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Die Vorgänge der vorausgegangenen Tage sind das alles beherrschende Thema in der Stadtratssitzung. Es dauert einige Zeit, bis sich die aufgewühlte Gefühlslage beruhigt hat und mit der eigentlichen Aussprache begonnen werden kann. Der Schriftführer verweist auf zahlreiche Wortmeldungen. Zunächst aber berichtet die Polizei über den Stand der Ermittlungen und über Einzelheiten der verursachten Schäden. Es sei der schnellen Polizeipräsenz vor Ort zu verdanken, dass der Versuch der zusätzlichen Brandstiftung vereitelt werden konnte. Die Täter, noch immer auf freiem Fuß, seien mit größter Brutalität vorgegangen; der Schaden sei immens. Die ersten Redner loben die Polizeiarbeit. Sie sind sich einig in der Forderung nach einer deutlichen Verstärkung der Polizeikräfte. Auch die Verbesserung deren Ausrüstung wird angesprochen. Die einzige Möglichkeit, der zunehmenden Gewalt Einhalt zu gebieten, liege ihrer Meinung nach darin, den aufkeimenden Aggressionen mit aller Härte entgegenzutreten. Dies gälte im Übrigen auch für den Eventualfall weiterer Demonstrationen. So sprechen die Einen.
Es meldet sich ein Abgeordneter aus dem bürgerlichen Lager zu Wort; er redet mit ruhigen, gesetzten Worten, so, wie man es von ihm gewohnt ist: „Das gesellschaftliche Zusammenleben in unserer Stadt war bisher geprägt von Friedfertigkeit, von Toleranz und gegenseitigem Respekt. Wir müssen nun feststellen, dass sich anfangs flüchtige Ideen Einzelner, Weniger zu einer dumpfen, gewaltbereiten Leidenschaft verdichtet haben. Auf der Suche nach einem Grund für ihre Unzufriedenheit, für ihren eintönig erlebten Alltag und auf der Suche nach geeigneten Projektionsfeldern zur Bestätigung ihres Selbstwertes haben sie begonnen, Zwietracht zu säen und das gesellschaftliche Zusammenleben in Frage zu stellen, indem sie die Menschen aufteilen in „fremd“ und „dazugehörig“, in Graduierungen unterschiedlicher Wertigkeit. Unsere Aufgabe muss nun darin bestehen, nicht das gewaltbereite Handwerkzeug ihrer schnöden Gesinnung zu bekämpfen, sondern sie aufzusuchen und sie von einem Besseren zu überzeugen. Wir müssen uns mit den Wurzeln des Übels beschäftigen! Mit dem Gespräch können wir Einfluss nehmen auf die Niedertracht ihrer verwegenen Zielsetzungen. Mit der hier geforderten Demonstration staatlicher Macht erreichen wir hingegen nichts anderes als diesen, ins Abseits geratenen Irrlichtern Bedeutung und Gewicht zu verschaffen. Fangen wir an, diese verirrten Menschen wieder ins Boot zu holen bevor sie die Tragfähigkeit des Bootes mutwillig aufs Spiel setzen!“.
Ein weiterer Redner meldet sich zu Wort. Man kennt ihn als Heißsporn, zwar lange Zeit von schweigender Zurückhaltung, doch in der Herausforderung um eine streitbare Auseinandersetzung nicht verlegen: „Es ist hier die Rede von „gewaltbereiten Randfiguren“. Gemessen an dem, was geschehen ist, stellt dieser Begriff doch eine nicht nachvollziehbare Verharmlosung dar. Glauben Sie wirklich, Herr Kollege, dass Langeweile und Trübsinn eine solche zerstörerische Vorgehensweise erklären können? Nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass bei allen Vorkommnissen der vergangenen Tage Ausländer involviert waren, entweder ging von ihnen Gewalt aus oder aber sie gaben Anlass für ein entschiedenes Vorgehen gegen sie. Stellen Sie sich für einen Moment vor, es gäbe sie nicht, diese Ausländer, dann wäre das gewährleistet, was Sie, Herr Kollege, zu Recht als Merkmal unserer Gesellschaft hervorheben: Friedfertigkeit, Respekt und Toleranz. So einfach ist das! Wir müssen diejenigen unterstützen, die den Mut haben, das Übel bei der Wurzel zu packen! Ich fordere Sie auf zu einer klaren und konsequenten Haltung gegenüber den unsere Gesellschaft verfremdenden Elementen!“. Selbstzufrieden geht der Abgeordnete zurück an seinen Platz in den hinteren Reihen des Sitzungssaales. Es scheint ihm eine eindeutige und kaum zu widerlegende Analyse der derzeitigen Sachlage gelungen zu sein.
