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Wenn beim Stammhaus irgendwann die Baumaschinen auffahren, werden wir das aus der Ferne verfolgen, denn wir haben uns vorzeitig zerstreut. Auf drei Kontinenten halten wir unseren Tagesablauf ein und erinnern uns an einen Satz, den Petra unter Mirabellenblüten gesprochen hat: »Einfach zu dauern, scheint mir Aufgabe genug.«
Das Stammhaus steht uns noch klar vor Augen, wir träumen alle davon. Kurt kannte es am besten. Er wurde anfangs als Hausmeister verpflichtet, als Angestellter, und ist dem Orden dann unverhofft beigetreten. Mit Anatol, der als vierter ankam, arbeitete er im Simulatorium. Als die Pioniere ihre Ämter benannten, erhielt Kurt den Titel »Maschinist«. Er sorgte für den Hof mit allem Drum und Dran.
Der Bauer, dem das Land gehört hatte, war in den 1960er Jahren ermuntert worden, sein kleines Haus im Dorf zu räumen und auf freiem Feld technisch aufzurüsten. Da er kein Ackerland verbauen wollte, zog er in den ehemaligen Steinbruch. Dort ließ er eine Maschinenhalle errichten, einen großen Stall und ein Einfamilienhaus. Letzteres war zu klein für den Orden. Kurt baute den Keller aus, als sich Anatol angekündigt hatte, und als auch Céline anreiste, wurde der Dachstock isoliert und wohnlich eingerichtet. Petra ging Kurt zur Hand, wo sie konnte, Betty kümmerte sich um den Garten. Viel studiert haben alle, gelesen, gerechnet und geschrieben. Die Ersten Fünf gingen davon aus, dass sie zu wenig wussten. Sie wollten alles besser verstehen und genossen es, dass sie dafür unglaublich viel Zeit hatten.
»Ein Kloster lagert kein totes Wissen«, versprachen sie den Neuen, die sie anwarben. »Jede Generation wird übersetzen, anreichern und prüfen. Wir werden immer wieder die richtigen Sprachen finden.«
Im Sommer ’16 kamen zehn Neue dazu. Wir füllten die Ämter auf, sorgten für neue Einnahmen und erhöhte Aktivität. Auch Streit brach aus. Aber wir fanden wieder zur Einheit, legten Regeln fest. Die meisten von uns nahmen nicht wahr, dass sich ein Zerwürfnis mit dem Konsortium anbahnte. Nur wenige bekamen die Nachrichten zu Gesicht, die Petra mit der Finanzabteilung unserer Auftraggeber wechselte. Bis die bekannt gaben, unser Versuch sei gescheitert. Da schrieben wir den Frühling ’17. Das Gebilde, das uns konzipiert hatte, schien weit weg. Unter uns sprachen wir nur noch abfällig von den Konsorten. Den Namen des Zuständigen sprachen wir gar nicht mehr aus. Die uns geprüft haben wollen, hatten keine Vorstellung davon, was bei uns gedieh. Sie verstanden nicht, was es heißt, ein Gelübde abzulegen, sein restliches Leben einer Aufgabe zu widmen. Sie konnten uns nicht abschaffen.
Wir finden neue Brüder und Schwestern. Wer irgendwo aufgerieben wird zwischen panischer Hektik und ängstlicher Starre, findet bei uns eine Insel der Vernunft. Wir lernen und arbeiten. Was uns antreibt, findet sich in klassischen Werken von Irmtraud Morgner und Alexander Kluge, auch im altchinesischen Zhuangzi, es zeigt sich in morgendlichen Übungen, in Losungen und Lektionen, in den Regeln der Gemeinschaft. »Anatols große und erweitere Formelsammlung« liefert die Grundlage für Simulationen, die zuerst in der Maschinenhalle des Stammhauses Gestalt annahmen. Jedes Mitglied musste dort in einen verkabelten Anzug schlüpfen, einen Helm aufsetzen, sich mit dem digitalen Hirn eines Roboters vereinen, nach einem Alarm in Kavernen absteigen, in sicherem Abstand von jedem Lebewesen Risse im Fels vermessen, einen Wassereinbruch bekämpfen oder Schweißnähte prüfen.
