- -
- 100%
- +
Tafel III (S. 422–423) zeigt Europa 1815, nach den vertraglichen Regelungen des Wiener KongressWiener Kongresses. Die territoriale Unabhängigkeit Spaniens, der deutschen Territorien ebenso wie der Territorien Italiens ist wieder hergestellt, wenn auch nicht in exakt den gleichen Grenzen wie vor den Napoleonischen Eroberungen. Frankreich befindet sich wieder in seinen Grenzen von 1792. Die meisten Staaten sind relativ große Flächenstaaten. Davon heben sich nur Deutschland und Italien ab, die sich – wie vor den Napoleonischen Kriegen auch – durch viele kleine Territorien auszeichnen. In Deutschland dominiert Preußen, das einige Besonderheiten aufweist: Es ist territorial zerstückelt, in einen Ostteil, der sich bis nach Litauen erstreckt, und in einen Westteil, der das Rheinland umfasst. Das Osmanische Reich endet erst an den Grenzen Österreichs, die südosteuropäischen Staaten sind noch integraler Bestandteil des riesigen osmanischen Herrschaftsgebietes, das auf dem eurasischen Festland bis nach Georgien reicht und auch noch die Gebiete des heutigen Israels, des Libanons und Palästinas umfasst. Die territorialen Veränderungen sind das Werk des Wiener KongressWiener Kongresses, der 1814 etabliert wurde, um mit den Folgen der Napoleonischen Herrschaft in Europa und in der Welt umzugehen.
Die Karten sagen aber noch nichts über die Bedeutung der einzelnen Staaten aus. Deshalb ist es sinnvoll, diese kurz vorzustellen. Aus den Napoleonischen Kriegen ging eine Großmacht hervor, die alle anderen klar dominierte: Großbritannien. Es wird wie kein anderer Staat vor ihm in dem nun folgenden Jahrhundert über ein Weltreich regieren, das weniger auf der direkten Herrschaft auf dem europäischen Festland beruht als vielmehr auf einem weit verstreuten kolonialen Empire mit einem Schwerpunkt in Nordamerika und der Kontrolle über die Weltmeere. Es löst damit Frankreich ab, das das Jahrhundert vor ihm dominiert hatte, und das habsburgische Österreich, das auf dem europäischen Festland nach wie vor eine bedeutende Rolle spielt. Während in Kontinentaleuropa Frankreich, Österreich und Preußen die dominierenden Staaten sind – mit Frankreich und dem habsburgischen Österreich als Antagonisten auf dem Festland – und Portugal und Spanien durch ihren KolonialbesitzKolonialbesitz vor allem in Lateinamerika eine bedeutende Rolle spielen, sind in der Weltpolitik Großbritannien und Russland die prägenden Staaten. Neue Staaten bilden sich einerseits in Nordamerika, andererseits in Lateinamerika, wo sich Staaten von Spanien und Portugal emanzipieren. Russland ist zugleich eine europäische, asiatische und – zu diesem Zeitpunkt auch – amerikanische Macht.
Das Jahrhundert geht als Pax BritannicaBritannica in die Geschichtsbücher ein. Dieser Ausdruck bezieht sich auf einige wesentliche Charakteristika der internationalen Ordnung, die unter Führung Großbritanniens in dieser Zeit entstand: Die Gleichgewichtspolitik in Europa, seine Herrschaft in Übersee, ein britisches Überlegenheitsgefühl und Sendungsbewusstsein, das sich auf liberale Ideen gründet, wie der Idee konstitutioneller Herrschaft (durch Verfassung), der Selbstregierung durch Kooperation für alle zivilisierten Menschen und der Idee der Freiheit der Meere und des Handels. Pax Britannica bezieht sich aber auch auf die lange Friedensperiode, die in Europa nach den Napoleonischen Kriegen einsetzte. Der lange Frieden in Europa wurde lediglich unterbrochen durch den Krim-Krieg (1853–1856) und die deutschen und italienischen Einigungskriege, die zum Teil zu internationalen Kriegen wurden. Dieses Jahrhundert verzeichnet sehr viel weniger Kriege als die Epoche davor. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich die fundamentalen Veränderungen ansieht, die die internationalen Beziehungen in dieser Zeit prägten.
