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Eines aber ist auch so gewiß: die Einrichtung der Blutsbrüderschaft findet sich bei so weit voneinander entfernten Völkern wie etwa den Negerstämmen Äquatorialafrikas, indogermanischen Völkern im Norden und Südosten Europas sowie den Eingeborenen Süd- und Ostasiens, Völkern und Stämmen, die im Verlauf ihrer historischen Entwicklung nie miteinander in Berührung gekommen sein können; an eine Ausbreitung der Institution der Blutsbrüderschaft durch Entlehnung (wenngleich eine solche in manchen Fällen gewiß in Betracht gezogen werden muß) von einem der eben genannten Völker zu den übrigen ist bei der oben angedeuteten weltweiten Verbreitung sicherlich nicht zu denken. Ob es sich aber um eine Erbsituation (die dann auf gemeinsame Ahnen der genannten Völker zurückgehen müßte) oder aber um spontane Parallelschöpfungen handelt, wird sich mit den bisher zur Verfügung stehenden Mitteln kaum entscheiden lassen.
Sollte die so überaus weitverbreitete Einrichtung der Blutsbrüderschaft wie z. B. die in ihrer Struktur und Funktion trotz weltweiter Verbreitung verblüffend „ähnlichen“ Initiationsriten nicht vielleicht eher als eine Ausformung dessen angesehen werden können, was Adolf BASTIAN mit dem Begriff Elementargedanke17 zu erfassen versucht hatte: als Ausdruck einer allgemeinmenschlichen Grundvorstellung? BASTIANs Anregungen wurden zu seiner Zeit heftig bekämpft und fielen dann ziemlich rasch der Vergessenheit anheim. Ich halte es jedoch für unzweifelhaft, daß es sich dabei um eine Fragestellung von allergrößter Bedeutsamkeit handelt, die unmittelbar in den Bereich der Problematik der Konstitution der menschlichen Psyche führt. Verständlicherweise kann es nicht das Ziel dieser Arbeit sein, zu einer „Archetypik der menschlichen Psyche“ vorzustoßen. Die folgenden Ausführungen wollen nur Anstoß zu derartigen Überlegungen sein und – soweit dies bei einem solchen Unternehmen möglich ist – dazu ein reichhaltiges und unmittelbares Anschauungsmaterial bieten.
Die Berechtigung solcher Überlegungen wäre allerdings nur dann gegeben, wenn sich tatsächlich zeigen ließe, daß mit dem von der Völkerkunde geschaffenen Begriff wirklich überall „das selbe“ gemeint ist. Worauf beruht aber letzten Endes diese Annahme? Lassen sich denn bei derartigen räumlichen und zeitlichen Unterschieden überhaupt Vergleiche anstellen, und worin besteht die Vergleichbarkeit? Wenn wir die Institution der Blutsbrüderschaft als eine traditionelle rituelle Vermischung des Blutes der Beteiligten mit der Absicht, dadurch eine nahe Verbindung oder ein Bündnis zu stiften oder zu bekräftigen, zu definieren versuchen und alle anderen mit dem menschlichen Blut verknüpften Riten beiseite lassen, dann zeigt sich tatsächlich, daß sich Entsprechungen dieses „Modells“ in den verschiedensten Kulturen wiederfinden. Innerhalb seines Umrisses scheinen sich dem Versuch, die Elemente, aus denen es jeweils besteht, – auch wenn dieselben aus verschieden gearteten Kulturen stammen – miteinander zu vergleichen, keine grundsätzlichen Bedenken entgegenzustellen.
Nun handelt es sich aber bei der gegenwärtigen Arbeit weder um eine völkerkundliche Untersuchung der Blutsbrüderschaft mit der Absicht, eine neue Theorie derselben zu entwickeln, noch um den Versuch, eine umfassende ethnologische „Gesamttypologie“ zu erstellen, sondern um eine Arbeit, in derem Mittelpunkt die germanische Form der Blutsbrüderschaft steht und bei der das völkerkundliche Material nur um seiner Beziehungen zur Germanistik willen herangezogen wird.
