- -
- 100%
- +
Er folgte der Straße und die zunehmende Dunkelheit folgte ihm. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, die sich wie Schatten hin und her bewegten und nur gelegentlich fuhren Autos vorüber. Immer mehr konzentrierte sich sein Blick auf eine kleine in der Ferne stehende Menschengruppe, die, wie undeutlich zu erkennen war, sich offensichtlich vor einem Lokal zusammengefunden hatte. Er kam näher und bald schon sah er sie deutlich: Vier junge Männer, rauchend, in angeregtem Gespräch vertieft. Sie nahmen kaum Notiz von dem Fremden, der vor der halb offenen Tür stehen blieb und wie gebannt auf das Plakat mit dem roten Schriftzug auf schwarzem Hintergrund blickte, das große Teile der Tür bedeckte. Eine an einem rostigen Metallträger hängende Leuchte rückte den über der Tür stehenden Namen der Gaststätte ins Blickfeld. „Zur Rose“ las er, doch er las es beiläufig, ohne besondere Aufmerksamkeit. Er ging durch die Tür. Am Ende eines langen Ganges, an dessen Wänden weitere Plakate hingen, stieß er auf ein Emailschild „Zur Gaststätte“. Mit verhaltener Entschlossenheit trat er in einen Raum, in dem zahlreiche, meist junge Menschen in Gruppen zusammenstanden und heftig diskutierten. Einige saßen an Tischen vor halb leeren Gläsern, hinten in der Ecke standen einige an einem runden Tisch, über ausgebreitete Zeitungen gebeugt, lautstark argumentierend und wild gestikulierend.
Er berührte eine Welt, die ihm fremd war. Er liebte die leise und schmerzfreie Beschäftigung mit Zahlen, Formularen und Dokumenten. Er war es gewohnt, mit einfachen Fakten umzugehen, die skelettartig die Wirklichkeit ausblendeten, mit Bilanzen und Hochrechnungen, die aktenmäßig leicht und schnörkellos zu erstellen waren, ohne, dass sie für ihn zu Last und Bedrängnis werden konnten. Hier nun laute Rede und vehemente Gegenrede, nachhaltige Proteste und schlichtender Einwand, Vorwürfe, Mutmaßungen, Anklagen, Rechtfertigungen. In allem war aufwühlende Unzufriedenheit spürbar und der Wille zu einschneidender Veränderung. Entschlossen, ja aggressiv wirkt das Rot auf den schwarzen Plakaten, die an der Rückwand des Raumes zu sehen waren. Seine Gedanken gingen hin und her: Dort seine Zahlen und Berechnungen, transparent, stimmig, unzweifelhaft und unwiderlegbar, hier der spürbare Drang, Einfluss zu nehmen, Wandel zu bewirken und Umwälzung herbeizuführen, anklagend, protestierend und fordernd. Dort die leblose, aktenmäßige Beständigkeit faktischer Gegebenheiten, hier der beherzt engagierte Versuch der Veränderung hinsichtlich der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. In solche Gedanken vertieft und schwankend bei der Suche nach Orientierung wurde er unvermittelt von einem jungen Mann angesprochen: „Du bist neu hier?“. Ganz spontan bejahte er dies. „Du willst mitmachen?“. Diese Frage verwirrte ihn. „Was gibt es zu tun?“ und etwas zögernd fügte er hinzu: „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, worum es geht. Die Plakate dort haben mich angesprochen, sie machten mich neugierig und nun bin ich hier.“
Der junge Mann, etwas ungepflegt gekleidet, mit langem Haar nach hinten gekämmt und zu einem Zopf gebündelt, hatte auffallend lebendige Augen; seine Sprache war direkt aber nicht weniger gewandt. Der schnelle Redefluss verbunden mit einer weitläufigen, politischen Sachkenntnis beeindruckte ihn. Er wurde gefragt, was er so beruflich mache. Mit kurzen Sätzen, wie er es gewohnt war, erzählte er von seiner Tätigkeit. Er wurde auf das Plakat angesprochen mit der Frage, was ihn dabei so bewegt habe. Was sollte er da sagen, wie seine Beweggründe erklären, wo er sie doch selbst nicht hinterfragt hatte und nur einem unbestimmten inneren Drang gefolgt war. „Das Plakat sprach mich an; ich kann eigentlich nicht erklären warum“, sagte er etwas verunsichert und suchte nach weiteren Erklärungen, doch dazu kam es nicht. „Hier ist einer, der dir unser politisches Programm genau erklären kann.“ Er deutete auf einen anderen jungen Mann aus der Gruppe der um den runden Tisch stehenden und immer noch diskutierenden Personen. Er trug eine olivfarbene Feldjacke und etwas ausgebeulte Jeans; am Revers fiel ihm ein Abzeichen auf mit den Buchstaben, die er bereits vom Plakat her kannte. Mit den Worten „das ist ein Neuer“ wurde er ihm vorgestellt. „Also du bist neu hier und du interessierst dich für unsere Partei.“ Noch bevor er etwas erwidern konnte, fühlte er sich vereinnahmt von einer imperativen Redensart, wie er sie so weder gekannt noch erwartet hat.
