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Ich wunderte mich, dass hier so viel Aufhebens gemacht wurde, bloss weil ich gestorben war. Diese Tatsache war für mich total in Ordnung und genau das wollte ich dem gestressten Chirurgen auch mitteilen. Ich schwebte also von meiner Position an der Decke herunter, wollte ihn am Arm fassen und sagte laut: »Sie können aufhören. Sehen Sie denn nicht, dass ich tot bin?« Mit Staunen stellte ich aber fest, dass mein Arm, mit dem ich ihn packen wollte, durch seinen Körper hindurchfuhr und er mich offenbar nicht hören konnte. Logisch, dachte ich, ich hatte ja gar keinen Arm mehr, überhaupt keinen Körper und auch keine Stimme mehr, ich bestand ja nur noch aus Geist. Ich befand mich in einer anderen Dimension, in der geistigen Welt. Es war nur die Erinnerung an meinen Körper und die Gewohnheit, die mich wie ein körperliches Wesen agieren liessen.
Dank dieser Einsicht verlor ich das Interesse an der Szene und verliess sie. Das heisst, ich wurde durch die Decke hindurch weggezogen und in eine Umgebung hineinkatapultiert, die mir völlig unbekannt war, ich hatte keinerlei Erfahrungswerte, die einen Vergleich ermöglichten. Ich befand mich in einer Art Nebel und raste für mein Empfinden mit Lichtgeschwindigkeit in eine Richtung, wie von einem gigantischen kosmischen Staubsauger angezogen. Dieser Nebel, durch den ich mich bewegte, war aber keine Ansammlung von kleinen Wasserpartikeln, wie wir es von der Erde her kennen, sondern es war, als würde das gesamte Wissen des Universums in diesem Nebel gespeichert. Es war das Allwissen, das hier in geistiger Form um mich herum vorhanden war, und ich als Geistwesen war ein Teil davon. Es war, als würde man einen Tropfen Wasser ins Meer geben: Er wird selber zum Meer. So war ich ein Tropfen Bewusstsein, der im All-Bewusstsein aufging: Ich wusste alles.
Mein gewohnt kleiner Verstand erweiterte sich schlagartig um ein Gigafaches seines bisherigen Inhalts. Mir war blitzartig klar, warum, wie und wann das Universum erschaffen wurde, und ich wusste, wann es untergehen würde. Ich wusste alle Antworten auf alle Fragen, die je gestellt werden konnten. Sie waren einfach da!
Diese unermessliche Erkenntnis war wie eine Explosion und traf mich mit unvorstellbarer Wucht. Ich war nicht mehr nur ich, sondern ich war ein Teil von ALLEM, ich war alles. Der Tropfen war zum Meer geworden. Dabei hatte ich aber immer noch die Gewissheit, ein eigenständiges Individuum, ein Ich zu sein.
Liebe Leserin, lieber Leser, bitte seien Sie nicht enttäuscht, wenn ich Ihnen nichts über diese Allwissenheit erzählen kann, an der ich in jenem Moment teilhatte. Leider konnte ich nichts davon mitnehmen und die Erinnerung verblasste, als ich wieder in meinem Körper erwachte, so wie ein Traum nach dem Erwachen verblasst. Wenn es nicht so wäre, hätte ich längst bei Günter Jauch und seiner Sendung »Wer wird Millionär« Furore gemacht mit meiner umfassenden Kenntnis.
Das war das Eine, was mich in dieser Dimension völlig überraschte: die Gegenwart des Allwissens. Das Zweite war die Erfahrung der Zeitlosigkeit: Ich befand mich in der Ewigkeit.
Wir Menschen stellen uns in der Regel unter »Ewigkeit« eine unendlich lange Zeit vor und setzen Ewigkeit mit »Endlosigkeit« oder »Unendlichkeit« gleich, eben einer Zeit ohne Ende. Das sind aber alles menschliche Zeitbegriffe, die davon ausgehen, dass es eine Zeit gibt.
Die Ewigkeit ist jedoch das Gegenteil von zeitlicher Endlosigkeit, sie ist die Abwesenheit von Zeit.
