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Ulrike Infante
in enger Zusammenarbeit
mit Scarlett Müller
PATCHWORK –
LEBEN MIT EINER
PSYCHISCHEN KRANKHEIT
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Über das Buch: Ulrike Infante wollte mit ihrer Geschichte der Öffentlichkeit begegnen. Es war ihr wichtig, dass die Menschen erfahren und anerkennen, welche Kraft sie täglich aufbringen musste, um als Mitglied unserer Gesellschaft respektiert zu werden. Im Jahre 1991 wurde sie aufgrund ihrer Schizophrenie invalidisiert. In Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Aufsätzen und Gedichten erzählt sie aus ihrem Leben, das sich zwischen Hochgefühl, lähmender Antriebslosigkeit und Wahn bewegte. Die Briefe erlauben einen Einblick in ihre letzten Lebensjahre. In den anderen Texten begegnet man der früheren Ulrike, die Träume und Ziele wie viele junge Frauen hatte. Obwohl ihr psychisches Leiden ihren Lebensentwurf immer wieder durchkreuzte, blieb sie eine engagierte Frau, die ihren Platz in der Gesellschaft suchte und sich stets neu erkämpfen musste. In der ehemaligen DDR als Studentin, Dolmetscherin, Geliebte und Frau eines peruanischen Mannes, nach der Wiedervereinigung als Mutter und auch als psychisch Kranke.
Ulrike Infante verstarb kurz vor Veröffentlichung ihres Buches im Alter von fünfzig Jahren.
Wir werden sie vermissen.
Cover
Titel
Impressum
Über das Buch
Widmung
Berlin, dritter Advent 2006
Ein kleines Stück Kindheit
Mutters Kleider
Mauerfall
Berlin, den 16.12.2007
Tagebuchaufzeichnungen
Zweiter Advent 2008
Berlin, Mitte Dezember 2009
Berlin, den 5.12.2010
Abschied
Zitronensäure
Ich bin da
Ana-Maria lernt Rollschuhlaufen
Am Rande
Die alte schlimme Klinik
Bernsteinkette
Endnoten
Für meine Tochter
Berlin, dritter Advent 2006
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte, liebe Scarlett,
ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr wünscht Euch Ulrike!
Wir, mein Freund Toralf und ich, können auf ein schönes und glückliches Jahr zurückblicken. Wir haben viel zusammen erlebt und sind uns näher gekommen. Ich schicke Dir eine Kopie meines letzten Romanentwurfes, den ich im Sommer geschrieben habe. Das ist ungelogen mein sechster Romanentwurf, aber leider habe ich nicht die Kraft, weiterzuschreiben, den Text fertigzustellen.
Die Krankheit ist immer so stark. Ich freue mich über jede Kleinigkeit, die ich getan habe. Das heißt einkaufen, kochen, waschen, saubermachen. Ich liege aber auch viele Stunden im Bett, kämpfe gegen die Antriebslosigkeit.
Mit Ana-Maria telefoniere ich immer am Wochenende. Manchmal bekomme ich auch Post. Leider habe ich kein Internet. Ana-Maria kommt im Sommer für drei oder vier Wochen nach Deutschland, um ihre deutsche Familie zu besuchen. Dann fliegt sie für eine Woche nach London, zu einem Welttreffen der Pfadfinder. In zwei Jahren macht Ana-Maria an einer deutschen Schule in Lima ihr Abitur. Danach kommt sie nach Deutschland, um hier zu studieren. Ihr Studienwunsch ist das Lehramt oder die Richtung Übersetzer/Dolmetscher.
Einmal im Monat gehe ich zum Nervenarzt, einmal im Monat mit Toralf zur Therapie. Im Therapiezentrum wird im Januar eine Ausstellung mit meinen Textilarbeiten eröffnet. Gegenwärtig bin ich mit der Vorbereitung der Ausstellung beschäftigt. Einmal pro Woche fahre ich nach Lichtenberg, um meine beste Freundin und ihren behinderten Sohn zu besuchen. Er ist jetzt achtzehn Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Archivar. Mit meiner Freundin habe ich immer Gesprächsstoff. Für einen Russischkurs habe ich mich auch angemeldet, hier in der Nähe, im Ewa-Frauenzentrum. Deshalb habe ich mir auch einen Russisch-Sprachkurs, CD und Buch gekauft und mich wieder ins Russische eingehört. Dass ich Russisch konnte, liegt lange Zeit zurück, doch aus den Tiefen kommt eine Menge wieder empor. Allerdings fällt es mir schwer, zum Unterricht zu gehen. Ich bin auch Abonnentin der Spanisch-Zeitung „Ecos“, bekomme einmal im Monat die Zeitung und die CD und arbeite von Zeit zu Zeit auch damit.
