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Es gibt immer wieder Skeptiker, die behaupten: »Es ist ja noch keiner zurückgekommen!« Wie tot muss denn einer sein, bis man ihn als Zurückgekommenen bezeichnen kann? Wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen, ist man doch schon ziemlich tot oder etwa nicht?
Selbstverständlich habe ich mich im Zuge meiner Forschungen und Erklärungsbemühungen auch über die wissenschaftlichen Kommentare zu diesem Thema orientiert. Allerdings kamen mir diese Analysen eher unbeholfen vor. Da las ich von »extremen Endorphinausschüttungen« im Augenblick des Todes, die solche Halluzinationen hervorrufen und die betreffende Person in einen drogenähnlichen Rausch versetzen würden. Ich las von »Blitzgewittern im Gehirn«, von Sauerstoffmangel, der Glücksgefühle erzeuge, einem letzten Aufzucken der Nerven, einem psychischen Trick des Nervensystems, welcher der Todesangst die Schärfe nähme, indem er ein beglückendes Licht vorgaukle, und so weiter.
Wie man später in diesem Bericht erfahren wird, hatte ich einige Zeit nach diesem Erlebnis selber einige Erfahrungen mit halluzinogenen Drogen gemacht und kann also die Zustände durchaus vergleichen. Aus dieser Position heraus kann ich unvoreingenommen und quasi als Experte sagen, dass der geistige Zustand nach meinem Herzstillstand sich grundlegend von chemisch herbeigeführten Halluzinationen unterschied. Er war buchstäblich übersinnlich, also nicht mit menschlichen Sinnen erfahrbar, auch nicht unter dem Einfluss von Endorphinen und nervlichen Blitzgewittern. Im Gegenteil, der Eindruck der Realität war in jenem Zustand unvergleichlich stärker und konkreter als im irdischen Lebenszustand. Dieser wirkte im Vergleich wie eine Illusion oder ein Traum, aus dem man aufgewacht ist.
Wenn nun Wissenschaftler, die diese Todeserfahrung nicht selber gemacht haben, sie zu erklären versuchen, wirkt es auf mich, wie wenn ein Blinder versucht, den Sehenden die Farben zu beschreiben. Für mich ein höchst theoretisches und fragwürdiges Vorgehen.
Das Jenseits ist demnach nicht absolut, sondern subjektiv: Jeder erlebt es anders. Je besser wir mit der Liebesenergie umgehen können, desto heller und beglückender erfahren wir die geistige Welt. Dazu ist dieses (oder besser gesagt: sind alle unsere) Leben da, damit wir uns in Sachen Liebe verbessern und uns »drüben« näher zu Gott begeben können.
Ich persönlich sah weder einen Garten Eden noch eine goldene Stadt, als ich im Jenseits ankam. Ich war eingehüllt in die schrankenlose Liebe, die keine Manifestation, keine Fetische benötigt. Sie war einfach da und strahlte und sonst nichts. Dieses Paradies kam ohne schöne Landschaften und blühende Wiesen aus, es brauchte keine goldenen Städte und silbernen Flüsse. Es gab nichts, das mich noch glücklicher hätte machen können, als dieses bodenlos tiefe Gefühl des Geliebtwerdens. Es war genug. Mehr jedenfalls, als ich ertragen konnte.
Allerdings – und das ist ein Umstand, der mich noch heute beschäftigt – war diese Energie nicht irgendeine anonyme Wohlfühlatmosphäre, in der ich badete, sondern sie war persönlich: Sie meinte mich. Es war eindeutig eine Gegenliebe – jemand liebte mich da, und ich konnte nicht anders, als selber von überströmender Liebe erfüllt zu sein. Für mich war klar: Der Ursprung dieser Ausstrahlung war eine »Person«, die religiöse Terminologie würde sagen: ein persönlicher Gott.
Das war die letzte der verblüffenden Erfahrungen, die ich in jenem Zustand machte. Die Liebe war zwar eine Energie, aber sie ging eindeutig von jemandem aus. Dieser Jemand war für mich nicht in seinem Ursprung zu sehen, aber seine Ausstrahlung war dermassen gigantisch, dass schon der kleinste Schimmer ausreichte, um mich fast zum Explodieren zu bringen vor Glück.