Es folgen weitere Redner; je kürzer die Beiträge, desto lauter und heftiger die Entschiedenheit, mit der die Ansichten vorgetragen werden. Jede der verschiedenen Meinungen verfängt sich schließlich im Gestrüpp eigenwilliger Rechthaberei. Bald schon gleicht die Stimmung im Sitzungssaal der aufgeheizten Atmosphäre in der Öffentlichkeit. Mit gegenseitigen Vorwürfen wird versucht, die eigene Vorbildlichkeit gegenüber unlauteren Gesinnungen zu betonen und dem Anderen das Recht abzusprechen, sich für Freiheit und Frieden einzusetzen. Angesichts einer zunehmenden Feindseligkeit verblasst im heftigen Schlagabtausch die Suche nach einer menschenwürdigen Herangehensweise und nach einer friedensstiftenden Reaktion auf das um sich greifende Übel blinder, zerstörerischer Kräfte.
Unvermittelt tritt ein älterer Herr in grauem Straßenanzug langsam und mit bedächtigen Schritten ans Rednerpult. Es ist nicht einfach, sich in der aufgebrachten Stimmung des Saales Gehör zu verschaffen. Mit gedämpfter aber klarer Stimme liest er die Sätze, die er sich auf einem Blatt notiert hat: „Wir haben eine Verantwortung für das Wohl unserer Stadt. Wenn wir es nicht schaffen, uns gemeinsam dieser Aufgabe zu stellen, wenn wir nicht bereit sind, dem Anderen in Ruhe und Besonnenheit zuzuhören, wenn es uns nicht gelingt, die Grundwerte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens gemeinsam zu vertreten, wie sollte das draußen auf der Straße möglich sein? Wir sind dem Menschen – allen Menschen – verpflichtet! Daran, und nur daran will ich Sie erinnern!“. Mit Nachdruck fügt er hinzu: „Hütet sorgsam Euren Herzschlag, schützt ihn vor überrumpelnden, billigen Parolen, die uns alle ins Unglück führen!“. Er nimmt das vor ihm liegende Papier, faltet es und verlässt das Rednerpult.
Erst ist es ruhig, doch bald schon geht ein Geraune durch den Saal, teils nachdenklich, teils zustimmend, teils verunsichert. Von den hinteren Plätzen hört man empörte Rufe: „Was soll das denn!“ und „Wir brauchen keine Poeten, wir brauchen Kämpfer!“. Es folgen weitere Reden, die aber keineswegs geeignet sind, eine Klärung herbeizuführen. Man vertagt sich. Einzig dem Verlangen nach einer Verstärkung der Polizei hinsichtlich Ausrüstung und Präsenz wird stattgegeben.
Der Herr mit dem grauen Anzug namens Franz Gorlichs, ehemaliger Studienrat am hiesigen Gymnasium, trifft sich im Anschluss an die Sitzung mit seinem Kollegen in einem nahe gelegenen Café. Es ist spät geworden und beide Herren sind rechtschaffen müde und erschöpft doch noch voller Gedanken an die insgesamt wenig erfreuliche Aussprache. Herr Gorlichs bestellt sich einen Tee, sein Kollege ein Bier; essen wollen sie nichts. Lange sitzen sie schweigend und betroffen beisammen. Es fällt nicht leicht, angesichts so unwiderlegbarer Zeichen für ein aufziehendes Unheil, die passenden Worte zu finden. Tief nachsinnend sagt Gorlichs etwas unvermittelt: „Wie leicht ist es, mit Worten ein Herz im Sturm zu erobern; aber es sind auch Worte, die es schaffen, ein ganzes Volk in den Abgrund zu stürzen.“ „Sind es die Worte?“, fragt der Freund, „oder ist es die dahinterstehende Absicht? Oder ist es einfach die Gesinnung, die die Worte vergiftet? Vielleicht aber ist es der Boden, auf den der Samen fällt und ihn begierig aufnimmt. Wo also müssen wir ansetzen?“. Sie saßen noch bis spät in die Nacht, sich austauschend und sich gegenseitig Mut zusprechend. Eine kurze Wegstrecke gingen sie noch gemeinsam, bis sie sich verabschieden.
