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Seitdem er Susanne gesehen hatte, beschäftigte ihn der Zustand seines Chefs mehr. Er musste mit ihr darüber sprechen. Jetzt gleich. Er nahm Susanne beim Arm und zog sie einige Schritte vom Fundort der Leiche weg, sodass Egon ihre Unterhaltung nicht mitbekommen konnte.
„Hast du in letzter Zeit mit Frank gesprochen oder ihn gesehen?“
„Nein. Seit damals habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe einige Male versucht, ihn anzurufen, um mich mit ihm zu treffen, leider ohne Erfolg. Er will anscheinend nichts mehr mit mir zu tun haben. Wo ist er eigentlich? Bist du alleine hier?“
„Ja, ich bin alleine. Frank ist krank. Nein …, nicht direkt. Er hat sich heute Mittag frei genommen. Ich habe ihn angerufen, um mit ihm hierher zu fahren. Da er nicht ans Telefon ging, bin ich zu ihm nach Hause gefahren. Er war stockbetrunken. Aber das bleibt bitte unter uns!“
„Ja natürlich. Aber das ist doch nicht Franks Art. Hast du nicht mit ihm gesprochen?“
„Ich habe es versucht, das kannst du mir glauben. Ich komme nicht mehr an ihn heran. Das geht jetzt schon eine ganze Weile so.“
„Du meinst, mit dem Alkohol. Er trinkt doch hoffentlich nicht auch während der Arbeit?“
Susanne sah Ronni mit ängstlicher Miene an.
„Doch, tut er. Das Schlimmste daran ist, dass es ihm egal ist. Seine Arbeit, die er immer geliebt hatte, ist ihm egal. Kannst du das verstehen?“
„Wir müssen etwas unternehmen. Wir müssen mit ihm reden. Ich übernehme das. Danke für die Info. Frank ist mir immer noch wichtig, auch wenn er mich damals in die Wüste geschickt hat. Du hörst von mir. Auch natürlich, was diesen Fall hier betrifft.“
Damit verließ Susanne den Fundort der Leiche.
Die Leichenträger warteten bereits, um den Toten abzutransportieren.
Auch Ronni verabschiedete sich bei Egon und ging gedankenversunken zu seinem Wagen. Die Gedanken um Frank und Susanne musste er verdrängen. Jetzt ging es um diesen Toten.
Er überlegte, wie er die Identität des Toten in Erfahrung bringen könnte. Der Tote hatte doch sicher Familie, Freunde oder Arbeitskollegen. Vielleicht lag schon eine Vermisstenanzeige vor. Wenn es ein erfahrener Läufer war, war er eventuell in Läuferkreisen bekannt. Das Foto, das Egon gemacht hatte, könnte ihm weiterhelfen.
Als er im Auto saß, kreisten seine Überlegungen wieder um Frank Eisenstein und Susanne. So hundertprozentig konnte er sich nicht auf diesen Fall konzentrieren. Zu sehr beschäftigte ihn sein Chef und Freund. Er war gespannt, ob Susanne etwas bei Frank erreichen würde.
Er musste Frank jetzt wie versprochen anrufen und mit ihm diesen Fall besprechen. Hoffentlich hielt sich auch Frank an ihre Verabredung und kam ins Büro.

Ronni ging im Präsidium den langen Flur entlang, an dessen Ende sich sein Arbeitsplatz befand. Aus dem Büro, das Eisenstein sich mit ihm teilte, drang Licht in den Flur. Die Tür stand offen. Eisenstein saß hinter seinem Schreibtisch. Die Arme verschränkt und das Kinn lag auf seiner Brust. Es schien, als schliefe er.
„Hallo Frank“, begrüßte Ronni ihn freundlich.
Sogleich schnellte Eisensteins Kopf in die Höhe. Er hatte die Gedanken seines Kollegen erraten.
„Ich habe nicht geschlafen, falls du das denkst. Ich habe nachgedacht.“
„Worüber hast du nachgedacht?“, hakte Ronni direkt nach, weil er hoffte, etwas über den Grund von Franks Volltrunkenheit zu erfahren.
