Muhammed - Der Herr der Herzen

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angekommen, erzählte er dem berühmten Wei-sen von dem Traum und dem Versprechen und bat ihn, eine Lösung zu finden.
Der Weise fragte ihn: „Wie hoch ist bei euch das Blutgeld (das ein Mörder als Sühne an die Familie des Ermordeten zahlt)?“ „Zehn Kamele“, sagte Abdulmuttalib. „So kehr zurück in deine Stadt, treibe zehn Kamele zusammen, und hol dann deinen Sohn hinzu. Anschließend nimmst du mehrere Pfeile und legst sie in einen Topf. Auf einen davon schreibst du den Namen Ab-dullah. Danach zieht ihr verdeckt einen Pfeil he-raus. Jedes Mal, wenn der Pfeil mit dem Namen darauf gezogen wird, treibt ihr zehn weitere Kamele zusammen. Sobald aber ein Pfeil ohne Namen gezogen wird, ist dein Sohn frei, und du musst ihn nicht mehr opfern.“
Diese Lösung machte Abdulmuttalib und sei-nen Begleiter Hoffnung. Ohne Zeit zu verlieren, kehrten sie nach Mekka zurück. Bevor er den Ratschlag des Weisen ausführte, wandte sich Abdulmuttalib an Gott und betete lange zu Ihm. Dann versammelte er die Kamele und Abdullah auf einem Platz, und das Loseziehen begann. Abdulmuttalib beobachtete das Geschehen und flehte auch weiterhin sorgenvoll zu Gott.
Der Tag der Entscheidung
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Bei der ersten Ziehung kam der Pfeil mit Ab-dullahs Namen zum Vorschein. Also mussten weitere zehn Kamele herbeigebracht werden. Auch beim zweiten Mal wurde der Pfeil mit dem Namen gezogen, und so ging es neun Mal hin-tereinander. Als bereits 100 Kamele zusammen-getrieben worden waren, wurde endlich ein Pfeil ohne Namen gezogen. Da gratulierten die An-wesenden Abdulmuttalib zu seinem Glück und sagten zu ihm: „Nun hast du Allāhs Wohlgefal-len erlangt, Abdulmuttalib.“ Doch dieser wollte sichergehen und ließ drei weitere Male einen Pfeil ziehen. Erst als auch da jedes Mal ein Kamel gezo-gen wurde, war Abdulmuttalib überzeugt. Er op-ferte die 100 Kamele und verteilte ihr Fleisch an die Armen. Auf diese Weise löste Abdulmuttalib sein Versprechen ein, das er Allāh einst in dem festen Glauben, es auch zu erfüllen, gegeben hatte.
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Die Eheschließung
Als sich der Vorfall an der Kaabe ereignete, war Abdullah ein junger und gut aussehen-der Mann. Viele junge Mädchen wünsch-ten sich, ihn zu heiraten. Doch sein Vater suchte nach einer Frau für ihn, die in jeder Hinsicht zu ihm passte. Schließlich hielt er bei Wehb, dem Oberhaupt der Familie Zuhra, um die Hand von dessen Tochter Āmine an. Āmine war die Schönste und zugleich Tugendhafteste unter den Töchtern des Stammes der Quraysch. Als Abdulmuttalib zu ihm kam, sagte Wehb: „Liebs-ter Cousin. Dein Antrag wurde uns bereits un-terbreitet. Āmines Mutter hat heute Nacht ge-träumt, dass ein so helles Licht Einzug in unser Haus hielt, dass es Himmel und Erde erleuchte-te. Und ich selbst habe heute im Traum unseren Großvater, den Propheten Abraham, gesehen. Er sagte zu mir: ‚Ich habe die Ehe zwischen Ab-dulmuttalibs Sohn Abdullah und deiner Toch-ter Āmine geschlossen. Gib auch du ihr deine
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Zustimmung.‘ Seit heute Morgen denke ich an nichts anderes und frage mich, wann ihr end-lich kommt. Als er dies hörte, pries Abdulmut-talib unendlich glücklich seinen Herrn mit den Worten „Gott ist groß! Allāhu ekbar!“. Kurze Zeit später heirateten Abdullah, der Sohn von Abdulmuttalib, und Āmine, die Tochter von Wehb, und gründeten eine Familie.
