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Das kotzte mich an: „Was meinst du damit – ich kann mich glücklich schätzen? Die haben mich wegen meines Spiel in die Band geholt, nicht wegen eines Glückfalls!“
Ich machte mir in Ruhe meine Gedanken: Ich wollte Teil einer Gruppe sein, die es zusammen schafft, nicht in einer Band spielen, die schon auf einem hohen Podest steht, und in der ich mich ständig für das ungeheure Glück bedanken musste, das ich gehabt hatte. Im Proberaum bat ich Ian um ein vertrauliches Gespräch.
Wir gingen nach draußen: „Ich fühle mich hier unwohl.“
„Was stimmt nicht?“
„Ich bin mit der ganzen Situation nicht zufrieden. Ich mag diese Sprüche mit dem ,Glück‘ und ähnliches Gerede nicht.“
Ian verhielt sich nett und anständig. Ich kann ihm nicht den geringsten Vorwurf machen. „Ja, wenn du dir absolut sicher bist, dass du aussteigen willst, dann …“
„Ja, ich bin mir sicher.“
„Allerdings gibt es da ein Problem, denn wir wurden für den Film The Rolling Stones Rock And Roll Circus engagiert. Ohne Gitarrist ist das nicht zu machen. Könntest du da noch mitspielen?“
Ich hatte ohnehin ein schlechtes Gewissen und wollte sie nicht hängen lassen, also sagte ich zu.
Und das war’s. Nach der letzten Probe sagte ich zu Geezer: „Lass uns die Band wieder zusammentrommeln.“
„Bist du dir sicher, dass du Tull verlassen willst? Vielleicht solltest du noch mal darüber nachdenken?“ Er versuchte mich zu überreden, meinte dann aber: „Ich bin froh, dass du aussteigst.“
„Diesmal müssen wir professioneller arbeiten. Nimm dir mal ein Beispiel an Jethro Tull: Morgens proben und sich richtig ins Zeug legen.“
Geezer stimmte zu. Von London aus riefen wir die anderen an und schmiedeten Pläne für einen Neubeginn.
Doch ich musste noch den Rolling Stones Rock And Roll Circus spielen. Die ganze Show begann im Dorchester Hotel. Ich stand da und trug natürlich meinen Wildledermantel, den ich auch im Film anbehielt. Die Stones hatten ihr Equipment in einem großen Ballsaal aufgebaut. Die Who waren auch da, natürlich Taj Mahal und all die anderen Künstler, die in dem Streifen auftraten. Ich kannte keine Menschenseele und fühlte mich unbehaglich und verlassen. Marianne Faithfull muss das gespürt haben, denn sie kam zu mir rüber und sagte: „Dir wird es gleich besser gehen. Wir können ja ein wenig reden.“
Ich führte mit ihr ein erfrischendes Gespräch. Marianne war einfach großartig.
Die Stones fingen an zu spielen, brachen aber schon nach einer Minute ab. Sie stritten sich und krakeelten wie die Wilden. Im ganzen Raum breitete sich eine Todesstille aus. Keith Richards und Brian Jones schoben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe, dass die Gitarren verstimmt waren: „Deine Klampfe ist verstimmt, du blödes …“
Mick war damals mit Marianne zusammen und flüchtete sich zu uns. „Diese Trottel können noch nicht mal ihre verdammten Gitarren anständig stimmen.“
Ein erstes Anzeichen für den kommenden Stress.
Am nächsten Tag filmten wir in einem großen Kaufhaus. Dort standen eine Bühne und eine Zirkusmanege. Sie wollten, dass sich alle alberne Hüte aufsetzten und Zirkuskostüme trugen, was ich ziemlich peinlich fand. Eric Clapton meckerte: „Ich fühle mich total dämlich mit diesem komischen Ding.“
Für eine Showeinlage drückten sie mir eine blöde Klarinette in die Hand. Nachdem wir durch den Vorhang stolziert waren, sollten wir die Manege durchqueren und so tun, als würden wir spielen. Clapton, The Who und John Lennon – jeder musste im Kreis gehen. Nachdem das abgehakt war – ich weiß nicht mehr, wie oft wir das wiederholten –, begannen sich die Leute zu unterhalten und ich taute auf.
