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Bei ihren Tänzern und Musikern ist das anders. Die pumpen Outkast oder Wu-Tang Clan in voller Lautstärke, um sich einzupeitschen, springen und tanzen und wirbeln wild durch den Backstage-Bereich, bis sich kein normaler Mensch mehr da rein traut. Solana liebt ihre Crew, aber kurz vor der Show sind Ruhe und Konzentration angesagt, weswegen sie oft erst in letzter Sekunde zu den anderen stößt, was das Tourmanagement manchmal wahnsinnig macht, weil ein Auftritt in einer so großen Arena nun mal sekundengenau getaktet ist und Verspätungen jeglicher Art einfach nicht vorgesehen sind.
Aber wenn Solana sagt, dass das so gemacht wird, dann wird das auch so gemacht, und meistens geht ja auch alles gut.
Der weiße SUV wird von den Securities am hinteren Bereich der Arena in die Unterführung gewunken, die zum Backstage-Bereich führt. Man hört schon die Bässe, und wenn man ganz genau hinhört, kann man auch die Stimme ihres Supports Young Moses hören, der gerade auf der Bühne steht. Der Wagen hält neben dem Eingang, an dem zwei stämmige Männer mit Funkgeräten postiert sind. Solana und Ana packen ihren Kram zusammen und steigen aus. Sie nicken den Männern kurz zu, die ehrfürchtig zur Seite treten. Eigentlich hätten Ana und Solana ordnungsgemäß ihren Zugangsberechtigungsausweis vorzeigen müssen, aber entweder haben die beiden Männer ihre Sprache verloren oder im Eifer der Aufregung einfach vergessen, danach zu fragen. Aber man sieht ja auch, wer da kommt.
Sie werden von der gleichen durchorganisierten Frau mit dem akkuraten Pagenschnitt in Empfang genommen, die sie gestern schon im Hotel begrüßt hatte. Solana hat den Namen vergessen, aber Ana weiß ihn noch, weil sie nie was vergisst, was gut ist, da die Frau die örtliche Ansprechpartnerin ist, die sich um alles kümmert und deren Namen man sich besser merken sollte und die ihnen nun auch den Weg zu Solanas Garderobe weist.
Solana hat sich die Kapuze ihres Hoodies tief ins Gesicht gezogen, da sie es nicht mag, von allen angestarrt zu werden, sobald sie einen Raum betritt. Aber natürlich wird sie auch hier von allen angestarrt, denn man erkennt sie auch unschwer mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, weil sie eben Solana ist und nicht Anna Average oder deine Mutter.
Einige unterbrechen ihre Arbeit, manche bleiben andächtig stehen, lächeln unsicher oder verbeugen sich sogar. Einer der Techniker, ein sehr junger Junge mit verwuschelter Frisur, höchstens achtzehn, möchte ein Foto mit Solana machen, wird aber von der Pagenschnittfrau auf Japanisch zurechtgewiesen, was den armen Kerl erröten und beschämt zu Boden gucken lässt. Solana wirft ein, dass es schon okay sei, ein Foto zu machen, und zieht ihre Kapuze ab, was den Jungen noch mehr erröten lässt, der schüchtern seine Kabel auf den Boden legt, das Handy zückt und sich neben Solana aufstellt, ohne den Arm um sie zu legen, wie man es meistens macht. Dann fixiert er mit der Kamera ihre beiden Gesichter, betätigt den Auslöser, verbeugt sich etwas hektisch und huscht mit seinen Kabeln von dannen.
Wie auf Knopfdruck zücken plötzlich aber alle der anwesenden Techniker, Logistiker, Caterer und wer auch immer hier gerade durch die Katakomben wuselt, ihre Handys und machen Fotos von Solana, als sei die Entblößung des Kopfes das offizielle Signal dafür, dass man jetzt Fotos machen dürfe. Solana bemüht sich, möglichst galant zu lächeln, ehe die Frau mit dem Pagenschnitt wieder etwas auf Japanisch sagt, diesmal in noch resoluterem Ton, was einige, aber nicht alle der Anwesenden dazu bringt, die Handys wegzustecken und ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Dann bringt die Frau sie in die Garderobe und es herrscht endlich Ruhe. Ana und Solana sind allein.