Nach der Hochzeit erschien das Licht auf der Stirn von Abdullah auch auf Āmines Stirn und kündete an, dass sie mit unserem Propheten schwanger war. Zu jener Zeit war Abdullah, der von Beruf Kaufmann war, mit einer Karawane unterwegs nach Damaskus. Auf dem Rückweg er-krankte er in Medina und konnte die Reise nicht mehr fortsetzen. Die Karawane musste ihn bei seinen Onkeln in Medina zurücklassen. In Mek-ka teilte man seinem Vater mit, dass Abdullah erkrankt war. Daraufhin schickte Abdulmuttalib seinen ältesten Sohn Hārith nach Medina. Doch er kam mit einer schlimmen Nachricht zurück. Abdullahs Zustand hatte sich so sehr verschlim-mert, dass er schließlich gestorben war. So verlor unser Prophet, noch bevor er auf die Welt kam, seinen Vater. Und dieser hatte seinen Sohn Mu-
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hammed nicht ein einziges Mal auf den Schoß nehmen und an sich drücken können.
Die traurige Nachricht stürzte nicht nur Ab-dulmuttalib und Āmine, sondern ganz Mekka in Trauer. Denn jeder hatte Abdullah gemocht, er war ein anständiger und ehrlicher Mensch. Aber offensichtlich war ihm der Tod in so jun-gen Jahren vorherbestimmt gewesen. Āmine weinte tagelang um ihren Mann, den sie so früh verloren hatte. Sie hörte auf zu essen und zu trinken und schmolz dahin wie eine Kerze. Ihre Tränen und ihr Schmerz sollten erst zwei Mona-te später, mit der Geburt ihres Sohnes, gelindert werden. Schon vor der Geburt hatte sie eine Rei-he von Eingebungen, und als ihre Niederkunft ganz nahe war, hörte sie eine Stimme zu ihr sprechen: „Du bist schwanger mit dem Haupt der Umma. Wenn du ihn auf die Welt gebracht hast, gib ihm den Namen Muhammed.“ Āmine war höchst erstaunt, und sie träumte häufig von dem Säugling in ihrem Bauch.
sallallāhu
‘aleyhi
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Die Kaabe – das Haus Gottes
Es war nicht viel Zeit vergangen nach Ab-dullahs Tod, als Abdulmuttalib, der immer noch sehr um ihn trauerte, schon mit dem nächsten Problem konfrontiert wurde. Ebra-he, der Statthalter des Jemen, hatte eine Armee aufgestellt und war aufgebrochen, um das Haus Gottes, die Kaabe, zu zerstören. Ebrahe störte sich daran, dass die Menschen in Scharen zur Kaabe pilgerten. Um diesen Besucherstrom in sein Land umzulenken, hatte er einen großen prachtvollen und pompösen Tempel bauen las-sen. Seine Absicht war es, ihn zum beliebtesten Pilgerort zu machen. Doch das Vorhaben miss-lang, und die Menschen suchten weiterhin die Kaabe auf, und nicht den neuen Tempel.
Zuletzt waren sogar Gedichte aufgetaucht, die den Tempel verhöhnten, und jemand hatte den Tempel heimlich beschmutzt. Das war der Trop-fen, der das Fass für Ebrahe überlaufen ließ. Er
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befahl, sofort eine Armee aufzustellen und droh-te: „Ich werde jeden einzelnen Stein der Kaabe zerstören.“ Daraufhin marschierte ein Heer mit 60.000 Mann und mehreren Elefanten auf Mek-ka zu. Als es sich der Stadt näherte, begannen die Soldaten, die Besitztümer der Quraysch zu plün-dern. Auch Abdulmuttalib raubten sie 200 Ka-mele. Nachdem die Mekkaner von der Stärke des Heeres erfahren hatten und merkten, dass Ge-genwehr sinnlos wäre, blieb ihnen nichts anderes übrig, als verzweifelt abzuwarten.
