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Tatsache ist, dass er Python bald überdrüssig wurde. Kein Wunder: Immerhin hatte er seit 1965 Sketche für das Fernsehen geschrieben und aufgeführt.
Unterdessen hatte ich geheiratet. Ich hatte mich in eine wunderschöne junge australische Schauspielerin namens Lyn Ashley verliebt, deren bemalte Brüste ich zunächst auf einem Plakat vor meinem örtlichen Kino gesehen hatte. Es machte Werbung für den Michael-Winner-Film I’ll Never forget What’s ’isname! (Was kommt danach …?), in dem sie zusammen mit Oliver Reed spielte. Ein paar Freunde hatten ein „Blind Date“ für uns arrangiert – in einer lausig kalten elisabethanischen Villa in Suffolk. Da pfiff der Wind durch. Die Küche schien mit ihrem Wärmespeicherofen der einzige warme Ort zu sein, und das Haus wimmelte von Kindern. Wir fanden heraus, dass die Gastgeberin mit ihrem Gatten im Streit lag und sich weigerte, in Erscheinung zu treten. Ich konnte sie mit einer Flasche Schampus rauslocken, und eine gewisse Ordnung kehrte ein. Lyn und ich entdeckten ein warmes Plätzchen im Westflügel und näherten uns einander, während ich die sperrigen Avancen des mütterlichen Pudels abwehren musste.
Schon bald zogen wir in mein Apartment am Redcliffe Square und flogen nach Mihas in Spanien, wo ich ihr einen Ring kaufte. Als die Dreharbeiten für Monty Python dann ein Jahr später im Juli 1969 begannen, kriegte ich es hin, mir die erste Woche freizuschaufeln, um zu heiraten. Wir wurden im Standesamt von Kensington und Chelsea vermählt.
Meine neue Schwiegermutter, Madge Ryan, schmiss eine Mega-Party in Adrienne Corris Haus in St. John’s Wood. (Beide Schauspielerinnen hatten zusammen in Stanley Kubricks Film A Clockwork Orange – Uhrwerk Orange – mitgewirkt). Danach reisten wir alle an die Küste. Die anderen nach Devon, ich nach Nizza. Während die anderen also den Bus nach Torquay nahmen, flog ich mit meiner nagelneuen Braut nach Cap d’Antibes, wohin uns Lauretta und Marty Feldman eingeladen hatten.
Die Ausstrahlung von Monty Python’s Flying Circus begann am Sonntag, dem 5. Oktober 1969, um 22:55 Uhr bei BBC1 – mit der zweiten Show, die wir aufgenommen hatten: der Untertitel lautete Whither Canada? Das ursprüngliche Studio-Publikum bestand hauptsächlich aus kleinen älteren Damen, die mit Bussen ins BBC Television Centre gekarrt worden waren. Die glaubten, sie kriegten eine Art Zirkus zu sehen. Weder die noch wir hatten die geringste Ahnung, worauf man sich eingelassen hatte. Während schon ein paar witzige Sketche dabei waren, gab es auch sehr schräge Momente. So zum Beispiel, als Terry Gilliam mitten in einem Sketch als Wikinger verkleidet auftauchte – ein Frettchen durch seinen Kopf gezogen – und „However“ sagte: „Wie auch immer.“ Ich glaube, das waren unsere Versuche, mal die Muskeln spielen zu lassen und die Freuden jener neuen Freiheit auszukosten, derer wir uns ja jetzt rühmen konnten. Wir taten das, weil wir’s konnten. Aber als ob sie uns auf unsere Plätze verweisen wollte, nahm uns die BBC von Zeit zu Zeit aus dem Programm und ersetzte uns durch eine Episode der Horse of the Year Show – der Gaul des Jahres. Gelegentlich strahlten diverse BBC-Sendegebiete auch ihre eigenen Regional-Shows aus. Dies führte bei unserem Publikum zu einiger Verwirrung – einer Verwirrung, die wir natürlich tunlichst auszunutzen planten. Wir gingen nun daran, falsche Vorspann-Sequenzen zu drehen. In einem Fall waren das zehn Minuten eines völlig fiktiven Piratenfilms, bevor die Freibeuter dann an einem Tisch mit John Cleese vorbeikamen, der trocken ankündigte: „Und nun zu etwas völlig anderem.“ Es war egal. Niemand schaute zu. Wir konnten das durchziehen, um wenigstens uns selbst glücklich zu machen.

