Super reich

- -
- 100%
- +
Rupert hatte nicht vor, das zu tun. Er würde sich schätzungsweise über jeden beliebigen Gewinn freuen. Bisher war er durchs Leben gekommen, indem er nicht auffiel, kein Theater machte und sich keine Feinde schuf. – Billingston brachte den Hut mit den Zetteln herein, der anschließend herumging. Rupert nahm ein Stück Papier und entfaltete es. Er hatte die Vier gezogen.
«Das ist nicht gerade die beste Zahl», sagte Melanie wissend.
«Vielleicht sogar die schlechteste», sagte der andere Turgid.
Als alle eine Zahl vor sich liegen hatten, nahm Mrs Rivers, die die Eins gezogen hatte, einen Gewinn und packte ihn aus. Es war eine Apfelsine.
«Tja, ich bin geliefert», sagte sie verdrossen. «Die will bestimmt niemand eintauschen. Wieso ziehe ich immer so eine niedrige Zahl? Wieso habe ich in all den Jahren, die ich dieses Spiel schon spiele, noch nie eine gute Zahl gezogen? Ich glaube, die sind gezinkt.»
«Das sagst du jedes Jahr», meinte Mr Rivers, der die Zwei gezogen hatte. Er bekam eine Reihe Nancy-Drew-Bücher.
«Großartig», sagte er. «Die habe ich noch nie gelesen. Ich sehe eine herrliche Woche vor mir.»
«Falls du sie behalten darfst», flötete William.
«Was nicht der Fall ist», sagte Melanie entschlossen. Sie hatte die Drei und packte bereits ihren Gewinn aus – eine Pralinenschachtel. «Perfekt. Ich tausche sie gegen deine Nancy-Drew-Bücher, vielen Dank.» Dann lief sie um den Tisch zu Mr Rivers, schnappte ihm die Bücher weg und warf ihm ihre Pralinenschachtel zu.
«Dabei mag ich die nicht mal», sagte Mr Rivers traurig.
«Hättest du lieber eine Apfelsine?», fragte Mrs Rivers.
«Das hättest du wohl gerne», entgegnete Mr Rivers und blickte schmollend aus dem Fenster.
«Ich mag Pralinen», sagte Sippy hoffnungsvoll.
«Du kannst jetzt nicht tauschen», schnaubte Onkel Henry. «Ihr wart beide schon dran und du kannst Sippy nicht einfach die Pralinen geben. Sie weiß genau, dass es gegen die Regeln verstößt! Ihr seid mit eurem Gewinn geschlagen, hier wird nicht geschummelt!»
Jetzt war Rupert an der Reihe. Er wählte einen kleinen Gewinn und öffnete ihn. Es war ein Kazoo.
«Oh, vielen Dank», wisperte er, ohne im Entferntesten zu wissen, was es war.
«Bei wem bedankst du dich?», spottete William.
«Das ist ein beschissener Gewinn», sagte der andere Turgid.
«Stimmt, aber meine Nancy-Drew-Bücher bekommst du nicht. Denk gar nicht erst drüber nach.»
«Er kann alles haben, was er möchte!», sagte Onkel Henry.
«Er wohnt nicht einmal hier», beschwerte sich Melanie.
«Das ist nicht vorgeschrieben», entgegnete Onkel Henry. «Wenn du eine neue Regel aufstellen willst, musst du dich an das Regelkomitee wenden. Man kann nicht einfach mit einer neuen Regel ankommen, zum Beispiel, dass man hier wohnen muss, um einen Gewinn abzustauben.»
«Es gibt kein Regelkomitee», sagte Melanie. «Das hast du dir ausgedacht.»
«Selbstverständlich gibt es ein Regelkomitee», sagte Onkel Henry. «Wie hätten wir die Regeln sonst aufstellen sollen? Bist du dümmer als ein Pantoffeltierchen? Bist du völlig deiner Sinne beraubt?»
«Herrje», sagte Mrs Rivers. «Jetzt hast du sie zum Weinen gebracht.»
«Ich habe nur wichtige Dinge gefragt», sagte Onkel Henry. «Fragen, die sie sich selbst stellen sollte.»