»Zeit« ist ja ein Phänomen, das nur im Zusammenhang mit Materie auftritt. Sie ist gebunden an Abläufe wie Planetenbewegungen, Jahreszeiten, Beschleunigung und Distanzen, die zurückgelegt werden müssen. »Zeit« ist ein Phänomen, das von der Materie erzeugt wird. In der geistigen Welt fällt die Zeit schon deswegen aus, weil da keine Materie ist, die sich in Abläufen bewegen könnte. »Geist« bewegt sich nicht, Geist ist.
Es gab also keine Zeit in dieser Dimension. Alles war gleichzeitig vorhanden: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft waren verschmolzen zu einem »Alles-ist-immer«-Zustand, und zwar einschliesslich aller möglichen Varianten und Optionen. Das bedeutet, dass alles, was in der Vergangenheit je hätte geschehen oder in der Zukunft je wird passieren können, als realer Entwurf vorhanden war.1 (Anmerkung Seite 343)
Diesen Zustand in Worten zu beschreiben – das spüre ich jetzt, da ich es versuche –, ist selbstverständlich ein Ding der Unmöglichkeit. Es war ein richtiger Tsunami an Wissen und Erkenntnis, der da über mich hereinbrach und mich geradezu überschwemmte. Ich wurde aber nicht behutsam von der einen zur nächsten Bewusstseinsebene geführt, sondern einfach in dieses Wissensmeer geworfen und musste irgendwie darin zurechtkommen. Ich erinnere mich, dass ich mich aber nicht überfordert gefühlt habe, das alles aufzunehmen. Ich war einfach ein Teil davon und als solcher ganz natürlich integriert, genauso wie ein Wassertropfen sich auch nicht überfordert fühlt, weil er ein Teil des Meeres ist. Nur: Wie soll ein solcher Tropfen beschreiben, wie es sich anfühlt, das Meer zu sein?
Ich sah aber nicht nur alle Möglichkeiten von Ereignissen, diese unendliche Vielfalt betraf auch sämtliche Erscheinungsformen und Gestalten: Gegenstände, Lebewesen, Materialien, kurz: Alles, was in der materiellen Welt in irgendeiner Form existiert oder existieren wird, ist in der Ewigkeit bereits als Entwurf »auf Lager«, bereit zur Materialisierung. Oder anders gesagt: Alles, was in der materiellen Welt in Erscheinung tritt, existiert bereits zuvor als gedankliche Vorstellung in einer geistigen Dimension.2 (Anmerkung Seite 344)
Wenn wir denken, erfinden oder sonst wie geistig tätig sind, machen wir eigentlich nichts anderes, als das grosse geistige »Wissensmeer« anzuzapfen, in welchem sämtliche Ideen bereits gedacht sind, wir zupfen uns eine Variante heraus, die wir dann umsetzen. Da unser Geist nicht materiell ist, kann er mit der geistigen Welt jederzeit korrespondieren. Jeder kreative Künstler kennt diesen Moment der Inspiration, in dem ihm aus heiterem Himmel eine Idee »einfällt«.3 (Anmerkung Seite 345)
Mir wurde in jenem Augenblick zweifelsfrei klar, dass der Geist über der Materie steht, oder, auf eine kurze Formel gebracht: Geist erschafft Materie. Die Wissenschaft ist allerdings gegenteiliger Meinung und vertritt die Umkehrung dieses Prinzips: Materie erschafft Geist.4 (Anmerkung Seite 346)
Nun kann man sich aber fragen: Wenn unsere Gedanken und Ideen aus dem grossen geistigen Wissenspool stammen (C. G. Jung nannte einen Teil dieses Bereichs das »Kollektive Unbewusste«), sind dann unsere Gedanken überhaupt »unsere« Gedanken oder sind wir lediglich Wiederkäuer von bereits vorhandenem Gedankengut? Oder, um diese Frage zu erweitern: Was ist denn eigentlich noch originär an unserer Person, wenn sogar unsere Gedanken nicht von uns sind, sondern wie in einen Radioempfänger eingegeben werden? Sind wir tatsächlich nichts anderes als eine Art Computer, der zuerst mit Daten gefüttert werden muss, um Ergebnisse von sich zu geben? Was macht ein Individuum aus, wenn nicht seine ureigenen, persönlichen Gedanken?