Im Nachwort von Anatols Formelsammlung steht die Bezeichnung »Mindere Forscher«, die dem Orden, seiner Demut und seinem unendlichen Ehrgeiz am besten entspricht.
4.
Anatol wusste genau, was für eine Kirche er sicher nicht gründen würde. Keinen einzigen Tod werde er schönreden, sagte er gleich bei seiner Ankunft zu Petra, sein Innenleben sei streng privat, Rechenschaft werde er nur über seine Taten ablegen. Auch singe er nur, wenn ihm danach sei.
»Wird hier gesungen?«
»Bisher nur privat«, gab Petra zur Antwort.
»Wer versteht etwas von Nuklearphysik?«
»Kurt. Vom Praktischen her.«
»Und sonst?«
»Niemand.«
Anatol war Nuklearphysiker. Er kannte sich aus. »Mehr vom Theoretischen her«, sagte er nach einigen Wochen zu Kurt, denn er hatte nur kurze Zeit in einem Atomkraftwerk gearbeitet. Das war in den 1990 er Jahren gewesen, also schon lange her. Damals hatten die jüngeren Ingenieure und die Hilfsarbeiter für höhere Zulagen protestiert. Bald hatten sie alle gegen sich aufgebracht: die Alten, die Kommunisten, die Kapitalisten, Präsident Jelzin persönlich. Seither wusste Anatol auch ganz genau, was für einer Gewerkschaft er bestimmt nie beitreten würde: Einer Staatsgewerkschaft, die sich wie ein wankender Stahlturm auf jeden Funken Unruhe fallen lässt, alles platt macht, selbst wenn es den Staat, dem sie angehört, gar nicht mehr gibt.
»Dunkel«, sagte Betty auf Deutsch, als ihr Anatol erzählte, wie es damals gewesen sei in dem russischen AKW, wo er Anarchosyndikalist geworden war.
Petra bat ihn, das Amt des Forschers zu übernehmen, Physik und einiges mehr zu unterrichten. So begann Anatol, an seiner Formelsammlung zu arbeiten, Lektionen zu entwickeln, und mit Kurt saß er täglich zusammen, bis die erste Simulation lief.
»Worauf gründest Du Deine Hoffnung?«, fragte ihn Betty am ersten Tag.
»Auf uns und unsere Bereitschaft zum Opfer.«
Die Aufnahmebedingungen des Ordens hatten ihm sofort eingeleuchtet: Ein Mensch, der eintritt, muss mindestens 45 Jahre alt sein. Allfälligen Erben ist ein Pflichtteil auszuzahlen, das restliche Vermögen ist einzubringen. Von der Möglichkeit, in diesem Leben noch einmal Vater oder Mutter zu werden, ist glaubhaft Abschied zu nehmen.
Als das erste gemeinsame Gewand eingeführt wurde, sprach sich Anatol für einen kyrillischen Schriftzug auf der rechten, äußeren Hosennaht aus. Das Wort, das da stehen sollte, hieß auf Russisch und auf Deutsch »Liquidator«. Die Hose konnte sehr günstig und in großen Mengen im Laden des landwirtschaftlichen Genossenschaftsbundes gekauft werden. Es war eine graue Arbeitshose mit schwarzen Taschen. Ликвидатор sollte stets daran erinnern, dass der Träger dieser Hose zu sterben bereit war.
Wenn Anatol betete, dann für die Seelen jener Männer, die in Tschernobyl auf das Dach von Block 3 gestiegen waren, als Block 4 schon durchgebrannt war, und für die Bauarbeiter, die mit Beton einen Sarkophag errichteten und dabei verstrahlt wurden, für die Krankenschwestern, die Patienten auch dann noch pflegten, wenn sie zu gefährlichen Strahlenquellen geworden waren. Niemand konnte alle Namen der Toten nennen, es waren Tausende, Zehn- vielleicht Hunderttausende. Aber einige Namen nannte Anatol im zweiten April, als wir unsere Arbeit unterbrachen, um der Liquidatoren von Tschernobyl zu gedenken.
