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»Die ökonomische Führung fiel an Menschen, die nicht wussten, wie man eine Wirtschaft leitet. Die Republik war wie im Fieber, übte sich in endlosen Meetings und Demonstrationen, während das tschetschenische Erdöl still und heimlich in unbekannte Richtung abfloss. Als Folge dieser Ereignisse begann im November-Dezember 1994 der erste Tschetschenien-Krieg.«69
Die russische Strategie, die unterschiedlichen teips gegeneinander auszuspielen, schlug fehl, da diese sich stattdessen verbündeten, und das gemeinsame tschetschenische Nationalbewusstsein kulminierte. Infolgedessen wurden den russischen Truppen zahlreiche Verluste während der Gefechte im Zuge des Sturms auf Grosny von tschetschenischen Einheiten beigebracht.70 Nach vier Monaten andauernder Kämpfe war die Stadt stark zerstört, und der Krieg erstreckte sich über das ganze Land.71 Im Jahr 1996 gab es auf russischer sowie auf tschetschenischer Seite über 200 000 Opfer zu beklagen.72 Mitte des Jahres 1996 reiste der Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, General Alexander Lebed,73 nach Tschetschenien, um ein Ende dieses Krieges mit den Tschetschenen auszuhandeln. Im August 1996 kam es zu einem Friedensschluss in Form einer politischen Artikulation, der Chassawjurt Erklärung74, sowie der Aushandlung von »Prinzipien für die Bestimmungen der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Tschetschenischen Republik«, welche einen Status der »Nicht-Kriegszeit« für fünf Jahre festlegte und von Lebed und Maschadow, Dudajews früherem Generalstabschef, unterzeichnet wurde.75 Die russischen »Förderations-Streitkräfte« waren mit Chassawjurt nicht zufrieden, da dieser Vertrag sie ihrer Ansicht nach daran hinderte, »die Sache zu beenden und sie stattdessen öffentlich demütigte«.76
Nach dem ersten tschetschenisch-russischen Krieg, bei dem Russland schwere militärische Niederlagen erfahren und in der Folge Reparationsleistung an Tschetschenien zugesichert, jedoch nie gezahlt hatte77, erstarkte eine wahabitisch geprägte Religionsgemeinschaft in Tschetschenien, die von dem saudischen Omar Ibn al-Chattab78 angeführt wurde und die tschetschenische Bevölkerung mit Geld und extremistischer Ideologie vereinnahmte79, die u. a. den kriegerischen Dschihad als ehrbare Aufgabe und die Gemeinschaft der Wahabiten als bedeutsamer als den Zusammenhalt der traditionellen teips, der tschetschenischen Klan-Struktur, postulierte.80
Dudajews Nachfolger wurde Anfang des Jahres 1997 Aslan Maschadow,81 Dudajews früherer Generalstabschef und ehemaliger Oberst der sowjetischen Armee.82 Im Mai 1997 unterzeichnete Maschadow einen »Vertrag über Frieden und die Prinzipien friedlicher bilateraler Beziehungen«83 mit Jelzin.84 Weitere Friedensbeziehungen wurden jedoch von verschiedenen, untereinander verfeindeten, militärischen Anführern85, darunter u. a. Schamil Bassajew86, ein radikal-islamischer Fundamentalist, gestört. Dieser nutzte den verzögerten staatlichen Strukturaufbau und die damit verbundene, desolate Situation der Bevölkerung in Tschetschenien mit Hilfe saudischer Geldgeber und wahabitischer Gelehrten dazu, um die zunehmende Perspektivlosigkeit in Kriminalität und radikal-islamischen Terrorismus zu kanalisieren.87 Bassajew ist in Bezug auf seine inkonsistente Loyalität als eine schillernde Persönlichkeit zu bezeichnen, da er sowohl mit Dudajew Seite an Seite in der sowjetischen Armee gekämpft hatte, Feldkommandeur im