Dann schickte Ebrahe mit einem Boten fol-gende Nachricht an Abdulmuttalib: „Ich bin nicht hier, um gegen euch Krieg zu führen. Ich bin gekommen, um die Kaabe zu zerstören. Wenn ihr euch dem nicht widersetzt, werde ich euch nichts antun.“ Abdulmuttalib antwortete dem Boten: „Auch wir haben nicht die Absicht, uns mit ihm anzulegen. Dazu wären wir auch viel zu schwach. Dieses Haus ist das Haus Gottes. Wenn es geschützt werden soll, dann nur durch Ihn. Wenn Er die Zerstörung der Kaabe zulässt, werden wir nichts daran ändern können.“
Dann begleitete er den Boten zurück zu Ebra-he. Als Ebrahe Abdulmuttalib vor sich stehen sah, war er vom charismatischen Auftreten des Mek-
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kaners beeindruckt und bewirtete ihn. Ebrahe stieg von seinem erhöhten Podest herunter und setzte sich mit Abdulmuttalib auf den Boden. Über seinen Dolmetscher fragte er Abdulmut-talib: „Was verlangst du von mir?“ „Ich möchte, dass du mir die 200 Kamele wiedergibst, die mir deine Soldaten weggenommen haben.“ Ebrahe war verwundert. Was für ein Anführer war die-ser Mann? Während er ihm drohte, seine Stadt zu zerstören, forderte dieser nur seine persönli-che Habe zurück und tat so, als würde ihn alles andere nicht interessieren. Ebrahe konnte seine Gedanken nicht verbergen und sagte zu ihm: „Als ich dich eben zum ersten Mal sah, war ich tief beeindruckt von dir. Doch nun, wo ich mich mit dir unterhalte, merke ich, dass du nicht der bist, für den ich dich hielt. Ich drohe dir damit, eure Kaabe zu zerstören, und du fragst nur nach deinen Kamelen.“
Abdulmuttalib antwortete ihm mit ernster Miene: „Ich bin nur der Besitzer der Kamele. Der Besitzer der Kaabe ist Allāh. Ohne Zweifel wird Er Sein Haus schützen.“ Da platzte Ebra-he vor Wut und brüllte ihn an: „Niemand wird die Kaabe vor mir schützen können! Niemand!“ Abdulmuttalib aber blieb ungerührt und ant-
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wortete ihm: „Wenn das so ist, lass uns sehen, wer stärker ist: Gott oder du?“ Die Atmosphäre wurde immer angespannter, Ebrahe immer zor-niger. Schließlich gab er Abdulmuttalib seine Kamele zurück und schickte ihn fort. In Mekka versammelte Abdulmuttalib alle Einwohner um sich und forderte sie auf, die Stadt zu verlassen und angesichts der herannahenden Gefahr in den umliegenden Bergen Zuflucht zu suchen.
Ebrahe gab seinem Heer den Befehl zum Marsch auf die Kaabe. Doch in dem Heer gab es einige, die ihm nicht folgen wollten. Nufeyl, der die Einheit der Elefanten befehligte, beugte sich zum Ohr eines seiner größten Tiere hinun-ter und flüsterte dem Elefanten namens Mah-mud ins Ohr: „Hock dich auf den Boden, und steh erst einmal nicht wieder auf. Später läufst du dann in deine Heimat zurück. Denn dies hier ist ein heiliges Land.“ Dann floh er vom Heer und versteckte sich in den Bergen. Wie durch ein Wunder hockte sich der Elefant Mahmud tatsächlich auf den Boden und blieb zunächst dort sitzen. Auch als man ihn mit allen Mitteln versuchte, zum Weitergehen zu bewegen, ging er keinen Schritt weiter Richtung Mekka. Sie
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schlugen solange auf ihn ein, bis Mahmud am Ende blutüberströmt war, aber vergebens.
