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Das eigentliche Desaster begann, als wir unser Haus betraten. Meine Eltern hielten nichts von vorgefertigten Dekoartikeln aus dem Baumarkt. Sie verzierten unseren Flur stattdessen mit Tierpräparaten aller Art. Jeder tote Vogel, den sie fanden, musste ausgestopft und aufs Regal gestellt werden. Das Gleiche galt für Säugetiere, also wurde man beim Eintreten von diversen Uhus, Spechten, Blaumeisen, zwei Füchsen, drei Wieseln und einer fünfköpfigen Dachsfamilie begrüßt. Ich bin heute noch froh, dass meine Eltern nie einen toten Bären gefunden haben. Unseren morbiden Zoo hätte das Glitzermädchen vielleicht noch verkraftet. Der größte Schock durchfuhr sie erst, als wir das Wohnzimmer betraten:
»Habt ihr gar keinen Fernseher?« Ihr hübsches Gesicht hatte das letzte bisschen Farbe verloren, und sie starrte mit offenem Mund auf den Platz gegenüber des Sofas. Anstelle einer Flimmerkiste stand dort eine ausgestopfte Wildkatze. Ich wusste nicht, wie ich angemessen reagieren sollte. Mir graute ja schon vor jedem Montagmorgen, an dem sich die Schulkameraden angeregt über die Mini-Playback-Show austauschten und ich nicht mitreden konnte.
»Klar haben wir einen Fernseher!«, flötete uns meine Mutter aus dem Flur entgegen, die das Gespräch offenbar belauscht hatte. Ich ahnte, was jetzt folgen würde. Schon stand Mutti bei uns im Wohnzimmer, rückte die Wildkatze beiseite und stellte einen braunen Pappkarton mit aufgemalten Knöpfen und einer ausgeschnittenen, viereckigen Öffnung auf die Kommode.
»Macht es euch bequem! Wir haben ganz viele verschiedene Sender!«
Das Glitzermädchen blieb wie angewurzelt stehen, während meine Mutter stolz eine Reihe aneinander geklebter Bilder durch den Monitor zog, um die einzelnen Programme zu präsentierten.
»Auf ARD läuft ein toller Tierfilm und – tadaaa! – auf ZDF eine Dokumentation über bedrohte Pflanzen.« Auf den dazugehörigen Bildern waren zwei Tiger abgebildet und Blumen, die traurig ihre Köpfe hängen ließen. In einer der oberen Ecken standen die Buchstaben der dazugehörigen Sender. Natürlich nur der öffentlich-rechtlichen. Dass nicht mal unser Papp-Fernseher RTL hatte, versteht sich von selbst.
»Und schaut mal hier«, Mutti zog die Rolle ein Stück weiter, »in den Nachrichten wird über die hohe Luftverschmutzung berichtet!« Sie nutzte diesen Aufhänger, um einen ausführlichen Vortrag über Treibhausgase und das Ozonloch zu halten, bis sie ein weiteres Mal »den Sender wechselte«, auf dem (große Überraschung!) schon wieder ein Tierfilm lief. Spätestens jetzt fiel auf, wie einseitig das Fernsehprogramm unseres Pappkartons war. Tiere, Pflanzen, Umweltschutz – und weit und breit kein Disney.
»Was ist denn deine Lieblingssendung?«, bezog meine Mutter nun auch das Glitzermädchen mit ein. Die Kleine hatte immer noch die Sprache verloren, und es dauerte ein Weilchen, bis sie ein leises »Die Gummibärenbande« hervorbrachte.
»Die Gummibärenbande, aha.« Meine Mutter schien enttäuscht. Sie hatte auf eine pädagogisch wertvollere Antwort à la »Als die Tiere den Wald verließen« gehofft. Das war die einzige Kindersendung, die mir meine Eltern erlaubten, wenn ich bei Oma und Opa zu Besuch war. Ich hätte viel lieber etwas Schönes mit Ariel oder einem Märchenschloss geschaut, aber ich war nicht wählerisch. Hauptsache in die Röhre glotzen.