tschetschenischen Widerstand während des ersten tschetschenisch-russischen Kriegs war, jedoch zugleich vom russischen Auslandsgeheimdienst, Hauptverwaltung Aufklärung (GRU) des Generalstabs der Russischen Föderation, ausgebildet und als Söldner der Abchasen, die vom Kreml protegiert wurden, im Georgisch-Abchasischen Krieg, der von 1993 bis 1994 stattfand, gekämpft hatte.88 Zudem zeichnet er für den 1995 organisierten Streifzug seiner Truppen in Richtung Budjonnnowsk verantwortlich, bei dem sowohl Patienten als auch Personal eines Gebietskrankenhauses sowie eines Entbindungsheimes als Geiseln genommen wurden.89 Es kann demnach konstatiert werden, dass Bassajew und nicht Maschadow mit zivilen Geiselnahmen von sich reden machte und diese ohne zu zögern für seine politischen Zwecke einsetzte.90
Am 23. Juni 1998 gab es einen Attentats-Versuch auf Maschadow, den dieser jedoch überlebte, und drei Monate später verlangten die Feldkommandeure, die von Bassajew angeführt wurden, der zu dieser Zeit Premierminister Tschetscheniens war, Maschadows Rücktritt und trieben das Land durch ihre Partikularinteressen selber fast in einen Bürgerkrieg.91 Selbst die Einführung der Schariats-Jurisdiktion zu Beginn des Jahres 1999, nach der eigenmächtig agierende Feldkommandeure öffentlich exekutiert wurden, konnten die Segregationsbestrebungen der einzelnen Gruppen nicht mehr unterbinden.92
Zusammen mit Chattab93 unternahm Bassajew im Juli 1999 den Versuch, das Nachbarland Dagestan in den tschetschenischen Widerstand gegen Russland zu involvieren,94 indem beide mit ihren Truppen in die dagestanischen Siedlungen Sondak, Rachata, Bottlich und Ansalta im Gebirge sowie in die Täler Karamachi sowie Tschabanmachi vordrangen,95 was Putin im Oktober 1999 dazu veranlasste, russische Truppen nach Tschetschenien zu entsenden.96 Der nun beginnende, zweite tschetschenisch-russische Krieg97 wurde als »Kampf gegen den Terror im Nordkaukasus« deklariert98, was aufgrund der Vorgeschichte beider Länder als Kriegsgrund recht monokausal wirkte, obwohl zweifellos das Erstarken radikal-islamischer Kräfte eine tatsächliche Rolle im zweiten Krieg spielte, jedoch nicht ursächlich dafür war, sondern, wie zuvor beschrieben, als Folgeentwicklung aus dem ersten Krieg betrachtet werden kann, die Tschetschenien in desolate wirtschaftliche und soziale Verhältnisse zurückgeworfen und damit den Boden für wahabitische Extremisten bereitet hatte.99 Putin kultivierte als neuer russischer Premierminister seine Reputation als »eiserne Faust« gegenüber russischen Gegnern und wurde im März 2000 durch die Konstruktion dieses Images zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Obwohl er mehrfach die Möglichkeit gehabt hätte, den Krieg zwischen Tschetschenien und Russland zu beenden, beließ er es bei diesem lt. Politkovskaja auch unter der Voraussetzung, dass »ein Krieg Russlands im Kaukasus chronischen Charakter annehme, aufgrund von den folgenden fünf Vorteilen für Russland«100 dabei:
(1)Um die oberen militärischen Ränge nicht zu verärgern, indem er militärische Artikulationsfläche schuf, auf der sie ihre Abzeichen, Auszeichnungen und Karrieren aufbauen könnten.
(2)Um den mittleren sowie unteren militärischen Dienstgraden ihre von den Vorgesetzten legalisierten Diebeszüge in der Zivilbevölkerung als »zuverlässige« Nebeneinkunft zu gewährleisten.
(3)Um beiden Gruppen die illegale Ausbeutung tschetschenischer Erdölförderung zur persönlichen Bereicherung weiterhin zu ermöglichen.
