Lost Place - Jellas Geheimnis

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Der Bauer fuhr mich auf seinem Trecker nach Hause und schimpfte den ganzen Weg lang, wie dumm und unvorsichtig ich gewesen war, so dicht am Ufer zu spielen. Drei Jahre zuvor war ein kleiner Junge in den Fluss gefallen und ertrunken. Er hatte im Garten gespielt und war, als die Mutter kurz hineingegangen war, um nach dem Essen zu schauen, das auf dem Herd stand, wohl zum Fluss gelaufen. Nachdem die Mutter das Verschwinden bemerkt hatte, wurde eine große Suchaktion gestartet, aber seine Leiche war erst am nächsten Morgen, kilometerweit flussabwärts, entdeckt worden.
Jeder im Ort kannte die traurige Geschichte – und allen Kindern war es verboten, am Fluss zu spielen. Auch meine Eltern hatten mich eindringlich vor der Gefahr, die vom Fluss ausging, gewarnt und mir streng verboten, in der Nähe des Flusses zu spielen. Zu meinem Schrecken über das Hineinfallen, der Erleichterung, Bruno wiederzuhaben, den ich fest an mich drückte, und der Verzweiflung, dass mein Opfer vermutlich umsonst gewesen war, gesellte sich nun noch die Angst vor dem Zorn meiner Eltern und der daraus resultierenden drohenden Strafe.
Als wir mit dem tuckernden Trecker um die Ecke bogen, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Vorhänge vor dem Fenster meiner Mutter waren OFFEN. An einem REGENTAG. Das passierte NIEMALS. An Regentagen lag meine Traurigmama im Bett. Immer. Und die Vorhänge waren zu. Immer. Nun waren sie offen. Halb tauchte Hoffnung in mir auf, dass mein schiefgelaufener Plan doch irgendwie funktioniert hatte. Aber eigentlich spürte ich ganz genau, dass hier etwas völlig anders war als sonst.
Auf unser Klingeln öffnete niemand. Der Bauer grummelte vor sich hin und ging ums Haus, um es an der hinteren Tür zu versuchen. Als auch hier niemand reagierte, spähte er durch das Küchenfenster und stellte schließlich fest, dass niemand da sei. Ratlos kratzte er sich am Kopf und überlegte offensichtlich, was er nun mit diesem durchnässten, frierenden und verängstigtem Mädchen anfangen sollte. Gerade als er mich wieder auf den Trecker hob und verkündete, dass wir erst einmal zu seiner Frau nach Hause fahren würden, und die würde schon wissen, was zu tun sei, kam unser Nachbar Herr Grünewoldt aus der Tür seines kleinen Bungalows gestürzt.
Herr Grünewoldt war Rentner und nicht mehr gut zu Fuß. Seit seine Frau vor drei Jahren gestorben war, war er meistens allein, denn Kinder gab es nicht, und seine wenigen Freunde waren alle gestorben oder früh ausgewandert, wie er mir öfter erzählte, wenn ich auf ein Schwätzchen bei ihm vorbeischaute. Ich mochte ihn gerne. Im Spätsommer, wenn die Raben schon die Kirschen von seinem immer übervollen, wunderschönen Kirschbaum pickten, erlaubte er mir immer, die schönsten Kirschen von den tief herabhängenden Zweigen zu pflücken, und ich durfte so viele von den saftigen, dunkelrot glänzenden Früchten essen, wie ich nur wollte.
Nun aber humpelte Herr Grünewoldt aufgeregt auf uns zu. Er sah mich besorgt an und murmelte aufgeregt mit dem Bauern. Ich verstand nur Wortfetzen: „… Krankenhaus ... wohl schon länger ... seit Wochen nicht mehr aufgestanden ... auch an das Kind denken.“ Ich verstand zwar nicht alles, aber ich begriff, dass es um meine Mama gehen musste. Denn sie hatte die letzten Wochen tatsächlich fast ausschließlich bei zugezogenen Vorhängen in ihrem Zimmer verbracht. Es hatte keine Sonnentage bei uns mehr gegeben, nur noch dunkle Wolken – und immer öfter auch Regentage.