„Nichts was dich und den Fall betrifft“, erwiderte Frank recht einsilbig und Ronni war klar, dass ein weiteres Nachfragen sinnlos sein würde.
„Wie geht es dir? Bist du aufnahmefähig?“, fragte Ronni vorsichtig, denn er wollte den neuen Fall mit ihm besprechen.
„Na klar. Ein Bier zu viel wirft mich doch nicht um. Das kann jedem einmal passieren.“
„Und eine halbe Flasche Wodka“, berichtigte Ronni säuerlich und verzog dabei sein Gesicht zu einer Grimasse.
„Erzähle, was gibt es?“, wechselte Eisenstein das Thema.
Offensichtlich wollte Eisenstein nicht weiter über seine Verfassung reden. Schon gar nicht über den Grund seines Absturzes.
Ausführlich berichtete Ronni, was er in der Heide vorgefunden hatte.
Er erwähnte nicht, dass er Susanne als zuständige Rechtsmedizinerin angetroffen hatte. Dass sie über ihn gesprochen hatten und dass Susanne sich womöglich bei ihm melden würde, verschwieg er ebenfalls.
„Okay, dann müssen wir abwarten, bis wir das Foto haben. Damit können wir uns dann in der Läuferszene umsehen. Du kannst ja heute noch checken, ob eine Vermisstenanzeige vorliegt. Wir sehen uns dann morgen in alter Frische“, sagte Eisenstein, stand auf und verschwand aus dem Büro.
Ronni schaute ihm entgeistert hinterher. Ihm fehlten die Worte. So uninteressiert, ja fast desolat, hatte er seinen Chef noch nicht erlebt.
Er schüttelte weitere Überlegungen über Frank von sich und warf seinen Computer an.
Das Foto des Toten lag noch nicht vor. Er suchte nach einer Vermisstenanzeige in Troisdorf und den Nachbarstädten, denn der Tote musste nicht zwangsläufig aus Troisdorf sein. Der Tatort war nicht der Fundort und konnte demnach überall sein. Vielleicht in Köln, Bonn oder Siegburg.
Nichts – keine Anzeige, die auf den Toten zutreffen könnte.
Es war inzwischen bereits spät. Unternehmen konnte er jetzt nichts mehr. Vielleicht war seine Isabelle noch wach. Er freute sich auf seine Freundin und verließ das Büro.
Felix

Es war dunkel im Kinderzimmer. Felix lag in seinem Hochbett und lauschte. Musik aus dem Wohnzimmer drang leise zu ihm herüber.
Wahrscheinlich schauen meine Eltern irgend so eine dieser blöden Musiksendungen, dachte er.
Es war schon eine gefühlte Ewigkeit her, seitdem seine Mutter ihm heute den „Gute-Nacht-Kuss“ gegeben hatte. Sein Vater kam nie zu ihm ans Bett, um „gute Nacht“ zu sagen. Meistens sagte er nur einfach „Nacht, Felix“, wenn Felix an ihm vorbei ins Kinderzimmer ging. Dabei schaute er ihn noch nicht einmal an. Das Programm im Fernsehen schien immer wichtiger zu sein. Felix hatte gelernt, diese Kälte zu erwidern. Er ging nie zu seinem Vater. Weder abends, wenn er ins Bett ging, noch bei sonstigen Gelegenheiten tagsüber. Seine Mutter war die Ansprechperson für ihn – und nur ausschließlich sie.
Zu seinem achten Geburtstag hatte sein Vater ihm einen Zwerghamster geschenkt. Ohne Käfig. Lieblos - nur in einem winzigen Karton. Dann hatte er sich wie immer mit einer Flasche Bier vors Fernsehgerät gehockt. Über seinen Geburtstag oder über den Hamster verlor er kein Wort mehr.
Felix hatte sich nie einen Hamster gewünscht. Sein Vater hatte seiner Mutter erklärte, dass ein Hamster das Einsteigetier für jedes Kind wäre.
