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In SüdostasienKolonialisierungAsien standen mehrere europäische Mächte in Konkurrenz zueinander. Die Niederlande waren bereits seit dem 16. Jahrhundert Kolonialmacht. Frankreich etablierte sich zunächst als Protektoratsmacht über Kambodscha (1863) und weitete seine Herrschaft schrittweise auf Vietnam und Laos aus. Die Niederlande erweiterten in Reaktion auf das französische Vordringen in Südostasien ihr eigenes Kolonialreich über Java hinaus nach Sumatra, Borneo und Celebes (das heutige Sulawesi). Auch Großbritannien zog nach. Von Indien und Myanmar ausgehend besetzte es 1888 Nord-Borneo. Damit war die Kolonialisierung Südostasiens vollendet.
Merke
Territoriale Ausdehnung der Kolonialmächte
Nach dem Wettlauf um Kolonien war Großbritannien mit fast 33,8 Millionen km2 territorial gesehen ein Drittel größer als Russland (22,8 Millionen km2) und drei Mal so groß wie Frankreich (11,1 Millionen km2). Es stellte mit über 440 Millionen Einwohnern knapp mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung (vgl. Abbildung 1.3 und 1.4).

Prozentuale Anteile der Kolonialmächte an der Erdoberfläche und der Weltbevölkerung 1914

KolonialbesitzKolonialismus, Ursachen an sich galt lange Zeit selbst unter den Kolonialmächten als nicht besonders lukrativ. Wie konnte sich die Praxis dann so schnell verbreiten? Dafür gibt es drei UrsachenUrsachen des Kolonialismus:
Kolonialer Besitz vermittelte, so Zeitgenossen, das Gefühl nationalstaatlicher Größe. Der britische liberale Politiker Charles Dilke verband damit „das Element der ungeheuren Größe eines Herrschaftsbereichs, das wir in dieser Epoche brauchen, um zu einer großzügigen Denkweise zu kommen“ (zitiert nach Barraclough 1991: 714).
Koloniale Erfolge lenkten von inneren Spannungen der wirtschaftlichen Depression 1873–1896 ab (Jansen/Osterhammel 2013). Dass Kolonialisierung zum Teil angetrieben war durch das Streben nach Prestige und Anerkennung, änderte nichts an ihren Effekten: sie verschärfte den Wettbewerb auch in anderen Bereichen.
Zunehmender Protektionismus unter den europäischen und amerikanischen Staaten verstärkte den Konkurrenzkampf und erzeugte den wirtschaftlichen Druck, weitere Absatzmärkte zu erschließen. Auch das Ziel, weltweit den Freihandel zu verbreiten, verkehrte sich Ende des 19. Jahrhunderts in sein Gegenteil. Mit der tatsächlichen Herrschaftsgewalt über die Kolonien bauten die meisten Kolonialmächte exklusive Handelsbeziehungen zu ihren Kolonien auf, was notwendigerweise zu Lasten der anderen Staaten lief.
Das Ergebnis dieser Kräfte war, dass alle Großmächte auf Eroberungen aus waren und bis auf Österreich-Ungarn auch Kriege führten, um ihre Besitzrechte auf andere Kontinente auszuweiten.
