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Auf dem Bahnsteig war es bereits dämmerig. Der rote Ball der Sonne würde in Kürze hinter dem Horizont untergegangen sein.
Ausgelassen sprangen die Schüler die Stufen der Waggons hinunter. Die Eltern, die auf dem Bahnsteig warteten, empfingen freudig, aufgeregt ihre Kinder. Sie waren neugierig, wie ihnen der Tag gefallen hatte. Natürlich waren sie auch gespannt, ob das Zeugnis ihren Erwartungen entsprach.
Verhältnismäßig nur wenige Eltern holten ihre Tochter oder ihren Sohn ab. Der überwiegende Teil der fast erwachsenen Schüler fand es uncool, wenn die Eltern sie in ihrem Alter noch abholen würden. Auch Sonja und ihre vier Freunde hatten darauf bestanden, nicht abgeholt zu werden. Alle Fünf wohnten in Troisdorf-Mitte und konnten zu Fuß nach Hause gehen.
Der Klassensprecher und Primus verabschiedete sich per Handschlag bei den Lehrerinnen und Lehrern. Damit war er Vorbild für seine Klassenkameradinnen und Kameraden, die bereitwillig seinem Beispiel folgten.
Dennis, der seinem Mathematiklehrer lieber einen Faustschlag ins Gesicht versetzt hätte, nahm sich zusammen und verabschiedete sich halbwegs höflich aber kühl. Dabei achtete er darauf, dass er dem Lehrer nicht zu nahe kam, denn er sollte nicht seine Alkoholfahne bemerken.
„Was machen wir mit dem angebrochenen Abend?“, rief er seinen Freunden Louis, Benjamin und Sven zu.
Sonja, die dabeistand, antwortete anstelle der drei Freunde: „Nichts mehr. Ich gehe nach Hause. Mir reicht es für heute.“
Gerne hätte Sonja noch etwas mit Benjamin alleine unternommen, aber es war bereits spät und die Jungen waren angetrunken. Es würde nichts dabei herauskommen, sagte sie sich.
„Wir bringen dich natürlich nach Hause“, bestimmte Dennis und die anderen Drei stimmten lautstark zu. Sonja hatte keine andere Wahl, als ebenfalls zuzustimmen. Sie hatte die Hoffnung, dass es sich ergeben würde, mit Benjamin alleine zu sprechen. Vielleicht könnte sie ein Treffen mit ihm allein vereinbaren. Wenn sie nur daran dachte, hatte sie erneut dieses Kribbeln im Bauch.
Montag, 18:14 Uhr

Es war der vorletzte Ferientag der Sommerferien. Den gesamten Tag über war es düster und regnerisch. Vor einer halben Stunde schloss der Himmel seine Schleusen und die Sonne blinzelte jetzt zwischen den Wolken hervor. Es wurde langsam klarer. Es war Spätsommer. Bald würde der Herbst mit seiner Melancholie beginnen.
Unterhalb des Fliegenbergs erstreckte sich ein schmaler Streifen der Wahner Heide, der von zwei Seiten von Waldgebieten begrenzt wurde. Sandflächen wurden von sanften Hügeln unterbrochen, auf denen violett die Blühten der Besenheide leuchteten.
Das Heidekraut war nass und durch die intensiven Sonnenstrahlen wirkte die Farbe jetzt dunkel und kräftig – fast blutrot. Der leichte Duft der Blüten, der an trockenen Tagen die Bienen in Scharen anlockte, war wegen der noch vorhandenen Nässe nicht zu riechen.
In der Ferne erhob sich der 118 m hohe Michaelsberg mit der Silhouette des Klostergebäudes und der Kirche. Seit über 900 Jahren lebten in der Abtei Michaelsberg Mönche des Benediktinerordens. Nach dem Weggang der Benediktiner im Jahre 2011 sollte auf dem Berg ein neues, geistiges Zentrum entstehen.