Neben der bereits angedeuteten Aufgabe der Beschreibung und Erklärung der nordgermanischen Form der Blutsbrüderschaft ergibt sich als zweite Hauptaufgabe die Beantwortung der Frage, inwieweit die germanische Blutsbrüderschaft als „typisch“ angesehen werden kann: eine Fragestellung, die meines Wissens von germanistischer Seite noch nie systematisch in Angriff genommen worden ist.18 Es wird danach zu fragen sein, welche Merkmale der germanischen Blutsbrüderschaft sich auch bei anderen Völkern wiederfinden, welche sonst bekannten Züge ihr fehlen, aber auch, ob es sich dabei um Wesentliches, nicht Wegzudenkendes oder nur um Äußerlichkeiten handelt. Möglicherweise wird sich dabei zeigen, daß das eine oder andere Merkmal nur den Nordgermanen eigentümlich war, sonst aber nirgendwo wiederkehrt. Das Ergebnis dieses über die skizzierte „innergermanistische“ Fragestellung noch hinausgreifenden Problemkreises müßte in der Feststellung liegen, wieweit und inwiefern spezifisch germanische Form der Blutsbrüderschaft Teil hat an einer über die einzelnen Kulturen hinausgehenden „Ähnlichkeit“ der zu untersuchenden Institution.
„Typische“ Elemente des Verbrüderungsrituals bzw. typische Konsequenzen der Blutsbrüderschaft sind meiner Auffassung nach solche, die die Institution konstituieren, und zwar nur diejenigen, die bei mehreren genetisch nicht näher verwandten und kulturell voneinander nicht beeinflußten Völkern vorkommen.
Allerdings gibt es in diesem Sinne außer den in meinem Definitionsversuch genannten Grundtatsachen der Blutmischung und der Gemeinschaftsstiftung kein einziges Element, das überall vorkommt. Manche sind relativ selten, manche ziemlich häufig. Je häufiger ein Element in sehr verschiedenen Weltgegenden auftritt, desto „typischer“ wird man es wohl nennen dürfen, je mehr sich seine Verbreitung völliger Isoliertheit annähert, desto eher scheint die Bezeichnung „atypisch“ gerechtfertigt.
Spricht man allerdings von einem völkerkundlichen „Typus der Blutsbrüderschaft“ (etwa synonym mit „der Elementargedanke Blutsbrüderschaft“), dann gäbe es in diesem Sinne natürlich überhaupt keine „atypischen“ Elemente: denn alle Elemente, die als Teile der Blutsbrüderschaft auftreten können, wären in diesem Fall typisch. Eine immer vollständigere Sammlung des Materials würde vermutlich in allen Fällen, wo das Problem der Typik zur Entscheidung steht, immer deutlicher klären können, welche Elemente zu den typischen und welche zu den nur zufällig auftretenden in einer solchen um ihre Typik zu befragenden „Gruppe“ von Phänomenen zu rechnen sei.
Entscheidend ist der Standpunkt, den man einnimmt. Vergleicht man die konstituierenden Elemente der Institution in verschiedenen Kulturen nach typologischen Gesichtspunkten, dann werden sich typische (d. h. mehreren genetisch nicht näher verwandten und kulturell voneinander unabhängigen Völkern gemeinsame) Merkmale erkennen lassen. Sehr seltene bzw. vollständig isolierte Elemente sind von einem solchen übergeordneten, global vergleichenden Blickpunkt aus als nicht typisch (als „atypisch“) anzusprechen. Verändert man nun seinen Standpunkt und betrachtet die zu untersuchende Institution aus dem Blickwinkel desjenigen Volkes, dessen Blutsbrüderschaft in einem oder in mehreren konstituierenden Elementen atypisch ist, dann freilich ist eben dieses Abweichen von der allgemeinen Norm gerade für dieses bestimmte Volk wiederum typisch und signifikativ. Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß man nur durch einen Wechsel der Blickrichtung zu einer solchen – eben nur scheinbaren – Doppeldeutigkeit gelangt. Durch die Berücksichtigung der verschiedenartigen Blickrichtungen verschwindet dieser scheinbare Widerspruch.