»Ich bin so scheißmüde«, seufzt Ana und hält sich die Hand vor die Stirn.
»Ich auch. Ich brauch was zu rauchen«, sagt Solana.
»Ich glaub, Rauchen wär nicht so die geilste Idee. Aber ich hab was von Moe gekriegt. Nur ein paar Krümel, doch der meinte, das sei megastark.«
»Rollst du uns einen?«
»Du musst gleich auf die Bühne. Lass lieber vorm Schlafengehen einen rauchen, dann sind wir morgen auch wiederhergestellt.«
»Komm schon. Nur zweimal ziehen, versprochen. Rest rauchen wir später«, widerspricht Solana.
Die Garderobe ist fast so groß wie eine Hotelsuite. Es gibt eine gemütliche Sitzecke. Eine lange Kleiderstange. Mehrere Spiegel mit unterschiedlich starker Beleuchtung. Einen Getränkekühlschrank. Einen Cateringtisch, der mit heißem Wasser, allerlei Teesorten, Nüssen, Früchten, rohem Fisch, Tapas und kleinen Salaten drapiert ist. So wie sie es in ihrem Rider stehen hat, der im internationalen Popstarvergleich jedoch nicht übermäßig exzentrisch daherkommt. Man muss sich klarmachen, dass es Künstler gibt, die sich Smarties nach Farben sortieren lassen. So etwas macht Solana nicht. Mehr als ein paar kleine Häppchen kann sie kurz vor der Show ohnehin nicht mehr essen. Kurz vor der Show kann Solana nicht mal mehr Pizza essen.
Vor der Show will sie einfach nur ihre Ruhe. Das ist der wichtigste Punkt in ihrem Rider. Die Künstlerin bitte nicht in der Garderobe stören steht dick oben geschrieben, noch vor Verpflegung, Transport, Produktionsablauf und dem ganzen anderen Pipapo. Es gibt auch keinen Grund, die Künstlerin in der Garderobe zu stören. Ihre Visagistin trifft sie im Hotel kurz vor der Abfahrt. Sound checkt die Crew. Orga macht das Tourmanagement. Umziehen kann sie sich alleine.
Nicht mal ihr Tourmanager Steve darf sie in der Garderobe stören. In die Garderobe darf nur Ana und sonst niemand.
Solanas Bühnenoutfits hängen fein säuberlich in der korrekten Reihenfolge an der Kleiderstange. Anfangs trägt sie ein weißes Tuch über dem Kopf, dazu eine lange Perlenkette, den halboffenen Blouson mit Skorpionmuster zur weit geschnittenen, auf den Schuhen liegenden, aber nicht an den Beinen flatternden Hose. Nach dem Opener I started walking zieht sie das Tuch ab und zeigt den kreischenden Fans ihr Gesicht.
Im weiteren Verlauf der Show wird sie den Blouson gegen eine elegante Anzugjacke austauschen und zu einer gleichfarbigen Hose wechseln mit einem Schnitt, der auch Marlene Dietrich gutgestanden hätte.
Die Anzugjacke wie auch die Hose stammen von ihrem Lieblingsdesigner Alexander von Traunstein und wurden eigens für sie kreiert. Im Gegenzug musste sie Alexander versprechen, nächste Woche bei einem Fotoshooting in Island dabei zu sein. Alexander ist Österreicher und kommt aus Wien. Seine Shootings und Modeschauen sind berühmt-berüchtigt. Angeblich sei er schon mehrfach von seinen Models verklagt worden, weil er sie hatte bluten lassen oder zu Tieren verarbeitet oder so ähnlich, hatte Solana gehört, das aber nie so recht glauben können. Zu ihr war er immer charmant und zuvorkommend. Doch Alexander hatte nie bestritten, dass er seinen Modellen einiges zumute. Dafür seien sie eben Teil einer Alexander-von-Traunstein-Show. Was er genau macht, nächste Woche in Island, das weiß Solana nicht genau. Langweilig wird es sicher nicht.