Oder stimmt vielleicht die wissenschaftliche These, dass es die Gehirnwindungen sind, die aufgrund chemischer Prozesse »Geist« erzeugen, und somit Gedanken, Ideen und Gefühle nichts anderes sind als chemische Produkte? Dass wir also eine Art Bioroboter sind mit einem Biocomputer darin – dem Gehirn?
Diese Fragen hatten mich vor dem Unfall an jenem 17. Juni herzlich wenig interessiert und sie erwachten erst allmählich, als ich nach meiner Genesung wieder mühsam versuchte, in unserer Welt Fuss zu fassen – aber ich möchte der Geschichte nicht vorgreifen. Gehen wir also zunächst zurück zu dem Moment, als ich meinen Körper verlassen hatte und die geistige Welt betrat. Jene Welt, in der es keine Zeit gibt und in der das Allwissen so selbstverständlich gegenwärtig ist wie die Luft, die uns Erdenwesen umgibt.
Auf meiner Reise im »Jenseits« begegnete ich als Nächstes jenem Phänomen, das in praktisch allen Nahtodberichten erwähnt wird und darin eine zentrale Rolle spielt: dem »Licht«.
Das Licht
Der Jüngling, der ich damals war, könnte am besten als immer fröhlicher, unbekümmerter Springinsfeld beschrieben werden. Viele Gedanken um die Zukunft machte ich mir eigentlich nicht, vielmehr nahm ich die Dinge, wie sie kamen, und lebte frisch drauflos. Als Kind war ich ziemlich eigenwillig und wusste meinen Wünschen und Forderungen gegen die Konkurrenz von fünf Geschwistern durch Quengeln und, falls nötig, auch mit Wutanfällen Nachdruck zu verleihen. Heute würde man meine Art wahrscheinlich als »hyperaktiv« bezeichnen. Meine mit ihren sechs Kindern ziemlich überforderte Mutter nannte mich einen Trotzkopf und hielt meine ungestüme Natur mit Zucht und Strenge im Zaum, der Teppichklopfer war meinem Hinterteil ein vertrauter, wenn auch nicht besonders geschätzter Bekannter.
Mein Elternhaus war nach katholischer Tradition sehr religiös geprägt. Wir sechs Kinder wurden angehalten, jeden Sonntag die Kirche zu besuchen (wozu wir Sonntagskleider angezogen bekamen), am Samstag zur Beichte zu gehen und nach Möglichkeit die zehn Gebote einzuhalten. Falls uns das nicht gelang, bot ja die katholische Kirche zur Entsorgung der Sünden und Entlastung der Seele die Beichte an. Diese katholische Ritualwelt faszinierte den leicht zu beeindruckenden Buben, der ich damals war. Das geheimnisvolle Geflüster im Beichtstuhl, das ganze Brimborium mit Weihrauch, Orgelmusik und Gesängen während des Gottesdienstes und das feierliche Auftreten des Pfarrers, der, in opulente Kleider gehüllt, in lateinischer Sprache verheissungsvolle Formeln sprach – das alles machte einen grossen Eindruck auf mich und schlug mich in seinen Bann. Vor einem vollen Kirchenschiff zu stehen (damals waren die Kirchen noch voll) und mit ausgebreiteten Armen zu einem gebannten Publikum zu sprechen und zu singen – das musste ein Traumleben sein! Das wollte ich haben! Ich wollte Priester werden.
Als Bub hatte ich ein unverkrampftes Verhältnis zum lieben Gott und tief in mir hegte ich die Hoffnung (die schon fast an Ahnung grenzte), dass er mich zu etwas Besonderem ausersehen hatte. So war es für mich nichts Aussergewöhnliches, dass ich meinem Schöpfer in einer nächtlichen Absprache nach dem Nachtgebet das Versprechen abnahm, dass er mir den Wunsch, Priester zu werden, erfüllen solle. Und dass er mich, falls ich mich irgendwann einmal aus noch nicht absehbaren Gründen von ihm abwenden sollte, mit allen Mitteln wieder auf den rechten Weg bringen müsse. Es mag ein wenig absonderlich klingen, dass ich mich an dieses kindliche Gebet erinnern kann, aber jener Moment hat sich mit solcher Klarheit in mein Gedächtnis eingebrannt, wie es nur besondere Momente im Leben machen.