Ebrahe und seine Soldaten wunderten sich noch über diesen Vorfall, als sie bemerkten, dass sich ihnen von der Küste her eine große, dunkle Wolke näherte. Schnell erkannten sie, dass es sich um einen Vogelschwarm handelte: sogenannte Ebēbīl (Mauersegler), die in ihrem Schnabel und in ihren Krallen jeweils einen kleinen Stein trans-portierten, den sie über den Soldaten abwarfen. Jeder Stein traf einen Soldaten, der augenblick-lich tot zusammenbrach. Sofort versank das Heer in Aufruhr, Chaos und Geschrei. Die Soldaten liefen wie wild durcheinander und ließen im Steinhagel ihr Leben. Auch ihr Anführer Ebrahe wurde von einem Stein getroffen, woraufhin sein Körper sich langsam auflöste. Er starb von Angst erfüllt und unter großen Qualen. Das Heer, das es auf das Haus Gottes abgesehen hatte, existier-te nicht mehr. Kurz darauf begann es in Strömen zu regnen. Das Wasser spülte die Leichen hinfort und ins Meer. So blieben die heiligen Stätten der Kaabe kurz vor der Geburt des bedeutendsten aller Propheten unversehrt. In Erwartung des letzten Propheten sollte das Bittgebet, das Abra-ham und sein Sohn einst beim Bau der Kaabe ge-
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sprochen hatten, in Erfüllung gehen: „Bitte, Gott, mach unsere Nachfahren zu Muslimen!“
Seit den Zeiten Adams, des ersten Menschen und Propheten, war die Kaabe für die Propheten, die ihm nachfolgten, eine Station auf ihrem Weg gewesen. Hunderte von Propheten wie Abraham und Mose hatten sie authentischen Überlieferun-gen zufolge besucht. Doch herrschte in der Stadt Mekka, in der man Gott doch am nächsten sein sollte, eine Düsternis, die die Menschen von Gott entfernte. Sie hatten die Religion, die Abraham gestiftet hatte, vergessen und sich stattdessen Götzen aus Stein und Holz gebaut, die sie anbe-teten. Sie verbeugten sich vor diesen Götzen, ob-wohl sie ihnen doch keinerlei Nutzen brachten, und opferten ihnen Tiere. Auch die Kaabe war mittlerweile von Götzen bevölkert.
Armut im Glauben hatte die ganze Welt er-fasst, und auch die Arabische Halbinsel litt dar-unter. Die Menschen urteilten allein aus materi-ellen Erwägungen heraus, den Armen schenkte niemand mehr Beachtung. Nicht Recht und Ord-nung herrschten, sondern das Gesetz des Stärke-ren. In der Gesellschaft hatte ein Kastenwesen Einzug gehalten, und die Sklaven waren die Leid-tragenden. Die Ehe wurde verachtet, und Frauen
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galten nur noch als Ware. Viele Mädchen erlitten das Schicksal, in jungen Jahren bei lebendigem Leibe im heißen Sand begraben zu werden.
Doch unter den ungebildeten und unbarm-herzigen Bewohnern von Mekka gab es auch solche, die sich alledem verweigerten. Sie waren zwar in der Unterzahl, aber es gab sie: Kuss ibn Sēide, Waraqa ibn Newfel, Zeyd ibn ‘Amr, um nur einige von ihnen zu nennen. Sie störten sich an dem Zustand, in dem sich die Stadt und die Menschen befanden, konnten allerdings nicht viel dagegen tun. Ihre einzige Hoffnung ruhte auf dem letzten Propheten, dessen Ankunft sie seit langem erwarteten, weil sie in den Heiligen Schriften angekündigt worden war. Im Evan-gelium, in der Thora und in anderen Heiligen Schriften wurden die Besonderheiten des letzten Gesandten, der die Zeit der Finsternis beenden sollte, beschrieben. Und so sprachen sie oft von diesem letzten Propheten aus dem Geschlech-te Abrahams. Es war, als würde die ganze Welt sehnlichst auf ihn warten.
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Die gesegnete Geburt
Etwa 50 Tage waren seit Ebrahes Angriff auf die Kaabe vergangen. Man schrieb den 20. April 571, einen Montag. Kurz vor Sonnen-aufgang hörte seine Mutter Āmine ein lautes Geräusch, das sie ängstigte. Da flog ein weißer Vogel zu ihr und begann, ihr den Rücken zu streicheln. All ihre Furcht und ihre Trauer wa-ren im Nu verflogen. Sie trank den Sirup, der ihr in einem weißen Gefäß gereicht wurde, und fühlte sich von Licht erfüllt. Nur wenige Augen-blicke später sollte Muhammed Mustafa (der Auserwählte), der Herr der Herzen, die Welt mit seinem Kommen beehren.
