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Die Frage, wie es zu diesem zweifachen Prozess der Entmenschlichung – einmal nach oben und einmal nach unten – kommen konnte, führt weit hinter den Marienkult zurück. Sie bringt uns zur Geschichte des ältesten Vorurteils, das in der einen oder anderen Form alle Umwälzungen überlebt hat, in denen Reiche und Kulturen und deren Lebens- und Denkweisen sang- und klanglos untergingen. Das misogyne Vorurteil hat auch die philosophischen und wissenschaftlichen Revolutionen überstanden, die unseren Blick auf die Welt auf Dauer verändert haben. Soziale und politische Unruhen haben dazu geführt, dass sich das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern gewandelt hat, Demokratien haben Oligarchien und Alleinherrscher verdrängt, doch wie ein böser Geist, den man nicht austreiben kann, meldet sich die Misogynie zur Stelle, um unserem Ideal von der Gleichheit aller Menschen Hohn zu sprechen. Sie ist so aktuell wie die neueste Pornoseite im Internet und so alt wie die Zivilisation selbst.
Denn wir sind die Erben einer uralten Tradition, wurzelnd in den Ursprüngen der großen Kulturen der Vergangenheit, die unser Bewusstsein so nachhaltig geprägt und den Dualismus geschaffen haben, der hinter unserer Tendenz steht, der Hälfte unserer eigenen Spezies das Menschsein abzusprechen. »Der Dualismus in der Welt ist das Unbegreifliche«, schrieb Otto Weininger, der österreichische Denker und vielleicht letzte westliche Philosoph, der die Frauenfeindlichkeit philosophisch zu begründen suchte, »das Motiv des Sündenfalles, das Ur-Rätsel: der Grund und Sinn und Zweck des Absturzes vom ewigen Leben in ein vergängliches Dasein, des Zeitlosen in die irdische Zeitlichkeit, das nie enden wollende Geraten des gänzlich Schuldfreien in die Schuld.«2
Vielleicht hilft es uns, das »Rätsel« zu lösen, wenn wir seine Geschichte begreifen. Aber um seine Wurzeln erforschen zu können, müssen wir uns ansehen, was vorher gewesen sein könnte. Wenn Frauen über Jahrhunderte systematisch diskriminiert wurden, gibt es dann auch eine Geschichte der Frauen vor der Frauenfeindlichkeit?
Diese Frage bewegt die Gemüter vieler, meist feministischer Historikerinnen, wenn sie die Geschichte der Frauen jenseits der ausgetretenen Pfade der Wissenschaft, auf denen Frauen bis vor kurzem nur in ihrer Beziehung zu den Männern und ansonsten eher gar nicht in Erscheinung getreten sind, zu erforschen suchen.
Geschichte war – und ist – weitgehend die Geschichte von Männern und ihrer Einflussnahme auf die Welt in allen ihren komplexen Bereichen: Religion, Politik, Militär, Gesellschaft, Philosophie, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft. Nicht nur Feministinnen haben Geschichte in ihrem Wesen als Produkt einer patriarchalen Gesellschaft beschrieben, in der die Rolle und die Leistungen der Frauen heruntergespielt oder schlichtweg ignoriert werden. Innerhalb dieser Geschichte hat sich der Frauenhass zu verschiedenen Zeiten in verschiedenem Gewand offenbart. In den Augen mancher ist Geschichte nichts anderes als die Legende, die eine patriarchale Gesellschaft verbreiten will, und Misogynie ist die ihr zugrunde liegende Ideologie, ein Ideengebäude, mit dessen Hilfe die Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau erklärt werden soll.
Frustriert über diese historische Form des Tunnelblicks haben viele Feministinnen ihr Heil in der Vorgeschichte gesucht und eine ferne Vergangenheit mit matriarchalischer Gesellschaftsform konstruiert, in der Frauen durch ihre höhere soziale Stellung vor der Diskriminierung geschützt waren, die in späterer Zeit ihr Leben vergiften und das Frauenbild insgesamt aufs Negativste beeinflussen sollte.
