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Fabian Kaiser / Arie van Bennekum
Scrum? Frag doch einfach!
Klare Antworten aus erster Hand
UVK Verlag · München

Fabian Kaiser ist Co-Gründer und Inhaber der Agile Heroes GmbH, einer der führenden Beratungen zum Thema Agiles Projektmanagement. Er ist Verfasser mehrerer Fachbücher zum Thema Agilität und Projektmanagement.

Arie van Bennekum ist einer der 17 Co-Autoren des Agilen Manifests. Er hat 1994 begonnen, auf die „sogenannte Agile Art und Weise“ zu arbeiten und ist seitdem nie wieder in alte Gewohnheiten zurückgefallen. Im Laufe der Jahre hat er sich zu einem Experten für Agile Transformationen entwickelt und ist bekannt für seine kraftvollen Vorträge auf Konferenzen, für Führungsteams und während (agilen) Transformationen.
© UVK Verlag 2021
‒ ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Internet: www.narr.de
eMail: info@narr.de
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Umschlagabbildung und Kapiteleinstiegsseiten: © bgblue – iStock
Autorenfoto: privat
ISBN 978-3-8252-5522-0 (Print)
ISBN 978-3-8463-5522-0 (ePub)
„Survival of the fittest“ – Ein Ausdruck, der in der Evolutionstheorie beschreibt, was passiert, wenn man nicht anpassungsfähig war. Heute beschreiben wir dies als agil. Und gerade das Jahr 2020 zeigt sehr eindrucksvoll, wie anpassungsfähig und agile Menschen und Unternehmen sein müssen und auch sein können. Auch dieses Buch entstand während der Coronakrise. Einer Krise, die uns wirtschaftlich und psychisch vor völlig neue Herausforderungen gestellt hat. Auf einmal tragen wir alle eine Maske. Unternehmen, die vorher völlig analog arbeiteten, müssen plötzlich sich und ihre Geschäftsmodelle völlig neu denken. Andererseits erleben Unternehmen wie Amazon und Zoom, die früher schon digital waren, einen wahrlichen Boom.
Fernab dem gesundheitlichen Aspekt dieser Krise, zeigt sie auf sehr eindrucksvolle Weise, dass das Evolutionsgesetz „Survival of the fittest“ auch in unserem Wirtschaftssystem weiterhin Gültigkeit besitzt.
Aus diesem Grund wird das Thema Agilität für jedes Unternehmen und jeden Menschen noch wichtiger als bislang. Die Herausforderung ist größer als dass „nur“ eine digitale Disruption zu bewältigen gilt.
Einer der elementarsten Bestandteile von Agilität ist das Prozessrahmenwerk Scrum. Eine Möglichkeit mit einer Auswahl an Prozessen und Techniken, auf schlanke Weise Produkte zu entwickeln und kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Wer sich heute im Jahre 2021 betroffen von aufstrebenden Tech-Startups oder Corona bedingten Veränderungen sieht, der kommt an den Themen Agilität und Scrum – und damit an diesem Buch – nicht vorbei.
Fabian Kaiser
Frankfurt, im Juli 2021
Agile ist nicht länger ein Trend, Agile ist der Standard. Gleichzeitig ist Agile immer noch voller Legenden, Mythen, offen für viele Interpretationen und oft haben die Menschen Schwierigkeiten, die Vorteile von Agile wirklich zu verstehen. Um ein tieferes Verständnis für das WARUM von Agilität und einer (beliebigen) Agile-Methode zu bekommen, ist es hilfreich, gemeinsam mit den jenigen, mit denen man später zusammenarbeitet, sich am Anfang zu alignen und zu besprechen, wie die agile Transformation ablaufen soll.
Diesem Zweck dient dieses Buch. Fabian und ich haben gemeinsam Antworten gefunden, die Ihnen und Ihrem Team weiterhelfen. Der Blickwinkel, der dafür gewählt wurde, war einfach, indem wir sehr prominente Fragen auswählten und uns gemeinsam darauf stürzten. Das Endergebnis ist dieses praktische Buch, das Ihnen als Leser eine wichtige Agile Methode, Scrum näher bringt.
Lesen Sie es zu Ihrem Nutzen und wenn Sie den Nutzen sehen, teilen Sie die Antworten dieses Buches mit den Menschen um Sie herum, mit genau dem gleichen Zweck, sich gegenseitig voran zu bringen.
Arie van Bennekum
Hardinxveld-Giessendam, im Juli 2021


Für was steht der Begriff Scrum?
Der Begriff „Scrum“ ist keine Abkürzung. Vielmehr ist Scrum metaphorisch zu sehen. Denn die Begrifflichkeit findet man neben dem hier gemeinten Prozessrahmenwerk auch im Rugby Sport. Hierbei beschreibt Scrum den Spielzug, bei dem alle Spieler auf einem dichtgedrängt stehen und durch eine Teamleistung versuchen den Ball zu ergattern.

