangsjacken aus, lösten sie aus ihrer existenziellen Notwendigkeit, entkoppelten sie nach und nach von sozialen und moralischen Konventionen. Ehe und Kirche – vorbei. Ehe und Mitgift – war einmal. Ehe und Männervorrechte – Schluss jetzt. Ehe und Kinder – nach Wunsch. Ehe und lebenslange Monogamie – überholt. Ehe und Sex – fakultativ. Gerade fällt die letzte Verbindung: Ehe und heterogene Geschlechter.
Auch wenn die »Ehe für alle« kaum unser dringendstes Anliegen ist: Die historische Rolle als Eheveredler gehört uns. Nach und nach entkalkten wir sie, bis heute bleibt, was die meisten erstreben: das Glück einer dauerhaften Beziehung – frei von konventionellen Anpassungshürden. Wie lebt ihr Jungen mit der Freiheit? Macht sie auch Druck? Ich lese: »Bindungskrise«. Erzeugt Freiheit Erwartungsdruck? Ein 28-Jähriger erzählt, er habe ungezählte Beziehungen hinter sich, dito Trennungen, jedesmal ein Schlag fürs Ego, verletztes Selbstwertgefühl, Beziehungsüberdruss. Hatte ich es am Ende leichter? Beziehungen waren für mich mehr Schicksal als Absicht und Plan. Mit dem Schicksal muss man zusammenarbeiten, klar, aber man braucht auch etwas Glück.
Wie es im wirklichen Leben läuft, das wirst du mir sagen.
Ludwig
Warum backen alte Männer keine Kuchen?
#8 Lieber Ludwig
Du sagst, die Rolle der Eheveredler gehört deiner Generation. Da stimme ich zu. Gleichzeitig muss ich aber auch widersprechen.
Die Eheveredelung, wie du es nennst, ist den Frauen deiner Generation zuzuschreiben. Denn die Männer hatten gar keinen Anreiz, etwas zu ändern.
Als Mann muss es sogar ziemlich cool gewesen sein, in einer klassischen Kernfamilie zu leben. Man war per Gesetz das Oberhaupt der Familie und konnte mehr oder weniger tun, was einem passte.
Die Frauen durften nicht so viel. Nur schon das mit dem Wählen und Stimmen war ja ein fürchterlicher Krampf. Appenzell Innerhoden musste gar vom Bundesgericht zum Frauenstimmrecht gezwungen werden. Letzte Woche hat sich das gejährt, es sind seither erst dreißig Jahre vergangen. Jesses.
Zurück zu den Frauen deiner Generation. Sie waren streitlustig und hartnäckig, haben damit viel erreicht. Dennoch scheint sich etwas über all die Jahre nicht geändert zu haben. In der Vorweihnachtszeit wird das besonders deutlich. Backen ist offenbar noch immer Frauensache. Warum eigentlich? Ich habe mich schon mit einigen älteren Männern darüber unterhalten. Viele von ihnen haben tatsächlich in ihrem ganzen Leben noch nie einen Kuchen gebacken.
Ich für meinen Teil bin im Moment sehr damit beschäftigt, Guetzlizutaten zu besorgen. Nicht für mich, sondern für die Großmutter. Wegen der Pandemie darf sie nicht aus dem Haus, trotzdem will die Guetzliversorgung sichergestellt werden.
Ich werde also entsandt, um Unmengen an Zutaten herbeizuschaffen. Vor allem Butter. Das bringe ich dann der Großmutter, die daheim im Reduit gegen die Pandemie anguetzlet. Und damit ist sie offenbar nicht allein.
Der Butterbedarf ist in der Schweiz derart gestiegen, dass sogar die Importkontingente erhöht werden mussten. Schon im Frühsommer alarmierte die Branchenorganisation Milch, dass es im Hinblick auf das nationale Guetzlibacken ein größeres Lager brauche. Der Bundesrat reagiert prompt, es dürfen zusätzliche 2000 Tonnen importiert werden.
Ganz ehrlich, was wollen wir mit so viel Butter? Ich hab mal eine Milchbüechlirechnung gemacht. Geht man von einem durchschnittlichen Kalorienbedarf aus, kann man mit 2000 Tonnen Butter fast acht Millionen Leute einen Tag lang durchfüttern. Das ist fast die ganze Schweiz! Und die 2000 Tonnen, das ist ja nicht mal der Gesamtbedarf. Laut dem Schweizer Bauern beträgt der jedes Jahr 43.000 Tonnen. Wer soll das alles essen?