„Er braucht wenig Platz und vor allem: er lebt nicht lange“, waren seine überzeugenden Worte.
Wo sollte Felix den Hamster lassen? Seinen Vater interessierte das recht wenig. Lediglich seine Mutter versuchte ihm zu helfen. Sie holte als Notunterkunft für das kleine Tier einen alten Vogelkäfig aus dem Keller. Die Seiten kleidete sie mit engmaschigem Kaninchendraht aus, den sie ebenfalls im Keller fand. In einer Höhe von ungefähr zwanzig Zentimetern befestigte sie eine dünne Holzplatte zwischen den Streben des Käfigs. Zwerghamster klettern gerne an den Gitterstäben empor und lassen sich von dort aus fallen. Daher darf der Käfig nicht zu hoch sein. Das war vor fünf Wochen – und dabei blieb es bis heute.
Für die Versorgung und Ernährung war Felix verantwortlich. Er besorgte Heu, das er alle paar Tage wechselte, wenn er denn daran dachte. Wenn es mal wieder in seinem Zimmer zu sehr stank, war sein Vater der erste, der ihn deshalb anmeckerte und mit Strafe drohte, wenn er den Käfig nicht sofort säuberte.
Seine Mutter schenkte ihm eine kleine Schale für Wasser, das er täglich wechseln sollte. Auch für das Futter musste er selbst sorgen. Löwenzahnblätter von der Wiese im nahen Park. Manchmal nahm er auch ein Stück Salatgurke, eine Möhre oder ein Stück Apfel von seinem Essen für den Hamster. Von seinem geringen Taschengeld sollte er hin und wieder im Zoohandel spezielles Körnerfutter kaufen. Heimlich, ohne dass sein Vater es bemerkte, kaufte meistens seine Mutter das Futter. Dafür erhielt sie dann aus Dankbarkeit einen besonders dicken Kuss.
Der Hamster, die damit verbundene Arbeit und Verantwortung war das Geschenk seines Vaters, über das er sich riesig bis zu seinem nächsten Geburtstag freuen sollte.
Inzwischen hasste er den Hamster, der natürlich nichts dafür konnte.
Am vergangenen Samstag kam sein Vater von einer mehrtägigen Montagereise zurück.
„Ich habe meinem lieben Felix auch etwas für seinen armen Hamster mitgebracht“, überraschte er Felix.
Felix nahm das hämische Grinsen seines Vaters genau wahr, als er ihm als Willkommensgeschenk zu allem Überfluss ein Laufrad schenkte. Felix warf das Geschenk wütend auf den Boden und lief weinend aus dem Zimmer. Am nächsten Tag versuchte seine Mutter nette Worte für seinen Vater zu finden und Felix zu einer gewissen Freude über das Geschenk zu überreden. Schließlich brachte sie selbst das Laufrad im Käfig an.
Jetzt lag Felix in seinem Bett und starrte in die Finsternis des Zimmers, und in seinen Gedanken beschäftigte er sich mit seiner Mutter, die er über alles liebte, mit seinem Vater, den er hasste, insbesondere jedoch mit dem grässlichen Hamster.
Wenn er auch schlafen wollte, das monotone Drehen des Laufrades im Hamsterkäfig machte das unmöglich. Das nachtaktive Tier hatte jetzt ein Gerät, womit es seinen Bewegungsdrang befriedigen konnte.
Felix hatte sich in Wut gedacht und sprang auf, kletterte die Leiter aus dem Hochbett hinab und tastete sich im Dunkeln zum Hamsterkäfig. Er öffnete die Türe und nahm den Hamster in seine Hand.
Ein Hamster hat keinen Höhensinn. Er merkt nicht, ob es aus der Situation zehn Zentimeter oder einen Meter nach unten geht. Man stelle sich die kleinen Knochen vor, wie dünn und zerbrechlich die sind. Ein Sturz aus einem Meter Höhe ist für einen Hamster wie ein Sturz aus dem zweiten Stock für uns Menschen. Wenn er sich bedroht fühlt, beißt er oder will weg, und dann springt er einfach. Unten an, kommt man bestimmt. So primitiv denkt ein Hamster.