Von der Altenrather Straße bog der Fahrer eines Astra Kombi rechts ab und fuhr auf den Wanderparkplatz, wo er den Wagen abstellte. Der Parkplatz war nach dem Regen erwartungsgemäß leer. Sofort öffneten sich die Türen der hinteren Sitze und ein Junge und ein Mädchen sprangen aus dem Wagen. Der Junge war vielleicht vierzehn Jahre alt, das Mädchen ein bis zwei Jahre jünger. Nachdem der Junge die Heckklappe geöffnet hatte, sprang ein kräftiger, schwarzer Rottweiler heraus, überquerte den Forstweg und stob ungestüm in die sandige Heidelandschaft.
Bei den ersten Heidekräutern hielt er inne und schaute sich nach den beiden Kindern um, die laufend auf ihn zukamen. Vater und Mutter der Kinder folgten langsam, nachdem sie die Heckklappe geschlossen und den Wagen verriegelt hatten. Sie lächelten. Es war immer wieder schön für sie anzusehen, wie sich der Hund und ihren Kindern verstanden.
„Steffi und Micha, lauft nicht zu weit voraus und wartet oben am Waldrand“, rief die Mutter ihnen hinterher.
Die Kinder liefen den grasbewachsenen Weg entlang, der gemächlich bis zum Waldrand anstieg. Der Hund vorweg. Von Zeit zu Zeit blieb er immer wieder stehen, schaute sich um und wartete, bis die Kinder zu ihm aufgeschlossen hatten, um dann wieder vorzulaufen.
Kurz vor dem Waldrand löste sich der Weg in eine Sandlandschaft auf. Erst am Waldrand konnte man die Fortführung des Weges wieder erkennen.
Der Hund wälzte sich ausgelassen im losen Sand, dessen Oberfläche durch die Sonnenstrahlen bereits getrocknet war. Wahrscheinlich vor Freude, dass er sich endlich nach dem langen Regentag austoben durfte.
„Bracka, nicht so toll. Schau mal wie du bereits aussiehst!“, rief Michael dem Hund zu, der auch schuldbewusst abrupt stehen blieb und Michael mit traurigen Augen ansah, weil sein Spiel unterbrochen wurde.
Michael hob einen Stock vom Boden auf, hielt ihn hoch und warf ihn dann in hohem Bogen weg.
Bracka war glücklich, dass das Spiel weiterging und schoss in voller Geschwindigkeit auf den Landepunkt des Stockes zu.
Unglücklicher Weise landete der Stock inmitten einer Gruppe Heidekräuter. Bracka hielt aus vollem Lauf an, denn in dieses kratzige Gewächs wollte er nicht hineinspringen.
Den Kopf nach unten schlich er schnuppernd um das violett blühende Kraut, bis er plötzlich stehen blieb. Schnell kratze er den lockeren Sandboden auf und grub eine Vertiefung. Dabei winselte er vor sich hin und schließlich bellte er in Richtung seiner beiden Herrchen.
„Was ist los, Bracka? Komm her. Lass alles liegen, was da liegt!“, rief Michael, der ahnte, das Bracka irgendetwas gefunden hatte.
Bracke blieb jedoch an der Fundstelle stehen und bellte weiter.
Michael und Stefanie eilten jetzt dorthin. Womöglich hatte ihr Hund den Eingang zu einem Kaninchenbau gefunden, wie es hin und wieder vorkam. Vielleicht hatte er aber auch ein verendetes Tier gefunden, wovon er sich möglichst fernhalten sollte.
„Komm her, Bracka!“, rief Michael erneut, als sie fast ihren Hund erreicht hatten.
Erkennen konnten die Kinder nicht, weshalb Bracka so bellte und mit den Vorderbeinen im Sand scharrte.
Michael befestigte sofort die Leine am Halsband und zog Bracka zu sich, während Stefanie sich genauer umsah.
„Ihh, Michael komm schnell. Hier liegt eine Hand!“, rief sie angewidert und wich ein Stück zurück.
„Ach, Steffi, ich glaube du spinnst!“, rief er zurück.