Dieses Bewusstsein, auf Abstand zu gehen, sich in einer völlig anderen TV-Welt abseits dieser gemütlichen Domäne der leichten Unterhaltung zu befinden, war sehr befreiend. Und das Schrägste war, dass wir anfingen, eine Fangemeinde anzuziehen. Nach der ersten Staffel ließ uns die BBC eine Platte machen, die sich als Desaster herausstellte. Die nahmen uns an einem Sonntagmorgen vor einem gewissermaßen toten Publikum auf. Keiner von uns mochte das Ding, und danach produzierten wir einfach unsere eigenen Alben. Das attraktivste Beispiel ist eine quasi dreiseitige Platte, Monty Python’s Matching Tie and Handkerchief (Passender Schlips und Einstecktuch), bei der wir raffiniert doppelte Rillen in die B-Seite pressten, wodurch wir zwei kürzere parallele zweite Seiten erhielten. Welche Rille abgespielt wurde, hing davon ab, wo die Nadel aufsetzte. Es gab weder eine Ankündigung noch eine Warnung. Um für noch mehr Verwirrung zu sorgen, begannen wir diese Mini-Seiten beide mit demselben schlechten Gag: „And now a massage from the Swedish Prime Minister“ („Und nun eine Massage des schwedischen Premierministers“). Also konnte man nicht einmal versuchen, die gewünschte Seite zu finden. Verwirrung schien gut.
Wir waren immer noch „Außenseiter“ und verhielten uns rebellisch. So nahmen wir Anstoß daran, dass uns das „BBC Light Entertainment“ zu seiner Christmas Party einlud, weil die Einladung eine schwarze Krawatte verlangte. Im ersten Jahr gingen wir einfach nicht hin. Im zweiten Jahr waren John Cleese und ich fest entschlossen, einen Protest zu veranstalten. Wir planten völlig „overdressed“ aufzulaufen. So tauchten wir in Frack und Zylinder auf, komplett mit Handschuhen und Gehstock. Unsere Ankunft sorgte für mächtigen Aufruhr. Eric Morecambe kam zu mir rüber und meinte: „John Cleese hat mir gerade in den Nacken gebissen und ist dann zum Fenster rausgeflogen.“
Wir waren uns alle einig, dass unsere Show niemals in Amerika laufen würde. Die würden das schlicht nicht verstehen, und abgesehen davon würde das dort mit unserer Dreistigkeit und Nackheit auch nie für’s Fernsehen genehmigt werden. Als dann schließlich einige ernstzunehmende Produzenten an uns herantraten, lachten wir nur. Es schien, als wollten sie unsere Show für Amerika entwickeln. Da lachten wir noch mehr. Also gut, ob sie denn unser Format kaufen könnten? Nun lachten wir wirklich.
„Wir haben überhaupt kein Format.“
„Dann lasst es uns denen eben nicht verkaufen.“
Da lachten wir noch schallender.
Johns Freund Victor Lownes, der den Londoner Playboy Club managte, lizensierte einen Kinofilm von uns – mit den Highlights der ersten beiden Staffeln. Er hatte nämlich das Gefühl, es gäbe ein Publikum für Python, aber eben in den Unis – und es müsse ein Film sein. Also drehten wir And Now For Something Completely Different (Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft) in einer alten Molkerei in Hendon für 80.000 Pfund (damals ca. 300.000 Euro). Unser TV-Produzent, der stürmische Schotte Ian McNaughton, wurde als Regisseur verpflichtet. Ian hatte als Schauspieler angefangen, war aber dann zur BBC gestoßen und beteiligte sich an der Regie von Shows mit dem Comedian Spike Milligan. Das machte ihn für uns interessant. Für unsere ersten vier Fernsehaufzeichnungen stand er nicht zur Verfügung, und Howard Davies sprang für ihn ein. Als kleiner Junge hatte Davies den Oliver in David Leans Filmklassiker Oliver Twist gespielt.