Vom beginnenden 19. Jahrhundert an hat das matriarchalische Modell in dieser oder jener Form eine ungeheure Faszination auf Menschen unterschiedlichster Provenienz – von Friedrich Engels und Sigmund Freud bis zu den feministischen Vertreterinnen der New-Age-Bewegung Ende des 20. Jahrhunderts – ausgeübt. Es wurde von renommierten Wissenschaftlerinnen wie Marija Gimbutas propagiert und in Bestsellern wie Rosalind Miles’ Weltgeschichte der Frau einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Miles schreibt:
Denn am Anfang, als die Menschheit aus der Dunkelheit der Vorgeschichte aufbrach, war Gott eine Frau. Und was für eine! … Macht und Bedeutung der ersten weiblichen Gottheit sind eins der bestgehüteten Geheimnisse der Menschheitsgeschichte.3
Die Autorin entwirft eine Chronologie des Göttinnenkults, den sie in unmittelbarem Zusammenhang mit den matriarchalen Gesellschaften ansiedelt:
Wir sehen, dass der heilige Status der Weiblichkeit mindestens 25.000 Jahre lang währte. Einige Experten halten sogar einen Zeitraum von 40.000 oder 50.000 Jahren für möglich. Letztendlich gab es in diesem Abschnitt der Menschheitsgeschichte keine Phase, da die Frau nicht etwas Besonderes und Magisches darstellte.4
Schwierig wird es allerdings, wenn es darum geht, Beweise für die Existenz matriarchaler Gesellschaften zu finden. Und selbst wenn es solche Beweise gäbe, würde das an sich noch nichts an der Tatsache ändern, dass die Rolle der Frau in der Geschichte durch ihre Beziehung zum Mann definiert wird: Eine matriarchale Geschichtsdeutung setzt lediglich an die Stelle der untergeordneten eine dominante Stellung in der Gesellschaft. Aus der Zeit, in der das Matriarchat existiert haben soll, gibt es keine schriftlichen Überlieferungen. Immer wieder werden steinzeitliche Fundstücke wie die so genannten Venusstatuen, die in so weit auseinanderliegenden Gebieten wie Südfrankreich und Sibirien entdeckt wurden, als Beweis für die Verbreitung des Göttinnenkults im gesamten alteuropäischen Raum angeführt. Doch ganz so einfach ist die Deutung solcher Kunstwerke nicht. Für Vertreterinnen der Matriarchatstheorie belegen sie die Bewunderung und Verehrung, die Frauen in dieser Epoche entgegengebracht wurde. Andere interpretieren das Gegenteil in die Figuren hinein; ihre übertriebenen Proportionen, so argumentieren sie, legen nicht Verehrung und Bewunderung nahe, sondern wirken eher furchterregend. Aber selbst wenn bewiesen werden könnte, dass die Venusfiguren Ausdruck eines Göttinnenkults sind, hat die Geschichte doch gezeigt, dass Göttinnenverehrung nicht gleichbedeutend ist mit einer hohen gesellschaftlichen Stellung der Frau – gerade in der Zeit der mittelalterlichen Hexenverbrennungen erlebte die Marienanbetung eine ungeahnte Blüte.
Erst lange nach dem Ende der Altsteinzeit tauchte mit den Kelten eine vorklassische Kultur in Europa auf, die schriftliche Hinweise dafür lieferte, dass es eine matriarchalisch organisierte Gesellschaft gegeben haben könnte, bevor die Griechen und Römer der Geschichte ihren hegemonialen Stempel aufdrückten. Anhaltspunkte hierfür finden sich nicht nur in keltischen Mythen und Legenden, sondern auch in griechischen und römischen Schriften, in denen die empörenden Freiheiten kommentiert wurden, die Frauen in keltischen Kulturen genossen.