Ich bat den »lieben Gott« inbrünstig, in mir das heilige Feuer, das mich damals beseelte, nie zum Erlöschen kommen zu lassen. Als Gegenleistung versprach ich, ihm mein Leben zu widmen und als sein PR-Mann tüchtig für ihn Reklame zu machen, am liebsten vor möglichst vielen Zuhörern. Ich ahnte damals noch nicht, mit welchen Konsequenzen dieser Deal verbunden sein sollte und dass er, jedenfalls von seiner Seite her, ziemlich präzise erfüllt werden würde, wenn auch auf eine andere Weise, als ich sie mir damals vorstellte.
Mit ungefähr zwölf oder dreizehn Jahren eröffnete ich also meinen erstaunten Eltern, dass ich mich entschieden hätte, Priester zu werden, und dass ich meine schulische Ausbildung bis zur Matura in einem Priesterseminar zu geniessen gedenke. Meine Eltern, obwohl in traditionellem Sinn tiefreligiös, hatten allerdings ihre Bedenken, ob ihr wilder Sprössling für das zölibatäre Amt des Seelsorgers genügend Eignung besass. Kurz, sie stellten sich gegen mein Ansinnen.
Besonders bemerkenswert war die Reaktion meines Vaters. Er war von seiner Art her ein eher introvertierter Mann, der sich normalerweise schwertat, über persönliche Themen zu reden. Auch war er ein linientreuer Katholik, der nichts auf seinen Glauben kommen liess. Dass ausgerechnet er gegen mein Vorhaben war, erstaunte mich deshalb ziemlich. Wohlwollend meinte er hinter einem zurückgehaltenen Schmunzeln: Wenn ich einmal siebzehn oder achtzehn sei und entdeckte, dass nicht nur der liebe Gott, sondern auch die Mädchen über eine gewisse Anziehungskraft verfügten, würde ich ihm noch dankbar sein für seine ablehnende Haltung. Wie recht er doch hatte!
Obwohl ich schon vom zarten Kindesalter an mit dem »lieben Gott« plauderte und meine Gebetlein aufsagte, hatte ich nur eine vage Vorstellung, wer das eigentlich sein könnte. Mein Gottesbild wurde von Eltern, Religionslehrern, Priestern und ihren Predigten geformt und entsprach in etwa jenem ziemlich Furcht einflössenden Richter und Erbsenzähler, der die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen befördert, und mit dem man sich besser gut stellte.
Ich hatte also jene ambivalente Gottesvorstellung eingebläut bekommen, die ihn zwar als liebenden und alles verzeihenden Vater, aber gleichzeitig als unerbittlichen Rächer und zornigen Verdammer darstellt. Ich sah ihn als eine Art Übermensch, der von den Menschen fordert, dass sie gut und lieb sind, sie aber letztendlich den grausamsten Höllenqualen überantwortet, wenn es ihnen nicht gelingt, ein Leben nach seinem Gusto zu führen: Einer, der seine geliebten Schäfchen aufs Hinterlistigste in Versuchung führt, um sie dann händereibend ins ewige Feuer zu werfen, sollten sie in seine Falle tappen. Damit er aber trotz so viel Gemeinheit noch gut dastand, wurden diese Schikanen nicht ihm angelastet, sondern seinem Kettenhund, dem Teufel. Ich lernte also Satan als mächtigen Gegengott kennen, vor dem sich viele Gläubige mehr fürchteten, als sie den lieben Gott zu lieben vermochten.
Wie sollte ein Kind mit so unterschiedlichen Informationen umgehen und ein ungezwungenes Verhältnis zu seinem Schöpfer aufbauen können? Ich entschied mich daher schon früh, den Teufel aus meinem Glauben auszusparen, weil er so ganz und gar nicht zu dem passte, was ansonsten über die angeblich grenzenlose Liebe Gottes berichtet wurde.