Gespannt warteten wir auf die vorgesehene Jam Session mit Clapton, Lennon, Mitch Mitchell und Keith Richards, der Bass spielen sollte. Ich meinte zu Ian Anderson: „Ich freue mich auf Clapton.“
Sie begannen mit einem Instrumental-Song, während die verdammte Yoko zu Johns Füßen saß, und waren noch nicht mal gut. Ian flüsterte mit einem ironischen Unterton: „Na, und wie gefällt dir dein Held jetzt!?“
Wir teilten uns die Garderobe mit den Who, wo ich ihnen zum ersten Mal begegnete. Es waren nette Typen, und sie liefen musikalisch zur Höchstform auf. Mich erstaunte ein Gitarrensolo von Pete Townshend, da er sich sonst eigentlich nur auf den Rhythmus beschränkte. Er spielte verdammt gut.
Das lässt sich nicht von allen behaupten. Jethro Tull hatten sich den „Song For Jeffrey“ ausgesucht. Ian Anderson reichte mir einen Hut, den ich aufsetzen sollte.
Ich sagte ihm, dass er okay sei, fand das ganze Gehabe aber peinlich. Während des Auftritts hielt ich das Gesicht so weit wie möglich unten, damit mich ja niemand erkennen würde.
Es sollten Jahrzehnte vergehen, bis man den Streifen endlich veröffentlichte. Ich traf Bill Wyman ein paar Mal, und er versprach mir jedes Mal eine Kopie, die ich aber nie erhielt.
Ich habe ihn also erst viel, viel später gesehen und fand ihn schrecklich – so was von altmodisch und angestaubt! Allerdings lässt er sich jetzt als Klassiker bezeichnen, denn viele der Musiker sind schon verstorben: John Lennon, Keith Moon, Brian Jones, John Entwistle …
14: Der frühe Vogel fängt den Song
Zurück aus London, stimmte ich die Gruppe auf den bevorstehenden Wandel ein: „Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir die Musik ernster nehmen und hart daran arbeiten. Und das beginnt bei den Proben, die um neun Uhr morgens anfangen. Pünktlich!“
Wir mieteten einen Raum im Newtown Community Centre in Aston, in dem von nun an eine unerbittliche Disziplin herrschte. Zu den Proben holte ich jeden einzelnen Musiker ab, um sicherzustellen, dass niemand zu spät kam. Geezer wohnte nicht weit entfernt und ging deshalb immer zu Fuß. Gelegentlich kam er ein bisschen später, doch im Großen und Ganzen konnten wir zu einer vernünftigen Zeit proben. Und das war genau der Punkt, an dem wir begannen, eigene Songs zu schreiben. „Wicked World“ und „Black Sabbath“ entstanden bei den ersten Sessions. Wir spürten, dass die Musik etwas Besonderes ausdrückte, etwas vollkommen Neues. Ich hatte oft eine richtige Gänsehaut. Mit Worten ließ sich das nicht beschreiben, aber uns faszinierte der Sound. Mir fiel das Riff von „Black Sabbath“ ein. Ich spielte dieses „Dom-dom-dommm“, also die Grundlage für die Nummer. Von dem Riff ausgehend, machten wir weiter und entwickelten die anderen Parts. Als ich die Idee vorführte, zeigten sich alle begeistert: „Oh mein Gott, das ist wirklich großartig. Aber was ist das für ein Sound?“
Das Riff klang simpel, hatte aber Ausstrahlung und eine dichte Atmosphäre. Später erfuhr ich, dass man die Akkord-Progression als „Intervall des Teufels“ bezeichnet. Im Mittelalter wurde das Spielen dieser Tonfolge von der Kirche bei Androhung schlimmster Strafen untersagt. Von all dem wusste ich nichts, denn es war eine individuelle Grundstimmung, die ich mit der Gitarre ausdrückte. Oft hatte ich den Eindruck, dass die Musik aus meinem Innersten gerissen würde, dass ich sie befreien müsste. Dann kamen von allen Seiten weitere Ideen. Als das Stück langsam Form angenommen hatte, waren wir von uns selbst beeindruckt. Verdammt befremdlich, aber gut! Die Gruppe hatte einen eigenen Sound gefunden. Diese Kraft und Gabe schockierte uns zuerst.