Deutschland und Japan als aufsteigende Mächte
Eine wichtige Antriebskraft in diesem Wettbewerb waren die neuen aufstrebenden Mächte Deutschland, Italien, Japan und die USAfett>Aufstrebende Mächte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es immer noch Frankreich, das sich im Wettbewerb um die globale HegemonieHegemonie mit Großbritannien betrachtete. Die nationalstaatliche Einigung und die mit der Industrialisierung einhergehende technologische Innovation brachten aber ganz neue Staaten in Stellung, Großbritannien herauszufordern. Dies waren vor allem die USAUSA, die durch ihre neuen kolonialen Besitzungen in Zentralamerika (Kuba) und im Pazifik (Hawaii, Philippinen) im Vergleich zu vorher nun mehr Interessen im Pazifik entwickelten, sowie Japan und Deutschland, die in diesem Zeitraum eine enorme technologische Entwicklung vollzogen und ebenfalls begannen, sich in Konkurrenz zu Großbritannien zu positionieren. Das Deutsche ReichDeutsches Reich hatte durch seine nationalstaatliche Einigung flächenmäßig in Europa Großbritannien und Frankreich überholt. Zwischen 1850 und 1910 hatte sich seine Bevölkerung von 36 auf 65 Millionen Einwohner vergrößert. Im Vergleich dazu war die französische Bevölkerung nur sehr maßvoll gewachsen, von 36 auf 40 Millionen. Großbritanniens Bevölkerung war von 28 Millionen auf 45 Millionen angestiegen (Osterhammel 2012). 1898 begann das Deutsche Reich eine Flottenpolitik, die explizit darauf angelegt war, Großbritanniens HegemonieHegemonie auf den Weltmeeren zu brechen.
Außenpolitisch gelang es dem Deutschen Reich unter Bismarck, die sich abzeichnenden Konflikte durch ein kompliziertes Allianzsystem einzuhegen. Bismarcks AllianzpolitikAußenpolitik: Bismarck’sches Bündnissystem zielte nach 1871 darauf ab, immer mindestens ein Dreiergespann einer Allianz gegen Frankreich und Großbritannien zu bilden und gleichzeitig Konflikte zwischen gegensätzlichen Interessen innerhalb der Dreierkonstellation auszutarieren (vgl. Tabelle 1.4). Die Interessenkonvergenz zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien bzw. Russland verschwand jedoch im Zuge der verschiedenen Balkankonflikte sowie der Interessen des Deutschen Reiches an der Türkei und am Horn von Afrika, die das britische Misstrauen weckten. Gleichzeitig einigten sich Großbritannien und Frankreich sowie Großbritannien und Russland über koloniale Einflusssphären und näherten sich an. Damit zeichnete sich eine außenpolitische Isolierung des Deutschen Reichs ab. Wilhelm II. (Bismarck war abgesetzt) empfand die Selbstverpflichtung, die in dem BündnissystemBismarck’sches Bündnissystem angelegt war, als Beschränkung seiner Möglichkeiten, verfolgte eine Politik der freien Hand, und verlängerte wichtige Abkommen nicht, darunter das Rückversicherungsabkommen mit Russland. Damit war die Grundkonstellation des Ersten Weltkriegs entstanden, mit dem Deutschen Reich und Österreich auf der einen Seite und Großbritannien, Frankreich und Russland auf der anderen Seite.
VertragBeteiligteZweckBündnissystem BismacksDreibund (1882)Italien, Österreich, Deutschlandwechselseitiger Schutz vor AngriffRückversicherungsvertrag (1887)Deutschland, Russlandwechselseitiger Schutz vor Bündnis mit Großbritannien oder Frankreich;Abschirmung gegen Nebeneffekte der österreichisch-russischen SpannungenMittelmeerabkommen (1887)Deutschland, GroßbritannienVerhindern eines französischen Vorstoßes ins Mittelmeer bzw. russischer Vorstöße auf Balkan oder türkische MeerengenGegenallianzenFranzösisch-Russisches Bündnis (1892)Russland, Frankreichsofortige und gleichzeitige Mobilmachung von Streitkräften gegen Deutschland bei AngriffEntente Cordiale (1904)Frankreich, GroßbritannienSchutz vor DeutschlandBritisch-Russisches Abkommen (1907)Großbritannien, RusslandSchutz vor Deutschland und ÖsterreichDas Bündnissystem Bismarcks und seine Gegenallianzen
Ähnlich wie Deutschland in Europa hatte auch Japan seine Position in Ostasien stark verbessert. Es war vom potentiellen Kolonisationsobjekt bis 1905 – nach dem Krieg mit Russland – zu einem vollwertigen Mitglied der Völkerrechtsgemeinschaft aufgestiegen (Osterhammel 2011: 689). Beide Staaten gehörten zur Gruppe der Staaten, die sich schnell industrialisierten. Bei beiden Staaten handelte es sich also um aufstrebende Mächte. Japan und Deutschland schickten sich auch zunächst unabhängig voneinander an, eine regionale Vormachtstellung zu erreichen. Für Deutschland ging es dabei jedoch recht schnell auch um die Ablösung Großbritanniens als Weltmacht. Dies sollte über die Herausforderung der britischen HegemonieHegemonie im Schlachtschiffflottenbau geschehen, entsprach aber ebenfalls einem allgemeinen „Trend im internationalen System […], die britische Seehegemonie durch ein neues Gleichgewicht auf den Ozeanen abzulösen“ (Osterhammel 2011: 676). Europa und Asien traten damit in einen offensiven Rüstungswettlauf ein, der aneinander gekoppelt war, weil er sich gegen ein in beiden Regionen präsentes Großbritannien richtete.