Herr Grünewoldt sagte mir, dass mein Vater am Nachmittag von seiner Geschäftsreise zurückgekommen sei und meine Mutter sehr krank vorgefunden habe. Er sei sofort mit ihr ins Krankenhaus gefahren und ich solle erst einmal bei Herrn Grünewoldt bleiben. Mein Vater würde mich dann abholen, wenn er wieder zu Hause wäre.
Nachdem Herr Grünewoldt mir ein viel zu großes Schlafanzugoberteil von sich gegeben hatte, das ich wie ein Kleid tragen konnte, und meine nassen Sachen in die Waschmaschine gesteckt hatte, setzte er mich mit einer Decke und einem heißen Kakao auf die Couch, wo ich vor Erschöpfung und Müdigkeit fast sofort einschlief.
Ich erwachte, weil ich leises Sprechen hörte. Ich rieb mir die Augen und konnte mich zuerst nicht erinnern, wo ich war und was passiert war. Von draußen fiel dämmeriges Licht durch das Fenster herein. Ein Gewitter lag in der Luft, man konnte es in der Ferne schon leise grollen hören. Die Luft schien zu stehen, es war stickig im Raum. Ich lauschte auf die leise Stimme im Flur. Herr Grünewoldt schien zu telefonieren.
„Ja. ... Ja, schrecklich ... Ich auch nicht, nie. Hätte ich nie vermutet. ... Ja, das Mädchen ist noch hier. Der Vater ist noch im Krankenhaus. … „Ich weiß … Hat sie wohl gerade noch rechtzeitig gefunden … Tabletten neben dem Bett … nicht mehr ansprechbar… Nein, sie hat nichts mitbekommen … am Fluss gespielt … vollkommen durchnässt … Schande, immer allein ...“ Das Gespräch zog sich noch eine Weile, dann legte Herr Grünewoldt auf. Ich hörte leise Schritte auf mich zukommen, kniff schnell die Augen zu und stellte mich schlafend. Die Schritte entfernten sich wieder.
In meinem Kopf raste es. Ich verstand nicht genau, was ich gehört hatte. Aber es klang ernst. Richtig ernst. So, als ob Mama sehr, sehr krank geworden war. Hatte sie die falschen Tabletten genommen? Neben ihrem Bett standen immer welche, die Mama nahm, um besser schlafen zu können. Sie konnte nämlich oft nachts nicht schlafen. Waren diese Tabletten vielleicht schlecht für sie? Ich hatte sie beim Spielen einmal heimlich aus der Schachtel genommen, obwohl ich eigentlich nicht in Mamas Zimmer gehen durfte. Aber ich war allein zu Hause gewesen und konnte der Versuchung nicht widerstehen, heimlich in das mir eigentlich verbotene Zimmer zu gehen. Die Tabletten hatten eigentlich harmlos ausgesehen, kleine, runde, weiße Pillen. Ich hatte damals schnell das Interesse verloren. Aber irgendwie mussten sie Mama geschadet haben, so hatte ich Herrn Grünewoldt jedenfalls verstanden.
Am Abend, nachdem ich unseren Nachbarn drei Mal bei Mensch ärgere Dich nicht und zehnmal bei Mau Mau geschlagen und seine gesamten Keksvorräte aufgegessen hatte, kam mein Vater, um mich abzuholen. Er sah unglaublich erschöpft aus und wirkte um Jahre gealtert. Ernst bedankte er sich bei Herrn Grünewoldt, der vergaß, ihm zu erzählen, in welchem Zustand ich bei ihm aufgetaucht war. Oder vielleicht wollte er meinen Vater auch einfach nicht noch mehr beunruhigen.
Mein Vater sagte, meine Mutter werde wieder gesund werden, müsse aber einige Zeit im Krankenhaus bleiben und werde dann noch in ein anderes Krankenhaus müssen. Aber es werde schon wieder alles werden. Dann nahm er mich an der Hand, ohne zu bemerken, dass ich immer noch das viel zu große Schlafanzugoberteil trug und den nach wie vor klitschnassen Bruno an mich drückte, und wir gingen hinüber zu unserem großen, dunklen Haus. Mein Vater schloss die Tür auf, machte Licht und wir gingen in die Küche. Das Haus wirkte entsetzlich leer und still. Ich bekam Angst und fing an, zu weinen.
