- -
- 100%
- +
Nachdem wir im kolumbianischen Urwald zwei lange Nächte lang auf Ayahuasca getrippt hatten, begannen wir, Städte zu meiden, und hingen nur noch in kleinen, halbtouristischen Dörfern ab. Einmal landeten wir in einem dieser Dörfer, das sehr klein war und rundherum in den Hügeln Kaffeefarmen, so weit das Auge reichte. Damals war es ein Mexikaner, der uns begleitete und der Nacht für Nacht zwischen uns schlief. C.s linke Körperhälfte war voller Tätowierungen und Narben und in seinem Bein steckten noch ein, zwei Kugeln, die man nicht entfernt hatte und die seither unter der Haut ertastbar waren und ihm bei jeder Flughafenkontrolle Probleme bereiteten, weil die Metalldetektoren ausschlugen. Seine rechte Körperhälfte war unerklärlicherweise unversehrt. Das Hostel, in dem wir wohnten, befand sich etwas außerhalb des Dorfes und war eigentlich kein Hostel, sondern eine ziemlich abgefuckte Hippiekommune. Die Hippies nannten diesen Ort Casa del Duende, Zwergenhaus, es bestand aus zwei Hütten mit eingeschlagenen Fenstern, es gab insgesamt nur dreieinhalb Gabeln in der improvisierten Küche und die Dusche war ein Schlauch neben dem Klo, draußen stand ein Zitronenbaum und in der Nähe gab es einen kleinen Fluss, an dessen Ufern wilder Ingwer wuchs.
Das Casa del Duende war also ziemlich romantisch und heruntergekommen, die kolumbianischen Hippies ganz nett, sie trugen Shirts mit Pilzen drauf, abends kifften sie und spielten Djembe und tagsüber gingen sie ins Dorf, um sich an eine Ecke zu setzen und ihren handgemachten Makrameeschmuck zu verkaufen. Wir gingen dann jeweils mit ins Dorf, setzten uns zu ihnen oder in die Smoothiebar am oberen Ende der Straße, wo wir die verschiedenen grünen Smoothievariationen durchprobierten, und wenn wir Lust hatten, stiegen wir noch auf den Hügel über dem Dorf, auf dem ein Denkmal stand. Alle Touristen stiegen dort hoch, und meistens war ein junger Kolumbianer da und verkaufte Galletas, selbst gemachte Haferkekse, die waren nicht besonders gut, aber ich kaufte trotzdem immer welche, weil mir der Kolumbianer gefiel. Manchmal stieg ich auch nur auf den Hügel, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, und dann kaufte ich Kekse. Aber meistens waren wir zu dritt unterwegs, Gabriela, C. und ich, in der Smoothiebar, in einem der zwei Kaffees, in den umliegenden Hügeln zwischen den Kaffeefeldern oder in dem abgefuckten Hostel. Während wir Smoothies oder Kaffees tranken, erzählte uns C. von einem Mexiko, das er nicht mehr gesehen hatte, seit er die Zeit im Gefängnis überlebt hatte und nach seiner Freilassung direkt nach Indien geflogen war, um sich für ein Jahr im Osho-Ashram in Pune niederzulassen.
Wir verbrachten ein paar Tage in diesem Dorf und reisten an jenem Tag ab, als im Casa del Duende das Wasser ausfiel und sich ein unangenehmer Gestank auszubreiten begann.
Wir fuhren dann direkt mit dem Bus nach Bogotá, wegen unserer Rückflugtickets. Von Bogotá flogen wir nach Spanien, um von da aus über Land zurück in die Schweiz zu reisen. Wir dachten, dass der Kulturschock nach diesen ganzen Monaten Südamerika etwas geringer sei, wenn wir nicht direkt in die Schweiz, sondern erst nach Spanien flögen, schließlich sprach man da ja auch Spanisch. Europa traf uns trotzdem wie eine Faust ins Gesicht. Wir fanden die Spanier unfreundlich und herzlos, ihr Spanisch ziemlich hässlich, die Luft irgendwie seltsam und sowieso alles zu teuer.
