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Der Kongress von Panama
Der Kongress von Panama stellte das erste System kollektiver Sicherheit dar und von ihm gingen später wesentliche Impulse für das Prinzip der Streitschlichtung des Völkerbunds aus. Anders als der Wiener Kongress verstand sich der Kongress von Panama als ein gegen äußere Angriffe gerichtetes System, das sich dem Schutz der Demokratie gegen die Interventionspolitik des Wiener Kongresses verschrieb. Die lateinamerikanischen Staaten fürchteten, dass die in der Quadrupelallianz vereinigten Mächte die Interventionspolitik des Wiener Kongresses auch gegenüber ihren Kolonien durchsetzen würden.
In Europa fördern VerfassungsbewegungenVerfassungsbewegung (19. Jh.) die nationale Selbstbestimmung und Unabhängigkeit vieler StaatenEuropa und Balkan/Südosteuropa: Staatliche Unabhängigkeit. Belgien erlangte in dieser Zeit die Unabhängigkeit von den Vereinigten Niederlanden. In Deutschland, Polen, Ungarn und Italien entstanden Nationalbewegungen. In Polen und weiten Teilen Österreichs ging es dabei um die Befreiung von Fremdherrschaft, in Deutschland und Italien um die Gründung von NationalstaatNationalstaaten. Der Wiener KongressWiener Kongress entwickelte vor diesem Hintergrund eine Interventionspolitik, die zur Niederschlagung der meisten revolutionären Bewegungen von 1848 führte. Aber er konnte insbesondere die Einigung Deutschlands und Italiens nicht verhindern. Italien entwickelte sich zwischen 1859 und 1870 von einem „geographischen Begriff“ (Metternich, zitiert nach Rudolf/Oswalt 2010: 150) zum NationalstaatNationalstaat. Seine Herrschaftsbereiche wurden mit Unterstützung Frankreichs sukzessive vereint.
Auf dem Balkan und in Südosteuropa verbreiteten sich revolutionäre Bewegungen mit einer rasanten Geschwindigkeit. Diese stellten vor allem für das Osmanische Reich eine große Herausforderung dar, das an seiner Westgrenze deutliche Zerfallserscheinungen verzeichnete, die von den europäischen Mächten Frankreich, Großbritannien und Russland für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert wurden. Als viraler Schwachpunkt erwiesen sich hier unter anderem die Ionischen Inseln. Diese hatten während der Napoleonischen Kriege unter britischer Besatzung 1809 eine demokratische Verfassung erhalten. 1821 rebellierten die Griechen gegen das Osmanische Reich und forderten eine mit der ionischen Verfassung vergleichbare Verfassung und ihre Unabhängigkeit. Die griechische Rebellion wiederum wirkte sich begünstigend auf angrenzende Gebiete aus. Auch hier erhielten VerfassungsbewegungenVerfassungsbewegung (19. Jh.) externe Unterstützung: RusslandExterne Unterstützung durch Russland unterstützte die griechischen Unabhängigkeitsbestrebungen, da sich mit einem unabhängigen Griechenland die Möglichkeit eröffnete, seinen Einfluss in Südosteuropa zu vergrößern. Mit der Herauslösung Rumäniens und Bulgariens entlang der Westküste des Schwarzen Meeres wäre für Russland die große Chance verbunden gewesen, einen Zugang zum Mittelmeer zu erlangen, der ihm bisher durch das Osmanische Reich versperrt war. Nach einer Serie von regionalen, militarisierten Konflikten erlangten schließlich Griechenland, Serbien und die sogenannten Donaufürstentümer, das sind die an der Donau gelegenen Staaten Bulgarien und Rumänien, ihre Unabhängigkeit.