„Wir sind eine kleine kampfstarke Truppe, die sich das Ziel gesetzt hat, die Strukturen unserer Gesellschaft von Grund auf zu erneuern. Wir können nicht hinnehmen, dass die vielen Fremden in unserem Land die Oberhand gewinnen; wir müssen das Volk aufrütteln, wir müssen die Gesellschaft vor Überfremdung schützen und ihr wieder ein Leben ermöglichen, das dem deutschen Wesen entspricht.“ Von hinten wurde ihm ein Glas Bier in die Hand gedrückt; dabei hatte er noch nie Bier getrunken. Doch, abgelenkt durch die gedankliche Beschäftigung mit den programmatisch vorgetragenen Postulaten, trank er, das Glas fest in der Hand haltend. Er trank, als würde es ihm dadurch gelingen, Abstand zu gewinnen und Klarheit zu schaffen in der sich überstürzenden Flut von Gedanken. Mit sich verlangsamender Aufmerksamkeit hörte er weiter zu und es schien ihm als wiederholten sich die Begriffe, die sich in seinem Inneren einprägten. Er merkte nicht, dass sein Glas bald schon leer war und auch das zweite Glas, das man ihm anbot, trank er, ohne dass es ihm bewusst wurde. Er stand nun allein am runden Tisch mit dem Anführer in olivfarbener Feldjacke und dem Abzeichen am Revers; die anderen waren entweder bereits gegangen oder hatten sich anderen Gruppen zugewandt. Obwohl schon gedanklich abwesend, waren es doch einige Begriffe, die ihn nicht mehr losließen, die sich wie feurige Fanale in seinem Inneren festsetzten: „das Fremde“, „die Disziplin“, „der Mut“ und immer wieder „das Volk“, „die Gesellschaft“ und – wie eingebrannt – das „NICHT WEITER SO!“.
Es war spät geworden und viele der Anwesenden waren schon gegangen. Mit dem Versprechen, wiederzukommen, verabschiedete er sich. Er folgte dem langen dunklen Gang nach draußen. Auf der Straße war es ruhig geworden. Er atmete tief durch und langsam ging er die Straße entlang. Seine Gedanken geisterten wie entzügelt hin und her. Die karge Beleuchtung der Straßenlaternen schien ihm der einzig verlässliche Begleiter auf dem langen Weg zurück zur Straßenbahn. Am Schreibwarengeschäft blieb er stehen; er sah in der Dunkelheit die gerade noch zu erkennenden Zigarettenwerbungen und die Zeitungsangebote in türkischer Sprache. Sie kamen ihm fremd vor und er sagte sich, dass er das wohl meinte, als er von „Fremdem“ sprach. Von nun an entwickelte er ein feines Gespür für das „Fremde“. Allerdings fragte er sich nicht, wer denn berechtigt sei, festzulegen, was als fremd zu gelten habe, immerhin sah er es ja: Die fremde Schrift, die unverständlichen Worte; sie gehörten einfach nicht hierher. Er ging weiter und war überzeugt, etwas Wichtiges verstanden zu haben.
Die Eltern waren noch wach, als er nach Hause kam. Sie wunderten sich nicht nur über seine ungewöhnlich späte Heimkehr, viel mehr über sein Verhalten: Er war auffallend erregt, ja geradezu beflügelt, zugleich aber äußerst wortkarg und verschlossen. Zielstrebig ging er in sein Zimmer. Die Eltern blickten sich erstaunt und ratlos an. So war er doch nie, sagten sich beide und gingen schließlich auch zu Bett.