Der Lebensplan
Ich sagte vorhin, dass der Mensch – wenn auch in eingeschränktem Masse – ein mit Schöpferkraft begabtes Wesen sei. Diese Fähigkeit macht auch vor dem eigenen Leben nicht halt. Jeder Mensch erschafft nämlich sein persönliches Leben.
Ich weiss, dass diese Aussage vielen unvorstellbar erscheint, weil sie der Auffassung sind, der Mensch sei ein Spielball des Zufalls und des Schicksals, denen sie ausgeliefert sind. Aber gemäss den Einsichten, die ich mitgebracht habe, haben wir alle unsere Lebensumstände selbst gewählt. Eine andere Erklärung für die unterschiedlichen Lebensumstände der einzelnen Individuen würde auch keinen Sinn ergeben, es sei denn, man erachtet das Chaos und den Zufall als Grund für das Zustandekommen eines Lebensschicksals. Da aber das gesamte Universum kein Chaos, sondern ein wohlgeordneter Kosmos ist, verläuft auch das einzelne Schicksal der Bewohner dieses Universums nach einem geordneten, ich würde sogar sagen: vorgesehenen Plan. Diese Vorsehung ist der Pfad, der für unseren Lebensweg ausgelegt wird.
Allerdings wird dieser Lebensentwurf nicht von einer abgehobenen Gottheit verordnet, sondern wir dürfen als Hauptprotagonisten selber daran mitgestalten. Auch unser eigenes Schicksal dürfen wir von vornherein mitplanen und uns unsere Aufgaben und Lernziele selber stecken. Dieses Programm ist jedoch nicht bis ins einzelne Detail festgelegt, sondern – wie das Wort sagt – ein Entwurf, der uns die Freiheit lässt, abzuweichen und je nach selbst gesetzten Rahmen einen anderen Kurs zu wählen. Aber welche Seitenwege wir auch immer einschlagen, wir können uns auf unser »eingebautes GPS« verlassen. Genauso wie ein Navigationsgerät augenblicklich eine Alternativroute errechnet, wenn wir den vorgesehenen Weg verlassen, so funktioniert auch das Schicksal, das sofort reagiert und sich auf jede neue Lebenssituation einstellt.
Auf welche Abwege wir auch immer während unserer Lebenszeit geraten, das »himmlische Navigationsgerät« führt uns geduldig und ohne den geringsten Vorwurf wieder auf Bahnen, auf denen wir zum gewählten Zielpunkt gelangen können. Das Ziel ist festgelegt, aber die Route, die dorthin führt, ist jederzeit änderbar.
So ein Lebensplan hat also nichts Fatalistisches an sich, nichts ist wirklich vorbestimmt und unausweichlich, aber auch nicht zufällig oder unvorhergesehen. Wie im Navigationsgerät, in dem nicht nur alle Autobahnen, sondern auch sämtliche Seitenwege gespeichert sind, so sind auch in unserem Lebensplan alle Abweichungen einkalkuliert und als Möglichkeit vorgesehen.
Über allem steht aber jederzeit unser freier Wille. Sogar Gott fügt sich unseren Entscheidungen und schreibt uns nichts vor. Wir haben mit den Zehn Geboten lediglich eine Anweisung bekommen, wie wir unser Ziel auf schnellstem Weg erreichen können. Die Zehn Gebote sind ja keine Verbote, sondern liebevolle An-Gebote oder Vorschläge, die uns die Arbeit erleichtern sollen. Die Entscheidung, ob wir sie befolgen wollen, liegt bei uns.