Abb. 1
In der Metapher gesprochen ist hiermit gemeint, dass nur durch eine enge Teamleistung ein Ziel erreicht werden kann. Scrum, als Begriff beschreibt damit sehr eindrucksvoll die Grundhaltung hinter dem Scrum-Framework.

Ein Beispiel für den Rugby-Spielzug:
► https://youtu.be/VIfD0nuocVo
Hat Scrum eine Geschichte?
Und was für eine! Die beiden Erfinder von Scrum, Ken SchwagerKen Schwager und Jeff SutherlandJeff Sutherland, haben Scrum zum ersten Mal auf einer Software-Konferenz im Jahre 1995 in der heutigen Form vorgestellt. Das Besondere war, dass sie Scrum in einigen Jahren davor schon in Projekten angewendet haben und damit kontinuierlich verbessern konnten. Ihre Erfahrungen haben die beiden in einem offiziellen Dokument, dem →Scrum-Guide zusammengefasst.
Gestartet im Bereich der Software-Entwicklung schauen wir heute auf 90.000.000 Menschen, die Scrum kennen und anwenden – auch außerhalb der IT. Heute, gute 25 Jahre nach offizieller Bekanntmachung, erlebt Scrum einen echten Mainstream-Hype.

Abb. 2
Einerseits ist die Übertragbarkeit von Scrum auf andere Anwendungsbereiche ein Vorteil. Andererseits birgt es jedoch das Risiko, dass Scrum als Lösung für alles angesehen werden könnte, womit eine Enttäuschung vorprogrammiert ist.

Abb. 3
Umso wichtiger ist, die Beliebigkeit der Anwendung von Scrum entgegenzuwirken, um diese Methode weitere 25 Jahre in die richtige Richtung weiterzuentwickeln.

Ein Interview mit Jeff Sutherland:
► https://youtu.be/P_6Orv3R9Mg

Scrum ist ein nicht zu verkennender Teilbereich der Agilität. Man kann sagen, Scrum ist agil, aber Agile (Agilität) ist nicht Scrum. Scrum ist demnach ein agiles Prozessmodell innerhalb der Welt der Agilität. Und genau diese Welt ist es, die aktuell die berufliche Welt so sehr verändert. Jeder möchte agil sein bzw. jedes Unternehmen möchte agil sein.

Abb. 4
Aber was genau bedeutet Agile im wirtschaftlichen Kontext wirklich? Ist es das neue krawattenlose Büro-Erscheinungsbild? Ist es das Duzen, das von der Vorstandsebene bis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgereicht wird? Ist es das, morgendliche Kurzmeeting, welches auf einmal im Stehen abgehalten wird? Vielleicht auch.
Vielleicht sind das aber auch nur die Rand-Erscheinungen oder sichtbaren Symptome einer neuen, modernen Arbeitswelt, die zum Teil durch Agilität entstanden sind.
Agilität bedeutet aber weitaus mehr. Es bedeutet einen Mindset-Change des gesamten Unternehmens. Auf allen Hierarchieebenen. Ein Mindset-Change, der nicht nur das oben beschriebene Offensichtliche meint, sondern das Vertrauen durch Transparenz schafft. Ein Mindset-Change, der Selbstorganisation fördert und Talente zu kreativen Umsetzern macht. Ein Mindset-Change, der schnell entlang der Bedürfnisse einen Mehrwert für das wichtigste eines jeden Unternehmen stiftet: den Kunden. Ein Mindset-Change, der es schafft, eine offene und wertschätzende Fehlerkultur in den Unternehmensalltag zu bringen.
Erst wenn diese Meta-Ebene in einer Organisation erkannt und verstanden und akzeptiert wird, dann wird Agilität gelebt. Und erst, wenn man es schafft, Agilität so zu leben, dass man es nicht mehr Agilität nennen muss, dann kann man als Unternehmen nicht mehr scheitern.
Oft werden in diesem Zusammenhang Erfolgsbeispiele wie Google, Tesla oder Amazon genannt. Diese Unternehmen sprechen aber nie wirklich davon, dass sie jetzt agil sind. Sie leben einfach damit.