Als ich dann mit wachsendem Interesse und Verstand vernahm, dass der Vatergott aus lauter Liebe zu seinen missratenen Kindern seinen Sohn (der eigentlich gar nicht sein Sohn war, sondern er selber) als Mensch verkleidet auf die Erde schickte, um seine Geschöpfe aus der Misere zu retten und von den Sünden zu erlösen, in die er sie mit seiner »Versuchung« geritten hatte, war meine Verwirrung komplett. Diese himmelschreiende Diskrepanz, die einem da als Glaubensinhalt vorgesetzt wurde und die ich beim besten Willen nicht verstand, quälte mich. Die Vorschrift, dass man einfach glauben müsse, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei und man damit fein raus sei aus der Bredouille, machte die Sache nicht einfacher. Wenn er uns von unseren Sünden erlöst hatte, sodass man sich keine Sorgen mehr zu machen brauchte, wieso musste man dann trotzdem für seine Fehltritte im Fegefeuer oder in der Hölle braten? Hatte er uns nun eigentlich erlöst oder nicht? Und wieso erlöste er nur jene seiner eigenen Kinder, die an die Jesus-Gottmensch-Erlösergeschichte glaubten und alle, die ehrliche Zweifel hatten oder in einer anderen Religionskultur aufgewachsen waren, nicht? Ist er nun eigentlich der Gott aller Menschen oder nur einer auserwählten Minderheit? Die Sache ging für mich einfach nicht auf.
Hier begann meine Forschung nach der Wahrheit, die mich seither antreibt und mich zu einem unermüdlich Suchenden machte. Sie hat mich dazu gebracht, Hunderte von Büchern zu lesen, mit unzähligen Menschen Diskussionen zu führen und mich mit zahlreichen Religionen und Konfessionen einzulassen – doch davon später. Mein Bild von Gott war an jenem Tag, als mich die Fahrt mit meinem Motorrad an ein Ziel führte, das man gemeinhin als »das letzte« bezeichnet, ein gelinde gesagt zwiespältiges.
Nun befand ich mich also in einem geistigen Zustand, in dem ich zwar keinen Körper mehr besass, aber ein Bewusstsein und eine Wahrnehmungsfähigkeit. Dieses Bewusstsein übertraf in seiner Klarheit und Grenzenlosigkeit alles, was man sich vorstellen kann. Nachdem ich einigermassen verkraftet hatte, dass es in dieser ungewohnten neuen Dimension keine Zeit gab und ich ein Teil des gesamten Wissens war, gewahrte ich eine Art Morgenröte, die wie an einem fernen Horizont zu schimmern begann. Dieses zarte Licht hatte eine Wirkung auf meinen Gefühlszustand, der nicht zu beschreiben ist. Ich bemerkte sofort, dass dieses Licht nicht einfach ein heller Schein war, sondern eine Energie, die so stark war, dass sie gar nicht anders konnte als leuchten.
Es war nicht der Anblick des Lichts, die mich so beglückte, sondern das Spüren der Energie, die von ihm ausging. Diese Strahlung, in deren Wirkungskreis ich geraten war und die mich förmlich überschwemmte, war pure, ungetrübte, konzentrierte Liebesenergie. Ich fühlte mich als das Wesen, das ich war, vollkommen geliebt und bis in die tiefsten Abgründe meiner Persönlichkeit akzeptiert. Es war ein Gefühl, wie ich es von einem Zustand völliger Verliebtheit her kannte: Als Verliebter, der seiner Angebeteten gegenübersitzt und ihr in die Augen schaut, liebt man einfach alles an diesem Wesen. Nicht die geringste Kritik stört den euphorischen Austausch von Empfindungen, die einem das Herz bis zum Halse schlagen lassen und einen auf Wolke sieben befördern. Es ist die Ausstrahlung, das Aussenden von Verliebtheitsenergie der beiden Beteiligten, die solche Emotionen zu stimulieren vermag.