Mit dem freien Willen haben wir aber auch die volle Verantwortung für unsere Entscheidungen übernommen – ein Faktor, der einerseits befreiend wirkt, aber uns andererseits auch Steine in den Weg legt, weil wir uns immer wieder für den »guten« oder den »schlechten« Weg entscheiden müssen. Das ist der Lerneffekt, der aus diesem Leben resultieren soll.5 (Anmerkung Seite 347)
Bevor wir ein Menschenleben antreten, planen wir also mithilfe von beratenden Geistern den »Level« oder den Schwierigkeitsgrad, in dem wir dieses Leben absolvieren wollen. Dabei müssen wir verschiedene Faktoren einbeziehen: In welchem Mass möchte ich die angestauten (oder religiös ausgedrückt: ungesühnten) Fehlleistungen aus vorangegangenen Leben abarbeiten? Das heisst: Wie viel Leid, welches ich anderen angetan habe, traue ich mir zu, in einem Leben selber zu erleiden, um den kosmischen Ausgleich wiederherzustellen?
Es gibt Individuen, die entscheiden sich während der Planungsphase dafür, in ihrem bevorstehenden Leben möglichst viel abzuarbeiten und bürden sich daher ein schweres, leidvolles auf. Andere nehmen sich vielleicht eine Auszeit und bereiten sich auf ein gemütliches Leben in Reichtum und Wohlergehen vor, das sie unter Vermeidung von Problemen und Hindernissen verplempern. Aber mit einem leichten Leben kann man keine grossen Fortschritte machen, und man schiebt die zu erledigenden Aufgaben nur vor sich her. Ich nehme an, dass Jesus sich auf diesen Umstand bezog, als er sagte: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.«
Ein weiteres Kriterium, das es in die Lebensplanung einzubeziehen gilt, ist der Faktor der Versuchungen, bei denen wir unsere Standhaftigkeit und unsere Entscheidung zu Ehrlichkeit und Gerechtigkeit unter Beweis stellen können. »Du sollst nicht stehlen« empfehlen unter anderem die Zehn Gebote. Wenn es also zum Beispiel dazu kommt, dass wir uns bei einer Gelegenheit für eine unehrliche Bereicherung oder einen Verzicht entscheiden sollen, dann programmieren wir unser Lebens-GPS für einen Umweg oder für die Abkürzung. »Gelegenheit macht Diebe«, heisst es, und genau solchen Versuchungen zu widerstehen, ist eine weitere Aufgabe in unserem Leben.6 (Anmerkung Seite 348)
Ebenso gehört zur Lebensplanung die Möglichkeit, Gutes zu tun: Tatkräftige Hilfe ist da ebenso gefragt wie Verzicht auf eigenen Profit zugunsten anderer, Anteilnahme, gute Erziehung unserer Kinder und vieles mehr. Geld kann – als Prüfstein – in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen: Einerseits kann es zu Geiz und Habsucht verführen, andererseits ein heilbringendes Mittel sein, um Grosszügigkeit und Freigebigkeit zu üben und damit Elend zu lindern und Freude zu bereiten.
»Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon« (Lk 16,9), hat sogar Jesus geraten.
Wenn wir also den gewünschten Schwierigkeitsgrad unseres zukünftigen Lebens definiert haben, werden in dem riesigen Welttheater Zeitpunkt, Ort und passende Umstände ausgesucht, in denen wir auf die Herausforderungen treffen, die wir bestehen möchten, und wir werden in diese hineingeboren. Wir sind also ausnahmslos selber zuständig für unser Leben und alles, was darin passiert, und alle unsere Entscheidungen tragen dazu bei, unsere weitere Existenz über dieses Leben hinaus zu beeinflussen. Es hat also keinen Sinn, ein böses Schicksal oder einen ungerechten Gott anzuklagen, wenn einem etwas Unangenehmes widerfährt. Gerade wenn man sich in einer leidvollen Situation befindet, hat es nämlich etwas Tröstliches, zu wissen, dass man soeben dabei ist, eine selbst gewählte Aufgabe zu erledigen oder eine alte Schuld abzulegen. Dass diese Prüfung mit Leid verbunden ist, liegt in der Natur der Sache und darf uns nicht gegen unser eigenes Schicksal aufbringen oder uns dazu führen, einen Gott anzuklagen: »Warum lässt du so etwas zu?«
Gott lässt das zu, was wir gewählt haben!
Diese Erkenntnisse durchströmten mich in jenem Moment, als ich von dem Licht der Weisheit und der Liebe umhüllt wurde.