(4)Um den von Moskau entsandten bzw. bestimmten tschetschenischen Verwaltern, die als »die neue tschetschenische Macht« bezeichnet werden, weiterhin deren persönliche Bereicherung aus den Budgetmitteln des tschetschenischen Wiederbaus zuzugestehen.101
(5)Um aus PR-technischen Gründen den Kreml vor kritischen, innenpolitischen Fragen zur wirtschafts-politischen Entwicklung Russlands immer dann zu schützen, wenn die jeweiligen »Beweislagen« zu erdrückend zu werden drohten.102
Maschadow musste aufgrund des russischen Übergriffs in den Untergrund fliehen, und Putin setzte im Juni 2000 Achmad-Hadshi Kadyrow103 als tschetschenischen Verwaltungschef ein.104 Die Tschetschenen betrachteten jedoch Maschadow nach wie vor als Präsidenten, während die Russen Kadyrow sen., der noch im Jahr 1994 Mufti von Tschetschenien war und zum Gasawat (Heiligen Krieg) gegen die Russen aufrief, nach seiner persönlichen Annäherung an Russland und Putin als gemäßigteren Verwalter Tschetscheniens ansahen. Maschadow wurde hingegen von russischer Seite unterstellt, dieser schrecke auch vor zivilen Geiselnahmen zur Durchsetzung seiner Ziele nicht zurück, was tatsächlich nicht der Fall war.105 Im Oktober 2003 wurde Kadyrow sen. in einer höchst umstrittenen Wahl zum Präsidenten Tschetscheniens gekürt und nur wenige Monate später, im Mai 2004 Opfer eines Anschlags im Stadion von Grosny.106
Seitdem ist sein Sohn Ramsan Kadyrow107 der neue tschetschenische Präsident ›von Moskaus Gnaden‹.
Maschadow wurde im Jahr 2005, eine Woche, nachdem er Putin ein Friedensangebot unterbreitet hatte, von einer FSB-Sondergruppe getötet.108
Seit dem Jahr 2008 verließen zigtausende Tschetschenen ihre Heimat und zogen verstärkt nach Europa, hier insbesondere nach Belgien.109 Aus dieser Tatsache lässt sich z. T. die starke Gewaltaffinität der belgisch-dschihadistischen Szene ableiten, wie im Kontext der Feldforschung im europäischen salafistisch-dschihadistischen Milieu konstatiert werden kann.110
Die kategorischen Versuche Russlands, sowohl die ursprüngliche tschetschenische Bevölkerung staatlich gesteuert zu enteignen und sich ihre Bodenschätze anzueignen, indem man versuchte, diese auszusiedeln, zu inhaftieren oder zu ermorden, als auch sie ihrer Sprache zu berauben, wenn man das zuvor erwähnte, dreizehnjährige Sprachverbot betrachtet,111 wirken wie ein gezielter Versuch, eine Volksgruppe ihrer Identität zu berauben. Darüber hinaus mutet das Bestreben, tschetschenische junge Männer willkürlich bei den erörterten »Säuberungsaktionen« zu verstümmeln,112 zu entmannen und als potentielle Gegner frühestmöglich zu demoralisieren, in Verbindung mit der staatlich gesteuerten Konstruktion des Bildes vom »wilden« und scheinbar »unkultivierten Tschetschenen«113 mittels russischer Medien wie ein Indikator für das über Jahrhunderte betriebene Vorhaben an, einen Genozid an dieser Volksgruppe zu verüben.114 Warum diese anti-tschetschenische russische Politik seit so langer Zeit praktiziert wird, ist fraglich und vermutlich nicht ausschließlich wirtschaftlichen Gründen geschuldet, sondern entspricht vielmehr einem Konglomerat von autoritären Herrschaftsansprüchen gegenüber sämtlichen umliegenden Regionen Russlands und einem ausgeprägten Überlegenheitsgefühl hinsichtlich anderer Kulturen, Religionen und Ethnien, der durchaus als ›russischer Orientalismus‹ bezeichnet werden darf.