Item. Der Bundesrat wird schon wissen, was er tut. Oder so.
Zum Schluss noch eine Frage, du ahnst es schon: Wie hast du’s mit dem Backen? Hast du schon je einen Kuchen gebacken? Warum backen alte Männer nicht?
Samantha
Ist nicht ganz gebacken, wer nicht selber backt?
#9 Liebe Samantha
Ertappt! Es geht auf meine 77. Weihnachten zu – und noch nie habe ich selber gebacken, keinen Kuchen, keine Guetzli, nichts. Massenhaft gegessen, klar. Da bin ich ein Fossil, nie wollte mir in den Kopf, was es bringen soll, wenn alle alles machen. Ich mag Arbeitsteilung. Macht jede und jeder, was sie richtig gut können, profitieren alle gegenseitig. Was ich richtig gut kann? Den Christbaum herrichten. Mache ich seit Jahrzehnten, stundenlang hänge ich ihn voll mit Kugeln, Glocken, Barockengeln, Robotern, Kerzen, bis er seine geheimnisvollen Geschichten erzählt.
Also ja: Backen = Frauensache, in meiner Generation sicher. Mit Backen lässt sich spielend assoziieren: Küche, Ofen, Wärme, Weizen, Hefe, Butter, Ei – quasi die Backstube des Lebens, traditionell typisch weiblich. Typisch für alte Männer dagegen: durch den Wald stiefeln, Tannenbaum fällen, Reh erlegen – und den Rest als Familienoberhaupt herumsitzen. Du stellst dir vor, das wäre für uns »cool« gewesen, so cool, dass wir null Anreiz verspürten, die Ehe, also die Machtverhältnisse zu modernisieren.
Hat etwas. Nur: Wer zu cool drauf, ist bald weg vom Fenster. Das »Oberhaupt« geriet in die sogenannte »Dialektik von Herr und Knecht«: Der Herr regiert, der Knecht schuftet. Ist praktisch für den Herrn, mühsam für den Knecht. Die Mühe aber lohnt sich, langfristig beherrscht der Knecht all die Techniken, die das Leben braucht und liebt. Der Herr beherrscht nur den Knecht – und auch ihn stets weniger; da er selber nichts kann, wird er komplett abhängig vom Können des Knechts. Am Ende kippt das Verhältnis – es bestimmt der Knecht, der Herr wird pensioniert, bestenfalls.
Kippt auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau? Weil der Mann zu cool war, nicht backen wollte? Heute backen Buben, aber reicht das? Die Frau hat Vorsprung, sagen Hirnforscher: Das Corpus callosum, der kleine feine Steg zwischen den beiden Hemisphären unseres Hirns, sei bei Frauen auffällig dicker. Das heißt leitfähiger, es läuft mehr hin und her, zwischen rationalen und emotionalen Kräften, zwischen Analyse und Inspiration, zwischen Geradeaus und Abschweifung.
Kurz: Frauen switchen besser. Im 21. Jahrhundert matchentscheidend. Da wird alles derart komplex, dass cooler Verstand nicht mehr hinreicht, jetzt brauchen wir ein situatives Gespür fürs Zufällige, Unberechenbare. Mit dem Unberechenbaren aber – Kinder! Kunst! Kuchen! – haben Frauen mehr Übung, sind besser trainiert im kreativen Handeln. Inzwischen mehrheitlich auch besser ausgebildet. Warum übernehmt ihr nicht einfach?
Weißt du, was ich glaube? Ihr seid zu schlau, ihr hütet euch vor der Rolle als Oberhaupt. Ihr wisst, was blüht. Siehe Landesmuseum, aktuelle Schau: »Der erschöpfte Mann«.
Ludwig
Die Männerquote
#10 Lieber Ludwig
Hab ich’s mir gedacht mit dem Backen. Ich muss zwar zugeben, ich bin auch keine große Bäckerin. Backen macht Freude, sagt vielleicht Dr. Oetker. Backen macht hässig, sage ich. Damit bin ich wohl eher generationenuntypisch. Mein Insta-Feed ist jedenfalls voller Bananenbrot und Sauerteig.
