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Jedes Mal, wenn ich die Bühne betrete, wickele ich mir medizinisches Pflaster um die beiden Finger, streiche ein wenig Sekundenkleber darauf und stecke dann die Prothesen auf. Natürlich muss ich mir das jeden Abend wieder abreißen.
Ich verlor die „Fingerhütchen“ nur einige Male. Auf einer Tournee lebe ich mit diesen Dingern und trage sie immer bei mir. Natürlich besitze ich ein Ersatz-Set und auch mein Gitarrentechniker hält ein Paar bereit.
Mit den Teilen unbehelligt durch den Zoll zu kommen, ist ein anderes Thema. Ich bewahre sie in einer kleinen Schachtel auf. Bei einer Kontrolle höre ich oft den Spruch: „Na, was haben wir denn hier? Etwa Drogen?“
Und dann – was für ein Schock – sind es Finger! Ich musste es dem Zollpersonal schon mehrmals erklären, woraufhin die Antwort immer lautete: „Igitt!“
Mit angewiderter Miene legen sie den Fingerersatz wieder in das Schächtelchen.
Die Fingerhüte werden heutzutage in der orthopädischen Abteilung eines Krankenhauses hergestellt. Sie fertigen dafür einen kompletten Arm an, von dem die Fingerspitzen abgeschnitten werden. Als ich nachfragte, warum nicht nur die Finger produziert werden, meinten sie: „Viel zu kompliziert. Es ist viel leichter einen ganzen Arm zu gießen.“
Da kann man sich gut vorstellen, wie sich der Müllmann fühlt, der den „Restarm“ in der Tonne findet. Meine heutigen Prothesen sehen wie richtige Finger aus. Ich muss sie nicht mehr aus Leder herstellen, sondern kann sie direkt benutzen. Manchmal sind sie ein wenig zu weich, aber nach einiger Zeit an der frischen Luft härten sie nach. Ein wenig Sekundenkleber kann wahre Wunder wirken. Das einzige Problem liegt im Feinschliff, denn der kostet mich verdammt viel Zeit.
Meine Eigenanfertigungen von damals nutzten sich schnell ab, doch die heutigen Fingerhütchen sind beständiger geworden, bis auf das Leder, das sich durchscheuert. Jedes Prothesen-Set hält mindestens einen Monat, auf Tour vielleicht nur zwei Wochen. Wenn die Abnutzung beginnt, muss die ganze Prozedur wiederholt werden. Ich gebe immer noch die Vorlage in die Klinik, mit der ich vor über 40 Jahren begann. Sie ist zwar schon ganz schön abgenutzt, sollte aber noch einige Jährchen halten. Obwohl der Fingerersatz recht primitiv ist, funktioniert er einwandfrei. Entweder man gibt auf, oder beginnt den Kampf und arbeitet damit. Es ist eine harte Arbeit, denn nicht nur die Herstellung wird jedes Mal kompliziert, auch das Spiel mit Prothesen ist nicht einfach, denn das Gefühl fehlt. Ich muss ständig üben, um die Feinmotorik zu beherrschen.
Ein Charakteristikum meines Sounds liegt beim bevorzugten Spiel mit den beiden gesunden Fingern. Ich baue Akkorde mit dem kleinen und dem Zeigefinger auf und moduliere sie durch ein Vibrato. Die verkrüppelten Finger setze ich vornehmlich bei den Soli ein. Beim Saitenziehen, das viel Kraft erfordert, habe ich gelernt, den ersten und vierten Finger zu benutzen. Mit dem Mittel- und Ringfinger kann ich eine Saite nämlich nur leicht nach oben drücken. Vor dem Unfall benutzte ich nie den kleinen Finger, und somit musste ich mich extrem umstellen. Trotzdem ist meine Spieltechnik beschränkt, denn mit den Fingerhütchen werde ich bestimmte Akkorde niemals greifen können. Früher waren Barré-Akkorde kein Problem. Jetzt kann ich einige nicht mehr spielen, und muss mir Alternativen einfallen lassen, um einen voluminöseren Klang zu kreieren. Zum Beispiel schlage ich einen E-Akkord an und spiele die Note E mit einem leichten Vibrato, damit es voller klingt. Das ist quasi ein Ersatz für einen vollständigen Griff. Ich entwickelte einen individuellen Stil, passend zu meinen physischen Beschränkungen. Er ist recht unorthodox, funktioniert aber.