Weil er keinem Staat mehr angehören wollte, der Tausende von Menschen unwissend in den Tod schickt, war Anatol zum Orden gestoßen. Irgendjemand musste im Notfall freiwillig tun, was zu tun war.
Kurt sah das genauso, aber er hatte eine bessere Meinung von AKWs, von Staaten und von Kirchen. Sogar dem Konsortium brachte er zu Beginn ein gewisses Vertrauen entgegen. Ein Konzern, der dem Konsortium angehörte, betrieb in der Nähe des Stammhauses einen Atommeiler. Dort war Kurt jahrelang angestellt gewesen. Als ihm ein Zerwürfnis mit seinem Vorgesetzten die Arbeit erschwerte, boten sie ihm eine Stelle als Hausmeister der neuen Außenstelle an. So schied er aus dem Dienst im AKW aus, kümmerte sich im alten Steinbruch um die Gebäude des Ordens, um das Wohnhaus und die Maschinenhalle. Im Garten arbeitete er Seite an Seite mit Betty Wang. Er kannte den Boden besser und das Gemüse. Sie war ihm körperlich überlegen. Das hätte er nicht erwartet.
Im AKW war Kurt der Hektik stets mit Ruhe begegnet. Nur so sei ein Unfall zu vermeiden, ermahnte er Petra, wenn sie klappernd und stolpernd unterwegs war. Das wusste auch Betty. Sie kam aus einem Land, in dem die Leute abfällig sagten: »Der hat wohl pressiert«, wenn einer von einer Leiter stürzte, auf der Treppe stolperte oder einen Teller fallen ließ. »Nöd jufle«, war einer der wenigen alemannischen Ausdrücke, die ins Alltagsenglisch des Ordens eingingen: »Nichts überstürzen. Nicht huddeln. Don’t hurry«.
Kurt arbeitete nicht langsam, aber in einem steten Rhythmus. Bevor er ein Gerät ablegte, schaute er genau hin, ob da Platz war. Er hob auch nichts auf, ohne sich zuerst zu vergewissern, ob wirklich das Werkzeug bereitlag, das er sich vorgestellt hatte. Vier Bildschirme konnte er stundenlang parallel und aufmerksam betrachten, ohne etwas in eine Tastatur zu tippen, auch ohne einzunicken. Bei Routinearbeiten führte er die Handgriffe so exakt aus, als sei er selber eine Maschine. Automatisch, aber nicht gedankenlos.
Im Garten legte er Wert darauf, dass beim Jäten die Wurzeln der erwünschten, deshalb verschonten Pflanzen nicht verletzt wurden. Wildes Herumhacken war ihm ein Gräuel. Mit Betty teilte er die Devise: »Man muss den Kopf bei der Sache haben.«
»Das falsche Ventil geöffnet, schon steigt der Druck. Zwei Eimer verwechselt, schon fließt verstrahltes Material, wo es nicht sollte. Ein kleiner Fehler reiht sich an den nächsten, das gibt noch keinen GAU, aber die Strahlung steigt, die Nervosität auch und die Fehlerquellen nehmen zu. Kühlen Kopf bewahren, heißt es dann. Und wenn du Pech hast, rasieren sie dir abends diesen Kopf, damit dich die eigenen Haare nicht verstrahlen. Wie ein Sträfling kommst du aus der Schicht und weißt, dass die Gesamtdosis in deinem Körper wieder stark angestiegen ist. Wenn es so weitergeht, entlassen sie dich Jahre vor der Pension.«
Kurt hatte nicht nur im nahe gelegenen AKW gearbeitet, sondern auch in einer Anlage in Frankreich. Er hatte geholfen, einen alten Meiler abzubauen, war dann heimgekehrt und auf einen recht viel jüngeren Vorgesetzten getroffen, der ihm Floskeln servierte, neue Beurteilungskriterien. Es kam zu Störungen und zu Rückenschmerzen. Die hielten im Kloster nicht lange an. Betty zeigte ihm Übungen. Auch im Garten konnte jede Kniebeuge, jedes Anheben der Schubkarre, jede einzelne Bewegung mit Konzentration, muskelstärkend und kräfteschonend ausgeführt werden. Bald turnte der ganze Orden vor dem Frühstück. Kurt und Betty lieferten ab und zu einen Schaukampf.