C. hatte sich uns spontan angeschlossen, er war noch nie in Europa gewesen und also begleitete er uns erst nach Spanien, dann nach Frankreich und am Ende in die Schweiz, Geld für die Reise hatte er mehr als genug, schließlich war er Erbe eines der größten Drogenkartelle Mexikos. Aber zuerst irrten wir in Madrid umher, und weil es uns da überhaupt nicht gefiel, fuhren wir nach Barcelona, wo wir bei einer kolumbianischen Salsalehrerin mit Schilddrüsenfehlfunktion unterkamen, die ziemlich überdreht und außerdem Buddhistin war und täglich laut irgendwelche Mantras herunterratterte. Durch sie lernten wir eine französische Hippiefrau kennen, die in der Nähe von Carbonne, einer unscheinbaren französischen Kleinstadt, auf einem Hof lebte und uns zu sich einlud. Also fuhren wir da hin. Es lag sowieso einigermaßen am Weg.
Der Ayahuasca-Trip hatte zur Folge gehabt, dass ich das Schreiben wiederentdeckte, schließlich musste ich das Erlebte irgendwie verarbeiten, es drohte mich zu erdrücken. Also schrieb ich die ganze Zeit manisch, und manchmal schrieb ich so lange, dass ich an Orte driftete, an die ich lieber nicht gedriftet wäre, und dann trat ich aus meinem Körper raus, sah mich von oben, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen schwoll in mir an. Manchmal schrieb ich auch einfach zwanghaft jedes Detail dessen nieder, was ich erlebte, wenn ich nicht gerade schrieb. Und so schrieb ich auch ununterbrochen, als wir diese Hippiefrau in Frankreich besuchten, die uns auf ihren Hof eingeladen hatte.
Nach den Tagen in San Sebastian brachen Gabriela und ich nach Frankreich auf. Ich war in dieser Zeit öfters und immer wieder abgedriftet in ein warmes Gefühl der Gedankenlosigkeit und hüllte mich zufrieden in mich selbst. Wir beschlossen, den Weg nach Carbonne per Anhalter zurückzulegen, und bald hatten wir die Grenze überquert, fuhren durch die Landschaft vor den Pyrenäen, standen an Autobahneinfahrten, ohne Wasser und Essen in der Hitze, 34 Grad im Schatten und kein Hauch eines Luftzuges.
Den letzten Teil der Reise legten wir mit dem Zug zurück und ließen uns von Elisabeth am Bahnhof in Carbonne abholen. Bei ihr zu Hause erwarteten uns C., vier Freundinnen von Elisabeth und ihre Tochter. Als es dämmerte, aßen wir alle gemeinsam in der Küche, das große Fenster umrahmt von Efeu und sperrangelweit offen. Von draußen drang von Zeit zu Zeit ein Schwall trockener Landluft herein und mit ihr der Geruch der gemähten, austrocknenden gelben Felder, ein Duft, der demjenigen von C.s Haar ganz ähnlich war.
Nach dem Essen ließen wir C. mit dem schmutzigen Geschirr in der Küche zurück und folgten Elisabeth und ihren Freundinnen zu einer kleinen Weidenhütte, wo sie monatlich ein Leermondritual durchführten. Wir stellten uns vor der Hütte im Kreis auf und reinigten unsere Chakren mithilfe von brennendem Salbei, Eulenfedern und Tambourenschlägen. Dann traten wir dem Alter nach abfallend ein.
Nachdem wir das Ritual in der Weidenhütte durchgeführt hatten, mit Medizinrad, Mantras und Tränen, umarmten wir jede einzelne der Frauen und uns gegenseitig zum Abschied und Dank. Dann legten Gabriela und ich uns in der großen Jurte, in der uns Elisabeth einquartiert hatte, zu C., der bereits schlief.