Mein Vater sah mich ernst an, nahm meine Hand und sagte, ich müsse mir keine Sorgen machen, Mama sei sehr krank geworden, werde aber wieder gesund. Das werde aber eine Weile dauern. Mama müsse in ein Krankenhaus, das weit entfernt sei, weil es nur da die richtige Behandlung für sie gebe, und wir würden sie eine Zeit lang nicht besuchen können. Für die Zeit, bis Mama wieder zu Hause sei, werde Frau Hansen, unsere Putzfrau, bei uns wohnen und sich um mich kümmern. Mein Vater hatte schon vom Auto aus mit ihr telefoniert und alle Details besprochen. Sie würde am nächsten Morgen mit ihren Sachen zu uns ziehen und so lange bleiben, bis Mama wieder nach Hause könne. Vielleicht auch ein bisschen länger, damit Mama sich dann in Ruhe wieder zu Hause eingewöhnen könne. Nachdem mein Vater mir das erklärt hatte, beugte er sich vor, sah mich an und sagte: „Du musst jetzt ein großes Mädchen sein. Mama soll sich keine Sorgen um dich machen müssen, versprochen?“
Ich nickte ernst. Hauptsache, Mama kam bald wieder und alles wäre wieder gut.
Frau Hansen zog bei uns ein und kümmerte sich um den Haushalt. Mit mir konnte sie nicht sonderlich viel anfangen. Sie war nicht unfreundlich, aber sie hatte selbst keine Kinder und schien sich auch nicht besonders für sie zu interessieren. Sie kochte mir gut schmeckende, gesunde Mahlzeiten, wusch, bügelte und hängte meine Kleidung auf, aber damit erachtete sie ihre Pflicht mir gegenüber als getan. Es gab keine Gutenachtgeschichten oder gemütliche Spielenachmittage am Küchentisch wie früher mit Mama an Mamas Sonnentagen. Mein Vater war noch seltener als vorher zu Hause. Wenn ich ihn sah, war er meistens mit irgendetwas Wichtigem beschäftigt. Also machte ich, so gut es ging, mit meinem Leben weiter, nun ohne Mama, und betete jeden Abend, dass sie bald wieder da sein würde.
In der Schule taten die anderen, als wäre alles wie immer. Zwar wussten alle, was passiert war, denn unser Ort war klein und Neuigkeiten sprachen sich meistens schnell herum. Es sprach mich aber niemand darauf an, und ich wollte auch gar nicht darüber reden. Das Getuschel und die Blicke hinter meinem Rücken versuchte ich, zu ignorieren.
Der gemeine Luis aus der Nachbarklasse, vor dem man sich besser in Acht nahm, weil er einem richtig fest in den Arm kniff oder an den Haaren zog, wenn er schlechte Laune hatte, was ziemlich oft vorkam, schrie mir einmal auf dem Nachhauseweg: „Deine Mama ist in der Klapse, die ist verrückt!“, hinterher und brachte mich damit zum Heulen.
Ich wusste nicht, was Klapse bedeutet, aber meine Mama war ganz sicher nicht verrückt. Luis war einfach nur fies.
Papa hatte gesagt, Mama sei krank und im Krankenhaus würde sie gesund gemacht. Daran hielt ich mich fest, das wurde mein Mantra. „Im Krankenhaus wird Mama gesund.“ Ich sagte es in meinem Kopf immer siebenmal ganz schnell hintereinander. Wenn ich es immer siebenmal sagte, beruhigte mich das und ich wusste, es würde alles gut werden. Sieben war eine gute Zahl. Im Gegensatz zu vier, vier machte alles unschön und unsicher. Vier mochte ich überhaupt nicht. Ich begann, auch andere Sachen zu zählen, zum Beispiel die Pflastersteine auf dem Weg zur Schule. Das dauerte ziemlich lange, und ein paar Mal kam ich deswegen auch zu spät. Aber es beschäftigte und beruhigte mich. Ich mochte es, wenn die Dinge geordnet und immer gleich waren. Veränderungen waren gefährlich. Dann konnte es zum Beispiel passieren, dass eine Mama nicht mehr da war.