»Na gut!« Meine Mutter hatte eine Idee. »Dann hole ich euch jetzt mal ein paar schöne Buntstifte und ein paar Blätter, und ihr könnt eine ganz tolle Folge dieser Gummitiersendung zeichnen!«
Zwei Minuten später lag ein Stapel umweltfreundliches Papier und eine Federmappe mit unbehandelten Buntstiften auf dem Tisch. Ich hatte Hoffnung, denn ich wusste, wie gern das Glitzermädchen bastelte.
»Da ist ja schon was drauf!«, warf meine Beinahe-Freundin ein und deutete auf die Blätter, deren Rückseite bereits mit dem Slogan »Stoppt die Thüringer-Wald-Autobahn!« bedruckt waren.
»Die kann man doch noch verwenden!«, bediente sich meine Mutter an den Top 3 ihrer Lieblingssätze und legte meinem Besuch eine unbedruckte Vorderseite vor die Nase. Wir legten los, aber schon nach wenigen Minuten wurde dem Glitzermädchen sichtbar langweilig.
»Habt ihr was zu naschen?«, fragte sie zögerlich und erzählte, dass ihre Mutti immer eine Schale mit Schokobons und Mäusespeck bereitstellte, wenn andere Kinder zu Besuch kamen. Jetzt blieb mir der Mund offen stehen. Dort musste es wie im Schlaraffenland zugehen. Meine Mutter wollte Schritt halten und überraschte uns mit einem Teller leckerer, selbst getrockneter Apfelringe, die so zäh waren, dass man sie lutschen anstatt beißen musste. »Hihi! Fast wie Gummibärchen«, feixte sie und wies meinen ahnungslosen Besuch darauf hin, dass Schokobons wirklich unmöglich sind, weil jedes Bonbon einzeln verpackt ist. Abschließend wurde ihr Vortrag mit dem obligatorischen »So einen Plastikmüll kaufen wir nicht!« beendet.
Die Kleine schaute verunsichert drein und malte weiter lustlos auf dem Recycling-Papier herum. »Die Farben sehen alle so komisch aus auf dem grauen Blatt«, bemerkte sie und fragte, ob wir Sticker zum Verzieren hätten. »So einen Plastikmüll kaufen wir nicht«, sagte meine Mutter schon wieder, »aber ihr könnt draußen im Garten ein paar schöne Blätter sammeln und aufkleben.« Damit war der Bogen eindeutig überspannt. Das Glitzermädchen suchte bereits nach einer Exit-Strategie:
»Ähm … Ich muss jetzt nach Hause, ich darf heute noch Super RTL gucken«, sagte sie und schnappte sich ihren pinken Anorak. »Schade«, sagte ich geknickt. »Schade«, hörte ich auch meine Mom sagen, »ihr könnt doch hier schauen!« Doch auch der letzte verzweifelte Versuch, unserem Gast das Recycling-TV schmackhaft zu machen, scheiterte. Für den Rest meiner Grundschulzeit hatte ich nie wieder Besuch. Ich hatte zweifellos den besten ökologischen Fußabdruck aller unter Zehnjährigen, aber Freunde wären mir wirklich lieber gewesen.
Mein Handy klingelt. Das überrascht mich, immerhin befinde ich mich noch in der Brandenburgischen Countryside. »Lübben, Baby! Wir haben sogar Empfang!«, könnte der Slogan der Kleinstadt lauten, die ich gerade mit dem Regio durchquere. Eine WhatsApp-Nachricht hat mich erreicht. Mutti und Vati haben ein Bild gesendet. Mein Dad hält ziemlich stolz und breit grinsend einen Apfel in die Kamera. Im Hintergrund grinsen die ausgestopften Tiere. »Frisch geerntet! Morgen gibt es selbst gemachten Apfelstrudel. Willst du vorbeikommen?«, lautet der dazugehörige Text. Ich speichere das Foto im Ordner mit den anderen fünfzehntausend Bildern ab, auf denen meine Eltern Obst und Gemüse in die Kamera halten, und tippe eine Antwort: »Würde ich gern, aber ich muss morgen um zwölf Uhr zurück in München sein.«
Wirklich schade. Ich hätte die beiden gern besucht und einen Zwischenstopp in der alten Heimat eingelegt. Das mit den nicht vorhandenen Barbies und der geplatzten Karibikreise habe ich längst überwunden. Meine Eltern waren ihrer Zeit einfach nur voraus. Wäre ich im letzten Jahrzehnt im Prenzlauer Berg aufgewachsen, hätte ich es mit Sicherheit in die Top 10 der beliebtesten Kinder im Kiez geschafft. Wir hätten gemeinsam mit unseren ungeschminkten Mamis natürliche Aromaöle hergestellt, in der Waldorfschule hätte ich alle mit meinem Wissen über Flora und Fauna vom Holzhocker gehauen und das DIY zum Recycling-Fernseher wäre auf YouTube in die Trends geschossen. Längst hat sich das Bewusstsein der Gesellschaft zum Positiven gewandelt, und die Glitzermädchen haben die Vorherrschaft verloren, zumindest in den Akademikerhaushalten deutscher Großstädte. Jetzt sind die Montessori-Mathildas an der Macht. Das wäre meine Zeit gewesen.