Die Outfits ihrer Tänzerinnen und Tänzer sind ebenfalls von Alexander von Traunstein gestaltet. Sie sind Unisex gekleidet, tragen elegante Shirts und lange silberne Halsketten zu schwarzen, taillierten Hosen, die in Stiefeln stecken. Was wunderbar zur Choreografie passt, die von der New Yorker Ballroom-Szene aus den späten Achtzigern inspiriert ist, als man nicht immer genau wusste, ob gerade Männlein oder Weiblein tanzt. Ninja meinte mal: »Irgendwann wird es eh keine Männlein oder Weiblein mehr geben, sondern nur noch Arschlöcher.« Das kam aus irgendeinem Film und machte auch irgendwie Sinn, fand Solana.
Ninja wurde als Kind selbst oft für einen Jungen gehalten, weil sie ihre dunklen Locken immer kurz getragen hatte und für ein Mädchen ziemlich viele Jungsinteressen hat, wie zum Beispiel Kampfsport. Ninja kann besser Jiu-Jitsu als der gesamte Wu-Tang Clan. Die könnte den ganzen Clan verkloppen, da kann RZA noch so viele Kung Fu-Filme drehen. Ninja kann auch andere Kampfsportarten, aber Jiu-Jitsu ist die Königsdisziplin, sagt Ninja immer, die ihren Spitznamen ja nicht von ungefähr hat. Manchmal wird Ninja von den Jungs gehänselt, wegen ihres burschikosen Auftretens, aber dann stellt sie sich den Jungs kurz vor, auf ihre Ninja-Art, und dann wird sie nicht mehr von den Jungs gehänselt. So hat jede aus der alten Brooklyn-Crew ihre Superkräfte.
Ana kann bessere Blunts rollen als der gesamte Wu-Tang Clan. Solana mag Blunts viel lieber als Joints, weil ein Blunt einfach mehr Stil hat. Wobei so ein Blunt ziemlich stark sein kann, und die Blunts, die Ana dreht, sind ziemlich stark. Wenn also das Zeug, das Ana von Moe gekriegt hat, ohnehin stark ist, dann sollte man besser aufpassen. Aber Solana braucht jetzt dringend einen Zug von einem richtig guten Blunt, weil es in ihrem Kopf gerade zugeht wie in einer Nervenheilanstalt. Sie ist völlig fertig, total übernächtigt, emotional überfordert, muss gleich auf die Bühne und jetzt … vibriert auch noch ihr Handy.
Ty
baby, ich vermiss dich
»Fuck«, seufzt Solana, und schleudert das Telefon auf die Ledercouch.
»Ty?«, fragt Ana, und leckt das braune Papier vorsichtig an, ehe sie es sorgfältig zusammenrollt, darauf achtend, dass nichts zerbröselt oder rausfällt. Solana nickt.
»Das hat gerade noch gefehlt, dass der Trottel sich jetzt meldet.«
»Dann schreib ihm das.«
»Was?«
»Dass er ein Trottel ist.«
»Weiß er doch. Hab ich ihm geschrieben. Hab ich ihm auch gesagt. Hilft ja nichts. Geht hier rein, da raus.« Solana deutet erst auf das eine, dann das andere Ohr.
»Und wieso meldet er sich dann noch? Und ausgerechnet jetzt?«
»Keine Ahnung. Weil er halt ein Trottel ist.«
»Ist der nicht gerade selbst auf Tour?«
»Was weiß ich. Interessiert mich auch nicht. Kein Bock, zu antworten.«
»Dann ghoste ihn halt«, grinst Ana und hält ihr den fertigen Blunt entgegen. »Typen gehen eh hier rein, da raus.«
Solana schmeißt sich auf die Couch, schlüpft aus den Schuhen, streckt die Beine aus und steckt sich den Blunt in den Mund. Sie zündet ihn an und nimmt einen tiefen Zug. Sie muss gleich husten.
»Alter, was ist das denn für ein Teufelskraut?«
Solana zieht ein zweites Mal und muss noch mehr husten. Sie hustet sich fast die Lunge aus dem Hals, bis sie keine Luft mehr bekommt.
»Scheiße, brennt das in den Lungen.«
»Ok, Sweetie, wir haben gesagt zweimal ziehen. Gib rüber, den Lolli«, sagt Ana.