Doch darf man eines nicht außer acht lassen: die Erkenntnis der jeweils für ein bestimmtes Volk oder einen bestimmten Stamm typischen Elemente ist durch die Erkenntnis der (global vergleichend gesehen) atypischen Elemente bedingt. Nur dann, wenn ich erkannt habe, was allgemein betrachtet typisch oder atypisch ist, kann ich zur Konstatierung des jeweils Besonderen, für eine bestimmte Kultur Typischen vordringen. Ohne den ersten Schritt der Feststellung von typischen bzw. nicht typischen Merkmalen ist auch der zweite, die Erkenntnis des für eine bestimmte Kultur Typischen, nicht möglich.
Die Ausgangsbasis für diesen vergleichenden Teil der Arbeit bilden völkerkundliche Beschreibungen. Zweifellos besitzen dieselben recht unterschiedlichen wissenschaftlichen Wert; manche von ihnen stammen von Forschern oder Missionaren, die Jahre oder sogar Jahrzehnte bei ein und demselben Volk gelebt haben, andere wiederum geben nur den oberflächlichen Eindruck wieder, den europäische Reisende, die sich zufälligerweise einmal gezwungen sahen, mit einem Eingeborenenhäuptling Blutsbrüderschaft zu schließen, von dieser Einrichtung gewonnen hatten.
Besonders wichtig jedoch ist es, sich den Umstand vor Augen zu halten, daß alle unsere Berichte von Außenstehenden stammen, wenn auch zum Teil von Außenstehenden, denen die Mittel der modernen Forschung zu Gebote standen. Trotzdem (um nicht zu sagen: gerade deshalb) wird ihren Augen so manches, was sich nicht nach außen hin kundtut, verborgen geblieben sein. Dazu kommt außerdem noch die Tatsache, daß dann, wenn einer der Beteiligten ein Europäer war, bisweilen ein vereinfachtes Ritual verwendet wurde.19 Sicherlich wissen wir dank der ethnologischen Forschung über die Blutsbrüderschaften der sogenannten „primitiven“ Völker besser Bescheid als über dieselben bei längst erloschenen Kulturen wie etwa der heidnisch-nordgermanischen, wo wir ausschließlich auf Rekonstruktionen angewiesen sind. Es darf jedoch keinesfalls übersehen werden, daß auch die völkerkundlichen Untersuchungen unserer Zeit keineswegs frei von Deutungen und Wertungen sind!

II.
BELEGSITUATION
Um eine gesicherte und leicht nachprüfbare Basis für alle weiteren Ausführungen zu schaffen, werden im folgenden diejenigen Stellen, aus denen sich Angaben über die Institution der nordgermanischen Blutsbrüderschaft entnehmen lassen, im originalen Wortlaut wiedergegeben.
Daran anschließend sollen die wesentlichen Elemente der einzelnen Belegstellen in Form von Tabellen zusammengestellt werden. Dies scheint insbesondere deshalb angebracht, weil sich manche der Abschnitte, die sich auf die Blutsbrüderschaft beziehen, naturgemäß ziemlich ähnlich sind, die wirklich gesicherten Elemente aber doch von Fall zu Fall variieren. Allerdings werden die Tabellen nur diejenigen Merkmale erfassen können, die an den betreffenden Stellen expressis verbis erwähnt werden und sie werden dementsprechend auch lediglich eine praktische Hilfe zu einer synoptischen Betrachtung der konstituierenden Elemente sein.
Weiters soll eine Situierung der einzelnen Belege den Stellenwert der Episode im Rahmen des Erzählgeschehens, dem sie entnommen ist, in Erinnerung rufen.