Trotzdem näherte sich Michael vorsichtig der Stelle, auf die seine Schwester zeigte. Den Hund hielt er dabei kurz an der Leine.
Tatsächlich ragte aus dem Sand eine menschliche Hand!
„Lass uns von hier verschwinden. Wir müssen sofort Mama und Papa Bescheid sagen!“, schrie Michael, wobei sich seine Augen vor Aufregung weiteten.
Dabei lief er bereits in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Energisch zog er seinen Hund hinter sich her. Auch Stefanie war froh, dass sie dem Fundort den Rücken zukehren konnte und folgte den beiden.
Es dauerte nur wenige Minuten bis die Eltern und Michael an der Fundstelle standen. Stefanie hatten sie mit dem Hund zurück zum Wagen geschickt. Dort mussten sie auf ihre Rückkehr warten. Der Vater hatte entschieden, dass sie noch zu jung dafür war, den Fund mit ihnen zusammen genauer zu begutachten.
Michael und seine Mutter blieben einige Meter entfernt vom Fundort stehen, während der Vater sich hinkniete und den Sand um die Hand herum entfernte. Immer mehr legte er vom Unterarm frei. Dann erhob er sich und stellte mit wichtiger Miene fest:
„Hier liegt ein Toter!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrten ihn seine Frau und sein Sohn an. Insgeheim hatten sie es erwartet, aber die unverblümte, nüchterne Mitteilung des Familienvaters schockierte sie trotzdem.
Ein Toter im Sand inmitten der Wahner Heide! Wie ist das möglich? Hier ist doch alles so friedlich, dachte Michaels Mutter.
Worte kamen ihr aber nicht über die Lippen.
Recht hatte sie. Nachdem die belgische Armee Anfang 2004 die beiden genutzten Kasernen in der Heide verlassen hatte, kehrte grundsätzlich Friede in diese strapazierte Landschaft ein. Keine Manöver, keine Panzerbewegungen mehr – es wurde ruhig in der Heide.
Und jetzt das hier!
Michael hatte sich eng an seine Mutter geschmiegt, die wiederum ihren Sohn beschützend mit den Händen an sich drückte. Beide wollten so schnell wie möglich von diesem schrecklichen Ort weg.
Der Vater zog sein Handy aus der Tasche.
„Wie ist noch die Nummer der Polizei. 110 oder 112?“, fragte der Vater, der seine Aufregung nicht verbergen konnte.
„110 natürlich“, informierte ihn sein Sohn kleinlaut.
Der Vater stellte die Verbindung her und berichtete dem Polizeibeamten der Notrufzentrale, was sie gefunden hatten und wo sie sich aufhielten.
„Wir werden am Auto auf Sie warten“, beendete er schließlich das Gespräch und forderte damit gleichzeitig seine Familie auf, den Rückweg anzutreten.
Montag, 19:35 Uhr

Kriminalkommissar Ronni Kern drückte den Klingelknopf zur Wohnung von Kriminalhauptkommissar Frank Eisenstein. Auch nach dem zweiten Versuch öffnete sich nicht die Haustüre.
Seltsam, Frank müsste doch da sein, dachte er.
Er klingelte bei der Vermieterin. Er wusste, dass diese die Parterrewohnung bewohnte. Den Rest des Hauses hatte sie vermietet.
Die Vermieterin öffnete die Tür. Sie war eine ältere Frau, deren Mann vor mehr als zehn Jahren verstorben war. Seitdem lebte sie allein. Sie kannte Ronni und freute sich, ihn zu sehen.
„Herr Eisenstein ist so gegen 18 Uhr in seine Wohnung hoch gegangen. Ich habe nicht gesehen, dass er danach nochmal das Haus verlassen hat“, sagte sie.
Ronni bedankte sich und ging hoch zu Franks Wohnung im zweiten Stock.