7: Eine Karriere, die an einer dünnen Saite hängt
Nach dem Unfall war ich gezwungen, das Gitarrespiel zu überdenken – von den Fingerhütchen bis hin zum geeigneten Gitarrenmodell. Ich kann nicht mit jeder Klampfe spielen, denn die Saiten und besonders die Saitenstärke müssen sich eignen. Die Probleme begannen gleich am ersten Tag der neuen Zeitrechnung. Damals gestaltete sich alles noch sehr schwierig, denn es gab keine Firmen, die extra-dünne Saiten herstellten. Zudem fand ich nirgendwo Gitarrenbauer, zumindest im Bereich der E-Gitarren, die in der Lage gewesen wären, Sonderwünsche umzusetzen. So blieb ich vollkommen mir selbst überlassen.
Ich spielte immer noch eine Fender Stratocaster, die ich unzählige Male auseinander baute, um sie für meine Bedürfnisse zu modifizieren. Ich feilte die Bundstäbchen ab, damit die Saitenlage bequem genug für mich war. Im Gegensatz zu gesunden Gitarristen, kann ich den Saitendruck der Finger nicht kontrollieren, da ich beim Mittel- und Ringfinger kein Gefühl habe. Ich tendiere zu einem härteren Griff, damit mir die Saiten nicht wegrutschen. Außerdem brauche ich sehr dünne Saiten, da ich stärkere nicht problemlos ziehen kann.
Damals waren 11er oder 12er die dünnsten Saiten. Heute zählen sie zu den stärksten! Das entsprach aber dem Stil der Ära, den der Gitarrenlehrer Bert Weedon mit seinem Buch Play In A Day bestimmte. Jeder spielte mit den „Stacheldrähten“. Folglich produzierte die Industrie nur solche Saiten-Sets. Ich war der erste mit der Idee, dünnere Sets zu benutzen, da ich einen Weg finden musste, um es mir so leicht wie möglich zu machen. Die dickeren Saiten rissen das Leder schnell ab, ich hatte nicht die Kraft sie zu ziehen, und darüber hinaus bereiteten sie mir Schmerzen. Die Verkäufer in den Musikgeschäften meinten immer: „Es gibt keine dünneren Saiten. Finde dich damit ab.“
Woraufhin ich fragte: „Tja, gibt es überhaupt keine dünneren Saiten?“
„Nein, mal abgesehen von den Banjo-Sets.“
„Na, dann gib mir doch mal einen Satz.“
Ich zog die beiden dünnsten Saiten des Banjo-Sets als hohes H und hohes E auf, was bedeutete, dass ich den Gitarren-Satz theoretisch von der G- bis zur tiefen E-Saite benutzen konnte. Allerdings ersparte ich mir diese unglaublich fette, tiefe E-Saite, die ich durch eine A-Saite ersetzte. Das war für mich praktikabel. Aus reiner Notwendigkeit heraus hatte ich also die dünneren Saiten-Sets erfunden, indem ich Banjo- und Gitarren-Strings miteinander kombinierte.
Ich musste ständig experimentieren, denn wenn eine A- auf eine E-Saite heruntergestimmt wird, beginnt sie leicht zu scheppern. Das Stimmen und das Spiel entwickelte sich für mich zu einer Art Kunst.
