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Als unser Entschluss, in die Staaten zu fliegen, feststand, rief ich meinen Anwalt an und erzählte ihm von meinem Vorhaben, was ihn nicht verwunderte, denn er hatte sich schon gedacht, dass die Neugierde siegen würde. Dr. Stein hatte mir sogar einen Flug herausgesucht, den mein Vater am selben Tag noch buchte. In der Zeit waren wir noch zweimal in der Kanzlei, um die wichtigen Formalitäten wegen des Erbes zu besprechen. Da ich noch nicht volljährig war, mussten meine Eltern natürlich alles als meine Erziehungsberechtigten unterschreiben.
Langsam wirkten die Tabletten, die ich während des Fluges eingenommen hatte, und ich döste ein, bis ich in einen tiefen Schlaf fiel.
Doch nach fast zwei Stunden stiegen wir aus und mussten uns in Paris auf dem Charles De Gaulle Flughafen für fast drei Stunden aufhalten, bis es mit dem nächsten Flugzeug Richtung Detroit ging. Ich war müde, die Tabletten hatten mich ausgeknockt, so dass ich während der Wartezeit auf einem der harten Plastikstühle, mit meinem Kopf auf Lukas’ Schulter, einschlief.
Zurück im Flugzeug spürte ich, wie sich meine Muskeln entspannten. Ruhig blickte ich aus dem Fenster und war fasziniert von den Wolken, die sich wie Watte ans Flugzeug schmiegten.
Von Detroit bis nach Oklahoma nahm der Flug kein Ende. Ich nahm meinen MP3 –Player, doch fand ich kein passendes Lied, ich startete einen Film, doch waren die alle nur auf Englisch. Zwar beherrschte ich die Sprache, jedoch nicht so gut, dass ich mir einen ganzen Film ansehen konnte.
Irgendwann läutete die Sprechanlage, welche eine Ansage des Piloten ankündigte.
»Meine Damen und Herren«, sagte eine raue, aber doch charmante Stimme, »wir werden in Kürze landen. Ich bitte Sie daher Ihre Plätze aufzusuchen und den Anweisungen der Stewardessen zu folgen. Ich danke Ihnen, dass sie mit uns geflogen sind. Schönen Aufenthalt in Oklahoma City.«
Das Signal zum Anschnallen blinkte auf und das Rauschen und Klicken der Gurte übertönte das laute Triebwerk. Ich drückte mich beim Landeanflug in den Sitz und schloss die Augen.
Endlich. Der große Albatros fuhr seine Rollen aus und schlug mit einem großen Grollen auf dem Boden auf. Als das Flugzeug zum Stillstand kam, begann erneut das Läuten der Sprechanlage.
»Meine sehr geehrten Damen und Herren. Leider haben die Arbeiter ihre Mittagspause verlängert, so dass wir uns noch einige Minuten gedulden müssen. Für diejenigen, die in Eile sind, haben wir im Lagerraum noch einige Fallschirme liegen.« Die Reisenden lachten laut auf.
Am liebsten hätte ich mich abgeschnallt und meine Beine ausgestreckt, doch das Zeichen zum Anschnallen leuchtete immer noch. Ich atmete einmal tief durch und blickte aus dem Fenster.
Das Flughafengebäude war riesig und die Fensterfront glänzte in der vollen Sonne, die wie ein bulliger Schneeball am Himmel hing. Als ich mich etwas nach vorne beugte, sah ich ödes Land, wo ab und an ein Baum stand.
Am Flughafen in Hamburg hatte ich mir noch einen Reiseplaner gekauft, den ich nun aufschlug. Ich fand aber keine Fotos um den Flughafen. »Will Rogers World Airport«, flüsterte ich. Wer war Will Rogers? Gab es den Mann wirklich? Ich schlug nach. Will Rogers war ein legendärer Cowboy und Komiker, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war.
»Jordan. Jordan.« Meine Mutter holte mich aus meinen Gedanken, zurück ins Flugzeug.
»Ja. Wie bitte?« Ich setzte mich gerade auf, als hätte man mir einen Stock in den Po gesteckt.