Wahrscheinlich war es in dieser Zeit, als ich lernte, mich unsichtbar zu machen. Zwar war ich auch schon vorher ein eher stilles, ernsthaftes Kind gewesen. Ich hatte früh gelernt, gut zu beobachten und zu erkennen, was Anzeichen für gute Tage waren (offene Vorhänge, Geräusche im Haus, Essen auf dem Herd), und wann ich besonders lieb und still sein musste, weil Mama schlafen musste und keinen Lärm ertragen konnte (sicherstes Anzeichen: as Fehlen jeglicher Geräusche im Haus, als hielten selbst die Teetassen im Küchenschrank die Luft an, und es kam einem so vor, als tickte sogar die Uhr leiser). Aber an guten Tagen war ich auch fröhlich und ausgelassen wie alle Kinder.
In dieser Zeit aber gab es wenig Grund für mich, zu lachen. Das Haus war bis auf mich und Frau Hansen meistens leer. Mein Vater war häufig auf Dienstreise und verbrachte die wenige Zeit, die er zu Hause war, in der Regel in seinem Büro. An manchen Wochenenden besuchte er Mama im Krankenhaus, wohin er mich aber nie mitnahm, weil es Mama noch nicht gut genug ging für zwei Besucher.
Nach ein paar Wochen sagte mir mein Vater, dass meine Mutter nun in ein anderes, weiter entfernt gelegenes Krankenhaus gebracht werde, um sich zu erholen. Ich stellte mir vor, dass Mama nun wie eine Königin in einem Himmelbett schlafen würde, nur die besten Speisen bekäme und von vorne bis hinten bedient würde.
Über all das konnte ich mit niemandem sprechen. Enge Freunde hatte ich nicht, da ich nie jemanden mit nach Hause gebracht hatte. Das Risiko, dass Mama einen Regentag haben könnte, war unkalkulierbar für mich. Ohnehin war ich schüchtern und traute mich nicht, jemanden zu fragen, ob er mich besuchen wolle. Die anderen Kinder beachteten mich wenig. Für sie war ich die stille, langweilige Jella, die gute Noten hatte, schlecht in Sport war und ihre Nase in der Pause meistens in ein Buch steckte. Das war schon alles, was sie über mich wissen mussten. Uninteressant.
*
Anni
Gerade in dieser Zeit, als ich das Gefühl hatte, dass sich über mein Leben eine dicke, dunkle, bedrohliche Gewitterwolke geschoben hatte, passierte dann aber etwas, das wieder Licht zu mir brachte. Richtiges, helles, strahlendes Sonnenlicht.
Wir hatten Mathe bei Herrn Dorn. Er schrieb Gleichungen an die Tafel, irgendwas Kompliziertes mit a, b und c, und ich beobachtete eine dicke Hummel, die auf dem Fensterbrett neben meinem Platz gelandet war. Die Hummel spazierte schon eine ganze Weile hin und her und startete immer wieder kurze Flugmanöver, um nach draußen zu gelangen, wo grüne Büsche und bunte Blumen auf sie warteten. Da das Fenster geschlossen war, kam die Hummel natürlich nicht hinaus, versuchte es aber immer wieder. Sie tat mir leid und ich fasste den Plan, sie in der Pause nach draußen zu bringen.
Plötzlich wurde die monotone Stimme meines Lehrers durch das Öffnen der Tür unterbrochen. Unsere Schulleiterin Frau Henkel kam herein. Ihr folgte ein kleines, rundliches Mädchen in einem so bunten Kleid, das einem fast die Augen vom Hinschauen tränten. Darunter steckten ihre Beine in einer verwaschenen Jeans und an den Füßen trug sie Turnschuhe, aus denen zwei unterschiedliche Socken ragten. Sie hatte braune, halblange, wild gelockte Haare, die ihr in lustigen Kringeln über die Schulter fielen, und Sommersprossen auf der Nase. Ihre grünen Augen lachten freundlich. Ich mochte sie sofort.
„Kinder, ihr habt eine neue Mitschülerin“, sagte Frau Henkel mit ihrer tiefen Stimme. Frau Henkel sah aus wie ein Mann und benahm sich auch so, weswegen es immer wieder von haltlosem Gekicher begleitete Spekulationen von uns Kindern gab, dass Frau Henkel in Wirklichkeit auch ein Mann WAR und sich nur als Frau VERKLEIDETE. Was dazu führte, dass, sobald Frau Henkel den Mund aufmachte, um etwas mit sonorer Stimme kundzutun, garantiert mindestens einer von uns anfing loszugackern.