Ich suche mir den schrumpligsten aller Äpfel aus Denis’ Jutebeutel und schicke meinen Eltern ein Selfie. »Selbst geerntet«, schreibe ich drunter. »Ach nee, doch nich’!«
Tipp 1: Du hast eigene Kinder? Setze Prioritäten! Was ist dir wichtiger?
a) Die Rettung der Erde
b) Eine Schulzeit ohne Mobbing
Tipp 2: Solltest du dich für a) entschieden haben: Nicht nur den Fernseher, auch das iPad Pro 11 kannst du super aus einer alten Pappschachtel selbst herstellen. Jetzt noch schnell die unbehandelten Buntstifte rausholen und ein paar Bilder von den Teletubbies und Peppa Wutz malen – schwups! Fertig ist YouTube Kids.
Ausmisten mit Marie Kondo
Ich finde Chaos voll in Ordnung
Bevor meine Freunde Mona und Manuel ein Paar wurden, wohnten sie bereits zusammen. Von 2010 bis zur ersten dicken Gehaltserhöhung teilten sie sich gemeinsam mit Denis eine WG in Berlin-Friedrichshain. Die drei zu besuchen war mir jedes Mal eine große Freude, denn allein der Zutritt in die Wohnung war die reinste Abenteuerreise. Vor der Tür tummelten sich unzählige Paar Schuhe: ein wilder Mix aus den Sneakers der Bewohner und einem Potpourri vergessener Latschen von Freunden und Unbekannten, die die letzte Hausparty im Delirium nackt oder unbesohlt (oder beides) verlassen hatten. Man musste sich erst eine kleine Schneise frei treten, um zur Tür zu gelangen, die sich nur einen Spalt öffnen ließ, da sie von zahlreichen Pfandflaschen umstellt war.
»Wollt ihr die nicht mal wegbringen?«, fragte ich eines Abends zögerlich, als wir die Wohnung gar nicht mehr betreten konnten und unser Bier im Hausflur konsumieren mussten.
»Ist unsere Altersvorsorge!«, erwiderten meine Freunde schelmisch, und so tranken wir auf der Treppe zum Dachboden, bis wir genug Leergut für ein paar weitere Lebenstage zusammen hatten.
Auch im Inneren der illustren Behausung gab es immer etwas zu entdecken. Ein sehr, sehr trübes Aquarium im Flur zum Beispiel. Es wurde unermüdlich behauptet, dass darin Fische lebten, obgleich man diese nie zu Gesicht bekam.
»Die sind nur in den frühen Morgenstunden aktiv. Das ist typisch für Fische. Übernachte doch mal bei mir, dann kannst du dich selbst überzeugen«, hatte mir Denis geheimnisvoll erklärt. Doch auch das Inaussichtstellen einer seltenen Naturbeobachtung konnte mich damals nicht dazu bewegen, die Nacht mit ihm zu verbringen. Ich wusste, dass schon viele Damen vor mir »die Fische beobachtet hatten«, und wollte nicht Teil der Gruppe der Zoobesucherinnen mit gewissen Vorzügen werden.
Auch tagsüber hatte die Wohnung meiner Freunde fantastische Naturschauspiele zu bieten. Man musste einfach nur den Schrank unter der Spüle öffnen. Darin befanden sich einige Zwiebeln, die über die Jahre in Vergessenheit geraten waren. Hoch wucherten die Keime der Knolle gen Himmel, und ihr süßsaurer Duft durchströmte die anliegenden Zimmer. Ob das die Brutstätte für Denis’ grünen Daumen gewesen ist?