»Es geht los.« Sie griff nach meiner Hand, denn mittlerweile hatten wir die Plätze getauscht. Nun saßen Angela und Lena neben mir und die Männer in der Reihe vor uns. So schnell konnte ich mich gar nicht abschnallen, so dass ich am Gurt hängen blieb und polternd auf den Boden aufschlug.
»Aua.« Dabei stieß ich ein kleines Mädchen zur Seite, die wie ein Schlosshund angefangen hatte zu weinen.
Ich schmeckte Blut auf meiner Lippe. Beim Sturz hatte ich mir die Lippe aufgeschlagen.
»Hast du dir wehgetan?« Mein Vater half mir auf.
»Nein, ich habe nur nicht aufgepasst.« Ich tastete meine Lippe ab. »Alles in Ordnung.«
»Okay, komm wir müssen uns beeilen. Das Reinigungspersonal steht schon am Eingang.« Ich nahm mein Handgepäck und folgte meiner Familie, die mit dem Strom von Passagieren zum Flughafen ging.
Im Gebäude selbst, warteten wir vor einem der vielen Förderbänder, bis unsere Koffer kamen. Menschen drängelten sich wie beim Sommerschlussverkauf vorbei, um ja die Ersten zu sein. Als würde ihr Gepäck plötzlich verschwinden. Obwohl dies ja schon des Öfteren vorgekommen war. Bei so einem langen Flug und den Zwischenstopps musste auch das Gepäck von einem Flugzeug ins nächste transportiert werden. So kam es schon mal vor, dass Gepäckstücke abhandenkamen. Dann konnte man sich nur an einen Strohhalm klammern, um es überhaupt wiederzubekommen, andernfalls fand man seine Sachen bei Ebay wieder.
»Jordan. Jordan.« Leise Laute drangen an mein Ohr und ließen mich erschauern.
»Was?« Ich blickte auf. In den letzten Stunden hatte ich viele Tagträume. Vielleicht waren dies die Nachwirkungen von den Schlaftabletten oder einfach nur der Jetlag.
»Sag mal, wo bist du bloß mit deinen Gedanken?« Meine Mutter strich mir eine Strähne hinters Ohr.
Ich nahm meinen Koffer vom Band, der jetzt schon seine dritte Runde drehte.
Als wir in die Eingangshalle traten, blickte uns eine Traube von Menschen entgegen. Einige winkten hysterisch, andere hielten Schilder mit Namen hoch. Sie alle warteten auf die Reisenden, die entweder zu Besuch, auf Geschäftsreise oder einfach nur nach Hause kamen.
Da keine Großraumtaxen vor dem Flughafen standen, teilten wir uns auf.
Ich setzte mich zu Lena auf die Rückbank, meine Mutter auf den Beifahrersitz.
Verstohlen blickte sie in den Rückspiegel und beobachtete, wie die beiden Fahrer mit meinem Vater plauderten. Vermutlich erzählte er ihnen, in welches Hotel wir einchecken wollten.
Wir hatten uns für ein Hotel in der mittleren Preisklasse entschieden, welches im Internet sehr gute Bewertungen bekommen hatte.
Während der Fahrt blickte ich hinaus. Unzählige Autos brausten an uns vorbei. Hupend überholte das zweite Taxi, in welchem unser Vater, Kevin und Lukas saßen. Beide Taxen waren quietschgelb, wie im Fernsehen, nur hübscher. Warum musste ich alles mit amerikanischen Serien oder Filmen vergleichen?
Die Fahrt dauerte ungefähr zwanzig Minuten, bis die Autos vor einem großen Gebäudekomplex hielten, welches abwechselnd in Eigelb und Bordeauxrot gestrichen worden waren.
Unser Vater bezahlte und half dem Fahrer die schweren Koffer aus dem Auto zu hieven.
Ich rüttelte Lena an der Schulter. Die Reise war so ermüdend, dass sie eingeschlafen war. Der Jetlag hing uns allen noch in den Knochen, doch hatte ich mir vorgenommen, wach zu bleiben, denn sonst würde ich die Nacht über nicht schlafen können.