Seitdem Frank sich im vergangenen Jahr von seiner Freundin Ilka getrennt hatte und er auch die Möglichkeit einer Beziehung zur Gerichtsmedizinerin Susanne Ohlrogge abgebrochen hatte, wohnte er hier. Ronni hatte ihm diese Wohnung in Bonn empfohlen, in der er selbst übergangsweise in der Zeit vom Beginn seiner Versetzung nach Bonn bis zum Bezug seiner jetzigen Wohnung in Bonn-Beuel gelebt hatte. Die Wohnung bestand aus Wohn- und Schlafzimmer und einer kleinen Küche. Dazu Bad und Toilette. Sie war vollständig möbliert, was Frank zum damaligen Zeitpunkt sehr entgegen kam. Das Haus war eine imposante, weiß gestrichene und vollständig renovierte Jugendstil-Villa aus dem Jahre 1904 mit Unter- und Erdgeschoss, sowie zwei Obergeschossen.
Ronni klopfte an die Wohnungstür. Nichts rührte sich. Er klopfte nochmals – jetzt allerdings lauter und drängender. Nichts. Sein Chef schien doch nicht in seiner Wohnung zu sein.
Ronni hatte gesehen, dass sein Wagen am Straßenrand direkt vor dem Haus stand. Sollte Frank zu Fuß in die Stadt gegangen sein? Vielleicht um in einer der gemütlichen Gaststädten im Bonner Zentrum ein Bier zu trinken, oder etwas zu Abend zu essen? Er hatte keine Ahnung.
Sein Verhältnis zu seinem Chef war seit einigen Wochen, wenn nicht sogar seit Monaten, gestört. Frank hatte sich verändert, war nicht mehr so offen und mitteilsam wie früher. Nach Dienstende ging er fast immer allein zu seiner Wohnung. Ein gemeinsames Bier mit seinem Freund und Kollegen lehnte er ab. Manchmal wirkte er sogar depressiv, schien keine Freude mehr an seiner Arbeit zu haben. Von seinen Freunden und Kollegen entfernte er sich immer mehr.
In der ersten Zeit, nachdem Frank die Wohnung bezogen hatte, verbrachten sie oft die Freizeit zusammen mit Ronnis Freundin Isabelle. Womöglich fühlte er sich als „fünftes Rad am Wagen“, obschon er nie etwas in dieser Richtung äußerte und Ronni auch nie diesen Eindruck hatte.
Als Ronni sich in Richtung Treppe umdrehen wollte, drückte er aus einer Art Reflex den alten Messinggriff der Türe herunter. Die Tür war unverschlossen und sprang sofort auf.
Er drückte die Tür etwas mehr zur Seite, um einen Schritt in den kleinen Flur zu setzen. Es roch muffig und er war sich sicher, den Geruch von Alkohol zu riechen. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt. Er ging vorsichtig darauf zu. Irgendetwas war hier seltsam. Routinemäßig suchte seine rechte Hand nach seiner Dienstwaffe unter seiner Jacke. Mit der linken Hand drückte er sanft gegen die Wohnzimmertür, die sich mit einem leichten Quietschen öffnete.
Was er dann sah, ließ ihm den Atem stocken. Seine rechte Hand löste sich von seiner Dienstwaffe und er stürmte in das Zimmer hinein.
„Frank, was ist los mit dir?“, rief er außer sich und lief mit ein paar großen Schritten auf ihn zu.
Kriminalhauptkommissar Frank Eisenstein lag mit dem Rücken auf dem Sofa, das direkt vor dem großen Fenster stand. Sein rechter Arm baumelte von seiner Schulter herunter, und seine Fingerspitzen berührten den hellen Langflor-Teppich.
Eisenstein schlief tief und fest, eingehüllt in eine Alkoholfahne.
Um ihn herum herrschte eine totale Unordnung, die Ronni noch mehr verwunderte, als der Alkoholdunst, der von seinem Chef ausging. Mehrere leere Bierflaschen standen auf dem Tisch und auf dem Fußboden. Eine halbleere Flasche Wodka stand auf dem Boden neben seinem herunterhängenden Arm. Es war schon ein Wunder, dass er sie nicht mit der Hand umgestoßen hatte. Außerdem verunstalteten eine aufgerissene Papiertragetasche, sowie zwei, mit trockener Currysoße beschmierte, leere Pappschachteln den Glastisch.