„Bitte, Sir, kann ich noch etwas mehr bekommen?“
Später führte er Regie bei John Cleeses Falwty Towers, während Ian all unsere folgenden Shows als Regisseur betreute. Es war Davies, der Carol Cleveland in unsere Show brachte, als wir für die Sexszene in meinem Sketch Marriage Guidance Counselor (Eheberater) eine echte Frau benötigten. Der Gag funktionierte mit einem Mann im Fummel einfach nicht, und Carol galt nun als gesetzt, wann immer wir echte Weiblichkeit brauchten. Sie war ein richtig toller Kumpel und zog mit uns los, als es auf die Tourneen ging. And Now For Something Completely Different war der erste Kinofilm, den sie mit uns machte.
McNaughty („Mac-Unartig“), wie wir ihn nannten, war ein ausgewiesener „schottischer Irrer“ mit einer Vorliebe für Whisky. John persiflierte ihn gnadenlos als betrunkener Regisseur in Scott of the Sahara (Scott in der Sahara), und behauptete dann, er habe Joseph McGrath auf dem Kieker gehabt, einen anderen heftig trinkenden schottischen Regisseur. Mit Ian war bis zur Mittagspause immer alles okay. Aber dann konnte er es sich nie verkneifen, in den Pub zu gehen – und musste sich danach immer hinlegen. Für gewöhnlich übernahm dann einer der beiden Terrys. Mit dem endgültigen Schnitt hatten wir nichts zu tun, und keiner von uns mochte ihn. Bemerkenswert war das Ganze nur wegen der Kontroverse um einen Furz. Der amerikanische Produzent meinte:
„Lasst ihr den Furz drin, dann werdet ihr Disneyland verlieren.“
Wir ließen den Furz drin.
Die Columbia Pictures brachte den Film schließlich heraus, und am Ende kaufte Victors Kumpel Hugh Hefner ihn. Also erfüllte er seinen Zweck, da wir dann in den Achtziger Jahren in die Playboy-Villa hineinkamen, als sich das noch nach einer guten Idee anhörte.
1971 tauchten wir in die Welt des Verlagswesens ein, als ich das Redigieren von Monty Python’s Big Red Book übernahm, das selbstverständlich blau war. Darauf folgte The Brand New Monty Python Papperbok (1973). Dessen Einband wies absichtlich schmuddelige Fingerabdrücke auf, so dass die Leute ihre Exemplare immer wieder in die Buchhandlungen zurückschleppten. Terry Gilliam weigerte sich, etwas mit dem ersten Buch zu tun zu haben, indem er mit Entschiedenheit schnaubte: „Humor-Bücher verkaufen sich nicht.“ Ich vermute mal, dass seine Erfahrungen mit Harvey Kurtzmans Help-Magazin in New York seine Urteilskraft etwas getrübt hatten, für das er Cartoons zeichnete und fumetti-Trickfilme drehte. Seine Assistentin Katy Hepburn half mir beim Design des Buches, und ich sah mich gezwungen, Katy in sein Studio zu schicken, um einige seiner Grafikarbeiten zu klauen. Zum Glück lag Terry mit seiner Einschätzung falsch – das erste Python-Buch flog geradezu aus den Regalen. Es wurden massenweise Neuauflagen nötig – und Big Red stellte quasi die Erfindung des weihnachtlichen Humorbuches dar.