Zuerst sollen nur diejenigen Stellen angeführt werden, in denen tatsächlich von einer Vermischung des Blutes zwischen den sich Verbrüdernden gesprochen wird oder in denen zumindest auf eine solche angespielt ist. Wie aber bereits in der Einleitung angedeutet wurde20, ist es praktisch unmöglich, diejenigen Stellen, die tatsächlich von einer Blutmischung sprechen, von solchen, die offenbar dieselbe Institution meinen, ohne aber eindeutige Hinweise auf das Ritual zu geben, abzugrenzen. Es wäre gewiß verfehlt, diejenigen Stellen, in denen die Blutmischung expressis verbis erwähnt wird, von solchen, welche die Annahme zulassen, daß es sich um dieselbe Institution gehandelt haben muß, zu trennen. Wie verfehlt eine solche Trennung wäre, zeigt sich unter anderem darin, daß der Terminus „fóstbrœðralag“ weit über die Grenzen der durch Blutmischung geschlossenen Brüderschaft hinausgeht21: diejenigen Stellen, welche die Institution nicht nur umschreiben, sondern sie auch beim Namen nennen, verwenden durchwegs den Ausdruck „fóstbrœðralag“22. Andererseits konnte ein fóstbrœðralag z. B. nach Ausweis der Egils saga einhenda ok Ásmundar berserkjabana (Kap. IV)23 durch gegenseitigen Handschlag geschlossen werden: in einem solchen Fall ist wohl kaum an eine Blutmischung zu denken.
Es sollen daher im weiteren auch diejenigen Stellen mit in die Arbeit einbezogen werden, die den Schluß zulassen, daß den erwähnten Handlungen oder Konsequenzen ebenfalls die Institution des fóstbrœðralag zugrunde gelegen sein muß. Dies kann jedoch im Rahmen der gegenwärtigen Arbeit nur dann sinnvoll sein, wenn aus ihnen mehr zu entnehmen ist als bloß die Erwähnung der Tatsache, daß zwei oder mehr Personen eine „Brüderschaft“ geschlossen hätten, d. h., wenn sich in ihnen Angaben über das Verbrüderungsritual bzw. etwaige Konsequenzen finden. Bloße Erwähnungen der Institution, aus denen sich nichts weiter als ein Hinweis auf ihre Existenz entnehmen läßt, sind zwar insoferne aufschlußreich, als sie beim Leser oder Zuhörer die Bekanntschaft mit einer institutionalisierten Verbrüderungsart offenbar voraussetzen, indem sie nichts erklären oder veranschaulichen, sie sind aber für die gegenwärtige Arbeit, die sowohl eine deskriptive Darstellung als auch eine Deutung der nordgermanischen Blutsbrüderschaft anstrebt, völlig unergiebig und werden dementsprechend auch nicht als Belege gewertet.
A) DIE GERMANISCHEN BELEGE FÜR BLUTSBRÜDERSCHAFT
1. Lokasenna, Strophe 9
In der neunten Strophe der Lokasenna findet sich eine deutliche Anspielung auf die Einrichtung der Blutsbrüderschaft.
Loki betritt den Saal der Götter. Alle verstummen bei seinem Erscheinen. Bragi macht Loki darauf aufmerksam, daß er von niemandem zum Gelage der Götter geladen worden sei. Daraufhin wendet sich Loki an Odin und fordert ihn auf, sich zu besinnen, daß er mit ihm in der Urzeit sein Blut vermischt habe:
Mantu Þat, Óðinn, er við í árdaga
blendom blóði saman;
ölvi bergia léztu eigi mundo,
nema ocr væri báðom borit.24
Diese Aufforderung hat zur Folge, daß Odin seinem Sohn Widar befiehlt, Loki Bier einzuschenken. Loki beginnt sogleich mit seinen Zankreden.
Sehr viel ist dieser Stelle nicht zu entnehmen: wir erfahren nur, daß Odin und Loki die Beteiligten waren, daß die beiden ihr Blut vermischt haben (við… blendom blóði saman), daß das erwähnte Bündnis „in alten Tagen“ (í árdaga) geschlossen worden war, und daß, wohl einer dem und inhärenten Konsequenz zufolge, der eine fortan dem anderen die Tischgemeinschaft nicht versagen dürfe.