Deutschland und Italien nahmen im gleichen Zeitraum ihre Gestalt als einheitliche NationalstaatNationalstaaten anNationalstaatliche Einigung in Deutschland und Italien. In Deutschland hatte Preußen bereits die ersten Schritte im 18. Jahrhundert mit der Eroberung Schlesiens während des Österreichischen Erbfolgekriegs unternommen. Nach den Revolutionen von 1848/1849 wurde der Deutsche Bund zwar restauriert, in dem Österreich, Preußen und einige Mittelstaaten dominierten (vor allem Bayern, Württemberg). Preußen gelang es aber danach, seine Interessen an einer deutschen Einigung auch gegen die Interessen Österreichs durchzusetzen. In den drei deutschen Einigungskriegendeutsche Einigungskriege, drei gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) weitete Preußen sein Reich sukzessive aus. Zwischen 1866 und 1871 war eine neue „Großmacht in der Mitte Europas“ (Rudolf/Oswalt 2010: 152) entstanden. Italien hatte bis ins 19. Jahrhundert nur als geographischer Begriff existiert: Es bestand aus fünf Herrschaftsbereichen – dem Königreich beider Sizilien, Sardinien, dem Kirchenstaat und den von Österreich abhängigen Herzogtümern (z.B. Lombardei). Der Einfluss Österreichs erwies sich als größtes Hindernis für eine nationalstaatliche Einigung. Unter der Führung des Königreichs Sardinien-Piemont und mit Unterstützung Frankreichs gelang es, durch einen Krieg gegen Österreich 1859 zunächst den Norden zu einigen, ein Jahr später wurde der Süden angeschlossen, nachdem eine nationale Bewegung den bourbonischen König entmachtet hatte.
Industrielle RevolutionIndustrielle Revolution
Während die erste Hälfte des Jahrhunderts dominiert war von VerfassungVerfassungsbewegung (19. Jh.)s- und DemokratisierungsbewegungenDemokratisierungsbewillen, war die zweite Hälfte durch die Erfolge der industriellen Revolution geprägt. Sie ist einer der Trends mit tiefgreifenden Effekten in dieser Epoche, der sich auch auf die internationalen Beziehungen auswirkt. Sie beeinflusste alle Lebensbereiche, indem sie die statische und agrarisch geprägte Wirtschaftsverfassung, die seit dem Mittelalter galt, aufbrach. Ausgangspunkt der Industrialisierung war Großbritannien. Nach und nach wurden vor allem einzelne Staaten in Kontinentaleuropa erfasst, allen voran Belgien, Deutschland und Frankreich, dann aber auch die USA und Japan. England schaffte aufgrund einer Reihe von bahnbrechenden Erfindungen als erstes den Take-Off. Dazu gehörten die Erfindung des mechanischen Webstuhls, der die Textilproduktion revolutionierte, der Einsatz der Dampfmaschine in Bergbau und in der Schwerindustrie und die Entwicklung der dampfgetriebenen Eisenbahn. In vielen Staaten kam es zu Innovationen in der Landwirtschaft, einer Ausweitung von Binnen- und Außenmärkten und technischen Neuerungen. Die technischen Neuerungen der Industrialisierung ermöglichten erst Phänomene wie staatliche Expansion und KolonialisierungKolonialisierungAuswirkungen auf staatliche Expansion, Kolonialisierung und Kriegführung, die ohne den Ausbau des Schienennetzes beispielsweise schwer vorstellbar gewesen wären. Die Industrialisierung wirkte sich grundlegend auch auf die Kriegführung aus. Sie leitete in den „industrialisierten Volkskrieg“ über, in dem technologischer Vorsprung und Organisationsgeschick – und nicht mehr nur Truppenstärke – kriegsentscheidend waren. Der Einsatz der Eisenbahn machte es für Frankreich beispielsweise möglich, 120.000 Soldaten in nur 11 Tagen an die Front zu transportieren. Die systematische Integration von Eisenbahnen und Telegrafen in die Mobilmachung und Kriegsplanung stärkte die strategische Offensive, während die gesteigerte Feuerkraft von Gewehren und Artillerie die Defensive förderte (Hobson 2004: 19). Damit waren die Grundlagen für die zermürbenden Stellungskriege des Ersten WeltkriegsErster Weltkrieg geschaffen.
