Dantons Tod von Georg Büchner: Reclam Lektüreschlüssel XL

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An solchen Widersprüchlichkeiten wird bereits die Affinität des Büchner’schen Danton zum NihilismusNihilismus spürbar, menschliches Handeln wird für ihn buchstäblich sinnlos. Am deutlichsten wird dies in den Szenen des Wartens auf die Hinrichtung in den beiden letzten Akten. Hier wird das Leitmotiv der Ruhe wieder aufgegriffen, das bereits im ersten Auftritt anklang; dort verglich Danton Julies Schoß mit einem Grab und dieses mit der ersehnten Ruhe (I,1; S. 5 f.). Im Gefängnis wird dies dann deutlicher und radikaler: Die Ruhe sei im »Nichts«, und dieses »Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab worin es fault« (III,7; S. 67). Ist alles immer gleich sinnlos, fallen Gegensätze wie Geburt und Tod in eins: »Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel. Was wird das helfen? Wir können im Grab so gut wimmern, wie in der Wiege« (IV,3; S. 73).
Dahinter steht Dantons und auch Büchners Verständnis des griechischen Philosophen EpikurEpikur (um 300 v. Chr.). Dieser sah in der Unerschütterlichkeit der Seele das höchste Ziel menschlicher Existenz; Furcht vor den Göttern oder gar vor dem Tode seien zu verachten. Auf dem Weg zu diesem Ziel seien Selbstbeherrschung und Mäßigung wichtige Hilfen. Heute versteht man unter einem Epikuräer jedoch stark verkürzend einen reinen Genussmenschen. Für Griechen und Römer, für sinnenfreudige Sensualisten wie für strenge, auf Moral bedachte Idealisten gilt in Dantons Augen dasselbe: »Die einen waren so gut Epikureer wie die andern« (IV,5; S. 79). Ganz am Ende steht die radikal absurde Feststellung: »Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott …« (IV,5; S. 80).
Ruhe findet Danton in Ansätzen allenfalls in der innersten Privatsphäre, unter Danton und die FrauenFrauen. Noch auf die Körperlichkeit reduziert gegenüber Marion: »Ich möchte ein Teil des Äthers sein, um dich in meiner Flut zu baden, um mich auf jeder Welle deines schönen Leibes zu brechen« (I,5; S. 21). Und schließlich in Gedanken an Julie: »O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam ließe! Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz auflöste – ich wäre eine Handvoll gemarterten Staubes, jedes meiner Atome könnte nur Ruhe finden bei ihr. Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben« (III,7; S. 67).
Die Dantonisten
Der engere Kreis der Dantonisten um die Hauptfigur besteht aus Camille, Hérault, Lacroix und Philippeau. Sie werden vom Gegner St. Just in einem Atemzug genannt (I,6; S. 28 f.) und sehen sich selbst als Gruppe, wie Lacroix Danton gegenüber klarmacht: »Dein Name! du bist ein Gemäßigter, ich bin einer, Camille, Philippeau, Hérault« (I,5; S. 23). Im vierten Akt müssen sie gemeinsam auf ihre Hinrichtung warten. So erscheinen sie durchaus als eine einheitliche Gruppe, auch wenn im Einzelnen differenziert werden kann.
Camille Begeisterung für die griechische AntikeDesmoulins, der jüngste der genannten fünf, stammt wie Danton aus recht bescheidenen Verhältnissen. Wie kein Zweiter der Gruppe ist er fasziniert von den Idealen der griechischen Antike – ein scharfer Gegensatz zu Robespierre. Schönheit und Freiheit sind für ihn die Werte, für die es zu kämpfen lohnt. Anders als Danton sagt Camille Ja zum Leben. Das transparente Kleid einer attraktiven Frau wird zur Metapher für die politische Verfassung: »Die Staatsform muss ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. […] Wir werden den Leuten, welche über die nackten Schultern der allerliebsten Sünderin Frankreich den Nonnenschleier werfen wollen, auf die Finger schlagen« (I,1; S. 7). Mit Blick auf die Kunst fordert er konsequenten Realismus: »Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: ach, die erbärmliche Wirklichkeit!« (II,3; S. 38). Noch im Angesicht der Guillotine drückt er dem Kutscher eine Münze in die Hand und zitiert damit die Mythologie der Alten: »Da alter Charon, dein Karren ist ein guter Präsentierteller« (IV,7; S. 81). Die private Szene II,3 bei ihm zu Hause zeigt sowohl die enge Freundschaft zu Danton als auch die zärtliche Liebe zu Lucile.