Pax Britannica
Pax Britannica (Britischer Friede) bezeichnet die britische HegemonieHegemonie zwischen 1815 und 1919. Der Name drückt eine Analogie zu früheren Großreichen aus, wie der Pax Augusta oder der Pax Romana. Er bezieht sich sowohl auf die spezifischen ideellen Charakteristika der britischen HegemonieHegemonie als auch auf die lange Friedenszeit, die mit der Dominanz Großbritanniens verbunden ist.
Die Ordnung des Wiener KongressKongresses
Für die europäischen Mächte hatte es sich bereits seit längerem eingebürgert, große Kriege durch bedeutende Verträge zu beenden. Beispiele dafür sind der Westfälische FriedeFriede von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, oder der Frieden von Utrecht 1713, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete. Diese großen FriedensverträgeGroße Friedensverträge als Ordnungsinstrumente regelten nicht nur den Umgang mit den Kriegsverlierern, sondern wurden auch als Verträge verstanden, in denen die Beziehungen zwischen den Staaten für kommende Generationen geregelt wurden. Die größere Bedeutung lag also darin, dass es um die Aushandlung von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahren für eine Friedensordnung und dadurch um Friedenssicherung ging (Murray/Lacey 2009; Ikenberry 2014).
Der Wiener KongressWiener Kongress selbst dauerte fast ein Jahr und an ihm nahm alles Teil, was in Europa Rang und Namen hatte. Die Teilnehmer des Kongresses – die Repräsentanten von rund 200 Staaten in ganz Europa, darunter Außenminister Fürst Metternich für Österreich, der russische Zar Alexander, Preußens Friedrich Wilhelm III. und der britische Gesandte Lord Castlereagh – hatten eine gewaltige Aufgabe zu bewältigen, die vor allem mit den längerfristigen Effekten der Herrschaft Napoleons zu tun hatte. Dabei ging es hauptsächlich um die Wiederherstellung (Restauration) des Gleichgewichts der europäischen Mächte vor 1792, und damit um eine Friedenssicherung. Diese hatte verschiedene Komponenten, die wichtigsten waren die Eindämmung und die Kontrolle Frankreichs, aber es wurden auch wichtige zwischenstaatliche Prinzipien etabliert.
Das Wiener-Kongress-System
… beinhaltet in einem engeren Sinne die Wiener Kongressakte als einen Vertrag zur Eindämmung Frankreichs durch eine territoriale NeuordnungTerritoriale Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen. Damit verbunden waren bedeutende Gebietsverschiebungen und die Schaffung neuer Staaten zum Schutz gegen eine erneute Expansion Frankreichs.
… etabliert ein Kontrollorgan in Form einer Botschafterkonferenz der vier SiegermächteBotschafterkonferenz der vier Siegermächte mit dem Ziel der vorübergehenden außenpolitischen und militärischen Überwachung FrankreichsAußenpolitische Überwachung Frankreichs als ehemaligem Friedensstörer.
… etabliert mit dem Wiener Kongress das erste kollektive Entscheidungsgremium in Europa bzw. eine Institution zur FriedenssicherungFriedenssicherung mit den Zielen der Wahrung des politischen Gleichgewichts unter den Großmächten, unter anderem durch die Festlegung auf Prinzipien der monarchischen Legitimität und Solidarität, womit vor allem die Unterstützung für revolutionäre Ideen und Bewegungen in Mitgliedsstaaten geächtet werden sollte.
… etabliert ein Entscheidungsgremium der fünf mächtigsten Staaten, die für andere kollektiv bindende Entscheidungen treffen.