«Bin ich dümmer als ein Pantoffeltierchen?», schrie Melanie und stand auf. «Ich weiß nicht einmal, was ein Pantoffeltierchen ist!»
«Meine Rede», sagte Onkel Henry, faltete die Hände und nickte still.
«Und ich weine nicht!», schrie Melanie weiter. «Onkel Henry stellt mitten im Spiel Regeln auf und erfindet Institutionen, um damit durchzukommen.»
«Gar nicht! Das habe ich noch nie getan!», sagte Onkel Henry. Er erhob sich beleidigt und baute sich vor Melanie auf.
«Nimm ihre Bücher, mein Junge», sagte Onkel Moffat zu Rupert. «Das wird ihr eine Lehre sein.»
«Ich behalte doch lieber dieses Ding, danke», flüsterte Rupert und umklammerte sein Kazoo.
«Du weißt doch nicht mal, was das ist!», sagte der andere Turgid und krähte vor Lachen.
«Er spielt nicht richtig mit!», sagte Rollin.
«Genau!», sagte William. «Spielverderber.»
«Haltet die Schnauze», sagte Melanie. «Natürlich möchte er ein Kazoo haben. Wer würde das nicht wollen?»
«Ich bin dran», sagte Turgid und sorgte für Ablenkung, indem er seinen kleinen Gewinn auspackte.
Es war das neue Bauern-Jahrbuch von 1996. Er tauschte es gegen die Pralinen seines Vaters ein. Am liebsten hätte er die Nancy-Drew-Bücher genommen, aber er fürchtete sich vor Melanie.
«Gott sei Dank», sagte Mr Rivers und betrachtete das Kalendarium fürs nächste Jahr. «Damit kann man wenigstens etwas anfangen.» Er begann, die Wettervorhersage für Januar zu lesen.
«Hättest du nicht eigentlich lieber eine Apfelsine, Turgid, mein Schatz?», fragte seine Mutter.
«Nein, und das weißt du genau», antwortete Turgid.
«Ich weiß wirklich nicht, warum wir Apfelsinen im Haus haben», sagte Mrs Rivers düster. «Keiner mag sie.»
«Ich schon, aber ich hätte eben lieber die Pralinenschachtel», sagte Turgid.
«Aber ich habe dich auf die Welt gebracht», sagte Mrs Rivers.
«Nicht das schon wieder», sagte Turgid.
Mrs Rivers neigte dazu, diese Tatsache zu erwähnen, wenn es nicht nach ihrer Nase ging.
«Dreizehn Stunden in schrecklichen Wehen», murmelte Mrs Rivers vor sich hin, denn die anderen hörten gar nicht mehr zu.
«Früher galt eine Orange oder auch eine Banane als exotisch, ein Luxusgut», sagte die Bibliothekarin hinter dem Vorhang. Sie hatte sich beim Abendessen an kleinen Tellern vom Tisch bedient und war damit jeweils zu ihrem Platz hinter dem Vorhang zurückgekehrt. Dort hatte sie in ihrem Essen gestochert und abwechselnd gelesen oder gelauscht. «Es gab Zeiten, da hätten Kinder sich sehr gefreut, so etwas zu Essen zu bekommen.»
«Vielen Dank für die Information», sagte Onkel Moffat und verdrehte leicht die Augen.
«Und willkommen im Zeitalter moderner Kühlung», sagte Mrs Rivers. «Können wir jetzt weiterspielen?»
Es ging voran, bis William eine kleine tote Maus auspackte und sie gegen Melanies Nancy-Drew-Bücher tauschte. Daraufhin weinte sie heftig und heulte, sie würde ihre Familie hassen.
«Ha ha, Melanie hat den Scherzpreis gewonnen», sang William.
«Billingston sucht die Gewinne aus und bei Jupiter, er übertrifft sich jedes Jahr selbst mit einem abscheulichen Scherzpreis!», frohlockte Onkel Henry. «Letztes Jahr war es ein verschimmelter Käse. Tja, Melanie, auf der toten Maus wirst du wohl sitzenbleiben. Wie rasch sich doch unsere Lebensumstände wandeln. Wusch wusch ganz oben in der Welt und dann wusch wusch wieder unten. Die tauscht keiner ein, außerdem ist das Spiel sowieso zu Ende.»