So ein Gefühl erfüllte mich nun, allerdings bis ins Millionenfache, schier Unerträgliche gesteigert. So viel Liebe war fast nicht auszuhalten und mir war klar: Sollte ich noch ein wenig mehr davon abbekommen, dann würde ich explodieren. Ich kam mir vor wie ein fünfundzwanzig Watt Glühlämpchen, dem man ein Gigawatt Strom zuführen will. Dabei war dieses »Licht« nur ganz schwach zu »sehen« und die ursprüngliche Quelle in unerreichbarer Entfernung. Trotzdem empfand ich es als persönliche Ausstrahlung von jemandem, der mich bedingungslos liebte.
Je näher ich mich darauf zu bewegte, desto stärker wurde die Intensität. Ich dachte: Noch näher heran kann ich nicht, da meine Kapazität, diese Energie zu verkraften, viel zu klein ist, um noch mehr davon aufzunehmen. Es war, als wollte man einen Ozean in einen Fingerhut pressen, und mein seelisches Gefäss war einfach zu winzig, um diese Riesenmenge aufzunehmen. Allein meine Fähigkeit, diese gewaltige Liebesenergie zu ertragen, entschied über die Nähe, in die ich mich zu der Quelle hinbewegen konnte. In der Entwicklungsstufe, in der ich mich befand, war ich noch unvorstellbar weit davon entfernt und wusste doch mit aller Klarheit, dass dies das Ziel meiner Existenz war, immer näher zu dem Ursprung zu gelangen.
Ich erkannte, dass meine langfristige Aufgabe darin bestand, im Verlauf von Äonen mein Liebesgefäss so zu vergrössern und meine Liebesfähigkeit zu entwickeln und zu steigern, dass ich irgendwann mit dieser Liebesquelle verschmelzen konnte. Ich hatte den Sinn des Lebens entdeckt!
In dem Moment empfand ich aber die Gewissheit, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht nur nicht näher zu dieser Lichtquelle hinbegeben konnte, ja, ich wollte es nicht einmal! Zu schäbig kam ich mir vor, etwa so, als wäre ich von einem König zu einem strahlenden Ball eingeladen und würde nun mit schmutzigen Lumpen bekleidet vor dem Tor stehen. In dieser seelischen Aufmachung kam ich mir völlig fehl am Platze vor. Ich konnte da nicht hin, weil ich so nicht dahingehörte!
In der anderen Welt
Nachdem also mein Herz bei der Operation zu schlagen aufgehört hatte, befand ich mich bei dem Licht, das ich im Nachhinein als die persönliche Energie Gottes bezeichnen möchte. Ich hielt mich in jenem Zustand auf, der viele Namen hat: Himmel, ewige Seligkeit, Reich Gottes – der aber auch in anderen Kulturen bekannt ist als Nirwana, Elysium, Olymp, Walhalla, Paradies, die ewigen Jagdgründe und wie sie alle heissen.
Ich habe mich seither oft gefragt, wie es kommt, dass in allen, auch uralten Kulturen einhellig eine solche Sphäre der Glückseligkeit in einem Jenseits angenommen wird. Wer hat das den Menschen erzählt? Kann es sein, dass auch früher schon Menschen solche Kurztoderlebnisse hatten und zurückkamen? Dass auch vor Tausenden von Jahren Menschen von diesem »Licht« berichteten, das sie auf der anderen Seite erwartete?
Ich habe seitdem in vielen Berichten von Nahtoderlebnissen gelesen, dass betroffene Menschen »drüben« wunderbare Landschaften erblickten, überirdische Musik vernahmen, sogar Dörfer und Städte sahen, die von Menschen bewohnt waren. Oft wurden solche »Überläufer« auch von verstorbenen Verwandten abgeholt und begrüsst. Wie ist das zu erklären? Gibt es »dort drüben« tatsächlich Gärten und Städte wie hier auf der Erde? Spazieren dort unsere Vorausgegangenen gemütlich herum und warten auf Neuankömmlinge, die sie begrüssen können?