Den nächsten Tag verbrachten wir mit langen Gesprächen mit Elisabeth am Küchentisch, und später spazierten wir durch den Abend. Die schwere Luft versprach ein Gewitter. Wir gingen auf einem staubigen, trockenen Feldweg zwischen den Feldern durch die Hügel, bis wir vor einem Sonnenblumenfeld standen, so groß, dass wir kein Ende sahen. Nachdem wir zwischen den Sonnenblumen gewandert waren, deren Köpfe alle in dieselbe Richtung schauten, gelangten wir an einen Waldweg. Gabriela trug ihr langes, weißes Kleid und tanzte vor uns her, durch die erdrückende Luft des bevorstehenden Gewitters, mit einer Sonnenblume in der Hand, summend und singend. Am anderen Ende des Waldes setzten wir uns in das Stroh, das die bearbeiteten Felder bedeckte, und Gabrielas Haar schimmerte im selben Goldton wie die geschnittenen Halme.
Irgendwann begannen erste Tropfen zu fallen und wir brachen auf, um auf der von Bäumen gesäumten Landstraße nach Hause zu spazieren, während das Sommergewitter losbrach. Die großen Tropfen verdampften augenblicklich auf der heißen Erde. Durchnässt verkrochen wir uns in die Jurte und saßen halbnackt oder in Tücher gehüllt auf dem weichen Teppichboden.
Wie wir so dasaßen und uns im Kerzenlicht trockneten, begann C. zu erzählen, von seiner Mutter, davon, dass er erst nach ihrem Tod erfahren hatte, dass sie entführt worden war, als er noch ein Kind war. Er sprach darüber, dass er die ersten drei Monate seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte, da sein Vater damals in Mexico City saß und genug Geld für eine kleine gefängnisinterne Wohnung hatte, in die er seine Frau mit dem Neugeborenen holen konnte. C. weinte still, während er sprach.
Am nächsten Morgen erwachten wir früh und ergriffen die Gelegenheit, mit Elisabeth nach Carbonne zu fahren. Dort blieben wir einige Stunden, während sie für irgendwelche Besorgungen nach Toulouse fuhr. Wir kauften Brot, Gemüse und Früchte und suchten das verlassene Haus im Wald auf, in dem ich ziemlich genau ein Jahr zuvor gewohnt hatte, zufällig gestrandet auf einer völlig planlosen Reise Richtung Meer. Nun frühstückten wir oben auf dem Dach unter der Kuppel. Das Haus war im selben Zustand wie letztes Jahr, nur die Dielen in der Kuppel waren etwas morscher und einige Graffitis waren hinzugekommen. Wir stiegen von der Ruine hinunter an den Fluss und saßen am Wasser. Ich starrte in die Luft und war zufrieden.
Und jetzt sind wir wieder auf diesem Hof und das ganze Haus und der Garten sind voller Menschen. Elisabeths Tochter feiert ihren sechzehnten oder siebzehnten Geburtstag, aber wir sitzen wie immer stundenlang irgendwo zu dritt. Vorhin erzählte C. vom Gefängnis in Mexiko, in seiner eindringlichen Art zu sprechen, wie er es manchmal stundenlang tut, und wir lauschten ihm regungslos. Vielleicht bleiben uns nur noch wenige Tage zu dritt, danach geht er seiner Wege und wir unserer. Oder vielleicht auch nicht und alles kommt ganz anders als erwartet.
Am Ende begleitete uns C. bis in die Schweiz, nachdem er auf dem Weg mindestens dreimal bereits ein Ticket sonst wohin gekauft hatte, nach Italien oder so, sich aber nie von uns hatte losreißen können. Zurück in der Schweiz trennte sich mein Weg von jenem der anderen beiden und es brach mir nach all den Monaten, die wir zu dritt verbracht hatten, das Herz. Ich war in C. verliebt und er wohl auch ein wenig in mich, aber viel mehr war er in Gabriela verliebt und sie in ihn, und also gingen sie eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein und zogen gemeinsam weiter nach Indien, um sich die komplette Dosis des globalen Millennial-Hippie-Programms zu gönnen: Rohkosternährung, Darmspülungen, Osho-Meditationen, Permakultur und so.