Sicher wäre es reizvoll, an die Existenz eines vergangenen Arkadien zu glauben, eines goldenen, aber verlorenen Zeitalters, in dem die Beziehung zwischen Frauen und Männern vollkommen harmonisch war; aber das ist illusionär. Bestenfalls könnte man – in Bezug auf die keltische Kultur zumindest – spekulieren, dass es einmal eine ausgewogenere Beziehung zwischen den Geschlechtern gegeben hat. In den folgenden Kapiteln wird gezeigt werden, dass diese Beziehung mit dem Aufstieg des griechischen und des römischen Reichs aus dem Gleichgewicht geriet, und wir werden den von Weininger benannten Dualismus unter die Lupe nehmen, den diese beiden Kulturen etablierten. In diesem Dualismus ist der Mann die These und die Frau die Antithese.
Im dualistischen Denken gibt es, anders als in der Dialektik, keine Synthese – der Konflikt zwischen den Geschlechtern ist auf ewig festgeschrieben. Frauen sahen sich mit einer Fülle philosophischer, wissenschaftlicher und juristischer Argumente konfrontiert, die dem Zweck dienten, ihre »naturgegebene Minderwertigkeit« gegenüber den Männern zu belegen und zu zementieren. Das Christentum fügte dem später noch sein theologisches Argument mit solchem Nachdruck hinzu, dass wir die Auswirkungen noch heute spüren.
Mit der Verbreitung der freiheitlichen Demokratie im Gefolge der Aufklärung nahm der lange Kampf um die politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen seinen Anfang. Doch der institutionalisierte Frauenhass hat sich noch nie durch den Fortschritt aufhalten lassen. Als auf die politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen in der westlichen Welt die sexuelle Revolution folgte, löste dies eine heftige Gegenreaktion fundamentalistischer Protestanten und konservativer Katholiken aus. In vielen Ländern der Dritten Welt bedrohte das Bestreben um die Durchsetzung von Frauenrechten tiefsitzende religiöse Überzeugungen und gesellschaftliche Konventionen. Die Entwicklung kulminierte im talibanregierten Afghanistan – einem Staat, der sich die Unterdrückung der Frau zum obersten Ziel gemacht hatte. Hier wurden Frauen per Gesetz aus dem öffentlichen Leben verbannt und ihrer Grundrechte beraubt – ähnlich den deutschen Juden im Nationalsozialismus, die durch die Nürnberger Gesetze zu Menschen zweiter Klasse erklärt wurden. Selten – wenn überhaupt je zuvor – hat sich das Wesen der Misogynie – die Entmenschlichung der Hälfte der Menschheit – so unverhüllt offenbart.
Frauenhass trifft uns wie kein anderer Hass, weil er auf unser tiefstes Inneres zielt. Er ist da angesiedelt, wo sich innere und äußere Welt überschneiden. Die Geschichte der Misogynie mag sich mit deren äußeren Folgen befassen, aber gleichzeitig zwingt sie uns, darüber nachzudenken, warum sich in der komplexen Beziehung des Mannes zur Frau ein solcher Hass breitmachen konnte. Am Ende sollte dieses Nachdenken die Menschen zu der Erkenntnis führen, dass die Gleichheit der Geschlechter der Boden ist, auf dessen Grundlage der Frauenhass überwunden und der ältesten Diskriminierung der Welt ein Ende gesetzt werden kann.
1 Tertullian, »De cultu feminarum« (»Über den weiblichen Putz«, deutsche Übersetzung von Heinrich Kellner), I.1, in: Private und katechetische Schriften, Reihe 1, Band 7, München, Kösel 1912
2 Otto Weininger, Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung, Wien, Leipzig, Gustav Kiepenheuer Verlag und Wilhelm Braunmüller Verlag 1932, S. 373 f.
3 Rosalind Miles, Weltgeschichte der Frau, München, Piper 1993, S. 38 f.
4 Ebd., S. 40
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Pandoras Töchter
Man kann den Zeitpunkt, an dem eine Diskriminierung beginnt, nur selten genau bestimmen. Aber wenn der Frauenhass einen Ursprung hat, dann irgendwann im 8. Jahrhundert v. Chr. irgendwo im östlichen Mittelmeerraum.