Die beginnende KolonialisierungKolonialisierung einerseits sowie die Schaffung von großen Nationalstaaten andererseits waren die Voraussetzungen für eine kostengünstige Warenproduktion. Stark beeinflusst wurde diese Entwicklung wiederum durch die napoleonische Herrschaft, da in dieser Zeit in vielen Staaten die wirtschaftlichen und sozialen Hemmnisse für Handelsfreiheit beseitigt wurden. Beispiele dafür sind die Einführung einer staatlichen Schulbildung, die Gewerbefreiheit, die Bauernbefreiung und die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes. Die Kolonien wurden zu zuverlässigen und günstigen Rohstofflieferanten. Bedingung für Großbritanniens HegemonieHegemonieGroßbritannien war hier der Vorreiter und seine hochentwickelten Außenbeziehungen ermöglichten es ihm schnell, auch weltpolitisch eine Führungsrolle einzunehmen. Es wurde erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts von Deutschland überholt. Aber die Industrialisierung hatte auch negative Effekte: Die Verdrängung von Kleinbauern in der Landwirtschaft führte zu großer Landflucht in die Städte, sozialen Problemen, Verarmung und Ausbeutung.
Merke
Globale Trendsglobale Trends und internationale Staatengemeinschaftinternationale Staatengemeinschaft
Durch tiefgreifende Veränderungen aufgrund der globalen Trends im 19. und 20. Jahrhundert und die fortschreitende Emergenz von NationalstaatNationalstaaten ergab sich eine neue internationale Ordnung, in welcher Staaten verschiedene weltpolitische Rollen einnehmen konnten. Nationalstaaten definierten sich nicht nur als in sich geschlossene Territorien, sie reflektierten auch innerstaatliche Volkssouveränität, zwischenstaatliche Souveränitätsansprüche und nationale Machtansprüche oder Sicherheitsbedürfnisse. Diese lassen sich einerseits im Unabhängigkeitsbestreben einzelner Nationen wiederfinden, andererseits in der Suche nach einem politischen Gleichgewicht der internationalen Staatengemeinschaft. Dies wird nicht zuletzt durch eine sich entwickelnde Rechtsverbindlichkeit zwischen Staaten und anhand verschiedener vertraglicher Steuerungselemente und Friedensordnungen reflektiert, die sich im 18. und 19. Jahrhundert etablieren.
Innerstaatlicher und geopolitischer Wandel 1860–1870
Territoriale Expansion, nationale Einigungsbestrebungen und industrielle Revolution veränderten die geopolitische Lage in und außerhalb Europas zur Mitte des Jahrhunderts fundamental. In der Folge kam es verstärkt zu Konflikten zwischen den Mitgliedern des Wiener KongressesInnerstaatlicher Wandel und Geopolitik.
Erstens hatten die Einigungsbestrebungen in Italien und dem deutschen Reich fundamentale geopolitische Effekte. Diese beiden Regionen waren bisher die Hauptaustragungsorte der Konflikte zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich gewesen. Sie waren gleichzeitig der Preis für gewonnene Kriege. Mit der Einigung entstanden selbstständige Akteure, deren Interessen berücksichtigt werden mussten, auch wenn beide innerhalb des Kongresssystems noch Juniorpartner darstellten.