Später, nachdem wir unser Debütalbum veröffentlicht hatten und die Band gut lief, besuchte ich Saiten-Hersteller, um sie davon zu überzeugen, dünnere Sets zu produzieren. Ihre Denkweise lässt sich nur mit „extrem konservativ“ beschreiben: „Oh, das lässt sich nicht machen. Das wird nie funktionieren. Sie werden harmonisch nicht übereinstimmen!“
Ich antwortete: „Quatsch! Das funktioniert. Ich weiß das wohl am besten, weil ich sie täglich benutze.“
Worauf ich zur Antwort erhielt: „Die wird doch niemand kaufen! Warum sollte die jemand spielen wollen?“
Sie waren so von sich überzeugt, dass ich zu zweifeln begann. Vielleicht war ich wegen meiner Behinderung wirklich der einzige, der sie wollte? Schließlich ließen sich die Leute von Picato Strings in Wales breitschlagen. „Okay, wir werden es mal versuchen.“
Ungefähr 1970 produzierten sie also für mich den ersten Satz dünner Gitarren-Saiten und vermarkteten ihn mit einem großen Werbeetat. Ich konnte damit traumhaft spielen und benutzte die Marke viele Jahre. Natürlich sprangen später alle anderen Firmen auf den Zug auf. In den darauf folgenden Jahren wurden die dünnen Sets immer beliebter. Gitarristen auf der ganzen Welt zogen sie auf ihre Klampfen. Es gibt allerdings immer noch Leute, die nicht glauben, dass damit ein voller Sound möglich ist.
Ich arbeitete sogar schon mit Produzenten, die mir verklickern wollten, dass ich unbedingt starke Saiten für einen voluminösen Klang bräuchte.
Ich gebe darauf immer die gleiche Antwort: „Ich habe nie dicke Saiten gespielt, aber immer einen fetten Sound gefahren!“
8: Bill Ward und The Rest
Nach dem Unfall dauerte es sechs Monate, bis die Schmerzen verschwanden und ich weitermachen konnte. Die Behinderung war mir sehr unangenehm, und ich versteckte meine Hand. Das gilt heute noch für das Gitarrenspiel. Ich hasse es, wenn man mich dabei beobachtet.
„Was hast du denn da auf deinen Fingern?“
Angeblich gibt es sogar Leute, die meinen, das sähe cool aus. In New York unterrichtete ein Lehrer die Musik von Black Sabbath und ließ sich dafür Fingerhütchen herstellen. Er litt unter keinen gesundheitlichen Einschränkungen, war aber fest davon überzeugt, dass man nur so den individuellen Sound nachahmen könne.
Als ich Bill Ward begegnete, fing ich wieder an, in einer Band zu spielen. Er trommelte bei The Rest, die sich alle in unserem Geschäft sehen ließen. Sie versuchten mich zum Einstieg zu überreden, während ich die ganze Zeit Kunden bediente. Ich antwortete so nebenbei: „Ja, lass es uns mal versuchen.“
Die Gruppe klang schon sehr professionell, da sie zwei Vox AC 30 Amps besaß. Ich spielte auch einen Vox, und wenn man sich das mal ansah: drei AC 30 und drei Fender – verdammt noch mal, das konnte doch nur eine großartige Band werden.
Das muss ungefähr 1967 gewesen sein. Bill Ward saß am Schlagzeug, Vic Radford spielte Gitarre und Michael Pountney zupfte den Bass. Der Sänger Chris Smith stieg erst später ein, da Bill zuerst bei The Rest sang und einen prima Job machte.
Doch wir hatten nie genug Geld. Bill suchte meist in den Mülltonnen kaputte Drum-Sticks, die Schlagzeuger anderer Bands weggeworfen hatten. Er konnte sich keine neuen leisten und musste deshalb mit den „gekürzten“ Stöcken üben. Ich fand die Tatsache bemerkenswert, dass auch Vic Radford einen Finger verloren hatte. Er hatte sich seinen Mittelfinger in einer Tür eingequetscht und ihn abgerissen. Ich war also nicht der Einzige, dem so ein Missgeschick widerfahren war. Verflucht – zwei Musiker, denen so was passiert war, und die spielten auch noch in der selben Band! Er versuchte sogar, mit einer meiner Prothesen zu spielen, was aber nicht klappte. Man muss sich lange daran gewöhnen. Es ist eine andere Welt, ein völlig unterschiedlicher Stil, für den die Regeln des „normalen“ Gitarrespiels geändert werden müssen. Und ich änderte die Regeln.
Ich folgte keinen bestehenden Gesetzen, sondern stellte meine eigenen Regeln auf.