Im April besuchte ich die Isabell Huppert Retrospektive. Isabell Huppert ist meine Lieblingsschauspielerin. Ebenfalls im April haben wir das Gegenwartsstück „Greifswalder Straße“ im Deutschen Theater gesehen, für mich nah an der Schmerzgrenze. Im November sahen wir an der Volksbühne „Schuld und Sühne“. Die Vorstellung dauerte bis spät in den Abend, war sehr unterhaltsam und anspruchsvoll inszeniert. Im Kino sahen wir uns den spanischen Film „Volver“ an, distanziert humorvoll, typisch Spanien, mit ganz eigener Handschrift. Die Fußball-WM haben wir interessiert verfolgt, und uns später den Film „Deutschland ein Sommermärchen angesehen. Auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor konnte man das WM-Fieber richtig spüren. Anfang Juni fand ein Klassentreffen statt, fünfundzwanzig Jahre Abitur. Es wurde in einem Hotel in A. gefeiert, vom Samstag zum Sonntag. Es ging mir an diesem Tag nicht all zu gut, doch ich war froh, mit dabei zu sein. Nachts kamen die Stimmen der alten Schulkameraden zurück, „bajaron los Espiritos“ würde man in Peru sagen. Das heißt, die Stimmen und Geister kamen nach vielen Jahren zurück. Die beste Ausstellung in diesem Jahr in Berlin war „Melancholie“ – Genie und Wahnsinn - in der Neuen Nationalgalerie. Außerdem sahen wir uns die Rembrandt-Ausstellung im Kunstforum und die Ausstellung „das Gold der Inka“ an. Im Museum fühle ich mich immer sehr kreativ.
Wenn ich gut drauf bin, ist meine Phantasie in Museen auf dem Höhepunkt.
Ihre Frau Ulrike
Ein kleines Stück Kindheit
Es gibt ein Buch, „Schlüssel des Glücks“, von Michail Soschtschenko. Er beschreibt, wie er seine psychische Krankheit heilen konnte. Nur durch erinnern, verarbeiten, schreiben. Oder auf der anderen Seite durch Analyse und Therapie. Ich hatte damals in meiner ersten Therapiegruppe, als eine andere Patientin das Buch empfahl, nicht daran geglaubt. Ich konnte mich bis zum Schulanfang erinnern, den schwarzen Rock einer Tante, die drückenden Schuhe und die große Zuckertüte. Ich hätte nie geglaubt, dass man sich bis zu seiner eigenen Geburt erinnern kann. Nun gut, gegen die pawlowschen Reflexe kommt man nicht an und die Krankheit ist schwer zu ertragen, aber die gesunden Teile, wenn du sie findest, gib sie dir selbst und einem anderen.
Ich weiß noch, wie ich auf die Welt kam und meine Mutter Gudula Lieselotte Baumann „de Müller“ in der spanisch sprachigen Welt, weiß das auch noch ganz genau. Es war dunkel und sehr eng. Mutter sagt immer, dass es vierundzwanzig Stunden Wehen gedauert hat. Dann rief die Hebamme ganz laut: „Frau Müller! Ein Jungenkopf!“ Doch oh blub, ein Mädchen. Es war an einem Sonntag, zur Mittagszeit, als ich das Licht der Welt erblickte. Es hieß dann immer, ich sei ein Sonntagskind. Man klebte mir ein Pflaster mit meinem Namen an das Ärmchen und ich lag mit vielen anderen Babys in einem großen Saal. Nur zum Stillen wurden wir zu den Müttern gebracht. Ich bekam den Namen Ulrike, weil meiner Tante dieser Name immer so gut gefiel und sie zwölf Tage vor meiner Geburt, im Alter von neunundzwanzig Jahren, verstarb. Sie war meine einzige Tante. Jahre später, nach meinem Aufenthalt in der Psychiatrie, fand Mutter zwischen alten Kleidern in der Bodenkammer ein Nachthemd von Tante Maria - hellgrün geblümt. Sie fragte mich, ob ich es haben wolle. Mir gefiel es und ich war mir sicher, dass ich trotz der schweren Krankheit mindestens neunundzwanzig Jahre werden würde. Was ich genau weiß ist, dass mich mein Vater sehr liebte. Er nahm mich gern hoch, an seine linke Schulter. Meine Mutter legte all ihren Ehrgeiz in mich. Sie schrieb nachts sogar Tagebuch für mich und schreibt mir auch heute noch. Wenn wir uns gestritten haben, verzeihen wir uns auf diese Weise. Schriftlich. Das heißt, wir können uns vergeben.