Äußerlich vergingen die folgenden Tage wie immer. Allerdings fiel den Eltern bei aller Wortkargheit, die ihnen schon vertraut war, eine gewisse Unruhe ja Fahrigkeit auf. So ließ er das Frühstück mitunter unberührt stehen, vergaß den Hausschlüssel oder die am Abend bereits zurechtgelegten Unterlagen. Auch mit der Zeit nahm er es nicht mehr so genau. Nicht selten verspätete er sich und erreichte das Büro zu einer Zeit, in der schon emsige Betriebsamkeit herrschte. Auch den Kollegen fiel auf, dass er nicht mehr so konzentriert bei der Sache war, wie sie es bei ihm kannten. Immer wieder verließ er seinen Schreibtisch, machte sich am neben der Tür hängenden Mantel zu schaffen, ging unruhig hin und her und hielt sich längere Zeit an den Schränken auf, in denen die Akten lagerten. Er sprach kaum etwas, wie eben sonst auch. Nur seine Auswärtstermine nahm er gewissenhaft wahr; immerhin waren sie ihm eine willkommene Gelegenheit, am Leben teilzunehmen. Er beobachte und registrierte alles sehr genau. Es war ihm nicht bewusst, dass ihn jede Wahrnehmung und jeder Eindruck sogleich zu einer taxierenden Wertung veranlasste. Mit besonderer Aufmerksamkeit musterte er das, was ihm befremdlich erschien und das Fremde erkannte er nicht nur bei Passanten sondern auch bei einigen Geschäften mit ihren exotisch anmutenden Auslagen und immer wieder beim Anblick dunkler und heruntergekommener Häuserfassaden. Auf dem Weg nach Hause scheute er keine Mühe, jenen Ort noch einmal aufzusuchen, an dem er das Plakat zum ersten Mal gesehen hatte. Immer wieder blickte er gebannt auf die roten Schriftzeichen und die drei Buchstaben, die ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit gaben.
So vergingen die Tage und bald schon saß er wieder in der Straßenbahn, die ihn seinem Ziel näher brachte. Er ging mit verhaltener Ungeduld die ihm fast schon vertraute Kriegbaumstraße entlang, am Schreibwarengeschäft mit den türkischen Zeitungen vorbei, bis er endlich das Lokal „Zur Rose“ erreicht hatte. Fast unbeschwert ging er durch den dunklen Gang hin zur Gaststube, immerhin kannte er ja bereits die Atmosphäre der kämpferischen und entschlossenen Willensbekundungen und schließlich war er überzeugt, dass etwas geschehen müsse. Mit dem entschiedenen Vorsatz „NICHT WEITER SO“ betrat er den Raum. Die Diskussionen an den Tischen erschienen ihm noch heftiger, streitbarer und fordernder. Die Bedienung, ein junges unscheinbares, etwas ungepflegtes Mädchen, drückte ihm ein Glas in die Hand. Seine Ankunft war offenbar schon erwartet worden, denn der junge Mann mit der olivfarbenen Feldjacke kam auf ihn zu: „Na, da bist du ja; wir sind schon dabei, die nächsten Aktionen zu besprechen; wir rechnen mit dir!“ Kaum, dass er sich’s versah, war er umringt von einer Gruppe recht gleich aussehender kräftiger junger Männer von ungepflegtem Äußeren und zum Teil martialischen Tätowierungen an den Armen. Da war ein Herbert, ein Erwin, ein Rudolf; er konnte sich die Namen nicht alle merken, zumal Hermann mit der Feldjacke und dem Parteiabzeichen am Revers immer wieder das Wort ergriff und sich als der eigentliche Wortführer hervortat. Es war jedoch nicht zu vermeiden, dass in dem mitunter entstehenden Sprachgewirr nicht alles verstanden werden konnte. Doch er hörte zu und er versuchte, einzelne markante Sätze in sich aufzunehmen. So hörte er, dass von der Politik nichts zu erwarten wäre, dass man die Dinge in die Hand nehmen müsse, um wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Man müsse Zeichen setzen und durch geeignete Aktionen das Volk wachrütteln. Das Fremde müsse rigoros bekämpft, die Heimat geschützt werden; es sei schließlich das Fremde, das zu den vielen Problemen in unserer Gesellschaft führen würde, es seien die Fremden, die Unglück über das Volk brächten. „Bist du nicht auch der Meinung?“ wurde er von verschiedener Seite gefragt und er nickte zustimmend.
