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Wut und Zorn
Der zweite Tag begann für mich grauenhaft. Ich bin um 6:45 Uhr aufgestanden, da ich eine Urinprobe abgeben musste und mir sollte Blut entnommen werden. Anschließend musste ich zum Blutdruckmessen und meine Medikamente einnehmen. Dann war der gesundheitliche Teil erst mal vorbei. Ich verstand nicht, warum die sämtliche Dinge kontrollieren mussten. Was für ein Quatsch, ich war doch nicht krank.
Um 8 Uhr war dann die Morgenrunde. Ich kam mir echt bescheuert vor. Die ganze Gruppe Rot saß im Aufenthaltsraum in einem Kreis und jeder erzählte, wie er geschlafen hatte, wie er sich fühlte und wie motiviert er war. Meine Antwort lautete: »Ich konnte nicht einschlafen, musste eine Tablette nehmen und habe dann geschlafen wie ein Stein. Motiviert bin ich kein Stück und gut geht es mir auch nicht.« Und diese Antwort war kein bisschen gelogen. Aber was interessiert es die Leute, wie ich geschlafen hatte und wie es mir ging? Ich kam mir wirklich total lächerlich vor.
Nach der kleinen Morgenrunde habe ich schnell gefrühstückt und habe noch einmal eine Stunde lang geschlafen. Dann musste ich zum EKG in ein anderes Gebäude laufen. Ins Forensik-Gebäude. Bei den Patienten hier als Schreckensgebäude bezeichnet. Warum? Dort findet man alle Arten von Ärzten – vom Neurologen bis zum Gynäkologen. Aber auch Sträflinge, die mit einem Betreuer rumlaufen und Handschellen und Fußfesseln tragen. Diese Sträflinge haben unter Wahnvorstellungen zum Beispiel Menschen getötet. Seltsamerweise macht mir das aber überhaupt keine Angst, dass sie auf diesem Gelände sind.
Nach dem EKG war Gruppentherapie angesagt. Ich muss sagen, ich war total gespannt, wie diese ablaufen würde. Wir saßen wieder alle im Kreis und jeder sollte sich vorstellen und sagen, welches Thema heute behandelt werden sollte. Eine Frau, sie war auch Mutter, schlug das Thema ›Wut und Zorn‹ vor. Ich war sofort damit einverstanden und alle anderen auch. Das war heute also für eineinhalb Stunden unser Thema. Ich freute mich innerlich darauf. Einfach zu hören, wie andere Wut verspürten. Und dann ging es los. Die anderen Patienten sprachen mir alle aus der Seele. Sie verspürten dieselbe Wut wie ich. Sie sagten, dass man wütend auf sich selbst ist, da man diese Krankheit hat. Wobei ich es nie als Krankheit, sondern eher als einen Zustand betrachtet habe. Sie sagten auch, dass man wütend ist auf andere, weil außenstehende Menschen einfach kein Verständnis zeigen. Es kommen nur so Sprüche wie: »Warum hast du denn Depressionen? Du hast doch alles, was du willst.« Oder: »Stell dich mal nicht so an und reiß dich zusammen.« Und das macht einen sehr wütend. Man sucht sich das alles nicht aus.
Ich hätte auch gerne ein normales Leben, ohne diese schrecklichen Gedanken, die in meinem Kopf kreisen. Aber das habe ich momentan nicht, und solche Sprüche und Bemerkungen machen das alles nicht besser. Und dann staut sich eine Menge Wut in einem auf, die man aber nicht loslassen kann, da man dann nicht zu der Gesellschaft passt. Deswegen schluckt man einfach alles runter und versucht, die Wut wegzudenken. Was aber nicht funktioniert. Sie bleibt in deinem Kopf und in deinem Körper verankert. Und durch diese Wut wachsen die kleinen Monster im Kopf. Sie ernähren sich nämlich von Emotionen – von schlechten Emotionen. Und Wut oder auch Zorn sind deren Lieblingsnahrungsmittel.
Ich muss wirklich sagen, dass diese Gesprächsgruppe sehr hilfreich war, was ich nie gedacht hätte. Ich fühlte mich nicht mehr alleine mit meiner Wut. Anderen geht es genauso wie mir. Sie haben dieselben Gedanken wie ich. Das war echt eine Erleichterung.
Der Nachmittag war dann sehr schön und grausam zugleich. Die Klink feierte ihr Sommerfest. Oder wie ich es so schön beschrieben habe: »Alle Bekloppten auf einem Haufen.« Und so war es wirklich. Aus allen Einrichtungen des Geländes waren die Patienten und Angehörigen da. Das Sommerfest an sich war echt schön. Ich verbrachte die Zeit mit Carolin. Später kamen noch Susanne, Insa, Karl und Christopher dazu. Sehr nette Menschen, mit denen ich mich super verstehe. Und jeder hat so seine eigene kleine Geschichte zu erzählen. So unterschiedlich können Depressionen sein und so unterschiedlich die Auslöser. Es war ein sehr spaßiger Nachmittag. Aber ich muss sagen, ich war froh, als dieser zu Ende war. Denn so schön er auch war, so anstrengend war es auch, die Maske die ganze Zeit aufrecht zu erhalten. Zum Schluss hin wurde es auch grausam. Es war einfach zu viel auf einmal. Zu viel Action, zu viele Menschen. Das war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ich war dann auch froh, als der Abend kam und ich wieder alleine in meinem Zimmer war. Zwischendurch war ich noch im Aufenthaltsraum und habe mich mit einigen anderen Patienten unterhalten. Ich kam mir schon gar nicht mehr so einsam vor. Fand endlich Anschluss.