Eindämmung Frankreichs durch territoriale Neuordnung: Die Wiener Kongressmächte verfolgten das Ziel der Eindämmung Frankreichs. Daran ist an sich nichts Ungewöhnliches. Aus heutiger Perspektive ist daran nur überraschend, wie Eindämmung funktionierte: Über eine wohl abgewogene territoriale Umorganisation der umliegenden Staaten, die durch Kompensation durch andere Territorien in Europa ausgeglichen wurde und die damit sowohl territoriale als auch politische Konsequenzen hatte (vgl. Tabelle 1.1). Frankreich sollte durch einen Kranz von Staaten um Frankreich herum eingedämmt werden. Diese Staaten wurden durch territoriale Vergrößerung nicht unerheblich aufgewertet. Dazu gehörten das Königreich der Niederlande, Preußen durch den Zugewinn der Rheinlande, die neugeschaffene Schweizer Konföderation als neutrale Staaten und die unabhängigen italienischen Staaten, die aber unter dem Einfluss des habsburgischen Österreich blieben. Darüber hinaus wurde mit der Schaffung des Deutschen Bundes eine Pufferzone zwischen Preußen und Österreich geschaffen.
Die Eindämmung Frankreichs gestaltete sich jedoch insofern als schwierig, als Napoleon über die während seiner Herrschaft durchgeführten Reformen in vielen Staaten einen innerstaatlichen Strukturwandel angestoßen hatte, der schwerlich physisch einzudämmen oder rückgängig zu machen war. Dazu gehörten beispielsweise neue Verfassungen. Außerdem hatte er über die von ihm geschaffenen Napoleoniden-Staaten die Chance, über direkte Verwandtschaftsverhältnisse weiter Einfluss in Europa zu nehmen (Duchhardt 2013: 16–17).
Überwachung Frankreichs als Friedensstörer: Darüber hinaus wurde Frankreichs militärische Entwicklung und seine Außenpolitik mehrere Jahre kontrolliert. Die französische Regierung wurde zu Reparationen verpflichtet. Diese Funktion übernahm die im November 1815 gebildete Quadrupelallianz aus Großbritannien, Österreich, Russland und Preußen. Diese Staatengruppe bildete auch zunächst den Kern des europäischen Sicherheitssystems (Erbe 2004: 361–362).
Merke
Eindämmung und Kontrolle von Friedensstörern
Die Wiener Kongressakte ordnete Europa neu mit dem Ziel der Eindämmung Frankreichs als Friedensstörer. Gebietsverschiebungen hatten das Ziel, Staaten mit hinreichender Größe zu schaffen, die als Puffer gegenüber Frankreich dienen konnten. Frankreichs Außenpolitik wurde für einen begrenzten Zeitraum durch die Kriegsgewinner kontrolliert. Mit diesem System der Eindämmung und der Kontrolle war bereits im 19. Jahrhundert ein Wiener Kongress als ModellModell für den internationalen Umgang mit Friedensstörern entwickelt, das später als Vorbild für den Umgang mit anderen Staaten diente.
Staatterritoriale Veränderungweitere Regelungen/ImplikationenFrankreichwird auf die Größe von 1792 reduziert, verliert alle danach eroberten GebieteEindämmung durch umliegenden „Kranz mittlerer Staaten“ (Schweden/Norwegen (Personalunion), neues Königreich der Vereinigten Niederlande, das um Savoyen erweiterte Sardinien (jetzt: Königreich beider Sizilien))Vorübergehender Souveränitätsverlust durch Überwachung der AußenpolitikGroßbritannienin Personalunion mit dem neuen Königreich Hannover; gewinnt Malta, Ceylon (Sri Lanka), Helgoland (das „Gibraltar des Nordens“)Großbritannien geht als eigentlicher Sieger des Kongresses hervorRusslandgewinnt „Kongresspolen“ (mit eigener Verfassung)steigt zur führenden Kontinentalmacht aufwird durch Zugewinn Polens „westlicher“ und ständig präsenter Faktor in EuropaÖsterreichverzichtet auf die habsburgischen Niederlande („Spanische Niederlande“) und Vorderösterreich zugunsten von Galizien (heutiger Westteil der Ukraine), Oberitalien und Dalmatien (heutiges Kroatien)erhält politischen Primat über Italienwächst als Vielvölkerstaat aus dem Deutschen Bund herausbeansprucht Führung im Deutschen BundPreußenerhält einen Teil Sachsens, wird mit Rheinprovinz und Westfalen entschädigtwird wirtschaftlich und konfessionell gespaltenübernimmt Überwachung Frankreichs am Rheinwächst in den Deutschen Bund hinein (vgl. Tafel I und III)Schweizentsteht als eigenständiger Staatwird neutralTerritoriale Neuregelung Europas nach der Wiener Kongressakte (1815)
Die Funktion des Wiener Kongresses ging aber weit über die Eindämmung hinaus.