Sie brachten die anderen Gründungsmitglieder aber nicht dazu, den Lieblingsfilm der beiden zu mögen: »Die Rückkehr zu den 36 Kammern der Shaolin«. (Ein Film, dessen chinesischer Titel,

Petra mochte die Idee, die Kurt und Betty mit diesem Film verbanden, aber sie zerschlug weiter Geschirr in der Küche, weil sie in Gedanken abschweifte und die Hände mitten in einer Bewegung etwas anderes taten, als sie sollten. Sie machte die Übungen mit, aber kaum saß sie an einem Gartenbeet, dachte sie an Bankkonten, ein Leck im Dach oder die kommende Eiszeit. Schon war die Wurzel einer mehrjährigen Rauke entzwei. Dabei hatte sie gehofft, mit dem Eintritt ins Kloster innere Ruhe zu finden. »… ein geruhsames Leben führen …«, hatte der Zuständige gesagt, an jener Bar in Hongkong. Nachdem Petra alle Verträge unterschrieben hatte, vernahm sie nur noch wenig aus der Zentrale, und doch schien sich die ganze Nervosität des Konsortiums im Klosterhof zu entladen. Die technischen und organisatorischen Probleme des Tiefenlagers vermehrten sich mit jedem Planungsschritt und es dauerte Monate, bis Petra erstmals daran glaubte, dass sich der Orden finanzieren ließe. In jener ersten Zeit mochte sie sich treulich hinter Betty stellen und ihre langsamen Schritte imitieren, tief in den Bauch atmen, ausatmen, die Hände schwenken lassen, als seien sie von höheren Kräften getragen. Aber kaum hatte sie den ewigen Atem der Welt aus ihrer Brust entlassen, stürzten Sorgen auf sie ein. Nachts lag sie noch lange wach im Bett – bis die erste Million zusammen war und Céline eine eigenwillige Pentatonik einführte. Von den Fünftonreihen alter Mönchsgesänge und chinesischer Elegien wollte sie nichts wissen. Besinnliches machte sie nervös. Aber eine Obsession mit der Zahl Fünf war von Betty auf sie übergegangen. Fünf Klangspuren sollten es sein: metallische Geräusche, Vogelstimmen, Wummern und Schlagen. Manchmal sang jemand mit. Anatol hatte einen wunderbaren Bass.
5.
Niemand schien so unverrückbar an den Auftrag des Ordens zu glauben wie Betty Wang. Sie sprach selten, dann aber ausführlich und verästelt, sie sang leise, fast zu vorsichtig, arbeitete im Garten, übte sich im Kampfsport und versah das Amt der Medica. Woher ihr Glaube kam und wie man ihn nennen sollte, war schwer zu sagen.
In Manila war sie aufgewachsen. Als sie dort geboren wurde, galt sie noch als Ausländerin. Viele Jahre sah sie nichts als einen kleinen Ausschnitt ihres Viertels, ein kurzes Straßenstück und ihren Schulweg. Stundenlang schaute sie aus demselben Fenster auf den gegenüberliegenden Gehsteig, die sanft gerundete Kante, die alle paar Jahre weiß bemalt wurde, damit der Randstein wieder frisch aussah und mit ihm die ganze Straße. Auch von den Schachtdeckeln kannte sie jeden einzelnen, rechteckige Zementblöcke, die mit einer eisernen, eingegossenen Schlaufe versehen waren. Alle paar Jahre kam jemand, um den Deckel hochzuheben. Wenn die Regenzeit begann und die ersten Stürme über die Stadt fegten, trat Wasser aus den Kanälen, es stieg durch die Löcher in den bröckelnden Schachtdeckeln und verband sich nachmittags mit dem niederprasselnden Regen. Aus der Nachbarschaft tauchten Kinder auf, die kreischend vor Freude in der Überschwemmung plantschten, als sei das ihr Swimmingpool. Denn jetzt war der Sommer vorbei, die Hitze vorüber, das musste gefeiert werden.