Die Umstände, unter denen die Verbindung zustande gekommen war, bleiben genauso im Dunkeln wie die Absicht und Zielsetzung, die dem Bund innewohnten. Auch darüber, wie die Blutsbrüderschaft geschlossen worden war, erfahren wir nichts; die Frage, mit welchem Ritual in diesem Fall zu rechnen sei, ist nicht zu beantworten.
2. Brot af Sigurðarkviðu
Bedeutsamer und auch um vieles aufschlußreicher ist der Hinweis auf die Blutsbrüderschaft, die Sigurd mit Gunnar (und Högni) nach seiner Ankunft am Hofe der Gjukungen geschlossen hatte: davon berichtet das Alte Sigurdlied. Die entsprechenden Stellen der Völsunga saga und der Snorra Edda bestätigen die Erzählung des Alten Sigurdliedes.
Brünhild hat Gunnar dazu gebracht, Sigurd zu töten. Auf dem Heimweg verkündet ein Rabe den Mördern: „’Ycr mun Atli eggiar rioðá, muno vígscá of viða eiðar’“ – „an euch wird Atli Eisen röten, der Meineid wird die Mörder fällen.“25 Der Bruch der Blutsbrüderschaft, der Mord am Blutsbruder, ist in der nordischen Nibelungendichtung zum zentralen Motiv geworden, das den tragischen Untergang der Burgunden auslöst und bedingt.
Das Eddalied erzählt dann weiter (Str. 14 ff.), wie Brünhild früh am Morgen erwacht und den Männern weinend ihren schrecklichen Traum verkündet, in dem sie den Untergang der Nibelungen vorausgesehen hat: der Meineid, d. h. die Ermordung des Blutsbruders, ist Ausgangspunkt der Katastrophe. Anklagend wendet sich Brünhild nach geschehener Tat an Gunnar (Str. 16-18):
Hugða ec mér, Gunnar, grimt í svefni,
svalt alt í sal, ættac sæing kalda;
enn Þu, gramr, riðir glaums andvani,
fiötri fatlaðr í fíanda lið.
Svá mun öll yðor ætt Niflunga
afli gengin: eroð eiðrofa.
Mantattu, Gunnar, til gorva Þat,
er Þit blóði i spor baðir rendot;
nú hefir Þu hánom Þat alt illo launat,
er hann fremstan sic finna vildi.
Þá reyndi Þat, ęr riðit hafði
móðigr á vit mín at biðia,
hvé herglötuðr hafði fyrri
eiðom haldit við inn unga gram.26
Über die Umstände und das Ziel der Verbrüderung erfahren wir aus dieser Stelle nichts: es geht aus ihr nur hervor, daß die Blutmischung mit Eiden verbunden war. Die Völsunga saga und die Snorra Edda sind in dieser Hinsicht ausführlicher. Im Gegensatz zur Lokasenna wird hier jedoch eine überaus bedeutsame Einzelheit erwähnt: die Helden haben nämlich zum Zweck der Verbrüderung ihr Blut in die Spur träufeln lassen („Þit blóði i spor baðir rendot“).
Direkte Folgen des Verhältnisses, das hier genauso wie in der Lokasenna nur umschrieben und nicht mit einem bestimmten Begriff bezeichnet wird, werden keine genannt; der Bruch der Blutsbrüderschaft erscheint jedoch als eine zutiefst verwerfliche Handlung, woraus sich die Unverletzlichkeit und Heiligkeit erahnen lassen, die der Blutsbrüderschaft normalerweise eigen waren.
2 a) Völsunga saga
Während im fragmentarischen Alten Sigurdlied nur rückblickend auf die Blutsbrüderschaft angespielt wird, der Bericht von ihrem Abschluß jedoch dem verlorengegangenen Teil des Liedes angehört hat, macht die Völsunga saga auch eine Situierung des Zeitpunktes und der näheren Umstände dieses Ereignisses möglich:
Gunnar versucht, Sigurd mit allen nur möglichen Mitteln an seinem Königshof zu halten.