Hérault (Ehemaliger) Aristokratkommt aus dem Adel und galt als ausnehmend schön. Nach Danton wird er als Erster im Drama gezeigt, beim müßigen Kartenspiel; er wird noch vor den anderen Dantonisten verhaftet. Trotz dieser Merkmale, die ihn anscheinend von den übrigen Dantonisten distanzieren, ist er der Gruppe doch auch emotional eng verbunden, wenn er etwa im Gefängnis Camilles Arm nimmt (IV,5; S. 80). Er ist es auch, der Danton kurz vor der Enthauptung umarmen will: »Ach Danton, ich bringe nicht einmal einen Spaß mehr heraus« (IV,7; S. 82).
Lacroix Lebemslustiger Analytikerist scharfer Analyst. Kühl, realistisch und weitsichtig, vermag er schon zu Beginn der Dramenhandlung die politischen und sozialen Umstände einzuschätzen: »Die Sache ist einfach man hat die Atheisten und Ultrarevolutionärs aufs Schafott geschickt; aber dem Volk ist nicht geholfen es läuft noch barfuß in den Gassen und will sich aus Aristokratenleder Schule machen. Der Guillotinenthermometer darf nicht fallen, noch einige Grade und der Wohlfahrtsausschuss kann sich sein Bett auf dem Revolutionsplatz suchen« (I,4; S. 18). Kurz nach der Verhaftung wirft er Danton berechtigt seine Untätigkeit vor: »Und du hast nichts gesagt?« (III,1; S. 53). Lacroix steht besonders für den ausschweifenden Lebensstil, den Robespierre geißelt. Im ersten Akt etwa sucht er, begleitet von zwei Prostituierten, Danton auf und beschreibt diese ironisch: »Zwei barmherzige Schwestern, jede dient in einem Spital d. h. in ihrem eignen Körper« (I,5; S. 22).
Philippeau Glaube an Gottist der Einzige der Dantonisten, der sich ausgesprochen religiös äußert. Von der Ruhe, die Danton so stark ersehnt und die er im Nichts sucht, sagt Philippeau: »Die ist in Gott« (III,7; S. 67). Sein ernsthafter Glaube an die Transzendenz wird im Gefängnis deutlich: »[…] man braucht gerade nicht hoch über der Erde zu stehen um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und die Augen von einigen großen, göttlichen Linien erfüllt zu haben. Es gibt ein Ohr, für welches, das Ineinanderschreien und der Zeter, die uns betäuben, ein Strom von Harmonien sind« (IV,5; S. 79). Auch Philippeau ist also durchaus deutlich von den anderen Dantonisten unterschieden – gleichwohl bilden sie während der ganzen Dramenhandlung eine geschlossene Gruppe. Ein konkretes politisches Programm allerdings sucht man vergeblich.
Zwei der Deputierten gehören nur im weiteren Sinne zu dieser von Büchner so fest gefügten Gruppe: Legendre fällt im Jakobinerklub (I,3) als etwasUngeschickter Taktiker ungeschickter Taktiker auf, was ihm anschließend von Lacroix auch deutlich gemacht wird: »Was hast du gemacht Legendre, weißt du auch, wem du mit deinen Büsten den Kopf herunterwirfst?« (I,4; S. 18). Sein Antrag im Nationalkonvent, der Danton retten sollte, scheitert ebenfalls (II,7). Legendre entging der Hinrichtung, was das Drama aber nicht ausdrücklich zeigt, im Unterschied zu Fabre, der tatsächlich mit den Dantonisten guillotiniert wurde, was das Drama wiederum verschweigt. Paris zeigt ebenso wie der namenlose Gefangene in IV,5 Dantons Talent zur Freundschaft.
Die übrigen Gefangenen
Der englische Payne und MercierRepublikaner Payne und der aufklärerische, den Girondisten nahestehende Chaumette – Atheist im ZweifelSchriftsteller Mercier treten nur im Gefängnis auf, wo sie sich stark an dem mit der eigentlichen Dramenhandlung allenfalls lose verbundenen Gespräch über den Atheismus beteiligen. Payne will den Hébertisten Chaumette, der sich programmatisch nach dem griechischen Vorsokratiker Anaxagoras nennt und in der Vergangenheit wie fast kein Zweiter für den Kult der Vernunft stand, dem es vor dem Tod aber doch mulmig wird, »katechisieren« und die Nichtexistenz Gottes logisch erweisen. Der philosophisch unmögliche Versuch wirkt ironisch. »Es gibt keinen Gott […]. Quod erat demonstrandum« (III,1; S. 50).