Als die Band immer bekannter wurde, mussten einige Aufgaben verteilt werden. Geezer sollte sich um die Buchhaltung kümmern. Er regelte nach jedem Konzert die Abwicklung der Finanzen. Geezer war ein schlaues Bürschchen und schrieb mit die meisten Texte. Ich konnte mich nicht hinsetzen und mir stimmige Worte einfallen lassen, und wenn das Bills Job gewesen wäre, hätte er die erste Zeile erst nach 20 Jahren fertig gehabt. Ozzy kümmerte sich um die Melodie des Gesangs. Er sang erst sinnloses Zeug, alles, was ihm so einfiel, um verschiedene Melodien auszuprobieren. Ein Satz wie „What is this that stands before me“ war da keine Seltenheit. Manchmal schnappte Geezer einige Wörter auf und machte einen kompletten Text daraus. Beide ließen sich etwas einfallen.
Damals kifften wir oft und heftig. Eines Abends fuhren wir zu einem Club, der mitten im Nirgendwo lag. Ozzy und Geezer alberten herum und sahen angeblich einen Schatten, der durch die Gegend sprang. Ihrer Meinung nach war das eine Elfe oder ein anderes Fabelwesen. Das müssen aber mit Sicherheit die Drogen gewesen sein. Auf dieser Erfahrung basierte ein weiterer früher Song, „The Wizard“. Die beiden verarbeiteten einfach ihre Erlebnisse in Texten.
Die frühen Sabbath-Stücke werden immer als bedrohlich und beängstigend beschrieben. Geezer und ich mochten Horrorfilme. Wir gingen oft in ein Kino, das gegenüber von unserem Proberaum lag. Vielleicht hat uns ja die Filmmusik unbewusst inspiriert. Mittlerweile kenne ich natürlich den Film Black Sabbath mit Boris Karloff, aber damals haben wir ihn nicht gesehen. Geezer kam auf den Bandnamen, der ausgewählt wurde, weil er so gut klang.
Alle Musiker glaubten immer daran, dass uns eine bestimmte Kraft zu den Songs führte. Das Riff von „Black Sabbath“ entstand wie aus dem Nichts – wie auch viele andere meiner Ideen. Eine unbekannte Macht schien mir einzuflüstern: „Spiel das!“
Etwas oder jemand aus einer anderen Dimension vermittelte uns die Ideen und leitete uns an, wie ein fünftes Bandmitglied.
15: Von Earth zu Black Sabbath
Wenn wir in der Toe Bar nahe Carlisle auftraten, mussten wir immer in einem Caravan übernachten. Im Winter war es so lausig kalt, dass wir einen Teil des Mobiliars verheizten, damit es wenigstens etwas warm wurde. Dann ging es nach Manchester, wo uns ein großes Desaster bevorstand. An der Tür zu dem Laden empfing uns ein Mann im Anzug, der zu allem Überfluss auch noch eine Fliege trug. Für einen Blues Club mutete das ganz schön merkwürdig an. Er begrüßte uns überfreundlich: „Oh, ihr seid Earth, kommt rein und macht es euch gemütlich.“
Drinnen verriet er uns: „Ich mag eure neue Single.“
„Oh, vielen Dank.“
Wir hatten zu der Zeit noch keine Single auf dem Markt, ignorierten aber seinen Kommentar und luden die Anlage aus. Dann sahen wir das Publikum: Männer in Anzügen und Fliegen und Frauen in prachtvollen Kleidern. Schnell wurde klar, dass sie die falsche Band gebucht hatten. Es gab noch eine Gruppe namens Earth, und die machte Pop. Der Manager sah das aber locker: „Geht ruhig auf die Bühne und spielt.“
Vor dicht gedrängtem Publikum, das auf tanzbare Musik wartete, brachten wir den ersten Song. Der Kommentar folgte unverzüglich: „Was ist das für eine Scheiße?“
Das Personal holte uns so schnell wie möglich von der Bühne, und der Manager weigerte sich, die Gage auszuzahlen. Also klemmten wir uns den Teespender, den Teppich aus der Garderobe, einige Messer und Gabeln, also alles, was nicht niet- und nagelfest war. Die Konsequenz lag auf der Hand: „Das war’s. So ein Mist darf nicht noch mal passieren. Wir müssen schleunigst einen Namen finden, den niemand anders beansprucht.“
Jim Simpson hielt Fred Carno’s Army für geeignet. Zum Teufel noch mal, das wurde ja immer schlimmer. Carno war ein Impresario aus der großen Zeit der Varietees, der mit Charlie Chaplin und Stan Laurel gearbeitet hatte. Ozzy schlug Jimmy Underpass and The Six Way Combo vor. Mehr fiel uns nicht ein. Geezer kam dann glücklicherweise auf Black Sabbath.