Cover-Versionen standen bei uns an erster Stelle – ein paar Nummern der Shadows, einige Beatles-Songs und ein wenig von den Stones. Eigentlich alles Stücke aus den Top 20. Man musste damals die Pop-Songs bringen, sonst wurde man nicht engagiert. The Rest erkämpften sich zu der Zeit einen lokalen Bekanntheitsgrad. Wir traten im Midland Red Club auf, der im Midland Red Bus Depot lag. Es war ein geselliger Schuppen, in dem sich die arbeitende Bevölkerung traf. Jede Woche spielte dort eine Band. Wir wechselten uns meist mit John Bonhams Gruppe ab, doch der wurde schnell gefeuert, weil er ständig zu laut auf sein Set eindrosch. Dann schlich er sich in eine andere Formation, aus der man ihn aus dem gleichen Grund warf. Auf seinen Schlagzeugkoffern standen die ganzen Bands, in denen er schon gespielt hatte. Allerdings waren alle Namen durchgestrichen! Die Beschriftungen wurden kleiner und kleiner, damit sie noch Platz auf den eigentlich riesigen Cases fanden. Das fand alles vor der Zeit der großen PA-Anlagen statt, in der man die Drums noch nicht verstärkte. Er spielte sie rein akustisch! Es war unglaublich, mit welcher Kraft und Energie er die Felle bearbeitete. Es glich einem ohrenbetäubenden Gewitter.
Nach der Auflösung der Rockin’ Chevrolets war ich noch eine ganze Weile mit Alan Merdediths Schwester Margareth zusammen. Mich plagte eine ständige Eifersucht. Zudem weckte meine Freundin den Beschützerinstinkt in mir. An einem Abend stand ich mit The Rest auf der Bühne und sah, wie sie von einem Kerl belästigt wurde. Ich legte die Gitarre auf den Boden, sprang vom Podest, ging zu dem Typen und prügelte ihn aus dem Laden. Dann ging’s wieder auf die Bühne und ich spielte weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Was man nicht alles für die Frauen macht …
Einmal spazierten wir durch Aston. Ich ging aufs Klo und sie wartete draußen. Als ich wieder rauskam wurde sie von einer Gang dumm angemacht. Ich sah rot und schnappte mir den Arsch, der direkt neben ihr stand und – Bäng – hatte er eine sitzen. Glücklicherweise wichen die anderen zurück. Ich war damals so drauf und prügelte mich überall. Doch mit den Jahren wurde ich ruhiger. Wenigstens etwas.
Die Beziehung mit Margareth überdauerte The Rest. Wir trennten uns, weil der Bassist heiratete und sich für ein bürgerliches Leben entschied. The Rest waren, platt gesagt, eine kleine Band, die sich gut in den Clubs geschlagen hatte. Damals ahnte ich nicht, dass das genau der Stoff war, aus dem Legenden entstehen – oder Mythology.
Später, als ich schon mit Sabbath spielte, ging ich mit Margareths jüngerer Schwester Linda aus. Es fühlte sich recht seltsam an, in das selbe Haus zu gehen und eine andere Frau abzuholen. Ich saß oft draußen in meinem Wagen und wartete auf Linda, während ein anderer mit seinem Auto Margareth abholte.
Linda und ich trennten uns kurz nach der ersten Europa-Tournee. Ich kam zurück und erklärte ihr, dass diese Erfahrung meine Augen geöffnet und ich ein völlig anderes Leben kennen gelernt hatte, das ich aus Birmingham nicht kannte.
9: Mein letzter Job
Nach der Schulzeit erwartete man von mir, mich dem Heer der Arbeiter anzuschließen. Ein Freund von Dad, dem eine Klempnerei gehörte, besorgte mir den ersten Job. Ich arbeitete auf einer Baustelle, hielt aber nicht lange durch, da ich nicht schwindelfrei bin.
Die nächste Karrierestation meines Arbeitslebens war ein Fließband-Job. Dort produzierte ich Schellen, die beim Anschließen von Gummidichtungen benötigt wurden. Man wurde nur nach der Stückzahl bezahlt. Doch wenn man schnell malochte, riss man sich die Hände auf. Ich dachte nur: Mit diesen Händen sollst du noch spielen? Klar, dass ich mich so schnell wie möglich verzog.