»Nun weisst du es. Geh wieder zurück. Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen.« Diese Durchsage drang im Augenblick der wunschlosen Glückseligkeit in mein Bewusstsein. Dann riss der Film.
Zurück im Leben
In der Zwischenzeit war es dem Ärzteteam nämlich gelungen, mein Herz wieder zum Pumpen zu bringen. Mit dem ersten Herzschlag war ich wieder in meine sterbliche Hülle gefahren und in die tiefe Bewusstlosigkeit zurückgefallen, in der ich mich vor meinem Exitus befunden hatte. Im Operationssaal beschäftigte man sich nun fieberhaft damit, meine geborstenen Knochen und zerrissenen Innereien zusammenzuflicken. Davon bekam ich aber nicht das Geringste mit, da der Anästhesist gute Arbeit geleistet hatte.
Stunden später erwachte ich allmählich aus meinem Koma. Aber was war mit mir geschehen? Wo war das warme Licht, die atemraubende Erkenntnis der Allwissenheit, wo war das befreiende Schweben in der Zeitlosigkeit?
Ich blinzelte unter meinen geschwollenen Lidern hervor, und was da in mein Bewusstsein drang, traf mich wie ein Keulenschlag. Ich lag in einem grünlich gestrichenen Raum, der mit Apparaturen, Kabeln und Schläuchen vollgestopft war, eingebunden wie eine Mumie, Beine und Arme eingegipst, aus meinen Armen und meinem Bauch ragten zwei Schläuche, die an eine Vakuumpumpe angeschlossen waren, um Blutreste aus meinem Bauchraum abzupumpen. Ein Katheter besorgte den Harnabfluss und durch das eine Nasenloch hatte man einen dicken, grünen Schlauch den Hals hinunter bis in meine Lunge gestossen. Das andere Ende des Schlauchs steckte in einer Maschine, die sich neben meinem Bett befand und regelmässig zischte. Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, dass diese Maschine meine neue Lunge war, die behutsam Luft in mich hineinpresste und wieder heraussog. Da meine Rippen gebrochen und die Bauchmuskeln zerschnitten waren, war ich nicht in der Lage, selber zu atmen. Ich kam mir vor wie ein Cyborg – halb Mensch, halb Maschine.
Mein Zustand war mehr als jämmerlich. Wie ich später erfuhr, war ausser den zahlreichen Knochenbrüchen und einem Beckenbruch auch meine Leber zum Teil zerquetscht, meine Milz war so zermalmt, dass man sie hatte entfernen müssen. Ich hatte literweise Blut verloren, das innerlich ausgelaufen war. Meine Lunge war durch die geborstenen Rippen arg in Mitleidenschaft gezogen, Hüfte und Knie zerschmettert, Muskeln und Sehnen gerissen – kurz, ich war lediglich noch ein armseliges Häuflein Elend, dessen Lebenslichtlein nur noch schwach flackerte und von Minute zu Minute zu erlöschen drohte.
Und dann kamen die Schmerzen.
Wer schon einmal versucht hat, zwei Stunden lang absolut unbeweglich auf dem Rücken zu liegen, der weiss, dass irgendwann langsam die Panik hochkriecht und man nur noch schreien möchte. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen, mich nicht kratzen, nicht schlucken (ich hatte ja einen Schlauch im Hals), nicht einmal selber atmen. In so einer Situation wird jeder Augenblick zur Ewigkeit, man kämpft sich von einer Sekunde zur nächsten und ist heilfroh, wenn wieder eine überstanden ist – um sofort mit der nächsten zu ringen. Wenn dann noch unerträgliche Schmerzen dazu kommen, als wäre man aufs Rad geflochten, von Speeren durchbohrt und von hundert Kampfstiefeln getreten worden, dann lauert die grinsende Fratze des Wahnsinns im unteren Bereich des Bewusstseins.