Simpson beschaffte uns die ersten Gigs in Europa. Beim ersten Trip holte ich Ozzy ab, dessen Garderobe aus einem (!) Hemd auf einem Bügel bestand. „Wir verreisen, das ist dir doch wohl klar, oder?“
„Ich weiß.“
„Wir werden einige Wochen unterwegs sein.“
„Ich weiß.“
Unser Sänger nahm also für unsere erste Tour nur ein einziges Hemd zum Wechseln mit.
Auf der Reise entschieden wir uns, den Bandnamen endgültig zu ändern. Vielleicht war es auch in einem der ersten Clubs, in denen wir auftraten, dem berühmten Star Club in Hamburg. Er hatte eine Kapazität von 400 oder 500 Leuten. Da sie uns später noch einige Male buchten, konnten wir uns eine kleine Gefolgschaft erspielen. Somit hatten wir in dem Laden, von den Beatles mal abgesehen, insgesamt die meisten Zuschauer.
Das Zwischenspiel mit Jethro Tull hatte mich dazu inspiriert, Flöte zu spielen. Ich wollte das live umsetzen. Wir kifften verdammt viel, und an einem Abend war ich mehr als breit. Deshalb hielt ich die Flöte viel zu niedrig, wodurch das Mikro nur meine Atemgeräusche übertrug. Ozzy latschte in den Backstage-Bereich, schnappte sich den dort hängenden riesigen Spiegel, brachte ihn auf die Bühne und hielt ihn mir vors Gesicht. Er klopfte mir auf die Schulter, und erst dann bemerkte ich den Fehler.
Ozzy war für ein weiteres Highlight verantwortlich, denn er fand eine Dose pinker Farbe, mit der er sich das Gesicht anmalte. Hinter der Bühne stand eine große Leiter, auf die er stieg, bis sein leuchtender Kopf über dem Vorhang erstrahlte. Solche verrückten Dinge halfen uns im Kampf gegen den täglichen Wahnsinn.
Black Sabbath tourten mehrere Male in Europa. Zuerst ging es von Hamburg über Dänemark nach Schweden, gefolgt von Tourneen, die uns in die Schweiz führten. Dort traten wir sechs Wochen lang in St. Gallen auf. Wir spielten vier oder fünf Mal am Tag vor vielleicht drei Zuschauern. Die Gage bestand aus einem Glas Milch und einem Würstchen. In finanzieller Hinsicht ging es uns mehr als dreckig. Da wir absolut kein Geld hatten, musste sogar Geezer, der Vegetarier war, die Würstchen runterwürgen. Und das Hotel? Die gesamte Band schlief in einem winzigen kleinen Raum über einem Café, das gegenüber vom Club lag. Wenn man da nicht rechtzeitig ankam, schlossen die Besitzer einen aus. An einem Abend schliefen Ozzy und ich bei zwei Mädchen. Als Geezer auftauchte, stand er vor verriegelter Tür. Bill schnappte sich die Bettlaken, knüpfte sie aneinander und versuchte, unseren Basser hochzuziehen. Und exakt in dem Moment fuhr eine Polizeistreife vorbei. Es dauerte einige Zeit, ihnen das ganze Dilemma, in dem Geezer sich befand, im Kauderwelsch zweier Sprachen zu erklären.