Bücher, Schallplatten, Filme, TV-Shows, so langsam schlangen sich die Python-Tentakel um den Hals der arglosen Öffentlichkeit. Ich konnte die Pythons zu drei Mitternachts-Vorstellungen einer Live-Bühnenshow überreden – beim Lanchester Arts Festival in Coventry. Ich
suchte die Sketche aus und stellte eine Performance zusammen, die wir dann kurz probten. Jeden Abend rastete das Publikum völlig aus. Ich glaube, sie spürten das erste Mal, dass andere Leute unsere Show auch gut fanden. Die BBC zahlte uns nicht viel, aber nach Coventry boten uns die Mega-Promoter Tony Smith und Harvey Goldsmith eine Riesensumme für eine Tournee durchs Königreich an. Also gingen wir auf Tour. Es kam zu einem ziemlich katastrophalen Start, für den wir uns bei einem bekifften Toningenieur bedanken konnten, der für unsere Radio-Mikros zuständig war. Er hatte keinen blassen Schimmer, wer bei uns wer war, so dass man etwa Graham glasklar aus der Garderobe hören konnte, aber keinen von uns auf der Bühne. Am Ende vermochten wir das Management zu überreden, ihn in die Wüste zu schicken, bevor wir uns gezwungen sahen, ihn umzubringen. Bald schon lief die Tour wie am Schnürchen.
Grahams Trinkerei, die zunächst ein Geheimnis gewesen war, kam nun ans Licht. Häufig erschien er für seine Sketche zu spät auf der Bühne, nicht selten ausgerechnet in dem Moment, als der arme Mike darauf wartete, mit seinem Ken Shabby loszulegen. Eines Abends hörten John und ich die verhängnisvolle Stille des Publikums und sprangen beide von gegenüberliegenden Seiten gleichzeitig auf die Bühne. Dann gingen wir aufeinander ein, als ob wir das geprobt hätten, und spielten Grahams Rolle quasi als Tandem, zum Amüsement von Mike, der hilflos kicherte. Schließlich torkelte Graham als Oberst dazu. Er schien gar nichts zu kapieren und nahm sich den Beginn des Sketches gleich noch mal vor. Nach der Vorstellung war er wütend und warf mir vor, ihm die Schau gestohlen zu haben.
„Hör zu, Graham“, warf ich ein, „welche Schau denn – du warst nicht mal auf der Bühne.“
John gegenüber äußerte er kein Wort der Beschwerde. Das einzige Mal, dass ich ihn die Fassung verlieren sah, war, als John ihm einen Streich spielte und seine Pfeife versteckte. Graham rastete total aus. (Ja, wir kapieren das, Dr. Freud.) Er war ein sehr sanfter und geduldiger Mensch, aber der Alkohol machte eine Bestie aus ihm. Bei Partys kroch er manchmal über den Boden, steckte seine Hand unter die Röcke der Ladys und bellte wie ein Hund. Es war großartig, als er es schließlich schaffte, seinen Alkoholismus zu besiegen. John reizte Graham gelegentlich, bis der seine Beherrschung verlor, aber insgesamt kamen wir als eine Truppe von Außenseitern ausgezeichnet miteinander klar. Man schaue sich nur das Material an, das wir in den vierzehn Jahren zwischen 1969 und 1983 hinbekommen haben. Fünf Kinofilme, 45 TV-Shows, fünf Bühnenstücke, fünf Bücher und unzählige Platten, einschließlich einer Hit-Single. Also, klar, wir hatten gut abgeräumt, aber nun winkte wahre Berühmtheit.
8
WOHIN DES WEGES, KANADA?
Ich kann mich noch glasklar an jenen Moment erinnern, in dem mir klar wurde, dass die Pythons berühmt geworden waren. Durch die britische Tournee war klar, dass wir Promi-Status erreicht hatten, aber zum Zeitpunkt der kanadischen Tour hatte sich dieser Ruhm zum Fanatismus gewandelt. Ich kann diesen Augenblick präzise auf jenen Junitag 1973 datieren, als wir für Monty Python’s First Farewell Tour of Canada (Monty Pythons erste kanadische Abschiedstour) auf dem Flughafen von Toronto landeten. Kaum liefen wir in der Ankunftshalle auf, da ertönte ein gewaltiges Kreischen. Instinktiv drehte sich jeder von uns um und schaute nach hinten, wer da eintraf. Sicher war da eine berühmte Rockband angekommen, oder? Dann wurde uns plötzlich klar: Das galt uns. Kreischende Fans warteten am Flughafen auf uns. Sie hielten Banner und Schilder hoch und spielten total verrückt. Wir reagierten überrascht und ein wenig peinlich berührt. Bei Terry Gilliam führte es dazu, dass er sich auf das Gepäckband legte und ein wenig Karussell fuhr – sehr zu Johns sichtbarem Fremdschämen. Um ehrlich zu sein, waren wir nicht ganz nüchtern. Dabei hatte der Flug eigentlich recht besonnen begonnen; wir waren über die ganze First-Class-Lounge der Air Canada verstreut. Aber als die Stewardess bat, Passagier Cohen möge sich bitte bemerkbar machen, legte Neil Innes los. Er sprang auf und sagte: „Ich bin Passagier Cohen.“
„Nein, ich bin Passagier Cohen“, meinte ich und hob meine Hand.