Da mein Hals von dem Lungenschlauch ausgefüllt war, war es mir nicht nur unmöglich, zu schlucken, sondern ich konnte auch weder essen, trinken noch sprechen. Alle paar Stunden kam eine Schwester mit einer kleinen Saugsonde. Sie koppelte den Luftschlauch von der Lungenmaschine ab, sodass ich sofort panische Erstickungsängste bekam, weil keine Luft mehr zugeführt wurde. Die Schwester führte die Saugsonde in die Luftröhre ein und schob das Schläuchlein nach, bis es zuunterst in die Lunge gelangte. Dort saugte sie das angesammelte Wasser ab. Diese Sonde rief schrecklichen Würge-, Husten- und Brechreiz hervor, den ich aber irgendwie aushalten musste, da ich wegen meiner operierten Innereien gar nicht würgen oder husten konnte. Die Todesangst trieb mir die Augen aus den Höhlen und den kalten Schweiss aus den Poren, ich konnte nur noch weinen vor Qual und Hilflosigkeit.
Das Schlimmste aber war der Durst. Meine einzige Flüssigkeitszufuhr tröpfelte aus einem Plastiksack, der an einer Stange neben meinem Bett hing, in meine Vene. Es war ein schwüler und heisser Sommer und nach zwei Tagen war mein Durst so gross, dass ich mein Herz herausgerissen hätte für einen kleinen Schluck Wasser. Meine Gedanken schrien immer nur das eine Wort: Wasser! Wasser! Es sollte aber fast vier endlose Wochen dauern, bis ich mein erstes Tröpfchen bekam.
Um meine Schmerzen ein wenig zu betäuben, verabreichte man mir alle vier Stunden eine starke Spritze mit einem Opiat, das in mir einen seligen Flash auslöste, der zirka eine halbe Stunde anhielt und dann langsam abflaute. Danach war ich wieder dreieinhalb Stunden dem zermürbenden und qualvollen Kampf gegen die Sekunden ausgeliefert und wurde nur noch von der verzehrenden Gier nach dem nächsten Schuss am Leben gehalten.
Meine Überlebenschancen standen so schlecht, dass die Ärzte meinen Eltern mitteilten, es wäre gut, wenn sie mich noch einmal besuchen kämen, so wie es aussehe, werde der Überlebenskampf nicht zu meinen Gunsten ausgehen.
Da kamen sie also an mein Bett, um Abschied zu nehmen, in grüne Überkleider gewandet mit Mundschutz vor dem Gesicht, meine von Mitleid und Kummer zerrissene Mutter, mein betretener, schweigsamer Vater, der sichtlich gegen die Tränen kämpfte, meine fünf Geschwister, die eines nach dem andern herantraten und mit verwirrtem Blick verlegen meine Hand tätschelten und leise Tschüss sagten, um sich dann befangen abzuwenden. Ich glaube, dieser Moment bewegte mich mehr als sie. Ich wollte sie so gerne trösten, ihnen sagen, dass ich weiterleben würde. Ich erinnerte mich an die Worte: »Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen«, die ich in der geistigen Welt vernommen hatte, aber ich konnte sie meiner Familie nicht mitteilen. Dieser verfluchte Schlauch in meinem Hals verhinderte jede Kommunikation. So weinte ich stumme Tränen der Verzweiflung und lag einfach nur da. Als sie gegangen waren, winkten mir meine jüngeren Schwestern noch einmal zaghaft durch die Glastür zu und diese kleine Geste war so rührend, dass ich vor innerer Aufgewühltheit litt wie ein Hund.
Die einzigen Lichtblicke in jenen qualvollen Wochen waren die Besuche von meiner Freundin Marianne. Sie kam in jeder freien Minute und sass dann neben meinem Bett, hielt meine Hand und sprach mir Mut zu. Marianne symbolisierte das blühende Leben: Kerngesund und schön, voller Optimismus und Lebensfreude strahlte sie genau das aus, was ich so dringend benötigte. Das Zusammensein mit ihr gab mir so viel Kraft und Zuversicht, dass ich schon allein ihretwegen wieder gesund werden wollte. Diese tapfere junge Frau zog mich durch ihre liebevolle Anwesenheit wieder ins Leben zurück. In jenen Momenten wusste ich, dass Marianne die Frau war, mit der ich mein Leben verbringen wollte. So gern wollte ich ihr sagen, wie sehr ich sie liebte, aber ich konnte ihr nur schwach die Hand drücken und sie ansehen, aber Marianne verstand. Sie drückte mir auch die Hand und sah mich mit einem so herzigen Lächeln an, dass mir ganz weh ums Herz wurde vor Sehnsucht.
