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Der Trainingsleiter der Rumänen, ein ernst aussehender Mann mit schwarzen, zurückgekämmten Haaren und kantigem Gesicht, kam seinerseits auf Rimet und Fischer zu, schüttelte ihnen die Hand und sagte in gebrochenem Französisch: „Ich freue mich, Messieurs.“
„Ich freue mich auch, Monsieur Rădulescu. Nun, ich nehme an, alle Ihre Männer sind wohlauf?“ Der Übungsleiter der Rumänen blickte etwas nervös. „Ja, Monsieur.“
„Nun denn. Dann will ich auch ein paar aufmunternde Worte an Ihre Mannschaft richten.“ Er streckte sich.
„Männer. Ich bin dankbar, dass ihr es geschafft habt, dabei zu sein auf dieser Reise zu einem historischen Ereignis. Ihr habt alle große Entbehrungen machen müssen, um …“
„Ähm …“ Fischer unterbrach mit einem Husten.
„Ach ja, Maurice, bitte. Übersetze.“
„Ja, also. Das Problem ist, dass ich in drei Sprachen übersetzen müsste. Es könnte also etwas dauern.“
„Drei Sprachen? Was ist das für ein Unsinn. Das sind doch Rumänen. Ein Land.“
„Ja, aber da sind auch Ungarn und Deutsche dabei.“ Moritz rief Alfred Eisenbeisser zu sich, der sofort ein paar Schritte nach vorne machte und sich erklären ließ, dass er für die anderen weiterübersetzen solle. Schließlich konnte Rimet, der angesichts der Unterbrechung etwas ungehalten war, weitermachen.
„Also, jedenfalls wünsche ich allen hier eine gute Fahrt. Ihr werdet heute neben jeweils einem Franzosen sitzen. Keine Angst, wir sind eigentlich ganz nette Leute.“
Fischer blickte anerkennend zu Rimet herüber, der sich in dem ganzen Trubel ein wenig Humor für seine Rede bewahrt hatte. Rumänen und Franzosen stellten sich dann gegenseitig mit einem Händeschütteln vor und Rimet verschwand zufrieden. Fischer wollte noch ein wenig an der frischen Seeluft bleiben und daher suchte er noch einmal das Gespräch mit Alfred Eisenbeisser, der neben ihm stand.
„Da hat die Seekrankheit wohl schon ihre ersten Opfer gefordert…“ Eisenbeisser schaute ihn etwas überrascht an. „Äh, Herr Rădulescu hat gesagt, ein Spieler fehle.“ Eisenbeisser nickte.
„Ja, der Gheorghe ist seltsamerweise nicht mehr da.“
„Wirklich?“ Fischer zog die Augenbrauen hoch. „Seit wann ist das denn?“
„Naja. Gestern Abend ist er nicht mehr in seine Kabine gekommen. Das hat zumindest der Lafinsky gesagt. Und heute war er den ganzen Tag nicht zu sehen gewesen.“
„Ist er …“, Fischer zögerte, da er nicht wusste, wie er sich ausdrücken konnte, ohne dem Verschollenen zu nahe zu treten. „… ein Frauenheld?“ Und hier zog sich wieder sein Magen zusammen, denn in dem Moment, da er es ausgesprochen hatte, stellte er sich vor, wie Smeralda und dieser Gheorghe sich mit heißen Küssen bedeckt hatten, bevor ihm klar wurde, dass er selbst ja die Nacht mit ihr verbracht hatte.
„Nun“, erwiderte Eisenbeisser, „er ist eben ein Mann. Aber dass er nicht zum Morgentraining erschienen ist, sieht ihm gar nicht ähnlich.“
Fischer hatte auf einmal einen furchtbaren Verdacht. Er musste an die Hand denken, die leblos, aber immer noch unaufhörlich in seinem Kopf gegen das Metall schlug. Er verabschiedete sich ziemlich abrupt und eilte auf die Schiffsbrücke.
Pinceti blickte ihn mit traurigen Augen an. Fischer hatte ihm, nachdem er kurz hatte Luft holen müssen, da er die Gitterstufen hinaufgesprungen war, seine Vermutung, dass es sich bei dem Toten um Gheorghe Moldoveanu, einen rumänischen Nationalspieler, handeln könnte, mitgeteilt. Im selben Moment wurde ihm klar, dass ihn der Kapitän für verrückt halten musste oder zumindest doch ziemlich hysterisch. Und schließlich, so schlussfolgerte Fischer, hatte der Kapitän damit auch ziemlich recht. Er schob seinen überdrehten Zustand dem Mangel an Schlaf in die Schuhe und der Aufregung, die ihn im allgemeinen Trubel der letzten Tage erfasst hatte. Und somit erwartete er, von Pinceti mit freundlichen, aber bestimmten Worten von der Kommandobrücke verwiesen zu werden. Stattdessen winkte der Kapitän ihn zu sich und ging dann selbst zur anderen Seite der Brücke, öffnete die Tür, stieg hinab, öffnete eine weitere Metalltür, stieg wieder eine Treppe hinab und führte Fischer weiter in die Untiefen des Schiffes, das er noch am selben Morgen so gerne verlassen hätte.
Schließlich endete die kurze Reise vor einer weißen Tür, auf der ein rotes Kreuz aufgemalt war – das Krankenzimmer. Pinceti schaute sich um, öffnete die Tür und führte Fischer in einen schmalen, mit weißen Regalen besetzten Raum, in dem in der Mitte auf einer Bahre ein Mann unter einer weißen Decke lag. Pinceti blieb vor dem Aufgebahrten stehen, schlug die bis zum Gesicht hochgezogene Decke zurück und fragte Fischer: „Ist dies Gheorghe Moldoveanu?“
Fischer blickte in das bleiche Gesicht eines jungen Mannes, dessen tote Augen ins Nichts starrten. Allerdings war es nicht das Gesicht, das Fischers Aufmerksamkeit fesselte. Er konnte nicht umhin, auf seinen Hals zu schauen, der eine klaffende, waagerechte Wunde in der Mitte aufwies und das blutverschmierte Innere seiner Lunge offenbarte.
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