»Ist ja gut«, hustet Solana weiter und reicht ihr den Blunt. Ana ist so einiges gewohnt, da sie, wie schon gesagt, den Kiffer-Nobelpreis gewinnen würde, wenn es einen gäbe, aber selbst sie muss jetzt kräftig husten.
»Shit, ist das krass.«
»Ich dachte, die Japaner kiffen nicht, hast du gesagt. Aber wenn die immer so Zeug rauchen, dann fetten Respekt. Das kommt bestimmt aus Fukushima oder so«, keucht Solana, immer noch schnappatmend.
Ana feuchtet zwei Finger mit der Zunge an und macht den Zigarillo aus, ohne sich zu verbrennen.
»Rest rauchen wir echt erst vorm Schlafengehen, das ist ja der Monstershit. Du solltest dich langsam umziehen, Süße«, sagt Ana.
»Jaja. Lass mich noch paar Minuten chillen.«
Ana schaut auf ihr Handy.
»So viel Zeit ist echt nicht mehr. Wir haben superlange gebraucht. Hab das Gefühl, der hat uns einmal durch die halte Stadt gefahren.«
»Jaja.«
»Nix ›Jaja‹, aufstehen jetzt«, sagt Ana, die nun versucht, ihre Freundin mit beiden Händen und voller Kraft von der Couch zu ziehen. Solana kann sich dem Griff aber entwinden, woraufhin Ana in Scherenposition mit nach vorne gestreckten Armen und nach hinten gebeugtem Po für ein paar Sekunden stehen bleibt, ehe die Schwerkraft siegt und sie voll auf ihren Hintern plumpst.
»Aua.«
Solana kriegt den totalen Lachanfall.
»Haha, das sah so geil aus.«
»Aua, das tat echt weh. Ich glaub, ich hab mir den Arsch gebrochen.«
Ana wirft sich mit vollem Gewicht auf Solana und versucht sie, von der Couch zu bugsieren, aber ohne Erfolg, was Solana nur noch mehr lachen lässt, woraufhin Ana anfängt, sie an der Seite zu kitzeln. Solana gibt auf und lässt sich von der Couch fallen.
»Du bist so scheiße«, lacht sie.
»Du bist selber voll scheiße. Zieh dich endlich an«, grinst Ana. »Und wenn du schon stehst, dann schmeiß mal was zu futtern rüber.«
Solana versucht, vom Boden aufzustehen, doch ihre Beine fühlen sich an wie ein platter Fahrradreifen.
»Ich kann nicht aufstehen. Ich krieg das überhaupt nicht mehr hin.«
Sie windet sich auf dem Boden hin und her.
»Das ist überhaupt nicht lustig. Du musst dich umziehen, und … ich hab voll Bock auf Cheetos jetzt.«
»Haha, Cheetos wären so megageil. Wie geil wären Cheetos jetzt bitte?«, lacht Solana.
»Cheetos wären jetzt so das Megageilste, aber haben wir überhaupt nicht aufm Rider stehen, Fuck. Warum eigentlich? Welcher Hirni hat eigentlich den Rider gemacht? Du? Ich meine, wie geil Cheetos jetzt wären.«
»Ich geb dir gleich Hirni, aber warte, gib Handy, ich check mal«, sagt Solana und rudert mit dem rechten Arm in der Luft herum, dabei immer noch auf dem Boden liegend. Sie verfehlt aber das Handy, das Ana ihr entgegenwirft, um ein paar Zentimeter, so dass es ihr ins Gesicht klatscht. Wieder kriegen sie sich beide überhaupt nicht mehr ein.
»Aua, Scheiße, das gibt voll Beule.«
Solana öffnet den Chat mit Ty und drückt auf Antworten.
Solana
baby, vermissen cheetos
Sie drückt auf Senden, rollt sich dann auf den Bauch und hämmert mit der Faust auf den Teppichboden, während ihr vor Lachen die Tränen in die Augen laufen. Sie kann einfach nicht aufhören. Es ist unmöglich.
»Was hast du gemacht?«, kreischt Ana, die sich ihrerseits von der Couch rollt und zu Solana robbt. Sie schnappt sich das Handy, schaut auf das Display und fängt auch an loszuprusten.