Als Āmine merkte, dass sie ihn geboren hat-te, richtete sie sich ein wenig auf, um ihn anzu-schauen. Da sah sie, dass ihr Sohn die Haltung der Sedschde [der Niederwerfung im Gebet] an-genommen hatte. Seine Lippen bewegten sich, er sprach leise etwas vor sich hin. Safē, eine
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Frau, die bei der Geburt dabei gewesen war, nä-herte sich ihm und hörte, wie er sagte: „Meine Umma, meine Umma!“ Dabei streckte er den Zeigefinger Richtung Himmel. Mit dem Mo-ment seiner Geburt war das Zimmer plötzlich so hell erleuchtet, wie es später auch die ganze Welt sein sollte. Es war, als würden sich die auf eine Schnur aufgezogenen Sterne am Himmel über Mutter und Sohn ergießen. Und besondere Aufmerksamkeit zog das Zeichen zwischen den Schulterblättern des kleinen Säuglings auf sich. Dieses schwarzgelbe, von winzigen Härchen ge-säumte Zeichen war ein Hinweis darauf, dass er das Siegel der Propheten war.
Die freudige Botschaft von der Geburt wurde sogleich dem Großvater überbracht. Abdulmut-talib rannte zum Geburtshaus. Er nahm seinen Enkel in den Arm, drückte ihn fest an sich, küss-te ihn und konnte seine Tränen nicht zurück-halten. Āmine erzählte ihm, was sie während der Schwangerschaft geträumt hatte: Das nach Rosen duftende Kind sollte Muhammed ge-nannt werden - der Gepriesene und Gelobte. Mit dem Säugling im Arm ging Abdulmuttalib zur Kaabe, um Gott dafür zu danken, dass Er ihm durch seinen verstorbenen Sohn Abdullah
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einen Enkel geschenkt hatte. So schloss auch die Kaabe zum ersten Mal Bekanntschaft mit Gottes liebstem Diener.
Die wundersamen Dinge, die sich rund um die Geburt ereignet hatten, waren nicht auf das Geburtshaus selbst begrenzt geblieben. In der Kaabe waren alle Götzenstatuen umgefallen. Niemand verstand, wie das geschehen konnte. Nach und nach trafen auch aus anderen Orten staunenswerte Nachrichten ein. Es war, als wür-de die ganze Schöpfung den letzten Gesandten willkommen heißen.
In der Nacht wurde ein neuer Stern am Fir-mament geboren, was ein jüdischer Gelehrter in Mekka beobachtet hatte. Am Morgen darauf suchte er den Stamm der Quraysch auf und frag-te nach: „Ist eurem Stamm in dieser Nacht ein Junge geboren worden?“ Aber die Nachricht von Āmines Niederkunft hatte sich noch nicht zu ih-nen herumgesprochen. Der Gelehrte riet ihnen: „Dann geht, und erkundigt euch. In dieser Nacht ist der Stern des letzten Gesandten aufgegan-gen. Er trägt ein Zeichen auf dem Rücken.“ Die Quraysch befolgten seinen Rat und suchten den Gelehrten anschließend wieder auf. „In der Nacht wurde der Sohn von Abdullah geboren, und er
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trägt das Muttermal, von dem du sprichst.“ Der Gelehrte konnte kaum glauben, was er da hörte, und wollte das Kind unbedingt sehen. Als man ihm den Säugling und sein Muttermal zeigte, ver-ließ er fast fluchtartig das Haus mit den Worten: „Die Quraysch werden ein so großes Reich ge-schenkt bekommen, dass jeder im Osten und im Westen davon hören wird. Das Prophetentum der Israelis ist damit an sein Ende gekommen.“
Auch die Nachrichten, die man aus dem Reich der Perser (Iran) vernahm, waren bemer-kenswert. In dem Moment, in dem der Prophet geboren wurde, stürzten 14 der riesigen Säu-len im Palast von Chosraus, dem Herrscher, um. Es stellte sich heraus, dass sie ganz einfach eingeknickt waren. Chosrau rief die Priester zusammen und fragte sie, was die Ursache da-für sein könnte. Da traf ein Bote im Palast ein und berichtete, dass einige seit Jahrtausenden brennende Fackeln erloschen waren. Chosrau war schockiert und wandte sich an den ältesten der Priester: „Was soll das alles bedeuten?“ Der Priester hatte kurz zuvor einen Traum gehabt und antwortete nun nachdenklich: „Es scheint, als ginge bei den Arabern etwas Bedeutsames vor sich.“ Sie suchten jemanden, der Licht in das