In ihrer Folge kam es, zweitens, zu einer weiteren geopolitischen Verschiebung der Interessen Österreichs von Westen nach Osten. Österreich hatte mit der italienischen Einigung seine angestammten Territorien in Italien verloren. Daraufhin geriet der BalkanBalkan-Krisen in den Fokus seines InteressesGeographische Verschiebung der Konflikte auf den Balkan, wo sich durch den Zerfall des Osmanischen Reiches die Chance auf territoriale Kompensation eröffnete. Außerdem wollte Österreich den Verlust seines Mittelmeerzugangs kompensieren, den es durch den Verzicht auf Venetien im Zuge der nationalstaatlichen Einigung Italiens hinnehmen musste. Damit blieb ihm nur der schmale Küstenstreifen Dalmatiens an der Adria als direkter Mittelmeerzugang. Über den Einfluss auf Bosnien und Serbien erhoffte es sich diesen Weg. Dies führte notwendigerweise zu Interessengegensätzen mit RusslandKonkurrenz zwischen Österreich und Russland, das ebenfalls die Gelegenheit zu einer weiteren territorialen Erweiterung nutzen wollte und vor allem das für Russland strategisch wichtige Ziel verfolgte, einen direkten Mittelmeerzugang zu erhalten. Damit wurde der Balkan, auf dem sich ähnliche nationale Einigungs- und Unabhängigkeitsbestrebungen vollzogen wie im westlichen Teil Europas, zu einem Dauerbrenner europäischen Krisenmanagements. Der Balkan wurde die „gefährlichste Sollbruchstelle“ (Osterhammel) der internationalen Politik. Diese Konstellation führte zwischen 1877 und 1914 zu verschiedenen Balkan-Krisen. Die letzte löste den Ersten WeltkriegErster Weltkrieg aus.
Drittens verschoben sich mit der KolonialisierungKolonialisierung die Interessen Großbritanniens dauerhaft auf die Sicherung des britischen Empires, wobei Indien den Grundpfeiler bildete und sich die Beherrschung der Verbindungslinien als wichtigstes strategisches Ziel herauskristallisierte (Barraclough 1991: 717). Die Expansion Großbritanniens in das Mittelmeer, das den strategisch wichtigen Zugang zum Suezkanal und damit die kürzeste Verbindung zu seinem Kolonialreich in Asien sicherte, begründete das britische strategische Interesse am Nahen und Mittleren Osten.
Großbritanniens Expansion im Mittelmeer
Großbritannien expandierte vor allem über die Etablierung wichtiger Flottenstützpunkte ins Mittelmeer und schuf dort eine permanente militärische Präsenz. Nach dem spanischen Erbfolgekrieg war Großbritannien im Frieden von Utrecht (1713) Gibraltar zugesprochen worden. Damit erlangte es Kontrolle über die Meerenge zwischen Afrika und Spanien. Im Zuge der Auseinandersetzung mit Frankreich besetzte es 1800 Malta. Im Gegenzug für eine Beistandsgarantie gegenüber dem Osmanischen Reich pachtete es 1878 Zypern. Damit war es in den Besitz einer Reihe strategisch wichtiger Stützpunkte im Mittelmeer gekommen, die einen direkten Weg nach Asien ohne die notwendige Umsegelung Afrikas versprachen: durch den Suezkanal. Dieser war 1856, basierend noch auf Plänen Napoleons, fertiggestellt worden.
Eine Folge war, dass sich die strategische Bedeutung von Südosteuropa und dem Nahen und Mittleren Osten enorm vergrößerteWachsende Bedeutung des Nahen und Mittleren Ostens für Großbritannien. Die traditionellen Konflikte zwischen Russland und dem Osmanischen Reich fanden nun unter Einmischung Frankreichs und Großbritanniens statt. Das Interesse, den Mittleren Osten als Indiens westliches Vorfeld zu schützen, bewegte die Briten zur Teilnahme am Krim-Krieg (1853–1856) und bestimmte ihre Politik in allen Fragen, die den Suezkanal betrafen (Barraclough 1991: 717).