Globaler Wandel und der Weg in den Ersten WeltkriegErster Weltkrieg
Zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich somit bedeutende globale Veränderungen vollzogen:
Die USA, Deutschland und Japan waren – beeinflusst durch eine enorme wirtschaftliche Entwicklung – die aufstrebenden Staaten am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie standen nicht nur im Wettbewerb mit den etablierten Mächten Großbritannien, Frankreich und Russland, sondern konkurrierten auch untereinander um Anerkennung als neue Großmächte.
Die bisherigen Großmächte stiegen zum selben Zeitpunkt in eine verstärkte Konkurrenz um Kolonien ein. In Afrika und Asien ging es um Handelsprivilegien und politischen Einfluss. Verschärft wurde dieser Wettbewerb durch einen nationalstaatlichenNationalstaat Protektionismus: Die neuen Kolonien wurden durch exklusive Handelsbeziehungen mit ihren Kolonialmächten integriert, was andere Staaten benachteiligte.
Auf dem Balkan standen die führenden Großmächte Großbritannien, Frankreich, Österreich-Habsburg, Deutschland und Russland im Wettbewerb.
In Asien kam es zum Krieg zwischen Japan und Russland.
Global betrachtet war die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs somit relativ hoch.
Dass sich dieser Krieg ausgerechnet im Balkan entzündete und dann globale Ausmaße annahm, hatte viele Ursachen.
Kriegsauslöser war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo durch einen serbischen Nationalisten. Österreich stellte daraufhin Serbien ein Ultimatum, den Attentäter auszuliefern, das die serbische Regierung verstreichen ließ. Das österreichische Ultimatum aktivierte eine Reihe von Bündnisverpflichtungen, bzw. löste Reaktionen auf antizipierte Gegenmaßnahmen aus, wie den preußischen Präventivangriff auf Belgien (Schlieffen-Plan) zur Einkreisung der französischen Truppen. Dies führte zur schnellen Eskalation und machte den Krieg letztlich schwer vermeidbar.
Bündnisverpflichtungen und Eskalation bis zum Kriegsausbruch
Nachdem die Serben das österreichische Ultimatum verstreichen ließen, führte dies zu einer Reihe von Aktionen und Reaktionen, die letztlich in den Krieg führten:
Österreichs Truppenmobilisierung löste für Russland, das wiederum mit Serbien ein Beistandsabkommen hatte, den Verteidigungsfall aus.
Der Kriegseintritt Russlands hätte aufgrund des Französisch-Russischen Bündnisses den unmittelbaren Kriegseintritt Frankreichs nach sich gezogen. Preußen verfolgte deshalb die Option, einer französischen Mobilisierung zuvorzukommen und über Belgien die französischen Truppen einzukreisen. Allerdings geriet der Vormarsch schnell ins Stocken. Auf dem Vormarsch durch Belgien verübten deutsche Truppen Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung und zerstörten die belgischen Städte Löwen und Lüttich. Auch die belgische Stadt Ypern wurde völlig zerstört.