Um diese Zeit verbreiteten sich in Griechenland und Judäa Schöpfungsgeschichten von mythologischer Kraft, in denen vom Sündenfall des Menschen erzählt und die Schuld an allem daraus resultierenden Elend und Leiden den Frauen und ihrer Charakterschwäche angelastet wird. Beide Schöpfungsmythen sind fest im Weltbild der abendländischen Kulturen verankert, gespeist von ihren beiden einflussreichsten Quellen: In der jüdischen Tradition, wie sie in der Genesis erzählt (und zumindest in den Vereinigten Staaten von den meisten Menschen noch heute für wahr gehalten) wird5, ist Eva die Übeltäterin, bei den Griechen ist es Pandora.
Die Griechen sind die Gründungsväter unserer Geisteswelt. Ihre Vorstellung eines von Naturgesetzen bestimmten Universums, die der menschliche Geist erforschen und begreifen kann, ist das Fundament, das unserer Wissenschaft und Philosophie zugrunde liegt. Sie haben die erste Demokratie errichtet. Aber auch in der Geschichte des Frauenhasses nehmen sie eine herausragende Stellung als Wegbereiter eines negativen Frauenbildes ein, das sich bis in unsere Zeit gehalten hat und jede uns möglicherweise noch verbliebene Illusion, mit dem Aufstieg von Vernunft und Wissenschaft müsse zwangsläufig ein Niedergang von Vorurteilen und Hass einhergehen, zunichte macht.
Die erste schriftliche Überlieferung des Pandora-Mythos stammt von Hesiod, einem Bauern, der sich zum Dichter berufen fühlte und die Geschichte im 8. Jahrhundert v. Chr. in zwei epischen Dichtungen – Theogonie und Werke und Tage – aufschrieb. Seine als Bauer erworbenen Kenntnisse der Natur hinderten ihn nicht daran, in seinem Bericht von der Erschaffung der Menschheit einige grundlegende Tatsachen des Lebens zu ignorieren. Dem zufolge lebten die Männer nämlich, bevor die Frauen in Erscheinung traten, in seliger Selbstgenügsamkeit als Gefährten der Götter, »fern von Übeln, elender Mühsal und quälenden Leiden …«6. Wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte ist die Frau nur ein nachträglicher Einfall. Aber in der griechischen Mythologie ist damit auch noch eine bösartige Absicht verbunden. Der Göttervater Zeus will die Männer bestrafen, indem er ihnen das Geheimnis des Feuers vorenthält, so dass sie das Fleisch roh essen müssen wie Tiere. Doch der Halbgott Prometheus, der die ersten Männer geschaffen hat, stiehlt das Feuer aus dem Himmel und bringt es auf die Erde. Wütend über diese Täuschung ersinnt Zeus eine beispiellose Gemeinheit in Form eines »Geschenks«: Er will den Männern »ein Übel geben, an dem jeder seine Herzensfreude haben und doch sein Unheil umarmen soll«: Pandora, das »Allgeschenk« – »weil alle Bewohner der olympischen Häuser ihr Gaben schenkten zum Leid der schaffenden Männer«7. Kalon Kakon, wie sie im Griechischen auch genannt wird, heißt »das schöne Übel«. Sie war so schön wie die Göttinnen selbst.
Von ihr kommt das schlimme Geschlecht und die Scharen der Weiber, ein großes Leid für die Menschen; sie wohnen bei den Männern, Gefährtinnen nicht in verderblicher Armut, sondern nur im Überfluss.8
Zeus weist die Götter an, Pandora einen »hündischen Sinn und verschlagene Art einzupflanzen«. Dann schickt er sie Epimetheus, dem jüngeren Bruder des Prometheus, als Geschenk. Der erliegt ihrem Zauber und nimmt sie zur Gemahlin. Pandora bringt ein großes versiegeltes Fass mit, das sie dem Willen der Götter nach niemals öffnen darf. Das Fass ist ein tönernes, bauchiges Gefäß, wie es als Vorratsbehälter für Wein und Olivenöl und in früherer Zeit auch als Sarg verwendet wurde.9 Pandora kann der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen:
Das Weib aber hob mit den Händen den mächtigen Deckel vom Fass, ließ alles heraus und schuf der Menschheit leidvolle Schmerzen.10
Seither, so die griechische Mythologie, sind die Menschen dazu verdammt, sich zu plagen, zu altern, Krankheit und qualvollen Tod zu erleiden.