»Das kannst du nicht bringen. Der arme Kerl, der bringt sich doch um, der ist eh so sensibel.«
»Ach was, der soll sich nicht so anstellen. Der hat eh schon wieder drei andere gehabt. Jetzt kommt der an und meint, der könnte ein bisschen flennen und alles gut wie immer. Am Arsch kann der mich.«
»Du kannst manchmal voll der Machoarsch sein, weißt du das eigentlich?«, sagt Ana grinsend, aber in doch etwas ernsthafterem Ton jetzt.
»Machoarsch? Fick dich. Ich geb dir gleich Macho auf deinen Arsch«, antwortet Solana und boxt ihre Freundin in die Seite.
»Ist ja gut, ich hab dich ja trotzdem lieb, du blöde Kuh.«
Ana fängt den nächsten Schlag ab und nimmt Solanas Hand in die ihre. Sie drückt ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Aber du musst dich jetzt trotzdem anziehen, weil sonst ist alles zu spät und dann gibt es weder Cheetos noch Konzert.«
»Aber wir brauchen doch unbedingt Cheetos«, quengelt Solana, die aber langsam auch wieder etwas klarer im Kopf wird.
»Fuck, hab ich dem gerade echt geschrieben, er soll uns Cheetos bringen?«
»Hast du. Du hast es voll vergeigt«, sagt Ana mit gespielt traurigem Blick und streichelt Solana durch ihr dunkles, langes Haar.
»Oh Mann …«
Sie nimmt das Handy und öffnet erneut den Chat mit Ty. Er hat noch nicht geantwortet.
Solana
Sorry. War ein blöder witz. Sind bisschen bekifft
»Du musst jetzt echt aufstehen und dich anziehen«, sagt Ana.
»Ich kann aber nicht aufstehen und mich anziehen. Kannst du nicht paar Chinesen rufen und die ziehen mich an?«, jammert Solana.
»Ich geb dir gleich Chinesen, du scheißversnobter Latino-Macho. Du stehst jetzt auf, weil – ich als deine persönliche Assistentin befehle es dir!«
»Du befiehlst mir überhaupt nichts. Ich befehle dir jetzt erst mal, mir so ein Fischdings von da vorne in den Mund zu stecken. Weil – du bist meine Assistentin und du musst mir dienen, bis dass der Tod uns scheidet.«
Solana öffnet kokett ihren Mund, immer noch auf dem Rücken liegend und alle viere von sich gestreckt.
»Ich steck dir gleich MEIN Fischdings in den Mund, wenn du nicht sofort aufstehst.«
»Oh Baby, gib mir dein Fischdings«, haucht Solana lasziv und räkelt sich auf dem Teppich. Ana steigt gleich drauf ein.
»Uuuuh, oh Gott, warte, ich besorg es dir. Ich will es dir geben. Sorry, aber ich glaub, ich halte es nicht mehr aus, es kommt mir … es kommt dir gleich voll ins Gesicht«, stöhnt sie mit gespielter Lüsternheit, schleicht sich zum Cateringtisch, grabscht eine der dünnen Sashimi-Scheiben vom Teller, nimmt Solanas Gesicht ins Visier und landet den totalen Volltreffer. Der rohe Fisch bleibt auf Solanas Stirn pappen. Die muss wieder voll lachen, springt jetzt aber mit gerade noch für unmöglich gehaltener Energie auf und jagt Ana im Kreis durch die Garderobe.
»Bitch, ich mach dich so alle, du bist so dermaßen tot, du kannst dich morgen krankschreiben lassen …«
3
Das donnernde Geräusch beim Einfahren der Züge hatte Solana regelmäßig zusammenzucken lassen. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum Züge so schnell in den Bahnhof rasen. In New York fuhren die Bahnen mit Lichtgeschwindigkeit und hielten erst in der allerletzten Sekunde kurz vor der Markierung. Solana bekam jedes Mal einen Herzinfarkt.
Auch die Katakomben der Arena erinnern an einen U-Bahnhof, es gibt bloß keine Graffitis oder Werbebilder, alles – die Wände, die Decken, die Böden – erstrahlt in sterilem Weiß, und von oben brummen die Bässe, als würde der L Train in Dauerschleife über ihre Köpfe hinweg rasen.