In den nächsten Tagen trifft sich erneut der Bürgermeister mit seinem Führungsstab, um die Vorbereitungen für das kommende Wochenende zu treffen. Es sind wieder Demonstrationen angekündigt. Es werden zusätzliche Polizeikräfte aus den Nachbargemeinden angefordert und nach langen Beratungen ist man sich sicher, auf alles gut vorbereitet zu sein. Es ist Donnerstag. Noch vor Tagesanbruch erhalten die Parteivorsitzenden einen Anruf aus dem Büro des Bürgermeisters: „Gorlichs ist tot. Er wurde gegen Mitternacht überfallen; er wurde erstochen. Jede Hilfe kam zu spät. Eine Stadtratssitzung ist für 8.00 Uhr angesetzt.“. Die Meldungen überschlagen sich. Die Tageszeitungen berichten auf den Titelseiten. Herr Gorlichs war beliebt, als Lehrer sehr geschätzt; er galt als Vertreter der Konservativen. Schon viele Jahre war er Abgeordneter im Stadtrat und war bekannt als überaus besonnen und zuverlässig.
Die Stimmung ist gedrückt; der Bürgermeister eröffnet die Sitzung: „Wie Sie wissen, haben wir den Tod eines überaus verdienten und allseits geschätzten Kollegen zu beklagen. Ich bitte Sie, sich zu erheben.“ Nach einer Schweigeminute fährt er in gewohnt geschäftsmäßigem Ton fort: „Nähere Umstände sind uns bislang nicht bekannt; wie wir wissen, ist Herr Gorlichs auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Es wird von drei oder vier Tätern berichtet; die Polizei ermittelt noch. Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung gleichsam als Nachtrag zur letzten Sitzung: Er war kein Poet, er war ein mutiger Kämpfer für die Einhaltung und Bewahrung der menschlichen Würde.“. Zögernd melden sich die ersten Redner zu Wort. Die Anfänge der Aussprache verlaufen durchaus sachlich und der Situation angemessen. Die Verdienste des Verstorbenen werden gewürdigt, der entstandene Verlust immer wieder hervorgehoben. Das Gesprächsklima beginnt sich jedoch in dem Maße zu ändern, wie von einigen Rednern begonnen wird, Schuldzuweisungen nach der einen oder anderen Seite zu erheben. „Es müssen Täter aus dem links-radikalen Spektrum gewesen sein“, so die Einen mit dem Hinweis, Herr Gorlichs sei doch immerhin ein überzeugter Vertreter einer streng konservativen Politik gewesen. „Es handelt sich eindeutig um die Handschrift rechts-radikaler Kräfte. Denken Sie doch an die letzte Sitzung und an die Proteste aus den hinteren Reihen“, so die Anderen. Die angesprochenen Abgeordneten verließen prompt den Sitzungssaal. „Rechtsradikale“ oder „Linksradikale“? Die im Menschen gründende Urheberschaft des Bösen, die eigentliche Täterschaft also, wird zum Zankapfel anonymisierender Begrifflichkeiten und die Begriffe selbst zum Schutzwall des jeweils eigenen Standpunktes. Wegen zunehmend turbulenter Auswüchse wird die Sitzung vorzeitig abgebrochen.