Der völkerrechtswidrige Angriff auf Belgien führte zum Kriegseintritt Englands und damit zu einem Dreifrontenkrieg für das Deutsche Reich.
Von Kriegsauslösern zu unterscheiden sind die tieferliegenden UrsachenTieferliegende Ursachen des Ersten WeltkriegErster Weltkriegs, die jedoch sehr unterschiedlich bewertet werden:
Die Standardursache, die Historiker anführen ist, dass das nach dem Reichsaußenminister benannte Bismarck’sche Bündnissystem als ein defektes Allianzsystem zu betrachten ist, über das sich das Deutsche Reich und Österreich wechselseitig in die Balkan-Konflikte verstrickten und dann in einen Krieg zogen (vgl. Craig/George 1988; Clark 2012: Kap. 3, vgl. Einheit 6).
Eine andere Erklärung zielt auf territoriale Expansion und damit zusammenhängend auf die Bedeutung der Konzentration von Großmachtinteressen ab: Laut Barraclough (1991) wurde der Balkan kriegsauslösend, da sich die Großmachtkonkurrenz hier stark konzentrierte: Russland wandte sich nach seiner Niederlage gegen Japan über Korea wieder dem Westen zu und stieß hier direkt auf die Interessen Österreich-Ungarns. Das Deutsche Reich mischte sich im Balkan ein, um Interessenkonflikte zwischen Großbritannien, Österreich-Habsburg, Frankreich und Russland zu schüren und diese aus dem Deutschen Reich herauszuhalten. Gleichzeitig schürte die deutsche Expansion in der Türkei und im Nahen Osten das Misstrauen Großbritanniens und Russlands, die diese als Bedrohung ihrer eigenen Interessen wahrnahmen.
Aus einer globalen Perspektive war der Erste WeltkriegErster Weltkrieg das Ergebnis einer Kombination von Faktoren, durch die es nicht mehr gelang, Kriege zu lokalisieren. Dazu gehört der imperialistische Wettlauf um Kolonien, der die Rivalitäten zwischen den europäischen Staaten verschärfte, und bei dem es nicht mehr nur um Großmacht-, sondern um Weltmachtstatus ging. Dazu gehörten auch die Erschütterung des Machtgleichgewichts durch die deutschen und italienischen Einigungen sowie die Bedrohung der britischen HegemonieHegemonie durch die neuen aufstrebenden Mächte Deutschland, Japan und die USA.
Im Ersten WeltkriegErster Weltkrieg kämpften ursprünglich die sogenannten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn gegen die Entente, bestehend aus Russland, Frankreich, Serbien und Großbritannien. Italien war anfangs neutral, trat jedoch 1915 auf der Seite der Entente in den Krieg ein. Rumänien folgte ihm 1916 (siehe dazu Tafel VII, S. 430). Das Osmanische Reich und Bulgarien traten auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg ein. Im Verlauf des Kriegsgeschehens im Nahen Osten schlossen Frankreich und Großbritannien 1916 das für die Region folgenreiche Sykes-Picot-Abkommen, in dem sie den Nahen Osten unter sich aufteilten mit dem Ziel, der Osmanischen Herrschaft in diesem geografischen Raum ein Ende zu setzen.
Das Sykes-Picot-Abkommen 1916
Großbritannien und Frankreich einigten sich im Sykes-Picot-Abkommen auf eine Aufteilung der Interessensphären im Nahen und Mittleren Osten. Im Kampf gegen die Mittelmächte machte Großbritannien in der Balfour-Deklaration (1917) darüber hinaus weitgehende Zugeständnisse an die jüdische Bevölkerung und sicherte ihr eine „Heimstätte“ in Palästina zu. Dies führte zu verstärkter Einwanderung der jüdischen Bevölkerung nach Palästina und zu Konflikten zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung, die noch heute den Kern des israelisch-palästinensischen Konfliktisraelisch-palästinensischer Konflikts bildet. Die Abkommen bildeten die Grundlage des Friedensvertrags nach dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg für die Türkei. Sie stießen auf den Protest der US-Regierung unter Woodrow Wilson, der in ihnen eine Verletzung der von ihm proklamierten Prinzipien sah.