Wie im weiteren Verlauf anhand der Biographien der drei Tschetscheninnen erkennbar werden wird, erscheint Politkovskajas Fazit hinsichtlich der tschetschenischen Geschichte im Kontext der vorliegenden Untersuchung über die Gründe junger Tschetscheninnen, sich in den kriegerischen Dschihad zu begeben, als sehr plausibel, da die Journalistin konstatiert, dass die »prinzipielle Bedeutung von Freiheit und Unabhängigkeit des Kaukasus von Russland«, die durch die zwei Nationalhelden Mansur und Schamil personell in das kollektive Gedächtnis Tschetscheniens eingegangen ist, deshalb besonders prägend für »die tschetschenische Nationalpsychologie war, weil die Heimsuchungen und Nöte Tschetscheniens von Generation zu Generation immer wieder mit Russland in Verbindung gebracht würden«.115
3.Gasawat
Die tschetschenischen Kämpferinnen verwenden in ihren Ausführungen zur ›Notwendigkeit‹ des Kampfes oftmals den Begriffs Gasawat, um ihre Teilnahme am kriegerischen Dschihad zu begründen.116 Der Begriff Gasawat bedeutet in der Übersetzung »Heiliger Krieg« und bezieht sich auf den Aufruf des ersten Imams des nördlichen Kaukasus, Scheich Mansur, an die lokalen Bauern und Stämmen, sich in Form des Gasawats gegenüber jeglicher Form sozialer Ungerechtigkeit, den Russen sowie deren regionalen Verbündeten, die als personifizierte Unterdrücker und Helfer des Bösen betrachtet wurden, zu erheben.117
Inwiefern korrespondiert der hier beschriebene religiös legitimierte Volksaufstand jedoch mit der gegenwärtigen Dschihad-Teilnahme der tschetschenischen Kämpferinnen? Und wie ist es möglich, dass tschetschenische Frauen am Kampf teilnehmen, obwohl das kaukasische Moralgesetz Adat der Frau weder die Rolle der Rächerin noch die der Kämpferin zugesteht?118
Um diesen Zusammenhang zu begreifen, empfiehlt sich ein kurzer Exkurs in die Konzeption des Terminus Dschihad. Der Begriff Dschihad leitet sich aus dem arabischen Wort

Während das Kaukasus Emirat, als eine dschihadistische Gruppe mit Verbindungen zu Al-Qaida (AQ), bis zu Beginn der 2000er Jahre maßgeblich für terroristische Aktionen verantwortlich war, verlor diese Bewegung seit der Entstehung des Islamischen Staates, dem gegenüber viele lokale DschihadistInnen den Treueeid ablegten, an Bedeutung, obwohl das Kaukasus Emirat nach wie vor über zahlreiche Unterstützer verfügt, die in seinem Namen Anschläge verüben.125 Es existieren inhaltliche Übereinstimmungen hinsichtlich der dschihadistischen Ideologie des Kaukasus Emirats und der Gruppe Junud al-Sham, welcher die Respondentinnen vermeintlich angehören, bspw. im Hinblick auf die Ablehnung Andersgläubiger oder die Rechtfertigung von Gewalt.126 Unterschiede finden sich in Bezug auf die nationalstaatlichen Bestrebungen, die während der Interviews mit den Tschetscheninnen zum Teil erkennbar wurden und im weiteren Verlauf dieser Untersuchung detailliert werden.
4.Tschetscheninnen
»Wir sind geboren in der Nacht, als die Wölfin Junge warf.
Früh beim Löwengebrüll gab man uns unsere Namen.
In Adlernestern fütterten uns unsere Mütter,
Stiere zu zähmen lehrten uns unsere Väter.
Unsere Mütter weihten uns unserem Volke und unserem Lande.
Wenn sie uns brauchen, stehen wir ohne Furcht auf.
Wir wuchsen mit Bergadlern in der Freiheit auf.
Schwierigkeiten und Hindernisse überwanden wir mit Würde.
Eher schmelzen die Feuersteinfelsen zu Blei,
als dass wir in Leben und Kampf unsere Würde aufgeben.