Die Bässe sind ihr Einsatz. Das Zeichen zum Loslaufen, damit sie rechtzeitig zur ersten Strophe von I started walking auf der Bühne ist.
Ana ist bis zur letzten Sekunde bei ihr. Erst kurz vor der Treppe, die nach oben führt, verabschieden sich die beiden. Ana umarmt sie dann noch einmal, sagt aber nichts, weil das Mikro schon an ist und die ganze Arena sie hören würde. Dann verschwindet Ana in den Katakomben und Solana muss alleine hinauf ins Blitzlicht. Ihre Tänzer und Musiker warten in der Versenkung am hinteren Bereich der Bühne, werden erst zum zweiten Song hochgefahren.
Mittlerweile ist es fast zehn Jahre her, dass sie Ana kennengelernt hatte, und Solana muss immer an den L Train denken, wenn sie mit Ana durch die Katakomben der Arenen läuft und die Bässe über ihnen brummen. Weil ihre ersten Wochen in New York untrennbar mit dem L Train verbunden sind.
Die sieben Stationen von der Jefferson Street bis zur Bedford Avenue waren eine Reise in eine andere Welt. Der Weg zur U-Bahn führte durch den Maria Hernandez Park, über den gepflasterten Platz mit dem Papageienbild auf dem Boden, vorbei an den Skatern, hin zu der Station, die wegen des pastellfarbenen Designs und der altmodischen Mosaikbilder auf den gekachelten Wänden fast ein bisschen berühmt war. Bushwick war damals noch wie aus der Zeit gefallen. Nichts deutete in irgendeiner Weise auf Fortschritt hin. Die Straßen waren grau und die Häuser verfallen. Man hatte Angst, dass einem das Haus auf den Kopf fiel, sobald man eine Tür öffnete. Solana bewohnte ein kleines Zimmer in einer dieser Abrissbuden mit Bad auf dem Flur, Schimmel an den Wänden, Geschrei auf den Gängen …
Williamsburg hingegen war eine ganz andere Welt. Wenn Solana an der Bedford Avenue ausstieg und die kleine Treppe zur Straße hochlief, wähnte sie sich wie in einem Film. Die Menschen bewegten sich viel selbstbewusster. Sie waren komplett von sich überzeugt. Solana arbeitete in einem der vielen Cafés der Gegend, die aber nicht mehr Cafés hießen, sondern Namen wie »Independent Coffee House« trugen.
Die Cafés sahen altmodisch aus, aber nicht verwahrlost altmodisch wie die Häuser in Bushwick, sondern schick altmodisch, mit Vintagemöbeln, geschliffenen Böden aus Holz und Bücherregalen im Retrodesign, die mit Nippes, Kunst und Magazinen dekoriert waren. Die Kundschaft bestand aus jungen Müttern mit Yogamatten und Kreativen mit Bart und Brille, die auf ihre Laptops starrten und, wenn sie denn mal mit einem redeten, erzählten, dass sie gerade ein neues Projekt pitchten. Von der Kreativität sah Solana jedenfalls nie viel.
Sie sah in erster Linie junge Schnösel, die die monatlichen Schecks ihrer reichen Eltern in Fünf-Dollar-Kaffee und Sandwiches investierten. Dafür war der Kaffee echter Kaffee und wurde in großen, altmodischen Tassen aus Porzellan serviert. Solanas Job war es, den Kaffee aus der silbernen, überdimensionierten Maschine, die nach jeder Anwendung aufs Neue gereinigt werden musste, in die überdimensionierten Tassen laufen zu lassen, um sie den jungen Kreativen servieren zu können. Die konnten stundenlang Kaffee trinken. Solana hatte keine Ahnung, ob die überhaupt irgendwas arbeiteten, manche saßen bloß da und starrten doof auf ihre Laptops. Den Kaffee aus der Maschine zu bekommen, war gar nicht so leicht.