Er holte sich am Tresen ein zweites Glas Bier. Er trank es beherzt, ja gierig, als würde es ihm auf diese Weise besser gelingen, das Gehörte in sich aufzunehmen. Der junge Mann mit der Feldjacke trat auf ihn zu: „Wirst du mitmachen?“ Er hätte Grund, sich überrumpelt zu fühlen, doch in dem schwebenden Zustand noch unsortierter Gedanken und in der sich verfestigenden Überzeugung, dass etwas geschehen müsse, bejahte er diese Frage. Mit dem Ausdruck kumpelhafter Zuwendung und in besitznehmender Verbundenheit schlug er gönnerhaft und demonstrativ mit der Faust gegen seine Brust. Das machte ihn stolz und in seinem Inneren spürte er Kraft und Entschlossenheit; nun war er einer von ihnen! Es war jetzt an ihm, seine Gedanken zu ordnen und die vielen Eindrücke zu einer Haltung reifen zu lassen. Er, der bisher nur mit dem Rotstift in nüchternen Akten und leblosen Formularen für Rechtmäßigkeit Sorge trug, fühlte sich endlich berufen, Einfluss zu nehmen und gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Endlich wird auch er ein Handelnder sein und wird über die Rechtmäßigkeit im Kleinen hinaus zur Gerechtigkeit im Großen beitragen können. In den an ihn herangetragenen Bewertungen von Fremdheit und Gefährdung und in der ihm vermittelten Entschlossenheit zu handeln und Einfluss zu nehmen, entstand in ihm ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit, ein Gefühl, das er bisher nicht kannte. Seine bisherige Tätigkeit war ja nicht mehr als bloße Pflichterfüllung, nichts anderes als gewerbsmäßige Eintönigkeit – so fühlte er es und was ihm immer deutlicher vor Augen geführt wurde, war die Ungleichheit, war die Ungerechtigkeit, war der Überfluss auf der einen und die Not auf der anderen Seite. Dabei fühlte er sich selbst immer der Not zugehörig, obwohl er über keinen Mangel zu klagen hatte. Hier, an diesem Ort, gewann er nun endlich Klarheit über die Zusammenhänge von Ungerechtigkeit und Überfremdung, über die Gründe einer zunehmenden Gefährdung durch zunehmende fremde Einflüsse. In dem Maße, wie er seine eigene Lebenssituation als bedauernswert empfand, entstanden in ihm Gefühle von Abwehr und Hass gegenüber allem Fremden. Bevor er an diesem Abend seinen Heimweg antrat, saß er noch geraume Zeit an seinem Tisch, nachdenklich und sich immer mehr seiner neuen Rolle bewusst werdend.
Viele waren schon gegangen, während er noch saß, Bier trinkend und den Ort gereifter Überzeugungen verinnerlichend. Immer wieder blickte er auf das Plakat mit der so eindeutigen Diktion und der beeindruckenden Klarheit. Er fühlte eine Übereinstimmung mit seinen gewonnenen Einsichten und der Überzeugung hinsichtlich der Richtigkeit seines neu eingeschlagenen Weges. Doch er sah noch etwas anderes: Es waren die roten Schriftzeichen, die er damals als Weckruf verstanden und die ihn hier her geführt hatten; jetzt sah er den Hintergrund, das bedrohliche, lebensfeindliche Schwarz. Dieses Schwarz machte ihm Angst. Ersteres zielte auf Veränderung, auf Bewegung, auf Zukunft, Letzteres aber war ihm unheimlich: Das Dunkle, das Lebensverneinende, das Tote. Das Rot erinnerte ihn an seinen so häufig gebrauchten Stift, mit dem er das Kleine zu korrigieren wusste; hier aber ging es um das Große! Vielleicht, sagte er sich, ist das Dunkle, das Schwarze nötig, um das Rot erst zur Wirkung zu bringen, um den Weckruf und damit die Wichtigkeit, handeln zu müssen, zu erkennen. Das Schwarze, es macht Angst, dachte er, aber ist diese Angst nicht schließlich Wegbereiter für eine bessere Zukunft? Das war es doch, was man ihm wortreich versuchte verständlich zu machen. Die Angst vor dem Fremden; ja, dachte er, wir müssen handeln! Mit immer klareren Vorstellungen von dem, was geschehen muss, verließ er die „Rose“.