Der Krieg wurde über vier Jahre unter einem menschenverachtenden Einsatz von Leben in einer – wie die deutsche Oberste Heeresleitung es nannte – „Materialschlacht“ (darunter fielen auch die Soldaten) geführt. Russland schied 1917 aufgrund der Russischen Revolution aus dem Krieg aus, dafür traten jedoch die USA auf Seiten der Entente ein und sorgten für einen nahezu unbegrenzten Nachschub an Truppen (Rudolf/Oswalt 2010: 164), der letztlich kriegsentscheidend war. Zum Verlauf des Ersten Weltkriegs siehe Tafel VIII, S. 431.
Als verhängnisvoll für das Deutsche Reich erwies sich seine Reaktion auf die durch Großbritannien verhängte Kontinentalsperre, die vor allem seinen Handel treffen sollte: Es begegnete der Handelsblockade durch einen „unbeschränkten U-Bootkrieg“ gegen Handels- und Kriegsschiffe, bei dem Schiffe ohne Vorwarnung versenkt wurden. Dies betraf vor allem den Handel neutraler Staaten wie den USA, die sich lange Zeit aus dem Krieg herausgehalten hatten, und bewirkte deren Kriegseintritt. Der Krieg endete im November 1918 mit einem Waffenstillstand und wurde offiziell mit den Versailler VerträgeVersailler Verträgen 1919 beschlossen.
Die Welt zwischen 1919 und 1945
Der kriegsentscheidende Eintritt der USA in den Ersten WeltkriegErster Weltkrieg bedeutete deren weltpolitischen Aufstieg und läutete nach dem Ende des Ersten WeltkriegErster Weltkriegs für die internationalen Beziehungen eine entscheidende Gewichtsverlagerung ein. Bis zum Ersten WeltkriegErster Weltkrieg lag dieser Schwerpunkt in Europa, jetzt verlagerte er sich hin zur überseeischen Welt. Allerdings nahm Großbritannien nach dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg zunächst weiterhin eine Führungsrolle ein. Dies war dadurch möglich, dass die USA nach dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg zu der Rolle zurückkehrten, die sie bis dahin auch eingenommen hatten: Der Regionalmacht auf dem amerikanischen Kontinent, die lediglich durch die pazifischen Territorien (Hawaii, Philippinen) auch in Asien präsent war.
Eine institutionelle Form erhielt die britisch-amerikanische Vorherrschaft durch den Völkerbund und den Briand-Kellogg-Pakt (1928). Es bildete sich ein teils englisch, teils amerikanisch bestimmtes System der Sicherung des Friedens und der Aufrechterhaltung des Status quo heraus. Damit verbanden sich einerseits die Pariser Vorortverträge, die die territoriale Neuordnung Europas und des Nahen Ostens festlegten und den Wiederaufstieg Deutschlands verhindern sollten, und andererseits die Washingtoner Abrüstungskonferenzen ab 1921, die ein System der effektiven Kriegsverhütung durch Abrüstung etablieren sollten. Die britische Dominanz des Völkerbundsystems war mit US-Interessen durchaus vereinbar. Die USA hatten ein nach Kontinenten und Hemisphären gegliedertes Weltsystem im Sinn, in dem sie lediglich die Vorherrschaft in Lateinamerika und in der Karibik haben sollten. Sie verstanden sich unmittelbar nach dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg als amerikanische, nicht als europäische Macht.