Berge von Geschirr, Stapel aus Schallplatten und unbeantwortetem Papierkram, ein Kratzbaum für die seit Jahren verstorbene WG-Minka und unzählige herumliegende Kleidungsstücke gehörten zum Wohlfühlambiente der zwanghaft hedonistischen Mittzwanziger. Warum auch nicht! Wir waren jung, und es galt der Satz: »Wer eine aufgeräumte Wohnung hat, hat kein Leben.«
Irgendetwas muss in den vergangenen Jahren passiert sein, denn beim letzten Besuch, den ich Mona und Manuel im Frühjahr abstattete, verschlug es mir die Sprache. In freudiger Erwartung auf ihren Nachwuchs hatten die beiden eine Drei-Zimmer-Dachgeschosswohnung in der Belforter Straße im Kollwitzkiez bezogen und zur traditionellen Einweihungsparty geladen. Vermutlich die letzte Station, bevor ernsthaft über ein Haus im Grünen nachgedacht wurde. Das war mir die Reise von München nach Berlin absolut wert. Es war ihr inzwischen dritter Umzug innerhalb der Stadt, und die Festlichkeiten zum Einzug waren seit jeher berüchtigt.
Bei den letzten Partys wurden die Flohmarkt-Möbel aus dem Fenster geschmissen, damit man Platz zum dancen hatte, die coolsten Kiez-Hipster waren zu Gast, und irgendein Typ pinkelte jedes Mal in Monas Ikea-Palme, die sich über all die Jahre hervorragender Gesundheit erfreute. Der Abend konnte nur gut werden.
Doch schon beim Betreten des Hauseingangs wurde ich skeptisch. Alles war ruhig. Keine laute Musik, kein grölender Manuel, kein Mucks weit und breit. Vielleicht hatte ich mich in der Adresse vertan.
»Willst du auch zur Party?«, fragte ein harmloses Pärchen, das kurz nach mir den Eingang betrat und mich schon in den ersten zwei Sekunden zu Tode langweilte. Er trug eine fetzige Funktionsjacke und sie eine Salatschüssel.
»Das ist Guacamole. Selbst gemacht. Ganz köstlich«, promotete sie ihr Mitbringsel. »Das ist Hugo vom Aldi. Selbst gekauft. Mega lecker«, promotete ich meins. Meine Freunde und ich waren immer große Fans dieses exquisiten Getränks gewesen, sie würden sich darüber sicher sehr freuen.
Wir betraten den Aufzug und fuhren nach oben. Da die Sache mit den Gastgeschenken inzwischen geklärt war, hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Das Weibchen beäugte mich argwöhnisch. Warum Pärchen-Frauen jeder anderen Dame, die grad keinen Schatzi im Schlepptau hat, misstrauisch gegenüberstehen, werde ich nie kapieren. Befürchtete sie wirklich, ich könnte ihr den heißen Windjackenträger ausspannen? Das war eine echte Beleidigung. Ich warf ihrem Schatzi ein umwerfendes Lächeln zu, nur so, um sie ein bisschen aus der Reserve zu locken, dann öffnete sich die Fahrstuhltür, und wir standen direkt in der Wohnung.
Ich war baff. Die Bude war beinahe komplett leer, dabei lag der Umzug Wochen zurück. Mein erster Blick konnte nur ein Sideboard im Skandi-Look, ein helles Ecksofa und drei weitere, offenbar trächtige Paare erhaschen, von denen man nicht sicher sagen konnte, ob nun das Weibchen oder das Männchen schwanger war. In der Ecke entdeckte ich einen in die Jahre gekommenen DJ, der gediegene Lounge-Musik auflegte. Das musste DJ Jondal von Klassik Radio sein.
»Meine Liebe! Kannst du die Schuhe bitte ausziehen?«, rief Mona panisch und kam auf mich zu gerannt.
»Hi erst mal, und herzlichen Glückwunsch zur neuen Wohnung und zum Nachwuchs und so«, begrüßte ich meine Freundin und umarmte sie fest.