– 2 –
Es ist Unruhe entstanden in der Stadt. Regelmäßige Demonstrationen gegen eine zunehmende Überfremdung sowie einige Übergriffe auf einzelne Personen mit Verletzungen und gar einem Todesfall haben ein Klima allgemeiner Verunsicherung entstehen lassen. Man fühlt sich wehrlos gegenüber einer überall lauernden Gefahr, gegenüber einer ganz offensichtlich in Unordnung geratenen Welt. Die ängstliche Befürchtung, selbst zum Opfer zu werden, reicht weit über die objektive Einschätzung der Gefährdungslage hinaus. Fehlgeleitete Gefühle erweisen sich immer wieder als Treibstoff der Angst. Der Bürgermeister sieht Handlungsbedarf. Er stammt aus einer Akademikerfamilie, die Mutter als Lehrerin schon längst im Ruhestand, der Vater, ehemaliger Maschineningenieur, bedarf der häuslichen Pflege. Als Einzelkind wuchs er heran. Nach Absolvierung der Schule hatte er mit dem Jurastudium begonnen, es aber nach wenigen Semestern abgebrochen. Seine Zukunft sah er in der Politik. Schon frühzeitig hatte er sich einer großen Volkspartei angeschlossen und hatte sich durch kluges Agieren und engagiertes Auftreten allgemeines Ansehen erworben. Seit mehreren Jahren ist er Bürgermeister. Kleinwüchsig, von gedrungener Statur, hat er schon frühzeitig gelernt, sich Aufmerksamkeit und Gehör zu verschaffen und nun gilt es, die Zügel fest in der Hand zu behalten und geeignete Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung zu ergreifen.
Die Abgeordneten im Stadtrat sind von den aufgebrachten öffentlichen Diskussionen sensibilisiert und Vieles von dem, was in den Straßen und auf den Plätzen lautstark gefordert wird, findet Eingang in die engagierten Reden der kontrovers geführten Aussprache in der Ratsversammlung. Zu lange hatte man den Zuzug von Ausländern, von Asyl suchenden Flüchtlingen und einer Vielzahl von Arbeit Suchenden mit einer gewissen Achtlosigkeit gewähren lassen. So argumentieren die Einen. Andere wiederum betonen: Das Hauptaugenmerk gilt doch schließlich den Menschen, denen man je nach Anliegen und Bedürftigkeit zu helfen versuche. Die wirtschaftliche Situation der Stadt biete durchaus die Voraussetzungen für die erforderliche Unterstützung und die tatkräftige Hilfe. Man erkenne die Not dieser Menschen, man sehe das Leid und die Hilfsbedürftigkeit; man sei zufrieden und wohl auch ein wenig stolz, das alles leisten zu können. Obwohl das christliche Kultur- und Gedankengut schon weitgehend in den Schatten des herrschenden Wohlstandes getreten sei, fühle man doch in den Augenblicken gezeigter Selbstlosigkeit einen gewissen Stolz und eine Zufriedenheit in der Hinwendung zu einer im Inneren noch vorhandenen christlichen Gesinnung. Man folge doch damit dem Bedürfnis, dem immer größer werdenden Leid in der Welt etwas entgegensetzen zu müssen und den in Not geratenen Menschen Hilfe zu gewähren. Man täte dies in großer Selbstverständlichkeit, ohne etwaige Folgen oder dadurch entstehende Probleme zu bedenken. Schließlich ginge es um Menschen und nicht um irgendwelche politischen Einlassungen.