Die Bedeutung Indiens für Großbritannien
Indien war das Kronjuwel des britischen Empires aus verschiedenen Gründen: Seine Bevölkerung – zu diesem Zeitpunkt 150 Millionen Einwohner – stellte einen riesigen Markt für britische Produkte dar. Indien hatte darüber hinaus enorme militärische Bedeutung: Die indische Armee, die aus der Armee der Ostindischen Kompanie und regulären britischen Offizieren gebildet wurde, war nicht nur groß und gut ausgerüstet, sondern sie unterstand auch nicht dem Parlament. Außerdem wurde sie durch die indische Bevölkerung finanziert. Dadurch ergaben sich flexible Einsatzmöglichkeiten. Die Truppen wurden immer wieder außerhalb zur Sicherung der englischen Herrschaft eingesetzt, so im Krieg gegen China, Persien und Afghanistan sowie zur Sicherung Hongkongs und Singapurs (Baumgart 2007: 173f.).
Damit verbunden war die Herausbildung eines neuen britisch-russischen InteressengegensatzesKonkurrenz zwischen Großbritannien und Russland. Die Expansion Großbritanniens entlang des Golfs von Aden bis nach Indien (über weitere insulare Stützpunkte) und vor allem die Ausweitung seiner Herrschaft im Norden Indiens führte, bei gleichzeitiger Expansion Russlands nach Mittelasien (1867–1873), zu territorialen Konflikten zwischen Großbritannien und Russland und 1877/78 und 1885 zu erheblichen Spannungen an der Nordgrenze Indiens. Wie wichtig der Anspruch auf Indien für Großbritannien war, wird daran deutlich, dass das britische Parlament 1877 Königin Victoria zur Kaiserin von Indien proklamierte und dadurch eindeutig signalisierte, dass Indien für Großbritannien einen besonderen Status hatte. In Südasien entstand ein britisches Kaiserreich mit einer eigenen Interventionskapazität, die im gesamten asiatischen Raum eingesetzt werden konnte.
Daraus ergaben sich wiederum eine Reihe militärischer Auseinandersetzungen mit den etablierten Mächten Südwestasiens, dem Iran und Afghanistan, auf die sowohl Russland als auch Großbritannien territoriale Ansprüche erhoben. Zwar gelang es Afghanistan und Iran, sich der Kolonisierung sowohl durch Großbritannien als auch durch Russland zu widersetzen, aber beide mussten zum Teil empfindliche Gebietsverluste hinnehmen und wurden zu Objekten fortwährender Auseinandersetzungen.
Merke
Die wichtigsten geopolitischen Veränderungen
Der Wiener Kongress stellte ein Instrument zur Eindämmung Frankreichs dar und etablierte ein kollektives Entscheidungssystem zur Regelung wichtiger Fragen in Europa.
Er konnte diverse Unabhängigkeits- und Verfassungsbestrebungen aber weder rückgängig machen noch stoppen.
Die Einigung des Deutschen Reiches und Italiens sowie die territoriale Expansion Großbritanniens und Russlands führten zur Konstitution von drei wichtigen Regionen als Konfliktregionen: Balkan, Naher und Mittlerer Osten, Vorderasien.
In allen drei Regionen konkurrierten Großmächte (aber auch kleinere Mächte) um Einfluss: Österreich und Russland auf dem Balkan, Großbritannien und Russland im Mittleren Osten, Großbritannien und Russland in Vorderasien.
Der Wiener KongressWiener Kongress war als Steuerungsinstrument begrenzt: außereuropäische Konflikte waren von seiner Agenda ausgeklammert.
Der Wettlauf Europas um kolonialen Besitz 1870–1914
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten alle bedeutenden Mächte in einen Wettbewerb um vorwiegend außereuropäische Kolonien ein (siehe Tafel VI, S. 428–429). Der neue Kolonialismus, auch ImperialismusImperialismus genannt, unterschied sich qualitativ von den Kolonisationsbestrebungen des 16. und 17. Jahrhunderts: Es ging nicht mehr nur um Handelsinteressen oder die Suche nach neuen Siedlungsgebieten, sondern es war ein Konkurrenzkampf der souveränen NationalstaatNationalstaaten, die nationale Stärke und nationales Prestige über ihre außereuropäische Position definierten.