Die Suche nach den Tätern macht keine Fortschritte; über eine heiße Spur wird nicht berichtet. In das Entsetzen der Bürger mischen sich Ratlosigkeit und immer wieder Gerüchte, die sich auf vermeintlich gesicherte Erkenntnisse gründen. Ein Fleischermesser hätte man am Tatort gefunden, also läge es nahe, die Täter im Umfeld des Fleischerhandwerks zu vermuten. Andere wiederum machen den Tatort zum Gegenstand ihrer Vermutungen. Nachdem der Mord in der Nähe einer Kirche geschehen sei, muss angenommen werden, dass es sich um eine religiös motivierte Tat handeln würde. So läge es nahe, dass es Ausländer waren. Möglicherweise ist es diese Version, die sich bei den Bürgern festgesetzt hat, denn entgegen aller Erwartungen und Vorhersagen hat die Demonstration am Samstagnachmittag erheblichen Zulauf erfahren. Neu ist, dass viele der Demonstranten maskiert sind und es fällt die Vielzahl der mitgeführten schwarzen Plakate auf mit den aufreizenden roten Initialen. Die Atmosphäre ist aufgeheizt, aggressiv und feindselig. Es kommt zu Übergriffen und Gewalttätigkeiten gegenüber der Polizei und – in auffallender Deutlichkeit – vermehrt gegen Ausländer.
Ausführlich wird über den Verlauf der Demonstration in den Zeitungen der folgenden Tage berichtet. Am Montagnachmittag gibt die Polizei weitere Informationen bekannt. Mit großer Spannung wird die Übertragung der Pressekonferenz im Hörfunk und im Fernsehen erwartet. Die Bilanz der Demonstration, so der Polizeisprecher sei erschreckend: Drei Schwerverletzte, die im Krankenhaus behandelt werden müssen; Lebensgefahr bestünde allerdings nicht. Eine Vielzahl von Leichtverletzten, darunter allein 32 Polizisten. Der Sachschaden sei beträchtlich: Drei geplünderte Geschäfte, Gebäudeschäden in großem Umfang, zwei brennende Autos, insgesamt 12 Festnahmen. Was den hinterhältigen Mord an dem Stadtrat Herrn Gorlichs angeht, tappt die Polizei weiter im Dunkeln; die Bürger werden zur Wachsamkeit aufgefordert. Für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen ist eine Belohnung von 10 000 Euro ausgesetzt.
Lange Artikel in den Zeitungen versuchen, bei gebotener Sachlichkeit, die Stimmungen in der Stadt einzufangen. Die Presse, so viel und wahrheitstreu sie auch berichtet, tut sie doch das ihrige dazu: Indem sie die bestehende Unruhe und die allgemeine Empörung in markanten Überschriften und in einer aufwühlenden Berichterstattung festschreibt und auf diese Weise im öffentlichen Bewusstsein verankert: „Es herrscht Bürgerkrieg“, „Der Ruf nach einer Bürgerwehr wird lauter“, „Muss das Militär eingreifen?“, „Die ungehemmte Aggression, wer steckt dahinter?“.
Der Bürgermeister ruft seinen Führungsstab zu sich. „Die Situation ist unerträglich, die Gewalt beginnt sich zu verselbständigen“, so seine einleitenden Worte. „Ich weiß nicht, ob Sie schon gehört haben, dass einige Bürger einen jungen Mann heftig attackiert haben als dieser versuchte, eines der berüchtigten Plakate an einem Geschäft in der Kriegbaumstraße anzubringen. Der Vorfall hat sich gestern Abend ereignet. Während der junge Mann offenbar entwischt ist, werden zurzeit die Beteiligten, nach Angaben der Polizei bislang unbescholtene Bürger, zum Tathergang befragt. Sie sehen daran, meine Herren, wie gereizt und aufgebracht die derzeitige Stimmungslage in unserer Stadt ist.“. „Wie ich weiß“, ergänzt der Referent des Stadtbauamtes, „hängen in dieser Straße ohnehin schon auffallend viele Plakate dieser Art.“.
„Es ist noch etwas anderes, was mich beunruhigt“, fährt der Bürgermeister mit besorgter Miene fort, „Wie ich höre, haben sich in mehreren Stadtteilen Bürgerwehren etabliert. Ohne jede rechtliche Befugnis beabsichtigen sie, auf den Straßen und Plätzen, vor allem in den Abend- und Nachtstunden Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. In den Zeitungen war bereits davon zu lesen. Sie stimmen mir zu, dass mit diesem Anliegen die Staatsgewalt kompromittiert wird. Wir können das nicht zulassen.“. Einhellige Meinung besteht darin, die nächtliche Polizeipräsenz in den jeweils gefährdeten Stadtgebieten zu erhöhen. Darüber hinaus werden Maßnahmen zum Schutz öffentlicher und privater Einrichtungen im Zusammenhang zukünftiger Demonstrationen beschlossen. „Ich bitte Sie, sich Gedanken zu machen über Mittel und Wege, dieser unglückseligen Situation Herr zu werden. Die Polizei versucht mit allen ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen und die Initiatoren der aufkeimenden Gewalt dingfest zu machen.“.