Auch jetzt braute sich das übliche Gekicher über uns zusammen, die Ersten machten schon glucksende Geräusche. Karl, der in der letzten Reihe saß, gab Brummgeräusche von sich, die Frau Henkels Bass nachahmen sollten. Wie immer ließ sie sich dadurch in keiner Weise beeindrucken.
„Ihr bekommt eine neue Mitschülerin. Das ist Anni.“ Sie deutete auf das Mädchen neben sich. „Sie ist gerade mit ihrer Familie hierhergezogen. Ihre Mutter ist die neue Pastorin der evangelischen Kirche in Oststeinwerder, in der jetzt endlich wieder Gottesdienste stattfinden können. Ihr wisst ja, wie lange die Stelle unbesetzt war.“ Hier schaute sie missbilligend. Jeder wusste, dass Frau Henkel sich sehr im Kirchenrat engagierte und schon oft und laut ihre Meinung kundgetan hatte, dass es ein Unding sei, die Stelle der Pfarrei im Nachbarort so lange unbesetzt zu lassen. Dann blickte die Schulleiterin prüfend in die Runde und blieb an dem leeren Platz neben mir hängen. Neele, die sonst neben mir saß, war gerade krank und ihr Platz somit leer.
„Du kannst dich dorthin setzen, neben Jella. Sie wird dir alles zeigen und sich um dich kümmern, bis du dich bei uns zurechtgefunden hast, Anni.“ Aufmunternd nickte sie Anni zu, drehte sich um und verließ dann in gewohntem Stechschritt das Klassenzimmer.
Der Aufmunterung hätte es allerdings gar nicht bedurft, denn Anni fühlte sich sofort heimisch bei uns in der Klasse. Sie erzählte, dass sie schon mehrere Male umgezogen sei, weil das bei Pastoren so üblich sei. Dadurch würde sie immer wieder neue Freunde finden. Ihr Papa arbeite zu Hause, das sei super, denn so sei immer jemand da, der sich um Anni und ihre drei (!) Brüder kümmern konnte, wenn ihre Mutter nicht zu Hause war. Ich war beeindruckt. Vier Kinder! Das war bestimmt immer richtig trubelig und fröhlich bei denen. Ganz anderes als in meinem stillen Zuhause!
Annis fröhliche, unbefangene Art faszinierte mich sofort. Und das Wunder geschah: Wir freundeten uns an! Anders als die anderen Kinder fand sie mich nicht langweilig und störte sich nicht an meiner stillen Art. Sie stellte mir einfach ununterbrochen Fragen und so redete ich automatisch. Es war faszinierend. Noch nie hatte jemand so viel über mich wissen wollen. Anni interessierte sich einfach für alles – was ich gerne aß, was meine Lieblingsfarbe war, ob ich Geschwister hatte und ob ich Mathe nicht auch so blöd und überflüssig fand.
Ich freute mich, mit ihr zu reden, nur über meine Familie und mein Zuhause mochte ich nicht viel erzählen. Dafür liebte ich es umso mehr, bei Anni zu Hause zu sein. Sie und ihre Familie bewohnten das Pfarrhaus im Nachbarort – eine große, alte, etwas heruntergekommene Villa mit einem herrlichen Garten, in dem man toben, Fußball spielen und auf den alten Apfelbaum klettern konnte. Wenn man zur Tür hereinkam, stolperte man meist direkt über eine Ansammlung aus verschiedensten Schuhen, Schulranzen und Jacken, die immer direkt dort liegengelassen wurden, wo man sie auszog.
Das hätte es bei uns niemals gegeben. Frau Hansen putzte und ordnete den Eingangsbereich immer ordentlich. Und auch ich war es so gewohnt, meine Jacke immer gleich an der Garderobe aufzuhängen und die Schuhe ins Schuhregal zu stellen.