Nun aber scheint diese Anschauung in der weiteren Diskussion immer wieder ins Hintertreffen zu geraten angesichts der um sich greifenden Unruhe. Noch sei nichts Greifbares, nichts Konkretes, was die allgemein gefühlte Unsicherheit rechtfertigen würde und doch ist es, als hätte sich die Luft verändert, als wäre die übliche Leichtigkeit im Alltäglichen abhanden gekommen. Auf dem morgendlichen Weg zum Rathaus legt der Bürgermeister sich schon manche Gedanken zurecht, schließlich muss er vorbereitet sein auf die vielen Anfragen, die in den letzten Tagen vermehrt an ihn herangetragen werden. Ganz beiläufig fällt ihm auf, dass die Anzahl der Plakate mit den aufreizenden roten Schriftzügen deutlich zugenommen hat. Das stört ihn, haben sie doch etwas Bedrohliches und deutlich spürt er eine gewisse Hilflosigkeit angesichts einer ganz offensichtlich lauernden, doch nicht greifbaren Gefahr. Er blickt um sich und sieht die vielen Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Auch Kinder sind schon unterwegs, sorglos, ein wenig trödelnd, mit schwerem Ranzen auf ihren Rücken. Niemand scheint Notiz zu nehmen von den überall hängenden Plakaten. Das beruhigte ihn zwar, doch er, immerhin Bürgermeister der Stadt, hat ein sicheres Gespür für das sich abzeichnende Ungemach.
In seinem Büro angekommen, macht er sich daran, die auf seinem Schreibtisch bereit liegenden Unterschriftsmappen zu bearbeiten. Zu neuen Bauanträgen hat er Stellung zu nehmen, Einladungen zu verschiedenen Versammlungen sind zu beantworten, mit persönlichen Anfragen hat er sich zu beschäftigen und Verfügungen zu unterschreiben. Alles Routine, wie er sie gewohnt war. Dann aber wird er mit einem formellen Schreiben um die Genehmigung einer Demonstration am kommenden Wochenende gebeten. Auf dem Briefkopf das ihn beunruhigende rote Parteiemblem auf schwarzem Grund. „Nun ist also diese Pest bis in mein Büro vorgedrungen“, denkt er. Eine Möglichkeit, dieses Gesuch abzulehnen, sieht er nicht. Mit kaum leserlicher Schrift notiert er am Rand „Vorlage/Stadtrat“. Während er weiter die Akten studiert, klopft es. Ein Mitarbeiter tritt ein und berichtet, dass ein dunkelfarbiger Ausländer letzte Nacht von drei Jugendlichen hart angegangen wurde; er sei schwer verletzt und läge im Krankenhaus. „Die Polizei ist dran“, sagt er, „mehr ist zur Zeit nicht bekannt“. Der Bürgermeister ist betroffen. „Wir müssen etwas tun, aber was?“. Schweigend blickt er auf die Unterschriftsmappe. „Aber was?“ wiederholte er noch einmal, ganz in sich vertieft.
Der Mitarbeiter verlässt nachdenklich den Raum. Mehr hatte er im Augenblick nicht zu sagen. Doch auch er ist beunruhigt. Auf dem Weg durch die langen Gänge trifft er immer wieder auf Gruppen, die sich angeregt unterhalten. Es herrscht Bestürzung und Ratlosigkeit. Einige glauben von einer organisierten Schlägerbande gehört zu haben, andere wiederum gehen eher von einer beiläufigen Keilerei aus, in die auch ein Ausländer verwickelt gewesen sein soll. Ganz vereinzelt sind Stimmen zu vernehmen, die sich mit der Notwendigkeit zu ergreifender Maßnahmen beschäftigen, obwohl noch keiner zu diesem Zeitpunkt gesicherte Kenntnisse über den genauen Hergang haben konnte. Und doch geben einige zu bedenken, dass Ausländer doch eine größere Gewaltbereitschaft an den Tag legten, so dass man sie strenger beobachten müsse. Immerhin gälte es doch, die eigenen Bürger zu schützen. Solche Meinungen bleiben nicht unbeantwortet und so kommt es, dass die Diskussion mit immer größerer Heftigkeit, ja mit lautstarker Empörung geführt wird. Mit anhaltender Erregung und aufgewühlten Gefühlen geht schließlich jeder in seine Amtsstube zurück.