Aber nun zum eigentlichen Thema. Du glaubst, Frauen hätten mehr Fähigkeiten, die heute wichtig sind und seien mittlerweile oft besser ausgebildet.
Kann ich alles bestätigen. Woher kommt es also, dass nicht sämtliche Unternehmen von Frauen geführt werden? Dass nur noch Frauen in den Verwaltungsräten sitzen? Dass es im Bundesrat überhaupt noch Männer gibt?
Du stellst die Vermutung auf, wir seien zu schlau. Wir wollten die ganze Verantwortung gar nicht und würden uns vor der Rolle als Oberhaupt drücken. Chabis.
Es ist vielmehr so, dass die echte Chancengleichheit noch immer weit weg ist. Dass in der Berufswelt noch immer Bedingungen herrschen, die Frauen Karriere schwer machen.
Sie würden übrigens auch Männern die Karriere schwer machen, wenn nicht die Frauen üblicherweise den Löwinnenateil der Familienarbeit leisten würden. Darum sträube ich mich auch gegen den Begriff frauenfreundlich. Item. Dass Frauen einfach nicht wollen, ist jedenfalls eine faule Ausrede.
Unter dem Hashtag #ichwill ging im Herbst in Deutschland ein Video viral. Mehr als 50 Frauen aus verschiedenen Branchen forderten darin eine verbindliche Frauenquote.
Damit wollten sie Druck ausüben auf die Politik. Und sie hatten Erfolg: 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten von Unternehmen des Bundes und Vorgaben zu den Vorständen von börsenkotierten Unternehmen. Die Frauenquote ist quasi Fakt.
Und das ist gut. Denn wie weit wir mit Freiwilligkeit kommen, haben wir in den letzten 50 Jahren ja gesehen.
»Aber dann bekommt nicht mehr die Person den Job, die am besten qualifiziert ist«, sagen Kritiker. Unangenehme Überraschung: Das ist schon jetzt nicht der Fall. Wenn Menschen anhand ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe benachteiligt werden, bedeutet das automatisch einen Vorteil für alle, die der Norm entsprechen. Sprich: Weiße Männer haben Jobs nicht, weil sie am besten qualifiziert sind, sondern weil sie weiße Männer sind.
Meritokratie, die Idee, dass harte Arbeit automatisch zu Erfolg führt, ist ein Mythos. Ich denke, wir sollten über Privilegien sprechen. Das Thema ist zugegebenermaßen unangenehm. Aber ich erlebe, wie meine Generation zunehmend beginnt, sich damit zu beschäftigen. Bist du dir deiner Privilegien bewusst?
Samantha
Wie dankbar bin ich Eva, dass sie in den Apfel biss
#11 Liebe Samantha
Unser Wortwechsel rutschte Ende Jahr von Jung & Alt zu Frau & Mann. Begann mit Backen. Landete bei Verwaltungsräten. Der Generationendialog als Genderdebatte? Siehst du das so? Weil der Typ Mann retro aussieht, Typ Frau eher nach Futur? Seh ich manchmal selber so, der Spur nach. Ergo gehören mehr Frauen nicht nur ans Ruder, sondern ans Steuer, logisch. Nur dass da immer schon Männer sitzen, auch solche, die auf mirakulöse Weise Karriere machten, jedenfalls kaum dank Meriten – und sich umso hartnäckiger an ihre Privilegien krallen. Das nervt nicht nur dich, es ist jedoch menschlich, den Besitzstand wahren zu wollen, was heißt, es dauert seine Zeit.
Was ich weniger verstehe: die Fixierung auf Verwaltungsräte. Glaubst du im Ernst, dort sei die Schaltzentrale der Gesellschaft daheim? Nur als Reminder: Eine junge Frau namens Greta hat mit 18 mehr bewegt als jeder aktuelle VR-Präsident der Schweiz. Aufbruch beginnt im Kopf. Macht hat, wer die Köpfe bewegt, mit Vorstellungen, Gedanken, Bildern. Und da sind Frauen schon tüchtig vorn, in Kunst, Literatur, Film, sogar in Medien. Auch in meiner Branche, der Philosophie. Du fragst, ob ich mir meiner Privilegien als Mann bewusst sei. Gegenfrage: Meinst du, ich hätte eine Chance gegen eine junge Philosophin, sagen wir, Barbara Bleisch? Da dreht sich etwas. Mir soll es recht sein.