»Wenn du gehst, dann geht ein Teil von mir«, heisst es in einem Lied und genau so fühlte ich mich, wenn Marianne mich wieder verliess. Ich wollte leben, um mit ihr zu leben!
Jedenfalls überlebte ich die meisten meiner Leidensgenossen in der Intensivstation. Alle paar Tage wurden bei anderen Patienten die Schläuche abgehängt, wurde das Leintuch über das Gesicht gezogen und leise das Bett aus dem Raum geschoben. Es war ein Kommen und Gehen in dieser Station. Stöhnende, schreiende, weinende Menschen wurden hereingefahren und nach ein paar Tagen wieder hinausgeschoben, entweder um in ein Krankenzimmer verlegt zu werden oder um zur ewigen Ruhe gebettet zu werden. An Schlaf war jedenfalls nicht zu denken. Die Schmerzensschreie und das verzweifelte Gestöhne der Mitpatienten bildeten eine permanente Geräuschkulisse, die sich nicht verdrängen und mich ununterbrochen mitleiden liess.
Endlich wieder vier Stunden überstanden. Die Spritze nahte. Wo bleibt denn die Schwester? Was macht sie denn so lange, meine Spritze ist doch überfällig! Masslose Wut, rasende Ungeduld und Schweissausbrüche begleiteten die letzten Minuten vor der erlösenden Morphinspritze. Nach einer Woche unbewegten Liegens und unter dem regelmässigen Einfluss der Droge, begann ich zu halluzinieren. Der unerträgliche Durst, das ewige Geschrei und Gestöhne, die unaufhörlichen Schmerzen, die Gier nach der nächsten Spritze und die quälende Unbeweglichkeit trieben mich langsam, aber sicher an den Rand des Wahnsinns. Die Schwestern verwandelten sich vor meinen Augen in menschengrosse, eisgekühlte Colaflaschen, an denen die Kondensationstropfen langsam herunterperlten. Trinken, trinken! Wo bleibt die Spritze? Wasser!
Meine Organe begannen, laut miteinander zu streiten. Die Lunge jammerte, sie sei wieder voll Wasser, das sei eine Zumutung, man solle sofort Abhilfe schaffen. Die Leber keifte, sie solle gefälligst die Schnauze halten, wenn es jemandem dreckig gehe, dann sei sie es, schliesslich habe man die Hälfte von ihr weggeschnitten. Das Herz mischte sich ein und herrschte die beiden an, sie sollten sich zum Teufel scheren mit dem Gequengel und es seine Arbeit tun lassen, schliesslich habe es die anstrengende Aufgabe, diesen jungen Mann am Leben zu erhalten, und könne nicht auf der faulen Haut liegen, wie Madame Lunge, die sich komfortabel beatmen lasse. Die gebrochenen Knochen wimmerten vor Schmerzen, der Rücken stöhnte, er habe nun genug gelitten, man solle diesen elenden Körper endlich mal in eine andere Position bringen, das Hirn explodierte schier, weil dieses ganze Gekeife und Gezeter seine Kapazität überlastete.
Alles in mir war in Aufruhr, in meinem Körper war ein Krieg ausgebrochen, der unerbittlich und pausenlos geführt wurde, und ich musste mir das alles anhören, ob ich wollte oder nicht. Schlichtungsversuche meinerseits fruchteten nicht das Geringste, man nahm meine Interventionen nicht einmal zur Kenntnis. Ich war in die Hölle geraten und sie fand in mir drin statt. Jahre später las ich, dass die inneren Organe eines Menschen Stationen sind, die, ähnlich wie das Gehirn, über eine eigene Intelligenz verfügen und darum genau wissen, was sie tun müssen. Diese Intelligenzen nahm ich in meinem hypersensiblen Zustand offenbar überdeutlich wahr, sodass ich sogar ihre Stimmung »hörte«. Es war ein Zustand, der dem Irrsinn nahe kam.