Nun gesellte sich auch Manuel zu uns. In der Hand hielt er ein Rotweinglas. »Heeeyyyy! Schön, dass du da bist. Sag mal, könntest du bitte deine Schuhe ausziehen?«
Widerstand war zwecklos. Ich schlüpfte aus meinen Turnschuhen und drückte den beiden strahlend mein Geschenk in die Hand.
Mona schaute irritiert: »Meine Liebe, du weißt schon, dass ich schwanger bin, oder?«
»Klar, aber Manuel doch nicht! Außerdem: Was Mutti und Vati jahrelang gutgetan hat, kann den Babys doch nicht schaden.«
Beide schwiegen. Verdammt. Ich hatte mal wieder vergessen, dass es nichts Humorloseres gibt als werdende feat. frisch gebackene Eltern. Zu meinem persönlichen Ärger wurde der Guacamole meiner Hausflurbekanntschaft viel mehr Aufmerksamkeit zuteil.
»Ach, ihr Lieben! Wie lecker! Ich pack die gleich mal zu den anderen Naschereien«, schwärmte Mona und watschelte samt Schüssel in Richtung offene Küche.
Auch diese machte einen ganz und gar unbewohnten Eindruck. Das sorgfältig angerichtete Fingerfood wirkte künstlich, und ich hatte große Angst, mich daran zu bedienen, da ich auf keinen Fall kleckern und das blitzsaubere Setting zerstören wollte.
»Bereit für eine Führung, meine Lieben?« Mona schnappte das Avocado-Pärchen und mich und geleitete uns durch die neue Behausung. Jeder weitere Raum sorgte für noch mehr Verwirrung. Im Schlafzimmer befand sich rein gar nichts außer einem cremefarbenen Boxspringbett und einem weißen Einbauschrank. Weit und breit kein Krimskrams, nicht mal ein herumliegender Schlüppi.
»Tadaaa!« Mona öffnete die Schranktür. »Manu und ich haben das perfekte Ordnungssystem ausgetüftelt. Wir kriegen hier so viel unter, meine Lieben, das glaubt ihr nicht!«
Im Inneren des Wandschranks waren Kleidungsstücke nach Farbe, Form und Größe sortiert. Es glich dem Inhalt der Pax-Musterversion aus dem Ikea-Katalog.
»Wow!« Die Avocados waren aus dem Häuschen. Sie wollten wissen, ob Mona die Kleidungsstücke auch nach der Konmari-Methode gefaltet habe. Ich verstand nur Bahnhof. Dann ging es weiter ins Bad. Regendusche, Natursteinboden – auch hier wirkte alles recht ansprechend, aber leer. Außer zwei Bambuszahnbürsten, einer Seife und einer kleinen Kommode konnte ich nichts entdecken.
»Wo sind denn eure ganzen Sachen? Duschgel und Shampoo und so«, hakte ich nach.
»Meine Liebe, wir haben alles, was wir brauchen«, betonte Mona und hielt mir das einzige Seifenstück des Hauses unter die Nase. »Riech mal! Ist selbst gemacht. Die kann man zum Körpereinseifen, zum Händewaschen und sogar als Shampoo benutzen. Manu und ich nehmen die beide.«
»Wow!«, schleimten die Avocados schon wieder, machten bedeutungsvolle Geräusche mit ihren Riechorganen und erzählten, dass auch sie seit einer Weile stolze Besitzer eines gemeinsamen Allround-Produktes sind.
»Und was ist mit Conditioner?«, blieb ich skeptisch.
Mona setzte zu einer Belehrung an:
»Conditioner braucht man überhaupt nicht, meine Liebe. Große Kosmetikkonzerne reden uns das seit Jahren ein, damit wir überflüssige Produkte kaufen.«
Komischer Sinneswandel. Sie war es doch, die im Frankreich-Urlaub vor vier Jahren eine große Umhängetasche dabeigehabt hatte, die ausschließlich mit Kosmetika gefüllt war.
Während ich ihr zuhörte und mir dabei ihre glanzlose Frise besah, kam mir der Gedanke, dass Conditioner kein überflüssiges, sondern vielmehr ein dringend notweniges Produkt war. Aber in Berlin hatte man es mit dem glänzenden Fell noch nie so ernst genommen, da war ich einfach zu sehr München, was die Mähne anging. Jetzt war das Kinderzimmer an der Reihe. Hier standen zwei Bettchen für die Zwillinge, eine schlichte Wickelkommode und ein riesiger Sessel mit einer schicken Stehlampe daneben.