Mythen haben die Funktion, Fragen zu beantworten, wie wir sie als Kinder gestellt haben, etwa in der Art von: »Warum leuchten die Sterne?« oder: »Warum ist der Großvater gestorben?«. Sie dienen aber auch dazu, die bestehende – natürliche und soziale – Ordnung der Dinge zu rechtfertigen und prägen Traditionen, Überzeugungen und Rollen in der Gesellschaft. Einer der zentralen Glaubenssätze der griechischen und später auch der judaisch-christlichen Kultur besagte, dass der sterbliche Mann von den Göttern beziehungsweise von Gott nicht zusammen mit den Tieren, sondern in einem eigenen Schöpfungsakt geschaffen wurde. Dieser Glaube, der sich unter konservativen Christen beharrlich gehalten hat, ist auch der Grund, warum Darwins Evolutionstheorie bis heute auf so erbitterten Widerstand stößt. Der Besitz des Feuers galt als Beweis dafür, dass sich der Mann von den Tieren unterschied und dass er in der Artenhierarchie höher stand als diese. Aber dadurch, dass sich der Mann in den Besitz des Feuers brachte, trat er den Göttern zu nahe. Für diesen Hochmut nun wurde er mit der Frau bestraft, die ihn daran erinnern sollte, dass der sterbliche Mensch, gleichgültig was seine Herkunft und seine höheren Ziele sein mögen, genauso in die Welt eintritt wie das niedrigste Tier. Heute wird diese ursprünglich verächtliche Sicht von einigen ins Gegenteil verkehrt: Sie preisen gerade diese, wie sie es sehen, engere Verbindung der Frau zur Natur. Die Griechen jedoch sahen in der Natur eine Bedrohung ihres höheren Selbst, und die Frau war für sie die mächtigste (weil verführerischste) Verkörperung der Natur. Sie musste ihres Menschseins beraubt werden, obwohl sie den Fortbestand der Menschheit sicherte. Ihr gebührte Verachtung, weil sie die Lust entfachte, die uns in den Kreislauf von Geburt und Tod führt, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Die Griechen schoben nicht nur Pandora die Schuld für die Sterblichkeit des Menschen in die Schuhe, sie definierten darüber hinaus die Frau als die Antithese zur männlichen These, das »Andere«, das in festen Grenzen gehalten werden musste. Vor allem aber legten die Griechen das philosophisch-wissenschaftliche Fundament für eine dualistische Sicht der Wirklichkeit, in der Frauen auf ewig dazu verdammt waren, diese wandelbare und grundsätzlich verachtenswerte Welt zu repräsentieren. Das ist eines der Paradoxa, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen: dass einige der Werte, die uns am meisten bedeuten, in einer Gesellschaft geprägt wurden, in der Frauen erniedrigt, verunglimpft und geschmäht wurden. »Im Athen des Dunklen Zeitalters setzte sich eine auch dem heutigen Leser vertraute geschlechtsspezifische Rollenverteilung endgültig durch«11, schreibt die Historikerin Sarah Pomeroy. Das heißt, neben Platon und dem Parthenon verdanken wir Griechenland einige der billigsten geschlechtlichen Dichotomien wie die vom »guten« und vom »bösen« Mädchen.