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Dunkel bringen konnte, und ihre Wahl fiel auf den Damaszener Hellseher Satīh. Dieser hörte sich an, was sie ihm zu sagen hatten, und ant-wortete ihnen: „Es wird neue Offenbarungen geben, und der letzte der Propheten wird kom-men. Nach dem vierzehnten Schah wird es kei-nen weiteren Schah mehr geben.“ Und wirklich bewahrheitete sich diese Prophezeiung 67 Jahre später und alle anderen Vorhersagen des Hellse-hers trafen auch zu.
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Muhammeds Zeit bei der Amme
Die Bewohner von Mekka klagten oft über die große Hitze in der Stadt, die sie erschöpfte. Außerdem wussten sie, dass unter den Stäm-men in der Umgebung Untugenden und Laster nicht so weit verbreitet waren wie in der Stadt. Daher hatten sie sich angewöhnt, ihre Neugebo-renen in die Obhut von Ammen zu geben. Diese Ziehmütter kamen zu bestimmten Zeiten im Jahr nach Mekka und kehrten anschließend mit den Säuglingen, für die sie fortan sorgen würden, wie-der zurück in ihre Dörfer. Für Geld, Geschenke oder andere Habseligkeiten stillten sie die Kinder zwei bis drei Jahre lang.
In einem Tal nahe Mekka, in dem der Stamm der S‘ad lebte, sprach man ein sehr schönes Ara-bisch; auch konnte man dort besonders gut mit Kindern umgehen. In diesem Jahr, in dem der Prophet geboren wurde, hatte jedoch eine nie dagewesene Dürre das Tal heimgesucht. Eine
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Hungersnot hatte gewütet und alle Ersparnisse der Menschen aufgezehrt. Weil die Ammen des-halb nur sehr wenig essen konnten, hatten sie kaum Muttermilch. Trotzdem zögerten sie auch diesmal nicht, nach Mekka zu reisen, um ein Kind von dort mitzubringen; schließlich könnte es ihnen ja eine finanzielle Unterstützung sein.
Zusammen mit zehn weiteren Frauen bra-chen also auch Hārith, seine Frau Halīme und ihr Säugling Abdullah Richtung Mekka auf. Doch Hārith schwacher Esel und Halīmes al-tes Kamel kamen so langsam vorwärts, dass die junge Familie vom Rest der Gruppe abge-hängt wurde. Als die beiden endlich in Mekka eintrafen, hatten alle anderen schon ein Kind für sich finden können. Da machten sich auch Hārith und Halīme auf die Suche nach einem Säugling. Aber schnell begriffen sie, dass die Kinder der reichen Familien bereits vergeben waren. Da wurde Halīme sehr traurig. Denn nach dem langen, beschwerlichen Marsch woll-te sie auf keinen Fall ohne Kind heimkehren. Als sie allein bekümmert durch die Straßen von Mekka streifte, stand plötzlich ein großer und imposanter Mann vor ihr - das Oberhaupt der Quraysch, Abdulmuttalib. Er fragte Halīme:
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„Zu welcher Familie gehörst du?“ Halīme ant-wortete: „Ich gehöre zu den Beni Bekr.“ „Wie ist dein Name?“, fragte er weiter. „Halīme“, sag-te sie. „Da, wo du herkommst, passt man sehr gut auf die Kinder auf und erzieht sie gut. Halī-me, ich werde dir ein Angebot machen.“
Halīme schaute Abdulmuttalib gespannt an und blieb stumm, bis er ihr sein Angebot unter-breitete. Der Großvater des Propheten atmete tief durch und sagte: „Ich habe ein Enkelkind. Ich habe ihn vor dir schon den anderen Am-men zu geben versucht, doch alle haben ihn ab-gelehnt. Sie haben ihn verschmäht, weil er eine Halbwaise ist. Würdest du ihn zu dir nehmen? Vielleicht wird Gott dafür euer Haus segnen und euch beschenken.“ Halīme fand Gefallen an dem Angebot, wandte aber ein, dass sie zuvor noch den Rat ihres Mannes einholen wolle. Sie erzählte Hārith, was vorgefallen war, und sagte: „Ich will den Jungen mit nach Hause nehmen und nicht als Amme ohne Ziehkind zurückkeh-ren. Was denkst du darüber?“ „Ja, du hast Recht. Vielleicht wird Allāh uns ja wirklich durch ihn segnen und beschenken“, entgegnete Hārith.