„Ich bin Passagier Cohen“, meldete sich Gilliam und brachte seinen Spartacus-Gag.
„Nein, ich bin Passagier Cohen“, fiel Carol Cleveland ein.
Die Stewardess war total verwirrt, als nun acht verschiedene Leute darauf bestanden, Passagier Cohen zu sein, über die komplette First-Class-Lounge hinweg. Tja, und dann öffnete die Bar …

So sahen wir uns dann also von Angesicht zu Angesicht mit der Vergötterung kanadischer Art konfrontiert. Die Organisatoren packten uns auf das Oberdeck eines offenen Doppeldecker-Busses, worauf uns hupende Autos und johlende Fans in die City von Toronto folgten.
Die Kanadier waren verrückt nach Python. Sie hatten unsere Fernsehshow seit den frühen Folgen verfolgt, und als die CBC (die Canadian Broadcasting Corporation) sie aus dem Programm nehmen wollte, hatte es Massenproteste gegeben. Diese Fans waren wahnsinnig.
„Haltet die Klappe“, brüllte John oft in die kreischende Menge, sobald wir auf die Bühne kamen. „Wir haben doch noch gar nichts Witziges gemacht.“ Aber das brachte sie nur noch mehr zum Lachen. Sie waren gekommen, um sich zu amüsieren, und nichts würde sie aufhalten. Bei einer Vorstellung in Winnipeg öffnete sich der Vorhang und gab preis, dass die komplette erste Reihe sich als eine Raupe verkleidet hatte. Bei solch einem Publikum kann man überhaupt nichts falsch machen.
Graham machte sich gutgelaunt auf den Weg durch jene Bars, die ihm in seinem sehr nützlichen Gay Guide to Canada (Schwuler Führer durch Kanada) empfohlen wurden. Er litt nur unter den Sonntagen, da er dann nicht legal trinken konnte, außer in seinem Hotelzimmer – und dann auch nur, wenn er was zu essen dazubestellte. Nancy Lewis, eine US-Plattenmanagerin sowie in den Anfangszeiten unsere glühendste Verehrerin, kann sich erinnern, dass sie zu ihm wollte und stapelweise Tabletts nicht angerührter Caesar’s Salads neben seiner Tür vorfand. Die hatte er zu jeder Runde mitbestellt.
Unser Promoter Tony Smith war noch nie in Kanada gewesen und hatte keine Vorstellung von den riesigen Entfernungen zwischen den Städten dort. Also wurde der Trip zu einer Art Dartscheiben-Tour, bei der wir wie beim Pingpong zwischen den Seen und Prärien hin und her fuhren. Was die Sache noch verschlimmerte, war ein Streik der Air Canada. Nach der ersten Show in Toronto sahen wir unser Bühnenbild nicht wieder; wir waren stets eine Vorstellung voraus. Zum Glück hatten wir unsere Filmrolle und unsere Kostüme bei uns. Dadurch mussten wir, wohin wir auch kamen, lediglich Tische und Stühle auftreiben sowie eine tote Ente – für einen ekligen Sketch über Cocktails. Ein Scheibchen Lemon für den Herrn wurde bei uns zu „Ein Scheibchen Lemming, Sir?“ In Regina, dem Hauptstützpunkt der Royal Canadian Mounted Police (der berittenen Polizei) sangen wir voller Freude den „Lumberjack Song“, unser Holzfällerlied, natürlich als Mounties kostümiert. Klar, dass Graham danach auch noch einen schwulen Mountie auftrieb. Das ist ja gerade der Sinn dieses Songs.