»Meine Lieben, das ist meine Stillecke«, erklärte Mona stolz, als ich mich testweise in den Lehnstuhl fläzte.
»Echt gemütlich hier. Ich stille die Babys gern auch mal, wenn ich zu Besuch bin«, witzelte ich. Mona und das Avocado-Weibchen schüttelten den Kopf. Ach ja, humorfreie Zone – schon wieder vergessen.
»Wo habt ihr die coole Lampe her? Die hätte ich auch gern«, wollte ich wissen, und meine Freundin schickte mir einen Link über WhatsApp.
Wir bestaunten noch die hübsche Dachterrasse und gesellten uns anschließend wieder zu DJ »Bisschen älter« ins Wohnzimmer.
»Rotwein?«, fragte Manuel und drückte mir ein Glas in die Hand. Viel lieber hätte ich den Aldi-Hugo getrunken, aber ich wollte kein weiteres Mal unangenehm auffallen. Die Gespräche um mich herum drehten sich um Geburtsvorbereitungskurse, Bonding und dänische Immobilienmakler. In Kombination mit den einschläfernden Beats des alternden Discjockeys eine fatale Mischung. Es war mit Abstand die langweiligste Party, die ich je besucht hatte.
Ich tippte eine SMS an Denis: »Hey! Wo bleibst du? Nur schwangere Paare hier. Mir ist laaangweilig!«
Keine Antwort. Na toll. Zur Zeitüberbrückung checkte ich den Link, den mir Mona gesendet hatte. Vielleicht verhalf mir dieser überflüssige Ausflug in die Hauptstadt wenigstens zu einer hübschen, neuen Beleuchtung. Foscarini Stehlampe – Kaufpreis: 2814 €.
Ungläubig zoomte ich ran. Da stand es nun ganz groß. Ich hatte mich nicht verlesen. Meine Freunde hatten sich für knapp 3000 Euro eine Kinderzimmerlampe gekauft. Im Kopf addierte ich den monetären Wert all meiner Möbel, die ich bisher besaß, zusammen, ohne am Ende auf den Betrag des Designerstücks zu kommen. Mussten die beiden etwa deshalb an ihren Kosmetikprodukten sparen? Hatte Mona darum kein eigenes Shampoo mehr? Fragen über Fragen. Ich beschloss, mich mit der Vintage-Leuchte vom Dachboden meiner Oma zu begnügen und weiterhin in Haut- und Haarpflege zu investieren.
Endlich erreichte mich Denis’ Antwort:
»Ach meine Süße, ich wäre so gern bei euch, aber heute ist Neumond und ich werde einiges einpflanzen, damit hier bald alles sprießt …«
»Ist das sexuell gemeint?«, hakte ich nach. Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein. Als Antwort kamen nur drei Fragezeichen zurück und wenig später die obligatorische »Ihr müsst mich uuunbedingt besuchen kommen, es ist traumhaft hier!«-Aufforderung. Der Abend war offiziell gelaufen.
Mona setzte sich neben mich und streichelte mir aufmunternd den Rücken.
»Na, meine Liebe? Was beschäftigt dich? Du grübelst die ganze Zeit vor dich hin.«
»Hier sieht es ganz anders aus, als ich erwartet hatte. So, als wäre das überhaupt nicht eure Wohnung.«
»Naja, wir sind bald zu viert, da war es wirklich an der Zeit, etwas zu verändern. Wir haben den alten Ballast abgeworfen und fühlen uns jetzt viel wohler.«
»Aber ihr hattet doch so coole Sachen. Der blaue Küchentisch oder die hübsche Kommode vom Sperrmüll und deine Palme und so. Wo ist das alles?«
»Wir haben achtsam Tschüss gesagt und uns von den alten Dingen gelöst. Ordnung machen ist unheimlich befreiend. Du solltest das auch ausprobieren!«
Sie verschwand und tauchte kurze Zeit später mit einem Buch wieder auf:
Marie Kondo: Magic Cleaning. Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert.