Anschließend reisten wir nach Zürich. Bei unserer Ankunft war der Club gerammelt voll. Die Band kam unglaublich gut an und wirkte sehr glücklich. Wir tranken sogar Champagner auf der Bühne. Das ist doch wunderbar, dachten wir uns. Uns steht eine tolle Zeit bevor. Keiner konnte wissen, dass die Musiker ihren letzten Abend von einem insgesamt sechswöchigen Engagement feierten. Das ganze Publikum verabschiedete sich mit einer Riesenparty von uns. Als wir mit unseren Gigs begannen, war der Laden so gut wie ausgestorben. Moment mal! Was ist passiert? Wo sind denn die ganzen Leute hin? Täglich kam so ein Spinner vorbei, der einen Kopfstand machte, wobei ihm das ganze Geld aus den Taschen fiel. Er suchte es wieder zusammen und verzog sich dann. Und dann saß da noch eine uralte Nutte in der Ecke an der Bar. Das war’s.
Weil in dem Laden eine gähnende Leere herrschte, begannen wir herumzualbern. Bill spielte zum Beispiel ein Schlagzeug-Solo in der Länge eines kompletten Sets, und ich brachte ein unendlich langes Gitarrensolo. Die anderen ruhten sich in der Zwischenzeit aus. Das lief einige Tage ohne Probleme, aber natürlich bemerkten es die Besitzer. Während Bills Drum-Eskapaden erschien die Tochter des Eigentümers und schnauzte uns an: „Hört auf mit dem Krach! Wir bezahlen euch fürs Spielen, nicht für diesen Unsinn.“
Es war ein trostloser und düsterer Schuppen. Wir mussten erneut alle in einem Zimmer schlafen – zusammen mit einigen Ratten. Der Clubbesitzer hatte unsere Pässe einkassiert, damit wir nicht so leicht abhauen konnten. Die ganze Situation ähnelte einem Sklavenjob, denn die Band musste täglich fünf Mal jeweils 45 Minuten lang auftreten, an Wochenenden sogar sieben Mal, und wir spielten fast für lau. Doch wir hatten viel Spaß und zogen gelegentlich einen durch. Bill rauchte sogar Bananenschalen. Er aß die Dinger, kratzte den Rest von der Schale, packte ihn in eine Aluminiumfolie, die zum Trocknen in den Ofen wanderte. Dann bröselte er sich die Masse in eine Kippe. Er behauptete, davon high zu werden, fand es großartig und war stolz auf seine Idee.
„Was macht Bill?“
„Er hat einen Weg gefunden, die Banane noch besser zu verwerten. Jetzt brät er die Schale zum Essen!“
16: Die Wiege des Heavy Metal
Zu den Auftritten in Henry’s Blues House kamen oft Talentscouts der Musikindustrie. Wir traten auch in London auf, weil sich Leute von Chrysalis zu einem Gig angekündigt hatten, zu dem leider kaum Besucher erschienen. Außerdem lief es musikalisch an dem Abend verdammt schlecht. Sie lehnten uns ab, was aber kein Weltuntergang für uns war. Man muss an seine Ideale glauben, weitermachen und bloß nichts ändern, nur um den anderen zu gefallen. Nur so kann ein neuer Stil entstehen. Musik zu kopieren ist der schnellste Weg raus aus dem Musikgeschäft. Man muss sein eigenes Ding finden und es unerbittlich durchziehen.
Tony Hall besuchte uns in Henry’s Blues House, mochte die Musik und wollte uns unter Vertrag nehmen. Er war ein bekannter DJ gewesen und führte nun Tony Hall Enterprises. Wir schlossen einen Deal mit der Firma, die daraufhin für uns einen Vertrag mit dem Fontana-Label unter Dach und Fach brachte. Ich bin mir sicher, dass sie sehr viel Geld mit dem Vertrag verdient haben. Hall ließ sich nur noch einmal blicken, und zwar bei einer Aufzeichnung von Top of the Pops. Seitdem bin ich ihm nie wieder begegnet.