Der räumliche Pfad, den die KolonialisierungKolonialisierung nahmRäumlicher Pfad der Kolonialisierung, war durch Großbritanniens Expansion in den Mittelmeerraum vorgezeichnet. Die dauerhafte Präsenz Großbritanniens im Mittelmeer rief die Mittelmeeranrainer Frankreich und Italien auf den Plan, die beide – jeweils im Rahmen ihrer eigenen Pläne für eine Dominanz des Mittelmeers – um die Kontrolle der nordafrikanischen Territorien konkurriertenKonkurrenz zwischen Frankreich und Italien. Beide forderten, als Protektoratsstaaten für Tunesien anerkannt zu werden. Großbritannien gewährte daraufhin Frankreich diesen Status (1881), um eine italienische Kontrolle der Meerenge zu verhindern. Damit war der Wettlauf um Kolonien in Afrika eröffnet.
Die Kolonialisierung AfrikaKolonialisierungAfrikas
Die europäischen Mächte teilten innerhalb von nur einem Vierteljahrhundert ganz Afrika unter sich auf (siehe Tafel VII, S. 430), verschont blieben zunächst nur langjährige Königreiche wie Ägypten und Abessinien (das heutige Äthiopien). Die Verteilung des Kolonialbesitzes auf historischen Landkarten lässt noch heute die Strategien der KolonialmächteKolonialisierungAfrika erkennen:

Karikatur des britischen Eroberers Cecil Rhodes von Edward Linley Sambourne, 1892
Großbritannien: Britisch von Kap bis KairoGroßbritannien als mächtigster Staat wollte in Afrika ein Kolonialreich, „britisch vom Kap bis Kairo“ (vgl. Abbildung 1.1).
Frankreich verfolgte das Ziel, ein Kolonialreich von West- nach Ostafrika zu errichten („von Dakar zum Golf von Aden“)Frankreich: Von Dakar zum Golf von Aden.
Portugal versuchte ausgehend von seinen traditionellen Handelsstätten an den Küsten Afrikas, die es im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts errichtet hatte, seinen Kolonialbesitz auszuweiten.
Demgegenüber waren Belgien, das Deutsche Reich und Italien „Nachzügler“, die deshalb umso vehementer darauf bestanden, ebenfalls in Kolonialbesitz zu kommen.
Das Deutsche Reich verfolgte das Ziel, einen Landgürtel quer durch Afrika zu schaffen, der im südlichen Afrika gelegen war.
Belgien blieb auf Belgisch-Kongo beschränkt, als persönlicher Besitz von König Leopold, den er wie ein privater Unternehmer ausbeutete.
Italien eignete sich Libyen, Eritrea sowie jeweils einen Teil des heutigen Somalia und des Kongo an.
Innerstaatlicher Widerstand gegen die Kolonialisierung wurde zumeist blutig niedergeschlagen, wie im Kampf der Briten gegen die südafrikanischen Buren-Siedler 1899 oder bei der rassistisch motivierten Vertreibung und Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904–1908 als Strafaktion für ihre Auflehnung gegen die deutsche Herrschaft.
Die von Bismarck im November 1884 einberufene Berliner KonferenzBerliner KonferenzBerliner Konferenz: Verschärfung des kolonialen Wettbewerbs trieb den ImperialismusImperialismus weiter an. Sie löste einen Wettbewerb um möglichst weitgehende Gebietsansprüche aus, als – beginnend bei den Großmächten Frankreich und der Kolonialmacht Portugal – plötzlich alle anderen ebenfalls Ansprüche anmeldeten, „besessen von der Idee, eine ‚Parität‘ erreichen zu müssen [und] Anteile an der ‚Beute‘ zu fordern“. (Barraclough 1991: 718) Mit der Festlegung des Kriteriums der effektiven Besetzung verschärfte die Berliner Konferenz den Wettlauf um Kolonialisierung noch (Dallinger/Golz 2005: 148). Die Konkurrenz um Kolonien führte an vielen Punkten zu zwischenstaatlichen Krisen, wie der Marokko-Krise zwischen Deutschland und Frankreich, oder Auseinandersetzungen zum Beispiel um die Türkei und das Horn von Afrika, an denen sowohl Deutschland, Großbritannien als auch Frankreich beteiligt waren.