Eher bricht die Erde durch die brennende Sonne,
als dass wir unsere Ehre verraten.
Nie sind wir irgendjemandem Untertan.
Entweder Freiheit oder Tod.
Ein Drittes gibt es für uns nicht.
Unsere Schwestern heilen unsere Wunden mit Liedern,
die Augen unserer Geliebten geben uns Kraft für den Kampf.
Beugt uns der Hunger, werden wir an den Wurzeln nagen.
Krümmt uns Durst, werden wir Tau vom Gras trinken.
Wir sind geboren in der Nacht, als die Wölfin Junge warf.
Diener sind wir nur Gottes, des Volkes und des Vaterlandes.«127
Die aufgeführte tschetschenische Nationalhymne zeigt sehr deutlich den Wertekanon, der jedem Tschetschenen von Geburt an vermittelt wird: Stolz, Tapferkeit, Würde, Ehre, Furchtlosigkeit, Mut, Durchhaltevermögen und der unbezähmbare Wille nach Freiheit, der von einem ausgeprägten Nationalbewusstsein und einer tief verwurzelten Frömmigkeit begleitet wird. Sie ist zugleich ein Abbild der wesentlichen Charaktereigenschaften, die im weiteren Verlauf der vorliegenden Untersuchung hinsichtlich der drei Kämpferinnen mit tschetschenischen Wurzeln sehr deutlich zutage treten werden, unabhängig davon, ob sie die tschetschenisch-russischen Kriege selber erlebt oder nur in der familiären Retrospektive erzählt bekamen. Wie im weiteren Verlauf erkennbar wird, internalisierten offensichtlich alle drei Respondentinnen den Wortlaut der tschetschenischen Nationalhymne dergestalt, als ob es sich dabei um ihr fleischgewordenes Schicksal handeln würde.
Die Interview-Partnerinnen wurden in Neu-Ossetien und Inguschetien geboren, die sich selbst als »Bruderländer« Tschetscheniens verstehen und die zu Kriegszeiten sehr viele geflohene Tschetschenen aufnahmen.128 Da sich alle drei Dschihadistinnen in der Selbstbeschreibung als Tschetscheninnen betrachten und ebenfalls primär für ›die tschetschenische Sache‹ ihrer Familien, die tschetschenischen Ursprungs sind, einstehen, werden sie in der Folge als Tschetscheninnen bezeichnet.
Die Interviews mit den Tschetscheninnen wurden in zwei deutschen Städten, hiervon eine Stadt im Norden sowie eine Stadt im Osten Deutschlands, geführt.129 Die Respondentinnen befanden sich an diesen spezifischen Orten, da sie eigenen Aussagen zufolge über nicht näher thematisierte Verbindungen zu Familienangehörigen deutscher und deutsch-türkischer Dschihadisten verfügten, die kurzzeitig bei der tschetschenisch dominierten130 Gruppe Junud al-Sham von Murad Margoshvili (Abu al-Walid al-Shishani)131 in Syrien kämpften.132
5.Namensgebung und mögliche Ursachen der Dschihad-Teilnahme
Wie bereits geschildert, werden die tschetschenischen Dschihadistinnen in der Öffentlichkeit häufig als Schwarze Witwen bezeichnet. Dieser Name erinnert zunächst an eine Spinnenart, die ihren männlichen Partner nach dem Liebesspiel verspeist.133 Tatsächlich weist die Namensgebung im vorliegenden Fall jedoch keinen Fauna-Bezug auf, sondern ist, neben dem Verweis auf die schwarze Ganzkörperverschleierung der Protagonistinnen, vielmehr Ausfluss der nüchternen Realität, dass die meisten Selbstmordattentäterinnen mit tschetschenischem Hintergrund, häufig verwitwete Frauen waren, die aus Trauer um ihren Verlust, Vergeltung an den ›Tätern‹ üben wollten. Zudem handelte es sich bei ihnen um Frauen ›fortgeschrittenen‹ Alters,134 die aus individueller Perspektivlosigkeit und um den Eltern die vermeintliche Schande zu ersparen, eine ›ältliche‹ Tochter ihr Leben lang mit ernähren zu müssen, in den Dschihad gingen.135 Ein dritter Grund für die Tschetscheninnen, in den Dschihad zu ziehen, liegt in der beruflichen Perspektivlosigkeit, die noch immer in vielen Regionen Tschetscheniens vorherrscht und insbesondere die Frauen betrifft.