Anschließend fand ich eine Anstellung bei Yardley’s, einem großen Musikgeschäft, das im Stadtzentrum lag. Dort trafen sich alle Musiker, und die Angestellten protzten mit ihren Fähigkeiten, um die Instrumente schneller abzusetzen. Ich dachte mir: „Prima, ich werde also Gitarren vorführen und den Kunden die jeweiligen Sound-Möglichkeiten demonstrieren.“
Aber statt dessen sollte ich Schaufenster dekorieren und die Drumsets und Gitarren putzen. Hey, wann darf ich mich endlich hinsetzen und Gitarre spielen? Dann wurde in dem Laden eingebrochen. Der Verdacht fiel schnell auf mich, da ich erst seit kurzem dort arbeitete. Ich wurde verhört und sie blieben misstrauisch, bis man endlich den Dieb fasste. Ich mochte den Job nicht, da ich nur Hilfsarbeiten machen musste. Außerdem empfand ich das Verhalten nach dem Einbruch als reichlich unfair. Ich zog also weiter und suchte mir einen anderen Broterwerb.
Dass ich immer wieder die Jobs an den Nagel hängte, kam bei meiner Familie natürlich nicht gut an. Meine Eltern meckerten dauernd: „Wann suchst du dir endlich einen ordentlichen Beruf, anstatt dauernd Gitarre zu spielen!?“
Nach Yardley’s malochte ich als Schweißer, wobei ich bekanntlich die Finger verlor. Nachdem die Hand wieder geheilt war, arbeitete ich bei B&D Schreibmaschinen. Ich musste einen Anzug tragen und zu verschiedenen Firmen fahren, um dort vor Ort den Wartungsservice durchzuführen. Beim Reparieren der Schreibmaschinen lag jedes Mal der ganze Tisch voller Schrauben – ein heilloses Chaos. Wo ist diese oder jene Schraube? Hey, da sind ja noch zwei Schrauben übrig geblieben! Mein Gott!
Ich mochte den Job aber, weil man dabei eine Menge Frauen kennen lernte. So lange ich die Schreibmaschinen instandsetzte, hatten sie nichts zu tun und quasselten unentwegt. Mir blieb gar nichts anderes übrig als mitzureden. Ich kam wohl gut an, denn ständig riefen Frauen bei der Auftragsannahme an und behaupteten, ihre Schreibmaschine wäre schon wieder defekt. Der Prokurist warf dann ein Auge auf mich: „Du warst erst vor einigen Tagen in der Firma. Hast du die Maschinen nicht repariert?“ „Doch, und zwar anständig!“
„Meine Güte, du sollst da schon wieder hinkommen, weil irgendwas nicht funktioniert. Los, mach dich auf die Socken.“
Natürlich waren die Schreibmaschinen gut in Schuss, aber da ich mich so nett mit den Frauen unterhalten hatte, hofften sie, ich würde sie zu einem Date einladen. Der Job machte mir endlich Spaß, aber ich schmiss ihn hin, da viel zu viele Gigs mit The Rest anstanden und ich immer zu spät zur Arbeit kam.
Und dann musste ich mich nie mehr nach einem anderen Job umsehen.
10: Wie drei Engel einmal den Heavy Metal retteten
Nachdem ich den Führerschein in der Tasche hatte, ich muss ungefähr 19 gewesen sein, legte ich mir einen MGB-Sportwagen zu. Ich arbeitete viel, aber das ganze Geld ging für den Wagen drauf. Meine Mutter war dagegen, weil ich mit dem Ding wie ein Wilder raste. Und tatsächlich baute ich auch einen Unfall.