Hier erklärt der Autor in weniger als fünf Minuten Agilität:
► https://youtu.be/DAV5xGAVexw
Wieso wird Agilität aktuell gehypet?
Die Antwort hierauf verbirgt sich im letzten Absatz der vorangegangenen Antwort. Jeder möchte aktuell so werden, wie die oben genannten und vor allem am Aktienmarkt so beliebten Tech-Leader aus den USA. Aber so weit muss man noch nicht einmal fliegen, um Referenzunternehmen zu finden: Man kann sie auch in Marktnischen in Deutschland entdecken. Denn hier stellen etablierte, konventionelle Unternehmen fest, wie schnell und unvorhergesehen ein konkurrierendes, vielleicht sogar junges Startup-Unternehmen, einem doch den Rang ablaufen kann. Gute Beispiele sind hierfür:
FreenowFreenow (früher MyTaxiMyTaxi), die mit einer App den gesamten Taximarkt innerhalb von fünf Jahren verändert haben.
FlixbusFlixbus, eine günstige Plattform für Fernbusse, die nicht nur die Deutsche Bahn unter Druck setzen, sondern auch jeden privaten Busunternehmer in Deutschland dazu bringt sein Geschäftsmodell ohne Plattformteilnahme ernsthaft zu hinterfragen.
N26N26, die als Mobil-Bank aktuell jeden Tag 10.000 neue Kunden gewinnt und bei diesem Wachstum DAX notierte Banken in den nächsten zwei Jahren kundenseitig überholen wird
Auch diese Unternehmen brauchen keine Weiterbildung darüber, wie Agilität funktioniert. Sie sind der Inbegriff dessen. Außerdem sind sie für viele Unternehmen der handelsregistermanifestierte Inbegriff von Angst.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Unternehmen heute alle agil werden wollen, weil sie durch viele bereits agile Unternehmen unter Druck gesetzt werden, weil sie von externen Umwelteinflüssen wie Corona unter Druck gesetzt werden oder weil sie durch die Erfolge der fabelhaften GAFA-Unternehmen (GoogleGoogle, AppleApple, FacebookFacebook, AmazonAmazon) motiviert werden.

Magazin „Warum Agilität kein Hype ist“, https://www.agile-heroes.de/magazine/agilitaet-kein-hype/

Abb. 5
Ist Scrum so beliebt, weil Agilität gehypet ist?
Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Grundsätzlich gilt, dass Agilität aktuell ein echter Hype ist. Wenn man sich mit dem Thema Agilität näher beschäftigt, wird man über kurz oder lang nicht an Scrum vorbeikommen. Denn wer agil werden will, der fragt sich natürlich schon bald: Wie. Beziehungsweise welche Best Practise Frameworks kann ich anwenden, um agil bzw. agiler zu werden? Der Agilitätshype spielt dem Framework von Scrum demnach in die Karten. Aus diesem Grund könnte man dieser These nachkommen und sagen, dass Scrum gerade so beliebt ist, weil es auch Agilität ist.
Scrum ist in der Welt der Agilität allerdings nicht das einzige Framework. Jedoch das bekannteste bzw. das am häufigsten verwendete. Im Zuge dessen könnte man sich natürlich fragen, wieso es gerade Scrum war oder ist, das mit Abstand am meisten Verwendung findet?