Nun, der Mensch ist ein schöpferisches Wesen. Er ist – »nach dem Ebenbild Gottes geschaffen« – ein mit Schöpferqualitäten begabtes Individuum. Er kann nicht nur Werkzeuge und Kunstgegenstände erschaffen, Autos und Atombomben, er kann auch Strategien entwickeln, Gedankengebäude auftürmen, Geschichten erfinden, kurz, er kann alles, was in der geistigen Welt zur Hand ist, in diese Welt holen und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Gegenstände, Umstände oder Situationen kreieren. Der Mensch ist also zweifellos ein Abbild des Schöpfers, selber ein Schöpfer, ein Erschaffer.
Diese Fähigkeit, zu erschaffen, erlischt nicht mit dem Übertritt in die andere Welt. Im Gegenteil! In jener Welt fallen sämtliche Schranken weg, die von der umständlichen Materie auferlegt werden, und man kann alles, was man sich vorstellt, sofort umsetzen. Du stellst dir eine goldene Stadt vor? Hier ist die goldene Stadt! Sie war schon immer da. Alles, was du dir ausdenken kannst, war schon immer da. Auch als Geistwesen greifen wir bloss auf das Allwissen zurück, den unendlichen Vorrat, in dem alles vorhanden ist, was man sich nur denken kann, und noch viel mehr. Da gibt es tatsächlich nichts, was es nicht gibt. Erfindungen, die vielleicht erst in tausend Jahren der Menschheit zugänglich werden, ruhen in diesem unerschöpflichen Reservoir und warten auf den Moment, dass jemand sie aus ihrem Schlummer holt.
Der Mensch, der frisch aus der materiellen Welt kommt, trägt immer noch seine materiellen Vorstellungen in sich. Er hat davon gehört, dass das Paradies ein wunderschöner Garten sei. Er kommt also dort an und sieht seine eigene Vorstellung von einem Paradies. Er hat es soeben erschaffen. Er sieht die Gestalten seiner Lieben, die ihn abholen und begrüssen: Er hat ihnen soeben Gestalt verliehen. In der geistigen Welt gibt es keine Gestalten, es gibt auch keine Gärten, weil da alles pure Energie ist. Auch die Personen sind rein energetische Gebilde, die jedoch jederzeit Gestalt annehmen können. Seit jeher vorhanden ist aber die energetische Idee eines Gartens oder einer Menschengestalt, einer Musik oder einer Farbe. Nun liegt es am Individuum, durch seine Schöpferkraft diese Energiekomponenten so zu verdichten, dass sie Gestalt annehmen und »sichtbar«, »hörbar« oder »fühlbar« werden. Diese Kraft, Dinge erschaffen zu können, ist eines jener Geschenke, die wir vom mächtigsten Kreator bekommen haben und die einerseits ein Vermächtnis seiner Liebe ist, andererseits eine Bestätigung, dass wir nach seinem Ebenbild geschaffen sind.
So findet jeder Neuankömmling im Jenseits sein eigenes Paradies oder seine eigene Hölle vor. Die individuelle Wahrnehmung des »Jenseits« ist durch den Reifegrad der Seele bestimmt, den wir uns nach dem Verlassen dieser Welt angeeignet haben. Zu diesem Schluss kommt man, wenn man die unterschiedlichen Berichte der unzähligen Menschen liest, die aus einer sogenannten Nah-Toderfahrung zurückgekommen sind.
Allerdings bin ich mit dem Zusatz »Nah-« ganz und gar nicht einverstanden. Es war sowohl für mich als auch für Millionen von Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, eindeutig ein totaler Übertritt in eine andere Dimension, die durch den Umstand, dass man wieder zurückkam, nicht vermindert oder nur halbwertig war, sondern ganz und komplett. Ich hatte damals eindeutig die Seiten gewechselt: Das Jenseits war zum Diesseits geworden und das Diesseits zum Jenseits.
Wenn jemand in ein anderes Land reist, zum Beispiel nach Spanien, und sich dort nur zwei Minuten aufhält, käme niemand auf die Idee zu behaupten, er habe sich nur fast jenseits der spanischen Grenze befunden. Auch ein kurzer Aufenthalt ist ein richtiger Aufenthalt in Spanien, obwohl man natürlich in dieser knappen Zeit nicht das ganze Land besichtigen kann. Als Reisender in der anderen Dimension kann ich mit Gewissheit behaupten: Ich war nicht nur fast da, sondern ganz und gar.