Nachdem wir von einer Blondine mit großen Brüsten und breiten Hüften unsere Schlüssel bekamen, folgten wir einem Flur, der uns bis zu den Fahrstühlen brachte. Dort konnte ich meinen Koffer abstellen und einmal durchatmen. Lena gähnte, meine Mutter drückte auf den Knopf, für den dritten Stock. Die Fahrstuhltüren sprangen auf und wir betraten einen weiteren Flur. Es war dunkel, die Beleuchtungen an den Wänden waren aus, doch die Zimmer waren farbenfroh und sauber, die Matratze weich und im Bad gab es sogar eine Badewanne.
Zuhause badete ich kaum, deshalb überlegte ich, ob ich lieber ein Bad nehmen sollte, anstatt mich auf dem Bett auszuruhen. Da würde ich sowieso nur einschlafen und wie Lena in einem Traumgeflecht herumirren.
Deshalb ließ ich genug Wasser in die Wanne und glitt hinein, ohne die Oberfläche zu kräuseln, und schloss genussvoll die Augen, als die Wärme mich wie in einem Kokon einnahm. Ich muss gestehen, dass ich eingedöst war und erst erwachte, als es an der Tür klopfte.
»Moment.« Ich kletterte aus der Wanne, warf mir einen Bademantel über und lief in den Flur, um die Tür zu öffnen.
Lena!
»Hey, was machst du denn hier? Wo ist Kevin?« Ich blickte an ihr vorbei.
»Der schläft. Kann ich reinkommen?« Sie schob sich an mir vorbei in den Wohnbereich und steuerte den großen Lehnstuhl an.
»Setz dich doch.« Ich schloss die Tür und ging zu meinem Koffer.
»Du hast gebadet. Das ist cool. Zuhause haben wir keine Badewanne.«
Ich suchte mir Unterwäsche und einen Jogginganzug. »Hat euer Bad keine Wanne?« Ich ging mit den Sachen zurück ins Bad, schlüpfte in meine Kleidung und kämmte mir in Windeseile die Haare, um sie danach lufttrocknen zu lassen.
»Ich hab mir gedacht, wir könnten zusammen in die Stadt fahren und ein paar Sehenswürdigkeiten ansehen. Kevin schläft, von Lukas weiß ich nichts und deine Eltern haben sich auch zurückgezogen. Morgen wollen wir ja erst nach Midwest City. Also haben wir noch den Nachmittag vor uns. Ich versuche jetzt wach zu bleiben, um in der Nacht schlafen zu können.« Sie grinste.
Oh, mein Gott. Hält Lena auch mal die Luft an? Seit unserem Treffen in meinem Zimmer taute sie regelecht auf und plapperte ohne Punkt und Komma.
Zurück im Wohnbereich setzte ich mich aufs Bett.
»Hier, ich habe einen Flyer auf unserem Zimmer gefunden. Wir könnten uns das Wildwest - Museum ansehen.«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich werde lieber hierbleiben.« Ich nahm den Flyer. »Außerdem weiß ich nicht, wie wir dort hinkommen. Und, sieh her.« Ich deutete auf die Route. »Du kannst sehen, dass es nicht weit von Midwest City liegt. So würde ich eher vorschlagen, dort morgen oder den Tag darauf hinzufahren.«
»Okay.« Lena zog einen Schmollmund. »Dann gehe ich jetzt wieder zurück zu Kevin. Wir sehen uns morgen früh.«
»Lena, warte doch. Sei nicht beleidigt.«
»Nein, bin ich auch nicht.« Damit verschwand sie aus meinem Zimmer und ließ mich mit einem schlechten Gewissen zurück.
Ich zog die Vorhänge zu und beschloss mir über den morgigen Tag Gedanken zu machen. Dr. Stein hatte uns telefonisch mit Mr. Ralph Norris bekannt gemacht, ebenfalls ein Anwalt. Er war bis zum Ende der Familienanwalt meiner Großeltern. Ihm war es zu verdanken, dass ich gefunden worden war und mein rechtmäßiges Erbe antreten durfte. Über die Jahre war Ralph Norris eine Art Ersatzkind von Mary-Ann und Brian geworden. Deswegen war es ihm persönlich auch sehr wichtig, die einzige Verwandte, also mich, zu finden. Morgen früh würden wir uns mit ihm hier im Hotel treffen und alles Weitere besprechen, doch bis dahin wollte ich mich ausruhen.