Felix Hamster fühlte sich nicht bedroht. Er kauerte sich in der hohlen Hand. Er biss nicht und er sprang nicht.
Felix streichelte ihm mit der anderen Hand zärtlich über den Rücken.
Dann öffnete er seine Hand zu einer geraden Fläche. Der Hamster blieb zusammengekauert sitzen. Unverhofft warf er das kleine Tier mit Schwung in die Höhe.
Ein leises Aufklatschen auf dem Laminatboden entlockte Felix ein breites, lautloses Grinsen.
In der Dunkelheit suchte er den Fußboden nach dem Tier ab. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er das tote Tier gefunden hatte. Behutsam, als wenn er mit zu groben Bewegungen das Tier wieder zum Leben erwecken würde, legte er es in den Käfig.
Was für ein schrecklicher Unfall, dachte er. Hat sich der Hamster im Käfig doch selbst umgebracht!
Zufrieden legte er sich ins Bett. Ein Lächeln blieb noch lange, nachdem er eingeschlafen war, auf seinem Gesicht.
Dienstag, 8:15 Uhr

Ronni kam heute Morgen später als gewöhnlich ins Präsidium. Auf dem Flur zum Büro begegnete ihm Sybille Baum, die Büroangestellte, die ihren Arbeitsplatz im gleichen Büroraum hatte.
„Guten Morgen, Ronni. Du bis spät dran. Er sitzt bereits seit über einer Stunde am Schreibtisch“, war die erste Information, die er heute von ihr erhielt.
„Morgen, Sybille. Mit ‚er‘ meinst du bestimmt unseren Chef?“
„Na klar, wen denn sonst. Er sitzt da und schaut sich unablässig fürchterliche Bilder vom Toten von gestern an.“
„Danke, Sybille“, sagte Ronni, ohne auf ihre Information über Frank einzugehen.
Er setzte sein freundlichstes Lächeln auf, denn er wusste, dass das Sybille für die nächsten Stunden in äußerst gute Laune versetzen würde. Eilig ging er die letzten Meter zum Büro.
„Guten Morgen, Frank. Ich sehe, du bist bereits fleißig?“, sagte er mehr fragend als feststellend, nachdem er die Türe hinter sich geschlossen hatte.
„Morgen“, war Eisensteins einsilbige Antwort.
„Immer diese Gewalt, die wir uns ansehen müssen“, klagte er.
Er fuhr sich mit beiden Handflächen durch das Gesicht und lehnte sich im Stuhl zurück.
„Wir haben noch keinen Bericht von der Obduktion. Aber sieh‘ dir trotzdem diese Bilder einmal genau an und sag mir, was dir auffällt.“
Ronni setzte sich auf den Besucherstuhl auf der anderen Seite von Eisensteins Schreibtisch und nahm sich den Stapel Bilder. Aufmerksam betrachtete er jedes Bild. Eisenstein sagte nichts dazu. Er beobachtete seinen Kollegen interessiert, wie er die Bilder ein ums andere Mal durchsah.
Alle Bilder zeigten eine männliche Leiche, blasses Gesicht, schwarze Shorts, blutgetränktes weißes T-Shirt. Die acht Einstiche waren wegen des Blutes kaum erkennbar. Der linke Arm lag seitlich vom Körper, wogegen der rechte Arm nach hinten über den Kopf hinaus ragte. Am rechten Handgelenk trug der Tote eine schwarze Digitaluhr mit Stopp- und anderen Funktionen. Einen Ehering trug er nicht – das jedoch nicht unbedingt etwas zu sagen hatte. Verletzungen an Armen, Beinen und am Kopf waren nicht zu sehen. An beiden Armen befanden sich lediglich Blutspritzer, die höchstwahrscheinlich durch die vielen Einstiche am Oberkörper entstanden waren.
„Mir fällt nichts Besonderes auf. Die Menge der Einstiche lässt auf eine große Wut des Täters schließen“, sagte Ronni schließlich.