Insgesamt bot sich ihm ein Bild, das er von Frank so nicht kannte.
„Aufwachen, aufwachen!“, schrie er Frank an und rüttelte ihn kräftig bei der Schulter.
„Aufwachen, wir haben einen Einsatz!“, ergänzte er in der Hoffnung, dadurch Eisensteins Lebensgeister zu erwecken.
Tatsächlich kam ein dunkles Stöhnen aus seiner Kehle und sein Körper drehte sich dabei auf die Seite, als suche er eine bessere Schlafposition.
„Du musst wach werden! Ein Toter liegt in der Wahner Heide und wir müssen hin.“
Ronni Kern hatte das Rütteln eingestellt und hob jetzt Eisensteins Oberkörper leicht an.
„Ja, ja. Lass mich in Ruhe“, brummte Frank fast unverständlich.
Die Dringlichkeit von Ronnis Bemühungen schien Eisensteins umnebeltes Gehirn erreicht zu haben. Langsam richtete er seinen Körper in eine sitzende Position auf.
„Was ist los? Ein Toter, sagst du?“
„Ja genau, du hast es endlich begriffen. Und wir müssen schnellstens dorthin.“
„Ich kann nicht. Mein Schädel brummt, als ob ich gegen eine Wand gelaufen wäre.“
Auch Ronni hatte inzwischen die Sinnlosigkeit seines Vorhabens erkannt. So konnte er seinen Chef unmöglich mit zu einem Tatort nehmen.
„Ich mache dir jetzt einen starken Kaffee und du begibst dich in der Zeit unter die Dusche. Sieh zu, dass du möglichst schnell wieder ein einigermaßen vernünftiger Mensch wirst. Sobald ich am Tatort fertig bin, treffen wir uns im Büro. Ich rufe dich dann an.“
Eisenstein sagte nicht mehr. Sein Zustand war ihm jetzt peinlich. Langsam erhob er sich und schwankte in Richtung Badezimmer.
Ronni begab sich in die Küche und bereitete einen starken Kaffee für seinen Chef.
Was war bloß mit ihm los? Seit Wochen war er nicht mehr der Frank Eisenstein, den er von früher kannte. Genau genommen, veränderte er sich seit der Geschichte am Sieglarer See, als er sich von seiner Freundin Ilka trennte und auch seiner alten Liebe Susanne nicht näher kommen wollte. Die Trennung von Ilka konnte Ronni verstehen. Stand die Lebensweise von Ilka doch in manchen Sachen im krassen Kontrast zu der von Frank. Nicht nur, weil sie unbedingt in einem Dorf leben wollte und Frank das Leben in der Stadt bevorzugte.
Nur weswegen er eine Verbindung zu Susanne nicht eingegangen war, verstand Ronni nicht. Susanne mochte Eisenstein und wollte eine Beziehung, das hatte er bereits nach kurzer Zeit bemerkt. Auch Frank mochte Susanne. Sie war Gerichtsmedizinerin und kannte seinen Job mit all seinen stressigen Facetten. Sie hätte sicher Verständnis für ihn und seine Arbeit. Aber er lehnte eine Beziehung mit ihr ab. Wahrscheinlich war er damals mit dem Zwang, sich für eine der beiden Frauen entscheiden zu müssen, überfordert und entschied sich dann einfach gegen beide.
Irgendwann nahm Ronni dann eine Alkoholfahne während der Dienstzeit bei Eisenstein wahr. Nicht, dass Eisenstein nie Alkohol trank, nein, das war es nicht. Aber am Tage, während der Arbeit, das hätte es früher nicht gegeben, dazu war er zu korrekt und verantwortungsbewusst.
Es blieb nicht bei dem einen Mal. Immer öfter bemerkte er, dass Frank während der Dienstzeit Alkohol trank und ihm auch seine Arbeit nicht mehr so wichtig war.