»Das kannst du dir borgen, meine Liebe. Danach bist du ein ganz neuer Mensch.«
»Danke«, sagte ich, nippte brav an meinem Rotweinglas und verbrachte noch ein, zwei Stunden mit Höflichkeits-Smalltalk über frühkindliche Entwicklung und plastikfreies Einkaufen. An diesem Abend vermisste ich meine Zwanziger so sehr, dass ich am liebsten laut geheult hätte.
Auf der Rückfahrt im ICE las ich in dem Schmöker, den mir Mona geliehen hatte. Würde sich nach einer magischen Aufräumaktion etwa auch mein Leben verändern? Und wenn ja, dann zum Positiven? Ich hoffte, dass dem Buch ein Zauberstab beiliegen würde, denn aufräumen zählte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Bisher war ich ein Fan der gepflegten Unordnung. Die ein oder andere »schlimme Ecke« meiner Wohnung bereitete mir große Freude, weil es dort längst vergessene Schätze zu entdecken gab. Mit glänzenden Augen erinnerte ich mich an einen Spontanfund, bei dem es sich um meine ersten Inlineskates aus dem Jahr 1995 handelte. Ich hatte eigentlich nach einem Pürierstab gefahndet und war bei der Suche auf meine alten Rollschuhe gestoßen. Das Küchengerät ist bis heute verschollen. Dafür drehe ich regelmäßig meine Runden im Englischen Garten und erfreue mich der warmen Abendsonne und des Lebens. Alles richtig gemacht.
Marie Kondo weiß im Gegensatz zu mir immer ganz genau, wo ihr Pürierstab zu finden ist, und die ollen Inliner hätte sie längst aussortiert, nachdem sie ihnen wertschätzend für die gemeinsame Zeit gedankt und sich würdevoll verabschiedet hätte. Sie glaubt, dass ein erfülltes, geordnetes Innenleben immer mit einer Ordnung im Äußeren einhergeht. Darum wird bei ihr auf 224 Seiten ausgemistet, sortiert und gefaltet, was das Zeug hält, ganz ohne spontane Rollschuhrunde.
Bei meiner Internet-Recherche ging mir auf, dass ich die letzte Person sein musste, die dem Ordnungswahn noch nicht verfallen war. YouTube war voll von Videos, in denen junge und mittelalte Menschen ihre Buden nach Kondos Methode entrümpelten. Wer zu doof war, seinen Kleiderschrank in Eigenregie auf Vordermann zu bringen, konnte sich dafür sogar einen Coach engagieren. Wahnsinn! Es gab tatsächlich Leute, die gegen Bezahlung beim Ordnungmachen halfen. Als ich diese Perlen unter den Tutorials ansah, stellte sich mir die immer gleiche Frage: Warum zur Hölle war Aufräumen plötzlich cool? Und warum so drastisch? Hätte es in Monas und Manus beispielhaftem Fall nicht gereicht, die neunhundert Pfandflaschen wegzubringen, die alten, geliebten Möbel hübsch in Szene zu setzen und einmal feucht durchzuwischen? Musste es gleich der totale Neustart sein?
Dann stieß ich auf einen Clip der Königin Kondo persönlich, und urplötzlich war es um mich geschehen. Die bildschöne Japanerin mit der umwerfend sympathischen Art erklärte, wie sie ihren Kleiderschrank organisierte, und ich fand, dass dies eines der interessantesten Videos war, das ich je gesehen hatte. Der Hype hatte mich gepackt. Ich wollte nur noch eins: aufräumen, aufräumen, aufräumen! Und zwar alles. Während ich in Gedanken Pläne für mein neues, minimalistisches Leben schmiedete, setzte ich meine Recherche fort. Jetzt war ich endgültig baff. Die Autorin war Jahrgang 1984, genau wie ich. Sie war sogar nur zwei Tage älter. Warum bloß sah sie zwanzig Jahre jünger aus als meine nicht mehr ganz so taufrische Wenigkeit? Kriegt man vom vielen Aufräumen etwa auch schöne Haut? Magic Cleaning fürs Gesicht? Das war noch ein Grund mehr, direkt nach meiner Ankunft mit dem Entrümpeln zu beginnen.