«Oh, Melanie, nimm es bitte nicht so schwer. Du kannst die Bücher in der Bibliothek ausleihen», sagte die Bibliothekarin durch den Vorhang. «Ich habe dir immer schon gesagt, dass man mit einem Ausweis der Stadtbibliothek niemals arm ist.»
«Sie wird sowieso nie arm sein», sagte Mr Rivers. «Sie ist eine Rivers.»
Doch Melanie heulte viel zu laut, um irgendetwas anderes wahrzunehmen. Soweit man es verstehen konnte, ging es recht unzusammenhängend darum, dass sie einfach gewinnen wollte.
Schließlich sagte Tante Hazelnut: «Jetzt halt den Mund, Melanie, es ist nur ein Spiel.»
Und Onkel Henry stand auf und brüllte: «WEITER!»
Sie gingen zum nächsten Spiel über. Für die körperbetonteren Spiele zogen sie ins Wohnzimmer um.
Sie spielten Scharaden. Sie spielten Ochs am Berg. Sie spielten Scattergories, Pictionary und Dictionary. In der Zwischenzeit schaffte Billingston immer mehr Gewinne aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat heran. Rupert hatte einen wahren Berg davon angehäuft. Und was waren das für Preise! Er hatte ein Eisenbahnset und warme Winterstiefel, die ihm zwar zwei Nummern zu groß waren, doch das war ihm egal. Er hatte jetzt eine Schneeschaufel und war Mitglied im Keks-des-Monats-Club. Er besaß ein ferngesteuertes Flugzeug und einen Stapel warmer Pullover. Am allerbesten fand er, dass er in seiner Familie zum ersten Mal Weihnachtsgeschenke verteilen konnte. Bisher hatten die Browns höchstens von John und Dirk Geschenke erhalten – und das waren meistens, nein, immer Katzen gewesen.
Rupert saß da und überlegte fröhlich, wer was bekommen sollte. Die Eisenbahn wollte er einem seiner jüngeren Brüder geben, das ferngesteuerte Flugzeug seinem Vater. Er würde es toll finden, da war er sicher. Dann hatte er beim Fernsehen etwas zu tun. Die Pullover konnten verteilt werden, einige waren so groß, dass sie sogar seiner Mutter passen könnten. Für John und Dirk sah er einen Plüschtiger und einen Plüschlöwen vor, obwohl sie als Jugendliche dafür wahrscheinlich schon zu alt waren. Aber er hegte die Hoffnung, sie könnten sie als angemessenen Ersatz für echte Katzen betrachten. Mittlerweile waren auch die Nancy-Drew-Bücher in seinen Besitz gelangt, nachdem William sie in einem Spiel namens Pick an Melanie verloren hatte, die sie Rupert im Zuge eines Spiels ausliefern musste, das Onkel Henry erfunden hatte. Onkel Henry fand es am allertollsten und nannte es Pfand, weil jedermann seinen Lieblingsgewinn wieder verlieren konnte.
Seit Rupert die Bücher gewonnen hatte, fürchtete er sich vor Melanie, doch Onkel Henry hatte ihm versichert, Melanie sei während der Spiele immer beängstigend. Es sei aber gut für sie, Sportsgeist zu entwickeln und Rupert solle sie gar nicht beachten. Wenn Melanie sich nicht rächte, sollten die Bücher für Elise sein. Elise saß abends gern mit Rupert zusammen, der sich dann als Ablenkung von der Eiseskälte Geschichten für sie ausdachte. Aber die Geschichten waren nie besonders gut. Er hatte im Leben außer Hungern und Frieren wenig erlebt, sodass sich das in die Geschichten schlich, bis sie als Ablenkung nicht mehr wirklich gut zu gebrauchen waren. Doch jetzt konnte er ihr die Nancy-Drew-Bücher vorlesen und das machte ihn glücklicher als alles andere, was an diesem Tag geschehen war.
Am Nachmittag gelangten die Rivers schließlich zu ihrem letzten Spiel.
EINE LETZTE FRAGE
Alle mal herhören!», rief Onkel Henry. «Bringt die Gewinne auf den Esstisch zurück.»