David Platz ist ein weiterer Protagonist aus der Steinzeit von Black Sabbath. Er vermittelte uns zu Essex Music. Es war ein absoluter Scheißvertrag, doch waren solche Verträge damals die Regel. Ich bin mir sicher, dass auch er genügend Kohle damit gemacht hat. Wir besuchten ihn selten. Mich verwunderte allerdings dieser Schalter auf dem Tisch. Bei leichtem Druck öffnete sich eine Geheimtür hinter dem Schreibtisch. Platz zählt zu den Leuten, die lange im Business überlebt haben. Vermutlich hat ihn die Tür gerettet.
Mit einer anständigen Plattenfirma im Rücken war endlich die Zeit gekommen, ein Album aufzunehmen. Jeder Musiker erhielt 100 Pfund, für damalige Verhältnisse viel Geld, aber wir hätten es sogar umsonst gemacht, so sehr brannten wir darauf, unsere Musik auf einem Tonträger zu hören. Mit einer Platte konnte man viele Menschen erreichen. Im Herbst 1969 nahmen Black Sabbath einige Demos auf, darunter „The Rebel“ und „Song For Jim“. Norman Haines von Jims Band hatte „The Rebel“ geschrieben, und Jim wollte unbedingt, dass wir ihn aufnahmen. An „Song For Jim“ kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls war der Titel als Witz gemeint. Geplant war ein Treffen mit Gus Dudgeon in den Londoner Trident Studios, der sich damals schon seine Lorbeeren als Produzent verdient hatte. Wir begegneten ihm aber nicht persönlich. Auf jeden Fall lehnte er uns wegen des Demos ab.
Einige Tage später traten wir in Workington auf. Dort gab Ozzy dem britischen Publikum unseren neuen Namen bekannt – keine große Sache. Wir feierten nicht, sondern hießen ab dem Zeitpunkt einfach Black Sabbath. Die Band gab es schon seit 1968, der erste Gig unter diesem Namen fand jedoch am 30. August 1969 statt.
Bei dem Gig spielten wir „The Wizard“, „Black Sabbath“, „N.I.B.“ und „Warning“, also praktisch die Songs, die auf der ersten Scheibe landeten. Wir wollten keine fremden Stücke mehr in unserem Programm haben. Ein zwölftaktiger Blues inmitten von Eigenkompositionen klang merkwürdig und war nicht mehr zeitgemäß, weil sich unsere Musik viel zu krass davon unterschied. Allerdings nahmen wir bei einer Demo-Session „Evil Woman“ auf, eine Cover-Version des amerikanischen Hits von Crow, einer Band aus Minnesota. Jim Simpson brachte uns darauf, weil er der Meinung war, etwas Kommerzielles und Griffiges wäre wichtig für die Plattenbosse.
Zögerlich stimmten wir zu, da sich das Blatt sowieso zu unseren Gunsten wendete, als man uns bei den Aufnahmen die Gelegenheit gab, „The Wizard“ mitzuschneiden. Simpson versuchte mit dem Demo auch das Interesse des angesagten Disc-Jockeys John Peel zu wecken. Im November spielten Black Sabbath in seiner Show Top Gear die Stücke „Black Sabbath“, „N.I.B.“, „Behind The Wall Of Sleep“ und „Sleeping Village“. Endlich konnten uns die Leute überregional im Radio empfangen. Ganz langsam begann unsere Karriere anzurollen.
Black Sabbath entschieden sich nicht für Rodger Bain als Produzenten, er wurde für uns ausgesucht. Wir trafen ihn kurz vor den Aufnahmen. Er schien ein netter Kerl zu sein, und wir mochten ihn. Rodger war noch genau so grün hinter den Ohren wie die Band und arbeitete noch nicht so lange. Er muss in seinen frühen Zwanzigern gewesen sein und war wohl ein paar Jahre älter als wir. Als Produzent trug er die gesamte Verantwortung für die Aufnahmen. Er vermittelte uns ein beruhigendes Gefühl, gab aber keine großartigen Ratschläge. Bain schlug nur einige kleine Änderungen vor, da die Songs schon gut strukturiert und in sich stimmig waren.