Der Wiener Kongress als erstes kollektives Entscheidungsgremium Europas
In Europa wurde mit dem Wiener KongressWiener Kongress 1815 das erste Mal eine Institution in Form eines zwischenstaatlichen Entscheidungsgremiums geschaffen, das gemeinsame Entscheidungen im Bereich der Sicherheit traf. Die fünf mächtigsten Staaten Europas (Großbritannien, Österreich, Preußen, Russland, ab 1818 Frankreich) trafen für andere Staaten des Systems kollektiv verbindliche Entscheidungen (Watson 1992: 238–250). „Die Großmächte definierten sich jetzt nicht nur als Teile eines Ganzen, sondern zusammen als das Ganze selbst. Sie sprachen sich die Ordnungsfunktion für den ganzen Kontinent zu.“ (Erbe 2004: 153) Zwischen 1815 und 1910 traf sich das europäische Mächtekonzert mehr als 30 Mal, um gesamteuropäische Belange zu regeln. Es befasste sich vor allem mit Territorialfragen, die dann zur Entscheidung kamen, sobald sie das stabilitätserhaltende Gleichgewicht in Europa gefährdeten.
Von seiner institutionellen Ausgestaltung her nahm der Wiener KongressWiener Kongress den späteren Völkerbund und die Vereinten Nationen vorweg: Der Kongress privilegierte die fünf mächtigsten Staaten des Systems (Pentarchie), sie stellten die Weltregierung. Allerdings repräsentierten sie zu diesem Zeitpunkt auch drei Viertel der Weltbevölkerung und mehr als drei Viertel der militärischen Macht (Watson 1992: 242).
Ein wichtiges Prinzip des Wiener KongressWiener Kongresses war die Verpflichtung auf anti-revolutionäre Normen als Standards für zwischenstaatliches Verhalten. Dies kam in den Prinzipien der dynastischen Legitimität und Solidarität zum Ausdruck. Notfalls durch militärische Interventionen verhindert werden sollten liberale Umsturzversuche in den Mitgliedsstaaten des Wiener Kongresses, die auf die Abschaffung der Monarchie als Regierungsform gerichtet waren. Wesentliche Triebkräfte dieser Ausrichtung waren die monarchischen Mitglieder Russland unter Zar Alexander I. und Österreich unter seinem Außenminister Fürst Metternich. Diese Norm war nicht unumstritten: Frankreich und Großbritannien waren ihre Gegner. Frankreich unterstützte ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter Napoleon Bonaparte III. die italienischen und osteuropäischen Einigungsbestrebungen ideologisch und aus einem Interesse an der Einhegung Österreichs heraus. England sah in den innerstaatlichen Interventionen einen Verrat an den eigentlichen Zielen der heiligen Allianz, nämlich für Stabilität in Europa zu sorgen.