An einem Sonntag, als Frank bei Ronni und seiner Freundin zum Nachmittagskaffee eingeladen war, sprach Ronni ihn darauf an. Isabelle war in der Küche und die beiden Freunde standen auf dem Balkon.
„Du spinnst. Lass mich mein Leben so leben, wie ich es will. Ich bevormunde dich doch auch nicht“, war seine Reaktion, er drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
In der nächsten halben Stunde hatte sich Eisenstein verabschiedet.
Danach gingen die beiden Freunde weder nach Dienstschluss zu einem Bier in eine der urigen Bonner Kneipen, so wie sie es früher manchmal gemacht hatten, noch nahm er eine erneute Einladung zu Ronni nach Hause an. Immer hatte er irgendwelche Ausreden parat. Ronni kam nicht mehr an ihn heran.
Eisenstein wurde mehr und mehr zum Einzelgänger. Sein Alkoholkonsum wurde größer und regelmäßiger.
Doch so wie heute hatte ihn Ronni bisher noch nicht gesehen. Seine Arbeit zu vernachlässigen, wäre früher nicht denkbar gewesen. Eisenstein liebte und hasste seinen Beruf gleichzeitig. Wusste er doch, dass er die Welt nicht ändern und von Gewalt befreien konnte. Aber er wollte seinen Teil dazu beitragen, Recht und Ordnung zumindest in seinem Bereich zum Erfolg zu verhelfen.
Frank hatte sich inzwischen vom Sofa erhoben und war mit langsamen Schritten auf den Weg ins Bad.
„Und komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich wieder hinzulegen“, rief Ronni ihm noch auf dem Weg ins Badezimmer hinterher.
„Ja, ja. Ist schon gut. Ich habe verstanden“, war Eisensteins schleppende Antwort.
Der Kaffee war inzwischen fertig, aber Eisenstein befand sich noch immer im Bad. Ronni ging bis direkt vor die Badezimmertür. Er hörte das Wasser rauschen.
„Ich kann nicht länger warten. Kommst du alleine klar? Die Kanne Kaffee steht im Wohnzimmer auf dem Tisch“, rief er gegen die Badezimmertüre.
„Ja, ja. Ich bin bald fertig. Du kannst gehen. Ich komme schon klar“, vernahm Ronni Eisensteins Stimme aus dem Badezimmer.
Ronni stellte die Kanne mit starkem, schwarzem Kaffee wie angekündigt auf den Wohnzimmertisch. Bevor er ging, warf er noch den Müll vom Essen in den Abfalleimer und stellte die leeren Bierflaschen auf den Balkon. Die halbvolle Flasche Wodka leerte er im Spülbecken in der Küche aus. Er wollte nicht das Risiko eingehen, dass Frank nochmals zur Flasche griff und dann womöglich seine Verabredung mit ihm vergaß.
Montag, 20:30 Uhr

Ronni kam aus Richtung Troisdorf und parkte seinen Wagen auf dem Parkplatz links von der Altenrather Straße. Der Parkplatz auf der rechten Straßenseite war bis zur Straßeneinmündung mit Wagen der Streifenpolizei und der Spurensicherung vollgestellt. Als er ausstieg, sah er bereits von Weitem, dass das Gelände weiträumig mit rot-weißem Flatterband durch die Streifenpolizei abgesperrt war.
Er überquerte die Straße und zeigte dem Polizisten am Weganfang seinen Dienstausweis.
„Biegen sie direkt hinter der Schranke links vom Weg ab und gehen sie dann bergauf weiter“, wies der Polizist ihm freundlich den Weg.
„Danke, ich sehe es schon.“
Kurz vor Beginn des Waldes sah er eine größere Anzahl Menschen, die beschäftigt hin und her liefen. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit fast erledigt und einige der Männer räumten bereits ihr Material ein.
Egon Rothemüller, Leiter der Spusi, kam auf ihn zu.
„Hallo Ronni. Du kommst spät. Wo ist denn dein Chef?“
„Er ist krank“, antwortete Ronni spontan, was im weitesten Sinne auch stimmte.