Zwei Tage später, es ist Mittwoch, kurz vor Mitternacht. In der Kriegbaumstraße vor einem türkischen Kleinwarenhändler explodiert eine Bombe. Trotz eiligst herbeigerufener Feuerwehr konnte der dadurch entstandene Brand in dem kleinen Geschäft nicht verhindert werden. Auch die Polizei, insbesondere die Experten des Brandschutzes sind vor Ort. Die Bombe hat am Mauerwerk des Gebäudes und im Bereich der Straßendecke erheblichen Schaden angerichtet. Wenige Meter vom Bombenkrater entfernt liegt ein Toter, völlig entstellt von der Gewalt der Explosion mit ausgedehnten Verbrennungen und zerfetzten Kleidern. Es wird nach Möglichkeiten einer Identifizierung gesucht, Ausweispapiere wurden nicht gefunden, auch andere besondere Merkmale konnten bisher nicht festgestellt werden. Man findet nichts. Etwas weiter entfernt liegt eine alte, braune Ledertasche, verbeult und zerrissen. In dieser Tasche finden sich lediglich ein Lineal und zwei Rotstifte. Spezialkräfte beginnen mit den Untersuchungen. Auch die Öffentlichkeit wird um Mithilfe gebeten. „Wer kennt die Tasche?, wer kennt diesen Mann?“.
Emil und die Kamera
Es war eine Familie wie jede andere auch. Der Vater galt als streng, korrekt und stilbeflissen, was aber durch seinen Beruf als Gymnasiallehrer durchaus erklärt werden konnte und keineswegs als anstößig empfunden wurde. Die Mutter sorgte sich, neben ihrer Halbtagstätigkeit in einer angesehenen Privatbank um die Familie, die häuslichen Geschäfte, die unmittelbaren Alltäglichkeiten und sie sorgte sich um die vier Kinder.
Drei von ihnen waren schon älter, während Emil das Schicksal eines Nachkömmlings zu tragen hatte. Er wuchs im Schatten der anderen auf, erregte nur wenig Aufsehen und erntete eine Aufmerksamkeit, die eher beiläufig, nur selten überschwänglich war. Die Zuwendungen, die er erfuhr, entsprachen seinem Alter und schon früh lernte er zu unterscheiden zwischen der Ernsthaftigkeit bei Auseinandersetzungen, wie er sie bei seinen Geschwistern erlebte und einer wohlwollenden Besänftigung, wie sie ihm gewöhnlich zuteil wurde. Durch eine Haushaltshilfe, die ihm in den Vormittagsstunden zur Seite stand, wurde das Gefühl der Sonderstellung und der Distanz zum Selbstverständnis der „Großen“ verstärkt.
So durchlebte er seine Kinderjahre, zwar eingebettet in die Familie, jedoch immer wieder allein mit seinem Schicksal. Wie seine älteren Geschwister besuchte er schließlich das Gymnasium, endlich. Endlich hatte auch er den Status erreicht, die Distanz überwunden, die ihn von diesen immer schon großen Geschwistern getrennt hatte. Endlich Gymnasium, endlich selbst groß sein!
Doch alle drei Großen hatten inzwischen mit dem Studium begonnen. Emil war Schüler. Seine Zeugnisse waren nicht mehr als durchschnittlich. Der Blick nach oben hatte ihn stets angespornt, hatte ihn stets gelähmt. So gab es Zeiten, in denen er sich sammelte mit allen Kräften; dann gab es Zeiten, in denen er sich gehen ließ, in denen er erschlaffte, träumend in sich gekehrt und sich nach einem Glück sehnte, das er nicht benennen konnte. In solchen Zeiten nahm er widerstandslos alles, was sich ihm bot: Fernsehen, Filme, Videos und Musik, letztere sich monoton wiederholend.