Annis Brüder sahen sich alle sehr ähnlich und waren im Abstand von immer nur einem Jahr geboren worden. Anni war das Nesthäkchen und fünf Jahre jünger, was sie auch oft zu spüren bekam. Aber sie wusste sich zu wehren, und ich liebte es, ihr dabei zu helfen. Einmal rupften wir den ganzen Nachmittag Gras aus einer Ecke des Gartens aus und verteilten es heimlich großzügig im Bett von Erik, Annis zweitältestem Bruder, nachdem er uns als dumme kleine Babys verhöhnt und ausgelacht hatte, weil wir es nicht geschafft hatten, ganz oben auf den höchsten Ast im Apfelbaum zu klettern.
Annis Vater war meistens zu Hause. Er arbeitete als freier Journalist, trug immer die gleiche ausgebeulte Jeans und Vollbart. Er kochte und kümmerte sich auch überwiegend um den Haushalt. Annis Mutter wurde schnell eine wichtige Persönlichkeit im Nachbarort. Als Pastorin hatte ihre Meinung Gewicht und durch ihre freundliche, klare und direkte Art machte sie bei den meisten Menschen Eindruck.
In Annis Haus herrschte meistens Lachen und wuselige Lebendigkeit. Annis Eltern waren immer freundlich zu mir und behandelten mich ganz selbstverständlich, als gehörte ich zur Familie. Dank Anni und ihrer Familie wurde dieser Sommer, in dem Mama weg war, doch noch schön, sogar schöner als alle Sommer zuvor. Zum ersten Mal hatte ich eine richtige, beste, sogar ALLERBESTE Freundin und erlebte, was es heißen konnte, als Familie zusammen zu sein. Bei Annis Familie fühlte ich mich sicher und unbeschwert. Bald kannte ich Annis geheimsten Geheimnisse und sie meine.
Als Einzige – außer mir und meinem Vater – wusste sie nun von Mamas Regentagen. Als ich ihr zögerlich berichtete, wie es oft bei uns zu Hause war, drückte sie meine Hand und sagte unbeeindruckt: „Das war vielleicht früher so, aber wenn deine Mama nach Hause kommt, dann bringen wir sie zum Lachen und sie wird immer fröhlich sein. Wir kümmern uns ganz toll um sie.“ Für Anni war es sonnenklar, warum meine Mama nun schon so endlos lange weg war. „Sie muss ja sehr krank gewesen sein, wenn sie immer so viel schlafen musste, das muss ich nämlich auch immer, wenn ich Halsschmerzen habe. Doch dann bin ich wieder gesund. Und weil sie so lange krank war, braucht deine Mama jetzt auch ganz lange, um wieder gesund zu werden.“ Anni hatte für alles eine Erklärung. Ganz anders als ich stellte sie die Dinge nie in Frage, sondern machte einfach das Beste aus allem.
An einem Samstagnachmittag am Ende der Sommerferien saß ich mit Anni und meinem Vater auf unserer Terrasse im Schatten der hohen Tanne, die mein Urgroßvater vor Ewigkeiten dort gepflanzt hatte. Wir tranken eiskalte Zitronenlimonade und aßen leckeren Apfelkuchen, den Frau Hansen morgens noch gebacken hatte, bevor sie bis Sonntagabend nach Hause gegangen war wie jedes Wochenende. Mein Vater hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen und den Kuchen noch nicht angerührt.
Anni und ich kicherten über Herrn Grünewoldt, der im Nachbargarten vergeblich versuchte, große, blütenweiße Bettlaken unfallfrei auf der für ihn etwas zu hoch angebrachten Wäscheleine aufzuhängen. Dreimal war das Laken schon auf den frisch gemähten Rasen gesegelt – und dreimal hatte unser Nachbar es, begleitet von leisem Fluchen, wieder aufgehoben, um es erneut zu probieren. Früher hatte die Wäscheleine einmal die richtige Höhe gehabt, doch seit das Gehen für ihn in den letzten Jahren immer schlechter wurde, tat sich Herr Grünewoldt schwer mit dem Aufhängen so unförmiger Wäscheteile.
Mein Vater schien die Nöte unseres Nachbarn im Gegensatz zu uns gar nicht zu bemerken. Gedankenverloren rührte er in seiner Kaffeetasse. „Am Montag kommt Mama nach Hause“, sagte er unvermittelt.
Ein freudiger Schock durchfuhr mich, und ich sprang von meinem Stuhl auf. „Wirklich? Mama kommt?“, fragte ich ungläubig.