Verhaltensstandards
Daneben etablierte der Kongress wichtige Verhaltensstandards: Alle Beteiligten waren grundsätzlich gleichberechtigtGleichberechtigung der Mitglieder und es wurde ein möglichst fairer Ausgleich zwischen allen angestrebt, um einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten (Erbe 2004: 355). Unter ihnen sollte ein gewisses Maß an Solidarität herrschen im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung für die Aufrechterhaltung von „Ruhe und Sicherheit“ (Erbe 2004: 154). In Bezug auf Territorial- und Herrschaftsansprüche galt die Norm der Zurückhaltung. Die Verpflichtung zur Vertragstreue gegenüber den Regelungen des Wiener Kongresses bildete eine weitere Norm. Und es sollte Kooperationsgeist herrschen (Erbe 2004: 154).
Geografisch war der Wiener KongressWiener Kongress in seiner Autorität auf Europa begrenztGeografische Beschränkung der Autorität des Wiener Kongresses. Die USA erklärten 1823 mit der Monroe-Doktrin, dass der Kongress keine Autorität in den Staaten der amerikanischen Hemisphäre hätte. Mit dem Kongress von Panama (1826) entstand in Lateinamerika ein spiegelbildliches Forum, das gegen die Autorität des Wiener Kongresses gerichtet war.
Der Wiener KongressWiener Kongress stellte die bedeutendste Institution der internationalen Beziehungen des 19. Jahrhunderts dar. Er etablierte das erste kollektive Entscheidungsorgan. Mitglieder übertrugen ihm eine gemeinsame Verantwortung für die Friedenssicherung in Europa (vgl. ausführlich Erbe 2004: 150–155). Dieser Wandel war auch durch die Kriegserfahrung bedingt: Die Staatenwelt des angehenden 19. Jahrhunderts ging aus den Napoleonischen Befreiungskriegen mit dem starken Bewusstsein hervor, dass Krieg nicht mehr als normaler Bestandteil der internationalen Beziehungen zu sehen ist, sondern als etwas Gefährliches und Zerstörerisches. Napoleons Strategie der Aushebung von Massenarmeen und der Mobilisierung der Zivilbevölkerung für die Ziele der Revolution waren seit der französischen Revolution fester Bestandteil der Kriegsführung, und damit ein potentieller Destabilisierungsfaktor innerhalb der Staaten (Erbe 2004: 152). „Die Staatsführer hatten die Revolution fürchten gelernt – mehr als sie sich voreinander fürchteten.“ (Hobson 2004: 15)
Die wichtigsten globalen Trends und Entwicklungen vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg
Globale Trends beschreiben dynamische Prozesse und langfristige Entwicklungstendenzen, die sich anhand ihrer Auswirkungen und tiefgreifenden Veränderungen auf die internationalen Beziehungen nachvollziehen lassen. Die Entwicklungen vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg prägten sowohl die nationalstaatliche als auch die zwischenstaatliche Ebene.Nationalstaatnationalstaatliche Ebenezwischenstaatliche EbeneZeitRaumTerritoriale nationalstaatliche ExpansionFlächenstaaten entstehenTerritoriale Expansion und Ausweitung der Territorien: Vereinnahmung neuer Gebiete und VölkerGrenzkonflikteab Mitte 18. Jahrhundertab 19. JahrhundertRussland, China, USA,Frankreich unter NapoleonGroßbritannienVerbreitung unabhängiger Verfassungsstaaten und nationalstaatliche EinigungVerfassungsbewegungen, innerstaatlicher Strukturwandel, Zentralisierung von HerrschaftHerausbildung souveräner Staaten: Forderung nach nationaler Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von anderen Staatenerste Hälfte 19. JahrhundertLateinamerika,Europa(darunter nationalstaatliche Einigung in Italien und dem Deutschen Reich)Industrielle RevolutionLebensweltliche Änderungen durch die Dynamisierung ökonomischer Prozesse & durch voranschreitende Industrie und InfrastrukturAußenbeziehungen