Diese grundsätzliche Perspektivlosigkeit ermöglicht den sogenannten ›Anwerberinnen‹ eine besonders ›leichte‹ Rekrutierung der jungen Frauen, die sie mit wahabitischer Literatur und Kleidung zunächst religiös indoktrinieren, um im weiteren Verlauf – auch über Süßigkeiten und Geld – das bereits initiierte Vertrauensverhältnis zu vertiefen.136 Wenn jenes Vertrauensverhältnis einigermaßen gefestigt ist, bringen sie die jungen Frauen entweder nach Russland oder zu einem anderen Zielort, setzen sie dort unter Drogen und unterstellen sie somit ihrer permanenten Kontrolle.137 Zum Teil spielen ihnen verwandte oder fremde ›Cousins‹ zudem vor, sie zu lieben und umgarnen sie mit Aufmerksamkeit und scheinbarer Liebe, die sie zu Hause nie bekamen. Durch diese intensive Zuwendung, die häufig mit der Gabe von weiteren Geschenken einhergeht, erlangen sie das Vertrauen der jungen Frauen, und es gelingt ihnen in der Folge oftmals, sie zu verführen, wodurch diese ihre Jungfräulichkeit verlieren.138 Der Verlust dieser sexuellen ›Unschuld‹ bedeutet in tschetschenischen Kreisen, die zumeist sehr puritanisch geprägt sind und bei denen oftmals, in ähnlicher Weise wie in anderen Kulturen auch, die »Ehre der Familie« über die Frau139 definiert wird, eine zusätzliche ›Schande‹, die die Tochter ihrer Familie – neben der beruflichen und familiären Ausweglosigkeit durch ihren Single-Status – bereiten würde.140 Aufgrund der geschilderten, perfiden Vorgehensweise der ›Anwerberinnen‹, den arrangierten sexuellen Kontakten und dem damit einhergehenden scheinbaren ›Ehrverlust‹ der jungen Frauen, willigen diese infolge ihrer scheinbar ›allgemeinen‹ Ausweglosigkeit ein, ihr Leben ›für‹ Tschetschenien, die Muslime oder die ›gemeinsame Sache‹ hinzugeben.
Warum immer noch die Frauen hierfür instrumentalisiert oder benutzt werden, ergibt sich zum einen aus der Annahme, dass weibliche Attentäterinnen weniger oft kontrolliert werden als männliche, weil man dem weiblichen Geschlecht diese Form der Gewaltanwendung weniger zutraut.141 Zum anderen ergibt sich dieser Umstand aus der Tatsache, dass männliche Tschetschenen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, denen noch immer in Tschetschenien ansässigen russischen Milizen als potentielle Gefahr für die russische Obermacht gelten. Jene russische Hegemonie über Tschetschenien wird durch den tschetschenischen Verbündeten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Präsident Ramzan Kadyrow, und seine Milizionäre vertreten, die die jungen Tschetschenen häufig entführen und körperlicher142 sowie sexueller Misshandlungen unterziehen. Um ihren Söhnen diese Torturen zu ersparen, bringen ihre Mütter sie zumeist vor dem Erreichen der Adoleszenz ins benachbarte Ausland.143
Eine weitere Gruppe junger Tschetscheninnen hat sich für den Dschihad entschieden, weil sie sich aufgrund der Erzählungen der Familie, wie »schön und wild Nokhchi Mokhk« vor der Okkupation durch die Russen gewesen sei144 und was diese den Tschetschenen angetan hätten und noch immer antun,145 in der Pflicht sahen bzw. sehen, in den Kampf zu ziehen.