Auf unsere frisch erworbene Berühmtheit reagierte jeder von uns völlig unterschiedlich. John beschloss, auszusteigen. In meinem Falle wanderte die Prominenz eindeutig in die Hodengegend. Gar keine Reaktion zu zeigen wäre schier unmöglich gewesen, besonders nicht in Kalifornien, wo die Sechziger Jahre noch immer grassierten. Die holde nordamerikanische Weiblichkeit erwies sich als sehr dankbar. Die kanadischen Jungs nahmen an, dass wir alle unter Drogen stünden, und lieferten entsprechend umsichtig. Ich war der englische Internatsschüler, der im Süßwarenladen losgelassen wird. Entwickelte ich mich zum Arschloch? Ich fürchte ja. Zuhause hatte ich eine wundervolle Frau und ein neugeborenes Baby. Was hatte ich mir dabei gedacht? Klar, gar nichts. Männer haben ein Gehirn und einen Penis, aber ihr Blut reicht nur zur Steuerung von einem der beiden. Tatsache ist, dass sie bis zu einem späten Zeitpunkt ihres Lebens mit ihren Schwänzen denken. Das ist schade, das ist beklagenswert, und das ist bedauerlich. Ich sage dies ohne Stolz, aber es ist wahr. Der unvermeidliche Niedergang stand bevor.
Die BBC hatte uns eine vierte Staffel angeboten, und John konnte sich definitiv nicht für die Idee erwärmen. Für ihn brachte die Kanada-Tour das Fass zum Überlaufen. Er hasste sie. Er hatte sich angewöhnt, im selben Restaurant wie wir, aber an einem separaten Tisch zu essen. Er las ein Buch und ignorierte uns demonstrativ, während wir immer wilder und ekstatischer wurden. Er hatte einen albernen Einfall zu einer Sitcom, die er entwickeln wollte – über einen frustrierten Hotelier. Sie sollte in einem Ferienhotel in Torquay spielen … na ja, viel Glück damit. Er beschloss, eine weitere Python-Serie abzulehnen. Graham überbrachte uns die Nachricht auf dem Flug zu unserem letzten Auftritt in Vancouver. Für diejenigen von uns, die sich in der frisch erworbenen Prominenz sonnten, schien Johns Entscheidung verrückt. Für Graham, der schlicht das Geld brauchte, war sie eine Katastrophe. Er überredete uns, die vierte Staffel ohne John zu drehen.
Währenddessen lag Kalifornien auf unserem Kurs. Nancy Lewis hatte dem L.A.-Plattenmanager Neil Bogart eingeflüstert, dass wir die kommende Sensation würden, und Buddah Records überredet, ein Monty-Python-Album herauszubringen. Sie flogen uns nach San Francisco, um das Ding zu promoten, und dann nach L.A., wo wir im legendären „Riot House“ am Sunset Strip eincheckten. Dieses Hyatt House Hotel verdiente sich seinen Spitznamen „Haus der Randale“ durch die Verwüstungen, die durchreisende englische Rockstars wie Keith Moon anrichteten. Der warf Fernseher durch die Fenster und fuhr Autos in dessen Pool. Schon bald führten wir unter dem Sonnenschein Kaliforniens ein Leben sorgloser Hingabe. Unvergesslich, wie Graham sich eine Limo nahm, nur um in das Restaurant gleich gegenüber zu kommen. Ihm war gar nicht klargewesen, wie nah das war. Wir anderen genossen einfach unseren ersten Eindruck von Amerika.
Unsere Promotions-Einsätze fanden meistens im Radio statt. Dort machten wir den verwirrten DJs klar, dass es sich bei uns nicht um einen Zirkus handle. Der Höhepunkt war unser Fernsehauftritt bei der Tonight Show, leider ohne Johnny Carson. David Brenner sprang für ihn ein und lieferte uns eine warmherzige Ankündigung:
„Von diesen Typen habe ich noch nie was gehört. Die Leute sagen, sie seien witzig. Herzlich willkommen, Monty Python.“
Wir sollten eine halbe Stunde unseres besten Materials bringen. Der Vorhang ging hoch und zeigte Graham und Terry J. als Pfefferstreuer verkleidet – sie kreischten schrill mit britischem Akzent. Wir nannten diese lauten, übermäßig geschminkten Ladys „Pfefferstreuer“, weil ihr äußeres Erscheinungsbild den echten Pfefferstreuern so ähnelte.