„Richtig. Das ist ein Jogger. Der läuft durch die Heide und dann soll jemand plötzlich vor ihm auftauchen und ihm acht Mal ein Küchenmesser in den Oberkörper rammen? Und der Jogger bleibt dabei unbeweglich stehen?“
Eisenstein sah Ronni eindringlich an.
„Du hast Recht. Das T-Shirt ist nicht zerrissen. Hätte sich der Mann gewehrt oder hätte er sich gedreht oder irgendwie bewegt, wäre das T-Shirt eingerissen. Außerdem versuchst du doch wegzurennen, wenn jemand mit einem Messer vor dir steht. Wäre der Täter von hinten gekommen, wären vermutlich die Stiche im Rücken. Das können wir demnach ausschließen“, kombinierte Ronni.
„Es sieht doch fast so aus, als hätte das Opfer auf dem Boden gelegen und der Täter hat dann wie wild auf ihn eingestochen. Oder das Opfer hat gestanden und eine weitere Person hat ihn festgehalten, während die andere Person auf ihn eingestochen hat. Dann muss es sich bei der Person, die das Opfer festhielt, um eine sehr kräftige Person gehandelt haben, denn wenn einer mit einem Messer vor dir steht, wirst du dich mit aller Kraft wehren.“
Eisenstein hatte sich im Drehstuhl zurück gelehnt und starrte an die Zimmerdecke.
Ja, denn wenn es um dein Leben geht, wachsen einem ungeahnte Kräfte“, ergänze Ronni.
„Ach, ich weiß nicht? Zwei Täter? Wenn zwei Personen einen Mord ausführen, bedeutet das für beide immer ein erhöhtes Risiko. “
Eisenstein schüttelte den Kopf.
„Hier, nimm einmal dieses Messer und tu so, als ob du zustichst.“
Eisenstein nahm ein langes Küchenmesser aus der Schublade und hielt es Ronni hin. Dabei baute er sich in voller Größe vor ihm auf.
„Wo hast du denn das Messer her?“, fragte Ronni ungläubig und starrte das Fleischmesser an.
„Aus unserer kleinen Küche nebenan natürlich“, antwortete Eisenstein wie selbstverständlich.
Kopfschüttelnd nahm Ronni das Messer in die rechte Hand.
„Und jetzt soll ich so tun, als ob ich zusteche?“
„Ja, sei nicht so ängstlich. Du musst ja nur so tun und nicht tatsächlich zustechen“, lachte Eisenstein.
Ronni simulierte einen Stich in Franks Bauchgegend. Eisenstein packte blitzschnell zu und hielt das Handgelenk mit dem Messer fest.
„Siehst du? Die scharfe Klinge zeigt nach unten und der Einstich würde demnach senkrecht verlaufen. Die Einstiche bei unserem Toten verlaufen aber waagerecht. Das bedeutet, der Täter hat wahrscheinlich von der Seite aus zugestochen. Womöglich hat er neben dem am Boden liegenden Opfer gekniet und dann zugestochen“, folgerte Eisenstein.
Ronni zeigte sich beeindruckt. Eisenstein ließ sein Handgelenk los und Ronni legte das Messer auf den Schreibtisch.
„Um acht Mal so tief in einen Körper einzustechen, dass drei Stiche sofort tödlich sind, braucht man Kraft. Vielleicht hat der Täter das Messer mit beiden Händen gehalten oder es muss ein kräftiger Mann gewesen sein, der auf den am Boden liegenden Körper eingestochen hat“, überlegte Ronni weiter, der inzwischen Eisensteins Theorie folgte.
„Anderseits legt sich ein Jogger nicht freiwillig auf den Boden. Eine Kopfwunde, die auf einen Niederschlag hindeutet, ist nicht vorhanden. Ich denke, wir müssen das Ergebnis der Obduktion abwarten. Vielleicht erhalten wir neue Informationen, die uns weiterhelfen. Weiß du, wann wir das Ergebnis erhalten?“, fragte Eisenstein und beendete damit seine Mutmaßungen.