Als beide zusammen Abdulmuttalib davon unterrichteten, dass sie sein Angebot anneh-
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men würden, war er sehr glücklich. Er sprach ein Gebet für sie und brachte Halīme mit ih-rem Sohn Abdullah zum Haus von Āmine. Als Halīme Āmines Zimmer betrat, schlief der Herr der Herzen gerade friedlich in seinem Bett, und es duftete wunderbar. Mit Einverständnis von Āmine nahm Halīme den Säugling in den Arm und begann ihn zu stillen. Auf einmal hatte sie mehr Muttermilch als vorher. Also stillte sie erst den Propheten und danach noch ihren ei-genen Sohn Abdullah. Nachdem beide satt wa-ren, schliefen sie ein. Vorher hatte Abdullah vor Hunger kein Auge zugetan.
Hārith und Halīme verbrachten die Nacht in Mekka, und als sie am nächsten Tag mit ihrem neuen Ziehkind aufbrechen wollten, sahen sie, dass die Euter ihres alten Kamels plötzlich eben-falls voll Milch waren. Also melkten sie es und tranken davon. Die Nacht in Mekka war eine ge-segnete und glückliche Nacht gewesen; die wohl glücklichste in ihrem Leben bis zu diesem Tage. Und solange der Prophet bei ihnen war, sollte der Strom der Segnungen, die ihnen fortan zuflossen, nicht mehr versiegen.
Als sich Āmine von ihrem nach Rosen duf-tenden Sohn verabschiedete, war sie untröstlich.
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Sie umarmte ihr einziges Kind mit Tränen in den Augen und betrachtete es noch einmal sehr lange. Flüsternd betete sie dafür, dass ihm nichts zustoßen möge. Halīme stieg mit dem Prophe-ten im Arm auf den schwachen Esel. Da war auch dieses Tier plötzlich wie verwandelt. Es trottete nicht mehr langsam vor sich hin, son-dern galoppierte fast. Schon bald holten sie ihre Freunde ein, die bereits am Abend vorher auf-gebrochen waren und nun sehr ausgelaugt und müde aussahen. Halīme und Hārith hingegen fühlten sich frisch und gut bei Kräften. Ihren Weggefährten war das unbegreiflich. Sie fragten Halīme: „Halīme, wie ist das möglich? Auf dem Hinweg seid ihr doch immer hinter uns zurück-geblieben und habt euch dann sogar ziemlich verspätet. Hast du etwa einen neuen Esel?“
Halīme und Hārith erkannten schnell, dass sie den Segen, der nun über ihre Familie kam, ihrem Ziehsohn aus Mekka verdankten. Auch der sonst so karge und trockene Boden war ertragreicher als sonst, und die Tiere ihrer Herde gaben mehr Milch. Das ging sogar soweit, dass die anderen Herdenbesitzer ihre Hirten zu sich riefen und mit ihnen schimpften: „Schande über euch! Wie-so lasst ihr die Tiere nicht da weiden, wo Halīme