Das 14-Punkte Programm Woodrow Wilsons14-Punkte Programm Woodrow Wilsons
Präsident Woodrow Wilson war mit seinem Versuch einer Neuordnung des internationalen Systems nach dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg gescheitert. Die Prinzipien für eine Weltordnung, die Wilsons 14-Punkte-Programm enthielt, setzten sich nicht oder nicht unmittelbar unter den europäischen Mächten durch. Dazu gehörten die Öffentlichkeit internationaler Abkommen, die Freiheit der Schifffahrt, der Abbau von Handelsbarrieren und die unparteiische Anpassung kolonialer Ansprüche unter Berücksichtigung der betroffenen Völker. Der für die künftige Wahrung des Weltfriedens vielleicht wichtigste Punkt war der Vorschlag eines Allgemeinen Zusammenschlusses der Nationen zur gegenseitigen Garantie der Anerkennung der territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit. Aber auch der US-Kongress verweigerte die nötige Zustimmung zum Beitritt der USA zum Völkerbund. Die Außenpolitik der USA beschränkte sich in der Folge darauf, die britische Flottenrüstung mit möglichst geringen Kosten zu begrenzen, stellte aber Großbritanniens Seeherrschaft nicht grundsätzlich in Frage.
Die Ordnung der Versailler VerträgeVersailler Verträge (1919)
Wiederum war es eine internationale Friedenskonferenz, auf der die Neuordnung Europas verhandelt wurde. Jedoch verbinden sich mit dem Namen Versailler Vertrag bzw. Pariser Vorortverträge (für die anderen Kriegsverlierer) bis heute nicht Erfolg, sondern das Scheitern einer Nachkriegsordnung und der Zweite WeltkriegZweiter Weltkrieg. In Deutschland ging der Versailler Vertrag als „Schandvertrag“ in die Geschichte ein. Aber die Verträge führten auch außerhalb Deutschlands zu Unzufriedenheit unter den betroffenen Staaten.
Mit dem Frieden von Versailles verbindet sich eine Reihe von Friedensverträgen zwischen den Entente-Mächten als Kriegsgewinnern und Deutschland, Österreich und dem Osmanischen Reich als Kriegsverlierern (vgl. Tabelle 1.5).
Merke
Das Versailler VertragssystemVersailler Verträge war
… im engeren Sinne eine Institution zur territorialen NeuordnungTerritoriale Neuordnung Europas und des Nahen und Mittleren Ostens in der Nachkriegszeit des Ersten WeltkriegErster Weltkriegs. Damit verbunden waren bedeutende Gebietsverschiebungen, die Etablierung neuer Flächenstaaten, das Aberkennen kolonialer Besitzungen und das Auslöschen Österreich-Ungarns als Nationalstaat.
… eine Institution zur EindämmungEindämmung der Kriegsschuldigen Deutschlands, Österreichs und des Osmanischen Reichs als Friedensstörer.
… im weiteren Sinne durch die Gründung des Völkerbunds eine Institution zur Sicherung einer neuen Weltfriedensordnung. Mit der Etablierung des VölkerbundVölkerbunds wurden neue Verhaltensnormen entwickelt, wie die normative Ächtung des Angriffskriegs, die friedliche Streitbeilegung und die Abrüstung als wichtigstes Mittel der Kriegsverhütung. Er sah ein Sanktionssystem aus Wirtschaftsboykott und militärischer Sanktion (über einen Beistandspakt) vor.
Der Völkerbund wurde durch den Briand-Kellogg-Pakt unter Führung der USA ergänzt.
Wien und Versailles im Vergleich
Das Versailler VertragVersailler Verträgessystem und das Wiener-KongressWiener Kongresssystem ähneln sich in den territorialen Regelungen zur Eindämmung von Staaten. Sie unterscheiden sich aber auch in wichtigen Punkten, insbesondere in den Normen zur Friedenssicherung: Der Völkerbund ächtete den Angriffskrieg, der zu Zeiten des Wiener Kongresses noch nicht als ächtungswürdig betrachtet wurde. Und er etablierte ein Friedenssicherungssystem, das auch kollektive Sanktionen vorsah.