Hesiod verfasste seine Schriften etwa fünf Jahrhunderte, nachdem die Stämme, aus denen später die Griechen wurden, als Eroberer in den Mittelmeerraum eingedrungen waren und neben dem griechischen Festland auch die umliegenden Inseln und die westlichen Küstengebiete Kleinasiens (die heutige Türkei) besetzt hatten. Im 6. Jahrhundert hatten sich die Griechen im Westen bis nach Sizilien, in die Küstenregionen Süditaliens und an die Südostküste Galliens (des heutigen Frankreich) ausgebreitet. Sie brachten ihr Pantheon kriegerischer Götter mit, deren Mächtigster Zeus mit dem Donnerkeil war. Nun ist eine Kultur noch nicht zwangsläufig frauenfeindlich, nur weil sie ein paar gewalttätige Kriegsgötter hat. Ältere Kulturgruppen, auf die die Griechen bei ihren Eroberungszügen stießen, wie die Ägypter oder die Babylonier beispielsweise, hatten Kriegsgötter in Hülle und Fülle, aber sie hatten nichts, was dem Mythos vom Sündenfall vergleichbar gewesen wäre. Im sumerischen Gilgamesch-Epos, das um 3000 v. Chr. in Mesopotamien entstand, gibt es einen Helden, der wie Prometheus die Götter herausfordert. Gilgamesch tut dies, indem er gleich ihnen Unsterblichkeit erlangen möchte; aber in diesem Fall wird keine Frau zum Instrument eines rachsüchtigen Gottes gemacht, der die Männer dafür bestraft, dass sie das Schicksal der Sterblichkeit nicht hinnehmen wollen. Gilgamesch macht auch nicht die Frauen für das »Los der Menschen« verantwortlich; daran, dass wir sterben müssen, sind die Götter schuld. Die Göttin, die über das Paradies herrscht, sagt zu Gilgamesch:
Gilgamesch, wohin läufst du? Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden! Als die Götter die Menschheit erschufen, teilten den Tod sie der Menschheit zu, nahmen das Leben für sich in die Hand. Du, Gilgamesch – dein Bauch sei voll, ergötzen magst du dich Tag und Nacht! Feiere täglich ein Freudenfest! Tanz und spiel bei Tag und Nacht! Deine Kleidung sei rein, gewaschen dein Haupt, mit Wasser sollst du gebadet sein! Schau den Kleinen an deiner Hand, die Gattin freu’ sich auf deinem Schoß! Denn auch solcher Art ist des Menschen Los!12
In der nomadischen Kultur der Kelten, die sich etwas später in Nordwesteuropa ausbreitete, gab es zwar ebenfalls jede Menge Geschichten vom gefundenen und verlorenen Paradies, aber den Mythos vom Sündenfall sucht man auch hier vergebens. Wie die Sumerer stellten sich die Kelten das Paradies als blühenden Garten vor, in dem schöne Frauen herrschen und die Männer verführen, sich einem Leben in Glückseligkeit hinzugeben. Der einzige Konflikt, der daraus resultiert, ist der innere Zwiespalt des Mannes, der zwischen Heimweh und seinem Verlangen nach den Frauen des Gartens hin- und hergerissen ist. Hier gibt es die Lust, aber ganz ohne negative Folgen. Die Kelten kennen keine Entsprechung der Pandora oder der Eva.
Die Götter des Pantheon – der Überlieferung nach auf dem Olymp angesiedelt – wurden zu den Nationalgöttern Griechenlands und erhielten ein paar charakteristische Wesenszüge. Vier der fünf höheren Göttinnen sind entweder jungfräulich oder geschlechtslos. Die wichtigste von allen, Athene, ist so androgyn wie die Freiheitsstatue im Hafen von New York. Sie wird gewöhnlich mit Schild, Schwert und Helm dargestellt, gekleidet in ein langes, schweres Gewand, das ihre Körperformen verhüllt. Aphrodite, die Göttin der Liebe, verhält sich gelegentlich wie ein himmlischer Schwachkopf. Die Geschlechtslosigkeit der griechischen Göttinnen steht in eklatantem Gegensatz zur gewalttätigen Draufgängernatur ihrer männlichen Gegenparts. Und zu allem Überfluss steht dem griechischen Pantheon mit Zeus ein Serienvergewaltiger als Göttervater vor. Fast alle seine zahlreichen Nachfahren sind durch Vergewaltigung einer sterblichen Frau gezeugt, mit Ausnahme von Athene und Dionysos, die Zeus höchstpersönlich gebiert. Athene entspringt – in voller Rüstung, mit Schwert und Schild – dem Kopf des Zeus, Dionysos wird aus seinem Schenkel geboren.