Als meine Schwester geboren wurde, war es Nacht und tiefer Winter. Mutter war die Fruchtblase geplatzt, sie musste schnell in die Klinik. Ich war wach geworden, denn es gab eine helle Aufregung, weil wir eingeschneit waren. Vater musste erst noch den Weg frei schippen. Dann kam der Krankenwagen. Henriette war ganz schnell da. Mutter Gudula hatte schon bei mir mit einer in Mode gekommenen neuen Atemtechnik eine schmerzarme Geburt gehabt.
Es wird erzählt, dass ich nicht essen wollte. Erst als Henriette da war, kam der Futterneid und ich hätte auch gegessen. Ich erinnere mich an den Geschmack des Apfelbreis und an die Fläschchen. Sie standen noch viele Jahre im Küchenschrank. Nachdem Henriette geboren war, und Mutter nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, kamen Oma und Opa nach H. So konnte Mutter weiter als Lehrerin arbeiten. Vormittags blieben wir Kinder bei Oma Emma und wenn Mutter aus der Schule kam, waren wir bei ihr. Mit den Nachbarkindern spielten wir oft stundenlang in unserem Zimmer. Wir hatten alles erdenkliche Spielzeug. Ich hatte einen Teddy, der brummte, und ein Schaukelpferd, das ich zum ersten Weihnachtsfest geschenkt bekam. Ich weiß noch, wie ich mit dem Schaukelpferd so richtig eigensinnig wurde und das Stubenmöbel rammte, so dass Schrammen blieben. Als ich ein dreiviertel Jahr alt war, sagte ich meine ersten Worte: „Teddy“ und „hüh“. Ich schlafe noch heute mit meinem Teddy, sonst kann ich nicht einschlafen. Gegenwärtig ist er in Rosis Puppen- und Teddyklinik, bekommt neue Tatzen und das Stroh wird nachgefüllt. Oma hatte viel Liebe für ihre Enkelkinder, war lustig und machte uns viele Geschenke. Opa wusste sehr viel. Er war auch Lehrer und brachte mir vor Schulbeginn das Alphabet in alten deutschen Druckbuchstaben bei. In der ersten Klasse war es etwas langweilig, da ich die Buchstaben schon kannte, doch zur Abiturzeit habe ich die „Buddenbrooks“ in alter deutscher Schrift gelesen. Mein erstes Klassenzimmer hatte noch Holzbänke mit schrägen Pulten.
Mutters Kleider
Oma hatte die Modezeitschrift „Pramo“ abonniert. Daraus suchte sich Mutter schöne Kleider aus, die Oma ihr dann nähte. Später, als Oma Rentnerin war, durfte sie in den Westen zu ihrer Cousine nach Frankfurt am Main fahren. Ein oder zweimal war sie auch in Westberlin, bei ihrer Tante M. und einmal in Bremen, bei Tante E., die den Bremer Dialekt sprach. Sie rollte das „R“ und stotterte das „T“. Von drüben brachte Oma immer Stoffe mit. Die waren nicht so teuer wie Konfektionskleidung und von besserer Qualität als bei uns. So konnten wir etwas Schönes schneidern. Als ich meine Abiturzeit in Z. begann, ging ich mittags zu Oma in die Schneiderlehre. Ich lernte noch Lochstickerei, Biesen, Smog, Paspeln, Knöpfe beziehen, zuschneiden, Kammstich und Hinterstich. Wenn Oma nähte, hörte sie „Rias“ und wusste besser darüber Bescheid was in der Welt passierte, als mein Vater. Ich lernte beim Nähen, die Stille zu hören.