Am Nachmittag trifft man sich im Sitzungssaal. Der Bürgermeister hat die Referatsleitungen zu einer Aussprache gebeten. Dem Kreis seiner vertrauten Mitarbeiter bringt er das Schreiben zur Kenntnis, mit dem um die Genehmigung einer Demonstration gebeten wird. Trotz aller Unterschiede hinsichtlich der Beurteilung der Sachlage ist man sich schnell einig, dass keine rechtliche Handhabe für ein Verbot dieser Veranstaltung geltend gemacht werden könne. Man bespricht die Maßnahmen, die es zu ergreifen gilt. Es müsse genügend Polizei vor Ort sein, um möglichen Ausschreitungen von vorn herein Einhalt zu gebieten. Man müsse Herr der Lage sein, zumal auch mit Gegendemonstrationen zu rechnen sei. Die Situation sei sehr ernst, immerhin sei schon ein Todesfall zu beklagen. Man erinnerte an den hinterhältigen Mord vor nicht geraumer Zeit. Der Getötete sei ein Ausländer gewesen, betonte einer der Anwesenden; es gälte, auf alles vorbereitet zu sein. Der örtliche Polizeichef erwiderte daraufhin: „Das zeigt immerhin, dass Ausländer immer wieder in gewalttätige Auseinandersetzungen involviert seien. Es muss für den Schutz der Bürger Sorge getragen werden.“ „Welche Bürger meinen Sie denn?“ fragt der Bürgermeister. „Die Eigenen!“ betonte der Polizeichef mit wehrhafter Überzeugung.
Samstagnachmittag. Die Teilnehmer der Demonstration versammeln sich vor dem Rathaus. Die Polizei, mit großem Aufgebot präsent, hat vor den kommunalen Gebäuden Stellung bezogen. Noch stehen die Demonstranten in launiger Runde beisammen, laut, bunt, mit entschlossener Geste. Erst sind es nur wenige, doch es werden mehr und bald schon füllen sie die Straßen. Niemand hatte mit einer so großen Menge Demonstrierender und Protestierender gerechnet. Und dann, mit einem Mal setzt sich der Pulk mit großem Getöse in Bewegung. Plakate und Spruchbänder werden hoch gehalten und deren Inhalte in lautstarken, sich ständig wiederholenden Schlagworten hinaus posaunt: „Nicht weiter so!“, „Ausländer raus!“, „Wir nehmen die Sache in die Hand!“. Wie ein schwerfälliges Ungetier zieht der nicht enden wollende Protest ohrenbetäubend durch die Straßen. Langsam schiebt sich der Tross unduldsamer und aufgebrachter Akteure an den ungläubig an die Seite gedrängten, aufgeschreckten Zuschauern vorbei und lange noch ist der Widerhall einhämmernder Parolen von der sich immer weiter entfernenden Protestmaschinerie zu hören: „Nicht weiter so!“.
Am nächsten Tag ist in den Zeitungen zu lesen, dass eine Gruppe gewaltbereiter Randalierer während der Nachtstunden in zwei türkische Geschäfte eingedrungen sei und die Räumlichkeiten in unvorstellbarer Weise verwüstet hätte. Personen seien nicht zu Schaden gekommen; man fahnde nach den Tätern, heißt es. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht bis in die letzten Winkel der Stadt. Schaulustige haben sich vor den Geschäften eingefunden; es herrschen Entsetzen und eine allgemeine Ratlosigkeit. Was ist nur in dieser Stadt los? Fragen sich die Menschen, die in den Straßen heftig diskutierend stehen bleiben und in dem wenigen Wissen, das sie über die Motive und den genauen Hergang haben, ganz unterschiedliche Meinungen vertreten. Es werden Schuldzuweisungen laut gegenüber der Stadt, die ihrer Ordnungspflicht nicht nachkomme, gegenüber einer zu beklagenden Zunahme einer allgemeinen Gewaltbereitschaft, immer wieder aber auch gegenüber Ausländern, die nicht bereit seien, sich dem gängigen Rechts- und Lebensverständnis unterzuordnen, ja mehr noch, dass ihnen ein wesentlicher Anteil an der Arbeitslosigkeit unter den einheimischen Bürgern anzulasten sei. Die allgemeine Empörung ist groß und es scheint, dass der Gemeinsinn plötzlich abhandengekommen ist und dass sich die Wahrnehmung des Trennenden immer größeren Raum verschafft.