der Nationalstaaten werden durch technischen Vorsprung & Innovation geprägt: Industrialisierte Nationalstaaten nehmen Führungsrollen in der Weltpolitik einzweite Hälfte 19. Jahrhundertzuerst: Großbritannien, Belgien, Deutschland, Frankreichdann:USA, JapanGemeinsame Effekte der drei TrendsGeopolitischer Wandel (1860–1870): Größere strategische Bedeutung des Balkans, des Nahen und Mittleren Ostens und VorderasiensMitglieder des Wiener Kongresses treten in Konflikt miteinanderKolonialisierungKolonialisierungNationalstaatliche Strategien der KolonialmächteImperialismusImperialismus: Internationaler Wettlauf europäischer Staaten um Kolonienab Mitte 19. JahrhundertEuropa,Afrika und AsienDie wichtigsten globalen Trendsglobale Trends und Entwicklungen vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg
Territoriale nationalstaatlichNationalstaate Expansion
Die massive Expansion Frankreichs unter Napoleon ist für Europa ungewöhnlich, stellt ansonsten aber einen globalen Trend der Zeit dar, mit dem Unterschied, dass Frankreich bestehende staatliche Gebilde vereinnahmt. Dies wird auf den globalen Landkarten, Tafel IV und V (S. 424–427), deutlich. Fast alle Staaten expandierten territorial ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Russland und China weiteten ihre Territorien ab Mitte des 18. Jahrhunderts massiv aus, ab Mitte des 19. Jahrhunderts beobachten wir diesen Prozess auch für die USA, und in gewisser Hinsicht auch für Deutschland und Italien mit den Einigungsbestrebungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Landnahme setzt sich insbesondere ab 1850 fort mit der kolonial-überseeischen Expansion Großbritanniens und Frankreichs, gefolgt von Belgien, Deutschland, Italien in Afrika und Asien und Japan in Ostasien. Andere Staaten – wie die USA, Deutschland und Russland – expandieren kontinental. Insgesamt lässt sich eine territoriale Expansion, verbunden mit der Entstehung von FlächenstaatenEntstehung von Flächenstaaten, in einem globalen Maßstab beobachten.
Das Territorium Chinas verdoppelte sich innerhalb von 60 Jahren. Ausgehend von den Kernprovinzen des Mandschu-Reiches im 17. Jahrhundert, kamen 1697 zunächst die Mongolei, dann Tibet (1724) und schließlich Sinkiang dazu (1757). Verschiedene außerchinesische Staaten waren dem Mandschu-Kaiser gegenüber tributpflichtig, wie Korea, Annam (das heutige Vietnam), Nepal, Myanmar und sogar Teile Westindiens.
Russland erweiterte sein Territorium sukzessive in Richtung Süden und Osten. Die ersten Gebietserweiterungen bis an den Pazifik hatten sich bereits bis 1650 vollzogen. In den 100 Jahren zwischen 1720 und 1820 schob sich das russische Reich von Moskau bis ans Schwarze Meer vor und umfasste Teile Polens. Der Südosten wurde innerhalb von 70 Jahren ab 1822 nach mehreren Kriegen mit dem Osmanischen Reich in den russischen Herrschaftsbereich integriert und erstreckte sich nun bis nach Afghanistan. Die Grenzen im Südwesten bildeten Sinkiang (das heutige uighurische, autonome Gebiet Xinjiang in China), die Mongolei und die Mandschurei.
Das Territorium der USA vergrößerte sich zwischen 1815 und 1889 durch systematische Gebietserwerbungen von den ursprünglich 13 Staaten an der Ostküste bis zur Westküste. Den Startschuss für diese Expansion gab das Ende der Kriegshandlungen zwischen Großbritannien und den USA 1814. Die US-kanadische (britisch-nordamerikanische) Grenze wurde in zwei Grenzverträgen 1818 und 1846 festgelegt. Unterbrochen wurde diese Expansion lediglich durch den amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865), während dessen sich die Südstaaten über die Frage der Sklaverei von den Nordstaaten abspalteten.