Betty, ihre Schwestern und Brüder fragten erst gar nicht, ob sie auch nach draußen dürften, um mit den Kindern im Wasser herumzuhopsen. Sie saßen nur still hinter dem Fenster und schauten zu.
Auch Monate später, als es immer noch regnete und die Kinder verschwunden waren, das Wasser aber tagelang wie ein ruhiger, schmutziger Strom durch die Straße floss, saß Betty am selben Platz. Sie sehnte sich nach dem Sommer, den gelben Blüten der Bäume, die im Garten des Nachbars wuchsen. Sie freute sich auf das Weiß des Randsteins, sein fluoreszierendes Leuchten in der Sonne. Dann würden auch die Kinder zurückkommen, die Jungen vor allem, und abends vor dem Fenster spielen, bis es dunkel wurde.
Wenn sie sich vom Fenster ab und dem Fernseher zuwandte, sah sie auf dem kleinen Bildschirm, dass es jenseits ihrer Straße Boulevards gab, sechsspurig. Sie führten sternförmig in die Außenstädte; es gab ein Meer, neue Brücken, blitzblanke Einbauküchen, dicht bevölkerte, stählerne Fußgängerüberführungen, Einkaufszentren, Glitzerwelten, die sich hinter hohen Betonfassaden verbargen, Konzerthallen, Hochhäuser, Baukräne, Armen- und Villenviertel, die vom Meer her die Hügel hochwuchsen, sich in Wälder und Felder hineinfraßen.
Ihr Vater hatte ein eigenes Geschäft. Er lackierte Autos und blies Luft in ihre Reifen. Vor dem Geschäft stand, in roten Lettern auf orangem Grund: »vulcanizing shop« und Betty verstand nicht, was die Autopneus mit Vulkanen verband, was ihren Vater aus dem uralten Land hinterm Meer vertrieben hatte, aus jenem China, das er jeden Tag verteidigte, mit jeder Mahlzeit, jedem Balsam, den er einem seiner fünf Kinder einrieb, mit jedem Eintrag ins Kassenbuch. Er verbunkerte sich im Geschäft, das nicht weit vom Wohnhaus entfernt lag, am nächstgelegenen Boulevard, und gebot auch den Kindern Vorsicht. Betty wurde von großen Geschwistern, einem Onkel oder Cousin begleitet, wenn sie das Haus verließ.
Diese Geschichte hat Betty Petra diktiert. Oder vielleicht auch nur skizziert, ich meine beim Lesen oft Petras Stimme zu hören: »Vita of Betty Wang or the beginning of our common life« heißt das schmale Buch, das auch über den Orden hinaus zirkuliert. Seit wir verstreut sind, müssen wir viel mehr aufschreiben.
Mit dem Titel »Vita« bin ich nicht einverstanden, schließlich lebt Betty noch. Sie treibt uns weiter an. Nur das, was dasteht, ist abgeschlossen. Aus den verwirrenden Momenten eines Lebens hat sich eine feste Ordnung gefügt.