Mr. Norris saß schon an unserem Tisch, als meine Eltern mit mir am nächsten Morgen ins Restaurant kamen. Die Sonne schien durch die großen Fenster und erhellte den Raum, durch die Boxen an den Wänden erklang eine beruhigende Melodie. Als er uns erkannte, stand er auf und kam auf uns zu. Dabei nahm er seinen Hut ab, der ihn wie Sherlock Holmes hatte aussehen lassen. Durch sein lichtes Haar schien seine weißliche Kopfhaut. »Hallo, ich bin Ralph«, sagte er und reichte zuerst mir, dann meiner Mutter und meinem Vater die Hand. »Ist es nicht ein wunderschöner Tag? Ich liebe diese Jahreszeit, wenn einem die Sonne den Tag versüßt.« Er schloss kurz seine Augen. »Setzt euch, setzt euch.« Er schob mir einen Stuhl zurecht. »Es ist so aufregend, dir endlich ins Gesicht sehen zu können. Du siehst deiner Mutter so ähnlich.« Ralph setzte sich mir gegenüber.
»Wirklich?«
»Hier, such dir etwas aus.« Papa reichte mir die Frühstückskarte, obwohl er wusste, dass ich Buffet wollte. »Ja, danke, aber ich nehme vom Buffet.« Ich gab ihm die Karte zurück.
»Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages«, sagte Ralph und deutete zum Buffet. »Das Essen ist hier vorzüglich, besonders für Gäste des Hauses, denn sie bekommen natürlich einen Sonderpreis.« Er blinzelte.
»Ralph, hast du ein Foto von meiner Mutter?«
Die Kellnerin kam und nahm die Bestellung unserer Getränke auf.
»Nicht hier, aber im Haus gibt es mehr als genug Fotos. Gerne bin ich bereit, dir alle Fragen zu beantworten. Deine Großeltern waren meine Ersatzfamilie.«
»Begleitest du uns denn?«, fragte meine Mutter und bedankte sich, als die Kellnerin eine Thermoskanne Kaffee auf den Tisch stellte.
»Ja, selbstverständlich. Dr. Stein hat mir erzählt, dass ihr noch zwei Söhne habt.«
»Das ist richtig.« Mein Vater schenkte sich ein. »Sie sind auch hier im Hotel. Mein Sohn Kevin hat sogar seine Freundin mitgebracht. Doch wollten wir das erste Gespräch klein halten.«
»Eine Großfamilie ist immer etwas Schönes.«
»Dr. Stein hat dir viel von uns erzählt.« Mama trank einen Schluck Kaffee und strich sich über die Nasenspitze.
»Eigentlich nicht viel. Wir haben uns mehr über das Wichtige unterhalten. Ich hatte ihm alle Formulare zugemailt und er mir mit der Unterschrift versehen zurück. Das ging ja alles recht fix, obwohl ich die Erbermittlungsagentur einschalten musste. Es war schwer, dich zu finden, aber ich bin sehr froh.«
»Ja, ich auch.« Der Geruch von Bacon stach mir in die Nase und ich entschuldigte mich, um das Buffet unsicher zu machen. Ich nahm von jedem Teller eine Kleinigkeit, zum Schluss sogar eine kleine Schüssel mit Frühstücksflocken. Würstchen, Spiegeleier mit Bacon und Pancakes mit Ahornsirup. Bei so vielen leckeren Sachen konnte ich nicht widerstehen.
»So, ich bin wieder da.« Ich schob mir den Stuhl zurecht, und schnitt den Pancake klein, um ihn danach tief in den Ahornsirup zu tauchen. »Mm, lecker.«
»Ja, das amerikanische Frühstück.« Ralph nippte an seinem Kaffee und ich hatte das Gefühl, dass er die Augen nicht von mir nahm.
Eine halbe Stunde später trafen wir Kevin, Lukas und Lena in der großen Lobby.
Ralph begrüßte sie höflich. Mittlerweile hatte er seinen Hut wieder aufgesetzt und einen Mantel angezogen, der zwar dünn, doch viel zu warm für dieses Wetter war. Ich trug ein gestreiftes T-Shirt und eine Dreiviertelhose mit Ballerinas.