Großbritannien vollzog im selben Zeitraum, begünstigt durch die Konzentration der anderen Mächte auf ihr kontinentales Umfeld, eine nahezu ungehinderte Expansion im überseeisch-kolonialen Raum. Mit der Kolonialisierung Indiens, Kanadas, Australiens und Neuseelands legte es die Grundlagen des modernen Empires. Insgesamt entstanden also nicht nur größere, sondern an den Rändern dieser Flächenstaaten auch mehr Nationen.
In Folge dieser Expansion kam es nicht nur zur Vereinnahmung ganzer Völker, sondern auch zu einer Reihe von Grenzkonflikten, die alleine dadurch entstehen konnten, dass Gemeinwesen sukzessive aneinander grenztenEntstehung neuartiger Grenzkonflikte.
NationalstaatlicheNationalstaat Entwicklung und die Verbreitung unabhängiger Verfassungsstaaten
Internationale Beziehungen waren zwischen 1815 und 1919 durch einen aufkommenden Nationalismus geprägt, der einen fundamentalen innerstaatlichen StrukturwandelInnerstaatlicher Strukturwandel: Nationalismus und Volkssouveränität innerhalb der Staatenlandschaft nach sich zog. Zwar gab es Nationalismus auch schon vor der amerikanischen und französischen Revolution, aber er war auf kleine Gruppen oder Eliten beschränkt. Jetzt nahm er Massencharakter an. Die Bedeutung des Nationalismus lag darin, dass er, so Erbe (2004: 83), alle anderen existierenden Gruppenbindungen, wie feudale Bindungen, die Bindung an einen Stand, eine Landschaft, ein Dorf oder eine Dynastie überformte. Daraus entsprang die Idee der Volkssouveränität. Die Ideen der Freiheit und bürgerlichen Rechte, der Nation und nationalen Selbstbestimmung der amerikanischen und französischen Revolutionen wirkten sich unmittelbar auf die Verfasstheit der Staaten aus. Das 19. Jahrhundert war „ausgefüllt vom Kampf zwischen den Prinzipien der VolkssouveränitätVolkssouveränität und des Selbstbestimmungsrechts auf der einen und von der Idee des Gottesgnadentums des Monarchen auf der anderen Seite“ (Erbe 2004: 84). Ausgelöst durch die Revolutionen von 1830 und 1848 in Westeuropa einerseits und als Nebeneffekt des Kampfes gegen die Napoleonische Herrschaft andererseits sind überall in Europa, an den Grenzen des Osmanischen Reichs und in Lateinamerika jeweils neue, unabhängige Staaten zu beobachten.
Die Effekte dieses Strukturwandels zeigten sich besonders in zwei Regionen: in Lateinamerika und in Europa, hier vor allem in Ost- und SüdosteuropaGeographische Ausbreitung von Verfassungsbewegungen.
In Lateinamerika führten nationalistische und verfassungsrechtliche BewegungenVerfassungsbewegung (19. Jh.) zur DekolonisationKolonialisierungLateinamerika beziehungsweise Unabhängigkeit. Nach dem Vorbild der USA emanzipierten sich die portugiesischen und spanischen Kolonien unter Führung von Simón Bolivar von ihren europäischen Herrschern.Lateinamerika: Dekolonisation Allerdings folgten die Unabhängigkeitserklärungen nicht direkt aus der amerikanischen Revolution. Erst die Machtübernahme Madrids durch Napoleon im Jahre 1808 lockerte den Zugriff Spaniens auf seine Kolonien und ermöglichte die Unabhängigkeit des südamerikanischen Kontinents. Argentinien erklärte 1810 seine Unabhängigkeit. Bis 1825 waren die ehemals spanischen und portugiesischen Kolonien des südamerikanischen Kontinents selbstständige Staaten. Großbritannien und Frankreich unterstützten die Unabhängigkeit dieser Staatengruppe aus dem Interesse heraus, die Herrschaft Spaniens auf dem Kontinent zu beenden. Ähnlich zum Wiener Kongress etablierten die neuen Regierungen in Lateinamerika 1826 den Kongress von Panama als regionale Institution zur Regelung zwischenstaatlicher Angelegenheiten.