Alle Religionen verlangen von uns, dass wir an das Unmögliche glauben. Im Schöpfungsmythos um Pandora, in dem Männer ohne weibliches Zutun das Licht der Welt erblicken können, drückt sich die männliche Wunschvorstellung von einer autarken, von Frauen gänzlich unabhängigen Existenz aus. Der unmögliche Wunsch gipfelt im griechischen Pantheon in dem männlichen Anspruch, Frauen ausgerechnet da für überflüssig zu erklären, wo sie tatsächlich unentbehrlich sind – bei der Fortpflanzung. So absurd der Mythos vom Göttervater, der zur Mutter der Götter wird, auch klingen mag, erhielt er doch Auftrieb durch Aristoteles’ Lehre, in der die Rolle der Mutter während der Schwangerschaft als eine rein nährende definiert ist. Er sah sie als passive Empfängerin des männlichen Samens, der außer der Umgebung alles enthält, was der Fötus zu seiner Entwicklung benötigt. Was immer die Frauen können, die Männer können es offenbar besser – auch wenn man noch von keinem griechischen Mann gehört hat, der sich darum gerissen hätte, Möglichkeiten seiner Befruchtung und Gebärfähigkeit zu erforschen.
Die Frauenfeindlichkeit breitete sich in Griechenland im 8. Jahrhundert v. Chr. genau zu der Zeit aus, als der Einfluss der Familiendynastien nachließ und die Macht auf den Staatskörper des Stadtstaates überging. Die Historikerin Susan Blundell schreibt:
Wo die politische Macht im Herrscherhaus wurzelte, waren die Grenzen zwischen familiären und politischen, zwischen privaten und öffentlichen Dingen nicht annähernd so scharf gezogen. Die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen war fließend, und so kam es, dass eine Frau – in Abwesenheit ihres Mannes – politische Macht ausüben konnte.13
Bündnisse zwischen Adelsfamilien waren von großer Bedeutung, und die Frauen spielten beim Knüpfen solcher Bande eine entscheidende Rolle. Das spiegelt sich im Werk Homers, eines der begnadeteren Zeitgenossen Hesiods. In der Ilias, der Geschichte von der Belagerung Trojas, hat Menelaos von Sparta seiner Gattin Helena die Königswürde zu verdanken. Für ihn ist es nicht nur ihrer unvergleichlichen Schönheit wegen lebenswichtig, Helena wiederzubekommen, nachdem sie sich mit Paris nach Troja davongemacht hat, sondern vor allem deshalb, weil sein Thron davon abhängt.
In der Ilias und in der Odyssee greift Homer auf Geschichten aus der älteren dynastischen Zeit zurück. In diesem ursprünglichen Stoff sind Frauen im Allgemeinen positiv porträtiert: Sie sind komplexe, starke Charaktere und gehören zum Einprägsamsten, was die Literatur zu bieten hat. Das Ende dieser Periode ging einher mit dem Übergang von der Hirtenkultur zu einer arbeitsintensiveren Ackerbauwirtschaft, in der die Sicherung von Besitz ein wichtiges Anliegen war. Aber wie jede andere Form eines tiefsitzenden Hasses kann man die Frauenverachtung, die aus Hesiods Werken und überhaupt aus den noch existierenden Schriften des 8. Jahrhunderts spricht, nicht allein auf die Veränderungen der politischen und gesellschaftlichen Strukturen zurückführen. Sie schufen lediglich den Rahmen, der es Männern leicht machte, sich als Frauenhasser zu profilieren.14 Die Frau, gegen die sich dieser Hass am vehementesten Bahn brechen konnte, war eine Erfindung des 8. Jahrhunderts: Helena von Troja, Playmate der griechischen Misogynie, das Gesicht, »das tausend Schiffe trieb, [das] Trojas Feste hat in Brand gesteckt«15.