An einem solchen Abend sah er einen Film über den mexikanischen Freiheitskämpfer Emilio Zapata. Kein gebildeter Mann, ein Bauer, der wie andere um sein Land kämpfte, der sich gegenüber der vereinnahmenden Fremdherrschaft zur Wehr setzte, der klug und besonnen Verhandlungen führte und wenn es sein musste, zur Waffe griff. Er, Emilio Zapata, war anerkannt und bewundert, als Anführer, als Leitbild, als Held.
Mit ganzer Hingabe verfolgte Emil die Auftritte dieser strahlenden Lichtfigur und bewunderte die Angemessenheit seines Denkens und die Entschiedenheit seines Handelns. Er versuchte, sich in dem Bild dieses großen Mannes zu spiegeln und mehr und mehr verwischten sich die Grenzen zwischen dem bewunderten Emilio und dem von Anerkennung träumenden Emil.
Schon der nächste Tag zwang Emil, sich wiederum seiner Wirklichkeit zu stellen. Mit der Klassenarbeit, die er unerwartet und unvorbereitet zu schreiben hatte, war er überfordert. Es fehlten ihm Denkvermögen und Konzentration; seine Gedanken blieben flüchtig.
Sein Weg von der Schule nach Hause führte ihn vorbei an langen Häuserzeilen, an Vorgärten und schließlich einem brachliegenden Grundstück, an dessen Ende eine schmale Steintreppe zu einem höhergelegenen Platz aufstieg. Immer wieder kam es vor, dass ihm bei seinem mittäglichen Heimweg ein kleiner Junge, nicht älter als sechs Jahre, in Höhe dieser Stufen entgegenkam. An solchen Tagen, besonders dann, wenn er nagenden Frust in sich spürte, nutzte Emil die Enge der Treppe, diesem kleinen, verspielt über die Stufen tänzelnden Jungen, den Weg zu versperren. Emil merkte zwar, dass er diesen Jungen auf diese Weise verunsicherte und verängstigte, doch stärker war in ihm das Bedürfnis, vor sich und vor dem Jungen seine Überlegenheit zu demonstrieren. Erst nach Beendigung eines Liedes, das zu singen er von ihm abverlangte, ließ er ihn gehen und er schaute ihm nach, dem Kind, das die Leichtigkeit des Tänzelns verloren hatte. Nie hatte Emil irgendjemandem davon erzählt.
Es vergingen drei Jahre, während ihm und seinen Eltern immer klarer wurde, dass er das Gymnasium nicht schaffen würde, zu unstet waren seine Leistungen, zu wenig ernst sein schulischer Wille.
Er beschäftigte sich mit vielem, doch nichts konnte ihn zufrieden stellen, kaum gab es etwas, was ihn erfüllte. Das Wünschen war bei ihm stärker als die Bereitschaft zu wagen, die Ungeduld größer als die Beständigkeit der Hingabe.
Das unstete, fahrige und insgesamt glücklose Leben von Emil gab den Eltern Anlass zur Sorge. Von ihren drei Großen waren sie anderes gewohnt und sie suchten nach Erklärungen für dieses befremdlich anmutende Verhalten von Emil. Aufmunterungen und gutmeinendes Zureden waren ebenso wenig hilfreich wie Ermahnungen und nachdrückliche Zurechtweisungen. Sie versuchten es mit Gaben und Belohnungen, die sie an Bedingungen knüpften, mit Versprechungen, die ihm die Pflichten schmackhafter machen sollten. Doch alles ohne den gewünschten Erfolg.
Der von Emil schließlich übernommenen „Wenn-dann-Argumentation“ wussten die Eltern nichts Wirkungsvolles entgegenzusetzen. So kam es, dass Emil eines Tages glaubhaft versicherte, dass ihm eine Kamera dazu verhelfen würde, seine Freizeit nutzbringender und sinnvoller zu verbringen – wo er sich doch immer schon eine Kamera gewünscht hatte – und dass er sich dann um so intensiver und damit auch erfolgreicher um die Schulaufgaben kümmern würde. Der Wunsch nach einer Kamera wurde ihm erfüllt; unerfüllt hingegen blieben seine schulischen Vorsätze.