»Ich habe einen großen Van, in dem wir alle Platz finden. Ich fahre euch zum Autoverleih und von dort folgt ihr mir einfach.« Unser Vater setzte sich auf den Beifahrersitz, während die Jungs hinter ihnen Platz nahmen und wir Mädchen uns im hinteren Teil des Autos auf die Schlingelbank setzten.
Ralph fuhr sehr langsam, ob es beabsichtigt war oder ob er immer die Straßen entlangkroch, war mir ein Rätsel. Ich öffnete das Fenster und hatte sofort einen leicht sandigen Geschmack im Mund, also schloss ich es wieder.
Wieso macht er die Klimaanlage nicht an?
Als mir der Schweiß wie Suppe von der Stirn tropfte, schloss ich die Augen und hoffte, dass wir bald da wären. Wer weiß, wärmer konnte es ja wohl nicht werden.
Als wir in den Leihwagen stiegen, schaltete Papa sofort die Klimaanlage an und Mama suchte verzweifelt die Frischhaltetücher in ihrer Tasche. »Oh Mann, ist das heute warm.« Sie reichte Lena und mir ein Tuch. »Hier, damit könnt ihr euch etwas frischmachen.«
»Ich weiß gar nicht, wie Ralph das in seinem Mantel aushält«, sagte ich.
»Das möchte ich auch wissen. Vielleicht hat er ja keine Wärmeempfindung oder keine Schweißdrüsen.« Lena fächerte sich mit ihrem Flyer Luft zu.
»Mm, vielleicht.«
Mein Vater fuhr in eine Straße mit einem Wendehammer und hielt auf einer Auffahrt mit einem weißen Garagentor und einer amerikanischen Flagge im Vorgarten gleich hinter dem Van.
Es war das Haus auf dem Foto, ein Bungalow!
Ralph stieg aus und kam auf uns zu. »Bevor wir reingehen…« Er holte ein Schlüsselbund aus seiner Manteltasche. »möchte ich dir den Schlüsselbund geben. Dieser da, ist der Haustürschlüssel.« Er deutete auf einen Schlüssel mit roter Silikonhülle. »Dort sind alle Schlüssel, die zu diesem Haus gehören. Es wurde nichts ausgeräumt oder verändert. Ich hatte gedacht, dass du dir alles so ansehen möchtest, wie sie es hinterlassen haben.«
Ich nickte stumm. Mein Herz hämmerte und meine Füße fühlten sich an wie Blei. Wenn ich durch diese Tür gehen würde, dann öffnete ich das Tor zu meiner Vergangenheit. Ich könnte Dinge erfahren, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen könnten, doch war es für einen Rückzieher zu spät. Die Formulare waren unterschrieben und das Haus gehörte mir. Da ich aber noch nicht volljährig war, sollten meine Eltern bis dahin mein Erbe verwalten. Erst fand ich das ungerecht, doch nachher war ich froh, dass mein Vater den ganzen Papierkram übernahm und ich nur ab und zu unterschreiben musste.
Ich öffnete die Tür und wir fanden uns in einem geräumigen Wohnzimmer mit angrenzender großer Wohnküche wieder. Es war altmodisch eingerichtet, alte, vielleicht schon antike Schränke standen an den Wänden und eine große dunkelbraune Vitrine, passend zu dem Rest der Möbel, stand in der Küche.
»Einmal in der Woche kommt Señora Diaz und macht hier ein bisschen sauber. Staub wischen, lüften.«
»Das klingt gut.« Ich beobachtete, wie Ralph seinen Mantel abnahm und auf die Garderobe hängte. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo der Band Kiss. Seine Arme waren mit einem weißen Verband verbunden. »Was ist denn mit dir?«, fragte Lena.
»Ich habe eine Sonnenallergie. Der Verband kühlt meine Arme. Ich liebe die Jahreszeit, doch für meinen Körper ist sie tödlich. Darüber bin ich auch sehr traurig. Der Mantel verdeckt meine Haut, der Kragen meinen Hals und der Hut mit der Krempe mein Gesicht.«
»Oh, das tut mir sehr leid.« Sie ging zu Kevin, der nach ihrer Hand griff.