„Du musst mit mir alleine vorlieb nehmen. Wie sieht es denn aus?“
„Dort drüben.“
Egon zeigte mit der Hand zu einer kleinen Erhebung, die mit Heidekraut bewachsen war.
„Er war bereits beerdigt. Wie mussten ihn wieder ausgraben“, lächelte Egon.
„Ach komm, lass die Scherze“, antwortete Ronni, der heute keinen Sinn für Egons makaberen Humor hatte.
„Das ist kein Scherz. Der Mörder, oder wer auch immer, hat die Leiche im Sand vergraben“, rechtfertigte sich Egon Rothemüller.
Inzwischen hatten sie den Hügel erreicht. Direkt davor hatte die Spurensicherung die Leiche freigelegt. Ungefähr einen halben Meter tiefer, als das umgebende Sandgebiet, lag sie in einer Art Grube auf dem Rücken. Die Ränder der Grube waren nicht mehr scharfkantig, da sich der Sand inzwischen gelöst hatte und in die Grube gerieselt war.
Ronni beugte sich über die Grube. Er wollte nicht zu nahe an den Rand treten, da er befürchtete, dass der Sand nachgeben und er in die Grube rutschen könnte.
Der Mann, der dort lag, war vielleicht Mitte dreißig. Ronni hatte aber so seine Probleme mit der Schätzung des Alters von Leichen. Das Gesicht war blass und sah entstellt und unnatürlich aus, was eine Schätzung erheblich erschwerte. Bekleidet war der Tote mit schwarzen Shorts und einem weißen T-Shirt von einfacher Qualität, das von getrocknetem Blut durchtränkt war. An den Füßen trug er Laufschuhe ohne Socken. Die Vermutung lag daher nahe, dass es sich um einen Jogger mit entsprechender Erfahrung handelte. Sein sportlicher Körper untermauerte diese These.
„Es handelt sich um eine männliche Leiche. Erstochen mit einem Messer mit einseitig geschliffener Klinge. Vielleicht so ein spitzes, schmales Filetiermesser, wie man es in der Küche benutzt. Ich habe acht Einstiche in den Oberkörper gezählt. Alle so circa sieben bis acht Zentimeter tief. Drei davon waren sofort tödlich. Hallo Ronni.“
Er hatte die Stimme bereits nach den ersten Worten und an dem ununterbrochenen Redeschwall erkannt. Er wartete aber, bis die Frau ihren Bericht beendet hatte. Dann drehte er sich nach der weiblichen Stimme hinter sich um.
„Hallo Susanne. Schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Auch wenn der Anlass mal wieder eine Leiche ist.“
Ronni ging auf Susanne zu und umarmte sie herzlich.
Susanne Ohlrogge war Rechtsmedizinerin und ehemalige Freundin von Frank Eisenstein. Ronni hatte sie anlässlich ihres Falls am Sieglarer See im vergangenen Jahr kennen gelernt.
„Kannst du schon etwas über den Zeitpunkt des Todes sagen?“, wollte er wissen.
„Ich schätze so vor 36 bis 48 Stunden. Allerdings ist der Mann nicht hier umgebracht worden. Es ist kaum Blut im Sand vorhanden. Das bedeutet: der Tatort ist irgendwo anders. Aufgrund der vielen Einstiche schätze ich, dass eine Menge Wut und Adrenalin beim Mörder im Spiel war.“
„Hatte der Tote Papiere dabei?“
„Ich glaube ja. Das kann dir aber Egon sagen.“
„Hatte er nicht“, meldete sich Egon, der nur einige Schritte daneben stand und die Frage mitbekommen hatte.
„Welcher Jogger hat schon seine Ausweispapiere dabei? Wir haben ein Foto von ihm gemacht. Sobald ich hier fertig bin, schicke ich es dir auf deinen PC.“
„Danke Egon“, sagte Ronni.
Für Ronni war im Augenblick dieser Mordfall zweitrangig. Außerdem war alles gesagt, was er gegenwärtig wissen musste.