War ich doch schon Eva stets dankbar, dass sie in den Apfel biss und den Auszug aus dem bescheuerten Paradies provozierte. Mit Adam, fürchte ich, säßen wir noch heute drin. Aufbruchslust ist eher weiblich, Charles Darwin sah in ihr die Triebkraft der Evolution: Tierischer Sex ist meist Damenwahl, dabei setze sich die »Sehnsucht nach Variation« durch, nämlich das weibliche Verlangen nach Ästhetik, nach Verwandlung naturhafter Plumpheit durch Schönheit. Das Weibchen sucht Variation (Fantasie, Farbe, Eleganz, Wandel), das Männchen macht, was es kann; selber hat es nicht viel anderes im Kopf als Sex, dazu kommt es aber nur, wenn es sich und das Nest so luxusartig schön herrichtet, dass ein Weibchen davon begeistert ist. Siehe Pfau. Siehe Zaunkönig, der baut gleich drei Nester, eines feudaler als das andere, das Weibchen wählt – wenn überhaupt …
Was das nun bedeuten soll? Es fiel mir halt ein, wir schreiben ja Briefe, keine Leitartikel. Mit Fallen da und dort. Tappte ich grad in die Biologiefalle? Die Frau ist fürs Schöne da, der Mann für die Tatsachen? Gar nicht mein Ding. Eher interessiert mich: Sind Menschenmänner so viel bockiger gegen weibliche »Sehnsucht nach Variation«? Oder leben wir generell sehnsuchtsfreier, stets datenbasiert, also pragmatisch? Beißt auch Eva vorsichtshalber nicht mehr in den Apfel? Dann wäre es am Ende gar egal, wer im VR sitzt.
Ludwig
Ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten
#12 Lieber Ludwig
Zuerst zum Apfel. Es ist die beste Frucht überhaupt. Ich dulde keine Widerrede. Äpfel schmecken gut, sind gesund und wachsen regional. Ich liebe Äpfel sehr, habe sogar dezidierte Haltungen zu den verschiedenen Apfelsorten. Ich bin sozusagen ein wandelndes Thurgauerinnenklischee. Wenn ich nur ein bisschen netter wäre, ich bin sicher, ich wäre längst Thurgauer Apfelkönigin geworden.
Du schreibst über Eva, den Apfel und über die Erbsünde. Und da bin ich ganz deiner Meinung: Auf ewig im Paradies wäre wohl recht öde gewesen. Auszug also ein gute Sache, Freude herrscht. Um es mit den Worten von Ueli Maurer zu sagen. Oder war es Adolf Ogi? Oder doch Gilbert Gress? Keine Ahnung, ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten. Es gibt so viele von ihnen, und sie sehen einfach alle gleich aus.
Das kann man von meiner Generation sicher nicht behaupten. Wir sind überhaupt nicht alle gleich. Wir sind alle sehr besonders.
Individualismus ist in meiner Generation ein großes Thema. Wohin wir auch schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere. Das sage nicht ich, sondern Andreas Reckwitz. Er ist Soziologe und hat ein ziemlich interessantes Buch geschrieben mit dem Titel »Die Gesellschaft der Singularitäten«.
Er schreibt, wir lebten nicht mehr im industriellen, sondern im kulturellen Kapitalismus. Es gehe um die Logik des Besonderen. Erlebnisse und Güter müssten nicht mehr in erster Linie funktional sein, sondern dazu dienen, uns selbst zu definieren. Dieser Wunsch nach Besonderheit durchdringt dabei jeden Bereich unseres Lebens. Wie wir wohnen, wie wir essen, wohin wir reisen, wie wir unsere Körper, Karrieren oder Freundeskreise gestalten.
Und darin erkenne ich mich und meine Generation wieder. Wir richten unsere Wohnungen mit Vintage-Möbeln ein, züchten Sauerteig, backen veganes Bananenbrot, formen unsere Körper mit Fitness, gestalten sie mit Tätowierungen. Unsere Leben werden nicht gelebt, sie werden kuratiert. Alles mit der Intention, möglichst individuell zu sein. Das Paradox: Genau damit werden wir immer gleicher. Unseren vermeintlichen Individualismus reproduzieren wir mit den sozialen Medien sogar immer weiter und weiter und schaffen damit eine universelle globale Ästhetik.