«Gehört das wirklich mir?», flüsterte Rupert Turgid zu und wies auf die zahlreichen Gewinne, die er sich auflud. Sie passten gar nicht alle auf den Tisch und der musste eine Vielzahl hinter seinem Stuhl ablegen.
«Das ist alles deins, ganz recht», sagte Turgid. «Du hast anständig und ehrlich gewonnen. Nicht schlecht für deine ersten Spiele.»
Rupert konnte es kaum glauben, denn es widersprach allem, was er nach seinen bisherigen Erfahrungen vom Leben erwartete. Er konnte sein Glück kaum fassen, dass dieses schreckliche Tor ihn geschnappt und über die Hecke geschleudert hatte. Das beweist nur, dachte er, dass man nicht zu hastig über das urteilen soll, was einem im Leben widerfährt – was gut oder schlecht ist oder zu besseren oder schlechteren Dingen führen kann. Er hatte gedacht, er wüsste, womit zu rechnen war, und es hatte sich herausgestellt, dass man nie wissen konnte, was kam.
Er merkte es zwar nicht, doch in seinem Entzücken zappelte er auf seinem Platz und grinste über das ganze Gesicht.
«Was ist denn mit dem los?», fragte William und zeigte mit dem Finger auf Rupert.
«Wahrscheinlich hat er Flöhe», sagte Melanie. «Flöhe und meine Nancy-Drew-Bücher. Einen schlimmeren Gast kann man sich meines Erachtens nicht vorstellen.»
«Es sind nicht deine Nancy-Drew-Bücher», sagte Turgid. «Er hat sie gewonnen.»
«Stimmt, aber ich hatte sie zuerst und ich wohne hier. Im Gegensatz zu ihm, einer Vogelscheuche, die du vom Rasen gekratzt hast!», sagte Melanie mit funkelnden Augen.
«Möchtest du sie wiederhaben?», fragte Rupert Melanie höflich und machte Anstalten, ihr die Bücher zu bringen.
«Schluss jetzt!», sagte Onkel Henry barsch. «Hier wird nicht geschummelt. Wenn Melanie sie haben wollte, hätte sie sie nicht im Pfandspiel verlieren sollen. Du kannst den Leuten nicht einfach etwas geben! Das wären ja chaotische Zustände! Anarchie! Da hätten wir womöglich den Jabberwocky zu fürchten! Da könnte gleich der Brabbelback durch den Dusterwald rennen. Eins sage ich dir, so etwas dulde ich an meinem Spieltisch nicht!»
«Oh», sagte Rupert und setzte sich wieder.
«Also, ich warne dich. Ich habe dich auf dem Kieker», sagte Melanie und sah Rupert mit zusammengekniffenen Augen an.
«Hervorragend! Das ist die richtige Einstellung», meinte Onkel Henry.
Man sah Rupert sein Elend an.
«Egal», sagte Turgid. «Gleich hast du die Chance, alle Gewinne zu gewinnen.»
Noch mehr Gewinne, dachte Rupert. Was für ein Tag!
Da Mrs Rivers darauf bestand, dass sie vor dem letzten Spiel den Nachtisch aßen, legten alle ihre Gewinne auf den Boden. Billingston deckte erneut den Tisch und servierte die Kuchen und Torten, die Liebesknochen und Puddings noch einmal. Eine weitere Stunde verging mit konzentriertem Vollstopfen. Diesmal hatte Rupert wieder Platz dafür. Er arbeitete sich ebenso durch die Süßspeisen, bis ihm schlecht wurde, wie er es bei den herzhaften Gerichten getan hatte. Es war eine herrliche Form von Übelkeit. Schließlich wurde alles für das letzte Spiel des Tages abgeräumt.
Onkel Henry setzte sich, schaute sich mit schmalen Augen am Tisch um und holte dann schwungvoll ein Kartenspiel aus der Tasche.
«Das ist Poker», erklärte Turgid Rupert. «Wir spielen so lange, bis ein Gewinner übrigbleibt, der dann alles bekommt.»
«Heißt das, ich verliere vielleicht meine Gewinne wieder?», fragte Rupert. «Die, die ich in den anderen Spielen gewonnen habe?»