»Ach, das ist schon in Ordnung. Ich habe es ja nicht erst seit gestern.« Er winkte ab. »Also, wie gefällt es dir?«
»Also, mir gefällt die Kochinsel«, gestand Mama und fuhr mit dem Finger über die Arbeitspatte.
»Mir gefällt es auch.« Genau genommen war ich überwältigt von der Gemütlichkeit des Hauses. Ich fühlte mich sofort heimisch und wollte so viel wie möglich über meine leibliche Familie erfahren.
»Hier auf dem Kaminsims stehen Familienfotos, auch welche von deiner Mutter.« Ralph deutete zum Kamin.
Meine Beine kribbelten, als wären sie eingeschlafen, und ich hatte Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
»Hier ist sie.« Ralph gab mir einen Bilderrahm mit einem kleinen, leicht verzerrten Foto. Eine Frau mit dunklen Haaren, Augenringen und erschöpftem Lächeln. Auf dem Arm hielt sie ein kleines Bündel, in dem ein Baby lag und die Augen geschlossen hatte.
»Weißt du, wer das ist?«
»Mm, nein.«
Hinter mir erschien Lukas. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. »Das bist bestimmt du, Jordan.« Er kaute Kaugummi und machte gerade eine Blase, um sie danach platzen zu lassen.
»Vielen Dank auch.« Damit hatte er diesen magischen Moment gerade zerstört.
»Das stimmt. Deine Mutter durfte dich nach der Geburt kurz auf den Arm nehmen, bevor dich deine Adoptiveltern bekamen.«
»Wer hat das Foto gemacht?«
»Das war ich.« Ralph räusperte sich.
»Und warum hat sie mich abgegeben? Warum haben mich meine Großeltern nicht aufgenommen?«
»Sue-Ann wollte nicht, dass ihre Eltern von der Schwangerschaft erfuhren. Sie kam eines Nachts zu mir, denn sie wusste, dass ich sie nicht zurückbringen würde.«
»Wohin zurück?« Ich zog die Stirn kraus.
»Puh.« Ralph kratzte sich am Nacken. »Es ist so, Sue-Ann war drogenabhängig. Mary-Ann und Brian hatten immer wieder versucht sie in eine Klinik zu stecken. Sie brauchte Hilfe, doch entließ sie sich immer wieder selbst. Sue-Ann brach den Kontakt ab.«
»Oh, das ist sehr traurig.« Ich schluckte. So eine Geschichte hatte ich natürlich nicht erwartet. »Und was geschah dann?«
»Hey, Jordan, wir sehen uns ein bisschen um«, hörte ich Stimmen hinter mir, die ich nur mit einem Nicken beantwortete.
»Wollen wir uns kurz setzen?« Ralph deutete auf die Couch, die so weich war, dass sie mich fast verschluckte. Angela gesellte sich dazu.
»Eines Nachts stand Sue-Ann im vierten Monat schwanger vor meiner Tür.« Ralph kratzte sich an der Nase. Er wirkte nervös, vielleicht musste er sich deshalb überall kratzen? »Na ja, sie brauchte meine Hilfe, also bat ich sie herein und stellte ihr mein Bett zur Verfügung.«
Ich zog die Augenbrauen hoch.
»Ich schlief natürlich auf der Couch«, sagte er abwehrend und hob die Hände.
»Und meine Großeltern schöpften keinen Verdacht?«
»Nein, überhaupt nicht. Es war fast schon unheimlich, denn ich bin kein guter Lügner«, sagte er. »Ich hatte gehofft, dass sie mich durchschauen würden und mich auf mein komisches Verhalten ansprechen würden.« Ralph setzte sich auf die andere Couch uns gegenüber und faltete die Hände ineinander. »Doch sie taten es nicht.«
»Und warum hat sie mich denn weggegeben?« Ich strich mit meinem Finger über das Bild. Das Glas war glatt und kühl.