Meine Mutter hatte viele buntgemusterte Kleider mit Volant, die sie auch gern auf ihren Urlaubsreisen zur Schau stellte. Einmal war sie zusammen mit meinem Vater auf dem Roten Platz in Moskau und trug ein gewagtes längeres Sommerkleid, das sehr gut ankam. Dazu aber ein Paar Sandalen, die den Sowjetmenschen nicht gefielen. Ein acht Zentimeter hoher klobiger Absatz! Es sah so aus, als würde sie auf zwei Briketts gehen. Das war zur Zeit der Silastikmode – „Malimo macht Weltniveau“! In Lima bemerkte ich allerdings, dass die Bettwäsche nur zum Teil für jedes Klima geeignet war. In den Elendsvierteln von Peru trug man noch Silastik, als wir hier schon wieder die Baumwolle favorisierten. Opas Hemden habe ich Sr. H unserem Maurer geschenkt. Omas Blusen bekam das Dienstmädchen Maria, die sie wahrscheinlich verkaufte, um sich von dem Geld eine Zahnprothese machen zu lassen. Ich hatte ihr auch meine Brillen geschenkt. Ich bin Brillen und Uhrenfetischist.
Mauerfall
Ich erinnere mich an die Zeit des Mauerfalls, als wäre es gestern gewesen. Dieses Ereignis war mit so vielen Emotionen besetzt, und jede Generation hat andere Erinnerungen daran. Ich war damals sechsundzwanzig Jahre alt, war in der DDR groß geworden und hatte an der Humboldt-Universität ein Sprachmittlerstudium für Englisch und Spanisch abgeschlossen. Ich hatte mit der Illusion gelebt, irgendwann nicht nur nach Prag reisen zu können, sondern auch nach Paris oder nach Spanien, oder in das Land meines Ex-Mannes, nach Peru. Felipe und ich heirateten wohl auch deshalb, denn ohne die Eheurkunde hätte ich keinen Pass bekommen.
Bei seiner Ansprache auf der Hochzeitsfeier redete der Brautvater auch ein wenig über den Sozialismus, was ihm aber peinlich war.
Wir hatten im Mai 1989 geheiratet und waren ab September auf unserer zweimonatigen Hochzeitsreise durch Westeuropa. Wir reisten mit einem riesigen Wanderrucksack, einer selbstgenähten Reisetasche und 2.000 DM. Außerdem beförderten wir Salami, Käse, Kaffee, Zigaretten und eine Menge Kondome, ich wollte nicht schwanger werden. In Berlin hatten wir noch extra Französisch gelernt und konnten uns in Paris gut verständigen, in der Stadt der Liebe, die vielleicht noch ein wenig schöner ist, als Berlin.
Nachdem der DDR-Zollkontrolleur sehr laut geworden war, und wir die „Zonengrenze“ passiert hatten, waren alle Leute im Abteil happy. Gleich auf dem ersten Bahnhof in Westdeutschland sahen wir einen Türken, der auf dem Bahnsteig Getränke verkaufte und ich fragte mich, ob vielleicht doch stimmte, was die DDR-Propaganda über die Ausbeutung der ausländischen Arbeitskräfte im Westen verbreitet hatte. Von den ersten Wohnhäusern die wir erblickten, sie waren hellgrün getüncht und sahen sehr ordentlich aus, waren wir beeindruckt. Es war alles schöner und moderner als in der DDR, mir gingen die Augen über. In meinen Träumen vor der Reise bewegte ich mich immer auf Bahnhöfen und vor Geschäften mit gläsernen Wänden, hinter denen Kleider und Souvenirs angeboten wurden. In meinen Träumen war ich aber auch Teil der anderen Welt. Es gab die erste Welt, die zweite Welt und die dritte Welt. Nachdem wir in Duisburg, Köln, Löwen, Paris, Barcelona und Zaragoza vieles gesehen und erlebt hatten, wussten wir eindeutig, dass die erste Welt der zweiten Welt überlegen ist. Als wir in Madrid ankamen, übernachteten wir bei einer Tante meines Mannes. Dort bekamen wir einen Brief von meinen Eltern. Sie waren der Auffassung, dass die Grenzen der DDR geschlossen werden sollten. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele junge Menschen aus der DDR über die CSSR und Ungarn nach Österreich und in die Bundesrepublik geflohen. Obwohl wir die Enge der DDR kannten, uns oppositionell und beobachtet fühlten, kamen wir ohne einen Pfennig nach Berlin zurück. Ich war, trotz der vielen Kondome, doch schwanger geworden.