„Eventuell bereits heute. Susanne wollte sich beeilen und diesen Fall vorziehen.“
„Susanne? Sag bloß, Susanne bearbeitet den Fall? Das hat mir noch gefehlt.“
Frank Eisensteins Miene verdunkelte sich merklich.
„Ja und? Sie hat sich auch nach dir erkundigt. Vielleicht meldet sie sich demnächst bei dir. Privat, meine ich“, setzte Ronni noch eins drauf.
Jetzt schien Franks gute Laune restlos dahin zu sein.
„Du weißt doch: ich will mit Susanne nichts mehr zu tun haben. Du kannst jederzeit mit ihr über den Fall sprechen, ich werde mich dabei zurückhalten. Und privat, wie du das nennst, will ich erst recht nicht mit ihr sprechen.“
Eisenstein stand auf und ging zur Bürotür. Dort drehte er sich nochmals um.
„Hör du dich mal in der Laufszene um. Ich hab etwas zu besorgen. Privat“, sagte er und warf die Tür hinter sich zu.
„Verdammt. Du sturer Hund!“, entfuhr es Ronni und er schlug mit der Hand auf den Schreitisch, so dass die Bilder, die er sich vorher angesehen hatte, kreuz und quer über den Schreibtisch und auf den Boden fielen.

Ronnis Ziel war der Troisdorfer Stadtteil Altenrath. Hier wollte er damit beginnen, die Identität des Ermordeten festzustellen. Er fuhr vom Polizeipräsidium in Bonn über die A59 nach Troisdorf und von dort über die Altenrather Straße bis Altenrath. Dies ist der Stadtteil, der am weitesten vom Troisdorfer Zentrum entfernt ist und am Rande der Wahner Heide liegt. Als er am Leichenfundort an der Altenrather Straße vorbei kam, fuhr er ein wenig langsamer und schaute in diesen Teil der Heide hinein. Die örtliche Polizei hatte die Absperrungen inzwischen entfernt und nichts erinnerte mehr an den gestrigen Leichenfund. Heute schien die Sonne und die violetten Heidekräuter leuchteten bis zur Straße herüber.
Das letzte Stück der Straße bis Altenrath nannte man „Panzerstraße“ und Ronni fand, dass die Straße diesen Namen verdient hatte. Anscheinend war die Straße nur für Panzer gut befahrbar. Für normale Autos schien sie nicht geeignet zu sein. Der Asphaltbelag hatte in großflächige Betonplatten gewechselt, die eine Menge Schadstellen aufwiesen. Der Wagen rumpelte über die Straße und Ronni musste die Geschwindigkeit drosseln. Vor Altenrath fuhr er in einen Kreisverkehr. Er war froh, wieder auf einer normal asphaltierten Straße zu fahren.
Direkt nach dem Verlassen des Kreisverkehrs lenkte er seinen Wagen auf einen großen Parkplatz am Ortseingang.
Er hatte im Internet gelesen, dass es in Troisdorf drei Lauftreffs gab. Einen in Spich, einen anderen in Troisdorf-Zentrum und einen Lauftreff in Altenrath. Es stellte sich die Frage, welchen Verein er zuerst aufsuchen sollte. Die Leiche wurde in der Wahner Heide gefunden und Altenrath lag direkt in der Wahner Heide. Daher war es für ihn logisch, zuerst den Lauftreff in Altenrath aufzusuchen. Laut den Angaben im Internet trafen sich die Mitglieder zwei Mal in der Woche, mittwochs und samstags. Heute war Dienstag. Vielleicht hatte er Glück und er würde trotzdem einen Läufer antreffen. Andernfalls musste er Passanten befragen oder Einwohner in ihren Häusern aufsuchen.
Ronni stieg aus seinem Wagen, lehnte sich gegen die Wagentüre und wartete eine Weile. Kein Läufer kam vorbei. Wie sollten sie auch. Es war Mittagszeit, die Sonne stand am höchsten Punkt und es war heiß. Mit Sicherheit keine gesunde Laufzeit.