»Du musst verstehen, dass Sue-Ann nichts hatte. Sie hatte kein Geld, keinen Wohnsitz. Sie schlief mal hier und mal dort. Wo es günstig den nächsten Schuss gab.« Ralph hielt inne und beobachtete mich. Ein Strudel von wirren Gefühlen wirbelte an mir vorbei. Ich stieß einen Seufzer aus, blinzelte, um mir die Tränen zu verkneifen, und versuchte gleichzeitig stark zu wirken. Doch meine Schale knackste, bröckelte und fiel langsam zu Boden. Eine Träne löste sich und rann mir die Wange hinab. Es konnte doch nicht stimmen? Warum nur habe ich mich dafür ausgesprochen, das Erbe anzunehmen? Ich wollte das alles nicht mehr, nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Am liebsten wäre ich hinausgelaufen und mit dem nächsten Flieger zurück nach Hause. Doch natürlich wusste ich, dass dieser Wunsch im Moment nicht mal annähernd möglich war.
Als ich die Haustür aufgeschlossen hatte, öffnete ich das Tor zu meiner Vergangenheit und somit die verbundenen Verluste meiner leiblichen Familie. Das hätte ich alles vorher bedenken müssen und nun war es zu spät. Ich wischte mir die Träne weg. Meine Mutter legte mir eine Hand auf die Schulter und streichelte sie, sagte aber nichts. Vielleicht wusste sie nichts zu sagen, denn ich weinte hier schließlich um eine Frau, die ich gar nicht kannte, die mich aber geboren hatte.
»Ich weiß, dass es schrecklich für dich sein muss, erst jetzt, da alle verstorben sind, etwas über deine leibliche Familie zu erfahren. Deine Mutter wollte nur das Beste für dich, deshalb hat sie dich weggegeben. Zuerst musstest du einen Entzug machen, bevor sie dich zu einer Familie vermitteln konnten.«
Ich war drogenabhängig? Ich schluckte und dachte darüber nach. Natürlich, wenn meine Mutter abhängig war, war ich es bis zum Tag meiner Geburt auch. »Wie, wie war sie denn so?«
»Bevor sie drogenabhängig wurde, war sie ein ganz normaler Mensch. Sie war beliebt, herzlich und liebte Bücher und Geschichten. Ein falscher Freundeskreis und sie kam aus dem Sumpf nicht mehr heraus.«
»Sie mochte Bücher?«
»Ja, unheimlich gerne. Deine Großmutter hatte das Zimmer von Sue-Ann so gelassen, wie sie es verlassen hatte. Jetzt gehört es dir, so dass du dir gerne gleich alles selbst ansehen darfst.«
»Mm, wie lange kennst du meine Familie denn schon?« Ich reichte das Bild an meine Mama weiter.
»Schon sehr lange.«
»Mochtest du Sue-Ann?«
»Ja, doch. Ich versuchte nach deiner Geburt noch Kontakt zu ihr zu halten, doch sie verschwand wieder. Zuletzt kam nur noch der Anruf von Brian, dass man Sue-Ann tot aufgefunden hatte.«
»Also haben die Drogen sie getötet?«
»Ja.« Ralph blickte mich nicht an. »Eine Überdosis.«
»Oh Gott.« Mir blieb der Kloß im Hals stecken, obwohl ich mir schon gedacht hatte, dass sie an einer möglichen Überdosis gestorben war. Meine Mutter legte das Bild auf den Tisch und nahm mich in den Arm.
»Meine Kleine, es tut mir alles so leid.« Dann küsste sie mich auf die Wange.
»Ja, mir auch.« Vielleicht war die jetzige Situation besser für mich. Ich kannte niemanden von meiner leiblichen Familie. So konnte ich keine persönliche Bindung aufbauen und auch nicht so einen tiefen Schmerz empfinden wie Ralph, der sie all die Jahre gekannt hatte.
»Wie geht es dir denn? Wie kommst du mit der Situation zurecht?« Ich schniefte.
»Mir geht’ s gut. Ich war am Boden zerstört, denn sie waren wie eine Familie für mich. Schon damals, als Sue-Ann und später Mary-Ann von uns gingen, brach etwas in mir. Ich.« Ralph schluckte. »ich bereue es immer noch, dass ich ihnen nach Sue-Anns Tod nicht von dir erzählt habe. Deine Mutter hat dir sogar noch deinen Namen gegeben, das war eine ihrer Bedingungen.«