Unser Roadie Luke karrte das Equipment am 16. Oktober 1969 in die Regent Studios, abseits der Tottenham Court Road, und stellte die Verstärker auf. Das Studio war nicht viel größer als ein kleines Wohnzimmer, und wir mussten auf engem Raum spielen. Trennwände schirmten uns von Bills Schlagzeug ab. Ozzy sang seine Parts in einer kleinen Kabine zeitgleich mit dem Rest der Band. Wir simulierten also quasi eine Live-Situation. Diese Erfahrung stellte den Höhepunkt unser bisherigen Karriere dar, und so agierten alle hoch konzentriert.
Ich hatte zuvor noch nie ein Studio von innen gesehen und wusste nichts über die Aufnahmetechnik. Keine Ahnung, wo man die Mikros am besten platziert! Wahrscheinlich hatten Rodger Bain und der Tontechniker Tom Allom mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, da sie mit einer unbekannten Band arbeiteten. Die beiden waren noch nie mit uns auf Tour gewesen und wussten nichts über die einzelnen Persönlichkeiten und den Sound. Plötzlich standen sie da und sollten einen vernünftigen Beitrag leisten. Das größte Problem bestand für uns immer darin, dem Studiopersonal zu verklickern, wie unser Sound aufgebaut war. Meine Gitarre und Geezers Bass mussten exakt übereinstimmen, um eine „Wall Of Sound“ zu mauern. Die meisten Techniker nehmen den Bass eher isoliert wahr und versuchen ihn klar und harmlos aufzunehmen. Doch Geezers Sound war verzerrt und rau. Er hielt die Noten länger und zog manchmal die Saite an, um eine Parallele zu meiner Klampfe zu gestalten. Die Techniker versuchten dann immer ihr Möglichstes, um die Verzerrung zu eliminieren, was überhaupt nicht zum Klangbild von Black Sabbath passte. Wir mussten uns immer dagegen wehren.
„Lass es doch verdammt noch mal. Das ist unser Sound.“
Man muss eine Menge Überzeugungsarbeit leisten, bis die Leute es endlich kapieren – oder sich geschlagen geben. Techniker versuchen die einzelnen Klangquellen zu separieren. Wenn ich früher beim Soundcheck meine Gitarrenriffs spielte, klagten sie: „Oh nein, das ist so unglaublich verzerrt.“
„Ich weiß! Das soll so sein! Lasst uns doch als Band spielen und hört euch den Gesamtsound an.“
Sie verstanden damals nicht, dass eine Gruppe zusammen gut klingen kann, auch wenn die einzelnen Instrumentalspuren nicht das angebliche Optimum bringen. Rodger Bain konnte sich darauf einlassen, und deshalb haben die ersten Alben einen direkten und unverfälschten Klang. Er ließ sich von unseren Vorstellungen leiten: Wir kamen ins Studio, stöpselten die Instrumente in die Verstärker, spielten und dann – besten Dank, bis morgen! Da wurde kein großes Spektakel veranstaltet. Es gab nicht dieses Rumgedrehe an den Reglern des Mischpults, nicht dieses Geschiebe mit den Fadern. Bei den Drums lief das ähnlich ab. Wir positionierten die Mikros und spielten los. Es war ein ehrlicher und realistischer Klang. Und genau dieser Sound sollte sich schon bald durchsetzen.
Die Aufnahmen waren schnell beendet. Wir hatten einen ganzen Tag Zeit, um die Tracks aufzunehmen, und fanden das unglaublich – einfach großartig. Später hörte ich, dass Led Zeppelin ihr Debütalbum in einer Woche eingespielt hatten. Sie verfügten über mehr Erfahrung und wussten, dass man eigentlich mindestens diese Zeit benötigt. Jimmy Page hatte in den Jahren zuvor schon mit den Yardbirds und Gott weiß wem im Studio gestanden und konnte die ganze Prozedur besser einschätzen.
Der Track „Warning“ beinhaltet ein langes Gitarrensolo, für das ich aus Zeitmangel eigentlich nur einen Take hatte. Nach dem ersten Durchgang bat ich Rodger um einen Overdub, doch der sagte: „Okay, das haben wir.“