So bestand bald schon Einigkeit darüber, dass die Fortsetzung der bangen Gymnasialzeit wenig Sinn mache, eine Auffassung, die vor allem der Vater nachdrücklich zu vertreten wusste. Die Gründe, die Emil bewogen, sich dieser Meinung anzuschließen, waren andere, kaum offen diskutierte. Zu weit hatte er sich schon von den familiären Vorbildern gelöst, als dass er diesen Schritt als Niederlage empfunden hätte. Irgendwie, dessen war er sich sicher, würde er auf seine Weise Anerkennung finden, irgendwie würde auch er Erfolg haben. Dennoch war es ein Schmerz für ihn, ohne dass er es hätte näher erklären können.
Seinen Neigungen folgend begann er eine Ausbildung in einem Fotolabor. Das Erlernen der technischen Grundlagen sollte ihm helfen, in das Metier des Fotografierens intensiv und profund einzusteigen. In der Tat gelang es ihm zwei Jahre später, sich mit diesen Kenntnissen eine Anstellung bei einem Fotografen zu verschaffen. Er machte seine Arbeit gut und er nahm sie ernst. In der Erfüllung seiner Pflichten ging die Zeit dahin. Immer wieder mussten Porträtaufnahmen gefertigt werden, in der oder jener Pose, mit Licht und Schatten spielend, immer in anderer Weise und doch immer auch gleich. Gelegentlich waren es Veranstaltungen unterschiedlicher Art, die er fotografierend zu begleiten hatte: Hochzeiten, Kongresse, Kultur- und Sportveranstaltungen, eben alles, was sich aus dem Alltäglichen hervortat.
Es waren mitunter gewichtige Anlässe, zu denen er als Fotograf gebeten wurde, gesellschaftliche Ereignisse von nachhaltiger Außenwirkung. Er war sich seiner Bedeutung durchaus bewusst und doch war er es ja nur, der das Besondere ins Bild setzte, der dem Augenblick zu seiner Wirkung verhalf. Nie war er es, der Aufmerksamkeit erntete, von dem Wirkung ausging, nie selbst dem Besonderen zugehörig, es immer nur abbildend.
Obwohl nicht bewusst, bedrückte es ihn und machte seine Gefühle stumpf. Nur tief im Inneren pochte etwas unerfüllt, brennend und lähmend. Es waren die Kräfte, die ihn suchen ließen nach einem neuen Betätigungsfeld, nach einem Leben, in dem er sich selbst verwirklichen konnte.
Er las eine Anzeige, in der ein überregional bekanntes und allgemein geschätztes Journal einen Mitarbeiter mit ausgewiesenen fotografischen Erfahrungen suchte. Er bewarb sich, er, und viele andere auch. Er kam nach Vorlage verschiedener Exponate und mehreren Gesprächen in die engere Auswahl. Es zog sich. Doch endlich, mit offiziellem Schreiben, auf wohlfeinem Papier, erhielt er eine Absage. Man hätte sich leider nicht für ihn entscheiden können, hieß es. Nach weiteren Tagen traf unverhofft ein zweites Schreiben ein: „Nachdem zwei Bewerber aus privaten Gründen die Stelle nicht antreten konnten, erlauben wir uns, anzufragen, ob Ihrerseits noch Interesse besteht?“. Er sagte zu. Er verdrängte dabei den kleinen Schmerz, dass bei all seinem Können der Wettbewerb nicht mit vorbehaltloser Anerkennung und Wertschätzung für ihn entschieden wurde. Er war leider nur zweiter, dritter, vierter, wer weiß.
Er begann seine Tätigkeit als Fotoreporter. Als Mitarbeiter der weithin anerkannten Zeitschrift rundete sich sein Selbstbewusstsein und in seinem Auftreten konnte man Sicherheit und Festigkeit spüren. Alles andere trug er verborgen in sich.
Es kam, dass er als Kriegsberichterstatter an die Front geschickt wurde. Die Nachrichten über die kriegerischen Auseinandersetzungen im fernen Afrika waren bislang spärlich. Man hörte Bruchstückhaftes und Widersprüchliches. Emil hatte nicht viel Zeit, sich auf diesen Einsatz vorzubereiten. Mit einer Maschine staatlich organisierter Hilfssendungen sollte er das Kriegsgebiet erreichen.