Gunnar sagte: ‚Alles wollen wir dazu tun, daß du lange hier bleibst; beides, unser Reich und unsere Schwester bieten wir dir an; kein andrer würde sie bekommen, wenn er auch um sie bäte.‘
Sigurd antwortete: ‚Habt Dank für eure Auszeichnung! Ich will es annehmen.‘27
Nun schwören sie einander Blutsbrüderschaft:
Þeir sveriazt nu i brędralagh, sem Þeir se sambornir brędr.28
Im Zusammenhang mit dem geplanten Verrat an Sigurd wird mehrmals auf das zwischen ihm und Gunnar bestehende Bruderschaftsverhältnis angespielt. Als Brünhild ihren Gemahl auffordert, Sigurd zu töten, ist Gunnar zutiefst bekümmert:
Gunnar vard nu miok hugsiukr ok Þottiz eigi vita,
hvat hellzt la til, allz hann var i eidum vid Sigurd…29
Darauf wendet sich Gunnar an Högni um Rat. Dieser tritt ganz entschieden gegen einen Bruch der Blutsbrüderschaft ein:
Ecki samir ockr sęrinn at riufa med ufridi.30
So verfällt Gunnar auf den Gedanken, Gutthorm, der an der Blutmischung nicht teilgenommen hatte und der demzufolge trotz seiner nahen Verwandtschaft für nicht gebunden gilt, zum Mord an Sigurd anzustiften:
Eggium til Gutthorm rodur ockarnn. Hann er ungr ok fas vitande ok fyrir utan alla eida.31
Nach der Schilderung des Bettmordes folgt wiederum Brünhilds Traum, dem Inhalt nach mit der Strophe 17 des Alten Sigurdliedes identisch. Brünhild schildert Gunnar, was sie im Traum vorausgesehen hat:
Þat dreymde mic, Gunnar, at ek atta kalda sęng, enn Þu ridr i hendr uvinum Þinum ok aull ętt ydr man illa fara, er Þer erut eidrofa, ok mundir Þu at uglaukt er Þit blaundudut blode saman Sigurdr ok Þu, er Þu rett hann, ok hefir Þu honum allt illu launad Þat, …32
Erst an dieser Stelle wird unmißverständlich gesagt, auf welche Weise das „broeðralag“, von dessen Eingehung in Kap. 28 berichtet worden war, geschlossen wurde: durch das Vermischen des Blutes der Beteiligten (Þit blaundudut blode saman). Dies ist übrigens ganz genau dieselbe umschreibende Wendung wie in der Lokasenna (við… blendom blóði saman). Jan DE VRIES hat darauf hingewiesen33, daß Loki den Satz, mit dem er Odin an ihren Blutbund erinnert, mit den Worten „Mantu Þat, Óðinn…“ beginnt, Brünhild im Alten Sigurdlied Gunnar mit den gleichen Worten („Mantattu, Gunnar…“) auf sein Blutsbruderverhältnis mit Sigurd verweist, und daraus den Schluß auf einen literarischen Zusammenhang der beiden Stellen gezogen. Vielleicht war im verlorenen Teil des Alten Sigurdliedes die Blutsbrüderschaftsschließung ebenfalls mit dem Ausdruck „Blut zusammenmischen“ umschrieben worden und hatte der Dichter der Lokasenna diese Worte ebenso wie die erwähnte Anredeformel aus dem – ihm noch zur Gänze bekannten – Alten Sigurdlied übernommen.
Daß die Beteiligten ihr Blut in der Fußspur vermischten, wird von der Völsunga saga im Gegensatz zum Alten Sigurdlied nicht erwähnt. Auch sonst finden sich in ihr keine Angaben über das Ritual: „Blut zusammenmischen“ steht hier für die gesamte Institution mit allem, was sie umfaßte – und offenbar genügte dies den Zuhörern. Die Einrichtung der Blutsbrüderschaft war ihnen also nichts Fremdes, über das der Dichter sie erst hätte belehren müssen.