Wir entwickeln Leidenschaften für alltägliche Güter wie Brot oder Kaffee, wie man sie eigentlich nur von Weinliebhabern kennt. Das mit dem Wein haben wir ja bereits abgehandelt, das ist Part deiner Generation. Aber ansonsten finde ich alles sehr zutreffend, fühle mich beinahe ertappt von dieser Theorie. Da bin ich definitiv Kind meiner Zeit. Sonst hätte ich wohl nicht zu Beginn einen ganzen Absatz über Äpfel geschrieben.
Was soll man davon halten? Ist es gut? Ist es schlecht? Keine Ahnung. Was denkst du?
Samantha
Was ist nun wichtiger – die Flanke oder die Frisur?
#13 Liebe Samantha
Du als wandelndes Thurgauerinnenklischee, das gefällt mir. Dann kennst du allerlei Apfelsorten, klar. Nur alte Männer kannst nicht auseinanderhalten. Weil überall so viele sitzen und alle sich gleichen, sagst du, Ogi wie Maurer wie Gress wie Hasler: die individuellen Züge abgenutzt, nur noch Gattungswesen, austauschbare Exemplare eines biologischen Auslaufmodells?
Neben deinen frischen Äpfeln (mein Favorit übrigens: Topaz, direkt aus dem Thurgau) sehen wir natürlich aus, wie wir sind, alt. Unsere Körper folgen, wie alle Materie, den Gesetzen der Schwerkraft. Ich zitiere sonst gern Albert Camus, ab 25 sei jeder Mensch selber verantwortlich für sein Gesicht. Doch erstens hatte der Mann leicht reden, er starb mit 47. Zweitens sehe ich grad an mir, das Fleisch schert sich immer weniger um meinen Formwillen. Das gleicht manche Unterschiede mit den Jahren aus, bis du überall alte Männer erblickst.
Und wenn Unterschiedlichkeit uns gar nicht interessiert? Du erzählst (mit Andreas Reckwitz) vom Drang nach Singularität in deiner Generation, vom Wunsch, etwas Besonderes zu sein, unverwechselbar, individuell. Da könnten wir uns wirklich unterscheiden. Ich glaube, wir wollten nie partout speziell sein. Wir streckten uns, pauschal gesprochen, mehr nach Zugehörigkeit als nach Singularität, statt uns abzugrenzen, passten wir uns lieber an. Konformität war uns kein Schimpfwort, auch nicht in der 68er-Phase, 68er waren und sind total konform – mit dem Gruppengeist, samt Klamotten und Umgangsformen.
Dafür landeten wir nicht gleich in der dialektischen Falle, die du skizzierst: Wo alle ganz speziell sein wollen, wird die Spezialität für alle wieder gleich. Echt gemein. Schlimmer noch: Diese Sehnsucht, selber speziell zu sein, hindert daran, etwas Spezielles zu bewirken. Schau mal in ein Fußballspiel, was fällt dir zuallererst auf? Die Frisuren! Ehrlich, ich weiß nicht, was denen wichtiger ist – die Flanke oder die Frisur. Lassen sich alle paar Tage regelrechte Kunstwerke auf den Schädel drehen. Fußballer! Virile Typen! Wollen total individuell sein – und sehen aus wie alle: wie künstlich drapierte Äffchen.
Zu meiner Zeit kannten Fußballer auch allerlei Spezialitäten, sicher keine Frisur. Beim FC Luzern spielte damals ein bulliger Typ, der Name ist mir entfallen (alter Mann, vergesslich), der hatte einen Bauch, kein Sixpack, mit dem Ball aber rannte er, als ginge es um sein Leben, er schwitzte wie ein Ross – und alle liebten ihn. Wir hielten ihn für was ganz Besonderes – weil er sich restlos verausgabte, für unsere Sache, ohne Rücksicht auf sich, samt Frisur und Figur.
Das ist menschenmögliches Glück, oder nicht? Woher dann die Sehnsucht nach Singularität?
Ludwig
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