Anni klatschte begeistert in die Hände und ließ ein lautes Indianergeheul los. Ich konnte es kaum fassen. Mama würde endlich zurückkommen! Was ich mir den ganzen Sommer so gewünscht hatte, würde nun endlich passieren.
Papa legte den Löffel beiseite und trank vorsichtig einen Schluck. Dann verzog er das Gesicht, denn der Kaffee war mittlerweile nur noch lauwarm.
„Mama wird vielleicht ein bisschen anders sein“, fuhr er fort. „In der Klinik hat Mama ein Medikament bekommen, damit sie sich besser fühlt. Das Medikament hilft ihr, aber es hat auch Nebenwirkungen. Mama ist oft müde davon. Wir müssen also besonders lieb zu ihr sein, wenn sie wiederkommt.“ Er schaute mich prüfend an.
Ich strahlte. Natürlich würde ich von nun an IMMER lieb sein, was für eine Frage! Sogar NOCH LIEBER als vorher! Ich würde das ALLERLIEBSTE Kind überhaupt sein, und Mama würde nie mehr weggehen. Und traurig bräuchte sie auch nicht mehr zu sein mit dem neuen Medikament und dem allerliebsten Kind der Welt.
Das ganze restliche Wochenende wirbelte ich mit Anni durchs Haus, um alles besonders schön für Mama zu machen. Wir dekorierten die Fensterbänke, falteten Decken, stopften Kissen auf die Couch und zogen besonders schöne Bettwäsche auf Mamas Bett. Abends lag ich im Bett und konnte vor Aufregung nicht schlafen, weil nun bald alles so schön werden würde.
*
Maya
Am Montagnachmittag konnte ich meine Nervosität kaum noch bändigen. Vor lauter Aufregung, Vorfreude und auch ein bisschen Angst hatte ich in der Nacht kaum schlafen können. Anni und ich standen erwartungsvoll in der Diele, während Papa mit unserem Mercedes in die Einfahrt gefahren kam. Als Papa anhielt, blieb meine Mutter noch einen Moment lang sitzen. Irgendwann schien es, als gäbe sie sich einen Ruck, dann stieg sie aus. Mama blieb stehen und blickte um sich, als sehe sie unser Haus und den Garten mit der hohen, alten Tanne zum ersten Mal. Aufmerksam musterte sie alles.
Und ich stand stocksteif auf meinem Platz in der Diele. Meine Knie fingen an zu zittern und meine Augen füllten sich mit Tränen. Anni drückte fest meine Hand. Dann kam Mama endlich ins Haus. Sie sah mich an, dann kniete sie sich hin und breitete die Arme aus. Da brachen in mir alle Dämme. Schluchzend warf ich mich in diese Umarmung, die ich so lange so unfassbar vermisst hatte. Mama weinte auch.
Irgendwann merkte ich, dass mein Vater mich sanft wegzog. „Mama muss sich jetzt ausruhen“, meinte er und warf mir einen ernsten Blick zu. Ich wusste, dass er mich an mein Versprechen erinnerte, lieb zu sein.
Ich nickte schniefend. Anni zog mich in den Garten, wo wir in der Ecke hinter dem alten Kirschlorbeer ein geheimes Quartier hatten, in dem wir stundenlang kichern und spielen konnten. Hier saßen wir den ganzen Nachmittag. Anni beruhigte mich und brachte mich mit ihrer zuversichtlichen, fröhlichen Art wieder ins Lot.
Obwohl Mama nun zu Hause war, blieb sie seltsam fremd. Äußerlich war sie wie früher. Ein bisschen blasser, ein bisschen zarter, man sah, dass sie längere Zeit in einem Krankenhaus verbracht hatte. Sie kümmerte sich um den Haushalt, ging einkaufen und machte mit mir die Hausaufgaben. Sie traf keine Freundinnen und ging nie aus, aber das hatte sie auch früher nicht gemacht. Sie hatte immer gesagt, Papa und ich, wir seien alles, was sie braucht. An Fröhlichtagen hatte sie dazu ihr glockenhelles, zartes Mamalachen gelachte. An Traurigtagen hatte sie dabei mit Tränen in den Augen aus dem Fenster gesehen.