Abb. 6
Die Antwort darauf könnte sein: Weil es das beste Framework ist. Eine andere Antwort könnte sein: Weil die Erfinder das beste Marketing gemacht haben. Welche Antwort man auch findet, eine echte Garantie, dass diese richtig ist, kann man nicht abgeben.
Fakt ist jedoch: Viele erfolgreiche Produkte und Projekte werden mit Scrum durchgeführt. Viele Unternehmen schwören darauf. Und last but not least ist Agilität ein Megatrend. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus all diesen Faktoren, die dazu geführt haben, dass Scrum das mit Abstand bekannteste und scheinbar beliebteste Framework.
Wo wird Scrum eingesetzt?
Als im Jahr 1995 Ken Schwaber und Jeff Sutherland das Scrum-Framework in seiner heutigen Form vorstellten, waren die dort niedergeschriebenen Erfahrungswerte ausschließlich im Bereich der Software-Entwicklung gemacht worden. Heute, 25 Jahre später, ist es immer noch so, dass die Mehrzahl der Anwendungsfälle im Softwarebereich liegen. Ohne hier auf Statistiken zurückgreifen zu können, wären realistische Schätzung im 80 %-Bereich zu taxieren. Hintergrund ist hierbei, dass die Software der perfekte Use Case für Scrum ist. Denn (vereinfacht gesagt) ein Button in einer App ist in zwei Minuten angepasst. Ein Türgriff in einem Haus hingegen ist mit deutlich höherem Aufwand zu ändern. Hiermit stellt sich unmittelbar die nächste Frage:
Ist Scrum überhaupt überall anzuwenden?
Und die klare direkte Antwort zu der Frage ist: Nein. Scrum ist nicht überall anwendbar. Zumindest nicht in seiner vollständigen Form, die dann aber auch per Definition nicht mehr Scrum wäre. Es gilt jedoch zu beachten, dass fernab der in Scrum niedergeschriebenen Definition „Scrum ist nur in seiner Reinform wirklich Scrum“, natürlich Teile davon in komplett unterschiedlichen Branchen, Unternehmen und Projekten Anwendung finden kann und jene Menschen dann gerne auch publik machen, sie würden nach Scrum arbeiten.
Um aber hier die Frage, wo und wann Scrum eingesetzt wird, seriös beantworten zu können, muss die Frage gestellt werden, welchen Mehrwert eine Arbeit von Scrum bringt.
Der Mehrwert bezieht sich hierbei – ohne an dieser Stelle ins Detail zu gehen – neben den vielen team- und softskillbasierten Mehrwerten, vor allem auf die schnelle Entwicklung und Lieferung auf Produktkomponenten. „Schnell“ bedeutet hierbei frühestens alle 14 Tage.
Welchen Vorteil bietet es aber, eine neue Produkt-Komponente alle 14 Tage fertigzustellen oder gar auf den Markt zu bringen? Ganz einfach: Feedback von den Kunden. Hierdurch ermöglicht man eine Entwicklung, bei der der Kunde im Entwicklungsprozess sehr stark eingebunden ist. Der Kunde kann Feedback geben und man kann weiter an seinem Produkt arbeiten – und zwar so, wie es dem Kundenbedürfnis am ehesten entspricht. Der KundeKunde muss dann nicht wieder ein ganzes Jahr, sondern lediglich 14 Tage auf die Berücksichtigung oder Einarbeitungen des Feedbacks warten. Das bedeutet einerseits, dass man sehr schnell erkennt, ob die kundenseitige Anforderung in die Realität umgesetzt, wirklich das bringt, was man sich erhofft hat. Andererseits wird das Risiko reduziert etwas zu entwickeln, was vollkommen am Kundenbedarf vorbeigeht. In diesem Fall wäre eine Zeitverschwendung von 14 Tagen im Vergleich zu einem Jahr sehr viel kostengünstiger.
Wer ist der Kunde und was ist das Produkt?
Wer der Kunde ist, ist völlig frei zu definieren. Hierbei kann es sich um den klassischen Endkunden handeln, es kann aber auch ein unternehmensinterner Kunde sein – also beispielsweise eine Unternehmensabteilung.
Auch das Produkt, das hier generisch beschrieben wird, ist frei wählbar. Jedoch fällt schnell auf, dass diese Produkte, die im besten Fall 14 Tage bis zur Auflieferung brauchen, eher Software basiert sind.
Hierbei ist TeslaTesla wieder einmal ein sehr gutes Beispiel. Ein Tesla Model 3 ist in seiner Hardware nach Auslieferung nur noch schwer, nämlich über Werkstattbesuche oder Rückrufaktionen, zu ändern oder gar weiterzuentwickeln. Darüber hinaus kann ein bestehendes analoges Produkt eher schwer umgebaut werden – im Vergleich zu einer Software. Es kann am Auto nicht mühelos ein Teil weggesägt werden und ein neues hinzugefügt werden. Dies würde jegliches Kosten-Nutzen-Verhältnis zerstören.
Anders sieht es bei der Software des Fahrzeugs aus: Ob der Software-Entwickler einen Button oder gar eine ganze Funktion ändert, ist im Verhältnis kein großer Aufwand. Hinzu kommt, dass diese Änderung nur ein einziges Mal durchgeführt werden muss und dann „per Knopfdruck“ über das Internet in jedes Tesla-Fahrzeug weltweit eingebunden werden kann. Und wenn es am Ende nicht den erhofften Mehrwert für den Kunden bringt, dann kann es auch wieder relativ einfach entfernt werden.
Das beschreibt einfach und gleichzeitig eindrucksvoll, wo Scrum wirklich seinen vollen Mehrwert im Produktbereich entfalten kann. Weitere Mehrwerte sind neben der schnelleren und bedarfsgerechten Produktentwicklung, vor allem im Team-Softskill-Bereich einzuordnen.