Als kleines Kind konnte Betty nicht wissen, wem in jener Straße von Manila die andern, die einheimischen Kinder verpflichtet waren, diese Jungen, die abends vor dem Haus auftauchten, sobald die Regenzeit vorbei war, Basketball spielten und dabei genauso plötzlich und schnell in die Luft sprangen, wie der harte Ball vom Boden abprallte. Betty beobachtete sie durch das Fliegengitter vor dem Fenster und durch die massiven Stäbe, die sie vor den Einbrechern schützten, vor den Entführern. Ständig erzählten die Eltern neue Geschichten von unbezahlbarem Lösegeld, verschwundenen Kindern, auch aus der Nachbarschaft. Leichen erwähnten sie nur kurz, hüllten sich dann in Schweigen, sodass es Betty überlassen war, sich aufgeschlitzte Bäuche und abgetrennte Köpfe selbst auszumalen. Den Vätern der Jungen, die abends vor dem Haus spielten, sei nicht zu trauen. Eine Freundschaft mit Kindern, die zu Hause keinen chinesischen Dialekt sprachen, war verboten. Aber Betty konnte ihre Augen nicht von den Jungen nehmen, die in erster Linie mit dem Basketball verwandt schienen, in kerngesunder Linie, denn unter dem zerfetzten, ausgebleichten Korb bewegten sich die Jungen flink und kräftig, ihre Glieder schienen perfekt zusammenzuwirken, da brach nichts aus. Ihr Spiel ließ jeden Mord vergessen. Und Betty mochte die Sprache des Kindermädchens lieber als das Mandarin, das ihnen in der chinesischen Schule eingebläut wurde, mit wenig Erfolg. Die Lehrerin misstraute ihren Schülern. Sie verdächtigte sie, den Einheimischen ähnlich zu werden, die sie als lebenslustig, aber faul beschrieb, gutmütig, aber verlogen, den Chinesen in allen wesentlichen Belangen unterlegen.
Das Kindermädchen war nicht nur gutmütig, sondern auch sehr herzlich, sie machte gern Witze, verballhornte nicht nur die Worte ihrer eigenen Sprache, sondern auch die chinesischen, die sie nicht verstand, sie schlug weniger hart zu als der Vater oder die Mutter. Und sie glaubte Betty sofort, als diese mit neun Jahren verkündete, ein männliches Herz in ihrer Brust zu tragen. Das sei nicht schön, sagte das Kindermädchen scheu zu den Eltern, aber es komme vor. Nicht selten sogar. Dieses Männerherz war dem Vater ein wüstes Omen, ein weiteres Zeichen des Untergangs. Als liege sein Kaiserreich einmal mehr in Trümmern. Die fremde Stadt, ihre Hitze, die Regenfluten, die Gewalt und das Laster hatten von seiner Tochter Besitz ergriffen. Sie verschloss sich allen Ermahnungen. Begrüßte insgeheim den Niedergang des vulcanizing shop, den Übertritt in die günstigere Volksschule, sie blühte auf unter den tagalog-sprechenden Kameradinnen. Von einem der Mädchen wurde sie besonders geliebt. Unter ihrem Blick soll sich Betty zum ersten Mal schön gefühlt haben, und wenn sie so eng beieinandersaßen, dass sie sich von den Oberschenkeln bis zu den Schultern berührten, schien die Zukunft golden.
Gemeinsam bewarben sie sich für einen Studiengang in Krankenpflege und ein Stipendium. Sie wurden angenommen. Mit achtzehn hatte Betty genug von den Schlägen, die ihr das Männerherz austreiben sollten. Sie lief weg, begann ihr eigenes Leben. In der »Vita« erscheint Manila als erste Meisterin, als überragende Gestalt eines Tantenhimmels, der Bettys Glauben – und damit den Orden – geprägt hat.
Erstmals tauchte sie nun allein in die Stadt ein, sie fragte sich durch, wenn sie am Abend Freundinnen traf oder Arbeiten auslieferte, gelangte hinter die Betonfassaden der Einkaufszentren, in die Glitzerwelt und die riesigen Kinosäle. Um Geld zu verdienen, tippte sie nachts und am Wochenende Manuskripte ab, in wechselnden Büros. Eine Lehrerin bot ihr Obdach. Betty lernte, sich selbst vor Entführern zu schützen. Die kriminellen Banden waren reicher geworden. Hatten sich die Eltern Wang noch vor kleinen Gaunern gefürchtet und vor Polizisten, die gern Chinesen schikanierten, so sahen es die neuen Banden auf Millionenbeträge ab. Sie planten ihre Übergriffe genau, beobachteten die Opfer, studierten Verwandtschaftsnetze bis in die Nebenarme, schlugen in Gruppen zu, verfügten über neue Lieferwagen und Scheinfirmen, ausländische Bankkonten, wo das Lösegeld sicher war.