„Oh, hallo, meine Liebe. Wie geht es dir?“
„Ich war die ganze Nacht auf, um meine Katze zu begraben.“
„Ist die tot?“
„Nein, aber sie ist gar keine gesunde Katze. Also dachte ich, es sei das Beste, sie zu begraben – dann ist sie auf der sicheren Seite.“
Nun, zu behaupten, dass die Reaktion wenig berauschend ausfiel, wäre eine Untertreibung. Das Publikum starrte uns mit offenem Mund an. Genau dasselbe Material hatte uns voller Lachsalven durch Kanada gebracht – und traf hier auf totale Stille. Zwei Briten in Fummeln, die sich gegenseitig wegen einer toten Katze anschreien? Wir schienen von einem anderen Planeten zu kommen. Der Sketch war kurz, er war schnell, und er war verdammt noch mal saukomisch. Wir ratterten die halbe Stunde unseres Materials in zwanzig Minuten durch und rannten dann nach draußen, wo wir brüllend vor Lachen ins Gras fielen. Es war total witzig. Ich glaube, dass dies eine der besten Lachsalven war, die ich je erlebt habe. Es gibt nichts Lustigeres, als wenn keiner lacht.

Terry Jones und ich kamen etwas besser an, als wir „Knuff Knuff“ bei The Midnight Special brachten, einer Late-Night Musikshow. Das war für George Schlatter und Ed Friendly, den Produzenten von Rowan & Martin’s Laugh-In. Viele Jahre lang wurde das fröhlich wiederholt, so dass der Sketch in Amerika total bekannt wurde. Elvis nannte deswegen jeden „Squire“ – „Knappe“ …
In der Zwischenzeit verbrachten wir viel Zeit im Hollywood Bowl, wo wir Gladys Knight & The Pips sahen. Wir freuten uns über Little Richard im Rainbow Bar & Grill und tobten wie Jo-Jos den Strip rauf und runter. Also mehr wie Dildos eigentlich. Zu jener Zeit dachten die Leute, dass wir nur Platten machten, wie etwa die Jungs von The Firesign Theatre. Sie hatten keine Ahnung, dass dieses Material aus Fernsehshows stammte. Für die waren wir nur „Recording Artists“.
Bei unserer Rückkehr nach London waren sie bei der BBC überhaupt nicht begeistert, als sie herausfanden, dass ihnen John abhandengekommen war. Sie bestraften uns nach typischer BBC-Manier. Wir wurden zur BBC2 versetzt, und es war uns nicht gestattet, die Worte „Flying Circus“ im Titel zu verwenden. Also erschienen wir für die vierte Staffel einfach als Monty Python.
„Oh du liebe Zeit, das macht uns ja solche Angst.“
In diesen sechs Shows tauchten zahlreiche witzige Sachen auf – „Die schrecklichste Familie von Großbritannien“, „Queen Victoria Handicap“, „Woody and Tinny Words“ („Hölzerne und blecherne Worte“), „RAF Banter“ („Royal-Air-Force-Geplauder“) – aber meiner Meinung nach fehlte da was. John natürlich. Nicht mal seine Beiträge als Autor, denn er steuerte eine Menge von all dem Material bei, das wir bei Die Ritter der Kokosnuss rausgeschnitten hatten. Auch seine Darbietung fehlte gar nicht einmal so sehr, weil wir alle in den drei Staffeln eine Menge gelernt hatten. Aber ganz entscheidend war, dass die Balance verloren gegangen war. John hatte Terry J.s explosive walisische Entschiedenheit in Schach gehalten, und ohne ihn funktionierte das nicht. Als uns die BBC dann schließlich sieben weitere Shows anbot, war ich derjenige, der nein sagte – auf einem langen Spaziergang durch Hampstead Heath mit Michael.