«Yep, wahrscheinlich schon. Onkel Henry ist unfassbar gut im Poker. Dad auch. Onkel Moffat ist nicht schlecht. Sie spielen seit Jahren. Wir anderen sind ungefähr gleich gut. Am Ende des Spiels geht einer von uns mit dem ganzen Zeug als Sieger davon. Das ist hart. Andererseits geht es ja nicht um die Sachen, sondern um den Geist des Spiels, nicht wahr?»
Nein, dachte Rupert, es geht um die Sachen. Er drehte den Kopf und betrachtete seine Gewinne. Er besaß eine warme Wintermütze, einen Plüschbär, zwei Pralinenschachteln, ein Monopolyspiel, eine vollständige Enzyklopädie, deren zahlreiche Bände er nicht einmal hochheben konnte. Er bräuchte wahrhaftig einen Lastwagen, um das alles nach Hause zu bringen. Vieles hatte er sich noch gar nicht richtig anschauen können. Beinahe hätte er gefragt, ob er an dieser Stelle nicht aufhören und behalten könnte, was er bisher zusammengetragen hatte. Doch er spürte, dass das nicht gut ankommen würde. Deshalb setzte er sich nervös auf seinen Platz, während sein Magen vor Angst und Völlerei laut knurrte.
Onkel Henry und Onkel Moffat versuchten, Rupert die Regeln in allen Einzelheiten darzulegen, während die anderen sich um sie drängten und eigene Tipps besteuerten.
«Wir spielen nur mit fünf Karten», sagte Melanie.
«Damit es nicht zu kompliziert wird», sagte William.
«Du spielst nicht mit deinem Blatt, sondern mit den Mitspielern», sagte Mr Rivers. Rupert verstand nur Bahnhof.
«Du musst ein gutes Pokerface machen», sagte der andere Turgid. «Sieh mal.»
Er zog so eine grausige Grimasse, dass Rupert vor Angst beinahe vom Stuhl fiel, und Turgid lachen musste.
«Ja, ja, das reicht jetzt, er hat es verstanden», sagte Onkel Henry. «Los, teilt die Karten aus.»
Doch Rupert hatte es nicht verstanden, jedenfalls nicht sofort, und verlor gleich in den ersten beiden Spielen sowohl den Teddybär als auch eine der begehrten Pralinenschachteln. Wer gewann, bekam nicht nur seinen eigenen Einsatz zurück, sondern auch die Gewinne, die die anderen gesetzt hatten. Ruperts Verstand, der normalerweise nicht gefüttert wurde und deshalb nicht sonderlich ergiebig war, war entbrannt, angefeuert von dem vielen Zucker und ausgeruht, weil er so lange nicht im Einsatz gewesen war. Ausnahmsweise spielte er mit und kam Rupert zu Hilfe. Allmählich fand er heraus, was er mit seinen Karten tun sollte und wie es mit dem Blatt der anderen aussah. Er schätzte ab, wie groß die Chance war, dass der Einsatz der Mitspieler auf ihrem Blatt beruhte. Er hätte nicht sagen können, wie er das machte, doch er machte es richtig, denn er begann zu gewinnen. Jedes Spiel.
«Er pfuscht», beschwerte sich William.
«Das reicht, William», sagte Mrs Rivers. «Das sagen wir hier nie.»
«Wie soll er denn pfuschen?», fragte Turgid. «Er hat noch nie Poker gespielt.»
«Das sagen alle Falschspieler», sagte William. «So kriegen sie dich.»
«Das war’s», sagte Onkel Henry, stand auf und warf William einen bösen Blick zu. «Du musst den Tisch verlassen.»
«Mir doch egal», sagte William. «Meine Gewinne sind ohnehin weg.» Er ging und schmollte vor dem Fernseher.
«Kümmere dich nicht um ihn», sagte Onkel Henry. «Er war immer schon ein schlechter Verlierer. Aber du! Du bist unglaublich! Du bist ein Genie. So etwas haben wir noch nie erlebt. Jedenfalls hast du Leben in unser diesjähriges Weihnachtsfest gebracht. Ja, das hast du, junger Rupert! Du bist wirklich etwas ganz Besonderes!»