So vegetierte ich ein paar Wochen lang vor mich hin, ein schmerzendes, lebensunfähiges Stück Fleisch, dessen Bewusstsein sich nur noch darauf konzentrierte, den Panikimpuls einigermassen zu unterdrücken, den Lärm seiner ausser Kontrolle geratenen Innereien, den alles überlagernden, omnipräsenten Schmerz und den schreienden Durst zu ignorieren und einfach bloss die nächste endlose Sekunde zu überstehen.
Nach vier Wochen in diesem apokalyptischen Zustand verkündete eine perlende Spriteflasche, meine Wunden seien nun zufriedenstellend zusammengewachsen, sodass man als Nächstes den Luftschlauch aus der Lunge ziehen werde. Die Chance sei gross, dass ich wieder selber atmen könne. Ich solle anfangs nur nicht zu tief Luft holen, sondern lediglich oberflächlich hecheln, damit sich mein Zwerchfell wieder an seine Arbeit gewöhnen könne.
Eine freundliche Rivellaflasche machte sich dann an mir zu schaffen, kappte den Kontakt zur Lungenmaschine und begann, langsam den Schlauch durch meine Nase aus der Lunge zu ziehen. Das dauerte endlos und ich bemühte mich krampfhaft, bei dieser unangenehmen Prozedur nicht zu ersticken. Das selbstständige Atmen erwies sich in den nächsten paar Stunden als einziger Überlebenskampf, der äusserst erschöpfend war. Mithilfe eines Sauerstoffschläuchleins, das man mir an der Nase befestigte, bekam ich es nach zwei anstrengenden, schlaflosen Tagen hin, dass ich nicht jeden Atemzug willentlich ausführen musste, sondern diese Arbeit allmählich dem vegetativen System übergeben konnte.
Nachdem ich diesen wichtigen Schritt in mein neues Leben überstanden hatte, wurde ich endlich in ein helles Krankenzimmer verlegt.
Genesung
Dieses Zimmer sollte für die nächsten zwei Monate mein zu Hause sein. Aber wenn ich gedacht hatte, das Schlimmste sei nun überstanden und von nun an könne es nur noch bergauf gehen, dann lag dieser Irrtum hauptsächlich daran, dass ich bis anhin noch nie von Mister Murphy und seinem Gesetz gehört hatte.
Kennen Sie Murphy’s Gesetz? Bestimmt kennen Sie es. Dieses Gesetz, das der amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy herausgefunden und formuliert hat, lautet verkürzt etwa so: »Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief.«
Nun, ich bekam eindrücklichen Erfahrungsunterricht, was dieses Gesetz betraf. Es fing damit an, dass ich entdeckte, dass meine Stimme weg war. Der Schlauch in meinem Hals hatte meine Stimmbänder so stark gedehnt, dass sie nur noch flatterten. Es kam nichts als warme Luft aus meiner Kehle. Der Arzt erklärte mir verständnisvoll, dass dies halt eines der Opfer sei, das ich habe bringen müssen, als man mir den lebensrettenden Schlauch in die Lunge gestossen habe. Stimme oder Leben, alles kann man nicht haben. Mit etwas Glück und Training würden sich aber meine Stimmbänder mit der Zeit wieder ein wenig straffen, sodass ich mich wenigstens sprachlich verständlich machen könne.
Danke, da beerdigte dieser freundliche Weisskittel gerade meine ganze gloriose Zukunft als Sänger. Ich habe gehört, dass es blinde Maler geben soll. Auch gelähmte Sprinter, die auf den Rollstuhl gewechselt haben und nun auf diesem Medium ihr Sprinter-Gen ausleben, gibt es. Da gab’s sogar mal einen gehörlosen Komponisten, der es zu Weltruhm gebracht hat. Aber ein stummer Sänger? Wozu hatte ich ein Talent bekommen, wenn es so mir nichts, dir nichts wieder weggenommen wurde?