Genau am Tag des Mauerfalls stiegen wir in Berlin aus dem Zug. Irgendetwas hing in der Luft, ich hatte ein seltsames Gefühl. Wir gingen zur Bushaltestelle des Hundertsiebenundfünfziger, warteten und warteten, kein Bus kam. Ich hatte den Eindruck, vielleicht auch ein Trugbild der Erinnerung, dass es sehr hell war, viel heller, als ich Ostberlin kannte. Irgendwann kam dann doch ein Bus und während der Fahrt erzählte uns ein junger Funktionär, wir identifizierten ihn als solchen aufgrund seines Anoraks, dass die Mauer offen sei. So könne man das doch nicht machen, meinte er. Der Bus fuhr eine andere Strecke als gewohnt, über die Heinrich-Heine-Straße, wo es einen Grenzübergang gab und viele Menschen im nächtlichen Taumel nach Westberlin wandelten. In meinen Augen war es eine Befreiung für die gesamte Stadt. Als wir in unserer Hinterhauswohnung im Prenzlauer Berg ankamen, fand ich es schön, zurück in unserer kleinen Oase zu sein. Ich wünschte damals, dass die beiden deutschen Staaten auf dem Verhandlungsweg ein geeintes Deutschland gründen würden, mit einer neuen Verfassung, und möglicherweise ein neutrales Land sein könnten.
Berlin, den 16.12.2007
Hallo, liebe Scarlett,
wie in jedem Jahr, soll ein Weihnachtsbrief entstehen. Zwischen allen Varianten des Lebens und des Todes, zwischen tief empfundener Freude und tief empfundenem Leid.
Ana-Maria hat wieder eine Reise nach Deutschland gewagt, wir hatten zusammen eine schöne Zeit. Ich hatte mich gut auf ihren Besuch vorbereitet, so gab es viele schöne Momente, auch bei Oma und Tante Henriette hat Ana-Maria viel erlebt. Sie ist dann nach London zum Welttreffen der Pfadfinder (100 Jahre Pfadfinder) weitergeflogen und nach sechs Wochen Urlaub in Europa wieder gut in Lima angekommen.
In der Schule wurde gerade „Effi Briest“ durchgenommen, ich habe das Buch auch noch einmal gelesen, um bei Ana-Maria mit zu lesen. Wenn man älter ist, ein Leseerlebnis von ganz anderer Art. Ana-Maria spricht sehr gut deutsch, möchte nach dem Abi im nächsten Jahr in Deutschland studieren, wenn sie gesund bleibt. Genau festgelegt hat sie sich aber noch nicht. Sie interessiert sich für Ökonomie aber auch für Fremdsprachen, hat sehr gute Voraussetzungen in vielerlei Richtungen.
Im August gab es in Peru ein schlimmes Erdbeben, zum Glück nicht in Lima. Ich habe für die Erdbebenopfer gesammelt, mit ganzer Kraft.
Was mir gelungen ist, ist zwölf, dreizehn Kilo abzunehmen, wobei ich mich wohl fühle. Was mir nicht gelungen ist, jeden Tag auf dem Fahrrad in meinem Wohnzimmer zu trainieren. Was mir auch gelungen ist, Textilarbeiten anzufertigen, Leseerlebnisse zu haben, manchmal etwas zu schreiben.
Im März hatte ich eine Vernissage und eine Lesung in einem Behindertenzentrum, im Juni/Juli eine Ausstellung im Ewa-Frauen-Verein und Anfang Oktober, ebenfalls dort, eine Lesung. Danach kamen verschiedene Frauen auf mich zu, um meinen Rat zu hören und mit mir zu sprechen, was eine sehr schöne Erfahrung war.