Aber all das war lange her, Gabriela und C. hatten sich inzwischen wieder getrennt, sie war in die Schweiz zurückgekehrt und hatte versucht, in verschiedenen Kommunen Halt zu finden, und er war wieder in Mexiko, wo er eine Avocado-Farm aus dem Kartellerbe seines Vaters, der in der Zwischenzeit gefoltert und von Kugeln durchlöchert eines Tages in irgendeinem Graben gefunden worden war, zu einem Permakulturbetrieb umstellte und mit Segelschiffen Avocado-Öl nach Kanada exportierte. Und ich saß in einem Sammeltaxi in diesem neapolitanischen Vorort am Fuße des Vesuvs und starrte raus auf den Verkehr, den ich nicht verstand. Ich hatte eigentlich gedacht, wenn ich nach Napoli führe, wäre einfach alles weg, beim ersten Einatmen der mit dem Gestank des liegen gebliebenen Mülls versetzten Meerluft. Aber es war alles noch da und ich konnte nicht einschlafen, in meinem Kopf drehte sich die Medienkrise, während draußen der Wind pfiff und sich die Wellen brachen. In mir breitete sich ein ausgeprägtes Unwohlsein aus, mein Körper fühlte sich seit Wochen fremd an. Ich dachte, ich hätte mich eingerichtet in der Welt und in meinem Körper. Ich dachte, das System zu stören, würde helfen, das System zu verstehen. Ich dachte, irgendetwas würde sich komplett verändern. Aber irgendwie war alles noch beim Alten. Unter meinen Augen lagen Schatten, und mein Leben, mein Körper: nichts als eine Summe von Unzulänglichkeiten.
Während der Fahrt las ich ein Büchlein mit einem hübschen Einband in Schwarz und einer Karte des Golfs von Napoli vorne drauf, geschrieben von einem Mann namens Alfred Sohn-Rethel, der sich in den 1920er-Jahren mit der ganzen deutschen Bohème auf der Insel Capri aufhielt. Über der Karte stand weiß auf schwarz der Titel des Büchleins: Das Ideal des Kaputten.
Wäre ich eine klassische Literatin gewesen, ich wäre wohl auch ein paar Monate dort am Fuße des Vesuvs geblieben oder vielleicht sogar auf der Insel Capri und hätte ein langweiliges, depressives Tagebuch geführt und es wäre unter dem Titel Notizen aus Torre del Greco erschienen, bei einem sympathischen kleinen Verlag, mit einem hübschen Einband, in Schwarz oder Grau, keine Ahnung. Aber ich war ja keine klassische Literatin, oder vielleicht auch schon, keine Ahnung. Jedenfalls saß ich nach einer Woche wieder im Zug, die Luft war schlecht und ich schlecht gelaunt, unter meinen Augen lagen Schatten und der Zug raste mit 300 km/h durch die Po-Ebene, zurück in die Schweiz.
Ein paar Wochen später schickte mir mein Vater eine E-Mail. Sie enthielt ein Foto, das mit caprisonne.JPG beschriftet war. Das Foto zeigte mich im Profil, wie ich in dieser heruntergekommenen Circumvesuviana saß und aus dem schmutzigen Fenster schaute, raus aufs Meer, und hinten erkannte man im Dunst: die Insel Capri. Es war bewölkt, aber an einer Stelle brach die Sonne milchig durch die Wolken. Ich trug alle meine gefälschten Adidas-Sportjacken übereinandergeschichtet und mein Gesichtsausdruck war herzzerreißend traurig.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