Die Kolonialisierung AsienAsiens
Der koloniale Wettbewerb um AsienAsien zeigt in vielerlei Hinsicht ein ähnliches Muster wie in Afrika, mit einem wesentlichen Unterschied: Bei den asiatischen Staaten, insbesondere China, handelte es sich um Gebiete, die bereits über ein hohes Maß an Staatlichkeit verfügten. Aber in noch einem anderen Punkt unterschied sich Asien von Afrika: Durch die Präsenz der USA, die bis 1898 kein Interesse an kolonialen Besitzungen hatte, aber große Handelsinteressen, setzte sich in Auseinandersetzung mit den europäischen Mächten der Freihandel als zentrales Prinzip für den Handel in Asien durch. Tatsächlich wurden hier erstmals jene Prinzipien etabliert, die später zu globalen Handelsprinzipien wurden: Das Meistbegünstigungs- und Nichtdiskriminierungsgebot, die beide die Grundlage der liberalen Handelsordnung bilden.

„Imperialismus“, Die Aufteilung Chinas von Henry Meyer, 1898
Die Expansion der europäischen Staaten und der USA führte zunächst über eine Reihe ungleicher Verträge zur erzwungenen wirtschaftlichen ÖffnungErzwungene Öffnung Chinas und Japans. Mit dem sich verschärfenden Wettbewerb um kolonialen Besitz setzte jedoch auch in AsienKolonialisierungAsien eine schnelle Kolonialisierung ein. Dennoch weichen die Entwicklungspfade Chinas und Japans voneinander ab, bedingt durch unterschiedliche Grade an Staatlichkeit und der damit verbundenen Fähigkeit, der Konkurrenz der europäischen Mächte um kolonialen Besitz zu widerstehen. Während ein intern geschwächtes China bedingungslos unterworfen und fast zerstört wurde, etablierte sich Japan relativ schnell als regionale Macht, die sich selbst aktiv an der Kolonialisierung AsienKolonialisierungAsiens beteiligte und die Anerkennung der europäischen Staaten erwarb.
ChinaJapanEreignisseweitgehende Selbstisolationweitgehende SelbstisolationWiderstand gegen Öffnung des Handels für europäische MächteModernisierung Japans, Abschaffung der Feudalordnung, Iwakura-Mission in USA und Europa 1871–1873Aufgabe Isolationspolitik 1876Opiumkrieg 1839–1842Niederschlagung Boxeraufstand 1900–1901Erster Chinesisch-Japanischer Krieg 1894–1895: Im Frieden von Shimonoseki erhält Japan Taiwan; Korea wird unabhängigRussisch-Japanischer Krieg 1904–1905: Japan erhält Protektorat über Korea und die Süd-Mandschureiungleiche VerträgeVertrag von Nanking 1842: Abtretung Hongkongs an GBErzwingung des Handels mit USA 1853Vertrag von Tianjin 1858: Einheitliche Basis für internationalen Handelerste Handelsverträge mit westlichen Mächten 1854: Zunächst Konzessionen für zwei Häfen für die USA, dann Verträge mit europäischen Staatenerstes Büro für AuslandsbeziehungenAnnexionen durch AndereAnnexionenNordostchina durch JapanKorea 1910Mandschurei 1931Korea durch Japan 1910NordostchinaSüdostasien 1941Aufteilung Chinas in InteressensphärenJapan wird selbst Kolonialmacht 1874–1945China und Japan als Kolonisationsobjekte