Kinofilme, die man sich im letzten Jahr ansehen konnte waren „Das Leben der Anderen“, wo auch ich mich, gegen die DDR schreibend, vor meiner Schreibmaschine wiederfand. „La Vie en Rose“, ein Film über Edith Piaf, sehr beeindruckend. „Blow up“, von Michelangelo Antonioni, ein Kultfilm aus den 60er Jahren.
Im Theater waren wir im vergangenen Jahr nicht, dafür aber in der Malerei-Ausstellung „Die schönsten Franzosen“.
Oft aber habe ich auch nur im Bett gelegen, kämpfe immer mit einem Druck um die Ohren und schlimmer Antriebslosigkeit.
Spaß habe ich beim Kochen. Toralf schmeckt es auch wirklich gut. Spaß habe ich an vielen Dingen. In Gedanken – die Gedanken sind frei – bin ich wieder bei meinen Textilarbeiten. Ich habe ein Faible für interessante Stoffe, Borten, unterschiedliche Farbkompositionen und unterschiedliche Materialien. Ich möchte auch wieder ein wenig übersetzen. Lese „Eine gebrochene Frau“ von Simone de Beauvoir.
Bekomme jeden Tag die „Berliner Zeitung“, nehme mir vor, sie täglich zu lesen, was mir nicht gelingt. Dann sammeln sich so an die zwanzig Zeitungen, die ich durchblättere und aus denen ich die Artikel ausschneide, die mich interessieren. Diese sammeln sich wieder und ich habe einen Lesemarathon vor mir.
Einmal am Wochenende telefoniere ich mit Ana-Maria. Manchmal ist auch Felipe am Telefon, oder seine behinderte Schwester, manchmal auch meine ehemalige Schwiegermutter, die Infantes sind meist freundlich zu mir.
Toralf und ich haben eine anspruchsvolle Beziehung. Ich wollte mich zwar schon oft von ihm trennen, aber die guten Seiten überwiegen, wäre ich allein, würde mir viel fehlen. Seine Mutter ist seit einem halben Jahr im Pflegeheim. Deshalb ist Toralf nicht oft in Berlin. Er kommt aus dem Münsterland und besucht seine Mutter, sooft er kann. Manchmal ist er mit dem Auto unterwegs, manchmal auch mit der Bahn.
Von Zeit zu Zeit bestellen wir uns eine Pizza oder wir gehen essen. Für die nächste Woche habe ich mir vorgenommen, zum Weihnachtsmarkt unter den Linden zu gehen, auch an der Gedächtniskirche ist ein Weihnachtsmarkt. Viele Leute kaufen überall in Berlin Weihnachtsbäume. Ich habe meinen synthetischen Baum schon am ersten Advent aufgebaut, mit Strohsternen und Holzfiguren und einer Lichterkette behangen.
Im September fand in Berlin, wie in jedem Jahr, das internationale Literaturfestival statt. Ein Abend mit Vargas Llosa, ich fand vieles mir Bekannte aus Peru wieder. Elke Wehr ist seine Übersetzerin. Er ist ein Schriftsteller, der schon ungemein viel geschrieben hat und seine Übersetzerin kennt ihn natürlich, übersetzt, alsbald das Buch auf dem Markt ist, ins Deutsche. Ein anderer Abend mit Isabell Allende und ihrem neuen Buch „Paula“ hat mir sehr gut gefallen. Beide Abende fanden in wunderbarer Atmosphäre statt, der Applaus hallte nach, und man hatte das Gefühl, ein Teil der Literaturwelt zu sein. Auch für Wolf Biermann hatten wir Karten. Für mich ist Biermann ein Stück Heimat, seine Stimme klingt in mir nach. Er hat insgesamt 24 CD’s herausgebracht. Ich habe mir die aktuellste gekauft und höre sie mir gern zu Hause an. An einem Abend zu Vallejo habe ich mich rundum wohl gefühlt.
Man kann natürlich auch über meinen Brief lachen. Ich freue mich über eine Resonanz auf meinen Weihnachtsbrief. Du kannst mich auch anrufen, Internet kann ich nicht, aber ich freue mich über Deinen Brief. Wenn Du Interesse an Topflappen, Patch-Work-Vorhängen oder Bettüberwürfen hast, dann kannst Du gern etwas davon bestellen. So, bis zum nächsten Mal!
Ulrike
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