Plötzlich wurde er durch einen fürchterlichen Lärm aus seinen Gedanken gerissen. Ein Flugzeug überflog im Landeanflug in geringer Höhe den Ortsrand von Altenrath.
Das ist ja schrecklich, dachte er.
Aber die Bewohner des Ortes würden daran gewöhnt sein. Sie wohnten schließlich in der Einflugschneise des Köln-Bonner Flughafens und dieser Lärm kam vermutlich oft am Tag vor.
Er wollte sich gerade zu Fuß in das Zentrum des Ortes aufmachen, als er vom Kreisverkehr her einen alten Mann mit seinem Hund auf sich zukommen sah.
„Guten Tag, haben Sie einen Augenblick Zeit?“, fragte der Kommissar, als der Mann ihn erreicht hatte.
„Was wollen Sie denn wissen. Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“, stellte der Hundebesitzer direkt eine Gegenfrage.
Ronni zeigte ihm seinen Dienstausweis.
„Mein Name ist Ronni Kern und ich bin Kommissar der Mordkommission Bonn. Ich habe da eine Frage. Kennen Sie diesen Mann?“
„Ah, es geht um den Toten, den man gestern dort unten bei Troisdorf gefunden hat. Ich habe es heute Morgen in der Zeitung gelesen. Schlimme Sache. Noch nicht einmal beim Laufen ist man sicher. Und die Zeitung hat auch kein Bild vom Toten veröffentlich. Wer war es denn?“
„Ja, genau. Das wollte ich gerade Sie fragen“, unterbrach Ronni den Mann.
Dabei zeigte er ein Foto des Toten.
„Mann, wie sieht der denn aus?“
Der alte Mann wandte seinen Kopf ab und zog die Stirn in Falten.
„Nun ja, er ist nun mal tot. Und Tote sehen nicht besonders hübsch aus“, antwortete Ronni und startete einen neuen Versuch.
„Schauen Sie bitte trotzdem noch ein Mal genau hin. Kennen Sie diesen Mann?“
Der Alte nahm dem Kommissar das Foto aus der Hand und hielt es mit ausgestreckten Armen vor seine Augen.
„Wissen Sie, ich habe meine Brille nicht dabei. Wenn ich meinen Hund ausführe, habe ich die nie dabei. Er ist schon alt und ich muss morgens ganz früh, mittags und abends mit ihm Gassi gehen.“
„Versuchen Sie es bitte. Kennen Sie ihn?“, unterbrach ihn Ronni erneut.
„Ja, ja. Das kann der Belgier sein. De Graaf heißt der. Wissen Sie, hier im Ort leben noch viele Belgier. Das hängt mit dem Truppenübungsplatz zusammen. Vor zehn Jahren ist das belgische Militär abgezogen und …“
„Ich muss Sie leider nochmals unterbrechen. Wissen Sie auch, wo dieser de Graaf wohnt, ich meine wohnte?“
„Na klar. Drüben im Ort. Ganz in der Nähe von St. Georg, unserer Kirche. Der Kern unserer Kirche ist übrigens aus dem 12. Jahrhundert.“
„Würden Sie mir den Weg zeigen?“
„Natürlich, der Polizei helfe ich gerne. Ich muss sowieso dorthin. Kommen Sie mit. Komm altes Mädchen“, sagte der alte Mann zu seinem Hund und ging bereits vorweg.
Ronni schloss seinen Wagen ab und folgte mit einigen Metern Abstand. Er wollte damit vermeiden, sich womöglich ungefragt die Lebensgeschichte des Alten anhören zu müssen. Seinen Weggefährten schien das nicht zu stören. Lauthals erkläre er, wer in jedem Haus wohnte, an dem sie vorbei gingen und wie sich die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Hauseigentümer und deren Nachbarn darstellten.
Vor einem großen Einfamilienhaus hielt der Mann an.
„So, wir sind da. Hier wohnte er. Zur Untermiete. Der hatte keine Familie mehr – geschieden, keine Kinder, verstehen Sie?“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich glaube, jetzt komme ich allein zurecht“, sagte Ronni und gab dem Alten zum Abschied die Hand.