Rupert wurde rot. Dann gewann er erneut. Er gewann, bis sich um ihn herum die Gewinne nur so stapelten. Und wieder fragte er sich, wie er das alles nach Hause tragen sollte. Vielleicht würden die Rivers ihm erlauben, mehrfach zu gehen. Der tollste Gewinn waren die Winterstiefel. Er hatte es ausgehalten, an den Füßen zu frieren, weil ihm nichts anderes übriggeblieben war. Aber jetzt, da er wusste, sie würden warm bleiben, konnte er die Vorstellung, sie könnten jemals wieder frieren, nicht ertragen. Offenbar konnte man die Dinge nur über sich ergehen lassen, bis es Hoffnung auf Erlösung gab. Entsetzt stellte er fest, dass dies alles nur noch schlimmer machte, denn jetzt hoffte er tatsächlich auf bessere Zeiten. Und Hoffnung war etwas Schreckliches, weil es die Notwendigkeit erstickte, das Schlimmste zu erdulden. Sobald diese Notwendigkeit nicht mehr da war, schwand auch die stählerne Fähigkeit dazu. Jetzt war die Vorstellung eiskalter Füße unerträglich und das war gefährlich, weil er noch nicht aus dem Schneider war.
Beim letzten Blatt trat er gegen Onkel Henry an. Der Sieger bekam alles. Auch Onkel Henry hatte auf seiner Seite des Tisches eine Vielzahl begehrenswerter Gewinne angehäuft, zum Beispiel einen Schneerutscher und ein Skateboard. Und eine ganze Kiste mit Mais in der Dose. Rupert dachte, er würde Onkel Henry mit Freuden dessen Gewinne und auch seine eigenen überlassen, wenn er jetzt aufhören und die Stiefel mitnehmen dürfte. Nur die Stiefel. Er wäre glücklich, wenn er nur die Stiefel nicht verlöre.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Rivers, die nicht zum letzten Showdown antraten, normalerweise längst genug voneinander und den Spielen und gingen zum Fernseher, lasen im Wohnzimmer ein Buch am Kamin oder machten sich noch einmal über den Nachtisch her. Doch an diesem Weihnachten veranlasste die elektrische Energie zwischen Onkel Henry, dem Experten, und Rupert, dem Neuling – die beide unbedingt gewinnen wollten und den Gegner mit zusammengekniffenen Augen über ihre Karten hinweg genau beobachteten – alle, stumm auf ihren Plätzen zu bleiben. Mittlerweile lagen sämtliche Gewinne gestapelt auf dem Esstisch, der unter ihrem Gewicht ächzte.
«Wer gewinnt? Wer gewinnt?», fragte Mrs Rivers nervös.
«Ach, halt die Klappe, Beth», sagte Onkel Moffat.
«Rupert soll gewinnen», sagte Turgid.
«Oh nein, unbedingt Henry», sagte die Bibliothekarin hinter dem Vorhang. «Henry gewinnt immer.»
«Natürlich muss es Onkel Henry sein», sagte Melanie. «Dann kann er mir die Nancy-Drew-Bücher zurückgeben.»
«Gib’s auf, die Bücher kannst du abschreiben», höhnte Rollin. «Auch wenn Onkel Henry gewinnt. Und das muss er, hier geht es um die Familienehre.»
«Nein, lasst den Neuen gewinnen», sagte Tante Hazelnut. «Diese Familie sollte mal gehörig aufgerüttelt werden.»
Rupert und Onkel Henry schwiegen. Sie atmeten langsamer und hatten die Augen zu noch engeren Schlitzen verengt. Das Esszimmer war auf zwei Blätter und einen Haufen Gewinne geschrumpft.
Ich werde hier nicht der Sieger sein, dachte Rupert. Ich kann es nicht sein. Ich muss es sein.
Onkel Henry und Rupert hatten jeweils fünf Karten. Sie durften vier Karten abwerfen und dafür vier neue Karten verlangen, um ein besseres Blatt zu bekommen. Rupert hatte drei Sechsen. Es war gut, drei zu haben, egal wovon. Vier war besser. Es wäre sogar ungewöhnlich, ein besseres Blatt als vier gleiche Karten zu haben. Doch er hatte keine Ahnung, was Onkel Henry auf der Hand hatte. Falls Onkel Henry vier neue Karten ziehen würde, hätte er vermutlich gar nichts zu bieten. Wenn er aber nur um eine neue Karte bat, war sein Blatt wahrscheinlich sehr gut.