Der heruntergekommene englische Dillon und LaflotteGeneral Dillon will sich mit seinen chancenlosen Umsturzplänen vor allem selbst retten: »Hätt ich nur den Fuß auf der Gasse. Ich werde mich nicht so schlachten lassen« (III,5; S. 60). Darauf beschleunigt allerdings der Verrat Laflottes im Namen der Tugend die Handlung dramatisch. »Der Schmerz ist die einzige Sünde und das Leiden ist das einzige Laster, ich werde tugendhaft bleiben. […] Du kannst auf mich zählen General, wir werden aus dem Loch kommen, (für sich im Hinausgehn) um in ein anderes zu gehen, ich in das weiteste, die Welt, er in das engste, das Grab« (III,5; S. 61).
Die Frauenfiguren
Die wenigen Wenige Frauenfiguren mit großer BedeutungFrauenfiguren im Drama tragen gleichwohl große Bedeutung, was schon an der äußeren Rahmung sichtbar wird. Sie treten fast ausschließlich auf Seiten der Dantonisten auf. Zudem hat Büchner bei ihnen für seine Verhältnisse ungewöhnlich viel im Vergleich mit den historischen Quellen geändert – das unterstreicht ihre Wichtigkeit für die Interpretation noch.
Julie (eigentlich Sebastienne-Louise, die ihren Mann in der historischen Realität um Jahrzehnte überlebte) bietet Danton eine wirkliche Dantons StützeStütze, sein Bekenntnis »ich liebe dich« ist durchaus ernst zu nehmen, auch wenn der befremdliche Zusatz »wie das Grab« folgt (I,1; S. 5). In der Nacht der alptraumhaften Erinnerung an die Septembermorde steht sie ihrem Gatten zärtlich und fest bei, versucht, ihn zu beruhigen, auch wenn sie sich über den Erfolg nicht ganz sicher ist: »Ganz ruhig, lieb Herz?« (II,5; S. 43). Nicht wirklich realistisch lässt sie dem gefangenen Danton eine Botschaft durch einen »Knaben« überbringen (IV,2). Am Ende akzeptiert sie in stiller Größe das Schicksal Dantons und beendet ihr eigenes Leben: »Es ist so hübsch Abschied zu nehmen, ich habe die Türe nur noch hinter mir zuzuziehen. […] Ich gehe leise« (IV,6; S. 80 f.).
Die Prostituierte Marion befindet sich gänzlich jenseits der Politik, sie steht für die Vision Ganzheitliche Sinnlichkeit und Liebeganzheitlicher Sinnlichkeit und Liebe – taucht aber nach dem ersten Akt nicht mehr auf. »Die andern Leute haben Sonn- und Werktage, sie arbeiten sechs Tage und beten am siebenten, sie sind jedes Jahr auf ihren Geburtstag einmal gerührt und denken jedes Jahr auf Neujahr einmal nach. Ich begreife nichts davon. Ich kenne keinen Absatz, keine Veränderung. Ich bin immer nur eins« (I,5; S. 20).
Trotz einiger Gemeinsamkeiten mit Julie ist Lucile Schwächer, aber gefühlvoller als Juliewesentlich schwächer, aber auch gefühlvoller gezeichnet; etwas träumerisch wird sie während des Kunstgesprächs bereits eingeführt: »[…] ich seh dich so gern sprechen« (II,3; S. 38). Auch sie versucht mit ihrem in Haft befindlichen Mann in Kontakt zu treten, doch zeigt ihr Verhalten deutliche Züge von Wahnsinn: »Höre Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht, kannst du dich nicht bücken?« (IV,4; S. 76). Hier wie ganz am Ende singt sie ein Volkslied. Ihr intensiver Abtritt, wieder bei Sinnen (»Ich will einmal nachdenken«, IV,8; S. 82), wird allen Theaterbesuchern im Gedächtnis bleiben. Im praktischen Leben vollzieht sie die Diskussion um die (Nicht-)Existenz Gottes der Männer im Gefängnis nach. »Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, – der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müsste stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müsste eine Wunde bekommen von dem Streich. […] Das hilft nichts, […]. – Wir müssen’s wohl leiden« (IV,8; S. 82 f.). Die Dissonanz der beiden letzten Repliken ist grell: »Es lebe der König!« / »Im Namen der Republik« (IV,8; S. 84).

Abb. 3: Robespierre guillotiniert den Henker, nachdem er alle Franzosen guillotiniert hat. Zeitgenössische Karikatur
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