RegionStaatterritoriale Veränderungweitere Regelungen/ImplikationenEuropaDeutschland(Versailles)Gebietsverluste an Litauen, Polen, Tschechoslowakei, Frankreich, Belgien, Dänemarkverliert alle koloniale Besitzungen in Afrika und Asienunter Völkerbundverwaltung: Danzig, Saargebiet (für 15 Jahre)alliierte Besetzung des RuhrgebietsDemilitarisierung: Begrenzung von Heer, Marine, Verbot einer LuftwaffeReparationenÖsterreich(St. Germain)Gebietsabtretungen an Tschechische Republik, Jugoslawien, Rumänien, Polen, Abtretung Südtirols an ItalienDemilitarisierung: Abtretung der gesamten Kriegs- und HandelsflotteReparationenUngarn(Trianon)Abtretung Slowakei an Tschechoslowakei, weitere Abtretungen an Rumänien, Jugoslawien und ÖsterreichDemilitarisierungReparationenBulgarien(Neuilly)Abtretung von Gebieten an Griechenland, Jugoslawien, RumänienDemilitarisierungReparationenNaher OstenOsmanisches Reich(Sèvres, revidiert durch Vertrag von Lausanne 1923)Gebietsabtretung von Syrien und Libanon (an Frankreich), Palästina und Irak (Völkerbundmandat, verwaltet durch Großbritannien), Thrakien und Smyrna (an Griechenland)Demilitarisierung der Meerengen (Bosporus, Dardanellen)Russland erhält lange angestrebten MittelmeerzugangTürkei wird aus Europa gedrängtFriedensvertrag führt zu einem Bürgerkrieg, der erst 1923 beendet wirdTerritoriale Neuordnung nach den Versailler Verträgen
Ähnlich wie der Wiener Kongress hatten die Versailler Verträge mehrere konkrete Funktionen: Territoriale Neuordnung, Eindämmung und neue Weltfriedensordnung.
Allerdings war diese Aufgabe ungleich schwerer als zur Zeit des Wiener Kongresses. Denn obschon das Schicksal Deutschlands ein zentrales Thema der Friedenskonferenz war, spielten weitere Fragen eine ebenso große Rolle: Was sollte aus Russland werden? Und wie sollte man auf dem Balkan und in Osteuropa verfahren? Schließlich mussten auch noch die Verhältnisse im Nahen Osten befriedet werden und eine Regelung für das Osmanische Reich gefunden werden. Der Versailler VertragVersailler Vertrag (Deutschland), der Vertrag von St. Germain (Österreich-Habsburg), der Vertrag von Trianon (Ungarn) und derjenige von Sèvres (Osmanisches Reich) sahen dabei recht ähnliche Regelungen vor. In allen vier Fällen verloren die Kriegsverlierer Territorium, mussten Kriegsreparationen bezahlen, wurden außenpolitisch überwacht und entmilitarisiert. Dies folgte im Wesentlichen der Praxis, wie sie bereits nach dem Wiener Kongress erfolgreich eingeübt worden war.
Territoriale Neuordnung Europas und des Nahen und Mittleren Ostens: Die Versailler Verträge und der Vertrag von St. Germain (für Österreich-Ungarn) sahen bedeutende Gebietsabtretungen vor. Deutschland musste im Westen das Elsass und Lothringen, im Osten Posen und Westpreußen abtreten. Das Saarland wurde der Verwaltung des Völkerbunds unterstellt, das Ruhrgebiet einer gemeinsamen Verwaltung durch eine Reparationskommission. Das Deutsche Reich verlor alle seine kolonialen Besitzungen. Genauso bedeutend waren die Regelungen zur Rüstungsbeschränkung: Das Deutsche Reich musste 90 Prozent seiner Handelsflotte abtreten oder ausliefern und versenkte diese vorsorglich (vgl. Tabelle 1.5).