In der Hoffnung auf eine weitere Sechs bat Rupert um zwei neue Karten und warf die beiden, die keine Sechs waren, ab. Onkel Moffat reichte sie ihm. Rupert hob die beiden Karten nacheinander zu seinem Blatt. Die erste war eine Neun. Aber die zweite, nein, das war unmöglich. Das konnte nicht sein! Eine vierte Sechs! Er würde gewinnen! Er durfte nicht nur seine, sondern auch Onkel Henrys Gewinne behalten! Moment, so musste es nicht unbedingt kommen. Freu dich nicht zu früh, dachte er. Es hing von Onkel Henrys Blatt und den Karten ab, die er bekam. Und jetzt bat Onkel Henry ebenfalls um zwei neue Karten. Vielleicht hatte er drei gleiche, vielleicht hatte er drei Siebenen und würde eine vierte bekommen. Das würde ausreichen, damit Onkel Henry gewann. Vier Siebenen.
Onkel Henry steckte die beiden Karten nacheinander in sein Blatt, wie Rupert es eben getan hatte, und begutachtete, was das Schicksal ihm beschert hatte. Rupert studierte Onkel Henrys Gesicht so aufmerksam, als stünde dort der Sinn des Lebens geschrieben, doch er konnte nicht erkennen, was Onkel Henry bekommen hatte. Seinem Gesicht war nichts zu entnehmen.
Onkel Henry blickte starr zurück. «Nur zwei Karten, ja?», sagte er schließlich. «Du bluffst, Rupert. Ich wette, du hast nichts auf der Hand. Darauf setze ich alles.»
«Ja, äh, okay. Ich setze alles außer den Stiefeln», sagte Rupert voller Hoffnung. Schließlich konnte Onkel Henry alle möglichen Blätter haben, die besser waren als sein eigenes. Er könnte ein Full House haben, oder einen Royal Flush. Er blieb lieber vorsichtig und hielt den einen Gewinn zurück.
«Mach dich nicht lächerlich!», sagte der andere Turgid. «Das kannst du nicht machen. Du musst seinen Einsatz ausgleichen. Du musst setzen, was er setzt, und er hat alles gesetzt. Also musst du auch alles setzen oder zurückziehen. Es kommt aufs Gleiche heraus. Sag’s.»
Plötzlich war Rupert umzingelt.
«Sag’s! Sag’s! SAG’S! SAG’S! SAG’S!», schrien sie, bis Rupert schwindelig wurde. Es rauschte in seinen Ohren, er hielt es nicht mehr aus.
«ICH SETZE ALLES!», brach es aus ihm heraus, denn alles war besser als das.
Es wurde ganz still.
«Spieler, deckt eure Karten auf», sagte Mr Rivers.
Gemächlich legte Onkel Henry seine Karten offen auf den Tisch. Rupert betrachtete sie. Dann sah er noch mal hin. Zunächst wurde ihm schlecht. Könige! Onkel Henry hatte Könige! Und Könige waren viel mehr wert als Sechsen. Aber halt – konnte es sein? Onkel Henry hatte, also er hatte nur drei!
Rupert legte seine Karten offen auf den Tisch.
Einen Augenblick lang war es totenstill und Rupert überlegte bereits krankhaft, ob sie sich auf ihn stürzen und ihn umbringen würden. Das wäre kein völlig unerwartetes Ende dieses Tages.
Dann ertönte lautes Geschrei und Onkel Henry schrie am lautesten.
«VIER SECHSEN! Exzellent! Exzellent! Der Junge ist ein Genie! Was hat der für ein GLÜCK! Noch nie hat ein Junge so viel Glück gehabt. Rupert, Rupert, du gewinnst, mein Junge. DU GEWINNST ALLES!»
Rupert saß da, als hätte man ihn mit einem Hammer erschlagen, doch Onkel Henry nahm das gar nicht zur Kenntnis und hüpfte weiter auf seinem Stuhl auf und ab.
«Was für ein stilles Wasser! So eine Überraschung! Ich habe mich im Leben noch nie so gefreut, dass ich verloren habe. Was für ein Spiel, was Moffat! Was für ein Spiel!»