Am Kaffeeautomaten hing eine Anleitung, die die notwendigen Arbeitsschritte genauestens illustrierte, von der Aktivierung der Wasserkesselbeheizung über die Reinigung des Dampfrohres bis hin zur ordnungsgemäßen Platzierung des Plätzchens auf dem Unterteller neben der Kaffeetasse. Bei der Kaffeezubereitung durfte dem Personal – ganz wichtig – kein Fehler unterlaufen.
Darauf achtete penibel ihr Chef Phil, ein bärtiger Mittdreißiger mit Flanellhemd und Cap, der sich selbst als gechillten, aber innovativen Geschäftsmann verstand. Doch leider war Phil, wie Solana fand, alles andere als gechillt und konnte einem sogar voll auf den Sack gehen, vor allem, wenn viel los war. So wie an jenem Samstag, an dem sie Ana, Fanta, Ninja und Patricia kennengelernt hatte, viel los war.
Solana hatte eine Bestellung über fünf Milchkaffee, davon zwei mit Sojamilch, zwei veganen Donuts, eine Gemüse-Quiche, ein Putenbrust-Sandwich und einen Humus-Bagel aufgenommen und war jetzt am Kaffeeautomaten zugange, als Phil plötzlich hinter ihr aufzuckte.
»Du, sag mal, der Tisch drei ist ja weg!«
Solana guckte rüber zu Tisch drei. Der Tisch war da, doch die Leute, die da eben noch gesessen hatten, waren tatsächlich weg.
»Hast du die abkassiert?«
»Nein, ich war gerade … die sind weg? Fuck, die sind echt weg«, seufzte Solana.
»Ja, die sind echt weg«, bestätigte Phil in einem Ton, der zwar gechillt wirken, zumindest seiner Vorstellung nach, gleichzeitig aber auch eine gewisse Unzufriedenheit signalisieren sollte.
»Die von Tisch drei sind echt weg. Und du hast die nicht abkassiert. Weißt du, was das ist? Scheiße ist das. Richtige Scheiße ist das«, fügte er hinzu und schaute sie an wie ein Lehrer, der seiner Schülerin gerade mitteilt, dass sie wohl eher nicht versetzt wird.
»Was für Arschlöcher auch. Die sind einfach gegangen. Das kann doch nicht wahr sein«, entgegnete Solana, die versuchte, seinem gechillt strengen Blick auszuweichen, da sie aggressiv wurde, wenn Phil sie so gechillt streng anguckte.
Doch Phil bohrte sogar nach mit seinen glasigen Knopfaugen, die ihm ein bisschen was von einem belämmerten Teddybären verliehen.
»Weißt du, ich schmeiß hier den Laden, ich mach die Buchhaltung, ich muss gucken, dass die Getränkelieferungen … Ich kann mich nicht auch noch darum kümmern, dass die Leute hier bezahlen. Da hast du den Verantwortungshut auf und da erwarte ich schon von dir, dass du das auch auf die Reihe bekommst«, sagte Phil, den Blick immer noch auf sie geheftet, jetzt schon deutlich strenger und weniger gechillt, woraufhin Solana einmal tief Luft holen musste.
Ganz tief Luft holte sie. Weil sie den Job natürlich brauchte, denn ohne Job war man in der Stadt ja verloren. Zwar sollte sie sich in der nächsten Woche endlich mit dem Produzenten treffen, der ihre Demos eindrucksvoll, vor allem aber ihre Stimme sensationell fand, aber das hieß natürlich nicht, dass sie damit auch Geld verdienen würde. Also brauchte sie diesen Job. Was sie auch daran hinderte, Phil den nächsten Kaffee in seine gechillt knopfaugige Visage zu schütten, wie sie es eigentlich so gerne machen wollte.
»Ich hab … ich war hier gerade … ich meine, der Laden ist voll, und ich hab hier …«, versuchte Solana sich zu rechtfertigen, während sie überlegte, warum sie sich eigentlich rechtfertigen musste, denn der Laden war tatsächlich rappelvoll, sie war alleine an der Theke, und wenn diese Arschgeigenschnösel es für nötig hielten, die Zeche zu prellen, während man ihnen mal für drei Sekunden den Rücken zuwandte, dann konnte Williamsburg ihr gehörig den Buckel runterrutschen.