Die Völsunga saga ist andererseits aber auch wieder ausführlicher als das Alte Sigurdlied, indem sie besonders hervorhebt, welcher Art das Verhältnis zwischen den Blutsbrüdern war, nämlich so, „als wenn sie von der selben Mutter geboren wären“ („sem Þeir se sambornir brędr“).
Besonders ist zu bemerken, daß hier häufig das Wort „eiÞr“ im Zusammenhang mit der Blutsbrüderschaft verwendet wird: Gunnar ist mit Sigurd durch Eide verbunden, („hann var i eidum vid Sigurd“), Gutthorm dagegen steht außerhalb aller Eide („fyrir utan alla eida“) und dann heißt es, daß Gunnar und Högni durch ihr Verbrechen an Sigurd eidbrüchig geworden sind („Þer erut eidrofa“)34.
2 b) Snorra Edda
Außer im Alten Sigurdlied und der Völsunga saga wird das Blutsbrüderverhältnis Sigurds mit Gunnar und Högni auch noch in der Jüngeren Edda erwähnt, und zwar im Skáldskaparmál, Kap. 39 und 41 f. Die beiden Stellen der Snorra Edda, die sich darauf beziehen, bringen allerdings keine ergänzenden Angaben über das Ritual und die Natur des Bundes; aus ihnen ist viel weniger zu entnehmen als aus dem Alten Sigurdlied und der Völsunga saga. Die Angaben der Snorra Edda können nur als Bestätigung des dort Gesagten angesehen werden.
Nachdem Sigurd lange Zeit am Hofe der Burgunden verbracht hat, schwört er mit Gunnar und Högni Brudereide:
Sigurðr reið Þadan ok kom til Þess konungs, er Gjúki hét:
konar hans er nefnd Grímhildr; b

Gunnarr, H

Þar dvalðisk Sigurðr langa hrið; Þá fekk hann Gurúnar Gjúkadóttur,
en Gunnar ok H

Im Zusammenhang mit der Ermordung Sigurds wird das zwischen ihm und seinen Schwägern bestehende Bruderschaftsverhältnis noch einmal erwähnt, und zwar als direkter Grund dafür, daß Gutthorm die Tat ausführt:
Eptir Þat eggjaði hon Gunnar ok H

en fyrir Því at Þeir váru eiðsvarar Sigurðar, Þá eggjuðu
Þeir til Gotthorm, bróður sinn, at drepa Sigurð; hann
lagði Sigurð sverði í gógnum sofanda, en er hann fekk sárit,
Þá kastaði hann sverðinu Gram eptir honum, svá at sundr
sneið í miðju mannin; Þar fell Sigurðr ok sonr hans
Þrévetr, er Sigmundr hét, er Þeir drápu.36
Genau mit dem gleichen Ausdruck wie in der Völsunga saga wird auch in der Jüngeren Edda gesagt, daß Gunnar und Högni mit Sigurd „Brüderschaft geschworen“ hätten („Þeir sveriazt nu i brędralag“, bzw. „… sórusk í brœðralag“). Das ist aber auch alles, was wir aus der Jüngeren Edda über dieses Verhältnis erfahren, denn es wird weder erwähnt, daß die Verbrüderung durch eine Blutmischung erfolgte, noch, daß das Blut in der Fußspur vermischt wurde.
Durch die Verbrüderung sind Gunnar und Högni zu „Eidbrüdern“ Sigurds geworden („Þeir váru eiðsvarar Sigurðar“). Auch hier findet sich die gleiche Ausdrucksweise vom „Schwören“ („sveria“) der Brüderschaft und das dadurch entstehende Verhältnis wird durch „eiÞr“ gestiftet.
Der in mehreren Varianten überlieferte Beleg von der Blutsbrüderschaft Sigurds mit Gunnar und Högni ist trotz des Fehlens einer detaillierten Beschreibung einer der wertvollsten, die wir für diese Institution aus dem Nordgermanischen besitzen.