»Du darfst Dir keine regelmäßigen Routen angewöhnen«, sagte die Lehrerin, bei der Betty untergekommen war. »Die Banden operieren genauso wie einst die Todesschwadronen des Diktators. Sie beobachten Dich wochenlang, um zu wissen, wo sie unauffällig vorfahren können mit ihrem Lieferwagen. Du musst sie also täglich verwirren, indem Du immer wieder andere Wege einschlägst vom Haus zum College, vom College zum Büro. In den Varianten des Heimwegs darf keine Regelmäßigkeit aufscheinen.«
Die Lehrerin sprach aus Erfahrung. Sie hatte eine Diktatur bekämpft, im städtischen Untergrund. Sie wird Flugschriften verfasst haben. Ob sie selber bewaffnet gewesen sei, hat Betty nie gefragt. Nach einem Volksaufstand musste der Diktator das Land verlassen, eine neue Regierung wurde gewählt, eine Präsidentin. Der Kalte Krieg ging dann bald zu Ende. Die Schwadronen blieben jedoch aktiv, im politischen Untergrund wurde auch die neue Präsidentin bekämpft. Aber Bettys Lehrerin hatte einen persönlichen, einseitigen Waffenstillstand verhängt, ihr Kollektiv verlassen, sie war aufgetaucht, um eine Stelle am College anzutreten. Den Namen, den sie vierzehn Jahre lang getragen hatte, legte sie ab. Es kam noch vor, dass sie nicht reagierte, wenn man sie bei ihrem Taufnamen rief, aber langsam gewöhnte sie sich daran, wieder Celia Magnayon de la Cruz zu heißen. Und sie schien es zu genießen, dass die junge Frau, die ihr zugelaufen war, Verwendung fand für einige der Tricks, die ihr jahrelang geholfen hatten, den Tod ein wenig hinauszuschieben.
Betty war oft sehr gut gelaunt, wenn sie Celias Haus verließ und kurz überlegte, ob sie zum Jeepney, einem Kleinbus, gehen sollte, der blühenden Bougainvillea entlang oder zum Stand der Motorradtaxis; vielleicht war ein langer Spaziergang angesagt. »Nicht immer nur dann schlendern, wenn das Wetter schön, aber nicht zu heiß ist«, sagte sie sich. Spazieren bei Regen war ebenfalls auffällig. Man könnte jemandem ins Auge springen, der sonst gar nicht bemerkt hätte, dass da eine junge Frau mit deutlich chinesischen Gesichtszügen durchs Quartier ging. Bei guter Laune waren solche Überlegungen aufregend, ihr neues Leben erschien ihr abenteuerlich. Und sobald sie in einem Jeepney Platz nahm, fühlte sie sich sicher.
Der Verkehr im Großraum Manila sei mündlich organisiert gewesen, heißt es in der »Vita«. Zahlreiche Fahrer hätten Sitzplätze in umgebauten, bunt bemalten Militärjeeps angeboten. Zwölf bis zwanzig Leute seien seitlich aufgereiht im langen Schiff des Gefährts gesessen. Draußen prangten religiöse Botschaften und Pin-Up-Girls, drinnen saß eine kleine Gemeinschaft, deren Regeln jeder verstand, der neu dazukam. Betty und Petra verwendeten die Jeepneys oft als Metapher. Genauso unverwüstlich, weil einfach, stellten sie sich die Regeln des Ordens vor. Du fragst, erhältst eine Antwort, reichst das Geld durch, das Wechselgeld wird dir zurückgereicht. Alle sind Schaffner und Passagier in einem. Es braucht nichts Schriftliches, solange man reden kann und Leute ein- und aussteigen.