Ich fuhr eine vierspurige Schnellstraße entlang und überholte einen anderen Wagen, in dem ein attraktives Mädchen saß. Und plötzlich – Bäng! Ich war wohl über einen scharfen Gegenstand gefahren, denn zwei Reifen platzten, wodurch ich von der Fahrbahn geschleudert wurde. Ich flog im hohen Bogen auf eine Baumreihe zu und sah wie die Kotflügel durch die Luft wirbelten. Der Unfall schien sich in Zeitlupe abzuspielen. Es klingt verrückt, aber ich sah wie drei engelhafte Wesen herabschwebten, eins auf der linken und zwei auf der rechten Seite. Ich dachte nur noch: „Das war’s jetzt wohl.“
Der Wagen knallte an einen Baum, überschlug sich, und ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, roch ich Benzin und betete, dass der MGB nicht in lichterlohen Flammen aufgeht. Es war ein Cabriolet ohne Sicherheitsbügel und lag auf der Oberseite, doch es gelang mir rauszukriechen und unter großen Mühen bis zur Straße zu robben. Ich hatte eine Gehirnerschütterung und wusste nicht, was vor sich ging. Ein Typ nahm mich mit, und ich flehte ihn an: „Erzähl bloß nichts meinen Eltern, bitte nicht!“
Als nächstes erinnere ich mich daran, wie ich im Krankenhausbett lag und Mum mich anschnauzte: „Du bescheuerter Idiot! Wie konntest du nur! Du hättest dir niemals den Wagen kaufen sollen.“
Verdammter Mist!
Jeder, der das Schrottauto sah, schüttelte ungläubig den Kopf: „Eigentlich müsstest du tot sein.“ Sie brachten das Wrack auf einem Anhänger zu unserem Haus. Mum sah es und brach in Tränen aus. Sogar die Leute vom Abschleppdienst wunderten sich: „Wie bist du da nur rausgekommen?“
„Ich weiß es nicht.“
Eigentlich hätte ich tot sein müssen, ich kam jedoch mit einer leichten Gehirnerschütterung davon. Ich hatte einige Schrammen abgekriegt, doch nichts Ernstes.
Die Erinnerung an die drei Wesen ist immer noch sehr lebendig. Mein Gott, ich wurde gerettet – und zwar aus einem bestimmten Grund: um etwas Sinnvolles zu leisten. Vielleicht, um den Heavy Metal zu erfinden, wie ein Freund meinte. Ist das tatsächlich so eine großartige Leistung!? Meine Schutzengel sind wohl immer noch am Lästern: „Hoppla, das ging aber in die Hose!“
Nach dem Unfall benötigte ich einige Wochen, bis ich mich wieder traute, in ein Auto zu steigen. Da ich gezwungen war, den Transit der Band zu fahren, blieb mir allerdings nicht viel Zeit zum Grübeln. Und Sportwagen legte ich mir später auch wieder zu.
Doch beim Überholen schaue ich keinen Frauen mehr nach.
11: Spuk und Drogen
Nach der Auflösung von The Rest erhielt ich ein Angebot von einer Band mit dem Namen Mythology. Sie kamen aus Carlisle, einer Stadt an der Grenze zu Schottland, mit damals ungefähr 70.000 Einwohnern. Von Birmingham aus bedeutete das eine dreistündige Autofahrt. Ich zog mit Chris in die Stadt, denn Mythology suchten auch einen Sänger. Die Band bestand eigentlich nur noch aus Neil Marshall, dem Bassisten und Kopf der Gruppe, und einem Schlagzeuger, der aber kurz darauf ebenfalls ausstieg. Tja, ich wusste da einen guten Ersatz, und so kam Bill Ward zu uns. Dann zogen die übrigen Musiker von The Rest nach Carlisle, und von da an nannten wir uns Mythology. Für uns war das ein natürlicher Entwicklungsschritt, denn in Birmingham hatten wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Bei Mythology standen zahlreiche Gigs an, denn sie waren dort oben die größte Band.
Ich hatte Birmingham nie für eine längere Zeit verlassen und wohnte zwangsläufig noch bei meinen Eltern. Auszuziehen und in Carlisle mit einer Band zu leben, bedeutete einen großen Schritt für mich. Ich kannte dort niemanden, da aber Chris und ein wenig später Bill nach Carlisle zogen, wurde mir die Eingewöhnungszeit erleichtert. Wir wohnten im Compton House, einem großzügig geschnittenen Gebäude, das in verschiedene Wohnungen unterteilt war. Wir hatten ein Wohnzimmer und eine Küche in der obersten Etage und ein Schlafzimmer darunter gemietet – welches wir uns teilten!