Um dieser Frage gerecht zu werden, lohnt es sich etwas mehr im Bereich des Projektmanagements auszuholen. Grundsätzlich werden drei Projektmanagementansätze unterschieden:
klassisch
agil
hybrid
Klassisch:
Klassisches ProjektmanagementProjektmanagement beschreibt demnach einen Ansatz, ein Projekt von Anfang bis Ende grob durchzuplanen und dabei lange, über mehrere Monate andauernde Phasen zu durchlaufen und am Ende mit einem „Big Bang“ das Produkt auf den Markt zu bringen. Wer sich jetzt an das Beispiel aus den vorherigen Kapiteln erinnert, dem wird auffallen, dass wir dort nie ein Produkt in einem „Big Bang“ auf den Markt gebracht haben, sondern dieses Produkt immer inkrementell, also Stück für Stück, mit dem Markt entwickelt haben.

Was ist klassisches Projektmanagement; ► https://www.youtube.com/watch?v=FKCom8wziEk

Abb. 7
Agil:
Wirft man nun einen Blick auf das agile Vorgehen, so fällt auf, dass die Phasen aus dem klassischen Projektmanagement auch hier Anwendung finden, diese aber nicht einmalig über einen langen Zeitraum funktionieren, sondern innerhalb unserer beispielhaften 14 Tage. Also viel schneller. Das Produkt ist dann ebenfalls zur selben Zeit wie im klassischen Beriech im „finalen“ Zustand angekommen, jedoch in einer ganz anderen Ausprägung. Und: Teile des jetzt finalen Produkts waren bereits viel früher für den Kunden verfügbar. Dadurch ergeben sich schnelles Feedback vom Kunden und auch ein bereits generierter Umsatz.
Hybrid:
Hierbei wird über ein agiles Vorgehen auf Team-Ebene, ein klassisches Projektmanagement gestülpt. Hintergrund ist, dass Unternehmen, die aus dem Bereich des klassischen Projektmanagements ein Zwischenmodell fahren wollen, um keine erheblichen Veränderungen beispielsweise in der Unternehmensorganisation durchzuführen. Weitere Vorteile der hybriden Vorgehensweise sind, dass man Teams in den Genuss von agiler, selbstorganisierter Arbeit kommen lassen will, aber dennoch ein Projekt mit einem „Big Bang“ auf den Markt bringen will. Ein hybrides Vorgehen birgt neben der großen Chance, Vorteile aus beiden Welten zu vereinen, das große Risiko am Ende mit den Nachteilen aus beiden Welten zu arbeiten.
Nach Differenzierungsdarstellung wird klar, dass ein agiles Vorgehen – auch im Projektmanagement – mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie ein klassisches Vorgehen komplett verdrängen wird. Vielmehr gilt es für jedes Vorhaben die Frage zu beantworten, wann wird welches Modell eingesetzt?
Diese Frage ist gewiss nicht das erste Mal gestellt worden. Hier hilft das Cynefin-Framework weiter.

Ein Lehr- und Fachbuchklassiker: ist das ebenfalls bei utb erschienene Werk Projektmanagement von Franz Xaver Bea, Steffen Scheurer und Sabine Hesselmann:
https://www.utb.de/doi/book/10.36198/9783838587066
Was versteht man unter dem Cynefin-Framework?
Um dieser sich immer wieder wiederholenden Frage, wann geht man agil und wann klassisch an ein Projekt heran, mit einer soliden Antwort zu entgegnen, kommt man an dem CynefinCynefin-Framework nicht vorbei. Auch große und bekannte Projektmanagementmethoden wie PRINCE2PRINCE2 erwähnen es, um diese zentrale Frage zu beantworten.
Hintergrund dieses Frameworks ist es, durch verschiedene Sachverhaltsbeispiele herauszufinden, welches Vorgehen zu welcher Herausforderung möglicherweise am besten passt. Wichtig dabei ist das Wort „möglicherweise“. Denn auch ein Cynefin-Framework oder eine Voreinschätzung der Ausgangssituation kann sich irren. Es gibt damit keine Garantie die richtige Wahl zu treffen. Es hilft allerdings dabei, das Risiko der falschen Vorgehensweise zu reduzieren.
Im Folgenden wird das Cynefin-Framework in der vollen Breite, jedoch nicht in der vollen Tiefe durchleuchtet.

Abb. 8
Schaut man sich nun das verbildlichte Cynefin-Framework an, so fällt auf, dass es hierbei 5 Bereiche gibt, welche als unterschiedliche Herausforderungslagen beschrieben werden:
Obvious,
Complicated,
Complex,
Disorder (mittleres, unbeschriftetes Feld) und
Chaotic.