Die Vermieterin und ihre Tochter wohnten auch in dem Haus. Eines Tages wollten wir uns Fish and Chips ordern und listeten eine Bestellung auf: „Okay, Chips, Chips, Chips …“
Wir bestellten eine zusätzliche Portion für den kleinen Jungen, der im Türrahmen stand.
„Warte mal, hast du ihn gesehen?“
„Den Jungen? Klar!“
Verflucht, das war irgendwie schräg. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, wer er wohl war, und fragte die Vermietern: „Es klingt zwar verrückt, aber wir haben oben einen kleinen Jungen gesehen.“
„War er ungefähr sieben oder acht Jahre alt?“
„Ja.“
„Oh, er ist vor vielen Jahren in diesem Haus gestorben.“
Für sie schien das ganz natürlich zu sein. Der Junge war dort unter Qualen gestorben, aber nicht der einzige Todesfall in dem Haus gewesen, denn wir sahen auch ein junges Mädchen. Sie kam in der Badewanne ums Leben.
Doch wir kannten keine Angst. Wären diese Geister mit schrillen Stimmen über uns hergefallen, hätten wir uns wahrscheinlich die Hosen vollgeschissen, doch so steckten wir das gut weg. So sind Teenager nun mal.
Wir verhielten uns anständig und achteten darauf, nicht zu viel Lärm zu machen. Einige Male besoffen wir uns mit billigem Wein, woraufhin die Vermieterin uns eine Standpauke hielt. Und Mädchen? Streng verboten! Frauen mit ins Haus bringen – das durften wir auf gar keinen Fall. Ich war 20 und Neil ungefähr 24. Er wurde später als Begleitmusiker von Peter & Gordon bekannt. Mit Mythology hatte Neil eine reifere Gruppe ins Leben gerufen, verglichen mit The Rest. Sie spielten einen eigenen Stil, bei dem die Gitarre deutlicher im Vordergrund stand. Basierend auf dem Blues waren mehr Soli gefragt, als bei normalen Pop-Songs. Ich erhielt nun die Gelegenheit, mit meinem Stil zu experimentieren und richtige Soli zu lernen. Mythology entwickelten sich zu einem bekannten Act, und ich erntete Lorbeeren, weil es den Leuten offenbar gefiel, wie ich Gitarre spielte.
Die Band wurde von einer großartigen Bookerin vertreten. Monica Lynton besorgte uns viele Jobs. Natürlich wollte sie uns beeinflussen: „Eigentlich könntet ihr noch mehr bekannte Titel in eurem Set bringen, oder?“
Wir probten so leise wie möglich in unserem Wohnzimmer, um eigene Songs zu schreiben, denn der größte Teil des Programms bestand aus Cover-Versionen. Aber wir veränderten die Fremdkompositionen und zogen sie in die Länge, um Soli zu integrieren. Beim nächsten Gig testeten wir dann die geänderten Nummern.
Damals standen hauptsächlich Blues- und Rockalben in unserem Regal. Oft legte ich Days Of The Future Past von den Moody Blues auf, obwohl wir die Stücke nicht coverten. Zu den weiteren Favoriten zählte Supernatural Fairy Tales von einer Band namens Art. Ihr Sänger Mike Harrison wurde später mit Spooky Tooth berühmt. Wir spielten Songs von ihnen, denn Art waren dort oben ziemlich angesagt, und das Publikum wollte die Musik live hören.
Mythology traten in der Town Hall in Carlisle auf, einem Gebäude mit einem schrecklichen Sound, dem Cosmo, dem größten Club in der Gegend, vergleichbar mit einem riesigen Tanzsaal, und dem Globe Hotel auf der Main Street, in dem ich mich später mit Sabbath blicken ließ. Wir spielten zwei oder drei Gigs pro Woche, nicht nur in Carlisle, sondern auch in Glasgow, Edinburgh, Newcastle und den kleinen Kaschemmen, die auf dem Weg lagen. Allzu oft hatten wir ein hartgesottenes Publikum, das saufen und schreien konnte wie ein Schotte: „Habt ihr was von den Rolling Stones drauf? Los, spielt was von den Stones!“




